lieferando

20160816_200054

Aus einer Wut mit Tränen heraus spaziert es sich anders durch den Regen, durch das Wetter an sich, ganz gleich welches, als es das täte, also man selbst, wäre man voll duldender Kraft und bei Sinnen und damit in weitestmöglicher Entfernung zu sich selbst (again), sofern mit Sinnen Vernunft oder Verstand gemeint ist, wovon ich ausgehe.
Ein anderes Begreifen.

Ich gehe ebenso davon aus, dass dieser Text miss-verstanden werden könnte, (Miss Geburt nannte der Kanzler früher insgeheim und vor seinen lernwilligen und gefallsüchtigen Töchtern Frauen, die er besonders hässlich fand. Eine Ponyfrisur genügte schon, Flachbrüstigkeit war ebenso unerwünscht (DoppelD, de mindste) Misogyn war er schon immer, ein Frauenverehrer eben) von mir, wie von jedem anderen un- und missverstanden (der Text immer noch, der sich ganz unerwartet aus meinem verrauchenden Ärger entwickelt), weil nicht der Funken noch der lodernde Verstand ihn speist (lodern hatte ich im letzten Text schon, so wie ich gerne trotten und tapsen, en passant und Kontur verwende, wie der Eine bemerkte, dem meine Texte auch schon besser gefielen, früher, als die Liebe noch frisch und die Worte noch weniger technisch und mehr von Gefühl gelenkt waren, bzw strömten. Der Horizont schien noch waagerecht damals, nicht auf der Kippe, eine Rutsche, wie heute. Nicht nur für uns beide, sondern für die Welt und wir eine Miniatur darin, die Geschichte einer Vignette, um auch mal diesen Ausdruck zu gebrauchen, möglicherweise ganz falsch, aber schön, anstelle eines Gartenschlauches, regnet ja eh. Faden verloren. Spannender so, auch für mich.

Ich solle mich mal hinsetzen und richtig arbeiten. Mich auf etwas fokussieren, konzentriert und voller Energie, sagt er, dann klappte das auch wieder mit dem Schreiben. In der Hasenschule.

Dieser Text also geschrieben in blinder Wut, wegen eines an sich läppischen Streites, einer Auseinandersetzung um nichts weniger als Autonomie, der auch der Regen, der prasselnde nichts anzuhaben vermag, weil sie, die Auseinandersetzung, herrührt von einer Hilflosigkeit, die das Gefährlichste ist, was mir widerfahren resp. zustoßen kann, und die sich nicht abwaschen lässt. Hilflosigkeit bedeutet Rage und Angst zugleich. Während Huflosigkeit bedeutet, zumindest kein auskeulendes Pferd zu sein, Tiere, die dem Einen zutiefst zuwider sind, ob´s an Napoleon liegt oder was anderem, weiss ich nicht, er spricht ja nicht drüber, wie er sich sowieso bedeckt hält, bis zur totalen Seelenburka, ein Gitter vor den Augen, man sieht sich.

Mich ausliefern, lieferando auf Esperanto, nicht nur eine Sache des Vertrauens. Das hätte ich übrig, andere haben es eher über oder sogar unter. Eine Wesensfrage.  Manch einer pustet zurück, wenn er angeblasen wurde (na,na!), der Nächste dreht sich um (kein Gegenwind).
Der Kuss als Kontaktexzess.

Irgendwann kommt dann Reziprozität ins Spiel.

Ein neues Thema, ein so großes Thema. Nicht hier, nicht heute. Bin schon fast weg.

Abreise also jetzt: adieu la montagne, adieu les Hungerkuhlen shaped like Toblerone, au revoir lovely cows and goats, pfüadi Murnau with the weird woman using her vogue mag as Fernrohr. Bye bye invisible Münterhaus, collective illusion of thousands of tourists in the past and in the future. We loved the Vexierspiel.

 

 

 

 

 

stillschweigend

1320145757_2128158719_o
Um´s mal zusammenzufassen: es könnte so einfach sein, wenn es nur ein wenig einfacher wäre. Was glücklicherweise, bzw. wenn man an einen freien Willen glaubt, was ich nicht tue, ganz allein vom Menschen (und nicht etwa von Fügung) abhängt und bestimmt wird, welcher wiederum im schweren Joch seines Gemütes gefangen bzw. in selbiges eingespannt ist. Schwierig das.

Wenn man nur nicht so verflucht empfindlich und darüber hinaus übelnehmerisch und nachtragend wäre, hätte der Spassss auf Erden kaum noch ein Ende. Und der Frieden erst, was nicht zwingend das Gleiche ist und schon gar nicht das Selbe. Nicht auszuhalten so viel Gleichklang und eben deswegen auf den ersten Blick nicht weiter erstrebenswert. Ein bisschen Streit geht immer.

Man stelle sich vor wie einer dem nächsten ins Gesicht schlägt und dieser ihm als Antwort gleich noch die andere Wange —- geschenkt, man muss es nicht übertreiben mit der Nachsicht. Kleine Brötchen backen, Schritt für Schritt zum Menschenfreund. Youtube-Tutorials anschauen oder mein Blog lesen, denn ich liebe die Menschen. Knuff, knuff.

Wussten Sie schon, dass alle 2 Minuten in Deutschland ein Blogbeitrag geschrieben und alle 3 Sekunden eine Flunsch gezogen wird (sic!) Ein Missverhältnis, das zum Himmel schmollt schreit, wie weiland Kentucky, jene Chickenbräter, im Europa-Center am Breitscheidtplatz ansässig, in deren Lokal früher oft ein dauerknutschendes Pärchen herumhing, das arglose Touristen ausnahm, indem es ihnen, oben küssend und unten fummelnd, die auf dem Boden abgestellten Einkaufstüten und Taschen leer räumte, derweil ihre Opfer Flügel und Schenkel der goldbraunen Brätlinge bis auf die Knochen abnagten. Hinterher sah man die beiden oft am Klops stehen, neben all den anderen Junkies, und sich um ihre Beute zanken. Womit wieder eindrücklich belegt wäre, wie nah Frieden (knutschen) und Krieg zusammenliegen.

Aus lauter Liebe übrigens, um das Thema wechselnd gleich dabei zu bleiben und zusätzlich wieder anzuknüpfen an den Anfang dieses Textes, immer getragen von der Hoffnung, dass die werte Leserschaft, die über den Winter schlimmes ertragen musste in diesem, meinem düsteren Blogmorast, den der Frühling und später dann hoffentlich der Sommer nach und nach trockenlegen und in eine blühende Oase verwandeln werden, dass also die geduldige, treue und liebenswerte Leserschaft (die Philanthropin spricht) Freude empfindet, vielleicht auch Spaß hat, am den Dingen, die ich mir hier aus den Rippen leiere, vom Herzen schreibe und aus den Fingern sauge, aus lauter Liebe jedenfalls, habe ich mir vorgenommen Norddeutsch zu lernen, um endlich verstanden zu werden und vor allem um selbst auch besser verstehen zu können. Im Norddeutschen, so las ich im Duden, sagt man „eine Flappe ziehen“, und meint damit die oben erwähnte Flunsch. Nicht zu verwechseln mit der Fluppe, nämlich der Kippe, die der Norddeutsche schweigend und mit undurchdringlichem Blick und gerunzelter Stirn raucht, wenn es in seinem überaus klugen Gehirnkasten arbeitet.
Da der Norddeutsche vornehm ist und kein Verständnis hat für verbale und mimische Extrovertiertheiten und Extravaganzen, endet mein Sprachkurs an dieser Stelle leider schon. Wozu sprechen lernen, wenn die Antwort Schweigen ist, eine viel größere Lernaufgabe übrigens.

Irgendwann wird das Norddeutsche aussterben, glaube ich, denn wer sollte etwas lehren, was niemand spricht?  Ein Wunder, dass sich unter dieser verbal niedrigen Tide überhaupt so etwas wie Sprache entwickeln konnte.

So lasse ich diesen halbgaren und fragmentarischen Text mit einem herzlichen Moin, moin! ausklingen, nicht ohne die besorgte Leserschaft zum Abschluss noch zu beruhigen: der Segen hängt gerade im Hause tikerscherk und ab morgen wird auch wieder gesprochen.

 

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink)

 

 

Bild: diadà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Mitte Zwanzig

schpanking

Du magst das, wenn ich garstig über Andere rede, sagt der Eine, nachdem wir ein wenig über manchen Ausrutscher in der Blogwelt gescherzt haben und ich lache, denn irgendwie, ja, ich mag das. Manchmal. Nicht herabwürdigend, nicht bösartig, aber ein bisschen garstig, das gefällt mir. Souverän garstig, intelligent garstig, nicht so wie neulich der Kindsvater auf dem nächtlichen Mariannenplatz. Da streiten sich zwei Mittzwanziger, eigentlich streitet nur einer, drischt den Ball immer wieder hart gegen die Wand, die unberührt bleibt von allem, was er vorzutragen hat, das gemeinsame Kind, wie es unter der Trennung leiden wird, und lass es uns doch noch mal versuchen. Nein, das möchte sie nicht. Du Fotze, sagt er und sie zuckt nicht einmal mit der Wimper, und nochmal und nochmal, du Fotze, am Ende jeden Satzes, mit dem er die guten alten Zeiten und ihre Verantwortung und das Leiden der gemeinsamen Tochter herauf zu beschwören versucht. Doch er erreicht sie nicht mehr. Sie kennt das, ist es gewohnt, ist es leid und müde und für einen Moment fragt man sich, ob man zu Hilfe eilen müsse, doch das, was da zwischen den beiden passiert, wirkt so gewohnheitsmäßig brutal und abwertend, dass es keine Wunden mehr schlägt. Nichts rührt sich noch in der Frau, sie ist schon lange fertig mit ihm. Erkaltet. Der Mann weiss das, ahnt es zumindest und will es doch nicht wahrhaben; erschöpft sich beim Schlagen ins Leere, bei den vergeblichen Hieben mit stumpfem Schwert. Er weiss, dass der Kampf längst verloren ist, weiss auch, dass er selbst dafür verantwortlich ist, dass er jedes Gefühl, das da einmal war, zerstört hat, es nichts mehr gibt, woran zu appellieren wäre. Keine Liebe, auf die er sich berufen könnte und die auch er schon lange nicht mehr empfindet, wenn das, was die beiden einmal verbunden hat, überhaupt Liebe zu nennen ist. Er erträgt es einfach nicht, er verzweifelt über ihre gleichgültige Abgeklärtheit, ihr vollkommenes Desinteresse an ihm, nicht, weil er sie noch liebte, oder ihm an dem Wohl des Kindes gelegen wäre, auch wenn er immer und immer wieder versucht, sie in ihre Verantwortung als Mutter zu zwingen, wenn schon nicht meinetwegen, dann bleib wenigstens des Kindes wegen. Er kann es einfach nicht dulden, dass sie ihn verlässt, diese Fotze. Er trifft die Entscheidungen, er alleine, doch sie scheint das nicht zu kapieren, irgendetwas funktioniert nicht mehr in ihrem verblödeten Kopf. Was bildet sie sich ein, ihn einfach so runterlaufen zu lassen.
Ratlos und wütend geht er neben ihr her, redet ins Leere, holt tief Luft und nimmt noch einmal Anlauf, greift nach der schärfsten Klinge, das wird sie treffen, holt Luft und presst, ja japst es beinahe heraus, du hast es verdient: du, du Schlampenfotze! Fast möchte man lachen, über soviel verzweifelte Dummheit, während man zusammen zuckt und sich wundert, dass sie es nicht tut, weder zucken, noch lachen, vielleicht innerlich, ein mitleidiges Lächeln, weil er ein Würstchen ist, ein so jämmerliches kleines Würstchen, dass er einem beinahe leid tun könnte.
Leid aber tut einem vor allem die nicht anwesende Tochter und erschüttert ist man über diese grauenhafte Verrohung. Wie zwei Menschen, die das Bett miteinander teilten, sich die Liebe schworen und ein Kind zeugten, auf diese Weise miteinander umgehen. Wie ist das möglich. Die arme Tochter. Was für ein trauriges Leben.

Die Hunderunde ist vorbei, die beiden Mittzwanziger gehen weiter unter den nächtlichen Platanen spazieren, um die letzten, die abschließenden Dinge zu besprechen, ehe die Frau den Faden endgültig durchtrennen und für immer davon gehen wird.

Später am Abend liegen wir im Bett nebeneinander, ganz nah, und ich nehme seine Hand, während der Eine mir das alles erzählt und wir lachen darüber, dieses trockene beinahe verzweifelte Lachen der Hilflosigkeit und sind so froh, wie wir uns sind.

 

Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

 

 

 

 

 

Diva

L0019727 Muscles of the back: partial dissection of a seated woman,
Wir hatten es nicht leicht miteinander. Von Anfang an nicht.
Die Legende berichtet von der Stillverweigerung, dem Schreikind und einer unüberwindbaren Abneigung.
So ähnlich wird es wohl gewesen sein. In meiner Erinnerung jedenfalls haben die zärtlichen Momente immer etwas zu tun mit Alkohol oder der Farce eines Familien- oder sonstigem Besuches. Ein Schauspiel in dem ich ihr als freundliche Statistin assistierte, aus Furcht vor ihrem Zorn, beseelt von der Hoffnung mir ihre Zuneigung erarbeiten zu können.

Ich hasse dieses Kind

Wahrscheinlich wäre es auch für sie schöner gewesen, hätte sie mich bloß lieben können. Das aber war ihr nicht gegeben und mir, in der Folge, ebenso wenig. Traurig, für uns beide.
So viele Jahre in denen ich mich danach sehnte, mindestens so viele in denen ich vorgab darüber hinweg zu sein.

Gesehen habe ich sie zum letzten Mal vor 21 Jahren im Krankenhaus. So erinnere ich mich. Meine Schwester, damals im Kindbett, weiß nichts davon. Habe ich diese Begegnung nur erträumt?
Schmal war sie im Gesicht, beinahe schon hager, eine dunkle Sonnenbrille verbarg ihre Augen, die den meinen so ähnlich sind. Ihr Auftreten ganz die Diva, die sie immer war. Eine ausgestorbene Gattung.
Beinahe zwei Jahre hatten wir keinen Kontakt gehabt und trotzdem wechselten wir kein Wort miteinander an diesem Tag im September. Zu tief war die Kluft zwischen uns. Ihre Verwünschungen und Todesflüche. Der unkontrollierte und ungezügelte Hass.

Heute, am Vortag des Heiligen Abends, denke ich an sie. An Weihnachten, wie ich es als Kind erlebte: der schwierigste Tag im Jahr. Gefühlstumult zwischen Vorfreude und Angst. Die vorhersagbare, niemals ausbleibende Eskalation. Anspannung, Enttäuschung, Missgunst.

Der Vater, der vor dem Fest mit uns im Auto durch die Stadt fuhr um sie nicht bei den Vorbereitungen zu stören. Bei Einbruch der Dunkelheit zusammen durch den Stadtwald kariolen, bei Schnee und Eis. Jeder darf, auf seinem Schoß sitzend, ein Mal lenken. Er tritt das Gaspedal durch, lässt den Motor des alten Renault laut aufheulen, bremst ganz plötzlich ab und wir schlagen, mit schnellen Bewegungen auf spiegelglattem Untergrund das Lenkrad voll ein. Johlend schliddern wir über die gefrorenen Waldwege, Schneeflocken tanzen im Scheinwerferlicht.
Sie unterdessen, allein zuhause, immer hochtouriger laufend, schraubt sich Glas für Glas auf schwindelnde Umdrehungen. Ihr scheeler Blick bei unserer Rückkehr, und wir, noch ganz trunken und von hysterischer Ausgelassenheit, die sich überschnappend und fast schon rasend auf das unvermeidbare Inferno eintrommelt. Die beiden berauschten Welten, deren Spannungen sich während des bescheidenen, protestantischen Weihnachtsessens, ausgelöst durch einen winzigen Funken, ein falsches Wort oder ein kleines Missgeschick, ungebremst und krachend entladen. Ein loderndes Feuer, splitternde Kollision. Ertauben an hochkochendem Hass und tiefer Verachtung.
Das große Glockengeläut in meinen Ohren, auch damals schon.
Der Nussknacker. Sein hölzernes, starres Gesicht. Unsere beklommenen Wünsche, blicklos und bitter.  Ein metallischer Geschmack im Mund.

Das bemüht vergnügte Auspacken der Gaben schließlich. Farbenfrohes Geschenkpapier bestaunen und sorgfältig zusammen legen. Zeit gewinnen, um sich, unter ihrem wachsamen Blick, den erwarteten Gesichtsausdruck zurecht zu legen und die gebotene Freude zu zeigen über die empfangenen Alltagsgegenstände – Ah, Socken, toll! – während sie sich, in dem, eigens für sie angefertigten, knöchellangen, weit schwingenden Mantel aus schwarzem Nerz – Achtzig Tiere, stell dir vor! – mit weinseligem Lächeln sonnt, eine Zigarette in der rechten Hand, die langsam herunter brennt.

 

 

 

 

(Bildquelle: PublicDomainReview.org, open images. A mezzotint écorché by Gautier D’agoty, published by Gautier in 1746 – Source: Wellcome Library, London. – See more at: http://publicdomainreview.org/collections/the-wellcome-librarys-top-10-open-images/#sthash.MlCJnwb4.dpuf)

Zugrunde

Short-Winged Blister Beetle, Meloe angusticollis

Meloe angusticollis (Photo credit: Wikipedia)

Die Tage vergehen, und schon ist es Sommer.
Bis zu unserer Hochzeit in Dänemark sind es keine 6 Wochen mehr.
13. August, Tag des Mauerbaus.
Eine Vollmondnacht.

Queremos compartir con vosotros la última luna llena antes de nuestra boda

Wir haben die Papiere übersetzen lassen und die Einladungskarten für den Junggesellenabschied verschickt. Die Trauzeugen sind geladen, das Hotel auf Nykobing Falster, die Fähre dorthin, sowie der Flug für D.s Mutter sind gebucht. Sie wird aus Lima anreisen und bei mir wohnen, bis D. und ich Berlin verlassen und nach Dänemark fahren.
Unsere Trauzeugen, Anton, und Xavier mit seiner Frau Dolores werden uns auf dieser kleinen Reise begleiten.
Der eine aus Freundschaft, die anderen aus Überzeugung.
Lieber wäre mir, seine Mutter hätte sich für eine Pension irgendwo in der Nähe entschieden, aber D. zuliebe wird es genau so laufen, wie sie es möchte. Keine Eskalation auf die letzten Meter.
Bereits der erste Eindruck, als ich sie auf den Fotos sah, die D. mir damals in Barcelona  zeigte, legte einen Schatten auf alles, was noch kommen sollte.
Wir teilen nicht nur die Liebe zu ihrem Sohn, wir haben auch das gleiche Gesicht.
Sie mag dich, erzählt er mir Wochen später. Sie findet dich schön.
Seitdem ist sie Schritt für Schritt ein wenig näher an mich heran gerückt, und inzwischen schickt sie mir alle drei Tage Mails, die meist um sie oder ihren Sohn kreisen.
Wenn sie es sich leisten kann, ruft sie an.
Einmal am Telefon reden wir über die Katzen, und sie erzählt mir die Geschichte von ihrem Kater Puchy, der vor Jahren bei der Kastration verstarb. Nie wird sie sich das verzeihen können, niemals. Ein so junges und bezauberndes Tier. Ein harmloser Eingriff. Eine unbekannte Herzerkrankung. Wer konnte das ahnen? Plötzlich bricht sie in Tränen aus, und schluchzt eine kleine Weile in die Muschel.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Da gibt es ganz andere Dinge, die du dir nicht verzeihen solltest, denke ich, und merke, wie erneut Wut und Ekel in mir aufsteigen.
Mit kraftloser Stimme versuche ich ein paar tröstende Worte auf spanisch, die sie derart anrühren, dass sie gleich wieder geschüttelt wird von vergangenem Leid.
Ich hasse sie, diese Irre, dieses Monster. Unser Unglück.
*
Seit meinem letzten Aufenthalt in Barcelona ist die Stimmung zwischen mir und D. angespannt. Verzweiflung macht sich breit.
Wir halten einander nicht mehr, wir umklammern uns. Unsere Küsse sind Bisse, sein Griff hart, der Sex grob. Oft weine ich, nachdem wir uns geliebt haben und er sich zur Seite rollt. Ohne mich zu umarmen. steht er auf und geht in die Küche, wo er eine Zigarette nach der anderen raucht. Den Ascher, wie einen Teller vor sich auf dem Tisch.
Sein Blick ist kalt. Er ist enttarnt.

*
Ledig, junge Frau, sind sie nur genau ein Mal im Leben, sagt der Mann vom Einwohnermeldeamt zu mir. Danach sind sie verheiratet, geschieden oder verwitwet, aber nie wieder ledig.“
Ein Gefühl, als müsste ich meine Jungfräulichkeit auf einem Beamtenschreibtisch opfern.
Jeder mögliche Fehltritt in der Zukunft wird kein Ausrutscher, sondern gleich Ehebruch sein.
*
Seine Mutter. Ihre Hassnachrichten auf dem Anrufbeantworter, wenn sie ihn nicht erreicht.
Eres una mierda! Du bist ein Stück Scheiße!“
Das ständige Einfordern von Mails, Fotos, täglichem Kontakt.
Oft ist D. so erschöpft, dass er mit dem Gesicht nach unten auf das Bett fällt und sofort einschläft.
Seine Haut ist fettig der Rücken voller Furunkel.
Er raucht Kette, die Hände sind schwitzig, seine Augen glasig geädert vom Druck.

Online Bücher verkaufen, das könnte Geld bringen. Aber ohne Startkapital? Die Übersetzung der neuen Windows-Oberfläche ist ein Lichtblick.
Der Auftrag soll in Jena ausgeführt werden. Keine zwei Autostunden von Berlin. Wir werden uns also sehen in diesen drei Wochen.
*
In seinem fensterlosen Badezimmer ein Druck von Modigliani. Eine dunkelhaarige Frau mit dürrem Torso und Wespentaille.
Beinahe wie ich.
Ihr Gesicht geheimnisvoll, der Blick matt.
Ich suche nach einer Nagelfeile und finde mehrere halbausgedrückte Blister: Rohypnol, Lexotanil und Valium.
Als ich sie ihm hinhalte, ist er erstaunt.
Das wusstest du nicht? Wie naiv du bist.“
Mein Kinn zittert.
*
Wir sitzen im Café und lesen. D. lässt das Buch sinken und schaut mit gerunzelter Stirn auf meine Beine.
„Jeder kann Dir in den Schritt schauen“, sagt er unvermittelt.
„Das stimmt nicht.“
„Doch, wenn ich mich bücke, kann ich deinen Slip sehen. Ich will nicht, dass du solche Kleider trägst. Wie eine Schlampe.“
Die Härte seiner Worte trifft mich. Ich tue, als würde ich es leicht nehmen.
„Nur Kleinkinder oder Hunde könnten mir in den Schritt schauen, und auch das nur, wenn sie sich extra nah heranpirschen und flach auf den Boden legen“, sage ich lachend.
Er verzieht das Gesicht und wendet sich wieder seinem Buch zu.
Es ist der Ekel vor sich selbst, das weiß ich, und trotzdem tut es mir weh.
In der Nacht werde ich wach. D. steht neben dem Bett und greift nach meiner Schulter.
„Hier! Schau her! Míra!“
Er hat ein großes Badetuch um die Hüften gebunden, darunter ist er nackt.
Breitbeinig setzt er sich auf einen Stuhl vor mich hin, so, dass das Handtuch um seine Oberschenkel gespannt ist, und ich direkt auf seine Hoden und seinen schlaffen Penis blicke.
„Was siehst du?“ fragt er mich und ich spüre seinen Zorn.
„Ich weiß worauf du hinaus willst, antworte ich, aber ich liege ja schließlich, und so habe ich nie da gesessen.“
„Sag mir einfach, was du siehs
t!“ Er hebt die Stimme.
„Ich sehe deinen Schwanz.“
„Exakt! Du siehst meinen Schwanz. Und zwar deswegen, weil ich breitbeinig und mit kurzem Rock, wie eine Nutte dasitze.“
D. springt auf und wirft mit einer schnellen Handbewegung den Stuhl um.
„Du kannst es doch wenigstens zugeben! “
„Was denn? Dass ich eine Nutte bin? Dass du eine Schlampe heiraten wirst? Was willst du eigentlich von mir?“
„Dass du es einfach endlich zugibst!“
Ich schweige und schaue ihn an. Er starrt zurück, und gleichzeitig durch mich hindurch.
Plötzlich schlägt er beide Hände vors Gesicht und setzt sich neben mich aufs Bett.
Ich streichle sein Bein.

Was bisher geschah: Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV und Teil V hier.

Rage

SAMSUNGVon Kreuzberg sind wir über die tosende Leipziger Straße bis zum Potsdamer Platz gegangen, und dann weiter Richtung Schöneberger Ufer.  Hier, zwischen Staatsbibliothek, Neuer Nationalgalerie, Kulturforum und Philharmonie ist es auf einmal ganz ruhig.

Nowhereland

Der Tiergarten ist nah, die Luft kühler als eben noch.
Ich bin müde.
Wir setzen uns vor den Imbiss gegenüber der Staatsbibliothek, schauen in die Sonne und schweigen.
Einige Meter entfernt, im Schatten des überwucherten Vordaches, sitzen ein Mittfünfziger und seine zwanzigjährige Tochter am Tisch und streiten leise. Die Tochter ist verägert, der Vater scheint abzuwiegeln. Jeder hat ein Bier vor sich stehen. Ein ungewöhnlicher Ort für ein familiäres Gespräch.
Ich schließe die Augen.
Der Unterfranke isst Kartoffelsalat. Der Geruch von Essig und Zwiebeln weht zu mir herüber.
Willst du?“ fragt er mich.
Ohne hin zu schauen schüttele ich den Kopf.
Nein, danke.“
Die Stimme der jungen Frau wird lauter, ihr Ton schärfer.
Du warst nie für mich da“ höre ich sie sagen.
Ich habe es immer versucht, das weisst du.“
Aber du warst nicht da, wenn ich dich gebraucht habe.“
Ich möchte nicht weiter zuhören und drehe mich zum Unterfranken.
Schmeckt das?“
Geht schon.“
Jetzt wird sie schriller, ihre Stimme aggressiver. Mein Nacken verspannt sich.
Alles ok?“ fragt der Unterfranke, und ich schaue durch ihn hindurch.
Nein.“
„Hör einfach nicht hin.“
Wie soll ich da nicht hinhören?“ sage ich und bin überrascht wie gereizt ich klinge.
Kalte Wut steigt in mir auf, und ich kann mir nicht erklären woher dieses Gefühl kommt. Aber es ist da.
Ich öffne meine Jacke.
Von drüben zetert es weiter. Als ich mich umdrehe sehe ich den Mann mit hängenden Schultern am Tisch sitzen. Er raucht und schaut dabei seine Tochter an, die ohne Pause auf ihn einredet.
Sein Gesicht ist zerfurcht, die Haut ledrig. Er sieht heruntergekommen aus.
Die Tochter sitzt ihm gegenüber in knappen Shorts auf der Stuhlkante. Ihre Körperhaltung ist Angriff, so wie auch ihre Stimme und ihre Worte Angriff sind.
Die Ergebenheit ihres Vaters, der ihr keinerlei Widerstand leistet, scheint sie aus der Fassung zu bringen. Sie wiederholt ihre Vorwürfe und wird dabei immer unbeherrschter.

Er war nicht da, der Idiot. Nie war er da.
Sie hat ihn gebraucht. Jetzt braucht sie ihn nicht mehr.
Er soll aus ihrem Leben verschwinden, sich verpissen.

Auf eine unerklärliche Weise machen mich ihre Worte betroffen. Sie tun mir weh.
Zu diesem, für mich unbegreiflichen Gefühl, gesellt sich eine irrationale Verachtung für den Vater, der sich so etwas von seiner Tochter bieten lässt. Der seine Rolle nicht ausfüllt. Der die Tochter nicht einmal jetzt beschützt, indem er sie befreit von dem Hass und der Verzweiflung, die sie ihm entgegenschleudert.
Und mit ihrer Wut wächst auch meine Wut.
Hör einfach weg!“ wiederholt der Unterfranke, den die Veränderung in meiner Stimmung beunruhigt. Sein Versuch mich zu beschwichtigen bringt mich nur noch mehr in Rage. Mit einem Blick, der mir sofort leid tut bügele ich ihn ab und drehe mich wieder zu den beiden um.
Ich kann nicht anders.
Jetzt erst scheint sie überhaupt zu bemerken, dass sie  nicht alleine sind. Sie stoppt mitten im Satz, schaut zu mir herüber und lächelt freundlich. Ihr Gesicht ist offen und sehr hübsch, die Haare lang und glatt. Auch ihr Vater sieht mich nun an, senkt dann aber den Blick. Mit beiden Händen hält er die Flasche fest und wartet.
Tatsächlich dauert die Ruhe nur wenige Sekunden.
Du bist ein Arschloch,“ sagt sie plötzlich unvermittelt und mit kalter Stimme „ein beschissener Versager,“ und es klingt, als stünde sie mit einem modernen Stück auf der Bühne.
Meine Aufmerksamkeit scheint sie zu immer wüsteren Beschimpfungen anzustacheln.
Eine nach der anderen. Wie ein Maschinengewehr.
Wichser, blöde Sau, heruntergekommenes Schwein
Ich bin fassungslos und mir steigen die Tränen in die Augen.
Anstatt ihr irgend etwas entgegen zu halten, entschuldigt sich der Mann weiter bei ihr.
Es tut mir leid!“ Seine Stimme klingt jämmerlich.
Du Flasche,“ denke ich „was ist los mit dir? Wehr dich endlich!“
Ein unbeschreiblicher Zorn, der mich selbst erschreckt, und den ich nur ein einziges Mal zuvor in meinem Leben empfunden habe, steigt in mir hoch und überrollt mich wie eine glühende Walze.
Mein Herz rast, die Hände werden eiskalt.
Auf einmal bricht es aus mir heraus und ich höre mich laut schreien:
Ruhe jetzt! Ich ertrage das widerliche Gekeife nicht mehr!“
Mein Kinn zittert, als ich der völlig verdutzten Frau voller Hass in die Augen schaue.
Ich höre den Unterfranken, wie er meinen Namen sagt.
Ich höre das Rauschen in meinem Kopf.
Ich höre die Frau, wie sie behauptet, dass mich das alles nichts anginge,
und dann höre ich wieder meine eigene feste Stimme, die jetzt sehr hart klingt und die wie ein Orkan alles nieder mäht, das sich ihr in den Weg stellt.

Das geht mich nichts an?“ brülle ich. Meine Adern am Hals schwellen an.
„Und wie mich das was angeht, wenn ich hier deine gesprochene Gülle mithören muss.
Wie kommst du überhaupt dazu so respektlos mit deinem Vater zu reden. Bist du noch ganz dicht im Kopf?“
Statt ihre verfluchte Klappe zu halten, versucht sie noch einmal mir irgend etwas von einem Privatgespräch zu erzählen, was mich vollends aus der Fassung bringt und meine Wut ins Unermessliche steigert.
„Privat? Du behandelst deinen Vater wie ein Stück Scheisse, du demütigst und erniedrigst ihn, und belästigst uns damit. Ich will hier in Ruhe mein Wasser trinken, mich ausruhen und mir nicht dein asoziales Gewäsch anhören.  Hast du das kapiert? Natürlich geht mich das was an. Entweder hälst du jetzt deine verfluchte Schnauze, oder ich drehe durch!“
Als ich fertig bin, ist es so still, als ob ein Kanonenschlag neben mir explodiert und mein Trommelfell gerissen wäre.
Es klingelt in meinen Ohren, der Verkehr rauscht kaum hörbar im Hintergrund.
Auch der Unterfranke ist erstarrt. Der Imbissbesitzer stiert mich aus seinem dunklen Verschlag an. Vater und Tochter sind eingefroren. Ich bin zu Tode erschöpft.
Wenige Sekunden hält die Ruhe.
Dann springt die Tochter schluchzend auf, wirft dabei ihre Bierflasche um und rennt in Richtung Kulturforum davon.
Ihr Vater torkelt ihr mit schwachen Knien hinterher. Er ist betrunken.
Der Unterfranke legt den Arm um meine Schulter. Meine Zähne klappern, mir ist kalt.

Nach wenigen Minuten kommt der Mann alleine zurück. Er holt seine Packung Zigaretten vom Tisch schaut zu  mir herüber und geht zwei Schritte auf mich zu.
Seine hellen Augen sind traurig.
Danke,“ sagt er “jetzt haben sie meine Freundin endgültig vertrieben. Die kommt nie wieder.“