Ablenkbar und unstet

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Ablenkbar und unstet bin ich. Außerdem unzuverlässig. Letzteres behauptete der sogenannte Bekannte vor Zeiten, in Unzeiten, im Affekt. Da darf der das, solange er nicht dort bleibt. Im Affekt passieren die schlimmsten Dinge.
Der Bekannte ist übrigens nicht der Unterfranke, wie unlängst die liebe Carmen rätselte, sondern the companion formerly known as Der Eine. Wie die meisten Beziehungen (blödes Wort und doch um Längen besser als die geschäftsmäßig anmutende Partnerschaft) hat auch die unsere eine Wandlung erfahren, wie das die Jahre, die man miteinander verlebt, unweigerlich mit sich bringen. Der Wechsel von „dem Einen“, zu dem „Bekannten“ meint hier den Übergang vom schwärmerisch Verzückten zum behaglich befriedeten Alltag. Man kennt sich und man ist duldsamer miteinander geworden. Das ist schön. Immer nur Chili zerstört auf Dauer die Magenschleimhaut und schwächt ungemein. Wir sind jetzt bei Kamille und Fenchel angelangt. Mit Sambal Olek.

Ablenkbar und unstet bin ich. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass ich einen Text über meine Charaktermängel beginne, mich unterwegs auf unerklärliche Weise verzettele, bei einer Äußerung des Bekannten lande und mich von dort schließlich über Beziehungen im Allgemeinen wie auch im Besonderen auslasse. Meine Gedankengänge haben die Struktur eines Spazierganges durch Leipzig oder Lübeck. Aus Neugierde oder Unachtsamkeit gerate ich in einen der Gänge zwischen den Häusern, folge seinen Windungen und stehe unversehens in einer ganz anderen Gegend. Interessiert schaue ich mich um, hab längst vergessen, wo ich eigentlich hinwollte und gehe, chamäleonartig, vollends in meiner neuen Umgebung auf. As long as it lasts.

Manchmal, wenn der Bekannte und ich uns unterhalten, verliere ich sogar mitten im Satz den Faden, starre dann, statt seinen Worten zu folgen auf seine Lippen oder seine kluge Stirn, denke plötzlich an ganz andere Dinge und nicke zur Tarnung ernst. Der Bekannte, dem die Streitlust (außer morgens) über die Zeit gründlich vergangen ist, tut so, als glaubte er, dass ich ihm weiter zuhöre, lässt, um mich bei meinem Ausflug nicht zu stören, seine Rede behutsam ausklingen und wendet sich kommentarlos wieder seinen Büchern zu. Erwache ich ein paar Minuten später und sehe, dass er in seine Lektüre vertieft am Küchentisch sitzt und Notizen macht, schaue ich ihn vorwurfsvoll an und sage: Nie hörst Du mir zu.
Ich mag es so gerne, wenn er dann auffährt, die Augenbrauen hochzieht und ganz tief Luft holt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

gone

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Am Klausener Platz setzt ein Betrunkener sich mir gegenüber auf die Tischtennisplatte. Mit schiefem Blick schaut er mich an und schaut und schaut und es liegt Wärme in seinem jungen, vom Alkohol verklärten, Gesicht. Ich ignoriere ihn so gut ich kann, esse weiter meine Nüsse und genieße das kühlende Blätterdach. Hinter uns rauscht der Kaiserdamm. Später wollen wir in den Schlosspark gehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Betrunkenen, wie er mich anhimmelt und im Nachmittagssuff beinahe dahinschmilzt, bis er schließlich aufsteht und einen Schritt auf mich zu macht. Da erhebst auch du dich und er zögert. Ich liebe dich, sagt er.

Er hat ich liebe dich zu mir gesagt, lache ich, nachdem er gegangen ist.
Er war ja auch total hinüber, antwortest du.
Selbst die kleinen Bälle mochtest du mir nicht mehr zurückspielen.

//

Am Abend komme ich über die Brücke. Vor mir liegt die Michaelkirche im warmen Licht. Als ich vor dem Backsteinbau stehe, denke ich an die vielen Menschen, die das Gotteshaus vor langer Zeit, in ihrem Heute, erbaut haben. Wie schwer sie gearbeitet haben und wie zufrieden und stolz sie bei seiner Einweihung gewesen sein müssen. Niemand lebt mehr, davon zu erzählen, und niemand, sich an einen von ihnen zu erinnern.
Ich versuche mir die zukünftigen Menschen vorzustellen, wie sie, an einem Septembertag wie diesem, durch die Straßen gehen, unsere heutigen Neubauten betrachten und versuchen sich ein Bild von uns zu machen, den Unbekannten dieser vergangenen Epoche. Werden sie eine Frau mit einem Hund an ihrer Seite sehen, die im Abendlicht nach Hause geht und einen langen Schatten auf das staubige Pflaster wirft?

//

Der Sommer verabschiedet sich. Alles Schöne geht einmal vorbei. Dass auch wir enden würden habe ich nie geglaubt. Wir hatten uns gefunden.
Und wir haben uns verloren.

 

 

 

 

 

stillschweigend

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Um´s mal zusammenzufassen: es könnte so einfach sein, wenn es nur ein wenig einfacher wäre. Was glücklicherweise, bzw. wenn man an einen freien Willen glaubt, was ich nicht tue, ganz allein vom Menschen (und nicht etwa von Fügung) abhängt und bestimmt wird, welcher wiederum im schweren Joch seines Gemütes gefangen bzw. in selbiges eingespannt ist. Schwierig das.

Wenn man nur nicht so verflucht empfindlich und darüber hinaus übelnehmerisch und nachtragend wäre, hätte der Spassss auf Erden kaum noch ein Ende. Und der Frieden erst, was nicht zwingend das Gleiche ist und schon gar nicht das Selbe. Nicht auszuhalten so viel Gleichklang und eben deswegen auf den ersten Blick nicht weiter erstrebenswert. Ein bisschen Streit geht immer.

Man stelle sich vor wie einer dem nächsten ins Gesicht schlägt und dieser ihm als Antwort gleich noch die andere Wange —- geschenkt, man muss es nicht übertreiben mit der Nachsicht. Kleine Brötchen backen, Schritt für Schritt zum Menschenfreund. Youtube-Tutorials anschauen oder mein Blog lesen, denn ich liebe die Menschen. Knuff, knuff.

Wussten Sie schon, dass alle 2 Minuten in Deutschland ein Blogbeitrag geschrieben und alle 3 Sekunden eine Flunsch gezogen wird (sic!) Ein Missverhältnis, das zum Himmel schmollt schreit, wie weiland Kentucky, jene Chickenbräter, im Europa-Center am Breitscheidtplatz ansässig, in deren Lokal früher oft ein dauerknutschendes Pärchen herumhing, das arglose Touristen ausnahm, indem es ihnen, oben küssend und unten fummelnd, die auf dem Boden abgestellten Einkaufstüten und Taschen leer räumte, derweil ihre Opfer Flügel und Schenkel der goldbraunen Brätlinge bis auf die Knochen abnagten. Hinterher sah man die beiden oft am Klops stehen, neben all den anderen Junkies, und sich um ihre Beute zanken. Womit wieder eindrücklich belegt wäre, wie nah Frieden (knutschen) und Krieg zusammenliegen.

Aus lauter Liebe übrigens, um das Thema wechselnd gleich dabei zu bleiben und zusätzlich wieder anzuknüpfen an den Anfang dieses Textes, immer getragen von der Hoffnung, dass die werte Leserschaft, die über den Winter schlimmes ertragen musste in diesem, meinem düsteren Blogmorast, den der Frühling und später dann hoffentlich der Sommer nach und nach trockenlegen und in eine blühende Oase verwandeln werden, dass also die geduldige, treue und liebenswerte Leserschaft (die Philanthropin spricht) Freude empfindet, vielleicht auch Spaß hat, am den Dingen, die ich mir hier aus den Rippen leiere, vom Herzen schreibe und aus den Fingern sauge, aus lauter Liebe jedenfalls, habe ich mir vorgenommen Norddeutsch zu lernen, um endlich verstanden zu werden und vor allem um selbst auch besser verstehen zu können. Im Norddeutschen, so las ich im Duden, sagt man „eine Flappe ziehen“, und meint damit die oben erwähnte Flunsch. Nicht zu verwechseln mit der Fluppe, nämlich der Kippe, die der Norddeutsche schweigend und mit undurchdringlichem Blick und gerunzelter Stirn raucht, wenn es in seinem überaus klugen Gehirnkasten arbeitet.
Da der Norddeutsche vornehm ist und kein Verständnis hat für verbale und mimische Extrovertiertheiten und Extravaganzen, endet mein Sprachkurs an dieser Stelle leider schon. Wozu sprechen lernen, wenn die Antwort Schweigen ist, eine viel größere Lernaufgabe übrigens.

Irgendwann wird das Norddeutsche aussterben, glaube ich, denn wer sollte etwas lehren, was niemand spricht?  Ein Wunder, dass sich unter dieser verbal niedrigen Tide überhaupt so etwas wie Sprache entwickeln konnte.

So lasse ich diesen halbgaren und fragmentarischen Text mit einem herzlichen Moin, moin! ausklingen, nicht ohne die besorgte Leserschaft zum Abschluss noch zu beruhigen: der Segen hängt gerade im Hause tikerscherk und ab morgen wird auch wieder gesprochen.

 

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink)

 

 

Bild: diadà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Im Hola

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Du kommst nicht drin vor. Ich denke gerade nicht an dich. Nicht ständig, jedenfalls.
Ich lehne das Gefühl ab, das entsteht, wenn mich deine Kälte streift. Oder Gleichgültigkeit. Dein Hadern vielleicht.
Ich frage mich nicht, ob wir uns verloren haben. Es geht nicht immer um alles oder nichts, obwohl es doch immer in Allem enthalten ist, das Alles und das Nichts, und immer auf´s Neue durchschimmert.
Ich wundere mich. Manchmal. Angestrengtes Wundern, wenn es so etwas gibt.
Da glaubt man, wundern wäre etwas Schwebendes, Federleichtes. Kinderleicht sogar. Mit Ah! und Oh! Ich aber wundere mich stirnrunzelnd und schwer und auch ein wenig traurig, nur Tränen vergieße ich nicht. Heute jedenfalls nicht. Sie stören bloß. Auf die Palme bringen sie dich innerlich, irgendeine Verachtung oder einen Ärger schüren sie, so genau weiss ich das nicht. Du vielleicht ebensowenig. Und es spielt auch gar keine Rolle, denn Verdruss und Überdruss hängen schwer an mir, wie regennasse Kleidung und sofort sprudeln die Erinnerungen, auch an diesen Nachmittag (so viel Grün, Juliregen, dampfige Schwüle/ cruel summer) an dem ich unter Tränen und ohne Appetit vor der kleinen Asia-Bude am S-Bahnhof Treptower Park sitze und weder Eierreis noch Gemüse herunter bekomme, so traurig ist mir, so beladen ist mein Herz und nebenan raucht einer Kette und der Rauch wabert über unseren Köpfen umher, in der klammen Luft, dem bleiernen Tag, und trinkt ein Bier nach dem anderen, in Handwerkerpose, den Ellbogen weit abgewinkelt, im Blaumann, so sitzt er hier, jeden Tag, von früh bis spät, mit eingefallenen Wangen, Oberlippenbart und dünnem Haar.
Ich bin dort im Sommerkleid, mit dem Unterfranken, der nicht weiss wie ihm und noch weniger wie mir geschieht, ich weiss es ja selbst nicht, weiss nur, wie traurig ich bin über dieses letzte Gespräch und sein unerwartetes Ende und das Ende überhaupt, nach einem langen Anfang, den wir hatten, so intensiv und klimperleicht.
Den Schlüssel im Zündschloss,

rrrrrrooooaaaaaaaaaaarrrr

warst du verschwunden. Wenige Worte nur, kühl und nasal. Klipp und klar. Verschwunden aus meinem Leben, ohne Bedauern und ohne Wiederkehr. Und ich nahm nicht in Anspruch, was ich mir erbeten hatte: ein paar Tage Aufschub, zum Verstehen, für Fragen. Nicht mehr. Ich nahm sie nicht in Anspruch, die gewährte Frist, wozu auch, deine Worte ließen keinen Zweifel, du liebst mich nicht, nicht mehr oder noch nie, legte die Hände in den Schoß und weinte, schmal wie eine Prinzessin, und schoß ein Foto, das ich dir nie würde zeigen können, nur mir selbst, zu Dokumentationszwecken und zum Unterhalt von  Schmerz und Tränen. Oh, holdes Selbstmitleid.

Ich sitze dort an der S-Bahn vor dem großen Haufen Reis und weine und zittere und der Unterfranke wird erst unsicher, dann ärgerlich. Das hast du dir selbst eingebrockt, soll ich etwa Mitleid mit Dir haben, ausgerechnet ich?
Ja, das sollst du nicht, nein,
mit bebendem Kinn, der Hund zu meinen Füßen, verpasse ich den Bus und erreiche tropfnass die Wohnung, wo ich dir nah genug bin um mich von dir zu entfernen. Auf dem Weg ins Hola, wie man in Frankfurt sagt, dem Ort, an dem ich frei bin und unverwundbar.
Später dann wirst du mir deine Fotos zeigen. Am dritten Tag war der Schmerz einem soldatisch beherrschten Ausdruck gewichen.
Ich wusste nichts von deinen Tränen.

 

 

 

Bild: http://publicdomainreview.org/collections/the-nantucket-sea-serpent-hoax-1937/

 

 

 

 

 

 

Matchball

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Mit uns am Tisch sitzt ein Paar in den Fünfzigern. Der Mann, untersetzt mit teigigen Gesichtszügen und nervösem Lidflattern, seine Frau, eine stämmige Sitzriesin mit breitem Kiefer und überraschend geschmeidigen Händen.
Während sie mit konzentriertem Ernst das Essen auf ihre Gabel schichtet und vor dem Hinunterschlucken Bissen für Bissen gewissenhaft kaut, sieht er ihr mit hängenden Schultern zu. Sein Teller ist leer.
Der Fernsehmoderator und ich schauen uns stumm an.
Nach einer Weile hat die Frau fertig gegessen, blickt auf, betrachtet ihren Mann und ihr eben noch zufriedenes Gesicht nimmt einen schmerzvollen Ausdruck an.
Der Mann schaut zurück, seine Lider flattern, die Mundwinkel zucken, er schlägt die Augen nieder.

Du kannst dir etwas vom Buffet holen, sagt sie. Er bleibt reglos sitzen.
Geh!, ihre Stimme klingt hart.

Ohne sie anzuschauen erhebt er sich, schiebt seinen Stuhl ganz langsam zurück, sichtlich bemüht kein Geräusch zu machen, nimmt seinen Teller in beide Hände und geht mit steifen Beinen zum Büffet am hinteren Ende des Hotelspeisesaals. Seine Frau betrachtet unterdessen ihre Fingernägel.
Der Fernsehmoderator und ich starren auf unser Essen und kauen.
Kurze Zeit später kehrt der Mann mit vollbeladenem Teller zurück, setzt sich an seinen Platz und vermeidet es seine Frau anzusehen, die jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgt.

Was hast du da?, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf seinen Teller.
Er zuckt zusammen.
Was ist das?, will sie wissen.
Fleischbällchen, antwortet er und es klingt beinahe wie eine Frage.
Hol mir auch Fleischbällchen, sagt sie.
Das waren die letzten.
Dann gib mir deine.
Ratlos blickt der Mann auf seinen Teller.
Ich möchte sie aber selber essen.
Gib sie mir
, sagt sie, und greift über den Tisch hinweg nach den kleinen Frikadellen, über die er inzwischen schützend seine Hand hält.
Gib sie mir, sagt sie noch einmal und schaut ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ihr Ton ist schneidend.
Seine Lider flattern, das Kinn zittert, er atmet aus und zieht die Hand zurück. Sie beugt sich leicht nach vorne, und befördert mit ihren schönen Händen Bällchen für Bällchen auf ihren Teller.
Als sie nach dem letzten greift, versucht er es noch einmal. Er hebt sein Kinn, schaut ihr aus zitternden Augen ins Gesicht und sagt: Ich möchte wenigstens das Eine behalten.

Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen.
Der Fernsehmoderator schaut den Mann an, als verfolge er ein Tennisspiel und warte auf den alles entscheidenden Aufschlag, die letzte Chance, das Spiel noch einmal zu wenden, meine Gabel bleibt zwischen Teller und Mund in der Luft hängen, die Geräusche im Saal verschmelzen zu einem hallenden Raunen und die Sitzriesin ringt tief ein- und ausatmend um ihre Fassung.
Zu den flatternden Augenlidern und dem zitternden Kinn des Mannes gesellt sich nun noch ein Tremor der rechten Hand, mit der er sein verbliebenes Fleischbällchen abzuschirmen versucht.
Du gehst jetzt sofort ins Zimmer, sagt sie schließlich in bedrohlich sanftem Ton. Ihr Mann schließt kurz die Augen und bleibt reglos sitzen.
Du gehst jetzt sofort ins Bett, wiederholt sie ihre Aufforderung und legt den Zimmerschlüssel geräuschvoll neben seinen Teller.
Ich habe aber Hunger, sagt er und nun vibriert sogar seine Stimme. Tränen stehen ihm in den Augen und ich merke, wie eine hilflose Wut in mir aufsteigt. Ich verschränke die Füße und und ziehe die Beine unter meinen Stuhl.
Die Frau nimmt jetzt den klimpernden Schlüssel vom Tisch und hält ihn mit spitzen Fingern ganz dicht vor das Gesicht ihres Mannes. Dieser zuckt kurz zusammen, blickt sich im Saal um, niemand außer dem Moderator und mir scheint Notiz von dem Geschehen zu nehmen, dann greift er nach dem Schlüssel, steht langsam auf und verlässt mit schweren Schritten den Saal.
Ohne ihm hinterher zu schauen legt die Frau das letzte Fleischbällchen auf ihren Teller und bestellt bei dem vorbei eilenden Kellner ein zweites Glas Tinto.

Am nächsten Vormittag gehen der Fersehmoderator und ich am Strand spazieren.
Es ist kühl und windig, der Sand ist nass vom nächtlichen Regen, das Meer hat ein paar Algen und Plastikflaschen an Land gespült. Verwaist liegen die zerfallenen Sandburgen des Vortages. Oben am Himmel kreischen die Möwen. Ab und an lässt eine sich herabstürzen, durchstößt die kleinen Wellenkämme und taucht wenig später ohne Beute wieder auf.
Wir erreichen die Felswand am Ende der Bucht und breiten unsere Jacken auf dem Sand aus.
Schweigend sitzen wir und rauchen, schauen in die Ferne auf den diesigen Horizont und lauschen dem Gluckern und Rauschen des Wassers. Irgendwo dahinten liegt Afrika.
Eine Stunde oder länger sitzen wir so, als sich von  Weitem zwei Menschen nähern. Ein Mann und eine Frau. Ihr bunter Pareo flattert im Wind wie eine fröhliche Fahne, Fetzen ihres Lachens wehen zu uns herüber, sie halten sich an den Händen und schaukeln ausgelassen mit den Armen.
Angesteckt von soviel Glück lächelt der Moderator mir zu, legt seinen Arm um meine Schulter und küsst mich laut  schmatzend auf den Mund. Ich lache.
Wenig später erreichen auch die beiden Verliebten das Ende der Bucht.
Es ist die Sitzriesin mit ihrem Mann.

Bild: Wikimedia Commons, keine Beschränkungen

 

 

 

 

 

 

Gratwanderung [*txt.]

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Sie ist am Trudeln, ihr schwindelt. Wo ist ihr Platz in dem Ganzen? Sie muss heraus finden wie sie bei ihm sein kann. Wie nah sie ihm sein kann, ohne dass es weh tut.

Vor einigen Monaten war es zum ersten Mal da, dieses Gefühl.
Völlig unerwartet tauchte es aus dem Nichts auf, lange nachdem alles vorbei war und die Wogen sich geglättet hatten. Wie ein schwerer Umhang legte es sich auf ihre Schultern und schnürte ihr die Brust ein. Sie ließ die Arme kreisen, atmete tief ein und wiegte den Kopf von links nach rechts, aber es ließ sich nicht abschütteln. Und plötzlich, für einen winzigen Augenblick, gesellte sich ein Bild dazu. Ganz kurz nur schien es vor ihrem inneren Auge auf, beinahe konturlos, dann war es verschwunden.

In den nächsten Tagen schmerzte ihr Nacken noch ein wenig, sonst aber war alles wie immer, selbst die Stimmung zwischen ihnen war wieder entspannter und freundlicher, so dass sie das Bild nach und nach vergaß, wie auch alles andere.

Erst als es, viele Wochen später das nächste Mal, wie meist, aus heiterem Himmel anfing, er ohne erkennbaren Anlass vom Tisch aufstand, sich vor die Küchenschränke stellte und sie mit verschränkten Armen und diesem Blick anschaute, den sie schon kannte, und in dem so viel Verachtung und Wut lag, dass sie jedes Mal aufs Neue erschrak, da tauchte auch das Bild wieder auf. Noch ehe er anfing ihr die schlimmen Dinge zu sagen, mit gedämpfter Stimme und dunkler Wut, war es da und es war viel deutlicher als beim letzten Mal. Etwas ganz und gar Unvorstellbares, aber sie nahm es als Trost, als eine Art Schutzschild, das ihr helfen würde die bitteren Kränkungen und Beleidigungen besser zu ertragen. Denn obwohl sie das schon kannte und obwohl sie wusste, dass er in diesen Momenten nicht er selbst war, sondern irgendetwas aus ihm sprach, das mit ihm nichts zu tun hatte und ihn nur als Kanal, als Medium, wenn man so wollte, nutzte, tat es ihr doch jedes Mal weh und sie fragte sich, wie so viel Verachtung und Kälte aus einem Menschen kommen konnte, der sonst so freundlich und meist auch sehr liebevoll war.

Aber mehr noch als das fragte sie sich, wie sie das alles hinnehmen sollte ohne sich zur Wehr zu setzen, ihm etwas entgegen zu halten oder wenigstens zu versuchen ihn zu stoppen.

Sie hatte schon alles probiert über die Jahre und wusste, dass es das Beste war still zu halten, Mimik und die Ohren auf Null zu stellen, solange es eben ging, und ihm die Zeit zu lassen, die er brauchte, bis alles aus ihm heraus gebrochen war.
Dann erst durfte sie dem Schmerz, der sich mit jedem seiner Sätze in ihr aufbaute nachgeben und weinen über die schlimmen Dinge, die er zu ihr sagte. Worte wie Messer, fast alle unter der Gürtellinie, Aufrechnereien kleinster Missverständnisse, vor allem aber die totale Demontage ihrer Person. Ein Zwiegespräch mit sich selbst, in dem er sich fragte, wieso er jemanden wie sie überhaupt ertrug, wieso er sie nicht verließ, was ihn an einen so dummen und einfältigen Menschen mit so wenig Bildung und ohne Geist und Witz band.

Ob er nicht besser irgendeine beliebige Frau aus dem Supermarkt flach legen sollte, die sie an Ausstrahlung und Sex-Appeal bei weitem überträfe, was nun wirklich kein Kunststück sei, und wieso sie eigentlich nicht einmal kochen konnte oder wenigstens Kinder gebären, wo doch ihr Hirn sowieso eine eher untergeordnete Rolle spielte, sie sich also ganz auf das Physische und Sinnliche verlagern könnte. Aber nicht einmal das brachte sie zuwege und nicht einmal jetzt, in diesem Augenblick, sei sie in der Lage wenigstens einen vernünftigen Satz zu sagen oder irgendetwas zu tun, das ihm zeigen würde, dass sie einen Geist, und wenn den schon nicht, dann wenigstens Stolz und Würde besäße. Nichts. Stattdessen dieses stumme Geglotze einer Idiotin mit der Unterwürfigkeit einer Sklavin.

Wie lange sind wir jetzt zusammen, fragte er plötzlich und sah sie aus zusammen gekniffenen Augen an. Sie wusste inzwischen, dass er darauf keine Antwort erwartete. Ihre Aufgabe war es ihm zuzuhören und zu schweigen, ihn stumm gewähren zu lassen. Sechs Jahre, beantwortete er dann seine eigene Frage. Sechs lange Jahre, in denen nichts passierte außer essen, schlafen und manchmal mediokrer Beischlaf. Kein einziges anständiges Gespräch, keine Hobbies, keine Kinder.

Und während er so, mit leiser Stimme, auf sie einsprach versuchte sie Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Irgendetwas zu denken, was ihr Halt gab. Etwas, das nicht sie, sondern ihn in Frage stellte, denn obwohl sie wusste, dass er das, was er sagte nicht so meinte, dass es ihm später wieder Leid tun und er sie um Verzeihung bitten würde, so mussten diese Gedanken doch irgendwie in ihm entstanden sein, eine Grundlage haben, wenigstens einen Funken Wahrheit in sich tragen. Zwar kamen sie jedes Mal wieder unerwartet, aber die Themen wiederholten sich.

Mit manchem hatte er sicher auch Recht, denn seit sie zusammen waren hatte sie beinahe alle Interessen vernachlässigt und sah auch ihre Freunde nur sehr selten, wie das eben so ging, wenn jeder sein Leben hatte. Sie schrieb noch, das schon, und ab und an brachte sie den einen oder den anderen Artikel in einer Zeitung unter oder veröffentlichte eine Kurzgeschichte in einem Sammelband. Auch Cello unterrichtete sie weiterhin, allerdings ohne rechte Lust und nur dann, wenn er nicht Zuhause war. Er mochte das Instrument nicht, es war ihm zu traurig.

Sie sprachen auch nicht mehr so viel miteinander, wie in den ersten Monaten ihrer Beziehung und tatsächlich waren ihre Kochkünste nach wie vor bescheiden, denn sie hatte sich nie als Hausfrau gesehen und sie machte sich nicht mehr viel aus Essen, wie überhaupt die Freude an den sinnlichen Dingen ihr über die Jahre abhanden gekommen war. Seit die Katze weg war, weil er eine Allergie entwickelt hatte, war das Einzige, was sie noch gerne berührte seine Haut, wenn er nachts neben ihr im Bett lag und sie umarmte. Wenn er sie dann so streichelte und küsste und sie im Halbdunkel anlächelte konnte sie kaum glauben, dass es der gleiche Mann war, der immer wieder so grauenhafte Dinge zu ihr sagte.

Sie fragte sich, ob das Ganze irgendetwas mit seinem Stoffwechsel zu tun haben konnte. Meistens nämlich geschah es unmittelbar nach dem Essen, was ganz sicher nicht an ihren mäßigen Kochkünsten lag, denn auch er maß der Nahrungsaufnahme keine große Bedeutung bei und selbst wenn sie sich etwas nach Hause bestellt hatten, war es schon passiert, dass er am Ende aufstand und sie fertig machte. Wenn andere friedlich und satt waren und zu träge um sich zu rühren, geschweige denn ein Lamm zu reissen, sprach die Raubtierseele aus ihm, die Blut sehen wollte und sein Kopf lief Amok.

Handgreiflich geworden war er nur wenige Male. Das war schon lange her. Damals hatte sie versucht ihn zu unterbrechen. Sie war aufgestanden, hatte sich vor ihn gestellt und ihm gesagt er solle sofort aufhören damit. Was dann geschah, daran wollte sie sich nicht mehr erinnern, auch wenn die Szenen manchmal noch vor ihrem Auge auftauchten.
Sie hatte bald verstanden, dass sie ihn gewähren lassen musste, wenn sie wollte, dass es schnell vorbei war.

Inzwischen wusste sie auch, wann sie gefahrlos anfangen konnte zu weinen, um ihm damit das Stichwort für den letzten Hieb, die schlimmste aller Kränkungen, die er sich immer bis zum Schluss aufsparte, zu geben. Der finale Schlag, mit der er ihr das Genick brechen wollte, um dann, wenn er fertig mit ihr war und sie endlich schluchzend am Tisch saß, beide Hände vors Gesicht gelegt, die Grimassen zu verbergen, die der Schmerz ihr in die Züge schrieb. Wenn sie nur noch damit beschäftigt war das, was in diesem Moment noch von ihr übrig war zusammen zu halten und sie gleichzeitig gegen die aufsteigende Wut kämpfte, die alles nur noch viel schlimmer machen würde, wenn sie ihr Raum gäbe, verließ er wortlos die Küche. Sie hörte, wie er im Flur die Jacke vom Haken nahm und kurz darauf schnappte die Wohnungstür ins Schloss.

In die Stille, die dann entstand, weinte sie ihr ganzes Unglück und weinte und weinte, bis sie vollkommen erschöpft war und weder Zorn noch Trauer, noch Groll empfand.
Die Leere nach dem Weinen brachte sie immer häufiger in einen schwerelosen Zustand vollkommenen Gleichmutes, in dem nichts mehr sie anging und alles was existierte seine nicht hinterfragbare Berechtigung hatte.
So musste es sein und nicht anders. Alles gehörte zusammen und sie war ein Teil davon, genauso wie er. Es tat ihr gut zu denken, dass das Ganze, irgendwann in der Ursuppe, unendlich lange Zeit vor ihrer Geburt, seinen Anfang genommen hatte und sie nichts weiter waren, als die konsequente und notwendige Entwicklung des Lebens. Zugleich aber waren sie der Weg, den es einschlug und der erst in der Bewegung und durch sie entstand.

Auch gestern am späten Nachmittag war es wieder so gewesen. Sie hatte sich leer geweint, war in diesen angenehmen Zustand geglitten, in dem selbst die Nackenschmerzen ihr nichts mehr ausmachten. Sie hatte das Bild vor Augen gehabt und sich mit ihm getröstet.

Dann war sie aufgestanden und wie ferngesteuert durch die Wohnung gegangen, ganz langsam, mit nichts im Ohr als dem Rauschen ihres eigenen Blutes, hatte hier und da ein paar Dinge gerade gerückt und zwei, drei Kleinigkeiten zusammen gepackt, sie in ihre Tasche gelegt und anschließend die Wäsche aufgehängt. Schließlich hatte sie die Gnossiennes von Satie aufgelegt, auf Wiederholung gedrückt, sich ans Fenster gestellt und gewartet.

Später als er zurückkam hatte sie ihn begrüßt, ihn flüchtig auf seine blasse Wange geküsst und ihm lächelnd in die fiebrig- beschämten Augen geschaut.
Sie hatte einen Salat zubereitet, den sie schweigend aßen, bis er seine Hand über den Tisch zu ihr herüber schob und sie die ihre darauf legte. Sie sahen sich an.
Seine Augen waren rot geädert.

Nach dem Essen hatten sie zusammen geduscht und waren gleich ins Bett gegangen, wo sie sich lange liebten. Er war sehr zärtlich und sie wusste, dass er sie spüren lassen wollte, was sie ihm bedeutete und wie sehr er wieder gut machen wollte, was geschehen war.

Aber das brauchte er nicht, das wusste sie ohnehin. Und es war ja gar nicht er, der ihr das antat. Das war das Fremde in ihm, der Alien oder der Teufel, der da aus ihm sprach. Er konnte nichts dafür, war dem ebenso ausgeliefert wie sie, und es gehörte zu ihrem Leben und zu Ihnen, so wie alles andere. Es war etwas, was sie akzeptieren musste, wenn sie mit ihm zusammen sein wollte. Und das wollte sie.

So oft schon hatte er sich bei ihr entschuldigt, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte und jedes Mal tat es ihr Leid, wenn er versuchte Worte zu finden und etwas zu erklären was nicht in seiner Verantwortung, geschweige denn in seiner Macht lag.
Als er auch gestern Nacht im Bett wieder damit anfing, legte sie die Hand auf seine Lippen und schloss die Augen um ihm zu bedeuten still zu sein. Sie griff in sein Haar und kraulte seinen Kopf, bis sein Atem immer langsamer wurde und er schließlich eingeschlafen war. Dann küsste sie ihn auf die Schulter, legte sich in seinen Arm, der schlaff und schwer neben ihm lag und bald darauf fiel auch sie in einen leichten Schlaf, aus dem sie im Morgengrauen erwachte.

Sie drehte sich nach links und sah ihn, das Gesicht abgewandt, bäuchlings neben ihr liegen. Sie blickte auf seinen Nacken, den mädchenhaften Haaransatz mit dem zarten, hellen Flaum, die beiden Muskelstränge und zwischen ihnen die kleine Kuhle, die sie so anrührte und in der sich die Knochen der Wirbelsäule ein wenig abzeichneten. Über allem seine weiße, glatte Haut, die im fahlen Licht schimmerte, wie etwas sehr Kostbares.

Lautlos schlüpfte sie aus dem Bett, warf sich ein Hemd von ihm über, ging hinaus in den Flur zu ihrer Tasche und huschte zurück ins Schlafzimmer. Ohne zu zögern stieg sie zu ihm ins Bett, kniete sich neben ihn und stieß zweimal hintereinander mit aller Kraft zu. Das Messer knirschte unter ihren Fingern, er zuckte kurz und schrie, Blut quoll aus den beiden Wunden und sammelte sich in der kleinen Kuhle. Sie hörte ihn leise stöhnen und es klang als hätte er ein Kissen vor dem Mund.

Beim Hinausgehen ließ sie die Wohnungstüre offen stehen.

 

Dieser Text ist Teil eines interessanten Projektes und gleichzeitig der 500.ste Beitrag in diesem Blog.

(Bild: „M1634 – violoncell – Petter Hellstedt – 1746 – fot Sofi Sykfont“ von Musik- och teatermuseet – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg#mediaviewer/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg)