täuschen

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Sich den Saure-Trauben-Effekt zunutze machen. Strategisch denken. Täuschen. Das Ziel nicht aus den Augen verlieren und Umwege in Kauf nehmen, um es zu erreichen. Sich zum Schein verbünden, sich vermeintlich offenbaren. Bedürfnisse maskieren. Falsche Wünsche äußern, um die eigentlichen wahr werden zu lassen. Eine Herausforderung für Jemanden der sein Herz auf der Zunge trägt und gewohnt ist mit weichen Lippen das Zuckerle von der warmen Hand zu klauben.
Viel musste ich lernen und manchmal stehe ich neben mir und wundere mich, was gerade aus mir wird. Die Füße stillhalten anstatt weit ausholend oder auskeulend durch die Welt zu galoppieren Bin ich das noch? Die Exzentrikerin in mir, die Stärkste von uns allen, dicht gefolgt von der Schüchternen und Ängstlichen, scharrt mit den Hufen und dreht die Augen auf links, dass das Weiße aufschäumt so sehr tourettet es inwendig. Aber ich schaff das, ich schaff das, über meinen Schatten zu springen, ein Pokerface, still wie ein Bergsee über das Bambigesicht zu klappen, mich nicht zu erkennen geben.

Die Heuchlerin schlurft die Treppe herunter, noch immer kein Stolperdraht und wahrscheinlich niemals, wenn nicht ich mich erbarmen sollte. In meiner Wohnung schaut sie sich um, reibt sich das Hexenkinn und späht umher. Ich kann sie nicht leiden, ich mag sie nicht und lächle sie an und nicke und sage, sie möge es einfach machen, wie sie es für richtig befindet. Im Prinzip wäre es mir nicht so wichtig, vielleicht bevorzugte ich die Variante A ein klein wenig und schon sehe ich wie ihr Mundwinkel verräterisch zuckt während sie noch versucht, so zu tun, als dächte sie nach, ehe sie endlich zuschlagen und mir gegen das bloße Schienbein treten kann. Die Variante B wird es sein, sagt sie schließlich mit schlecht gespieltem Bedauern und fabuliert sodann hanebüchene Begründungen für ihr mieses Verhalten zusammen, während ich ein wenig enttäuscht aber ergeben dreinblicke, was ihr nur noch größere Freude in die morschen Knochen jagt.
Sie kann die Siegeshymne nicht hören, die ich innerlich bereits angestimmt habe und die sich ob meines vortrefflich geglückten Schachzuges jauchzend und frohlockend in schwindelnde Walkürenhöhen emporschraubt.
Viel gelernt in den letzten Monaten.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Räume

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Das Grüppchen Buddhisten die ich kenne, praktiziert seinen Glauben, indem sie auf dem Boden sitzend stundenlang gemeinsam chanten. Im Zentrum ihres Gesanges steht die Lotusblüte.

Die Christen, die ich kenne, praktizieren ihren Glauben irgendwie anders. Möglicherweise weniger abstrakt. Resoluter, materieller, handfester und auf eine ganz andere Weise bizarr.

Eine der Buddhistinnen erzählt mir, dass sie den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen musste,weil diese ihr keine Eigentumswohnung in Kreuzberg kaufen und stattdessen lieber sich selbst ein Zuhause für´s Alter schaffen wollten.
Sie hätten es tun können, sagte sie, aber sie wollten nicht.

Das Konzept, Jemandem  vorzuwerfen, dass er etwas nicht will, erscheint mir absurd und wenig versöhnlich. Ich neige selbst dazu. Inzwischen immerhin habe ich gelernt, klaglos zu akzeptieren, dass der Bekannte nicht mit mir verreist. Weil er überhaupt nicht verreist, wie er auch nichts isst, was er nicht kennt. Wie sollte ich ihn zwingen wollen etwas zu wollen.

Love, love me do

Am Morgen erwache ich und der erste Gedanke ist: der Urlaub ist ja schon vorbei. Dabei bin ich gar nicht weggefahren. Wie war er bloß? Ich erinnere mich nicht. Ein Gefühl der Leere und Enttäuschung breitet sich aus. Frust. Noch im Halbschlaf schlucke ich meine Tablette und ziehe die Kopfhörer aus dem Ohr. Erst dann merke ich, dass ich geträumt habe. Erleichterung. Das tiefe Blau steht mir noch bevor.

Später, als das Wasser heiß an meinen Körper herunterläuft, schließe ich die Augen und sehe mich mit den Füßen zuerst in einer riesigen Öffnung im Boden verschwinden. Das Rohr aus blankpoliertem Edelstahl führt in eine gleißendhelle Tiefe und auf einmal erinnere ich mich an die Monate in der Neurologie, an den Keller, die Tierversuchslabore, den Marder, den sie im Patio fingen und dann wegbrachten auf Nimmerwiedersehen, an den Krankenhauspfarrer Herrn Engel, der sich zu mir setzte, als ich in einem einsamen Gang auf dem Boden hockte. Ohne ihn anzuschauen, erzählte ich ihm von den Untersuchungen und von dem Ergebnis. Er schwieg.

Es ist sehr lang so ein Leben und mit der Zeit verschwinden die Jahre in staubigen Kisten. Am Ende schließt man die letzte von innen und der Raum ist wieder leer.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Юля Евдокимова j482_020s Серный источник недалеко от монастыря Вардзия. Грузия, май 2015
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

Freiheit

 

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Über das Unglück zu berichten, bedeutet, mich satzweise in die Freiheit zu schreiben.

Mein innerer Archivar heftet die hervorgebrachte Erinnerung ab und ich kann endlich vergessen.
Ganz ungeplant ist mein Blog im Laufe der Jahre zu einem Ort der Aufarbeitung, der Bilanzierung und der anschließenden Verwahrung geworden. Das geschriebene Wort macht die dunklen Schatten, das Raunen, die Angst deutlich sichtbar, meißelt sie heraus und lässt sie zu Buchstaben gerinnen. Ein Bann.
Immer seltener kommen Erinnerungen noch wie Wassereinbrüche. Eine Welle auf weiter Flur. Zum Beispiel jene, die meine Schwester betreffen, die auf eine viel subtilere und ungreifbarere Art vergiftet wurde und der die Befreiung soviel schwerer fällt, auch weil sie glaubt ihr Leiden sei nicht erwähnens- und erst recht nicht betrauernswert im Vergleich zu meinem, dem viel brachialeren, offensichtlicheren und folgenreicheren.
Es ist viel Ratlosigkeit, als wir über die Mutter, aber auch den Kanzler reden, den freizusprechen ich mein Leben lang mich schon bemühe, damit wenigstens ein Guter in diesem Stück noch bliebe. Und Entsetzen bei mir, als sie mich an ihre gebrochene Nase erinnert und an das Luftgewehr. Wie konnte ich vergessen.

Meine Leserschaft mag dieser Geschichten überdrüssig sein. Gerade vor Weihnachten, wo doch alles schön sein soll. Doch schön ist es für mich erst dann, wenn die Dinge geordnet sind. Und im Zuge des großen inneren Aufräumens habe ich nun auch die allerletzte Schmuddelecke meiner Wohnung entrümpelt und gereinigt. Danach telefonierte ich mit der Schwester und anschließend musste ich mich mit plötzlichem Fieber und großer Übelkeit für 15 Stunden ins Bett legen, das ich nun für ein paar Stunden verlassen habe, um mich um mein Tölchen zu kümmern und ihr Futter für die nächsten Tage zu kochen.

Während ich den wenigen Haushaltspflichten nachging, kam die Kindergärtnerin  von nebenan und brachte mir ein Paket, das der Postbote bei ihr abgegeben hatte. Die Sendung kam aus Frankfurt und enthielt eine entzückende Karte und eine Dose voller Kekse. Der Übelkeit zum Trotze habe ich sie allesamt durchprobiert, für superköstlich befunden und nun ist meine Seele sehr zufrieden, die Zunge schmatzt noch nach, nur der Magen zwickt wieder. Der hat die Steine noch nicht fertig verdaut.

 

 

Irgendwann um die Jahrtausendwende stand ich in meiner Kreuzberger Küche, holte ein Jever aus dem Kühlschrank und dachte: ich bin frei zu tun was immer ich möchte. So frei, noch ein zweites Bier zu trinken und zwischen den Schlucken bei geöffnetem Fenster laut zu schreien.

 

 

 

 

 

Bilder: Frau – Broken Chopstick, DSC 00920, flickr , Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Kind – Fiore Silvestro Barbato, San Sosti (CS), 1975, Pellegrinaggio e festa per la Madonna del Pettoruto, flickr , Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Wo die Blumen sind

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Das sind nicht wir, sagst du, nachdem ich eine hässliche Bemerkung gemacht habe und zu meiner Überraschung verfliegt mein Ärger sofort und etwas Heißes, Drängendes schiebt sich stattdessen nach oben, drückt gegen den Magen und die Lunge und mein Hals wird eng. Nein, das sind nicht wir, denke ich, doch wo sind wir geblieben, und schon steigt eine Melodie in mein Ohr und ich höre Marlenes monotone Stimme, unbeteiligt und traurig zugleich, und ich wundere mich darüber, wie auch über mein inneres Zittern und sehe mich am Rande eines Filmsets stehend auf die erlösende Klappe warten, um den Tränen ihren Lauf lassen zu können. Leise vibriert das Handy auf dem Tisch, doch das bist nicht du. Ich drehe es um und gehe aus dem Raum. Etwas Banales und Alltägliches ist der leise Schmerz in diesen Tagen zwischen uns, gegenständlich beinahe, wie die leere Papprolle mit den drei verbliebenen Blättern daran, mit der die Katzen nicht spielen mochten und die ich jetzt vom Boden aufhebe, um sie in den Müll zu werfen. Ich trete auf das Pedal des Eimers, die beiden Chromdreiecke klappen mir entgegen wie Flügel, ihre Unterseiten sind schmierig und verklebt. Die Rolle fällt hinein, es raschelt leise und ich erinnere mich an die Wochen, als meine Trommelfelle gerissen waren und ich nur noch Rascheln hören konnte, sonst nichts. Das Rascheln der Tüten und das des Bambus, der jetzt seine toten Blätter, auf denen nicht einmal der stetige Regen mehr glänzt, im Winde wiegt.
Später oder morgen, wenn ich die Tüte wechsele, werde ich auch die Flügel putzen.

Im Bad stehe ich vor dem Spiegel und betrachte mein Gesicht, das ruhig und unbewegt daliegt. Nur meine Augen sehen gehetzt aus. Nicht traurig, gehetzt.
Es ist kein Schmerz, denke ich, es ist Druck, Überdruck. Etwas das nicht entweichen und nicht heimisch werden kann, etwas, das nirgends hingehört und doch da ist und Raum greift, und das ich in manchen Momenten kaum ertragen kann und platzen möchte, damit es aufhört.
Ich trauere nicht mehr um das was wir waren, das goldene Versprechen, die weiße Stadt auf dem Berg, das helle Leuchten am Horizont, ich trauere darum, nicht mehr daran glauben zu können und nicht mehr enttäuscht zu sein, so erschöpft und resigniert bin ich von unseren stummen Kämpfen, dem Tauziehen mit den sturen Kiefern der Verweigerung und der pragmatischen Kühle. So lange schon. Wir sind uns entglitten, wir trudeln und ich suche nach deinem Blick, den ich nicht finde und ich weiß kaum noch wie das war. Wo sind wir.
Eine Einbahnstraße blieb das Vertrauen zwischen uns, all die Zeit. Mein Leben ein offenes Buch, das Deine ein geheimer Ort mit geheimen Menschen und unausgesprochenen Gedanken und Gefühlen. Vertrauen ist Mörtel, denke ich. Ein so hässliches Wort für etwas so Wichtiges und Verbindendes. Doch Vertrauen mochtest oder konntest Du mir nicht schenken. In keiner Stunde, in keiner. Nie.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, cow boy, hermes marana
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

fading

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Schwerfälliges Schreiben in staksigem Gang. Das Beinheben des urzeitlichen Reptils. Der Schritt in den feuchtklammen Farnwald.
Die Langsamkeit eines sich vorwärts schiebenden Gletschers.
Der schmelzende Eisberg in Abgeschiedenheit und Stille.

Das Alphorn, das die Zeit noch fand, geduldig seinem Echo entgegen zu warten.
Von Felswand zu Felswand.
Das gemütlich knatternde Modem. CompuServe. The outback.
Verschwindende Zeit, fading.

We formerly used our knuckles for knocking

Ein Satz nach vorn in die Häuserschlucht.

Die Schönheit der slow motion, die Eleganz des schnellenden Pfeiles.

aus der Ruhe handeln.

Stille finden und hören.

 

 

 

 

 

Bild 1: Torres del Paine. Icebergs sur le Lago Grey, flickr, Guillaume Baviere; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
Bild 2: Briar Craft, sword fern, flickr,
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

homo ludens

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Die Poesie des Pessimismus ist die Lebensfreude

(Frank Wedekind)

 

 

Alles was auftaucht verschwindet irgendwann auch wieder. Das ist Gesetz.
Und alles kommt aus dem Nichts und geht wieder ins Nichts. Die nächste wichtige Regel. Die muss man akzeptieren. Nicht fraglos, aber am besten klaglos.

Dazwischen gibt es jede Menge Spielraum.

Spielt, spielt!

 

 

 

(felis ludens)

Bild: Tjarko Busink, flickr, „what´s in a name…“
Lizenz: CC BY-NC 2.0

unconditional skies

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Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

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Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/