Der Damals-Zähler

Meine Immobilität nützt dem Blog. Ich schreibe wieder und die Zugriffszahlen gehen ein wenig nach oben.
Vor langer Zeit, als Mrs. Mob noch bloggte, wurde einmal ein Beitrag von mir in der FAZ verlinkt und ein ungekannter Besucheransturm, der mich so erschreckte, dass ich hier für ein paar Tage dicht machen musste, setzte ein. Damals neigte ich noch dazu, bei jeder emotionalen Erschütterung (und derer gab es viele) die Schotten dicht zu machen (man stelle sich an dieser Stelle bitte von mir eigenhändig abgefüllte, heavy trinkende Männer in karierten Röcken vor).
Damals.


Auf dem Invalidenfriedhof huldigen braune Säcke anderen braunen längst und glücklicherweise unter der Erde befindlichen braunen Säcken, indem sie an deren mutmaßlichen aber ungekennzeichneten Gräbern Kränze niederlegen und Lichter entzünden.
Das Erzählen dieser, von der Friedhofsverwaltung offensichtlich geduldeten, unappetitlichen Begebenheit hat Herrn Ackerbaus Sellmals-Zähler aus der 88er-Verdachtszone, zurück ins unbescholtene Leben geführt.

Richtiges Leben

Bin ick Charles de Gaulle, frage ich, als die Russin mir etwas herüber reicht und meine (langen) Arme nicht ausreichen, es zu greifen. Weil Wokis Seufzen mich ablenkt, beantworte ich die Frage in ihrem Blick nur mit einem kurzen „Marfan“ und beobachte aus dem Augenwinkel wie die kleine Hündin, auf ihrem Riesenesel Boris sitzend, rückwärts durch den Raum juckelt bis sie aus meinem Blickfeld verschwunden ist.


Wokis frühere Besitzerin postet nach der Trennung von ihrem Mann das Foto eines ringsum abgeschlagenen Waschbeckens untertitelt mit: ich funktioniere noch.
Auf demselben Messenger versorgt eine volltätowierte und gepiercte Bekannte ihren ähnlich gestalteten Partner mit Sinnsprüchen, getarnt als Stautusmeldungen, die in lässigem Ton ihre Souveränität beschwören sollen und am Ende doch bloß sagen: hab mich bitte lieb, auch wenn ich klein und bedürftig bin. Heart of gold.

In meinem „Privatleben“ gab es so etwas wie einen Paukenschlag, den ich gelassen und unbeschadet hinnehmen konnte, weil ich zum einen durch jahrelanges Training geübt darin bin Tiefschläge abzuwehren und zum anderen mir eine schulterzuckende Sei-es-wie es-ist -Mentalität erarbeitet habe, die mich davor schützt über jedes Stöckchen zu springen und ins kräfteraubende und sinnlose Lamentieren zurück zu fallen. Ich verdanke Corona so viel.
Meine Atmung wird unterdessen leider schlechter. An manchen Tagen kann ich keinen ganzen Satz mehr sagen, ohne zwischendurch mehrfach Luft holen zu müssen. Oft entscheide ich mich, ganz zu schweigen, weil mir die Puste für unnötiges Gequatsche fehlt.
Auch irgendwie gut. Mein Ernst.


desseller

Stress kickt, Adrenalin ist Droge und Prokrastination Garant für baldige Suchtbefriedigung. Auf Trödeln folgt Eile, kleine Verzögerungskniffe verwandeln Hast in Hektik und schließlich in Panik (Adrenalin).

Die Pandemie hat mir die letzte Suchtfreude genommen. Stress macht nicht länger den Eu-Umweg, sondern gleich müde, und immer seltener grübele ich über anderer Menschen Unergründlichkeiten nach.

Der Mann im Dickicht erwähnt einen vom Rücken abgeschälten Rucksack. Absatteln muss es heißen (frz.: desseller), denke ich, umso mehr wenn es sich um die quadratische Last eines Rider handelt.

Was noch: das zweite Knie ist jetzt auch futschikato. Wenn erst das zweite Sprunggelenk fetzt, ist endlich Symmetrie zurück gekehrt.
Mir geht es gut.


Es passieren auch gute Dinge: der Herr Ackerbau jätet wieder
und ist inzwischen sogar heimlicher Herrscher über die gärtnerischen
Aktivitäten des Grünflächenamt Mitte geworden.
Wie das den Spatzen gefällt, wird sich zeigen. Ich begrüße es!

Es ist Sommer und die seit Tagen herbeikrakeelte Hitzewelle soll
heute endlich einrollen. Keine 45 Grad wie von den Medien
herbeigefiebert, aber 40 könnten es werden, irgendwo in Deutschland.
In der Nachbarschaft gibt es eine Tiefgarage mit Ausblick.
Wann mmer ich dort vorbeikomme, streift modrige Kühle meinen geplagten Körper und meine anhaltende Anosmie bewahrt mich vor schlechten Gerüchen.
Sobald dieser Text fertig gestellt ist, sammle ich meine Hunde ein, packe den Rucksack und mache mich auf den Weg dorthin.

Undo

Eine kleine Unaufmerksamkeit und der Fuß ist lädiert. Ein weiteres Missgeschick und das Knie ist auch hinüber. Katastrophen haben ihren Reiz verloren. ich mag sie nicht mal mehr erzählen. Langweilig und lästig.


Und doch:
Woki wurde angegriffen. Gleich drei Attacken von drei verschiedenen Hündinnen. Die schwerste von einem Staffordweibchen. Seitdem habe ich einen ängstlichen Hund, der auf den Arm will, wenn wir das Haus verlassen. Aber der Platz auf dem Arm gehört noch immer dem alten Tölchen, das, sobald ich sie auf die großen Steinplatten setze, wie eine Alzheinerpatientin durch die Gegend tippelt.
Es schmerzt und rührt mich, meine Gefährtin so zu sehen.

Weil die Klappen nicht mehr richtig schließen, bekommt der Besuchshund inzwischen morgens und abends Medikamente, die ihr sichtlich guttun. Die Hitze verträgt sie trotzdem nicht. Unsere Spaziergänge habe ich deswegen in die kühleren Abendstunden gelegt.
Die Tigerin hat die kritische Phase überwunden, bleibt aber angeschlagen. Sie ist neunzehn und ich weiß, dass auch unsere gemeinsamen Tage sich dem Ende zuneigen.
Über dem Sommer liegt der Blur des Abschiedes.

Überhaupt geht alles zu Ende. Unsere Welt verändert sich, der Krieg tobt weiter, das Geld verliert an Wert, Armut und Unmut steigen. Von Wärmestuben für Bedürftige ist die Rede, wenn das Gas ausgeht. Ich versuche, mir keine Angst machen zu lassen.

Unterdessen feiert unser Finazminister eine mehrtägige Hochzeit, nicht ohne das Volk zuvor auf Verzicht in Herbst und Winter eingestimmt zu haben.