fading

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Schwerfälliges Schreiben in staksigem Gang. Das Beinheben des urzeitlichen Reptils. Der Schritt in den feuchtklammen Farnwald.
Die Langsamkeit eines sich vorwärts schiebenden Gletschers.
Der schmelzende Eisberg in Abgeschiedenheit und Stille.

Das Alphorn, das die Zeit noch fand, geduldig seinem Echo entgegen zu warten.
Von Felswand zu Felswand.
Das gemütlich knatternde Modem. CompuServe. The outback.
Verschwindende Zeit, fading.

We formerly used our knuckles for knocking

Ein Satz nach vorn in die Häuserschlucht.

Die Schönheit der slow motion, die Eleganz des schnellenden Pfeiles.

aus der Ruhe handeln.

Stille finden und hören.

 

 

 

 

 

Bild 1: Torres del Paine. Icebergs sur le Lago Grey, flickr, Guillaume Baviere; Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/
Bild 2: Briar Craft, sword fern, flickr,
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

homo ludens

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Die Poesie des Pessimismus ist die Lebensfreude

(Frank Wedekind)

 

 

Alles was auftaucht verschwindet irgendwann auch wieder. Das ist Gesetz.
Und alles kommt aus dem Nichts und geht wieder ins Nichts. Die nächste wichtige Regel. Die muss man akzeptieren. Nicht fraglos, aber am besten klaglos.

Dazwischen gibt es jede Menge Spielraum.

Spielt, spielt!

 

 

 

(felis ludens)

Bild: Tjarko Busink, flickr, „what´s in a name…“
Lizenz: CC BY-NC 2.0

unconditional skies

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Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Stillleben

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Traces fouillis gris pâle presque blanc sur blanc

(Samuel Beckett, Bing)

 

Die Erwartungen der Menschen nicht zu erfüllen, ist beinahe ebenso schwer, wie ihnen gerecht zu werden. Ihre Enttäuschungen zu ertragen ohne sie mir zueigen zu machen. Das Heilsame in ihrer Entzauberung sehen.

Ich spüre, wenn sich etwas verändert, eine Haltung, ein Gefühl. Ich weiß es, noch ehe ein Satz, ein Blick eine Geste davon zeugen. Am Schwersten bleibt es, nicht einzugreifen. Es geschehen zu lassen. Nicht beeinflussen zu wollen. Ohne Anstrengung zu sein, so unverstellt wie möglich.
Das Älterwerden zeigt sich auch darin. Und in den immer seltener werdenden Spitzen. Stromschnellen bleiben beherrschbar, der Wasserfall grollt nur noch in der Entfernung. Seine Gischt eine Spiegelung aus ferner Zeit.

Wieder ist ein Jahr vergangen, das gleißende Licht des Winterhochs malt Sonnenkatzen an die hohen Wände. Die Orientalin jagt den Dezemberfliegen hinterher, Töle ihrem Schwanz.

Morgen ist Weihnachten.
Meine Mutter wird diesen Tag auf ihrer Demenzstation verbringen, der Vater feiert zusammen mit dem Bruder und im Kreise der Stieffamilie, die Schwester wird mit den Ihren sein und ich für mich.

So hat es sich ergeben und so ist es gut.

 

 

 

 

 

Parke bene

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Es sind nicht viele Dinge, die mich rückblickend plagen.
Das meiste erscheint mir ganz richtig, so wie es war.
Nur einmal, da haben die Kinder ein anderes Kind in der Tiefgarage eingesperrt. Es hat geweint und ich habe ein Stück entfernt gestanden und nichts unternommen und nichts gesagt. Nur geschaut, obwohl ich wusste, dass das falsch war.
Bald darauf kam ein Auto, das Gitter fuhr hoch und das Kind war wieder frei. Trotzdem weinte es, weil es zu spät nach Hause kommen würde.
Meinen Eltern habe ich nicht davon erzählt.

 

 

 

txt, das vierzehnte Wort: Gewissen

 

 

 

 

 

abverheit

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When too perfect lieber Gott böse

Nam June Paik

Ist das bei Ihnen eigentlich ein Dauerzustand, fragt der Dozent während einer Schreibübung.
Alle heben den Blick von ihren Texten, ich auch. Er schaut mich an. Er schaut tatsächlich mich an.
A. sitzt neben mir und ich spüre, wie ihr der Atem stockt. Ganz ruhig sitzt sie da. Ohne sich zu rühren.
Das Rascheln und Kritzeln und Räuspern hat aufgehört. Es ist still im Raum. Draußen parkt ein Auto ein, man hört das leichte Aufjaulen des Getriebes im Rückwärtsgang, dann ist es wieder still. Nur die Heizung gluckert leise.
Der Dozent schaut mich an und wiederholt seine Frage in dem charmanten Schweizerdeutsch, an dem ich mich in den letzten beiden Tagen so erfreut habe.

Ischt das bei Ihnän ein Daurzustand? will er wissen

Unwillkürlich richte ich mich auf und ziehe die Schultern zurück.
Zu meiner eigenen Verwunderung wird mir nicht heiß oder kalt, ich spüre weder Wut noch Ärger noch Scham. Im Gegenteil, ich bin derart verblüfft, dass ich so etwas wie eine belustigte Heiterkeit empfinde.
Wie er es wagen kann. Wie er so ohne mit der Wimper zu zucken seine Befugnisse überschreitet am hellichten Tag im Beisein von zwei Dutzend Menschen.
Auch ohne mich umzudrehen, weiss ich, dass alle Blicke im Raum auf mich gerichtet sind. Jeder ist gespannt, was jetzt passieren wird. Werden sie endlich hinter mein Geheimnis kommen? Werde ich etwas über mich preis geben?
Und ich enttäusche sie nicht.

Ja, sage ich, sieht so aus.

Dr. B schaut mich einen Moment aus seinen lustigen Augen an. Dann legt er den Kopf ein wenig zur Seite , senkt den Blick bedeutungsvoll und schwyzerdütscht

Da sind Sie ja ein ganz armes Schwein. Da werden Sie ja niemals jemanden finden, der so ist wie Sie. Da werden Sie ja immer allein bleiben.

Die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet.
In meinen Ohren fangen die Glocken an zu läuten, meine Kiefermuskeln verspannen sich und mir wird heiß.
Ohne nachzudenken, sage ich:

Da geht es mir nicht anders als allen anderen Menschen auf der Welt . Niemand findet jemanden, der so ist wie er. Und ich suche auch nicht nach jemandem, der so ist, wie ich.

Immer noch sieht er mich an, wiegt den Kopf hin und her, so sehr bezweifelt er, was ich eben gesagt habe, seufzt und richtet den Blick wieder auf sein Manuskript. Ganz so, als ob nichts gewesen wäre.

Ich habe etwas sehr wichtiges gelernt.

 

 

 

 

 

Die liebe Friederike hat eine Blogparade zum Thema „Ich war fremd“ initiiert. Dies ist mein (verspäteter) Beitrag.

Bild: Wikimedia Commons, keine Einschränkung