Ochsenhunger

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Dem Mann am Telefon erzählte ich ich trüge einen schwarzen, hautengen Catsuit mit durchgehendem Reißverschluss und einer schmalen Kette um die Hüften, ich konnte hören, wie seine Knöchel weiss wurden, als er die Hand zur Faust ballte, also erzählte ich weiter. In der Hocke säße ich, die Kniee weit auseinander und zöge ganz langsam den Zipper herunter. Dann legte ich auf.
Ein paar Wochen später erreichte mich ein Paket mit allerlei Gaben. Darunter eine New York Times, die ich von vorne bis hinten durchlas, doch ich fand keinen Hinweis. Er hatte es mir mit gleicher Münze heimgezahlt.

Ein anderer trug den Namen eines Waldtieres und nachdem ich ihm von meinen schweren Botten, dem Tanktop und dem Minischottenrrock erzählt hatte, schickte er mir ein feines silbernes Kettchen mit Kügelchen daran. Er schrieb es täte ihm Leid, er besuche regelmäßig Swingerclubs, seine Frau wisse nichts davon, und auch mich wolle er nicht belasten mit diesem Geheimnis.

Der Dritte und Letzte rief mich von einem Parkplatz aus an, wo er mit Unbekannten verabredet war. Flüsternd erzählte er mir was dort in der Dunkelheit vor sich ging. Dann legte er auf.

Von ihm habe ich nie wieder gehört. Doch ich erinnere mich noch an seinen Namen: Marek.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Vizero, Vollmondparken, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

bei Nacht (rewind / forward)

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Ein Texaner erlegt einen kindsgroßen Ochsenfrosch und hält das Opfer seines Rekordmordes zufrieden in die Kamera.

Der neue Trend heisst Pussy Slapping – Mädchen schlagen sich gegenseitig heiter zwischen die Beine. Paleo-Diät und ein leichtes Kleidchen aus ungebleichter Baumwolle könnten gut dazu passen. Im Sommer auch ein Gurken-Zitronen-Eis, low fat.

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Nachts um eins quert eine Wildschweinrotte die Potsdamer Chausee. Ein Scherenschnitt aus fünf großen beschnauzten Kästen und acht kleinen schwanzwedelnden Kästchen die hintereinander her laufen. Ohne nach links und rechts zu schauen, traben sie durch die Nacht und vertrauen in die Geborgenheit der Herde. Ich bremse und lasse sie mit angehaltenem Atem passieren.

Nach der Fahrt durch die nahezu ausgestorbenen Straßen und über die Stadtautobahn kehre ich von meinem Ausflug mit der kranken Katze zurück. Zu meiner Freude ist die Spülmaschine ausgeräumt, der wedelnde Hund gefüttert und alles in schönster Ordnung. Der Bekannte sitzt nach getaner Arbeit über seinen Büchern und laboriert im Lichtschein der gußeisernen Tischlampe an der Ausdifferenzierung seines Geistes und der Erweiterung seiner Gedankenwelt. Das bisher Gedachte verwahrt er, abgefüllt in Gläsern unterschiedlicher Größe, in seinen inneren Katakomben, wo die Behältnisse nach einer geheimen Ordnung und in einem für Uneingeweihte undurchschaubaren Regalsystem der wechselnden Gewichtungen, Strömungen und Bezüge aufgereiht sind. Ich blicke da weder hinein noch durch und er schweigt sich, wie stets, über seine Welt aus,

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In der Tierklinik sitzt ein attraktiver Mann in einem lindgrünen Hemd und hält eine Kiste mit zwei Vögelchen auf dem Schoß. Er wird diese, ausgerüstet mit einer Zuckerlösung und ein paar guten Tipps, wieder mit nach Hause nehmen. Alle zwei Stunden füttern, feed them all two hours, sagt die Ärztin und fügt hinzu, don´t worry, they are thick.
Die Fragezeichen über des Mannes Kopf schweben noch im Raum, als er längst schon verschwunden ist.

Gleich neben mir wartet ein junges Paar, Mittzwanziger. Er mit Vollbart und zeitgenössischen Tätowierungen, sie langhaarig in enger Stretchjeans und mit silbernen Riemensandälchen. Auch sie haben einen Karton dabei, darin ein halbnackertes Küken, welches die Tierärztin im Vorbeihasten als Taube identifiziert. Später wird sich herausstellen, dass es sich, wie bei meiner Selma, um eine Amsel handelt, denn ich lotse das Paar zu derselben Dame, bei der ich Vorgestern, nach einer erneuten nervenaufreibenden Aktion (dieses Mal: Rettung vor der hungrigen Elster) meinen kleinen Findling abgegeben hatte. Die Vogelexpertin erkennt es auf den ersten Blick: was hier den dünnen  Hals nach oben reckt, kann keine Taube, sondern nur eine Drossel sein.
Selma und Amselina (wie ich das Küken im Geiste taufe) werden nun bis zu ihrer Auswilderung in Staaken leben. Amselina, so schreibt mir die Vogeldame gleich am Morgen per WhatsApp, hätte die Nacht nicht überlebt, wäre sie nicht in ihrer Obhut und damit auf einer Wärmescheibe in einem Frotteenest voll puckernder Schützlinge gelandet. Ich freue mich.

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Das tagelange, unstillbare Erbrechen der Katze endet übrigens rätselhafterweise so plötzlich wie es gekommen ist. Das Neonlicht der Klinik reicht aus, ihre Magensäfte gerinnen zu lassen und nachdem die Ärztin mit den lagunenblauen Haaren den Bauch der Tigerin abgetastet und für weich befunden hat, trete ich nach Stunden des Wartens hinaus in die seidige Nacht und hoffe, dass der rabiate Besitzer des angefahrenen Welpen, der aussieht wie  der bärtige Geiselnehmer von Gladbeck und sich aufführt wie die Axt im Walde, mich nicht auf den im Dunkeln liegenden Parkplatz verfolgen und mir dort den Schädel spalten wird (weil ich als Nichtraucherin seine Frage nach einer Kippe abschlägig bescheiden musste). Meine Bitte wird erhört, nichts Böses widerfährt mir und im Schutze des leise rauschenden Blätterdachs verlasse ich das nächtliche Gelände ohne Zwischenfall.

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Jetzt sitze ich nach einer traumlosen Nacht müde am Küchentisch, schaue hinaus ins satte Grün, lausche dem Regen und schreibe diese Zeilen, derweil der Bekannte sich eine Banane schält und seinen Kopf mit Buchstaben und Wörtern a.k.a. Informationsträgern füllt.
Heute Morgen ist es ihm gelungen den metallenen Deckel des Espressokännchens, der seit Langem schon lose ist, scheppernd auf das Glas des Cerankochfeldes fallen zu lassen und zeitgleich und auf unerklärliche Weise eine Kettenreaktion im etwa 2 Meter entfernten Spülbecken auszulösen, das laute Gegenscheppern von aufrecht in einem Becher stehenden Besteckteilen nämlich, die sich just in diesem Augenblicke aus ihrer Verschränkung lösten und klirrend auf dem porzellanenen Boden des Bechers aufschlugen. Wir hatten unsere Freude an dem schrägen Akkord.
Schläft ein Lied in allen Dingen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Daniele Civelo, Naturkundemuseum 48, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Stranded

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Ich verstehe in Etwa was mir Andere über ihre Arbeit und ihr Leben, über Indien, Cricket und über die Ferne erzählen. Gleichzeitig verstehe ich nichts von all dem. Ich höre nur Worte.

Einmal sah ich einen Bericht über Menschen, die in Sri Lanka am Strand schlafen müssen, weil sie kein Obdach haben. Überall auf dem nächtlichen Sand gab es dunkle Flecken, von Tüchern bedeckte Erhebungen, die sich dann und wann ein wenig bewegten. Ich sah diese Bilder und auf einmal durchfuhr es mich und ich dachte: wie wenig ich von der Welt und vom Leben weiss.
Die Kamera begleitete die Schlafenden durch die Nacht, bis sich wieder Leben unter den leichten, bunten Tüchern regte, und eine warme Sonne die Erwachenden beschien. Hell wie Mehl war das Licht des Morgens, staubig und trocken das Licht des Tages. Alles sah aus wie aus angebackenem und mit Mehl bestäubtem Pizzateig geformt. Die Lehmmauern, die Straßen, die gekalkten Häuser, die Handflächen der Menschen. Traurig wurde ich, denn mich dauerten die Menschen, die kein Obdach haben, die tagein und tagaus arbeiten und doch immer hungrig bleiben, die im Kielwasser einer gefräßigen Welt umhergewirbelt werden und die kämpfen müssen, um nicht rettungslos unterzugehen in diesem mächtigen Strudel..

Oft macht mich diese gleichgültige Welt sehr traurig und oft überlege ich, was ich tun könnte um einzugreifen, und als ich vor zwei Tagen Selma das Amselkind fand und in meine Obhut nahm, erinnerte ich mich auf einmal an folgendes Erlebnis:
Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, meine Eltern verbrachten den Tag mit uns am Kahler See, eine gute halbe Autostunde von Frankfurt entfernt. Wir lagen am Strand, im weißen Sommerlicht und ich blickte auf das Wasser. In Ufernähe planschten schreiende Kinder. Ein Vergnügen das mir fremd war. Noch nie hatte ich Spaß daran in der Gruppe laut zu sein und auch wenn der Lärm mich nicht störte, war ich doch lieber alleine oder hielt mich in der Nähe Erwachsener auf.

Es war ein sehr heißer, ein friedlicher Tag. Im Hintergrund dudelte Jazz. Ein paar Amerikaner saßen biertrinkend im Sand und kauten fremde Worte. Das Wasser glitzerte in der Sonne, die Luft in der Ferne verdichtete sich allmählich diesig und wie ich da am Ufer saß und auf den See blickte, bemerkte ich plötzlich, inmitten der tobenden Kinder und des wogenden und spritzenden Wassers, etwas Kleines, das auf der Oberfläche hin und hergeschaukelt wurde. Es war ein Schmetterling, ein Pfauenauge, der wahrscheinlich von einem Wasserschwall erfasst und in den See gerissen worden war, aus dem er nun nicht mehr heraus fand. Keines der spielenden Kinder, noch deren Eltern, schienen den Überlebenskampf des kleinen Pfauenauges zu bemerken, das wieder und wieder versuchte sich mit Flügelschlägen in die Luft zu retten, während neben ihm kleine Arme ins Wasser patschten, es um Haaresbreite verfehlten und  fröhliche Rufe seine Not übertönten.
Auf einmal verstand ich was passieren würde: das kleine Tier würde sterben. Es würde untergehen und ertrinken und ich allein konnte das verhindern. Dieser Gedanke und die mit ihm einhergehende Verantwortung, diese dringende und schicksalhafte Notwendigkeit zu handeln, ließen mich erschauern, sie schmerzten und euphorisierten mich zugleich und wie ferngesteuert sprang ich auf, rannte zum Ufer und lief so schnell ich konnte in den See hinein. Mit aller Kraft schob ich meinen Körper durch das kühle, schwere Nass und schlängelte mich, den Schmetterling nicht aus den Augen lassend, an den wild rudernden Kinderarmen vorbei. Die Reflektionen der Sonne blendeten mich und es rauschte in meinen Ohren, dahinter, weit entfernt, brandete das Lachen der Kinder, der Sommer, das Leben.
Als ich meinen Schützling endlich erreichte, formte ich mit beiden Händen eine Schale, mit der ich ihn zunächst von oben beschirmte und die ich schließlich unter ihn schob, um ihn vorsichtig abzuschöpfen. Als ich ihn sicher in den Händen hatte, spreizte ich die Finger, ließ das Wasser  ablaufen und stakste anschließend mit weit nach oben gestreckten Armen an den schreienden Kindern vorbei ans Ufer, wo ich mir einen ruhigen Fleck suchte und mich setzte. Ganz still wurde es um mich, die Zeit, die eben noch in schnellem Takt getrommelt hatte, tickte auf einmal ganz langsam, der Tumult in meinem Inneren legte sich und das Rauschen in den Ohren ließ nach. Der Falter auf meiner Hand saß erst wie tot, nur seine Fühler bewegten sich, dann aber breitete er seine Flügel aus und ließ sie von der Sonne bescheinen. Nach einer Weile klappte er die Flügel zusammen, um auch die Unterseiten trocknen zu lassen und verharrte ansonsten auf der Innenfläche meiner Hand. Ich schaute ihm zu, fühlte seine Füßchen auf meiner Haut, atmete vorsichtig und war sehr froh. Irgendwann, es mochten fünf oder zehn Minuten vergangen sein, bewegte er seine Flügel etwas schneller, flatterte ein wenig, wie zur Probe, und flog schließlich davon. Während ich ihm nachblickte, überkam mich  der gleiche tiefe Schmerz und die gleiche Euphorie, wie ich sie in jenem Moment empfunden hatte, als ich mir meiner Verantwortung für sein Leben bewusst geworden war.

Es war derselbe See, an dem ich nur wenige Wochen später in Not geriet. Ich war ohne  Schwimmärmelchen mit dem Schlauchboot hinausgepaddelt und hatte am gegenüber liegenden Ufer angelegt. Dort musste sich, von mir unbemerkt, ein Nagel durch die Bootshülle gestochen haben. Doch erst als ich wieder auf dem offenen Wasser war, entdeckte ich, dass ich Luft verlor und das Heck immer tiefer eintauchte. Da das Boot sehr schnell manövrierunfähig wurde, warf ich das Paddel ins Wasser, hielt mich an dem noch luftgefüllten Bug fest, strampelte mit den Beinen und schaute zum Strand herüber, wo ich meine Eltern vermutete, doch ich fand sie nicht. Zu weit entfernt war ich von ihnen.


An dem Ufer, an das ich kurz zuvor angelegt hatte, befanden sich, inmitten eines kleinen Wäldchens Holzhütten und Lauben. Einer der Männer, die dort mit ihren Familien das Wochenende verbrachten, musste mich gesehen und meine Situation erkannt haben. Beherzt sprang er ins Wasser, kam mit schnellen Zügen zu mir herüber geschwommen, griff nach der Kordel meines Bootes und hieß mich, mit beiden Armen den Bug zu umklammern und keinesfalls loszulassen. Dann schwamm er los und zog mein Boot und mich zurück zu unserer Badestelle. Ich dachte daran, dass meine Schwester mir von Zitteraalen erzählt hatte, die sich in den Tiefen des Sees tummelten und die mit Stromstößen Schwimmer töten konnten. Ich hoffte, dass die Aale den Mann verschonen und wir beide überleben würden. Tatsächlich schienen die Aale zu schlafen, denn wir erreichten das Ufer unversehrt und als wir im brusttiefen Wasser angekommem waren, ließ ich das Boot los und watete mit wackligen Beinen an Land. Statt mich zu meinen Eltern zu bringen, wie ich befürchtet hatte, hob der Mann nun die Hand zum Gruß, ging wortlos zurück ins Wasser und schwamm wieder zu seiner Laube.
Ich ließ das inzwischen vollkommen erschlaffte Schlauchboot liegen, machte mich auf die Suche nach  meiner Familie und fand sie in der Sonne dösend vor.  Wortlos legte ich mich zu ihnen, hielt mein Gesicht ins Licht und betrachtete durch halbgeschlossene Lider meine nassen Wimpern, die in Regenbogenfarben schillerten.

 

 

 

Musik: Stranded, The Saints

 

 

 

 

Bild: Wikipedia
Lizenz: == Beschreibung == {{Information| |Description = Kahler See, holiday home area, near Kahl/Main, Bavaria/Germany |Source = photo taken by Gabriele Delhey |Date = created July 12, 2005 |Author = [[:de:Benutzer:Reise-Line|Gabriele

verbindlich unverbindlich

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Die Freundinnen klagen über die Unverbindlichkeit der Männer, die sie kennenlernen. Darüber, dass niemand sich festlegen möchte. Flexibel bleiben.
Ich merke das Gleiche im Job. Vorstellungsgespräche laufen mehr und mehr so ab, dass die Bewerber fragen, was ihnen geboten wird, und immer weniger einzusehen scheinen, dass sie auch etwas bieten müssen, nämlich vor allem Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit.

Ein Vorstellungsgespräch bei dem die Aspirantin schon im zweiten Satz ungefragt verlautbaren lässt, dass sie übrigens im Sommer in jedem Fall 6 Wochen verreisen wird, komme was da wolle. Das sei ihr heilig und kein Job der Welt sei es wert von diesem Plan in irgendeiner Weise abzurücken, ihn zu modifizieren oder sich mit den Kolleginnen abzusprechen, lassen mich sprachlos zurück.
Ich habe das Gespräch dann trotzdem zuende geführt und die Dame dann mit freundlichen Worten zum Ausgang begleitet.  Wir melden uns. Sie schien sehr zufrieden mit ihrem Auftritt gewesen zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Country-Sunshine, flickr, 001-017-01
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Stuhl im Busch

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Weil Menschen sich in die Büsche schlagen und dort ihre Exkremente hinterlassen, in denen mein Hund sich liebend gerne herum wälzt, muss ich auf jede noch so kurze Reise Hundeshampoo, eine Ersatzhalsband, Desinfektionsmittel, Einmal-Handschuhe, Küchenpapier und ein Hundehandtuch mitnehmen.
Da der kranke Hund Spezialfutter und Medikamente und außerdem Näpfe und eine Decke braucht, reise ich inzwischen mit einen Rollkoffer nur für sie, während ich meine zwei Wechselgarnituren, mein Waschzeug und Wipp Express in einem Stoffbeutel mitführe.

Bestimmt malt sich jemand, der gerade seine Notdurft im Gebüsch verrichtet, überhaupt nicht aus, welche Konsequenzen sein Handeln nach sich zieht. Und sicher denkt er, während er so da hockt und sein Geschäft erledigt, nicht darüber nach, dass ich wegen der überall zu erwartenden Hinterlassenschaften immer mit mindestens 1 kg zusätzlichem Gepäck reisen muss. Ist ja nicht so schlimm, könnte man meinen, und so denkt vielleicht auch der Hockende, der nichts als Erleichterung verspürt, wie er da so aus dem Gebüsch heraus kommt und seinen Hosenknopf schließt. Doch wie meist im Leben, hat das, was der Eine macht, Auswirkungen auf seine Umwelt, und manchmal sind diese so schwerwiegend, dass sie sogar Leben gefährden oder kosten. Flöge ich nämlich, beispielweise, ständig mit meinem Hund durch die Gegend, wie man es inzwischen jederzeit für läppische 14,50 € tun kann, führte das stuhlbeseitigungsbedingte Extra-Kilo zu einem höheren Kerosinverbrauch, dessen umweltschädigende Wirkung letztlich dafür sorgte, dass ein kleines Amselküken im Nest stürbe. Kaum in der Welt wäre es schon wieder weg, ohne auch nur ein einziges Mal irgendwo in Pankow zum frühabendlichen Flöten um 17.30 Uhr angesetzt zu haben.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die verheerende Langzeitwirkung auf die Amselpopulation auszumalen, wenn jeder von uns sich im Gebüsch erleichterte. Nicht lange und die schönen lackschwarzen Vögel wären für immer verstummt.
Doch das ist nicht die einzige Gefahr, die von den Exkrementen im Unterholz ausgeht,
Manchmal frisst mein Hund das, was er da im Gebüsch vorfindet nämlich auch auf, anstatt sich darin zu wälzen. Das führte ein Mal sogar dazu, dass es ihr sehr, sehr schlecht ging und ich zum Tierarzt mit ihr musste. Dieser verpasste ihr eine Infusion, spritzte irgendwas und erklärte mir, dass mein Tölchen aller Wahrscheinlichkeit nach Drogenstuhl gefuttert habe, und dass immer wieder Hunde an derlei giftigen Ausscheidungen stürben (ich sach nur: Fusion). Zum Glück hat sie es überlebt, doch weil Sonntag war, kostete mich der Mist 120 € und zusätzlich bange Stunden.

Über meinen persönlichen Ekel, wenn ich die stinkende Masse aus dem Bart meines Hundes zuzeln muss, möchte ich erst gar nicht reden. Der tötet ja wenigstens nicht.

Nach solchen unangenehmen Erfahrungen, könnte man erwarten, dass ich überaus zufrieden bin, wenn jemand die Verantwortung für seine Fäkalien übernimmt.
Insofern hätte die erste Begegnung mit dem gutaussehenden und interessanten Hundebesitzer, den ich vor einigen Jahren auf meiner Hunderunde traf, eigentlich der Beginn einer großen Liebe sein können. Es war ein schöner Nachmittag im Frühsommer, angeregt plaudernd gingen wir nebeneinander her, unsere Hunde tobten ausgelassen um uns herum und alles war eitel Wonne. Als wir an einem Gebüsch vorbeilkamen, verschwand der Mann wortlos in selbigem und ich spazierte mit Tölchen diskret weiter. An der nächsten Bank wartete ich auf ihn. Zwei Minuten später folgte der Mann uns. Zielstrebig ging er auf den, neben der Bank befindlichen, Papierkorb zu und warf einen prall gefüllten Kotbeutel hinein.

Ich weiss nicht genau, wie lange diese Sache nun schon zurück liegt. Aber jedes Mal, wenn ich den Mann seither irgendwo getroffen habe, denke ich an das satte, schwere Geräusch, dass der Beutel machte, als er in den metallenen Papierkorb plumpste. Und ich muss zugeben: es wäre mir lieber gwesen, er hätte seine Hinterlassenschaften da gelassen, wo sie waren.

 

 

 

 

 

 

Bild: Daniel Ziegener, Blauer Stuhl, flickr
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Leidenschaft

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Eigentlich wollte ich ja was über den Buick schreiben, und wie wir damit die steilsten Straßen von San Francisco erst ganz langsam nach oben geschippert sind, um sie dann mit Vollgas runterzubrettern, dabei die Fußgängerüberwege, die wie Stufen das Gefälle unterbrachen, als Sprungschanzen zu nutzen, auf diese Weise einen riesigen Satz nach vorne zu machen und abzuheben, wodurch es den Magen anhob und das Becken gleichzeitig nach unten riss, was zu einer interessanten und vielversprechenden Dehnung und einem verheißungsvollen Ziehen im Inneren führte, bis der Wagen schließlich krachend aufschlug, es unsere Eingeweide angenehm zusammenstauchte und uns so ein weiterer süßer Schmerz beschert wurde. Insbesondere der Rückstoß ins Becken entpuppte sich als ein besonderer Hochgenuß, den wir wieder und wieder erleben wollten, weshalb wir den Berg ein um´s andere Mal mit unserem weißen Schiff erklommen und oben angekommen Encore une fois! schrien. Vor uns lag tiefblau der Pazifik. Der Felsen von Alcatraz leuchtete in der Sonne, Ice T besang seine 99 problems und wir rasten in unser kleines Glück.

Doch als ich gerade im Begriff war diesen nämlichen Text zu schreiben, kam ich beinahe zufällig an einer Metzgerei im Kiez vorbei und erlebte, vor dem Schaufenster stehend, eine Hausschlachtung mit. Der Fleischer, ein vierschrötiger Typ, ließ sich sehr viel Zeit bei seiner Arbeit, die man, angesichts der Begeisterung der Menschenmenge, die sich vor dem Laden zusammengefunden hatte, und der offenkundigen Genugtuung, ja Hingabe, mit der der Mann seine Tätigkeit verrichtete, ruhigen Gewissens als Hinrichtung bezeichnen kann.
Hin und wieder legte der Henker eine Pause ein, warf einen Blick in die Runde und nahm den Beifall und die Jubelrufe der Schaulustigen entgegen. So gestärkt machte er weiter.
Die Schreie des Publikums steigerten sich zu beinahe orgiastischem Ausmaß, wann immer der Vollstrecker eine Arterie traf und das Blut stoßweise an die hochgefliesten Wände spritzte. Während der Hinrichtung kraulte und beruhigte der Mann das todwunde Opfer, eine Handaufzucht, von Zeit zu Zeit und streichelte es sanft hinter den Ohren, Good boy, du schaffst das, du bist stark!, um mit der anderen Hand bereits zum nächsten Stoß anzusetzen und das Messer – zack – ein weiteres Mal fachgerecht zwischen den Rippen des Sterbenden zu versenken. Als das Werk endlich vollbracht war, trennte er den Kopf des Opfers von den Schultern, legte diesen auf ein Tablett und steckte ihm ein blankpoliertes Äpfelchen zwischen die Zähne. Neben das Arrangement stellte er ein Schild mit der Aufschrift:

Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen

Blutwurst, Blutwurst! skandierte das hungrige Publikum.
Der Metzger wischte erschöpft seine Hände an der Schürze ab, trat vor seine Gefolgschaft und erhob die Hand zum Victory-Zeichen.

 

 

 

 

Bild1: Gunnar Stender, Great Shot, flickr
Lizenz: https://www.flickr.com/photos/nutch3/4717383769/in/faves-139247418@N03/

Frohsinn, Frust & Freunde

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Der Feuerwehrmann ruft an und wir verabreden uns für die kommende Woche. Es nervt mich, dass ich auf die Frage wie es mir geht nicht antworten kann: Supergut, danke, und selbst? Also sage ich irgend etwas halbwegs okayes. Sowas wie: Och ja, und wie isses bei Dir?

Vielleicht sollte ich mir für unser Treffen ein paar schöne Erlebnisse ausdenken, etwas, was ihn unterhalten und beruhigen würde, eine Art Positivbeichte. Stell Dir vor. Und dann erzählte ich von superleckeren Muffins und köstlichen Cup Cakes, die ich gebacken, von einem voll witzigen Kunststückchen, dass ich meinen Hund gelehrt hätte und von einem zauberhaften Abend im Wintergarten (Programm lesen, Kritiken studieren und Bilder aus dem Netz runterladen!), zusammen mit dem neuen Lover (Sixpack ausdenken), der eine Granate im Bett sei (vieldeutig lächeln). Mit meinem erfundenen Lottogwinn hielte ich dann auch nicht länger hinterm Berg (jubeljubel!) ebensowenig mit der unerwarteten und uns alle sehr glücklich machenden Genesung der G.

Die gerade verstorbene Lieblingstante verschwiege ich besser, ebenso, wie die Schikanen meiner Vermieterin, die Folgen des Wasserschadens sowie meinen erneuten Krankheitsschub. Stattdessen zeigte ich ihm Bilder der Sommerreise und erzählte ihm, dass ich von meinem Lottogewinn jetzt ganzjährig ein Appartement in meiner bevorzugten Urlaubsregion, den Alpen, gemietet habe.
Oh, und ein Pferd konnte ich mir auch endlich zulegen, eine preisgekrönte Hannoveranerstute namens Sweet Destiny, Rückenhöhe einsachtzig, und jetzt fahre ich  3 Mal die Woche nach Strausberg zum Reiten. Zu blöd nur, dass ich immer mit dem Taxi dort hin reisen muss, weil der aufwändig restaurierte, feuerrote Ford Mustang schon wieder in der Werkstatt steht. Ob der Feuerwehrmann mir wohl eine Empfehlung für einen zuverlässigen Zweitwagen, aber bitte keinen Leiterwagen (hihi), geben könne?

Oder ich erzähle gar nichts und stelle immer nur Fragen. Manche Menschen mögen das, wenn sie ganz ohne Störungen und Hindernisse von sich berichten können. Keine Unterbrechungen durch lästiges Gequassel und Selbstoffenbarungen des bedürftigen Gegenübers.

Der Feuerwehrmann aber ist nicht so einer. Der will wirklich wissen, wie es mir geht und der merkt, wenn ich bloß Geschichten erzähle. Deswegen ist er auch mein Freund, der Feuerwehrmann. Unter anderem. Und Freunde sind vielleicht das Allerwichtigste, wenn´s einem so geht, wie es mir gerade geht.

Gestern zum Beispiel liege ich mit Fieber im Bett und mir ist speiübel und alles tut mir weh, das kaputte Knie puckert, nachdem ich es mir dummerweise am Tisch gestoßen habe, und im Hintergrund erbricht sich die genesen geglaubte Katze. Da kommt die kleine Polin zu mir, setzt sich neben mein Bett und liest mir Hauffs Der kleine Muck vor. Kurz darauf trudelt auch der Unterfranke mit seinem Hund Rüpel ein und fragt wann es nun eigentlich soweit sei mit unserer Hochzeit. Ich lache. Da setzt auch er sich zu uns in die dunkle Märchenhöhle, wo die Kleine (aus Gründen der Heimeligkeit) im Schein der Taschenlampe weiter liest, unterbrochen nur vom Geknister der Kekspackung, die der Unterfranke aus seinem Rucksack hervorkramt und brüderlich mit Rüpel teilt.

Nachdem die Geschichte ausgeklungen ist und jeder von uns ihr eine Weile nachgesonnen hat, räuspert sich der Unterfranke und erzählt, dass sein Telefonanbieter ihm nach seiner schriftlichen Vertragskündigung angerufen und im Nachgang behauptet habe, dass bei diesem Telefonat ein neuer Vertrag zustande gekommen sei. Ich berichte ihm, dass mein Mail-Provider gerade etwas Ähnliches bei mir versucht habe, wogegen ich mich mit Verbalkarate und bombastischen Drohszenarien erfolgreich zur Wehr setzen konnte, und, dass ich jedem, der mir mit irgendwelchen angeblichen Online-Vertragsabschlüssen künftig komisch käme, direkt mal, und zwar mit Anlauf, krawumm!
Ob ich das Gleiche wohl auch für ihn tun und ihm diesen lästigen Vertrag vom Halse schaffen könne, bittet der Unterfranke, und ich sage: Claro, that´s what friends are for.

 

 

 

 

 

 

Foto: Jörg Kantel (Gabriele Kantel), Drachenfest auf dem Tempelhofer Feld, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

patient

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Wenn es nicht zwingend nötig ist, lege ich mich ungern fest. Habe ich beispielsweise eine Zugfahrt ins Auge gefasst, bleibe ich beinahe bis zum Schluss mit der Abfahrtszeit vage und vertrödele mich dann durch vorsätzliche Prokrastination und exzessives Cappuccinotrinken, bis der Magen reisekrank ist, noch ehe ich ihn auf die Schienen gebracht habe. Das mache ich solange, bis ich endlich in Zeitnot bin, mein Puls gefährlich  trommelt, ich nur noch in einem irrem Stakkato denken und handeln kann, bis zum Wahnsinn beschleunigt zum Bahnhof rase, wo ich in allerletzter Minute oder Sekunde den Bahnsteig erreiche und mit dem mahnenden Pfiff des Schaffners in den Zug stolpere. Im Bordlokal angekommen falle ich vollkommen erledigt in den Sitz, mein Mund ist von der Aufregung staubtrocken und ich muss mich bei ein bis zwei Cappuccini für den Rest der Fahrt von den unsäglichen Strapazen erholen.
Noch ungerner (ja), als mich auf eine genaue Reisezeit festzulegen, warte ich im Bahnhof. Ich hasse es, an einem zugigen Gleis zu hocken und gemeinsam mit anderen auf die Schienen zu glotzen, oder in die Ferne zu starren, ob der Zug nun endlich kommt. Das ist wie Schlange stehen, nur eben nebeneinander. Und Schlange stehen ist wie Stau und Stau ist Mord.

Vorwärtsgang/ Rückwärtsgang / kloink/ krach/ bumm/ schepper/ 


Dann lieber Hektik. Oder Umwege in Kauf nehmen. Meinetwegen auch große. Hauptsache nicht stehen bleiben. Niemals. Don´t stop til you get enough.

Nur in der Notaufnahme von Krankenhäusern bin ich geduldig (patient). Da warte ich beinahe schon gerne, weil mir das immer noch besser erscheint, als dranzukommen und eine furchtbare Diagnose zu erhalten. Lieber sollen die anderen erstmal verarztet werden. Die sind eh schlimmer dran als ich. Wie zum Beispiel der junge schlaksige Typ, der sich, in heller Panik und fast wahnsinnig vor Schmerz, auf dem Boden des überfüllten Flures windet, beide Hände gegen eine unfassbar dicke Wange gedrückt und die blutrot unterlaufenen Augen verdreht, wie ein enzephalitisches Rind. Sehr Leid tut er mir.
Später kommt raus, dass es sich um eine allergische Reaktion auf eine Zahnkrone oder eine Wurzelfüllung handelt und der Zahn, oder was auch immer, sofort entfernt werden muss, weil sonst ein anaphylaktischer Schock  droht. Angesichts seines Elends nehme ich mir vor zu sparen, um in Zukunft  nur noch Platin oder Titanium in meinem Mund verbauen lassen zu können. Hoffentlich halten die vorhandenen Wurzelfüllungen still.
Der alten Dame, mit der dicken blutigen Nase und der aufgeplatzten Lippe, die in ihrer Wohnung gestürzt ist und nun seit Ewigkeiten, schlimm zugerichtet, auf einer Liege im Flur wartet, lasse ich auch gerne den Vortritt. Sie wird wahrscheinlich stationär aufgenommen und sorgt sich. Wer wird bloß die Miezi füttern, fragt sie weinend mit ihrem geschundenen Gesicht.
Der Obdachlose neben mir erzählt, dass er einen Schlaganfall hatte, seit dem Morgen unbehandelt hier herumsitzt und großen Durst verspürt. Möchten Sie ein Bier, fragt ihn der mitfühlende Unterfranke. Nein, lieber Wasser. Der Unterfranke bringt ihm das Ersehnte und da es sonst nichts zu tun gibt, schauen wir dem Mann beim Trinken zu.
Drei Stunden später kleben die Zungen aller Mühseligen und Beladenen am ausgetrockneten Gaumen. Da fassen der Unterfranke und ich uns ein Herz, werfen unser Geld zusammen und kaufen im klinikinternen Kiosk überteuerte Getränke, die wir an die Bedürftigen weitergeben. Nur die Prinzenrolle teilen wir nicht. Die essen wir ganz alleine auf und der Unterfranke grunzt dabei, als würden wir gerade first class speisen. (Lecker, Schnucki!)

Nach 6 Stunden des Wartens werde ich schließlich ins Sprechzimmer gerufen, doch da geht es mir, frisch gestärkt durch Speis und Trank, wieder blendend. Es wird noch zwei Jahre und manchen Zwischenfall dauern, bis endlich ein Notarzt mein Herz auf frischer Tat ertappt, ich eine Diagnose erhalte und das Thema Hypochondrie (zumindest diesbezüglich und vorerst) vom Tisch ist. Dieses Mal aber tätschelt der junge Arzt, der aussieht wie Jamiroquai mit einer sehr schlimmen Frisur, gönnerhaft meine Schulter und sagt: Tja, Frau X., der Schwindel ist eine große Wundertüte. Anschließend schickt er mich mit einer launigen Bemerkung über meine Glitzersocken nach Hause.
Draußen im Flur ist die alte Frau verschwunden. Ich hoffe der Sozialdienst kümmert sich um die Katze.
Eigentlich sollte dieser Text davon berichten, wie ich in einem liegengebliebenen ICE bei Lehrte auf Klawdia traf und sie zuerst meine und später dann die Chauchat des Argentiniers wurde.
Diese Geschichte muss ein andermal erzählt werden. Sie wäre sicher sehr lesenswert geworden. Nicht zuletzt, weil Klawdia eine hinreißend schöne und erotische Frau, mit der Anmut und der gefährlichen Konzentration einer lauernden Katze, ist.

 

 

 

 

 

Bild: Murfomurf, little lurker, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Das Gewand

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Auf einem hölzernen Bügel hängt ein schwarzes Gewand.
Aus schwerem Stoff gefertigt, wird es im Rücken mit einem durchgehenden Reißverschluss zusammengehalten.Vorne ist es hochgeschlossen und seine schmalen Ärmel reichen bis zum Saum. Die auf der Vorderseite eingelassene Falte lässt es nach unten hin ein wenig aufspringen.

Vor einigen Wochen, vielleicht sind es auch Monate, erwarb ich dieses ungewöhnliche Kleidungsstück, dessen talarähnliches Aussehen mich bereits beim Betreten des, von lauter Musik durchwummerten, Geschäftes auf eine unerklärliche Weise angezogen hatte und mich es ohne Anprobe kaufen und nach Hause tragen ließ.

Ein paar Tage hing es dort und immer wieder beäugte ich es ratlos. Dann nahm ich es vom Bügel, brachte es zur nahegelegenen Schneiderin und bat sie es zu kürzen. Nach dem Abholen hängte ich es erneut auf, wählte dieses Mal aber einem Platz dicht unter der Zimmerdecke, so, dass ich seither aufblicken muss um es zu betrachten.

Manchmal stelle ich mich direkt darunter, schaue in sein Inneres hinein, wie in ein Zelt und sehe mich plötzlich in einem hellen, gefliesten Raum stehen. Unbekannte Hände streifen mir das Gewand über meine ausgestreckten, willenlosen  Arme und verschließen es im Rücken. Unterdessen laufen tuscheschwarze Tränen über mein bleiches Gesicht.

Vor diesem Tag fürchte ich mich und bis heute habe ich es nicht gewagt auch nur das Preisschild zu entfernen, geschweige denn das Kleidungsstück in den Schrank zu hängen.
Ich habe Angst, dass die Regel, nach welcher allein der mitgenommene Schirm den Regenguss verhindern kann, auch hier Gültigkeit finden würde.

Solange ich das Gewand unberührt hängen lasse wird das Ereignis, für welches ich es mir gekauft habe, nicht eintreten.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, px4u by team cu29, Herbst
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