gone

20160827_190909

Am Klausener Platz setzt ein Betrunkener sich mir gegenüber auf die Tischtennisplatte. Mit schiefem Blick schaut er mich an und schaut und schaut und es liegt Wärme in seinem jungen, vom Alkohol verklärten, Gesicht. Ich ignoriere ihn so gut ich kann, esse weiter meine Nüsse und genieße das kühlende Blätterdach. Hinter uns rauscht der Kaiserdamm. Später wollen wir in den Schlosspark gehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Betrunkenen, wie er mich anhimmelt und im Nachmittagssuff beinahe dahinschmilzt, bis er schließlich aufsteht und einen Schritt auf mich zu macht. Da erhebst auch du dich und er zögert. Ich liebe dich, sagt er.

Er hat ich liebe dich zu mir gesagt, lache ich, nachdem er gegangen ist.
Er war ja auch total hinüber, antwortest du.
Selbst die kleinen Bälle mochtest du mir nicht mehr zurückspielen.

//

Am Abend komme ich über die Brücke. Vor mir liegt die Michaelkirche im warmen Licht. Als ich vor dem Backsteinbau stehe, denke ich an die vielen Menschen, die das Gotteshaus vor langer Zeit, in ihrem Heute, erbaut haben. Wie schwer sie gearbeitet haben und wie zufrieden und stolz sie bei seiner Einweihung gewesen sein müssen. Niemand lebt mehr, davon zu erzählen, und niemand, sich an einen von ihnen zu erinnern.
Ich versuche mir die zukünftigen Menschen vorzustellen, wie sie, an einem Septembertag wie diesem, durch die Straßen gehen, unsere heutigen Neubauten betrachten und versuchen sich ein Bild von uns zu machen, den Unbekannten dieser vergangenen Epoche. Werden sie eine Frau mit einem Hund an ihrer Seite sehen, die im Abendlicht nach Hause geht und einen langen Schatten auf das staubige Pflaster wirft?

//

Der Sommer verabschiedet sich. Alles Schöne geht einmal vorbei. Dass auch wir enden würden habe ich nie geglaubt. Wir hatten uns gefunden.
Und wir haben uns verloren.

 

 

 

 

 

11 Kommentare zu “gone

  1. Ich hab das Zitat nachgeschaut. Virginia Woolf. Sehr klug und passend, liebste Katastrophenchronistin. Ich fand es bei Sarah Bakewell, „Wie soll ich leben? oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten“. C.H.Beck Verlag.
    Dazu kommentierend las ich “Das Vertraute wurde zu etwas Unvertrautem – ein Trick, den auch die hellenistischen Philosophen anwendeten, wenn sie aus der Perspektive des Weltalls auf das menschliche Leben herunterblicken. Auch hier kommt es auf die Konzentration der Aufmerksamkeit an. Gewohnheit stumpft ab und schläfert ein etc pp.“
    Ich glaube, ich habe Lust auf das Buch, wegen der Fragen und wegen des verdammt guten Titelbilds. Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

  2. liebe frau tikerscherk,
    eine schöne baumbrust haben sie da abgelichtet und wer mag nur das famose Textchen am Baum angebracht haben und weshalb?
    und einen melancholischen Text haben sie da in die tasten geschrieben, der einen mit einem schalen gefühl, ratlos hinterlässt.
    wäre er rein fiktiv, würde ich hurra schreien…. so ein wunderbarer text.
    da ich mir aber nicht sicher bin….
    sag ich nurmal
    soifz
    und
    örks

    Gefällt 1 Person

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