Jahresrückblick 2013

Januar bis Juni schlechtes Wetter.
Juli bis Dezember gutes Wetter.

So kann´s weiter geh´n!

Möbelhaus Vivantes

20131229_155439 20131229_15582120131229_155426 Nein, die Möbel gefallen mir nicht.
Das Bett schmuddelig, hart und unbequem, die Schränke zu gewollt avantgarde.
Ohne etwas zu kaufen, bin ich wieder nach Hause gefahren.
Die Selbstbeteiligung für den flotten Transport mit Lightshow lag bei 8,31 €.
Kamma nich meckern.

Fortsetzung

English: The chimney The chimney.

(Photo credit: Wikipedia)

Es dämmert und die Vögel zwitschern. Amseln hüpfen in den Vorgärten umher, verharren unter den Rhododendronbüschen und flöten ihre unbeholfenen Tonleitern in den wolkenlosen Morgenhimmel über der Stadt.
Schweigend gehen wir zu meinem Auto. Carlos hält mir seine Schachtel Rothmans hin, wir bleiben kurz stehen. Als er mir Feuer gibt halte ich sein Handgelenk fest.
Die hölzernen Lider der alten Villen sind noch geschlossen. Die ersten Frühlingsblumen öffnen ihre Blüten; Rosenduft steigt mir in die Nase.
Ich habe Hunger und bin müde.
Beim Auto angekommen, werfe ich meine Kippe in den Rinnstein, schließe auf und lasse mich hinein fallen. Ich kurbele das Fenster herunter und ziehe die Tür zu. Carlos steht neben mir und beugt sich mit mehrdeutigem Grinsen nach vorne.
Ich werde ihn nicht küssen.
– Ich muss jetzt fahren,
sage ich stattdessen und zünde den Motor.
– Wir sehen uns?
– Ja, bestimmt.

Rückwärts stoße ich aus der Parklücke.
Zum Abschied ein letzter Blick. Ich schalte die Automatik auf S, und schleiche  im Schritttempo die ausgestorbene Straße in Richtung Zentrum herunter.
Um zu Jerry zu fahren ist es zu spät und Ale will ich auch nicht wecken.
Also mache ich mich erstmal auf den Weg Richtung Hauptbahnhof, um beim Frühbäcker Mohnbrötchen zu besorgen und später mit ihr zu frühstücken.
Kaum habe ich das Villenviertel verlassen, sind die Straßen plötzlich erstaunlich belebt. Es ist Montag früh. Die Stadt erwacht, und Menschen gehen zur Arbeit. Einen kurzen Moment fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken, dass auch mein Vater schon bald wieder aufstehen und bis in den späten Abend ackern wird. Ich drücke die Cassette rein, und drehe die Musik auf.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ich erinnere mich noch gut an das Konzert vor 3 Jahren, zu dem ich meinen kleinen Bruder mitgenommen hatte, mit dem Auftrag ihn wohl behütet wieder nach Hause zu bringen.
Nach kurzer Zeit war er so blau und rannte von der Halle zum Bierstand und umgekehrt, dass ich ihn schließlich aus den Augen verlor.
Wie heute trug ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz und steckte in einem schwarzen, schmal geschnittenen Anzug mit kurzer Jacke, den mir Jan letztes Jahr geschenkt hatte, weil er ihm zu eng war.
Damals, vor dem Eingriff, trank ich noch Bier, ohne mich zu sorgen, dass es fett macht.
Der Sound in der Halle ist miserabel abgemischt, die Stimme von Robert Smith geht unter im diffus verschwimmenden Gitarrengeschrammel und den typischen, viel zu lauten, Bassläufen. Auch ich trinke ein paar Bier, und muss irgendwann aufs Klo.
Die Toilettenanlagen sind im Keller, und sehen ziemlich feudal aus. Dem Anschein nach geht hier normalerweise anderes Publikum ein und aus.
Nach dem Pinkeln stehe ich im Neonlicht vor dem deckenhohen Spiegel und der wuchtigen Waschbeckenreihe aus einem Guss, und male meine Lippen mit blutrotem Lippenstift nach. Eine etwa dreißigjährige Frau kommt aus der einzigen besetzten Kabine und stellt sich an das Waschbecken neben mir. Durch den Spiegel beobachtet sie mich, und ich bilde mir ein Verachtung in ihrem Blick zu sehen.
Als ich den Lippenstift in die Hosentasche stecke, tritt sie plötzlich hinter mich und umklammert mich so fest, dass meine Arme gegen meinen Rumpf gepresst werden und ich mich nicht mehr rühren kann.
Ich bin völlig überrumpelt. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet.
Sie ist kleiner als ich, und ziemlich kräftig. Ihr kurzes dunkles Haar trägt sie nach hinten gegelt, ihre Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet. Auch ihre Kleidung ist schwarz und ihr T-Shirt ist an der Seite weit ausgeschnitten. Wir sind auf einem Cure-Konzert.
Ich japse vor Schreck, und presse mühsam ein läppisches „Hey!“ hervor.
– Wieso trägst du Hosen wie ein Mann, sagt sie, und es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie atmet mir schwer ins Ohr, ihr Körper fühlt sich dampfig-warm an. Ich versuche mich aus ihrem Griff zu winden, aber sie hält mich noch fester, fängt an Stoßbewegungen mit ihrem Becken zu machen und sich mit kreisförmigen Bewegungen an mir zu reiben.
– Lassen Sie mich los! sage ich wütend und ärgere mich im gleichen Moment, dass ich sie gesiezt habe, diese Scheißkuh!
– Komm, zieh diese Hosen aus, Süße.
Die hat sie doch nicht mehr alle!
Wieder versuche ich mich zu wehren, indem ich eine Drehbewegung mache, aber sie hat mich derartig fest im Griff, dass ich keine Chance habe.
Im Gegenteil! Jetzt leckt sie meinen Hals ab, beisst mir wie eine Katzenmutter fest in den Nacken und drückt mich mit ihrem Gewicht nach vorne. Ich komme mit dem Oberkörper auf dem sehr breiten und tiefen Waschbecken zum Liegen, mein Gesicht neben dem Wasserhahn in dessen blank poliertem, langem Hals wir uns grotesk spiegeln.
Es muss doch jeden Moment jemand reinkommen! Die Halle ist voll, alle saufen da oben!
Da das Konzert in vollem Gange ist, erscheint es mir immer noch sinnlos zu schreien. Bis hier unten höre ich den Bass, und die Stimme von Robert Smith.
Wir sind die einzigen im Waschraum.
Plötzlich löst sie den Schraubgriff einseitig, sie legt ihren schweren Oberkörper auf meinem ab, greift mir mit der frei gewordenen Hand zwischen die Beine und stöhnt auf. Ich ekele mich so, dass ich heulen könnte, gleichzeitig kann ich es nicht fassen. Da versucht tatsächlich eine Frau mich zu vergewaltigen.
Kurz nachdem sie damit angefangen hat mich unter orgiastischem Stöhnen zu befummeln, höre ich zwei sich nähernde Frauenstimmen. Die Tür öffnet sich, und die beiden plappernden Schicksen verstummen augenblicklich und reissen ihre Augen unnatürlich weit auf.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Statt beiseite zu springen, und sich aus dem Staub zu machen, zieht die Frau betont langsam ihre Hand aus meinem Schritt, und lässt mich erst dann los. Ich richte mich schnell auf, und sehe durch den Spiegel, wie die beiden Frauen uns angaffen.
Die glauben doch nicht?
Doch, genau das glauben sie!
Noch einmal umarmt mich die Frau von hinten, und saugt sich so fest an meinem Hals fest, dass es weh tut. -Au!, ich ziehe die Schultern hoch und schaue die beiden anderen hilflos durch den Spiegel an. Die müssen doch merken, dass hier was nicht stimmt.
Aber wie können sie? Noch immer bin ich unfähig mich zu wehren, oder etwas zu sagen. Scham ist das vorherrschende Gefühl.
So plötzlich, wie sie über mich hergefallen ist, lässt sie mich jetzt los, dreht sich auf dem Absatz um, und verlässt den Raum mit schnellen Schritten.
Unter den Augen der beiden schweigenden Tussen wasche ich mir die zitternden Hände und den Hals ab -ich habe einen dunklen Knutschfleck- und warte, bis auch sie fertig sind, um gleich hinter ihnen sicher nach oben gehen zu können. In der Halle schaue ich nach meinen Bruder, und finde ihn, nach kurzem Suchen, mit Schlagseite am Bierstand.
Nur in groben Zügen erzähle ich ihm, was passiert ist, aber das reicht schon aus, um ihn vor Lachen beinahe umkippen zu lassen. Ich lache mit, und zusammen gehen wir zurück in die dunkle Halle und tanzen.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ausgerechnet dieses Lied.
Der Qualm der zahllosen Kippen und Joints hängt träge im blauvioletten Scheinwerferlicht, Smith steht verschwitzt vorne und gibt alles, während ich mir Gedanken mache, wie ich diesen Knutschfleck am besten verstecken kann damit  Jan ihn nicht sieht.

Inzwischen bin ich fast am Bahnhof angekommen, und suche nach einem kostenfreien Parkplatz, den ich in der Ludwigstraße, fast genau vor dem Haus von Jans Bruder finde. Früher war ich oft hier, und mit etwas Glück war auch Ronny mit seinem uralten, coolen Opel Admiral da, und fuhr mit mir eine Runde durch die Stadt.

Die Geschichte ging so unerfreulich weiter, wie sie angefangen hatte: am nächsten Tag in der Schule lauerte Jan mir vor der Treppe zu meinem Klassenraum auf.
Von ihm hatte ich mich, nach einem gemeinsamen Jahr, und einem durch und durch dramatischen gynäkologischen Eingriff vor ein paar Wochen getrennt. Ich war fertig mit ihm. Die Zuneigung war gekippt in Abscheu, wenn nicht Hass. Weniger für das, was er mir da eingebrockt hatte -das auch- vielmehr für sein Lachen, seine fühllosen und hässlichen Sprüche, als er mich im Krankenhaus besuchte, und auf den Schlot des Krematoriums zeigte.
Das Singen von It´s all over now Baby Blue, war noch das Harmloseste, was von diesem Kretin zu hören war. Zur Verstärkung hatte er seinen Freund Orhan, mitgebracht, und zusammen standen sie am Fenster und winkten dem hellen Rauch zu, der aus dem Schornstein aufstieg.
Jämmerliche Würstchen, die sich nicht einen dummen Witz entgehen lassen.
Ich war fertig mit ihm, und mit allen anderen auch.
Im Krankenhaus hatte man mich gefressen.
Die Schwestern machten einen Bogen um mich, und der Stationsarzt beantwortete meine Fragen nur mit Ja oder Nein. Jeder ließ mich spüren, was er von mir hielt. Katholiken halt.
Nach dem Erwachen aus der Narkose war ich in ein Durchgangssyndrom gefallen, und hatte die gesamte Belegschaft auf´s Übelste beschimpft.
Diese war von Anfang an nicht glücklich darüber gewesen, mich aufnehmen zu müssen, aber die Beziehungen zwischen meiner Mutter und dem Oberarzt, ihrem früheren Vorgesetzten, waren stärker als der Wille des Pflegepersonals, und so stand dieser ganze Alptraum unter einem noch schlechteren Stern.
Die Idee mich zu einer Frau mit ihrem Neugeborenen zu legen, war geradezu bösartig, und ging natürlich gründlich daneben.
Nachdem ich nämlich meine narkosebedingte Psychose halbwegs überwunden hatte und nicht mehr am Schreien und Fantasieren war, fragte mich die glückliche Mutter nach dem Grund meines Aufenthaltes im Hospital zum Heiligen Geist. Meine Antwort bewog sie, sich in ein anderes Zimmer verlegen zu lassen.
An ihrer Stelle bekam ich eine alte Dame mit Zyste als Bettnachbarin.
Sie war sehr nett, und tröstete mich, wenn ich weinte, und das tat ich ziemlich oft, weil mir alles, wirklich alles weh tat und ich mich fühlte, als hätte man mir die Haut vom Leib gezogen, und die Gedärme mit heißem Öl gefüllt.
Zu allem Überfluss, räumte meine Mutter in meiner Abwesenheit mein Zimmer auf, was nichts anderes als eine gründliche Durchsuchung bedeutete. Dabei entdeckte sie ein paar Klamotten, die ich mir hier und da zusammen geklaut hatte, und an denen noch die Preisschilder hingen.
Teuerstes Zeug aus der Goethestraße. Zuhause erwartete mich also auch jede Menge Ärger, wie mir mein Bruder bei seinem Besuch in der Klinik erzählte.

An all das erinnere ich mich, als ich The Cure höre.  Und jetzt, 2 Jahre später, stehe ich vor dem Haus von Jans Bruder. Rolf. Auch er ein Arschloch übrigens, der die Geburt des behinderten Kindes einer Freundin mit den Worten „Kann man das nicht tot machen?“ kommentierte.
Apfel. Stamm. Drecksäcke.
An dem Tag, als Jan mich am Eingang der Schule abfing, und mit dem missgünstigen Blick eines Blockwartes den Schal um meinen Hals registrierte, kam er zu mir rüber, zog mit einem unerwarteten Griff das Tuch beiseite, und rotzte mir den gesamten Inhalt seines Nasennebenhöhlenraumes ins Gesicht.
Als ich daran denke, steigt der alte Hass wieder in mir auf, und ich wünsche ihm einen qualvollen und langsamen Tod.

Musik zum Text: Them/ Van Morrison, It´s All Over Now, Baby Blue

Vernetzt euch: Nighttalk mit dem Sittenwächter

Der folgende Text ist Teil einer zirkulären Vernetzungsaktion von 9 Blogs:
heute um 10 h hat jeder von uns einen Beitrag ins Netz gestellt, in dem es einen Link gibt, der zum nächsten teilnehmenden Blog führt, so dass sich am Ende der Kreis schließt, und die geneigte Leserschaft wieder bei dem Blog ankommt, bei dem sie angefangen hat zu lesen.
Ich bitte alle Leserinnen und Leser bei unserer Aktion mitzumachen und dem Link im Text zu folgen, im nächsten Text dann ebenso, bis ihr am Ende ankommt.
Viel Spaß!
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Es gibt Phasen in meinem Leben, da muss ich es mir so richtig geben.
Aus mir unbekannten Gründen tue ich dann vorsätzlich Dinge, die mir zuwider sind.
Das war schon immer so.
Beispielsweise verabscheute ich als Jugendliche Oliven.
An besonders selbstquälerischen Tagen, bestellte ich mir beim Italiener einen Salat mit extra viel Oliven, in dem ich dann blind herumstocherte.
Hatte ich eine auf der Gabel, musste ich sie, meiner selbst aufgestellten Regel folgend, gründlich zerkauen und runterschlucken, was mich große Überwindung kostete. Unterdessen freute ich mich schon auf den nächsten Bissen, von dem ich mir mehr Glück erhoffte.
So ähnlich geht es mir, wenn ich mich in schlaflosen Nächten durch das Fernsehprogramm zappe, und die Fernbedienung erst beiseite legen kann, wenn die schlimmste aller aktuell laufenden Sendungen über den Bildschirm flimmert.
Meine Favoriten sind dabei schlecht synchronisierte Dauerwerbesendungen,
ntv-Reportagen über Riesentrucks, Flugzeugträger oder Staudämme,
RTL-Formate, bei denen Nachbarn sich gegenseitig verklagen oder Zöllner Koffer durchsuchen, und schließlich noch US-amerikanische oder deutsche Komödien.
Bei den beiden letztgenannten halte ich selten länger als zwanzig Minuten durch.
Aus masochistischen Impulsen heraus, habe ich mir schon das eine oder andere Musikantenstadl angeschaut und mich dabei vor Unbehagen gewunden.
Der Gipfel der Selbstgeißelung allerdings ist die Sendung Nighttalk mit Domian, die wochentags um 1 Uhr nachts auf WDR läuft.
Der dauergrinsende Radiomoderator Jürgen Domian sitzt, meist im kumpelhaft karierten Hemd und mit Kopfhörern auf den Ohren, vor einer pink beleuchteten Wand mit weißem Porzellanelch im Hintergrund, und fordert seine Zuschauer auf ihm via Telefon Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen.
Manchmal sind die Themen vorgegebenen, so wie: Glück im Unglück, Diese Nacht werde ich nie vergessen, oder Ich schäme mich für meinen Partner, anderntags ist freie Themenwahl.
Das, was dort Nacht für Nacht passiert ist haarsträubend glech in mehrerer Hinsicht.
Denn, nicht genug damit, dass die redseligen Anrufer überhaupt ihr Privatleben vor Domian und seinem Publikum ausbreiten, holen sie sich dafür auch noch Belehrungen, Rügen, Ermunterungen und moralische Vorhaltungen vom guten Onkel ab.
Und bei der Moral, da kennt Domian sich aus.
Ganz klare Vorstellungen hat er da.
Ohne Wenn und Aber.
Seitensprünge gehen zum Beispiel gar nicht.
Einen Mann, der regelmäßig Pornos konsumiert, obwohl er in einer festen Beziehung steckt, schickt er zur Therapie, sieht den Sexualgestörten aber auf einem guten Weg, weil er Reue zeigt.
Jemand der sich in zwei Menschen verliebt hat, muss augenblicklich mit offenen Karten spielen, und sich entscheiden. Eine Frau mit mehreren Sexaffären möge bitte Ordnung in ihr Kuddelmuddel bringen.
Genau richtig hingegen hat eine Tochter gehandelt, die, entgegen ärztlichem Rat, der Mutter nach einem Schlaganfall die Magensonde entfernen ließ, um sie
12 Tage lang verhungern zu lassen.
Das war ja schließlich kein Leben mehr.
Domian kennt sich aus, in allen Bereichen, hat jede Menge Meinung und hält damit nicht hinterm Berg.
Mit tugendhafter Gesinnung und der lächelnden Selbstverliebtheit des Gerechten, wertet, urteilt und richtet er auf Zuruf, und die Ratsuchenden lauschen seinen, mit erhobenem Zeigefinger vorgebrachten, Verkündungen und bedanken sich unterwürfig für die moralische Maßregelung des über alles erhabenen Sittenwächters.

Moral Compass

Moral Compass (Photo credit: psd)

Es hat schon etwas Voyeuristisches,
nachts im Bett zu liegen und sich den Seelenstriptease fremder
Menschen, sowie Domians neunmalkluges Geschwafel anzuhören.
Meine Gefühle schwanken zwischen Ekel und Faszination, wenn der vor Offenheit strotzende Moderator den nach Wahrheit, Trost oder Tadel dürstenden nächtlichen Desperados,
leicht lispelnd, seine Weltsicht überhilft und am Ende alle geläutert sind.
Wie ein Spanner, schaue ich durch das
Schlüsselloch und sehe Dinge, die mich nichts angehen.
Die niemanden etwas angehen als die Betroffenen und ihre Nächsten selbst.
Manchmal schlafe ich bei dem Geplapper ein, oft jedoch bleibe ich bis zum Schluss dabei und bin froh, wenn die Peinlichkeit endlich ein Ende hat.
Dann fühle ich mich so befreit, als dürfte ich endlich ein paar viel zu enge Schuhe ausziehen, die ich mir freiwillig angezogen habe.

Bärtige Männer

SAMSUNGIch hab´s ja nicht so mit Weihnachten. Darum an dieser Stelle kein Weihnachtsbeitrag.
Statt vor dem Baum zu sitzen und zu singen bin ich lieber draußen unterwegs und genieße die menschenleeren Straßen.
Es ist mild, fast schon warm. Dann und wann zündet irgendein Bengel einen Knaller und andere Bengel johlen dazu. Ein Auto knattert über den nassen Asphalt und der Hund steckt seine feuchte Nase in den Schmutz.
Dorthin, wo die bärtigen Männer hausen. Die, die bei der großen Verlosung eine Niete gezogen haben, die die nicht über Los gehen durften, sondern für ein paar Runden aussetzen müssen.
Mensch ärgere dich nicht
Die Balkone sind festlich erleuchtet. Immer weniger muslimische Familien leben hier, rund um den Mariannenplatz.
Am Kotti  hängen die üblichen Gestalten rum. Der Turkey fragt nicht nach Jesu Geburt.
Unter dem Viadukt der U-Bahn kauert einer neben seinen zerfetzten Tüten. Das Gesicht vom Leben auf der Straße gezeichnet.
Ich gebe ihm einen Fünfer. Er ist so schwach, dass er sich nicht einmal freuen kann.
Vor der Sparkasse steht der Nächste. Mit einem Pappbecher in der Hand öffnet er jedem die Tür. Drin liegt sein Hund auf einer Decke und schläft.
Er nimmt den Fünfer und schaut sich um, als hätte ich ihm Drogen zugesteckt.
Bei der Post auf der Skalitzer stoße ich gleich auf vier ältere Männer, die hinten im Gang bei dem Behinderteneingang sitzen und die Automatiktür mit einer Unterarmstütze blockieren.
Fünf Euro für jeden von ihnen. Hundert Jahre Leben für mich als Dank.
Draußen ein junger Typ mit Schäferhund.
Als ich ihm 5 Euro gebe kommt die Frau, die auf den Stufen zum Eingang sitzt, und streckt mir ihre Hand entgegen. 5 Tacken auch für sie.
-Siehste, jeder bekommt was, sagt der Typ zu ihr und ich ahne, dass etwas zwischen ihnen schwelt. Die Frau läuft mir hinterher und hält mir eine Packung Ibuprofen unter die Nase. Ich schüttele den Kopf und gehe weiter.
Am Ostbahnhof stehen größere Gruppen betrunkener Männer und streiten sich lautstark.
Ich getraue mich nicht, zu ihnen zu gehen und sie zu beschenken. Lärmende, alkoholisierte Männer ängstigen mich. Außerdem habe ich nicht mehr genug Geld für jeden und befürchte sie könnten sich auch noch um die Scheine streiten.
Drinnen sitzt eine einzelne Reisende mit ihrem Koffer in einem der kleinen Glaskästen, die dort für Wartende aufgestellt wurden. Ansonsten ist der Bahnhof wie ausgestorben. Mitten in der Halle ein Rollstuhlfahrer mit riesigem falbem Schäferhundmischling. Die spindeldürren Beine des Mannes liegen ausgestreckt in einer sperrigen Konstruktion. Er ist in Decken gehüllt und schläft mit zur Seite geneigtem Kopf.
Es dauert nicht lange, bis die patrouillierenden Polizisten auf ihn zutreten, sich breit aufstellen und den Schlafenden auffordern den Bahnhof zu verlassen. Der mächtige Hund fängt an zu bellen und lässt sie nicht näher herankommen. Der Rollstuhlfahrer reagiert nicht, öffnet nicht einmal die Augen. Es bellt ohne Unterlass, die beiden Polizisten schauen ratlos.
Ich freue mich, auch wenn ich weiß, dass sie ihn früher oder später wieder vor die Türe setzen werden. Und wenn sie dafür den Tiernotruf herbei funken müssen, der ihnen den Hund vom Leibe hält.
Inzwischen hat sich, die Gunst der Stunde nutzend, der erste Streithahn durch den Seiteneingang in den Bahnhof geschlichen und wühlt in den Müllbehältern herum.
Statt Pfandflaschen 5 Euro für ihn.
Wie erschrocken er mich anschaut, als ich das Geld aus der Hose hole. Dachte er ich zöge ein Messer? Ich wünsche ihm einen schönen Abend und gehe runter zu Lidl und Rossmann. Dort sitzen sie auch oft.
Heute sehe ich nur einen Mittfünfziger mit gepflegtem Schnauzbart und hellen Wildledermokassins, der mit spitzen Fingern Plastikflaschen aus dem Container klaubt und sie in den mitgebrachten Rollkoffer steckt. Als ich ihn anschaue blickt er weg und geht mit aufrechtem Gang zum Aufzug.
Nein, ihm werde ich nichts anbieten. Es würde ihn kränken.
Das Bellen in der Halle oben hat aufgehört. Der Rollstuhlfahrer ist verschwunden.
Wie immer, wenn ein Obdachloser abgeführt wird, habe ich die Vision, dass er irgendwo in den Katakomben der Bundespolizei verprügelt wird und sie ihn dann an den Stadtrand fahren und auskippen wie Müll. Aus den USA hört man solche Dinge, warum sollte es hierzulande anders sein?
An seiner Stelle steht nun ein gedrungener älterer Mann mit Vollbart. Er trägt ein Ringelshirt und ausgebeulte Hosen mit Hochwasser und Hosenträgern. Darunter Sandalen. Vor ihm ein voll bepackter und mit Tüten behangener Rollator. Ich bin schon im Begriff einen Schein zu ziehen, als ich sehe, dass die Tüten und Kisten voll sind mit Lebensmitteln.
Fehlalarm.
Ich beschließe mit der S-Bahn zu fahren, eine Runde mit dem Hund durch den dunklen Tiergarten zu drehen, und auf dem Rückweg über den Potsdamer Platz vielleicht noch ein paar Obdachlose abzufangen.
Es ist noch Geld übrig.
Neben Balzac sitzt einer, das Gesicht so zugerichtet, dass ich erschrecke.
Ein junger Kerl, keine 25. Platzwunden überall, die Nase dick und blau, die Augen blutunterlaufen und fast vollständig zugeschwollen, hockt er dort beim Ausgang der U-Bahn.
-Kaffee?, rufe ich ihm zu, ehe ich den Laden betrete, und er nickt.
Ich bestelle eine Brezel und einen Cappuccino für mich, einen großen Kaffee und ein belegtes Ciabatta für ihn. In einen kleinen Becher schütte ich etwas Milch und bringe ihm alles drei nach draußen. Er greift nach der Milch und trinkt sie in einem Zug aus. Er hat Hunger.
Dann begreift er, dass ich ihm auch etwas zu essen gebracht habe, und schenkt mir ein schiefes Lächeln. Erst jetzt sehe ich das kleine Pappschild zu seinen Füßen.
I AM HOMELESS
und dieser Satz trifft mich ganz unerwartet tief und heftig. So sehr, dass mir das Kinn zittert, und die Augen brennen.
Wie lasch dagegen das Wort obdachlos klingt.
Der Heimatlose mit polnischem Akzent bedankt sich sehr herzlich bei mir.
You are a good person!
Aufs Äußerste beschämt verlasse ich den Potsdamer Platz und gehe niedergeschlagen nach Hause.
Dort wartet kein Baum, kein Braten, keine Geschenke, kein Kind auf mich.
Dafür aber eine warme Altbauwohnung in begehrter Investorenlage.
Später dann kommt der Unterfranke, und gemeinsam mit einer Freundin kochen und essen wir.
Es gibt kein Recht auf Heimat. Das hat das Bundesverfassungsgericht gerade in einem Urteil zum Braunkohleabbau festgestellt.

Für niemanden.

Musik zum Text: massive Attack, Unfinished Sympathy
http://www.myvideo.de/watch/7030466/Massive_Attack_Unfinished_Sympathy

Magnetfelder, oder Schwebende Pfeile

440px-Eine Sonntagnacht im Mai.
Wir sitzen im Wohnzimmer eines der größten Kunstsammler Frankfurts und trinken Bier.
Im Garten ist es kühl geworden. Die meisten Gäste sind gegangen; nur eine Handvoll ist noch übrig.  Alles Frauen um die Zwanzig. Ich kenne sie noch nicht lange, bin nicht einmal sicher, ob wir uns mögen, aber aus ganz verschiedenen Gründen haben wir ein Interesse daran einander besser kennen zu lernen.

Obwohl ich das Auto in jedem Zustand sicher nach Hause schippern kann, halte ich mich zurück und nuckele seit Stunden an einer Flasche lauwarmem Binding Export herum.
Wie meistens wenn ich Bier trinke, kann ich seine Auswirkungen auf meinen Körper unmittelbar spüren. Die Hefe lässt mich auseinander gehen wie zerlaufenden Teig, und ich befürchte, dass mein Gesicht genauso in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Es fällt mir schwer nicht schnell ins Bad zu gehen und nachzuschauen.
Natürlich weiß ich, dass es eigentlich nicht möglich ist, aber trotzdem spannt auf einmal die Hose , und wenn ich nach unten schiele, sehe ich die Rundung meiner Wangen, die sich, links und rechts der Nase, wie kleine Speckhügel erheben.
Bloß kein Arsch wie ne 80er Bildröhre, denke ich, und freue mich bei aller Sorge an dem kraftvollen, wie bildhaften Ausdruck.
Die anderen, die sich seit Jahren kennen, lachen gerade über irgendetwas, das nur sie verstehen, und ich versuche mich abzulenken, um die ewigen Zweifel in den Hintergrund zu drängen. Ich bin schlank, ich sehe gut aus.
Von dem hellbraunen Ledersessel blicke ich auf die gegenüberliegende Wand.
Dort, über dem italienischen Sofa, hängt ein echter Warhol neben einem echten Kandinsky, neben einem echten Feininger und einem echten Grosz.
Unschätzbare Werte.
Auch sonst ist der Raum mit dem dunklen Eichenparkett stilvoll eingerichtet und die gelungene Mischung aus Bauhaus-Elementen und Antiquitäten wird von einer großen Stehlampe mit dunkelrotem Schirm in ein warmes Licht getaucht.
Hohe Decken und Stuck bilden den Rahmen.
Die geöffnete Flügeltür neben dem Sofa lenkt den Blick in den hinteren großen Raum, der dunkel daliegt und zu dem weitläufigen Garten hinaus geht. Durch die Fenster sehe ich die Silhouetten alter Tannen, die das Haus umsäumen und ihm etwas Märchenhaftes geben.
Ich bin beeindruckt von soviel schlichter und zugleich gediegener Eleganz.
Anders, als in dem überladenen Sarkophag der Kalbacher Bonzen ist hier alles leise, klar und selbstverständlich.
Keine Säulen, Kronleuchter, Marmororgien, vergoldete Handläufe, beschnittene Hecken oder hauseigene Sauna mit Whirlpool. Kein US-Import in der Garage.

Die Nacht schreitet voran, wir lungern herum, und die anderen reden über Leute, die ich nicht kenne. Ich fange an mich zu langweilen. Eine Zigarette noch, dann mach ich los.
Pia fragt, ob das Haus eigentlich eine Alarmanlage hat.

-Klar. Muss ja. Schon wegen der Versicherung. antwortet Nora, die Tochter des Hauses.
-Und was passiert, wenn der Alarm los geht? Kommt dann die Polizei?
-Nein, die müssen wir selbst rufen. Aber der Lärm reicht um die Typen erstmal in die Flucht zu schlagen.

Pia bezweifelt das. Schließlich ist das Grundstück groß, das nächste Haus weit entfernt, und bis die Polizei alarmiert ist, haben die längst die Scheiben eingeschlagen, uns überwältigt, und sacken dann in aller Ruhe die Bilder ein.
Das glaube ich auch.
Ob wenigstens eine Waffe im Haus ist, zur Gegenwehr, will sie wissen.
Nein, keine Waffe.
Hätte mich auch gewundert.

Ruckzuck sind wir bei Einbrüchen und Überfällen im Allgemeinen, und eine nach der anderen holt irgendein Szenario aus dem Fundus ihrer Ängste hervor.
Blutiger Mord und Okkultismus.
Es ist fast drei.
Ich überlege ob ich nicht doch besser hier übernachten sollte, statt alleine durch die dunkle Villensiedlung bis zum Auto zu laufen.
Lena liegt rücklings auf dem Boden, ein Kissen unter dem Kopf, und fängt an zu jammern.
-Ich hab solche Angst, sagt sie. und ich nehme es ihr keine Sekunde ab.
Zu süß die Stimme, zu schmollend der Mund, zu weit aufgerissen die Augen. Überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob ich sie mag. Genauso wenig weiß ich, warum sie seit Wochen meine Nähe sucht, ständig in meiner WG auftaucht, und sich bei jedem flachen Witzchen, das ich mache, biegt vor Lachen. Eine Ahnung habe ich, aber sicher bin ich nicht.
Außer mir und Pia, die immer neue Gruselgeschichten erzählt, rutschen jetzt alle runter zu Lena auf den Boden, kraulen sie hier und da, und zupfen an ihren Locken herum.
Bilitis
Nein, ich nehme es ihr nicht ab. Weder die Angst, noch das naive Schmollen.
Ich kenne diese Gesten und die hilflos-kindliche Stimmlage.
Ich bin damit groß geworden.
Unecht. Nicht authentisch. Verlogen.
Ich erkenne das, und ich ertrage es nicht.
Ich wende den Blick ab, und sehe im Augenwinkel, wie sie mich beobachtet.

Pia erzählt jetzt von einer alten Dame im Parkhaus, die einen Mann bittet ihr bei einem Problem mit dem Auto behilflich zu sein.
Er folgt ihr zu dem Wagen, und während er sich im Motorraum einen Überblick verschafft, geht sie nach hinten und holt eine Aldi-Tüte vom Rücksitz.
-Ich hab´ was für Sie, sagt sie mit ihrer brüchigen Stimme, und kramt dabei in der abgewetzten Tüte herum. Als der Mann sich lächelnd umdreht, zieht sie blitzschnell ein langes Messer hervor und rammt es dem Ahnungslosen mit voller Wucht in den Bauch.
Lena jault und schlägt die Hände vor´s Gesicht.

Ring!

Ein schrilles Läuten lässt uns hochschrecken.
Nora springt blitzschnell vom Sofa auf. Sie ist bleich vor Schreck.
Da ist jemand an der Tür!
Als es zum zweiten Mal klingelt schreien die vier anderen hysterisch los, allen voran Lena. Wieso jetzt erst?
Pia und ich schauen uns schulterzuckend an.
-Geh doch mal gucken! sagt Lena, eine Hand vor dem Mund.
Nora tippt sich an die Stirn und zieht die Augenbrauen zusammen.

Jetzt hämmert es gegen die herunter gelassenen Holzrolläden hinter mir, und ich drehe mich erschrocken um.
So etwas macht doch kein Einbrecher.
Vielleicht sind das Bullen, oder jemand der Hilfe braucht.
Wir müssen rausfinden, was da los ist.
Nora geht wie in Zeitlupe zur Stehlampe und schaltet das Licht aus.
Im Stockfinsteren sitzen wir da und atmen flach, während sie sich vorsichtig durch den knarrenden Flur in Richtung Haustüre tastet, als müsse sie sich an einem schlafenden Raubtier vorbei stehlen.
-Nicht aufmachen! flüstert Lena ihr hinterher.

Für einen kurzen Moment ist nichts zu hören, außer dem leisen Knarren des alten Parketts unter Noras Füßen.
Dann klopft es wieder. Laut und polternd.
Jetzt kommt der Lärm von der Haustüre.
Ich zucke zusammen und Lena wimmert wie ein kleines Mädchen. Langsam geht sie mir auf die Nerven.
Plötzlich hören wir, wie Nora die Türe öffnet, und für eine Sekunde stockt mir der Atem.
Ist die irre? Wen lässt sie um diese Zeit ins Haus?
Dann geht das Licht im Flur an, und eine tiefe Männerstimme gesellt sich zu Noras aufgeregtem Gezetere. Durch die Dunkelheit lausche ich in Richtung Zimmertür, und versuche mir einen Reim zu machen. Ich halte die leere Bierflasche  fest in der Hand und setze mich aufrecht hin. Schritte nähern sich, und Nora betritt mit dem nächtlichen Besucher den Raum. Mehr ist nicht zu erkennen.
Kurz darauf geht das Deckenlicht an, und die Spannung löst sich in einem erleichterten Ausruf, gefolgt von allgemeinem Gelächter.
-Aaahh!
Carlos steht mit einer Flasche Sekt in der Hand da und grinst.
-Na, habt ihr Schiss gehabt?
Auf das Stichwort fängt Lena sofort wieder an zu quengeln.
-Du hast uns so erschreckt! Sie sagt das mit einem zuckersüßen Stimmchen und dem klimpernden Augenaufschlag eines Stummfilmstars.
Carlos lacht, sieht sie dabei aber nicht an, und setzt sich mir gegenüber auf das italienische Sofa.
Ich lächle, lehne mich zurück, und zünde mir eine Zigarette an.
Lena verstummt und beobachtet uns.

An einem schwül-heißen Nachmittag vor etwa zwei Wochen haben wir uns das erste Mal gesehen, als ich mit zwei Freunden von ihm, Rolf und Andreas, auf der Terrasse des Parkcafés sitze, und in der schwülen Nachmittgashitze dem Dauertrommeln des Kiffers, unten bei den Büschen, lausche.
Von hier lässt sich das Kommen und Gehen auf der großen, abschüssigen Wiese gut beobachten.
Dann und wann macht Rolf eine Bemerkung über jemanden und Andreas stimmt ihm brummend zu. Es ist zu viel heiß für richtige Gespräche, und das Bier knallt um die Tageszeit noch schneller als sonst.
Auch der indisch aussehende Langhaarzottel ist heute wieder da.
Von allen Zwängen befreit, läuft er nackt herum, und schlängelt sich, auf dem Weg zu den Toiletten, auf Zehenspitzen zwischen den Gästen hindurch.
Ich habe ihn nicht gesehen und so erwischt es mich völlig unerwartet:
plötzlich drückt sich unterhalb meines Pferdeschwanzes etwas Warmes an meinen Nacken, und eine sanfte Stimme sagt -Excuse me,
Ehe ich reagieren kann, ist es vorbei, und er tänzelt mit seinem kleinen, formlosen  Arsch, hinunter in Richtung der Büsche.
Ich fasse es nicht.
Die schmalste Stelle, das Nadelöhr, hat er sich ausgesucht, um- en passant- sein faltiges Gemächt an meinem Hals zu reiben. Das Schwein.
Ich tue vollkommen unbeteiligt und nehme einen letzten Zug an meiner Kippe. Dann werfe ich sie in den feinen Kies zu meinen Füßen.
In Wahrheit fällt mir vor Zorn das Atmen schwer. Am liebsten würde ich aufstehen, ihm hinterherlaufen, und dem verfluchten Arschloch meine Bierflasche in den Nacken oder gleich in seine schlackernden Hoden schlagen. Elende Pottsau!
Wahrscheinlich war er vorher pinkeln, und hat den letzten Tropfen Urin an meiner Haut abgeschmiert.
Eine Weile noch brauche ich, bis ich mich beruhige.

Unten bei ben Büschen trommelt es weiter und der Exhibitionist tanzt sehr langsam und mit erhobenen Armen dazu. Dabei wiegt er seinen Körper hin und her wie eine Ähre und schaukelt sich so in eine kleine Verzückung, die in Form von Schauern immer wieder seinen Körper überrollt.
Ich schaue ihm zu und hasse ihn aus der Ferne.
Das Trommeln hängt über dem Park; ist Teil von ihm.
Ohne Unterbrechung  wummert und dröhnt es in die Glut des Tages hinein und wir rauchen, trinken Bier und bewegen unsere Köpfe kaum sichtbar zum Takt des Sommers.
Dieses Jahr, letztes Jahr, und im nächsten wieder.
Die ganze Frankfurter Szene hängt hier rum. Jeder der cool sein möchte und alle, die Drogen kaufen wollen. Bei den meisten fällt beides zusammen.
Irgendwann hebt Rolf den Arm und winkt einen dunkelhaarigen Typen heran, der gerade seine Vespa unter die große Kastanie neben der Terrasse schiebt.
-Carlos! Hier!
Das also ist Carlos, von dem alle, auch mein Bruder, immer wieder erzählen, und den ich merkwürdigerweise noch nie getroffen habe, obwohl unsere Kreise sich stark überschneiden.
Der lustige Carlos.
Carlos kommt, den Helm unter dem Arm, eine Tasche über der Schulter zu uns an den Tisch und grüßt in die Runde. Dann setzt er sich neben mich und steht die nächsten drei Stunden nicht mehr auf.
Wir kommen sofort ins Gespräch und er plappert und erzählt und unterhält mich. Ja, er ist lustig. Sehr sogar. Ich lache, bis mir schwindlig wird und eine kurze Pause entsteht.
Da öffnet er ohne Erklärung seine Tasche, zieht einen Stapel Papiere heraus, und fängt an mich zu interviewen.
Für ein Marktforschungsinstitut führt er eine Umfrage bei jungen Leuten zwischen 17 und 21 durch. Auftraggeberin ist eine Bank.
-Du machst doch mit oder?
Bank!
Ich habe gerade Abi gemacht, fange im Herbst an zu studieren und mein Vater überweist die Miete. Mit Geld mache ich weiter nichts, als es auszugeben, solange ich welches habe.
Trotzdem antworte ich und im Verlauf des Interviews streut er immer wieder persönliche Fragen ein.
-Welche Geldinstitute sind dir bekannt. Bitte aufzählen.
-Sparkasse, Commerzbank, Deutsche Bank, Raiffeisenbank. Muss reichen.
-Wie lange bist du schon mit Jerry zusammen?
-Halbes Jahr.
-Hast du ein regelmäßiges Einkommen?
-Ich? Nein! Vater zahlt.
-Wann heiratest du mich?
Und so weiter.
Wir haben Spaß, wir flirten und bleiben auch dann noch im Park als Rolf und Andreas gehen.
Erst als das Café am frühen Abend schließt verabschieden wir uns.
Carlos fragt mich, ob ich später noch zu einem Konzert in der Batschkapp kommen möchte.
-Ich bin schon mit Jerry verabredet.
-Schade!
sagt er und schaut mich an. Seine Augen sind braun, wie meine.
-Ein andermal.
Am Abend will Jerry ausgerechnet auf genau dieses Konzert gehen.
Mit Mühe überrede ich ihn beim Solzer ein paar Apfelwein trinken.

Im Schatten von Grosz und Dix, sitzen wir uns jetzt wieder gegenüber.
Von der Tankstelle hat er eine Flasche Criss, lieblichen Schaumwein mit Pfirsichgeschmack, mitgebracht.
Gab nichts anderes, was kalt war.
Die Flasche geht rum. Das Zeug ist klebrig süß und pisswarm.
-Das schmeckt ekelhaft und kalt ist es auch nicht.
-Ich weiß.
Carlos freut sich und seine Freude  steckt mich an.
Wie neulich im Park macht er seine Witzchen und ich lache darüber.
Nach und nach verstummen die Unterhaltungen um uns herum.
Die anderen liegen inzwischen alle auf dem Boden und dösen mit geschlossenen Augen. Auch Lena.
Gegen fünf steht Nora auf und geht hinauf in den den ersten Stock. Vorher winkt sie noch einen kurzen Gruß in die Runde und zeigt mit einer unbestimmten Armbewegung nach oben.
-Wer Decken braucht, kann sich welche holen.
Es wird Zeit. Ich schnappe meine Kippen und hieve mich aus dem Sessel. Die Beine sind steif vom langen Sitzen.
-Ich geh´ jetzt mal.
-Soll ich dich nach Hause fahren?
fragt Carlos, und steht auch auf.
-Du kannst mich gerne zum Auto bringen.
-Fährst du noch zu Jerry,
fragt Lena plötzlich. Sie liegt auf der Seite, den Kopf auf eine Hand gestützt. Ihre Stimme klingt hellwach.
-Ja, ich glaube schon. Ich sage es so unbefangen wie möglich.
-Grüß ihn mal von mir, sagt sie, und ich nicke.
Zusammen verlassen Carlos und ich das alte Haus und gehen durch den Vorgarten zur Straße.

Musik zum Text: Everclear mit Local God