Endspurt

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Das Jahr ist beinahe rum. Wurde Zeit.
Für 2019 wünsche ich uns allen Frieden, Trost und Besonnenheit.
Gesundheit sowieso und wo sie fehlt, seien Zuversicht und Unterstützung mit am Start.
Wer Liebe sucht, den möge sie ereilen finden.

Dazu allezeit gute Musik.

Wir treffen uns hinter der Linie wieder!

 

 

 

Lidschäftig

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Sobald es spektakulär wird, langweilt es mich. Das Werden ist spannender als das Sein, die Anbahnung interessanter als der Vollzug. Der unmöblierte Raum verheißungsvoller als der gestaltete.

Ich habe gelesen, dass love bombing ebenso toxisch ist wie future faking oder gaslighting und nun frage ich mich, wie diese Gifte früher hießen und auf welche Weise sie damals verabreicht wurden.

Außerdem hat man mir zugetragen, dass ich einmal eine Verlobung per sms aufgelöst haben soll. Das halte ich angesichts meiner Prägung auf Anstand für äußerst unwahrscheinlich und hoffe inständig, dass es so nicht war. Andererseits liegt mir das Abschiednehmen nicht, was die Geschichte leider doch in den Bereich des Möglichen rückt und mich vor mir selbst gleich in doppeler Hinsicht schlecht beleumundet und mich mich schamvoll winden lässt, denn: 1. mies und feige handeln und 2. diese Untat anschließend ins Nevercomeback zu verklappen, wo auch die anderen ungeliebten Anteile und Erinnerungen verschlossen sind, ist nicht schön und nicht in Ordnung und hoffentlich nicht auch noch übermäßig pathologisch und vielleicht sogar, mit dem zeitlichen Abstand und viel Wohlwollen, als menschlich und vergebungswürdig auslegbar.
Falls es also wirklich so war, war das kein feiner Zug. Und von den Zügen und den Gleisen sei weiterhin geschwiegen. Es führt nirgendwo mehr hin.

 

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Sehnsucht indes habe ich nach dem Odenwälder Weiler mit Spessartblick, und nach der Apfelallee, die hinauf zum alten Kinderheim führt und nach dem Augenblick, als der breitschultrige Mann auf seinem Fahrrad mit Karacho den Hang heruntergeschossen kommt, sein blutrotes Hemd aufgeplustert, die blonden Locken in der Sonne wippend, und wie der Wind die Worte fortträgt, die er uns zuruft und die zornig klingen und wie vor meinen Füßen, auf dem heissen Boden, eine Raupe sich krümmt, fleischig und behaart, und wie wir sie ins Gras setzen und dann gemeinsam die Straße herunter schlendern und uns durch den Tag treiben lassen, derweil die Schweine sich grunzend in der Ortsmitte suhlen und das  parkplatzgroße Maisfeld zwischen zwei Häusern halb abgeerntet schläft und alles an diesem lidschäftigen Ort Zufriedenheit ist und auch wir trägen Freunde bei einem Stück Jostakuchen und einer Schorle uns zurücklehnen und mit halbgeschlossenen Augen schweigend ins Licht blinzeln.
Dieses Leben vermisse ich, und den Menschen, der in mir wohnte und der das genießen konnte und der sich heute daran erinnert.

Im Wald

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Mit geschlossenen Augen sehe ich eine Lichtung im Wald. Nebel steigt auf, oder ist es Rauch? Im Abstand von jeweils einigen Metern stehen Braunbären auf ihren Hinterbeinen, die Pranken erhoben wie Wappentiere. Einer davon bin ich. Wer die anderen sind, weiß ich nicht.

Die Hütte in der ich einmal lebte ist verschwunden. Sie begegnete mir zuerst im Traum und später auf einer Reise durch Apulien, gleich hinter einer Kurve, die den Blick auf das Wäldchen freigab. Ich hatte sie dort erwartet und war nun doch erschrocken, sie zu wieder zu sehen.

Auf dem Waldboden vor der Hütte bin ich damals erfroren. Mein Haar war schwarz, meine Haut fahl wie Milch.

Ich weiß nicht, ob es die Bären waren, die meinen Leib im leichten Kleidchen als erste entdeckten und verschonten. Woran ich mich noch erinnere, ist das Trommeln der sich nähernden Hufe auf vermoostem Grund, und dann das Schnauben der Nüstern über mir im kalten Morgengrauen.
Als der Mann meinen Hals berührte, war ich lange schon fort. Da zog er seinen zweiten Handschuh aus und legte ihn neben mich.

 

 

 

 

 

Bild: Michael Müller, the logger´s place, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Fagott

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Während andere Geschenke einpacken, höre ich Bach-Kantaten, schnacke mit der Nachbarin, die Plätzchen gebracht hat, posiere anschließend und in Ermangelung jeglicher Weihnachtsverpflichtung vor dem Badezimmerspiegel, um hoffentlich den nächsten Posh-Lookalike-Wettbewerb zu gewinnen, und werfe mir zwischendurch immer wieder Cashewkerne, die ich insgeheim im Verdacht habe für die morgendlichen Kopfschmerzen verantwortlich zu sein (ich werde das beobachten) in den Rachen, was leider zu einem unauthentischen Spice-Girl-Ergebnis führt, denn nie im Leben, nie, niemals, würde Posh sich die Backen vollhamstern, geschweige denn sich so in der Öffentlichkeit zeigen, wo sie doch alles, alles gibt, zu jeder Zeit und immer, das identische Wangeneinsauggesicht zur Schau zu stellen, welches es durch die beständige Darbietung nicht nur auf Anorexiefanseiten geschafft hat (Size Zero!), sondern inzwischen auch bis in mein heimisches Bad. Doch, ach, mir fehlen Disziplin und Ernst und der Wille einer Frau Beckham, und ein Frisurenmann fehlt mir obendrein und vielleicht sollte ich umsatteln auf irgendeine andere Brünette, am Besten auf Lauren Bacall- die gelingt mir mühelos. Bereits mit Zwanzig sah ich ihr ähnlich, mit dreißig dann nicht so sehr und inzwischen nähere ich mich ihr wieder an, was mich nicht unglücklich macht, denn altern ist ja an sich keine einfache Aufgabe, da hilft es, in die richtige Richtung zu reifen. Wenn ich irgendwann erst in der Judi-Dench-Liga angekommen bin, werde ich meine Badezimmer- Performances perfektioniert haben und imstande sein, mein Gesicht jederzeit zu einer Blockflöte zu morphen, oder zu einem Fagott.

 

 

 

 

 

Bild: bswise, flickr, dark passage
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

farewell

Naked attraction heißt ein neues Fernsehformat. Dort warten nackte Menschen darauf, anhand ihrer dargebotenen primären und sekundären Geschlechtsmerkmale von dem oder der vollbekleideten und kommentierfreudigen Kandidat*in für ein Date ausgewählt zu werden, an welches sich optimalerweise eine körperliche Verausgabung anschließen soll. Die Kamera begleitet die Protagonist*nnen beim Vorher und beim Nachher.

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Ich lese, dass ich sicherlich in allen Punkten recht habe, und dass es zwei Tage braucht eine Küche aufzuräumen. Und was soll ich sagen: es missfällt mir und es kränkt mich nicht nur. Es macht mich erfreulicherweise auch sehr wütend. Und so haue ich kurzentschlossen und mit zittriger Wucht in die viel zu leisen Tasten meines heisslaufenden Rechners und ändere mit flatternder Hand die Filterregeln. Kleiner Protipp: wenn ein Echo dir Schmerzen bereitet, dreh ihm den Saft ab, höre nicht hin, hör weg, hör Musik und singe mit, laut und leidenschaftlich. Das beugt inneren Deformationen vor und tut obendrein der maladen Lunge gut.

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Morgen ist eine Erfindung.

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Noch zwei Wochen, bis die Türe sich öffnen und bald darauf wieder ins Schloss fallen wird.
Was werde ich anfangen mit den leeren Schrankfächern und Schubladen.

Ich schlafe. Ich wache. Ich trinke Capuccino. Ich arbeite mich durch Papiere. Ich mache Abrechnung. Ich trinke Cappucino. Ich lese. Ich schreibe. Ich verwerfe. Ich lache, ich weine.

Ich trinke Capuccino. Ich esse Kekse. Ich falle ins Zuckerkoma. Ich fange Briefe an. Ich höre Moltostuhl. Ich beende die Briefe nicht. Ich sende die Briefe nicht ab. ich schaue aus dem Fenster. Ich frage mich ob der Kanzler noch lebt. Ich wage nicht, ihn anzurufen weil ich Angst habe, dass die Stimme auf dem Anrufbeantworter einem Verstorbenen gehören könnte, über dessen Tod niemand mich informiert hat, um mich zu schonen. Als ich neulich die Tante anrief, meldete sich der Onkel, der schon lange nicht mehr lebt obwohl er früher den New-York-Marathon gelaufen ist. Das war sehr gruselig und traurig und doch hat es mich gewärmt, die tiefe Onkelstimme noch einmal vom Band hören zu können.

Ich esse Kuchen von der Tante. Den Kuchen hat sie immer schon für den Vater des ehemaligen Verteidigungsministers gebacken. Doch auch der ist jetzt verstorben und nun lege nur noch ich Zeugnis ab von der Backkunst der Tante. Zu dem Kuchen gibt es Cappucino. Mein Herz holpert. Ich lese Mails. Das Herz stolpert. Ich bin über jede Mail froh, in der nichts Schlimmes steht. Ich bin manchmal fast genau so froh, wie ich traurig bin.

Manchmal bin ich nur traurig. Nur froh bin ich nicht. Ständig stolpert mein Herz.

Ich wünschte ich könnte in St. Nikolaus eine Kerze anzünden. Ich wünschte ich wäre in den Bergen. Ich wünschte Privatfeuerwerke würden verboten.
Ich wünschte, Alle würden endlich mal ihre saudumme Klappe halten.

Heute bin ich das erste Mal einem Menschen begegnet, der mir erzählt hat Soros wäre an allem Schuld. Die Frau, die etwa mein Alter hat, sagte, dass ich mich glücklich schätzen könne, nicht mehr miterleben zu müssen, wie die Deutschen in den nächsten Jahren versklavt werden. Und überhaupt: Griechenland!

Sie arbeitet als Arzthelferin in einer Praxis, bei der ich Patientin bin.

In meinem Postfach finde ich Angebote für Hotelreisen mit Pools und Palmen. Ein einziges Mal habe ich eine solche Reise gebucht, damals mit dem Fernsehmann.
Jeden Abend gab es Buffet, später mühten sich niederländische Animatoren ab, den Gästen die bräsige Langeweile aus den Knochen zu entertainen und noch später in der Nacht beugten die gut unterhaltenen Gäste sich auf dem Weg in ihre Zimmer nach vorne und stülpten ihre übervollen Mägen in den langen, teppichbeflorten  Fluren auf links.

Nach getaner Arbeit schließlich wanderten die Animatoren und das Küchenpersonal die Gänge ab und bestreuten die säuerlich stinkenden Haufen mit Sägemehl.
Das am Morgen anreisende Putzpersonal erledigte dann den Rest.

Nachdem auch ich mir am Buffet eine Vergiftung zugezogen und mich tagelang in die zimmereigene Toilette erbrochen hatte, klärten der fürsorgliche Fernsehmann und ich im Zuge des inneren Aufräumens auch gleich noch unsere Beziehungsgerwartungen. Als Denkanstoß legte ich ihm die Lektüre von Jules und Jim an´s Herz, die sich zufällig in meinem Reisegepäck fand. Doch wir wurden uns, auch nach vielen und langen und aufgeregten Gesprächen, nicht einig und so lief alles weiter wie bisher, allerdings mit zunehmendem Gefälle.

Ein Konzert und eine Nacht in Hamburg setzten den Punkt hinter unseren gemeinsamen Weg.

Als ich gestern die Hotelangebote durchsah, erinnerte ich mich an all das und dann fiel mir ein,  dass just an diesem Tage des Moderators Geburtstag war, und aus alter Verbundenheit und einem beinahe unstillbaren Kaffeedurst heraus, begab ich mich sogleich in meine Küche und zauberte mir auf meiner niegelnagelneuen Siebträgermaschine, einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk, einen köstlichen Cappucino aus zapatistischem, widerständigem und ökologisch oberokayem Espresso.

 

 

 

 

Die Blogeinträge der vergangenen fünf Jahre waren geprägt von der Beziehung zu einem bestimmten Menschen.

Ich weiß, dass dieser für mich sehr wichtige und wertvolle Mensch hier mitliest, und dass wir beide darum ringen, den Weg zurück zu finden in unser altes Leben.

Meine Aktivität in diesem Blog wird sich daher in der nächsten Zeit auf das Beschreiben der täglichen Banalitäten beschränken. Und sei es, dass ich über den Kuchen, den die liebe Tante A. aus Frankfurt geschickt hat, berichte. Darüber, dass ich die Hundeerziehung von verhaltensverstärkender Dressur auf energetische Kommunikation umgestellt habe, mit einem überaus erstaunlichen Effekt auf das Tölchen und auf mich. Auch über die Tigerin, die weiterhin und mit wechselnder Gelassenheit an ihrer chronischen eosinophilen Gastritis laviert, werde ich schreiben, darüber, wie der Winter die Farben aus der Welt gesaugt hat und wie mir diese blasse Dezenz gut tut und mir ein wenig innere Ruhe beschert, Über die Weihnachtsfeier, die neue Siebträgerkaffeemaschine, den Adventskranz aus den USA, über die Quitten aus der Altmark, die seit Monaten als Dekoration in der Küche liegen und die duften und duften und darüber, dass dieser Geruch in den immer häufiger werdenden Momenten, in denen ich wieder etwas riechen kann, mir in die Nase steigt und wie mich dieses Erlebnis glücklich macht. Über das Dillsträußchen, das ich früher vor lauter Heimweh nach Frankfurt und der Grünen Soße neben meinem Bett stehen hatte, könnte ich schreiben. Darüber, wie ich ganz langsam  zunehme und wie das meinem Nervenkostüm zuträglich ist, wie ich große Wünsche in die Welt rufe und diese mir wundersamerweise erfüllt werden, wie überhaupt das Echo, mit dem das Leben mir begegnet die Tonlage geändert hat und wie ich mich ganz neu orientieren muss in dieser unbekannten Klangwelt. Über Kummer und Euphorie, über Freiheit und Begrenzung, über nächtliche Eingebungen, und über zunehmendes Vertrauen in meine Selbstheilungskräfte, über Alpträume und Einsamkeit und über das Uniiversum werde ich schreiben, und ich freue mich, wenn meine Leserschaft mich weiterhin bei meinen Gedankenausflügen begleitet.

Zeitlupe

Beim Erwachen greife ich nach meinem Handy. Es ist drei Uhr morgens und eine ungelesene Mail wartet auf mich. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Ich versuche das Tablet einzuschalten und nicke dabei ein.

Als ich das nächste Mal die Augen öffne, ist es immer noch dunkel draußen und vollkommen still. Nur die Tigerkatze schnurrt kaum hörbar neben mir. Der kleine Körper vibriert. Ich stecke die Nase in ihr Fell und döse weg.

Mit ausgestreckten Armen und wie in Zeitlupe mit den Beinen paddelnd, tauche ich ganz langsam durch lagunenblaues Wasser auf ein warmes Licht zu. Weich umspült mich mein Haar,  ich bin glücklich.

Später finde ich eine sms, die ich in der Nacht an mich selbst geschickt haben muss.

Dort steht:

beim sterben durch den erinnerungspool anderer hindurchschwimmen,
eintauchen in fremde träume

/ grütze und algenteppich