Babelhaft

20180422_113223

Die Freundin ist zu Besuch. Ich will ihr berichten was alles los war und erzähle von dem U-Bootbauer. Meine innere Düsternis kennt jeden Gang im Labyrinth. Die Freundin muss glauben ich sei ein Schwermut oder gar ein Schwerblut. Jeder, der mich liest oder mitunter reden hört, könnte das denken, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Annähernd kein Tag an dem ich mich nicht vor Lachen biege. Im Ernst.

Während ich dies schreibe löscht die Autokorrektur jedes falsch getippte Kapitälchen und ersetzt es durch seine kleine Schwester. Ich mag dieses Eigenleben meiner Vertipper, diese geheime Letternwelt, das sonderbare Ordnungssystem – unsichtbar und effizient und stur und oft so dumm und ahnungslos.

Babelhaft ist die Stadt der Buchstaben in der jede Sprache der Welt Zuhause ist und performt wird. No border, no nation- sowieso. Sprache fließt und überschreitet Grenzen, so wie Flüsse, so wie alles was lebt.

Zu tieferen Gedanken bin ich derzeit nicht in der Lage und Willens. Da ist dieses Gutachten im Nacken, das mir zwar die Leistungsbewilligung beschert, mich dabei aber derart pathologisiert und stigmatisiert hat und mir außerdem die Reisefreiheit, bzw. die Inanspruchnahme der medizinischen Leistungen außerhalb der Grenzen Berlins versagen will, dass ich mich in der absurden Situation befinde gegen eine mich begünstigende Bewilligung vorgehen zu müssen, weil die Grundlage falsch und die Ausführungsvorschriften grundgesetzwidrig und schikanös sind und weil ich verflucht nochmal nicht depressiv oder gar suizidal bin und mich von einer Fachkraft der Fleischbeschau auch nicht in diese (wieder mal) von der Ausrottung bedrohte Menschenkategorie hineinschreiben lasse.

Keine Sorge, ich habe nicht vor diesen klebrigen und mehrfach wieder gekäuten Teig erneut in aller Öffentlichkeit auszurollen und mit Kröten, Schnecken und Würmern zu belegen.
Dieses Spektakel bleibt dem engsten Kreis vorbehalten.

Meinen Sommer werde ich genießen, außerhalb Berlins versteht sich, dort wo man psychisch erkrankte Menschen demnächst mit Fug und Recht und wo man ebenso mit Fug und Recht Handgranaten an die Polizei und vieles mehr. Sätze die auszuformulieren mich zu wütend macht. T4 -Leute. Wir sind schon wieder mittendrin.

Vergleichsweise lustig liest sich der Mist, den Sibylle Schmidt von der AfD Berlin (ehemals Mitgliedin der KPdRZ und später der SPD) verzapft. Isse wohl ins Berghain nicht reingekommen, beschwertse sich über die hässlichen Türsteher, die Drogen, die Öffnungszeiten und will die Darkrooms des Etablissemnts mit Licht fluten lassen, um sexuelle Handlungen zu unterbinden. Ja wo leben wir denn!

Frau Schmidt, die ich in meinem geheimen Büchlein unter dem Decknamen Hedwig S. Mahler führe, möchte uns zurück geleiten in eine saubere, reine, deutsche  Welt, die es nie gab und nach der sie arges Heimweh hat.

Lass fließen, lass dem Ding den Lauf

Etwas Erfreuliches gibt es aber auch noch zu berichten: es geht mir gesundheitlich wieder viel besser, um nicht zu sagen gut. Nach einem unerquicklichen Tag mit hohem Fieber, der eine reinigende Wirkung auf mein gesamtes System gehabt zu haben schien und nach einer konsequenten Vermeidungsdiät (böse Arachidonsäure!), fühle ich mich young, foolish, happy und ziemlich unverwundbar. Schön sowieso.

Allen Leserinnen (Männer mitgemeint) wünsche ich einen fabelhaften Sonntag!

 

 

wie gern ich mit dir schliefe

5031968363_92bb342cc0_b

wir mieteten ein zimmer,
verschanzten uns für immer,
teilten koks und klopapier,
du hättest es ganz gut bei mir.

ich würde ausgesprochen
sanft sein und gut kochen,
würde dich nicht nur verehren,
auch auf höchstniveau ernähren.

würde mit obszönen
versen dich verwöhnen,
würde laute dir entlecken

die die halbe stadt aufwecken.
gottverfluchte konjunktive.
wie gern ich mit dir schliefe.

(Helmut Kraussner in Liederlich!
Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
Eichborn Berlin)

 

 

 

 

Bild: bswise, untitled
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Matchball

640px-Beach_at_monomoy_national_wildlife_refuge_cape_cod

Mit uns am Tisch sitzt ein Paar in den Fünfzigern. Der Mann, untersetzt mit teigigen Gesichtszügen und nervösem Lidflattern, seine Frau, eine stämmige Sitzriesin mit breitem Kiefer und überraschend geschmeidigen Händen.
Während sie mit konzentriertem Ernst das Essen auf ihre Gabel schichtet und vor dem Hinunterschlucken Bissen für Bissen gewissenhaft kaut, sieht er ihr mit hängenden Schultern zu. Sein Teller ist leer.
Der Fernsehmoderator und ich schauen uns stumm an.
Nach einer Weile hat die Frau fertig gegessen, blickt auf, betrachtet ihren Mann und ihr eben noch zufriedenes Gesicht nimmt einen schmerzvollen Ausdruck an.
Der Mann schaut zurück, seine Lider flattern, die Mundwinkel zucken, er schlägt die Augen nieder.

Du kannst dir etwas vom Buffet holen, sagt sie. Er bleibt reglos sitzen.
Geh!, ihre Stimme klingt hart.

Ohne sie anzuschauen erhebt er sich, schiebt seinen Stuhl ganz langsam zurück, sichtlich bemüht kein Geräusch zu machen, nimmt seinen Teller in beide Hände und geht mit steifen Beinen zum Büffet am hinteren Ende des Hotelspeisesaals. Seine Frau betrachtet unterdessen ihre Fingernägel.
Der Fernsehmoderator und ich starren auf unser Essen und kauen.
Kurze Zeit später kehrt der Mann mit vollbeladenem Teller zurück, setzt sich an seinen Platz und vermeidet es seine Frau anzusehen, die jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgt.

Was hast du da?, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf seinen Teller.
Er zuckt zusammen.
Was ist das?, will sie wissen.
Fleischbällchen, antwortet er und es klingt beinahe wie eine Frage.
Hol mir auch Fleischbällchen, sagt sie.
Das waren die letzten.
Dann gib mir deine.
Ratlos blickt der Mann auf seinen Teller.
Ich möchte sie aber selber essen.
Gib sie mir
, sagt sie, und greift über den Tisch hinweg nach den kleinen Frikadellen, über die er inzwischen schützend seine Hand hält.
Gib sie mir, sagt sie noch einmal und schaut ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ihr Ton ist schneidend.
Seine Lider flattern, das Kinn zittert, er atmet aus und zieht die Hand zurück. Sie beugt sich leicht nach vorne, und befördert mit ihren schönen Händen Bällchen für Bällchen auf ihren Teller.
Als sie nach dem letzten greift, versucht er es noch einmal. Er hebt sein Kinn, schaut ihr aus zitternden Augen ins Gesicht und sagt: Ich möchte wenigstens das Eine behalten.

Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen.
Der Fernsehmoderator schaut den Mann an, als verfolge er ein Tennisspiel und warte auf den alles entscheidenden Aufschlag, die letzte Chance, das Spiel noch einmal zu wenden, meine Gabel bleibt zwischen Teller und Mund in der Luft hängen, die Geräusche im Saal verschmelzen zu einem hallenden Raunen und die Sitzriesin ringt tief ein- und ausatmend um ihre Fassung.
Zu den flatternden Augenlidern und dem zitternden Kinn des Mannes gesellt sich nun noch ein Tremor der rechten Hand, mit der er sein verbliebenes Fleischbällchen abzuschirmen versucht.
Du gehst jetzt sofort ins Zimmer, sagt sie schließlich in bedrohlich sanftem Ton. Ihr Mann schließt kurz die Augen und bleibt reglos sitzen.
Du gehst jetzt sofort ins Bett, wiederholt sie ihre Aufforderung und legt den Zimmerschlüssel geräuschvoll neben seinen Teller.
Ich habe aber Hunger, sagt er und nun vibriert sogar seine Stimme. Tränen stehen ihm in den Augen und ich merke, wie eine hilflose Wut in mir aufsteigt. Ich verschränke die Füße und und ziehe die Beine unter meinen Stuhl.
Die Frau nimmt jetzt den klimpernden Schlüssel vom Tisch und hält ihn mit spitzen Fingern ganz dicht vor das Gesicht ihres Mannes. Dieser zuckt kurz zusammen, blickt sich im Saal um, niemand außer dem Moderator und mir scheint Notiz von dem Geschehen zu nehmen, dann greift er nach dem Schlüssel, steht langsam auf und verlässt mit schweren Schritten den Saal.
Ohne ihm hinterher zu schauen legt die Frau das letzte Fleischbällchen auf ihren Teller und bestellt bei dem vorbei eilenden Kellner ein zweites Glas Tinto.

Am nächsten Vormittag gehen der Fersehmoderator und ich am Strand spazieren.
Es ist kühl und windig, der Sand ist nass vom nächtlichen Regen, das Meer hat ein paar Algen und Plastikflaschen an Land gespült. Verwaist liegen die zerfallenen Sandburgen des Vortages. Oben am Himmel kreischen die Möwen. Ab und an lässt eine sich herabstürzen, durchstößt die kleinen Wellenkämme und taucht wenig später ohne Beute wieder auf.
Wir erreichen die Felswand am Ende der Bucht und breiten unsere Jacken auf dem Sand aus.
Schweigend sitzen wir und rauchen, schauen in die Ferne auf den diesigen Horizont und lauschen dem Gluckern und Rauschen des Wassers. Irgendwo dahinten liegt Afrika.
Eine Stunde oder länger sitzen wir so, als sich von  Weitem zwei Menschen nähern. Ein Mann und eine Frau. Ihr bunter Pareo flattert im Wind wie eine fröhliche Fahne, Fetzen ihres Lachens wehen zu uns herüber, sie halten sich an den Händen und schaukeln ausgelassen mit den Armen.
Angesteckt von soviel Glück lächelt der Moderator mir zu, legt seinen Arm um meine Schulter und küsst mich laut  schmatzend auf den Mund. Ich lache.
Wenig später erreichen auch die beiden Verliebten das Ende der Bucht.
Es ist die Sitzriesin mit ihrem Mann.

Bild: Wikimedia Commons, keine Beschränkungen