ultramarin

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In Frankfurt brennt ein weiteres Ausflugsziel nieder. Zwei Pferde kommen dabei zu Tode. Der Goetheturm, der Monate zuvor in Flammen aufging, war das Freitodtool der Mutter eines Freundes. Nun liegt er in Asche und die Trauer blickt zu Boden.

Beim Wäscheaufhängen erinnere ich mich an die Mutter der Freundin, die sich weigerte mein versehentlich in ihre Maschine geratenes, weißes T-Shirt aufzuhängen, weil sie sich für den Grauschleier schämte, den meine Mutter nicht in den Griff bekommen hatte und den die lurgenden Nachbarn womöglich ihrem hausfraulichen Unvermögen anlasten könnten. Mit dem rund gefönten, blonden Bob und den krokodilsledernen Schuhen an gertenschlanker, zierlicher Puppenfigur stand sie vor der Wäschespinne auf ihrem nagelscherengepflegtem Rasen und zeigte der Welt ihre unendliche, ultramarine Reinheit.

Das Talent, so wurde mir erst Jahre später klar, weiß in grau zu verwandeln, habe ich, wie manch anderes, von meiner Mutter geerbt. Diese Inselbegabung zeigte sich bereits in frühester Kindheit, als mir beispielsweise gelang, auf einem mitten im Raum platzierten Stuhl sitzend, mein blütenweißes Kleidchen binnen kürzester Zeit in eine schmutzige, lommelige Fahne zu verwandeln, eine mütterlicherseits gerne und oft erzählte Anekdote, die viele Jahre später einen zufälligen Zuhörer rasend verliebt in mich machte und uns gemeinsam nach Frankreich fliehen ließ, wo wir jede Nacht auf einem frischen Laken einschliefen.

Die Frau mit der weißen Wäsche fuhr übrigens einen dunkelblauen Porsche in dessen winzigen Kofferräumchen sich eine Goethe-Büste befand, die uns bei einer gemeinsamen Reise nach Berlin einige Unannehmlichkeiten mit den DDR-Grenzkontrollen einhandelte. Ihr Ex-Mann, der in der zweiten Doppelhaushälfte wohnte, kutschierte seine neue Frau (blonder Bob, krokodilslederne Schuhe, schlanke Erscheinung) gerne in seinem klassisch grünen Jaguar durch die Gegend. Die beiden Ex-Partner verstanden sich prächtig, betrieben einen erfolgreichen Obstgroßhandel, nannten mutmaßliche Juden gerne Itzigs und zeichneten dabei, wenn sie sich entre eux wähnten, eine große gebogene Nase in die Luft.

Ihre Töchter indes bewohnten die Souterrainwohnungen der beiden Haushälften, gaben viel Geld für Kleidung aus und hörten schnelle Musik. Die ältere der beiden, die sich später ihre Nase schönheitschirurgisch begradigen lassen würde, hatte ein ungewöhnliches Hobby:  sie verwahrte nämlich, monatelang schon, ein großes  Glas Vollmilch hinter der getönten Glastür ihres Stereoracks.
Jeden Abend, ehe sie zu Bett ging, schaute sie nach, wie es dem alternden Drüsensekret, welches zu Beginn seines Transformationsprozesses noch einen sehr starken Geruch verströmt hatte, dort erging. Bereits im Frühjahr machte sie sich große Sorgen, dass ihre Mutter während des Schüleraustauschs im Sommer, das Glas finden und alles Leben darin vernichten könnte.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Mario Sixtus, Baum, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

do not pick up anything that you haven’t dropped yourself

Mehr erfahren, statt mehr zu erwarten. Den halben Tag schauen und driften; gondeln, um das fragile Gleichgewicht nicht zu erschüttern. Seelen-Mikado. .

Schwarzer Regen umkreist die Stadt, die seit Monaten vor verschlossener Vitrine verdurstet, wie auch die Bäume am Kanal die Blätter hängen lassen. Zuviel, zuwenig. Das Maß. Wie immer.

Abgebrochene Gespräche, lose Enden. Kaudern, um die Wundränder trocken zu halten. Ein großer Irrtum der Glaube sie würden heilen je. Nichts heilt. Staub legt sich auf Alles. Gemahlene Zeit. Ein Schritt nur und und was war liegt frei.

War children is just a shot away

Ich lese, dass die Oberflächentemperatur des Mondes dort, wo ein Menschenfuß sie betrat, signifikant gestiegen ist. Verwirbelter Sand hat die darunter liegende, dunklere Schicht zum Vorschein gebracht. Einfallendes Licht erwärmt diese schneller als den helleren Staub. Et voilà.
Ob etwas brennt ist oft eine Frage der Toleranz oder der Sturheit und selbst der Fakir sehnt sich im Stillen nach Flausch.

 
Vor den Briefkästen treffe ich den hageren Mann, den ich seit Tagen durch den Garten stiefeln sah. Lächelnd kommt er auf mich zu und ergreift mit beiden Händen meine fragend dargebotene Hand. Seine Lippen formen meinen Namen. Wir kennen und freuen uns. Der 17 Jahre verschlossen gehaltene Sarkophag fragloser Loayalität öffnet sich. Darin ein verblichenes Geheimnis. Erinnerung an das andere Ende der Welt, an Urwald, Tradition, Ahnen und tropfnasses, tiefes Grün. Regen.

Schmerzfallen

Das kleine Mädchen folgt mir langsam über den halben Friedhof. So vieles möchte sie von mir wissen (was ist das für ein Hund, wie heisst der, beisst der, wie heisst du, wo wohnst du) um am Ende das einzig Bedeutsame sagen zu können: Mein Papa ist tot. Wir leben jetzt auf ibiza.
Ich drehe mich um und sehe ihre Mutter ein Stück entfernt vor einem Grab knieen und Unkraut zupfen.

Wer ist Emma, fragt das Mädchen mich jetzt. Meine Mutter, lüge ich.

Wie sollte ich ihr erklären, dass das Grab, das ich mit Blumen schmücke, das einer fremden Frau ist, dass meine Mutter ihren Kindern keinen Ort der Trauer lassen wollte, und dass ich deshalb an ihrem Todestag auf diesem Friedhof am Fluss gestrandet bin, wo ich sie zu finden hoffte.
Sie würde das so wenig verstehen wie ich.

Wie alt war deine Mutter, fragt sie. Viel älter als dein Papa, antworte ich. Sie nickt.