Rage

SAMSUNGVon Kreuzberg sind wir über die tosende Leipziger Straße bis zum Potsdamer Platz gegangen, und dann weiter Richtung Schöneberger Ufer.  Hier, zwischen Staatsbibliothek, Neuer Nationalgalerie, Kulturforum und Philharmonie ist es auf einmal ganz ruhig.

Nowhereland

Der Tiergarten ist nah, die Luft kühler als eben noch.
Ich bin müde.
Wir setzen uns vor den Imbiss gegenüber der Staatsbibliothek, schauen in die Sonne und schweigen.
Einige Meter entfernt, im Schatten des überwucherten Vordaches, sitzen ein Mittfünfziger und seine zwanzigjährige Tochter am Tisch und streiten leise. Die Tochter ist verägert, der Vater scheint abzuwiegeln. Jeder hat ein Bier vor sich stehen. Ein ungewöhnlicher Ort für ein familiäres Gespräch.
Ich schließe die Augen.
Der Unterfranke isst Kartoffelsalat. Der Geruch von Essig und Zwiebeln weht zu mir herüber.
Willst du?“ fragt er mich.
Ohne hin zu schauen schüttele ich den Kopf.
Nein, danke.“
Die Stimme der jungen Frau wird lauter, ihr Ton schärfer.
Du warst nie für mich da“ höre ich sie sagen.
Ich habe es immer versucht, das weisst du.“
Aber du warst nicht da, wenn ich dich gebraucht habe.“
Ich möchte nicht weiter zuhören und drehe mich zum Unterfranken.
Schmeckt das?“
Geht schon.“
Jetzt wird sie schriller, ihre Stimme aggressiver. Mein Nacken verspannt sich.
Alles ok?“ fragt der Unterfranke, und ich schaue durch ihn hindurch.
Nein.“
„Hör einfach nicht hin.“
Wie soll ich da nicht hinhören?“ sage ich und bin überrascht wie gereizt ich klinge.
Kalte Wut steigt in mir auf, und ich kann mir nicht erklären woher dieses Gefühl kommt. Aber es ist da.
Ich öffne meine Jacke.
Von drüben zetert es weiter. Als ich mich umdrehe sehe ich den Mann mit hängenden Schultern am Tisch sitzen. Er raucht und schaut dabei seine Tochter an, die ohne Pause auf ihn einredet.
Sein Gesicht ist zerfurcht, die Haut ledrig. Er sieht heruntergekommen aus.
Die Tochter sitzt ihm gegenüber in knappen Shorts auf der Stuhlkante. Ihre Körperhaltung ist Angriff, so wie auch ihre Stimme und ihre Worte Angriff sind.
Die Ergebenheit ihres Vaters, der ihr keinerlei Widerstand leistet, scheint sie aus der Fassung zu bringen. Sie wiederholt ihre Vorwürfe und wird dabei immer unbeherrschter.

Er war nicht da, der Idiot. Nie war er da.
Sie hat ihn gebraucht. Jetzt braucht sie ihn nicht mehr.
Er soll aus ihrem Leben verschwinden, sich verpissen.

Auf eine unerklärliche Weise machen mich ihre Worte betroffen. Sie tun mir weh.
Zu diesem, für mich unbegreiflichen Gefühl, gesellt sich eine irrationale Verachtung für den Vater, der sich so etwas von seiner Tochter bieten lässt. Der seine Rolle nicht ausfüllt. Der die Tochter nicht einmal jetzt beschützt, indem er sie befreit von dem Hass und der Verzweiflung, die sie ihm entgegenschleudert.
Und mit ihrer Wut wächst auch meine Wut.
Hör einfach weg!“ wiederholt der Unterfranke, den die Veränderung in meiner Stimmung beunruhigt. Sein Versuch mich zu beschwichtigen bringt mich nur noch mehr in Rage. Mit einem Blick, der mir sofort leid tut bügele ich ihn ab und drehe mich wieder zu den beiden um.
Ich kann nicht anders.
Jetzt erst scheint sie überhaupt zu bemerken, dass sie  nicht alleine sind. Sie stoppt mitten im Satz, schaut zu mir herüber und lächelt freundlich. Ihr Gesicht ist offen und sehr hübsch, die Haare lang und glatt. Auch ihr Vater sieht mich nun an, senkt dann aber den Blick. Mit beiden Händen hält er die Flasche fest und wartet.
Tatsächlich dauert die Ruhe nur wenige Sekunden.
Du bist ein Arschloch,“ sagt sie plötzlich unvermittelt und mit kalter Stimme „ein beschissener Versager,“ und es klingt, als stünde sie mit einem modernen Stück auf der Bühne.
Meine Aufmerksamkeit scheint sie zu immer wüsteren Beschimpfungen anzustacheln.
Eine nach der anderen. Wie ein Maschinengewehr.
Wichser, blöde Sau, heruntergekommenes Schwein
Ich bin fassungslos und mir steigen die Tränen in die Augen.
Anstatt ihr irgend etwas entgegen zu halten, entschuldigt sich der Mann weiter bei ihr.
Es tut mir leid!“ Seine Stimme klingt jämmerlich.
Du Flasche,“ denke ich „was ist los mit dir? Wehr dich endlich!“
Ein unbeschreiblicher Zorn, der mich selbst erschreckt, und den ich nur ein einziges Mal zuvor in meinem Leben empfunden habe, steigt in mir hoch und überrollt mich wie eine glühende Walze.
Mein Herz rast, die Hände werden eiskalt.
Auf einmal bricht es aus mir heraus und ich höre mich laut schreien:
Ruhe jetzt! Ich ertrage das widerliche Gekeife nicht mehr!“
Mein Kinn zittert, als ich der völlig verdutzten Frau voller Hass in die Augen schaue.
Ich höre den Unterfranken, wie er meinen Namen sagt.
Ich höre das Rauschen in meinem Kopf.
Ich höre die Frau, wie sie behauptet, dass mich das alles nichts anginge,
und dann höre ich wieder meine eigene feste Stimme, die jetzt sehr hart klingt und die wie ein Orkan alles nieder mäht, das sich ihr in den Weg stellt.

Das geht mich nichts an?“ brülle ich. Meine Adern am Hals schwellen an.
„Und wie mich das was angeht, wenn ich hier deine gesprochene Gülle mithören muss.
Wie kommst du überhaupt dazu so respektlos mit deinem Vater zu reden. Bist du noch ganz dicht im Kopf?“
Statt ihre verfluchte Klappe zu halten, versucht sie noch einmal mir irgend etwas von einem Privatgespräch zu erzählen, was mich vollends aus der Fassung bringt und meine Wut ins Unermessliche steigert.
„Privat? Du behandelst deinen Vater wie ein Stück Scheisse, du demütigst und erniedrigst ihn, und belästigst uns damit. Ich will hier in Ruhe mein Wasser trinken, mich ausruhen und mir nicht dein asoziales Gewäsch anhören.  Hast du das kapiert? Natürlich geht mich das was an. Entweder hälst du jetzt deine verfluchte Schnauze, oder ich drehe durch!“
Als ich fertig bin, ist es so still, als ob ein Kanonenschlag neben mir explodiert und mein Trommelfell gerissen wäre.
Es klingelt in meinen Ohren, der Verkehr rauscht kaum hörbar im Hintergrund.
Auch der Unterfranke ist erstarrt. Der Imbissbesitzer stiert mich aus seinem dunklen Verschlag an. Vater und Tochter sind eingefroren. Ich bin zu Tode erschöpft.
Wenige Sekunden hält die Ruhe.
Dann springt die Tochter schluchzend auf, wirft dabei ihre Bierflasche um und rennt in Richtung Kulturforum davon.
Ihr Vater torkelt ihr mit schwachen Knien hinterher. Er ist betrunken.
Der Unterfranke legt den Arm um meine Schulter. Meine Zähne klappern, mir ist kalt.

Nach wenigen Minuten kommt der Mann alleine zurück. Er holt seine Packung Zigaretten vom Tisch schaut zu  mir herüber und geht zwei Schritte auf mich zu.
Seine hellen Augen sind traurig.
Danke,“ sagt er “jetzt haben sie meine Freundin endgültig vertrieben. Die kommt nie wieder.“

Junge Hunde

Lava Ooze

Er liebt mich. Ich liebe ihn nicht.
Das ist traurig, für uns beide.

Bei 36° C im Schatten und 90 % Luftfeuchtigkeit, steht das Leben beinahe still.
Nur die Schlingpflanzen kriechen weiter die Zäune entlang.
Bald schon werden sie alles mit ihrem dunklen Grün erstickt haben.

Am Nachmittag sind wir aufgestanden, jetzt kämpfen wir uns durch die Hitze.
T. spricht. Seine Worte sind zäh wie Lava.
Wir und Wenn. Er bemüht sich.

Ich betrachte seinen Körper. Er ist schön.
Auf der Innenseite der Arme das Delta fingerdicker Adern, die Schultern athletisch, seine Nackenpartie elegant.
Er sieht meinen Blick und lächelt. Ich schaue weg.

Der Geruch von Regen auf staubigem Asphalt.
Der Himmel ist klar. Auf dem Boden bahnt sich ein Rinnsal seinen Weg.

Mit einem Schrei läuft er unter die herabfallende Fontäne des Hydranten und zittert, als das kalte Wasser auf seine Haut trifft.
Er streift das Hemd ab, streckt beide Hände nach oben und schließt die Augen.
Er hat mich vergessen.

Am Abend lege ich mich zu ihm in den Schlafsack. Seine Haut ist kühl.
Jahre später macht er mir einen Heiratsantrag.

 

 

 

 

Foto: Lava Ooze (Photo credit: Perceptions Unlimited)

Gespräch in der Sonne

Dialog... (explored)

Dialog… (explored) (Photo credit: Niels Linneberg)

„Was denkst du?“ fragt der Unterfranke und schaut mich unter dem Schirm seiner Mütze hervor an.

„Ich frage mich, ob die Taut-Brüder Freunde waren.“

„Verstehe.“

„Oder eher Konkurrenten.“

„Ich muss gleich los.“

„Und ich freue mich, dass ich am Leben bin.“

„Ich auch.“

„Was denn? Dass ich am Leben bin, oder Du?“

 „Beides natürlich. Wenn ich nicht da wäre, könnte ich mich nicht freuen.“

„Das wäre schade.“

„Ja. Andererseits wäre es auch egal. Wir wüssten es ja nicht.“

„Stimmt.“

„Stimmt?“

 Ich lache. Wir trinken unseren Kaffee und beobachten das Treiben auf dem Oranienplatz.

„Ich muss jetzt wirklich los. Sonst wird es zu spät, bis ich unten bin.“ sagt er und steht auf.

„Wann kommst du zurück?“

„Das weiss ich noch nicht. Der Feuchtwanger ist gestorben. Der Partygott.“

„Kenn ich nicht. Woran ist er gestorben. Drogen?“

„Die feiern jetzt eine große Party. Das hat er sich so gewünscht.“

„Wusste er, dass er stirbt?“

„Krebs.“

„Oh, das tut mir leid.“

„Passt schon.“

 Pause

 „ Meld dich, wenn du zurück bist.“

„Ich bleib ein paar Tage.“

„Fahr vorsichtig. Wäre schade.“Enhanced by Zemanta

Vorahnung

Zisterne - Istanbul von unten

Zisterne – Istanbul von unten (Photo credit: marfis75)

Den ganzen Tag schon trug ich eine Vorahnung mit mir herum.
Keine der unbestimmten Sorte, wie mein Vater sie manchmal hatte, wenn er nicht wollte, dass ich zur Schule ging, weil etwas Furchtbares geschehen könne.
Viel konkreter war dieses Gefühl, denn mein Herz schickte schon seit Stunden falsche Impulse und ich wartete nur darauf, dass es von 70 auf 300 bpm umschlagen und ich mich im Möbelhaus Vivantes wieder finden würde.
Ich kenne das inzwischen, es macht mir keine Angst mehr, aber es beeinflusst meine Tagesplanung und natürlich beunruhigt es mich.

Statt in den Tiergarten zu gehen, entschied ich mich für die Hasenheide, weil sowohl der Hinweg über den Kottbusser Damm, als auch der Park selbst nahe genug am nächsten Krankenhaus sind, wo man mich, über den unangenehmen Umweg eines kurzen Herzstillstandes, innerhalb von 10 Minuten wieder in den Sinusrhythmus bringen würde.
Wie schon an den beiden vorangegangenen Tagen, begleitete mich eine dunkle Wolkenwand. Es war schwülwarm. Ich hoffte, nicht wieder in einen Guss zu geraten, wie am Vortag, als ich eine halbe Stunde bei Getränke Hoffmann festhing und auf den splatternden Regen schaute, der mir wie eine nasse Wand den Rückweg versperrte.
Am Hermannplatz ließ ich in einem kleinen türkischen Geschäft Passfotos machen und fragte mich für eine Sekunde was passieren würde, wenn genau in diesem Augenblick mein Herzrhythmus umspränge, meine Haut schlagartig wachsweiss und mein Gesichtsausdruck sich fast zur Unkenntlichkeit verändern würde. Ob der Fotograf cool bleiben und ich dann auf die Fotos warten könnte, während der Notarzt mir Adenosin injiziert.
Atmen.
Die Aufnahmen verliefen komplikationslos und die türkischen Kinder drückten sich währenddessen interessiert um meinen Hund herum, der gelassen und sehr schmutzig auf mich wartete.
Als ich mit den Bildern den Laden verließ und nach vorne schaute, sah ich dort eine große Frau gehen.
Sie war etwa fünf Meter von mir entfernt, zwischen uns liefen ein paar Passanten, aber trotzdem konnte ich sie genau erkennen.
Es durchfuhr mich wie ein Stromschlag und Tränen stiegen mir in die Augen.
Das war B.! Keine Frage. Die Locken, die Größe, der Gang, ihre Art zu sprechen und dabei zu gestikulieren.
Bildete ich mir das ein, nach all den Jahren? Konnte ich mich wirklich noch so gut an sie erinnern?
Täuschte mich mein Gedächtnis?
Mein Herz schlug wild im Hals, die Handflächen wurden feucht und die Gedanken sprangen von damals zu heute.
Von der toten Freundin zu dieser Frau.
Und wenn sie sich gar nicht erhängt sondern einfach nur ein neues Leben begonnen hatte?
Ich wusste, dass das Unsinn war, aber ich hoffte, dass es anders wäre.
Dass sie noch lebte und dieses Gefühl, das ich für sie hatte wieder ein Ziel, ein Zuhause finden würde.
Am liebsten hätte ich diese Fremde, die ich nur von hinten und im Halbprofil sah umarmt, so vertraut war sie mir.
Ich wollte all die Liebe, die ich empfand, und die seit B.s Tod in die gleiche tiefe Zisterne gesickert war wie die Zuneigung für die anderen Toten oder Ungeborenen, oder für Jene, denen ich nie begegnet bin, über ihr ausschütten.
Endlich wieder ihren Namen benutzen können. Ihn laut aussprechen und sie antworten hören.
Die Namen. Sie bleiben, herrenlos
Mit den Lippen formte ich die beiden Silben, während ich noch immer hinter der Frau herlief, die auch deswegen nicht B. sein konnte, weil sie in den sechzehn Jahren seit ihrem Tode nicht um einen Tag gealtert war.
Ob sie mich heute, wenn sie noch lebte, sofort erkennen würde?
Als Sie an der Bushaltestelle stehen blieb, ging ich langsam und ohne mich umzudrehen an ihr vorbei.
Ein kurzer Blick nur aus dem Augenwinkel.

Es fiel mir schwer, sie zurück zu lassen, und die Zisterne wieder zu verschließen, deren einziger Ablauf die Tränen sind, die ich seit Jahren nicht mehr geweint habe.

Blind

„You were the eyes of a blind man“

(I. J.)

inesseidel

Ich war vierenhalb Jahre alt, als mein Bruder einen Stein in mein linkes Auge schoss, und ich schreiend in dem kleinen, dunklen Hof hinter dem Haus umfiel und um Hilfe rief.
Ich war blind.

Später saß ich auf dem Perserteppich in dem riesigen Wohnzimmer.
Um mich herum war dunkle Nacht.
Ich fühlte die Schritte meiner Mutter auf dem Boden, noch ehe ich sie hören konnte.
Meine Geschwister spielten irgendwo in meiner Nähe. Sie kochten Buchstabensuppe auf dem Puppenherd, es klapperte hier und da, mein kleiner Bruder lachte, und meine Schwester sprach in dem betulichem Ton einer besorgten Mutter, als sie ihm zum Füttern ein Lätzchen umband. Der Geruch von Brühe stieg mir in die Nase.
Ich legte den Kopf in den Nacken und rieb meine Augen mit beiden Fäusten, bis es hinter der Stirn blitzte und ein rotes Adergeflecht in meinem Kopf aufleuchtete. Doch sobald ich damit aufhörte wurde es wieder Nacht.
Mein linkes Auge war mit einem großen, runden Pflaster zugeklebt, das rechte starrte in tiefste Dunkelheit.
Kein Bild, kein Lichtstrahl fand den Weg nach Innen, und ich lauschte auf die Geräusche im Haus und die Schritte meines Vaters auf der Treppe.
Wenn ich hörte, wie er mit großen Sätzen, zwei Stufen auf einmal nehmend nach oben gelaufen kam, freute ich mich. Noch ehe er meine Mutter begrüßte, kam er schon zu mir ins Wohnzimmer und sprach mich an.
Kannst du mich sehen?“
Nein!“
Es raschelte, und ich wusste, dass er jetzt die Stablampe zwischen den Papieren aus der Brusttasche seines Kittels fischte. Seine warme Hand hielt mein Kinn fest, und ich spürte seinen Atem dicht vor mir. Er roch nach Zigarre.
Siehst du das Licht?“
Bin ich jetzt blind?“
Das wird wieder“, sagte er mit fester Stimme. Dann setzte er sich an den Esstisch, und nach dem Mittagessen legte er sich hin. Ich blieb auf dem Boden hocken und wartete auf den Abend, wenn wir alle ins Bett gehen und die Augen schließen würden.
In meinen Träumen war alles, wie ich es kannte. Hell und bunt.

Das erste Bild, an das ich mich wieder erinnere, ist das freundliche Gesicht meines Vaters, das sich mir von oben nähert und mich anschaut. Die schwarzen Haare, die dunkle Brille. Ganz kurz nur sah ich ihn, dann war er wieder verschwunden.
Ich lachte vor Freude und er lachte laut mit. Ein tiefes Glück und Vertrauen breiteten sich in mir aus.

Wie lange das so ging, weiss ich nicht mehr, aber immer häufiger ließ mein blindes Auge einzelne Bilder, oder besser Bruchstücke meiner Umwelt hinein. Ein bunter Ball, ein Teller, die Stablampe, die roten Haare meiner Schwester, der verschmierte Mund meines Bruders. Sie erschienen mir wie einzeln angeleuchtet und auf eine schwarze Wand geworfen. Alles um sie herum blieb dunkel.
Irgendwann dann, öffnete sich ganz plötzlich für eine Sekunde ein großes Tor nach außen. Sehr kurz nur.
Gleißendes Licht strömte hinein und blendete mich. Ich schloss die Augen.

Über die Zeit blieben die Bilder länger, und ich gewöhnte mich an die immer wieder unerwartet einbrechende Helligkeit. Die Tage der Klänge waren vorbei. Ich war nicht mehr allein auf Töne und Geräusche angewiesen. Die Welt, wie ich sie kannte, kehrte zurück zu mir.
Nach einigen Wochen, während derer mein sehendes Auge weiterhin zugeklebt war, konnte ich mich wieder alleine orientieren, alleine zur Toilette gehen, mir Bilderbücher anschauen und spielen.
Bald durfte ich auch zurück zu meinen Freunden in den Kindergarten.

Ein paar Wochen später fuhr mein Vater mit mir nach Köln in die Augenklinik. Dort sollte ein weiterer Arzt einen Blick auf mich werfen. Man war sehr zufrieden mit der Entwicklung meines Auges.
Nachdem die Untersuchungen abgeschlossen waren, nahm mein Vater mich an die Hand und ging mit mir zur Domplatte. Es war ein sonniger Tag, und wir aßen Eis. Irgendwo in der Innenstadt kaufte er mir einen rot-weissen, aufziehbaren Plastikwal mit beweglicher Schwanzflosse, den ich Zuhause mit in die Badewanne nehmen würde.

Als wir zum Auto kamen, dämmerte es bereits, und bald darauf wurde es dunkel.
Mein Vater trug seine schwarze Sonnenbrille, eine andere hatte er nicht dabei.
Ich saß auf der Rückbank hinter ihm, zog meinen Wal auf, ließ ihn mit der Flosse klappern und fing dann von vorne an.
Kurz nach Köln waren wir auf die Autobahn gefahren, bereits bei der ersten Abfahrt verließen wir sie schon wieder und tuckerten mit dem alten Renault die Landstraße entlang. Mein Vater fühlte sich dort sicherer.

Das nächste woran ich mich erinnere ist, dass ich zwischen Rückbank und Vordersitz eingeklemmt auf dem Boden des Fahrzeuges liege und mein Vater meinen Namen ruft. Dann kommt er nach hinten, öffnet die Tür, befreit mich vorsichtig aus meiner Lage und setzt mich vorne auf den Beifahrersitz.
Mit aufwendigen Manövern und aufheulendem Motor rangiert er den Wagen fluchend aus dem Graben und wir setzen unsere Fahrt durch die Dunkelheit fort.
Er erzählt mir von seiner Nachtblindheit und den Schwierigkeiten, die er hat, den unmarkierten Straßenrand trotz der  schwarzen Brillengläser zu erkennen.
Den Rest der Fahrt halte auch ich die Augen offen.

Bild: flickr, Ines Seidel, creative commons 2008

Kokon

Zons im Nebel

Zons im Nebel (Photo credit: Wikipedia)

Im Augenblick des Absendens einer Mail, an der ich länger gesessen hatte, weil ich jedes Wort, das ich hinzufügte sehr genau wog und prüfte, schaltet sich gestern plötzlich mein Handy, das ich über USB-Kabel am Laptop lud, überraschend aus.
Als ich es wieder einschalte, ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat gerade begonnen und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren habe. Sie möchte wissen, ob meine Nummer noch stimmt, und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung, noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefiel mir,und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suchte und ihn nicht fand, fragte ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.
Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Es war wie ein milder Nachmittag im November. Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben in Stille, und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel*
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel, kein Feuerwerk erhellte den mitternächtlichen Himmel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausend über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.
Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten, und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Musik zum Text: Liaisons Dangereuses, Mystère dans le brouillard

*meine Murmel

Gefangene

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Meine Großeltern lebten in Diedenbergen.
Von Frankfurt aus ein Katzensprung über die A3 in den Vordertaunus.
Ich war Schneewittchen. Meine Mutter tot. Die Stiefmutter ein Dämon.

Ebenholz, Schnee Blut

Zwerge waren Teil meiner Welt.
Freundliche Wesen, die im Wurzelgeflecht der großen Bäume lebten und auf einer Zauberflöte spielten, oder mit Spaten und Eimern unterirdische Gänge anlegten.

An einem Sommerabend saß ich im Filmriss und schaute mir Twin Peaks an.
Ich kann mich nur an die Atmosphäre, nicht an die Handlung des Filmes erinnern. Wohl aber an den tanzenden und rückwärts sprechenden Zwerg im Warteraum der Schwarzen Hütte, in dem sich das ganze Unheil, das dort herauf beschworen wurde zu einem flackernden Alptraum verdichtete.
Ich wollte das Lokal verlassen, doch der Ausgang war von der heruntergelassenen Leinwand blockiert.
Das Feuer einer unachtsam entsorgten Kippe hätte uns alle töten können.
Mein Herz schlug fest. Ich atmete flach, legte das Kinn auf die Brust und blickte nach innen.
So verbrachte ich den Rest der Vorstellung.
Als endlich das Licht im Raum anging, und die ersten sich von ihren Stühlen erhoben, stand eine der beiden Frauen, die mit uns am Tisch gesessen hatten auf, drückte ihre Hände mit weit abgewinkelten Ellbogen gegen die Ohren und brachte aus dem tiefsten Inneren einen markerschütternden, gellenden Schrei hervor.
Ihre Augen waren fest geschlossen, sämtliche Gesichtsmuskeln verkrampft.
Sie schrie und schrie und schrie, während ihre Freundin bleich neben ihr stand, ihr die Hand auf den Rücken legte und merkwürdig unbeteiligt an mir vorbei ins Nichts starrte. Ganz so, als kennte sie diese Art des emotionalen Ausbruchs, und wüsste, dass sie das Ende desselben tatenlos abwarten musste. Möglicherweise war sie von dem dem munch´schen Grauen ebenso überfordert, wie wir alle im Raum, und wusste, sowenig wie wir, wie sie ihrer Geliebten beispringen konnte.
Ich erschrak über die ausweglose Verzweiflung in dem furchtbaren Schrei der Frau, über ihr verzerrtes Gesicht, und über den Stupor, das vollständige Erstarren ihrer Freundin.
Draußen vor der Tür, es war noch immer hell und sehr warm, hörte das innere Zittern, das mich ergriffen hatte nicht auf, und später in der Dunkelheit betrank ich mich bei den Ratten an der Spree, bis der Morgen kam, und ich im staubigen Mon Bijou Park rücklings auf dem Rasen lag, die Arme um den Kopf geschlungen, und weinte.

Bei den Großeltern selbst ging es sachlich und aufgeräumt zu, wie überhaupt meine Familie sich nicht weiter mit übertriebener Herzlichkeit oder Überschwang aufhielt.
Wenn wir bei ihnen zu Gast waren wurde gegessen und verdaut.

Lende, Kartoffeln, Buttererbsen, Windbeutel, Kuchen, Sahne, Eis

In den Pausen zwischen den Mahlzeiten rauchten oder dösten die Erwachsenen auf den Liegestühlen oder in der Hollywoodschaukel, und wir Kinder spielten in dem weitläufigen Garten, mit der großen Rasenfläche und den gepflegten Blumenrabatten.
Am südlichen Ende der Wiese befand sich ein, von hohen Büschen flankierter Zwinger. Drei Meter hoch, 20 qm Bodenfläche.
Dort lebte Blacky, ein deutscher Schäferhund, den meine Großeltern von einem Polizisten hatten abrichten lassen, und der durch das Training so gefährlich geworden war, dass er tagsüber weg gesperrt werden musste, und nachts das Anwesen und seine Anwohner vor möglichen Angreifern schützte. Nur meine Großmutter durfte ihn anfassen, sein Käfig war immer verriegelt.
Wenn wir uns Blackys Zwinger näherten, und dabei versehentlich eine unsichtbare Grenze überschritten, sprang der massige Hund, der stets in Lauerstellung zu sein schien auf, grollte aus tiefster Kehle, und warf sich mit entfesselter Kraft gegen die Gitterstäbe, dass es schepperte und die Scharniere der Käfigtür ächzten. Zu voller Größe aufgerichtet stand er, mit dicht angelegten Ohren auf seinen Hinterbeinen, drückte die Schnauze gegen das Gitter, und zeigte seine mörderischen Zähne unter hochgezogenen Lefzen.
Wir blickten uns in die Augen. In meine Furcht mischte sich Mitgefühl.

 

 

 

 

(Ursprüngliches Bild nicht mehr verfügbar)
Bild: Oliver Groß, Gartenzwerg
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