El corazón es agua

14773523263_19b04be71b_z

Neulich hab ich versehentlich etwas geliked, was ich keinesfalls hätte liken wollen und sollen. Als mir retrospektiv dämmerte, dass ich da etwas ganz und gar missverstanden haben musste, schon weil, so glaubte ich mich dunkel zu erinnern, unter den Mitlikern sich einer befunden hatte, der einen martialisch anmutenden Adler als Gravatar verwendete, welchen ich später und andernorts als das Emblem eines Reichbürgers identifizierte, machte ich mich auf die Suche nach dem falschen Like, um es zu eliminieren, doch ich fand es nicht mehr. Nun habe ich einen Fleck auf der Weste und dabei war´s wirklich ein Versehen. Möge Gott verhüten, dass ein Screenshot mich eines Tages überführt.

Gestern hatte der Fersehmoderator Geburtstag und gestern feierte auch Chelsea Manning ihr Wiegenfest, wie die Mutter des Fernsehmoderators dieses Ereignis zu nennen pflegte. 29 ist sie geworden und noch 29 Jahre hat sie als Gefangene vor sich. Wie kann sie das überstehen.

Große Raupen mit bündelweise Papiereinkaufstaschen am Handgelenk, der Umwelt zuliebe, fressen die Auslagen der Geschäfte kahl. Auch heute, am 4. Advent. Läuft.

Wogende Menge, wogendes Gras.
Oben auf dem Gerüst rauchen die Bauarbeiter einen Joint. Der Osteuropäer kostet ein Viertel weniger als der Deutsche. Wenn er runter fällt wird´s aber genauso teuer.

Vieles ist sehr hässlich, von nahem betrachtet.

Der Winter hat die Sättigung aus allem heraus gezogen

Neurotisch oder exzentrisch. Das ist noch unentschieden.

In der Ferne höre ich das Grollen der Artillerie. Feindbilder aufrecht erhalten.

Ich weiß nicht wo ich hingehöre und welche Fragen die richtigen sind.
Die Meinungen gehen mir aus.

Ich sollte einen Boulevardreporter anrufen und meine Lebensbeichte in sein Diktiergerät sprechen. Nur, dass ich nicht berühmt und herunter gekommen bin wie Ben Becker, der sich sogar an der Bibel versuchte und dafür zahlende Zuhörer fand.
Nicht einmal eine berühmte Frau bin ich, Scarlett Johansson zum Beispiel. Deren Lebensbeichte würde man wohl hören wollen, während man ihre Lippen betrachtete.
Alternativ: sich oben im Kirchturm verrammeln und Böller zünden. Damit würde man nationale, wenngleich namenlose Bekanntheit erreichen. Zeitgeistruhm.

Der Hass kommt von allen Seiten und Haubitze ist auf einmal gar kein lustiges Wort mehr, auch wenn es so klingt. Überall ist Krieg und man weiß nicht, ob es wirklich ein siebenjähriges Mädchen gibt, das aus den Trümmern twittert oder nicht.

Es gab Zeiten, da war Propaganda ein schwarzweißes Plakat. Inzwischen durchwebt das Hasslurex alles und glitzert glaubwürdig (verbesserungswürdiges Adjektiv) dazu.

(All that glitters, isn´t that gold)

Der Reichsbürger bezieht Strom und Wasser aus dem Ausland, sagst du, und schickt Fäkalien zurück.
Muss man ein Haus auf eigenem Grund und Boden besitzen, um Reichsbürger zu sein , oder genügt schon eine Mietwohnung?
frage ich mich und dann dich und du zuckst mit den Schultern.

Die Dinge sind kompliziert.

 

Aber: tolle Raben und köstliche Kekse- danke, danke, danke!

 

 

 

Bild: Lua Zemenis, „El corazon es ague“, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Gratwanderung [*txt.]

598px-M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont

Sie ist am Trudeln, ihr schwindelt. Wo ist ihr Platz in dem Ganzen? Sie muss heraus finden wie sie bei ihm sein kann. Wie nah sie ihm sein kann, ohne dass es weh tut.

Vor einigen Monaten war es zum ersten Mal da, dieses Gefühl.
Völlig unerwartet tauchte es aus dem Nichts auf, lange nachdem alles vorbei war und die Wogen sich geglättet hatten. Wie ein schwerer Umhang legte es sich auf ihre Schultern und schnürte ihr die Brust ein. Sie ließ die Arme kreisen, atmete tief ein und wiegte den Kopf von links nach rechts, aber es ließ sich nicht abschütteln. Und plötzlich, für einen winzigen Augenblick, gesellte sich ein Bild dazu. Ganz kurz nur schien es vor ihrem inneren Auge auf, beinahe konturlos, dann war es verschwunden.

In den nächsten Tagen schmerzte ihr Nacken noch ein wenig, sonst aber war alles wie immer, selbst die Stimmung zwischen ihnen war wieder entspannter und freundlicher, so dass sie das Bild nach und nach vergaß, wie auch alles andere.

Erst als es, viele Wochen später das nächste Mal, wie meist, aus heiterem Himmel anfing, er ohne erkennbaren Anlass vom Tisch aufstand, sich vor die Küchenschränke stellte und sie mit verschränkten Armen und diesem Blick anschaute, den sie schon kannte, und in dem so viel Verachtung und Wut lag, dass sie jedes Mal aufs Neue erschrak, da tauchte auch das Bild wieder auf. Noch ehe er anfing ihr die schlimmen Dinge zu sagen, mit gedämpfter Stimme und dunkler Wut, war es da und es war viel deutlicher als beim letzten Mal. Etwas ganz und gar Unvorstellbares, aber sie nahm es als Trost, als eine Art Schutzschild, das ihr helfen würde die bitteren Kränkungen und Beleidigungen besser zu ertragen. Denn obwohl sie das schon kannte und obwohl sie wusste, dass er in diesen Momenten nicht er selbst war, sondern irgendetwas aus ihm sprach, das mit ihm nichts zu tun hatte und ihn nur als Kanal, als Medium, wenn man so wollte, nutzte, tat es ihr doch jedes Mal weh und sie fragte sich, wie so viel Verachtung und Kälte aus einem Menschen kommen konnte, der sonst so freundlich und meist auch sehr liebevoll war.

Aber mehr noch als das fragte sie sich, wie sie das alles hinnehmen sollte ohne sich zur Wehr zu setzen, ihm etwas entgegen zu halten oder wenigstens zu versuchen ihn zu stoppen.

Sie hatte schon alles probiert über die Jahre und wusste, dass es das Beste war still zu halten, Mimik und die Ohren auf Null zu stellen, solange es eben ging, und ihm die Zeit zu lassen, die er brauchte, bis alles aus ihm heraus gebrochen war.
Dann erst durfte sie dem Schmerz, der sich mit jedem seiner Sätze in ihr aufbaute nachgeben und weinen über die schlimmen Dinge, die er zu ihr sagte. Worte wie Messer, fast alle unter der Gürtellinie, Aufrechnereien kleinster Missverständnisse, vor allem aber die totale Demontage ihrer Person. Ein Zwiegespräch mit sich selbst, in dem er sich fragte, wieso er jemanden wie sie überhaupt ertrug, wieso er sie nicht verließ, was ihn an einen so dummen und einfältigen Menschen mit so wenig Bildung und ohne Geist und Witz band.

Ob er nicht besser irgendeine beliebige Frau aus dem Supermarkt flach legen sollte, die sie an Ausstrahlung und Sex-Appeal bei weitem überträfe, was nun wirklich kein Kunststück sei, und wieso sie eigentlich nicht einmal kochen konnte oder wenigstens Kinder gebären, wo doch ihr Hirn sowieso eine eher untergeordnete Rolle spielte, sie sich also ganz auf das Physische und Sinnliche verlagern könnte. Aber nicht einmal das brachte sie zuwege und nicht einmal jetzt, in diesem Augenblick, sei sie in der Lage wenigstens einen vernünftigen Satz zu sagen oder irgendetwas zu tun, das ihm zeigen würde, dass sie einen Geist, und wenn den schon nicht, dann wenigstens Stolz und Würde besäße. Nichts. Stattdessen dieses stumme Geglotze einer Idiotin mit der Unterwürfigkeit einer Sklavin.

Wie lange sind wir jetzt zusammen, fragte er plötzlich und sah sie aus zusammen gekniffenen Augen an. Sie wusste inzwischen, dass er darauf keine Antwort erwartete. Ihre Aufgabe war es ihm zuzuhören und zu schweigen, ihn stumm gewähren zu lassen. Sechs Jahre, beantwortete er dann seine eigene Frage. Sechs lange Jahre, in denen nichts passierte außer essen, schlafen und manchmal mediokrer Beischlaf. Kein einziges anständiges Gespräch, keine Hobbies, keine Kinder.

Und während er so, mit leiser Stimme, auf sie einsprach versuchte sie Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Irgendetwas zu denken, was ihr Halt gab. Etwas, das nicht sie, sondern ihn in Frage stellte, denn obwohl sie wusste, dass er das, was er sagte nicht so meinte, dass es ihm später wieder Leid tun und er sie um Verzeihung bitten würde, so mussten diese Gedanken doch irgendwie in ihm entstanden sein, eine Grundlage haben, wenigstens einen Funken Wahrheit in sich tragen. Zwar kamen sie jedes Mal wieder unerwartet, aber die Themen wiederholten sich.

Mit manchem hatte er sicher auch Recht, denn seit sie zusammen waren hatte sie beinahe alle Interessen vernachlässigt und sah auch ihre Freunde nur sehr selten, wie das eben so ging, wenn jeder sein Leben hatte. Sie schrieb noch, das schon, und ab und an brachte sie den einen oder den anderen Artikel in einer Zeitung unter oder veröffentlichte eine Kurzgeschichte in einem Sammelband. Auch Cello unterrichtete sie weiterhin, allerdings ohne rechte Lust und nur dann, wenn er nicht Zuhause war. Er mochte das Instrument nicht, es war ihm zu traurig.

Sie sprachen auch nicht mehr so viel miteinander, wie in den ersten Monaten ihrer Beziehung und tatsächlich waren ihre Kochkünste nach wie vor bescheiden, denn sie hatte sich nie als Hausfrau gesehen und sie machte sich nicht mehr viel aus Essen, wie überhaupt die Freude an den sinnlichen Dingen ihr über die Jahre abhanden gekommen war. Seit die Katze weg war, weil er eine Allergie entwickelt hatte, war das Einzige, was sie noch gerne berührte seine Haut, wenn er nachts neben ihr im Bett lag und sie umarmte. Wenn er sie dann so streichelte und küsste und sie im Halbdunkel anlächelte konnte sie kaum glauben, dass es der gleiche Mann war, der immer wieder so grauenhafte Dinge zu ihr sagte.

Sie fragte sich, ob das Ganze irgendetwas mit seinem Stoffwechsel zu tun haben konnte. Meistens nämlich geschah es unmittelbar nach dem Essen, was ganz sicher nicht an ihren mäßigen Kochkünsten lag, denn auch er maß der Nahrungsaufnahme keine große Bedeutung bei und selbst wenn sie sich etwas nach Hause bestellt hatten, war es schon passiert, dass er am Ende aufstand und sie fertig machte. Wenn andere friedlich und satt waren und zu träge um sich zu rühren, geschweige denn ein Lamm zu reissen, sprach die Raubtierseele aus ihm, die Blut sehen wollte und sein Kopf lief Amok.

Handgreiflich geworden war er nur wenige Male. Das war schon lange her. Damals hatte sie versucht ihn zu unterbrechen. Sie war aufgestanden, hatte sich vor ihn gestellt und ihm gesagt er solle sofort aufhören damit. Was dann geschah, daran wollte sie sich nicht mehr erinnern, auch wenn die Szenen manchmal noch vor ihrem Auge auftauchten.
Sie hatte bald verstanden, dass sie ihn gewähren lassen musste, wenn sie wollte, dass es schnell vorbei war.

Inzwischen wusste sie auch, wann sie gefahrlos anfangen konnte zu weinen, um ihm damit das Stichwort für den letzten Hieb, die schlimmste aller Kränkungen, die er sich immer bis zum Schluss aufsparte, zu geben. Der finale Schlag, mit der er ihr das Genick brechen wollte, um dann, wenn er fertig mit ihr war und sie endlich schluchzend am Tisch saß, beide Hände vors Gesicht gelegt, die Grimassen zu verbergen, die der Schmerz ihr in die Züge schrieb. Wenn sie nur noch damit beschäftigt war das, was in diesem Moment noch von ihr übrig war zusammen zu halten und sie gleichzeitig gegen die aufsteigende Wut kämpfte, die alles nur noch viel schlimmer machen würde, wenn sie ihr Raum gäbe, verließ er wortlos die Küche. Sie hörte, wie er im Flur die Jacke vom Haken nahm und kurz darauf schnappte die Wohnungstür ins Schloss.

In die Stille, die dann entstand, weinte sie ihr ganzes Unglück und weinte und weinte, bis sie vollkommen erschöpft war und weder Zorn noch Trauer, noch Groll empfand.
Die Leere nach dem Weinen brachte sie immer häufiger in einen schwerelosen Zustand vollkommenen Gleichmutes, in dem nichts mehr sie anging und alles was existierte seine nicht hinterfragbare Berechtigung hatte.
So musste es sein und nicht anders. Alles gehörte zusammen und sie war ein Teil davon, genauso wie er. Es tat ihr gut zu denken, dass das Ganze, irgendwann in der Ursuppe, unendlich lange Zeit vor ihrer Geburt, seinen Anfang genommen hatte und sie nichts weiter waren, als die konsequente und notwendige Entwicklung des Lebens. Zugleich aber waren sie der Weg, den es einschlug und der erst in der Bewegung und durch sie entstand.

Auch gestern am späten Nachmittag war es wieder so gewesen. Sie hatte sich leer geweint, war in diesen angenehmen Zustand geglitten, in dem selbst die Nackenschmerzen ihr nichts mehr ausmachten. Sie hatte das Bild vor Augen gehabt und sich mit ihm getröstet.

Dann war sie aufgestanden und wie ferngesteuert durch die Wohnung gegangen, ganz langsam, mit nichts im Ohr als dem Rauschen ihres eigenen Blutes, hatte hier und da ein paar Dinge gerade gerückt und zwei, drei Kleinigkeiten zusammen gepackt, sie in ihre Tasche gelegt und anschließend die Wäsche aufgehängt. Schließlich hatte sie die Gnossiennes von Satie aufgelegt, auf Wiederholung gedrückt, sich ans Fenster gestellt und gewartet.

Später als er zurückkam hatte sie ihn begrüßt, ihn flüchtig auf seine blasse Wange geküsst und ihm lächelnd in die fiebrig- beschämten Augen geschaut.
Sie hatte einen Salat zubereitet, den sie schweigend aßen, bis er seine Hand über den Tisch zu ihr herüber schob und sie die ihre darauf legte. Sie sahen sich an.
Seine Augen waren rot geädert.

Nach dem Essen hatten sie zusammen geduscht und waren gleich ins Bett gegangen, wo sie sich lange liebten. Er war sehr zärtlich und sie wusste, dass er sie spüren lassen wollte, was sie ihm bedeutete und wie sehr er wieder gut machen wollte, was geschehen war.

Aber das brauchte er nicht, das wusste sie ohnehin. Und es war ja gar nicht er, der ihr das antat. Das war das Fremde in ihm, der Alien oder der Teufel, der da aus ihm sprach. Er konnte nichts dafür, war dem ebenso ausgeliefert wie sie, und es gehörte zu ihrem Leben und zu Ihnen, so wie alles andere. Es war etwas, was sie akzeptieren musste, wenn sie mit ihm zusammen sein wollte. Und das wollte sie.

So oft schon hatte er sich bei ihr entschuldigt, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte und jedes Mal tat es ihr Leid, wenn er versuchte Worte zu finden und etwas zu erklären was nicht in seiner Verantwortung, geschweige denn in seiner Macht lag.
Als er auch gestern Nacht im Bett wieder damit anfing, legte sie die Hand auf seine Lippen und schloss die Augen um ihm zu bedeuten still zu sein. Sie griff in sein Haar und kraulte seinen Kopf, bis sein Atem immer langsamer wurde und er schließlich eingeschlafen war. Dann küsste sie ihn auf die Schulter, legte sich in seinen Arm, der schlaff und schwer neben ihm lag und bald darauf fiel auch sie in einen leichten Schlaf, aus dem sie im Morgengrauen erwachte.

Sie drehte sich nach links und sah ihn, das Gesicht abgewandt, bäuchlings neben ihr liegen. Sie blickte auf seinen Nacken, den mädchenhaften Haaransatz mit dem zarten, hellen Flaum, die beiden Muskelstränge und zwischen ihnen die kleine Kuhle, die sie so anrührte und in der sich die Knochen der Wirbelsäule ein wenig abzeichneten. Über allem seine weiße, glatte Haut, die im fahlen Licht schimmerte, wie etwas sehr Kostbares.

Lautlos schlüpfte sie aus dem Bett, warf sich ein Hemd von ihm über, ging hinaus in den Flur zu ihrer Tasche und huschte zurück ins Schlafzimmer. Ohne zu zögern stieg sie zu ihm ins Bett, kniete sich neben ihn und stieß zweimal hintereinander mit aller Kraft zu. Das Messer knirschte unter ihren Fingern, er zuckte kurz und schrie, Blut quoll aus den beiden Wunden und sammelte sich in der kleinen Kuhle. Sie hörte ihn leise stöhnen und es klang als hätte er ein Kissen vor dem Mund.

Beim Hinausgehen ließ sie die Wohnungstüre offen stehen.

 

Dieser Text ist Teil eines interessanten Projektes und gleichzeitig der 500.ste Beitrag in diesem Blog.

(Bild: „M1634 – violoncell – Petter Hellstedt – 1746 – fot Sofi Sykfont“ von Musik- och teatermuseet – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg#mediaviewer/File:M1634_-_violoncell_-_Petter_Hellstedt_-_1746_-_fot_Sofi_Sykfont.jpg)

Fortsetzung

English: The chimney The chimney.

(Photo credit: Wikipedia)

Es dämmert und die Vögel zwitschern. Amseln hüpfen in den Vorgärten umher, verharren unter den Rhododendronbüschen und flöten ihre unbeholfenen Tonleitern in den wolkenlosen Morgenhimmel über der Stadt.
Schweigend gehen wir zu meinem Auto. Carlos hält mir seine Schachtel Rothmans hin, wir bleiben kurz stehen. Als er mir Feuer gibt halte ich sein Handgelenk fest.
Die hölzernen Lider der alten Villen sind noch geschlossen. Die ersten Frühlingsblumen öffnen ihre Blüten; Rosenduft steigt mir in die Nase.
Ich habe Hunger und bin müde.
Beim Auto angekommen, werfe ich meine Kippe in den Rinnstein, schließe auf und lasse mich hinein fallen. Ich kurbele das Fenster herunter und ziehe die Tür zu. Carlos steht neben mir und beugt sich mit mehrdeutigem Grinsen nach vorne.
Ich werde ihn nicht küssen.
– Ich muss jetzt fahren,
sage ich stattdessen und zünde den Motor.
– Wir sehen uns?
– Ja, bestimmt.

Rückwärts stoße ich aus der Parklücke.
Zum Abschied ein letzter Blick. Ich schalte die Automatik auf S, und schleiche  im Schritttempo die ausgestorbene Straße in Richtung Zentrum herunter.
Um zu Jerry zu fahren ist es zu spät und Ale will ich auch nicht wecken.
Also mache ich mich erstmal auf den Weg Richtung Hauptbahnhof, um beim Frühbäcker Mohnbrötchen zu besorgen und später mit ihr zu frühstücken.
Kaum habe ich das Villenviertel verlassen, sind die Straßen plötzlich erstaunlich belebt. Es ist Montag früh. Die Stadt erwacht, und Menschen gehen zur Arbeit. Einen kurzen Moment fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken, dass auch mein Vater schon bald wieder aufstehen und bis in den späten Abend ackern wird. Ich drücke die Cassette rein, und drehe die Musik auf.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ich erinnere mich noch gut an das Konzert vor 3 Jahren, zu dem ich meinen kleinen Bruder mitgenommen hatte, mit dem Auftrag ihn wohl behütet wieder nach Hause zu bringen.
Nach kurzer Zeit war er so blau und rannte von der Halle zum Bierstand und umgekehrt, dass ich ihn schließlich aus den Augen verlor.
Wie heute trug ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz und steckte in einem schwarzen, schmal geschnittenen Anzug mit kurzer Jacke, den mir Jan letztes Jahr geschenkt hatte, weil er ihm zu eng war.
Damals, vor dem Eingriff, trank ich noch Bier, ohne mich zu sorgen, dass es fett macht.
Der Sound in der Halle ist miserabel abgemischt, die Stimme von Robert Smith geht unter im diffus verschwimmenden Gitarrengeschrammel und den typischen, viel zu lauten, Bassläufen. Auch ich trinke ein paar Bier, und muss irgendwann aufs Klo.
Die Toilettenanlagen sind im Keller, und sehen ziemlich feudal aus. Dem Anschein nach geht hier normalerweise anderes Publikum ein und aus.
Nach dem Pinkeln stehe ich im Neonlicht vor dem deckenhohen Spiegel und der wuchtigen Waschbeckenreihe aus einem Guss, und male meine Lippen mit blutrotem Lippenstift nach. Eine etwa dreißigjährige Frau kommt aus der einzigen besetzten Kabine und stellt sich an das Waschbecken neben mir. Durch den Spiegel beobachtet sie mich, und ich bilde mir ein Verachtung in ihrem Blick zu sehen.
Als ich den Lippenstift in die Hosentasche stecke, tritt sie plötzlich hinter mich und umklammert mich so fest, dass meine Arme gegen meinen Rumpf gepresst werden und ich mich nicht mehr rühren kann.
Ich bin völlig überrumpelt. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet.
Sie ist kleiner als ich, und ziemlich kräftig. Ihr kurzes dunkles Haar trägt sie nach hinten gegelt, ihre Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet. Auch ihre Kleidung ist schwarz und ihr T-Shirt ist an der Seite weit ausgeschnitten. Wir sind auf einem Cure-Konzert.
Ich japse vor Schreck, und presse mühsam ein läppisches „Hey!“ hervor.
– Wieso trägst du Hosen wie ein Mann, sagt sie, und es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie atmet mir schwer ins Ohr, ihr Körper fühlt sich dampfig-warm an. Ich versuche mich aus ihrem Griff zu winden, aber sie hält mich noch fester, fängt an Stoßbewegungen mit ihrem Becken zu machen und sich mit kreisförmigen Bewegungen an mir zu reiben.
– Lassen Sie mich los! sage ich wütend und ärgere mich im gleichen Moment, dass ich sie gesiezt habe, diese Scheißkuh!
– Komm, zieh diese Hosen aus, Süße.
Die hat sie doch nicht mehr alle!
Wieder versuche ich mich zu wehren, indem ich eine Drehbewegung mache, aber sie hat mich derartig fest im Griff, dass ich keine Chance habe.
Im Gegenteil! Jetzt leckt sie meinen Hals ab, beisst mir wie eine Katzenmutter fest in den Nacken und drückt mich mit ihrem Gewicht nach vorne. Ich komme mit dem Oberkörper auf dem sehr breiten und tiefen Waschbecken zum Liegen, mein Gesicht neben dem Wasserhahn in dessen blank poliertem, langem Hals wir uns grotesk spiegeln.
Es muss doch jeden Moment jemand reinkommen! Die Halle ist voll, alle saufen da oben!
Da das Konzert in vollem Gange ist, erscheint es mir immer noch sinnlos zu schreien. Bis hier unten höre ich den Bass, und die Stimme von Robert Smith.
Wir sind die einzigen im Waschraum.
Plötzlich löst sie den Schraubgriff einseitig, sie legt ihren schweren Oberkörper auf meinem ab, greift mir mit der frei gewordenen Hand zwischen die Beine und stöhnt auf. Ich ekele mich so, dass ich heulen könnte, gleichzeitig kann ich es nicht fassen. Da versucht tatsächlich eine Frau mich zu vergewaltigen.
Kurz nachdem sie damit angefangen hat mich unter orgiastischem Stöhnen zu befummeln, höre ich zwei sich nähernde Frauenstimmen. Die Tür öffnet sich, und die beiden plappernden Schicksen verstummen augenblicklich und reissen ihre Augen unnatürlich weit auf.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Statt beiseite zu springen, und sich aus dem Staub zu machen, zieht die Frau betont langsam ihre Hand aus meinem Schritt, und lässt mich erst dann los. Ich richte mich schnell auf, und sehe durch den Spiegel, wie die beiden Frauen uns angaffen.
Die glauben doch nicht?
Doch, genau das glauben sie!
Noch einmal umarmt mich die Frau von hinten, und saugt sich so fest an meinem Hals fest, dass es weh tut. -Au!, ich ziehe die Schultern hoch und schaue die beiden anderen hilflos durch den Spiegel an. Die müssen doch merken, dass hier was nicht stimmt.
Aber wie können sie? Noch immer bin ich unfähig mich zu wehren, oder etwas zu sagen. Scham ist das vorherrschende Gefühl.
So plötzlich, wie sie über mich hergefallen ist, lässt sie mich jetzt los, dreht sich auf dem Absatz um, und verlässt den Raum mit schnellen Schritten.
Unter den Augen der beiden schweigenden Tussen wasche ich mir die zitternden Hände und den Hals ab -ich habe einen dunklen Knutschfleck- und warte, bis auch sie fertig sind, um gleich hinter ihnen sicher nach oben gehen zu können. In der Halle schaue ich nach meinen Bruder, und finde ihn, nach kurzem Suchen, mit Schlagseite am Bierstand.
Nur in groben Zügen erzähle ich ihm, was passiert ist, aber das reicht schon aus, um ihn vor Lachen beinahe umkippen zu lassen. Ich lache mit, und zusammen gehen wir zurück in die dunkle Halle und tanzen.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ausgerechnet dieses Lied.
Der Qualm der zahllosen Kippen und Joints hängt träge im blauvioletten Scheinwerferlicht, Smith steht verschwitzt vorne und gibt alles, während ich mir Gedanken mache, wie ich diesen Knutschfleck am besten verstecken kann damit  Jan ihn nicht sieht.

Inzwischen bin ich fast am Bahnhof angekommen, und suche nach einem kostenfreien Parkplatz, den ich in der Ludwigstraße, fast genau vor dem Haus von Jans Bruder finde. Früher war ich oft hier, und mit etwas Glück war auch Ronny mit seinem uralten, coolen Opel Admiral da, und fuhr mit mir eine Runde durch die Stadt.

Die Geschichte ging so unerfreulich weiter, wie sie angefangen hatte: am nächsten Tag in der Schule lauerte Jan mir vor der Treppe zu meinem Klassenraum auf.
Von ihm hatte ich mich, nach einem gemeinsamen Jahr, und einem durch und durch dramatischen gynäkologischen Eingriff vor ein paar Wochen getrennt. Ich war fertig mit ihm. Die Zuneigung war gekippt in Abscheu, wenn nicht Hass. Weniger für das, was er mir da eingebrockt hatte -das auch- vielmehr für sein Lachen, seine fühllosen und hässlichen Sprüche, als er mich im Krankenhaus besuchte, und auf den Schlot des Krematoriums zeigte.
Das Singen von It´s all over now Baby Blue, war noch das Harmloseste, was von diesem Kretin zu hören war. Zur Verstärkung hatte er seinen Freund Orhan, mitgebracht, und zusammen standen sie am Fenster und winkten dem hellen Rauch zu, der aus dem Schornstein aufstieg.
Jämmerliche Würstchen, die sich nicht einen dummen Witz entgehen lassen.
Ich war fertig mit ihm, und mit allen anderen auch.
Im Krankenhaus hatte man mich gefressen.
Die Schwestern machten einen Bogen um mich, und der Stationsarzt beantwortete meine Fragen nur mit Ja oder Nein. Jeder ließ mich spüren, was er von mir hielt. Katholiken halt.
Nach dem Erwachen aus der Narkose war ich in ein Durchgangssyndrom gefallen, und hatte die gesamte Belegschaft auf´s Übelste beschimpft.
Diese war von Anfang an nicht glücklich darüber gewesen, mich aufnehmen zu müssen, aber die Beziehungen zwischen meiner Mutter und dem Oberarzt, ihrem früheren Vorgesetzten, waren stärker als der Wille des Pflegepersonals, und so stand dieser ganze Alptraum unter einem noch schlechteren Stern.
Die Idee mich zu einer Frau mit ihrem Neugeborenen zu legen, war geradezu bösartig, und ging natürlich gründlich daneben.
Nachdem ich nämlich meine narkosebedingte Psychose halbwegs überwunden hatte und nicht mehr am Schreien und Fantasieren war, fragte mich die glückliche Mutter nach dem Grund meines Aufenthaltes im Hospital zum Heiligen Geist. Meine Antwort bewog sie, sich in ein anderes Zimmer verlegen zu lassen.
An ihrer Stelle bekam ich eine alte Dame mit Zyste als Bettnachbarin.
Sie war sehr nett, und tröstete mich, wenn ich weinte, und das tat ich ziemlich oft, weil mir alles, wirklich alles weh tat und ich mich fühlte, als hätte man mir die Haut vom Leib gezogen, und die Gedärme mit heißem Öl gefüllt.
Zu allem Überfluss, räumte meine Mutter in meiner Abwesenheit mein Zimmer auf, was nichts anderes als eine gründliche Durchsuchung bedeutete. Dabei entdeckte sie ein paar Klamotten, die ich mir hier und da zusammen geklaut hatte, und an denen noch die Preisschilder hingen.
Teuerstes Zeug aus der Goethestraße. Zuhause erwartete mich also auch jede Menge Ärger, wie mir mein Bruder bei seinem Besuch in der Klinik erzählte.

An all das erinnere ich mich, als ich The Cure höre.  Und jetzt, 2 Jahre später, stehe ich vor dem Haus von Jans Bruder. Rolf. Auch er ein Arschloch übrigens, der die Geburt des behinderten Kindes einer Freundin mit den Worten „Kann man das nicht tot machen?“ kommentierte.
Apfel. Stamm. Drecksäcke.
An dem Tag, als Jan mich am Eingang der Schule abfing, und mit dem missgünstigen Blick eines Blockwartes den Schal um meinen Hals registrierte, kam er zu mir rüber, zog mit einem unerwarteten Griff das Tuch beiseite, und rotzte mir den gesamten Inhalt seines Nasennebenhöhlenraumes ins Gesicht.
Als ich daran denke, steigt der alte Hass wieder in mir auf, und ich wünsche ihm einen qualvollen und langsamen Tod.

Musik zum Text: Them/ Van Morrison, It´s All Over Now, Baby Blue