still alive

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Der Oktober naht und mit ihm mein Geburtstag. Der zweite.
Das Licht ist ähnlich jenem vor zwei Jahren, die Luft ist mild, der Herbst kommt heran mit großen Schritten und ich fühle mich sehr Zuhause in dieser Zeit des Wandels.

Am 5. Oktober 2014 hat mich ein Feuerwehrmann der Berliner Feuerwehr wieder ins Leben zurückgeholt.
Wer sich diesen besonderen Menschen anschauen und etwas über seine wichtige Arbeit erfahren möchte, kann das hier beim Kiezrekorder tun.

Im zweiten Teil des Interviews erzählt er ab ca. Minute 6 davon, wie er es erlebt, wenn ein Mensch, mit dem er eben noch gesprochen hat, stirbt und die Seele den Körper verlässt. Direkt im Anschluss berichtet er, wie er mich nach meinem Herzstillstand wieder ins Leben zurückholen konnte.
Das noch einmal zu hören hat mich sehr berührt.
Ich bin für jeden einzelnen Tag dankbar, den ich seit dem 5. Oktober erleben durfte und ich freue mich auf und über meinen nahenden Jahrestag.

Ein Hoch auf Feuerwehrmann Ludwig (und auf die Berliner Feuerwehr. Auf alle anderen Feuerwehrleute und Lebensretter natürlich auch)!

 

(Dank an Stony für den Hinweis und den Link!)
Bild: screenshot v Teil II des Interviews

Infirmitas

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Die Mittagssonne wirft harte Schatten. Die Häuser stehen wie auf einem Modell. Die Zeit, ein heißes Bad. Über dem Asphalt flirrt die Luft und Alien Schmidt kehrt zurück in seinen Quader.

Aufgeschlagen liegt das Buch auf dem Podest. Mit seinem Zeigestab fährt er Zeile für Zeile darüber bis dessen Spitze anfängt zu leuchten. Dann hält er inne.

Ohnmacht steht dort. Alien Schmidt lächelt.

 

 

 

 

 

 

Bild: Harald, Henry-Ford-Bau, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Außenwelle

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Gibt es die eigentlich noch, diese Dauertanzwettbewerbe, bei denen zu Tode erschöpfte Pärchen sich auf einer halbverlassenen Tanzfläche im Kreise drehen, bis sie umkippen und dafür belohnt werden mit was weiß ich.

Gibt es die eigentlich noch, diese kleinen PEZ-Spender in deren langen Plastikhals man einen Stapel der eckigen flachen Bonbons einlegt und diese dann durch Nachhintenklappen des aufgesetzten Tierkopfes oben wieder herausschiebt und aufisst?(Rauchen verboten, PEZen erlaubt!)

Früher waren es rot eingefärbte Nüsse, die wir aus dem Tischautomaten am Tresen holten, während unsere Eltern beim Ouzo versackten im blauen Dunst.

Gleich nebenan die Reinigung, Röver, und einen Eingang weiter das kleine Wollgeschäft in das ich an einem Herbsttag, ich muss 11 gewesen sein, hineinspazierte, 12 Knäuel dicke taubengraue Schurwolle kaufte und die Verkäuferin anschließend fragte wie ich einen Pullover daraus fertigen könne. Sie erklärte es mir und gab mir ein paar Stricknadeln in die Hand. Danach saß ich jeden Nachmittag bei ihr und strickte, so, wie sie es mir gezeigt hatte, und auch sie handarbeitete schweigend, warf ab und an einen verwunderten Blick zu mir herüber und lächelte.

Man kann sich denken, dass das Ganze nicht den Beifall meiner Mutter fand, doch was sollte sie schon dagegen sagen. An Weihnachten jedenfalls war der Pullover fertig und ich trug ihn zum Gottesdienst in der evangelischen Kirche, unten im Ort. Meine Schwester hatte ihre roten Haare zu einer schönen Außenwelle geföhnt und der Baron spielte hingebungsvoll vor dem Altar auf der Gitarre, dass ihr beinahe ihr junges Herz zerschmolz.

Zuhause dann wird wohl der übliche Weihnachtszirkus mit Schreien und Flüchen stattgefunden haben. Ich erinnere mich nicht daran. Zu gut war das Gefühl in meinem selbstgestrickten Pullover bei Tische zu sitzen und  prostestantisch-korrekten Kartoffelsalat zu essen.

 

 

 

 

 

Bildquelle: Wikipidia, Von Jiri Hönes – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14931679

Marathon/ Reset

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Die Leipziger Straße ist ausgestorben. Tot starren die Fenster der riesigen Wohnblöcke.

Mutierte Bakterienstämme, großflächig eingesetzt von der Senatsverwaltung für Soziales, haben längst die gesamte prekäre Bevölkerung ausgelöscht. Die neu angekommenen Galeristen und Medienprofis aus München, Stuttgart und Düsseldorf verschanzen sich hinter einem hochwirksamen antibiotischen Nebel.

Nur wenige Zuschauer haben sich am Straßenrand eingefunden. Sie tragen Atemschutzmasken.

Der Helikopter am wolkenlosen Himmel kündigt den sich nähernden Pulk an.

An der Ecke zur Charlottenstraße steht eine Gruppe von Trommlern. Ihre treibenden Rhythmen steigen hinauf in das stählerne Azur und vermischen sich dort mit dem Wummern der Rotorenblätter.

Ein Clown in den französischen Nationalfarben feuert die Vorbeigleitenden mit zittriger Stimme an.
Es ist inzwischen Abend geworden und die Sonne verschwindet hinter dem Finanzministerium.

In der Nacht liege ich in der Mitte des Bettes und breite beide Arme aus.
Niemand, für den ich mehr Platz machen müsste.

 

 

 

 

 

Bild: John Doe: Leipziger Straße
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Sand

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Der Sand unter meinen Füßen riecht nach Kippen und Urin. Ich atme flach durch den Mund und lausche dem Stimmengemurmel im Garten. Durch das Einstiegsgitter des Hohlraumes unter der Veranda, beobachte ich die Gäste. Sie rauchen und trinken und lachen dazu. Meine Mutter trägt ein tiefausgeschnittenes Kleid, ihre Haare sind hochgesteckt und die Augen schwarz geschminkt. Der Mund schimmert hellrosa und wenn sie lacht, sieht man, dass auch ihre Zähne vom Lippenstift eingefärbt sind. Wie immer, wenn sie in Gesellschaft ist und zuviel getrunken hat, wird sie laut und fällt ihrem Gegenüber ins Wort. Nach dem nächsten Glas wird sie anfangen ihre Hand auf den Arm des anderen zu legen, beim Lachen den Kopf in den Nacken zu werfen und andere Marilyn-Posen einzunehmen. Sie wird die Männer, mit denen sie sich unterhält, mit verführerischen Blicken bedenken, sie zu knebeln versuchen, derweil mein Vater ein paar Meter weiter ernste Gespräche führt und tut, als bemerkte er nicht, wie das Unheil sich mit großen Schritten seinen Weg bahnt.

Aus meinem Versteck beobachte ich sie voller Faszination, Ekel und Scham. Wenn sie nicht so schön wäre, denke ich, würde niemand sie mögen.

 

 

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Only the Lonely betritt den Saloon,
kriecht nicht hinein;
dreht sich nicht um,
wenn von hinten die Türe nervös,
klappklapp,
in den Angeln tanzt
und Gläser erwartungsbang klirren von vorn.

Schaut in den Spiegel und hebt die Hand.
Mutter bist du es, dein Stallgeruch.

Ein weiter Bogen von gestern bis heute.
Schicksalswink, ich danke Dir.

 

 

 

 

Bild: Melina Hermsen, Pferd, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/
 

 

 

 

Ich weiß es doch nicht

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Ich bin schon im Flur, als ich die Mail lese und nach dem ersten Satz laufen die Tränen. Das Telefon klingelt. Die Schwester, der Wasserschaden, die Versicherung, solche Sachen, die mir trocken im Kopf sind, wie alter Streuselkuchen. Ich weiß das doch nicht, weiß das alles nicht, und mir platzt der Kopf, der leere hallende Kopf, übervoll mit Pein, wie auch mein Herz und meine Seele. Alles tut weh, sitzt an der falschen Stelle, die Haut auf links gegen das rohe Fleisch getackert, bricht der Krater auf und es ergießt sich und ich antworte so gut ich kann. Höre ihre Verärgerung, von weitem, ihren Verdruss und denke an Dich, wenn ihr doch alle nur schweigen würdet, einmal, in dieser Wüste, in der kein Gras sich rührt und kein Zuhause ist.
Ja, sage ich, ich weiß es nicht. Kannst du vielleicht, und wir legen auf, den Hund neben mir verlasse ich die Wohnung und weiß nicht wie ich dorthin gekommen bin, noch wo ich war. Schien die Sonne?
Sie muss geschienen haben, die Sonne, denn sie hört niemals auf damit. Es kümmert sie nicht wer gekommen oder wer gegangen ist. Dieses Mal sind Wir es, die gestorben sind und der Ort an dem wir lebten existiert noch, doch wir sind nicht mehr dort.
Eingesperrt die Liebe in einem toten Raum, verlassen am Tisch, ohne Dich und mich, vor dem leeren Teller, allein in der Nacht, bleibt das Kissen leer, auch am Morgen und am Nachmittag, wenn die späten Sonnenstrahlen goldene Punkte malen und jeder für sich ist in seinem eigenen Leben voller Erinnerung, Verlust und einer neuen Einsamkeit, die anders klingt als jede andere zuvor.
Verloren haben wir uns, ob Schicksal oder Dummheit. Ich weiß es doch nicht. Ich weiß das alles nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wie konnten wir so achtlos mit einem so großen Geschenk umgehen.
Ich weine.

 

 

 

 

Gott am Feldweg

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Aber während ich zuzeiten in der Vorstellung selig war, daß meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, daß sie keine Bedeutung hatten. Jetzt finde ich an einem fernen Punkt in meinem Wesen etwas verborgen, das mir sagt, nichts in der Welt sei ohne Bedeutung, am allerwenigsten das Leiden. Dieses Etwas, das tief in mir vergraben liegt, wie ein Schatz auf einem Felde, ist die Demut.

Oscar Wilde