Die Wahrheit

4820413225_83b8caa650_z

Immer mehr Fallstricke und mögliche Gruben (nicht Gräben) tun sich auf, die mit berücksichtigt werden wollen. Und immer häufiger stellt sich die Frage, ob und wie aus der Geschichte wieder heraus zu kommen sei.
Plötzlich eine ganz andere Version erzählen oder die eigene Biographie neu erfinden? Einfach von vorne anfangen in einer fremden Stadt? Und dort von Beginn an auftreten als der Mensch, der man ist?
Und ist man überhaupt derjenige, der eine Biographie hat, oder jener, der sie erfindet, ein Geschichtenerzähler? Jemand, der die Skulptur durch Schweigen und Weglassungen, durch Unterschlagungen und das Fördern falscher Annahmen aus dem Klumpen Leben herausformt, sichtbar für andere und fühlbar für sich selbst.

Familienaufstellungen, bei denen fremde Menschen sich weinend umhalsen, weil einer so sehr in der Geschichte des anderen aufgeht.
Stellen wir auf, inszenieren wir nur? Sind wir alle Burgschauspieler, die ihre authentischsten Augenblicke auf der Bühne erleben und in der heimischen Einsamkeit zusammensacken wie Heißluftballons am Boden? Oder ist es umgekehrt und nur wenn wir alleine sind, fällt alles Beiwerk und jede Zierde von uns ab und wir sind ganz wir, frei und ohne Rollenerwartungen?
Wieviel Geheimnis und Privatleben darf sein, und wem gegenüber?

Die Wahrheit erzählen, die äußere. Auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, wer man ist. Ein Setzkasten voller Erinnerungen und Erfahrungen. Wem schulden wir die Wahrheit? Jenen, denen wir nahe sind? Und wieder: welche Wahrheit wäre das? Die erfundene, inszenierte, die selbstgeschöpfte, erdichtete, oder jene Wahrheit der Formalitäten und Fakten, der objektiven Umstände? Eckdaten.

Was bedeutet Nähe überhaupt, wenn wir uns nicht zeigen?

Wenn es so etwas wie ein empfundenes Geschlecht gibt, das von dem phänotypischen, dem aktenkundigen Geschlecht abweicht, ein Mensch sich z.B. als Frau fühlt, aber im falschen Körper geboren wurde, gibt es dann nicht auch falsche Umstände, die dem Selbstbild, den Empfindungen, der Idee von sich widersprechen, und mit denen man einfach nicht leben möchte?

Sind wir nicht alle schon Prinzessinnen oder Helden gewesen und nicht bloß schnöde Durchschnittsmenschen mit einer Durchschnitts-Vita? Müssen wir vor uns selbst eingestehen, dass wir klein und unbedeutend sind, und es dann wahrheitsgemäß den anderen mitteilen, um sie nicht zu täuschen und um bei ihnen zu sein. Nackt und nah und schutzlos?
Oder dürfen wir erzählen, behaupten, lügen und manipulieren, wenn es um unseren Lebenslauf geht? Wem schaden wir damit?

Bis zu welchem Grad spricht man noch von Ehrlichkeit und wann ist die schonungslose Aufrichtigkeit bereits exhibitionistisch und somit eine Zumutung? Möchten wir, dass der andere uns seine Tagebücher vorliest und über die geheimsten Empfindungen detailgenau informiert? Uns explizit auf dem Laufenden hält über seine ever changing moods, seine Entwicklung, sein Werden?
Wieviel Selbstbeherrschung, Selbstinszenierung und Dichtung erwartet man von uns, und wann erreicht das Theater ein Ausmaß, das als Lüge zu werten ist?
Was dürfen wir unterschlagen und was schulden wir einander, an Diskretion, wie auch an Offenheit?

Ich erfinde mich und versuche heraus zu finden, mich zu erinnern, wer ich bin oder sein könnte. Ich weiss es nicht.
Jeden Morgen, wenn ich erwache, bin ich eine andere, als die, die sich am Abend ins Bett gelegt hat, und ich staune, wie ich über die Jahre hinweg Beziehungen zu Menschen aufrecht erhalten kann, die mich immer wieder erkennen und lieben, trotz aller Wandlungen, die ich erfahren habe.
Ich scheine die Rolle gut zu beherrschen.
Ich kann gar keine andere.
Ich zeige mich niemandem, nicht einmal mir selbst.

Nur meine Zellen teilen sich ungefragt weiter. So lange ich lebe.

 

 

 

 

Mein Beitrag zu txt, das sechzehnte Wort (Distanz)

 

 

 

https://www.flickr.com/photos/37925259@N00/4820413225/in/photostream/
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Sandy Ego

21784284058_2139e08263_z
Wir sitzen vor dem Hangar und schauen ins Feuer.
R. schichtet mit einem langen Stock die Holzscheite um. Mit der anderen Hand legt er die Flasche auf seine vorgeschobene Lippe, neigt sie ein wenig und lässt etwas Bier in seinen leicht geöffneten Mund laufen, gerade soviel, dass die Flüssigkeit ans Zäpfchen flutet und den Schluckreflex auslöst. Die Flammen tanzen in dem grünen Glas.

Früher waren alle Bierflaschen braun, denke ich, und die Weinflaschen waren noch kegelförmig. 

– Vergangene Woche soll eine Frau in der Nähe vom Hangar vergewaltigt worden sein, nachdem jemand ihr etwas in den Drink geschmissen hatte.

– Wer lässt auch sein Glas unbeaufsichtig rumstehen?

Krass finden es aber dann doch alle. Ich glätte meinen Wellengang indem ich an meine Großmutter denke. Das wirkt fast immer.

/

Ich sitze auf einem Betonpoller bei der Rettungstelle. Neben mir steht ein Aldiltüte voller Bierflaschen. Vor den Augen des Pförtners trinke ich mich Schluck für Schluck in den Vollrausch, heule zwischendurch und warte darauf, dass man mich herein bittet. Irgendwann sind alle Flaschen leer, meine Nase vom Rotz verklebt und die Alditüte liegt zu meinen Füßen.
Inzwischen ist es dunkel, aber immer noch sehr warm. Drinnen heimelt die Neonbeleuchtung professionellen Ernst. Emergency.
Als erstes muss ich die Ärmel hochkrempeln.
Ich bin kein Junkie!
Unter den Verbänden das Haus vom Nikolaus in allen Größen. Die Haut brennt.
Ich kann es immer noch nicht, höre ich mich lallen.
Meine Zunge ist schwer doch tief in meinem Ohr ist es hell und aufgeräumt, ein Raum aus weißem Wachs.
A
ber besser als vorher. Dann fange ich wieder an zu heulen.

– Wollten sie Selbstmord begehen?

Auf gar keinen Fall, sonst wär ich doch nicht hier. Deswegen bin ich ja hier. Kein Selbstmord. Seh ich so aus?

Niemand lacht oder lächelt auch nur.

Das Verhältnis vom Himmel zur Erde stimmt nicht. Es muss mehr Himmel als Erde sein, denke ich. Viel mehr Himmel, damit die Erde nicht so schwer ist. So, wie in New Mexico, wo der Himmel erdrückend und groß war.

Ich erinnere mich an den Mann, der im Schneidersitz am Strand von San Diego (Sandy Ego) saß und auf seiner uralten schwarzen Schreibmaschine heraumklapperte. Unter Einsatz seiner gebräunten Arme mit dem goldenen Flaum tippt er auf der Maschine herum und hinter ihm, auf der Promenade, gleiten die Inlineskaterinnen, mit ihren langen Beinen und den extrakurzen Shorts, vorbei und der Mann performt weiter mit seinem athletischen Kreuz und dem Gesicht zum Meer. Es reicht ihm, zu wissen, dass man ihn sieht. Er muss nicht sehen, wie er gesehen wird. Er spürt das und haut es in seine Maschine:
Sie schauen mich an. Ich spüre ihre Blicke im Rücken und aus dem Pazifik vor mir blicken tausend Augen auf mich. Nachts kommen die Haie und warten auf weiße Beine und Hüften und Brüste. Wenn sie zubeißen drehen sie ihre Augen nach hinten, ganz so als wollten sie das Sterben nicht sehen. Sie müssen es nicht sehen, es reicht ihnen, wenn sie es schmecken.

An einem Tag fahren wir rüber nach Tijuana. Das Auto müssen wir an der Grenze lassen, so steht es im Vertrag. Am Morgen schaue ich aus dem Panoramafenster im 7. Stock. Eine Boeing steigt auf in den rosablauen Himmel. Summend betrachte ich meine Schlüsselbeine im Spiegel.

 

 

 

 

Mein Beitrag zum txt-Projekt, das fünfzehnte Wort (Tanz)


Bild: https://www.flickr.com/photos/portalfab/21784284058/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

 

 

 

Parke bene

 

Es sind nicht viele Dinge, die mich rückblickend plagen.
Das meiste erscheint mir ganz richtig, so wie es war.
Nur einmal, da haben die Kinder ein anderes Kind in der Tiefgarage eingesperrt. Es hat geweint und ich habe ein Stück entfernt gestanden und nichts unternommen und nichts gesagt. Nur geschaut, obwohl ich wusste, dass das falsch war.
Bald darauf kam ein Auto, das Gitter fuhr hoch und das Kind war wieder frei. Trotzdem weinte es, weil es zu spät nach Hause kommen würde.
Meinen Eltern habe ich nicht davon erzählt.

 

 

 

txt, das vierzehnte Wort: Gewissen

 

 

 

 

 

Sister S

136388654_8c45a0eab9_o

–  Was möchtest du denn für ein Eis?
– Eine Kugel Schokolade und eine mit Vanille, bitte.
– Gut, und du?
– Ich nehm Nuss.
– Oh, ich auch!
– Also keine Schokolade oder Vanille mehr?
– Doch.
– Und Nuss zusätzlich?
– Ja.
– Kannste auch gleich sagen.

– Eine Rhabarberlimo, bitte.
– Wir haben nur Zitronenlimo oder Rhabarbersaft.
– Dann nehm ich den.
– Den Saft?
– Ja.

–  Einmal gebrannte Mandeln, bitte.
– Und ich nehm´ gebrannte Haselnüsse.
– Tauschen wir?
– Wieso denn, du kannst dir ja selbst Nüsse bestellen, statt Mandeln.

Konnte ich nicht. Ich lispelte so stark.

 

 

 

Mein Beitrag zum dreizehnten Wort (verstehen) des txt-Projektes.

 

 

 

Bild: Oliver Elser & Andreas Muhs, CC-Lizenz (attribution, non-commercial, no derivation) https://www.flickr.com/photos/restmodern/136388654

 

 

So sehr

20140907_183301

Hab ich schon mal erwähnt, wie zutiefst dankbar und glücklich ich bin ein Leben zu leben, das so voller Liebe und Wärme ist?
Wird Zeit.
Wer hier mitliest könnte auf den Gedanken kommen, dass sich hinter dem Namen Tikerscherk eine depressive Endzeitjüngerin versteckt, die durch die Gitterstäbe ihres Kellerfensters nach den Knöcheln des Frohsinns greift, um ihn, wenn schon nicht zu Boden zu reissen, zumindest doch ins Straucheln zu bringen.
Mitnichten!
Die Schwermut ist nur einer meiner Wesenszüge. Ein Mantel, den mir das Leben ab und an überstreift (oder ich mir selbst, aus lieber Gewohnheit und redlich erarbeitetem Masochismus) und der mich die schaudernde Frische der Morgenbrise durch seine filzige Dichte (durch Joch und Mühsal) hindurch nicht mehr spüren lässt. Der vor der sengenden Mittagsglut schützt und dem Versteinern im Eis des Winters.

Ein bisschen pathetisch und ein wenig bemüht die Metapher vielleicht, aber auch ein bisschen „wahr“. So wie ja alles, selbst das `Falscheste´ ein bisschen richtig und wahr ist, wie die schwärzesten Stunden bereits die Wehen eines neuen Glückes in sich tragen, dessen Entstehung schon den Beginn des Sturzes ins Bodenlose bedeutet.
Die gesetzmäßige Unentrinnbarkeit, die Wellenbewegung, Wiederkehr.
Das sich Hineingeben. Auf dem Rücken liegend, der tote Mann, sich treiben lassen.
Atmen, mal mit geschlossenen, mal mit offenen Augen, in Vertrauen, den entfernten Klang der Welt im Ohr, Hingabe und Aufgabe, sich fügen.
Kräfte sammeln für den Kollaps, den Moment, in dem die Welle kippt, der Kamm herunterbricht und der Schaum das bittere Salz der Jahrtausende, die Ursuppe, das Urmeer in die Nase drückt, den Schädel.
Das Brennen in den Augen, der Lunge, in der Seele.

Kann denn nichts bleiben wie es ist?

Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi

Doch selbst wenn und weil es sich ändert, so bleibt es.
Gegossen in den Bernstein der Erinnerung, gewebt in den ewigen Teppich, gepflügt unter die dunkle Erde.
Frisches Brot, neue Liebe und neue, altvertraute Pein.

Spätsommer, die Tage werden kürzer, die Welt kleiner, alles rückt näher heran.
Verschwunden der Staub des Augusts (gone),
aufgelöst sein Glast (gone)
in der irdenen Traulichkeit des Vergehens,
des flammendschönen Untergangs,
des goldenen Sterbens.
Transparenz.

Was bleibt ist die Liebe, die niemals endet, auch wenn sie vorüber zieht.
Kein Teil des Ganzen, kein Faden, sondern das, was uns umgibt:
der Himmel und das Nichts.

Diesen Text widme ich  diesem Projekt (das elfte Wort/ Schwermut).

Poupette (*.txt)

Hermafrodita_2-1

Wenn aber ich allein und Frau nur selber bin, wisch gern den Mund an mir ich selber ab.

Frauennamen, die sich von Männernamen ableiten. A oder Ette. Karla und Henriette. Vom Vater belächelt gefallen mir solche (aus einer Rippe geformte) Namen. Ette la poupette.
Ein Püppchen zu sein muss man sich erarbeiten. Durch den schmalen Reifen der Emanzipanzion hindurch.

Alouette, je te plumerais

Hochsommer. Zu heiß für alles. Ein großes Nein vom südlichsten Rand Europas.
Zu warm sogar für Haut und Körper.
Schlafen unter glatter Seide.

Mein erster August in Berlin. Siesta in flirrender Hitze. Ein Doppeldeckerbus streift die Akazie vor dem Haus, die Blicke der Fahrgäste; ich ziehe das Tuch über seine Auberginenhaut, er nimmt es seufzend als Fürsorge, sein schwerer Körper auf meinem.

Dieser Text ist Teil dieses Projektes. Stichwort: nackt

Abgrundtiefe Banalität

20150218_171003

Die Gründe das Areal rund um das Kottbusser Tor zu meiden sind die gleichen, die die Gegend so unwiderstehlich machen. Je nach Tagesverfassung.
Die Praxis für Nuklearmedizin gibt es leider nicht mehr. Ebenso wenig den Harley Showroom und das Geschäft mit geschmacklosen Brautmoden. Stattdessen hamwa jetzt Bio Company und demnächst einen weiteren Eurogida, der die letzten kleinen türkischen Läden am Platz verdrängen wird. Schade um den netten Bäcker im Durchgang.

So geht das.

 
Ich mach hier mal ein bißchen Pause, denke über das Bloggen nach und wieso mich das zwischendurch so anödet und auch sprachlos macht. Manchmal/ immer häufiger/ gerade/ erscheint mir das Internet als trostloser Ort, abgrundtief dumm* und banal wie Mario Barth.

(*Zitat D.Hildebrandt)

 

 

 

 

(halbherziger Text zu diesem Projekt: http://neonwilderness.net/txt/)

Robben und Raketen [*.txt]

A_young_seal_at_Donna_Nook_-_geograph.org.uk_-_845239600px-Raygun_Gothic_Rocketship_1
Fragte man mich als Kind, was ich machen würde, wenn ich drei Wünsche frei hätte, so antwortete ich jedes Mal, dass meine Eltern oder wenigstens mein Vater nie sterben sollten, dass ich in keinen Krieg geraten wollte und den dritten Wunsch verwendete ich selbstverständlich auf das Wünschen unendlich vieler Wünsche, um mir nämlich auch noch zu erbitten, dass es keine Erdbeben und Vulkanausbrüche mehr geben möge und die Kinder in Afrika nicht verhungern müssten. Eigentlich wünschte ich mir vor allem Regen für Afrika, denn das schien mir sehr nötig zu sein, wenn sogar schon die Gazellen ans gleiche Wasserloch mit den Löwen gehen mussten und dabei Gefahr liefen tot gebissen zu werden.

So verlockend es war sich mit unendlich vielen Wünschen einzudecken, so unsicher war ich, ob dies möglicherweise gegen irgendwelche Regeln verstieß. Ich hatte Skrupel, denn es gab wahrscheinlich einen Grund, warum die Anzahl der Wünsche auf drei begrenzt war.
Ich fragte mich, ob ich durch meine Unbescheidenheit nicht enden würde wie der Fischer mit seiner Frau, die immer mehr und dann noch mehr forderte, bis sie schließlich vom Butt verlangte sie  Gott gleich zu machen. Kaum hatte sie diesen größenwahnsinnigen und gotteslästerlichen Wunsch ausgesprochen, flog ihr schon der ganze Prunk, in dem sie inzwischen lebte, um die Ohren und sie saß wieder in ihrer armseligen Hütte. Trauriger denn je, denn sie hatte Reichtum und Macht gekostet und beides verloren.

Ich entschloss mich mir keine weiteren Sorgen wegen meiner Wunschgier zu machen, denn Reichtum interessierte mich nicht und ich strebte weder an Papst, geschweige denn Gott zu werden.  Dieses brutale und ungerechte Monster, das ganz nach Belieben Menschen auffraß und neue ins dunkle Universum kackte, mit seinem Schwanz peitschte, als Erdbeben über Städte hinweg trampelte und glühende Lava ausspie, war mir ohnehin nicht geheuer.
Es war gut, dass mein Großvater Pfarrer war und im Notfall ein gutes Wort für mich einlegen konnte, ansonsten wollte ich mit Gott möglichst wenig zu tun und stattdessen lieber ein Löwenbaby haben. Gerne auch eine Robbe, der ich den Namen Froppi Baur geben würde. Das stand schon lange fest. Einen weiteren Wunsch verwendete ich dann gleich noch für die Rettung der Robben. Ich bat darum, dass sie nicht mehr geschlachtet würden und die Wale segnete ich im selben Atemzug gleich mit. Auch die Esel sollte man besser behandeln und sie, wenn überhaupt, nicht mehr so schwer bepacken.

Einer meiner größten Wünsche war es eine Schaukel zu haben, die am Mond befestigt war und mit der ich über den Wolken dahinsegeln und mit den Zehenspitzen den Gipfel des Himalaya berühren könnte, wenn er unter mir vorbei kam.
Mein Vater allerdings behauptete, dass es so etwas nicht geben könne, denn wie bitteschön sollte man die endlos langen Seile, die es dafür brauchte, zum Mond transportieren? Die passten doch in keine Rakete. Meine Idee die Seile direkt an der Rakete fest zu binden und sie auf diese Weise zum Mond zu schießen, wollte er nicht gelten lassen. Doch ich wusste es besser und auch sein Argument mit der fehlenden Schwerkraft im All konnte ich ganz leicht aushebeln: ich würde einfach Gewichte benutzen, die die Seile, wenn sie erst einmal an der Mondoberfläche befestigt waren, zur Erde zurück zogen.
Das klappt nicht, glaub mir das doch einfach! waren seine letzten Worte zu dem Thema, dann hatte er genug davon. Aber ich glaubte ihm nicht, obwohl er sonst so klug war. Von Raketen wusste er viel weniger als ich, denn er saß den lieben langen Tag in einem Raum ohne Tageslicht und arbeitete wie ein Galeerensklave, während ich mir Bücher über die Mondlandung anschaute.
Einen meiner vielen Wünsche und so manche Wimper verwendete ich darauf, darum zu bitten, dass er in Zukunft nicht mehr von früh bis spät schuften müsse.

Dieser Wunsch ist inzwischen schon halb in Erfüllung gegangen, wie auch der nach einer Katze, die ich bei mir aufnahm, als ich kurz vor dem Abi Zuhause rausflog. Später kam auch noch der Hund dazu, den ich immer gerne gehabt hätte und durch diesen lernte ich schließlich den Mann kennen, der so wie mein geliebter Donald Duck war.
Wenn ich so nachdenke, kann ich sagen, dass mir nur zwei wirklich wichtige Wünsche im Leben verwehrt geblieben sind (sieht man mal von den unerfüllbaren Wünschen, wie jenem nach Unsterblichkeit, ab).
Mit dem Übergang ins Erwachsenenalter waren sämtliche ungenutzte Wünsche meiner Kindheit verfallen, aber da brauchte ich sie auch nicht mehr.
Wenn ich mir heute etwas wünschen will, lehne ich mich einfach zurück und schließe die Augen.

Musik zum Text: The Beatles, All my lovings

youtube-Direktlink

 

Dieser Text ist Teil dieses Projektes.

Bild1: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_young_seal_at_Donna_Nook_-_geograph.org.uk_-_845239.jpg#mediaviewer/File:A_young_seal_at_Donna_Nook_-_geograph.org.uk_-_845239.jpg
Bild2:http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Raygun_Gothic_Rocketship_1.jpg#mediaviewer/File:Raygun_Gothic_Rocketship_1.jpg

Gratwanderung [*txt.]

598px-M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont

Sie ist am Trudeln, ihr schwindelt. Wo ist ihr Platz in dem Ganzen? Sie muss heraus finden wie sie bei ihm sein kann. Wie nah sie ihm sein kann, ohne dass es weh tut.

Vor einigen Monaten war es zum ersten Mal da, dieses Gefühl.
Völlig unerwartet tauchte es aus dem Nichts auf, lange nachdem alles vorbei war und die Wogen sich geglättet hatten. Wie ein schwerer Umhang legte es sich auf ihre Schultern und schnürte ihr die Brust ein. Sie ließ die Arme kreisen, atmete tief ein und wiegte den Kopf von links nach rechts, aber es ließ sich nicht abschütteln. Und plötzlich, für einen winzigen Augenblick, gesellte sich ein Bild dazu. Ganz kurz nur schien es vor ihrem inneren Auge auf, beinahe konturlos, dann war es verschwunden.

In den nächsten Tagen schmerzte ihr Nacken noch ein wenig, sonst aber war alles wie immer, selbst die Stimmung zwischen ihnen war wieder entspannter und freundlicher, so dass sie das Bild nach und nach vergaß, wie auch alles andere.

Erst als es, viele Wochen später das nächste Mal, wie meist, aus heiterem Himmel anfing, er ohne erkennbaren Anlass vom Tisch aufstand, sich vor die Küchenschränke stellte und sie mit verschränkten Armen und diesem Blick anschaute, den sie schon kannte, und in dem so viel Verachtung und Wut lag, dass sie jedes Mal aufs Neue erschrak, da tauchte auch das Bild wieder auf. Noch ehe er anfing ihr die schlimmen Dinge zu sagen, mit gedämpfter Stimme und dunkler Wut, war es da und es war viel deutlicher als beim letzten Mal. Etwas ganz und gar Unvorstellbares, aber sie nahm es als Trost, als eine Art Schutzschild, das ihr helfen würde die bitteren Kränkungen und Beleidigungen besser zu ertragen. Denn obwohl sie das schon kannte und obwohl sie wusste, dass er in diesen Momenten nicht er selbst war, sondern irgendetwas aus ihm sprach, das mit ihm nichts zu tun hatte und ihn nur als Kanal, als Medium, wenn man so wollte, nutzte, tat es ihr doch jedes Mal weh und sie fragte sich, wie so viel Verachtung und Kälte aus einem Menschen kommen konnte, der sonst so freundlich und meist auch sehr liebevoll war.

Aber mehr noch als das fragte sie sich, wie sie das alles hinnehmen sollte ohne sich zur Wehr zu setzen, ihm etwas entgegen zu halten oder wenigstens zu versuchen ihn zu stoppen.

Sie hatte schon alles probiert über die Jahre und wusste, dass es das Beste war still zu halten, Mimik und die Ohren auf Null zu stellen, solange es eben ging, und ihm die Zeit zu lassen, die er brauchte, bis alles aus ihm heraus gebrochen war.
Dann erst durfte sie dem Schmerz, der sich mit jedem seiner Sätze in ihr aufbaute nachgeben und weinen über die schlimmen Dinge, die er zu ihr sagte. Worte wie Messer, fast alle unter der Gürtellinie, Aufrechnereien kleinster Missverständnisse, vor allem aber die totale Demontage ihrer Person. Ein Zwiegespräch mit sich selbst, in dem er sich fragte, wieso er jemanden wie sie überhaupt ertrug, wieso er sie nicht verließ, was ihn an einen so dummen und einfältigen Menschen mit so wenig Bildung und ohne Geist und Witz band.

Ob er nicht besser irgendeine beliebige Frau aus dem Supermarkt flach legen sollte, die sie an Ausstrahlung und Sex-Appeal bei weitem überträfe, was nun wirklich kein Kunststück sei, und wieso sie eigentlich nicht einmal kochen konnte oder wenigstens Kinder gebären, wo doch ihr Hirn sowieso eine eher untergeordnete Rolle spielte, sie sich also ganz auf das Physische und Sinnliche verlagern könnte. Aber nicht einmal das brachte sie zuwege und nicht einmal jetzt, in diesem Augenblick, sei sie in der Lage wenigstens einen vernünftigen Satz zu sagen oder irgendetwas zu tun, das ihm zeigen würde, dass sie einen Geist, und wenn den schon nicht, dann wenigstens Stolz und Würde besäße. Nichts. Stattdessen dieses stumme Geglotze einer Idiotin mit der Unterwürfigkeit einer Sklavin.

Wie lange sind wir jetzt zusammen, fragte er plötzlich und sah sie aus zusammen gekniffenen Augen an. Sie wusste inzwischen, dass er darauf keine Antwort erwartete. Ihre Aufgabe war es ihm zuzuhören und zu schweigen, ihn stumm gewähren zu lassen. Sechs Jahre, beantwortete er dann seine eigene Frage. Sechs lange Jahre, in denen nichts passierte außer essen, schlafen und manchmal mediokrer Beischlaf. Kein einziges anständiges Gespräch, keine Hobbies, keine Kinder.

Und während er so, mit leiser Stimme, auf sie einsprach versuchte sie Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Irgendetwas zu denken, was ihr Halt gab. Etwas, das nicht sie, sondern ihn in Frage stellte, denn obwohl sie wusste, dass er das, was er sagte nicht so meinte, dass es ihm später wieder Leid tun und er sie um Verzeihung bitten würde, so mussten diese Gedanken doch irgendwie in ihm entstanden sein, eine Grundlage haben, wenigstens einen Funken Wahrheit in sich tragen. Zwar kamen sie jedes Mal wieder unerwartet, aber die Themen wiederholten sich.

Mit manchem hatte er sicher auch Recht, denn seit sie zusammen waren hatte sie beinahe alle Interessen vernachlässigt und sah auch ihre Freunde nur sehr selten, wie das eben so ging, wenn jeder sein Leben hatte. Sie schrieb noch, das schon, und ab und an brachte sie den einen oder den anderen Artikel in einer Zeitung unter oder veröffentlichte eine Kurzgeschichte in einem Sammelband. Auch Cello unterrichtete sie weiterhin, allerdings ohne rechte Lust und nur dann, wenn er nicht Zuhause war. Er mochte das Instrument nicht, es war ihm zu traurig.

Sie sprachen auch nicht mehr so viel miteinander, wie in den ersten Monaten ihrer Beziehung und tatsächlich waren ihre Kochkünste nach wie vor bescheiden, denn sie hatte sich nie als Hausfrau gesehen und sie machte sich nicht mehr viel aus Essen, wie überhaupt die Freude an den sinnlichen Dingen ihr über die Jahre abhanden gekommen war. Seit die Katze weg war, weil er eine Allergie entwickelt hatte, war das Einzige, was sie noch gerne berührte seine Haut, wenn er nachts neben ihr im Bett lag und sie umarmte. Wenn er sie dann so streichelte und küsste und sie im Halbdunkel anlächelte konnte sie kaum glauben, dass es der gleiche Mann war, der immer wieder so grauenhafte Dinge zu ihr sagte.

Sie fragte sich, ob das Ganze irgendetwas mit seinem Stoffwechsel zu tun haben konnte. Meistens nämlich geschah es unmittelbar nach dem Essen, was ganz sicher nicht an ihren mäßigen Kochkünsten lag, denn auch er maß der Nahrungsaufnahme keine große Bedeutung bei und selbst wenn sie sich etwas nach Hause bestellt hatten, war es schon passiert, dass er am Ende aufstand und sie fertig machte. Wenn andere friedlich und satt waren und zu träge um sich zu rühren, geschweige denn ein Lamm zu reissen, sprach die Raubtierseele aus ihm, die Blut sehen wollte und sein Kopf lief Amok.

Handgreiflich geworden war er nur wenige Male. Das war schon lange her. Damals hatte sie versucht ihn zu unterbrechen. Sie war aufgestanden, hatte sich vor ihn gestellt und ihm gesagt er solle sofort aufhören damit. Was dann geschah, daran wollte sie sich nicht mehr erinnern, auch wenn die Szenen manchmal noch vor ihrem Auge auftauchten.
Sie hatte bald verstanden, dass sie ihn gewähren lassen musste, wenn sie wollte, dass es schnell vorbei war.

Inzwischen wusste sie auch, wann sie gefahrlos anfangen konnte zu weinen, um ihm damit das Stichwort für den letzten Hieb, die schlimmste aller Kränkungen, die er sich immer bis zum Schluss aufsparte, zu geben. Der finale Schlag, mit der er ihr das Genick brechen wollte, um dann, wenn er fertig mit ihr war und sie endlich schluchzend am Tisch saß, beide Hände vors Gesicht gelegt, die Grimassen zu verbergen, die der Schmerz ihr in die Züge schrieb. Wenn sie nur noch damit beschäftigt war das, was in diesem Moment noch von ihr übrig war zusammen zu halten und sie gleichzeitig gegen die aufsteigende Wut kämpfte, die alles nur noch viel schlimmer machen würde, wenn sie ihr Raum gäbe, verließ er wortlos die Küche. Sie hörte, wie er im Flur die Jacke vom Haken nahm und kurz darauf schnappte die Wohnungstür ins Schloss.

In die Stille, die dann entstand, weinte sie ihr ganzes Unglück und weinte und weinte, bis sie vollkommen erschöpft war und weder Zorn noch Trauer, noch Groll empfand.
Die Leere nach dem Weinen brachte sie immer häufiger in einen schwerelosen Zustand vollkommenen Gleichmutes, in dem nichts mehr sie anging und alles was existierte seine nicht hinterfragbare Berechtigung hatte.
So musste es sein und nicht anders. Alles gehörte zusammen und sie war ein Teil davon, genauso wie er. Es tat ihr gut zu denken, dass das Ganze, irgendwann in der Ursuppe, unendlich lange Zeit vor ihrer Geburt, seinen Anfang genommen hatte und sie nichts weiter waren, als die konsequente und notwendige Entwicklung des Lebens. Zugleich aber waren sie der Weg, den es einschlug und der erst in der Bewegung und durch sie entstand.

Auch gestern am späten Nachmittag war es wieder so gewesen. Sie hatte sich leer geweint, war in diesen angenehmen Zustand geglitten, in dem selbst die Nackenschmerzen ihr nichts mehr ausmachten. Sie hatte das Bild vor Augen gehabt und sich mit ihm getröstet.

Dann war sie aufgestanden und wie ferngesteuert durch die Wohnung gegangen, ganz langsam, mit nichts im Ohr als dem Rauschen ihres eigenen Blutes, hatte hier und da ein paar Dinge gerade gerückt und zwei, drei Kleinigkeiten zusammen gepackt, sie in ihre Tasche gelegt und anschließend die Wäsche aufgehängt. Schließlich hatte sie die Gnossiennes von Satie aufgelegt, auf Wiederholung gedrückt, sich ans Fenster gestellt und gewartet.

Später als er zurückkam hatte sie ihn begrüßt, ihn flüchtig auf seine blasse Wange geküsst und ihm lächelnd in die fiebrig- beschämten Augen geschaut.
Sie hatte einen Salat zubereitet, den sie schweigend aßen, bis er seine Hand über den Tisch zu ihr herüber schob und sie die ihre darauf legte. Sie sahen sich an.
Seine Augen waren rot geädert.

Nach dem Essen hatten sie zusammen geduscht und waren gleich ins Bett gegangen, wo sie sich lange liebten. Er war sehr zärtlich und sie wusste, dass er sie spüren lassen wollte, was sie ihm bedeutete und wie sehr er wieder gut machen wollte, was geschehen war.

Aber das brauchte er nicht, das wusste sie ohnehin. Und es war ja gar nicht er, der ihr das antat. Das war das Fremde in ihm, der Alien oder der Teufel, der da aus ihm sprach. Er konnte nichts dafür, war dem ebenso ausgeliefert wie sie, und es gehörte zu ihrem Leben und zu Ihnen, so wie alles andere. Es war etwas, was sie akzeptieren musste, wenn sie mit ihm zusammen sein wollte. Und das wollte sie.

So oft schon hatte er sich bei ihr entschuldigt, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte und jedes Mal tat es ihr Leid, wenn er versuchte Worte zu finden und etwas zu erklären was nicht in seiner Verantwortung, geschweige denn in seiner Macht lag.
Als er auch gestern Nacht im Bett wieder damit anfing, legte sie die Hand auf seine Lippen und schloss die Augen um ihm zu bedeuten still zu sein. Sie griff in sein Haar und kraulte seinen Kopf, bis sein Atem immer langsamer wurde und er schließlich eingeschlafen war. Dann küsste sie ihn auf die Schulter, legte sich in seinen Arm, der schlaff und schwer neben ihm lag und bald darauf fiel auch sie in einen leichten Schlaf, aus dem sie im Morgengrauen erwachte.

Sie drehte sich nach links und sah ihn, das Gesicht abgewandt, bäuchlings neben ihr liegen. Sie blickte auf seinen Nacken, den mädchenhaften Haaransatz mit dem zarten, hellen Flaum, die beiden Muskelstränge und zwischen ihnen die kleine Kuhle, die sie so anrührte und in der sich die Knochen der Wirbelsäule ein wenig abzeichneten. Über allem seine weiße, glatte Haut, die im fahlen Licht schimmerte, wie etwas sehr Kostbares.

Lautlos schlüpfte sie aus dem Bett, warf sich ein Hemd von ihm über, ging hinaus in den Flur zu ihrer Tasche und huschte zurück ins Schlafzimmer. Ohne zu zögern stieg sie zu ihm ins Bett, kniete sich neben ihn und stieß zweimal hintereinander mit aller Kraft zu. Das Messer knirschte unter ihren Fingern, er zuckte kurz und schrie, Blut quoll aus den beiden Wunden und sammelte sich in der kleinen Kuhle. Sie hörte ihn leise stöhnen und es klang als hätte er ein Kissen vor dem Mund.

Beim Hinausgehen ließ sie die Wohnungstüre offen stehen.

 

Dieser Text ist Teil eines interessanten Projektes und gleichzeitig der 500.ste Beitrag in diesem Blog.

(Bild: „M1634 – violoncell – Petter Hellstedt – 1746 – fot Sofi Sykfont“ von Musik- och teatermuseet – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg#mediaviewer/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg)