Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Einschlafen, aufwachen

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Obama hat Chelsea Manning begnadigt, lese ich dir vor, als wir schon m Bett liegen. Wir sind beide erstmal sprachlos. Was für eine schöne Überraschung. Lange hätte sie bestimmt nicht mehr durchgehalten.

Man wird Obama vermissen, sagst Du. Ein besonders starker Präsident war er ja nicht. Aber wenn man das Vorher und das Nachher bedenkt. Relativ halt.

Chelsea Manning kommt frei. Das ist mal eine gute Meldung.

Und was passiert jetzt mit Assange? Der hatte sich doch zum Tausch angeboten.
Ist der eigentlich paranoid oder hat er tatsächlich etwas von den USA zu befürchten? Und wenn ja was? Was würde ihn in Schweden erwarten? Und ist es klug sein Leben auf unbestimmte Zeit in einer Botschaft zu verbringen, bloß um nicht anderswo eingesperrt zu werden.
So reden wir und spekulieren und während wir plaudern, wird erst Deine Zunge schwer und dann meine und wir schlafen ein. Wahrscheinlich mitten im Satz. Chelsea Manning kommt frei, denke ich noch, während mein Boot schon übersetzt.

Beim Erwachen sieht die Welt dann wieder aus wie man sie kennt. Harte Schatten.
Holm wurde abgesägt, hier wie dort.
Witzfiguren wie Don Alphonso fahren mit teuren Autos und Filzhut um den See, um den See und haben Meinungen.
Die Grünen treten mit Özdemir und Göring-E. an.
Die AfD will den totalen Sieg.

Was soll man sagen.

Ich esse jetzt Nüsse. Das wärmt und macht fett und lenkt das Bewusstsein auf andere Problemzonen.

Guten Abend.

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, Ciudadanos, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

And now for sth. completely different, oder Guck mal, voll süß!

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Ceci n´est pas un Gleichnis

Jedenfalls hab ich voll süße Katzen aber leider ist das Wetter schon wieder ganz trübe. Wird Zeit, dass der Sommer kommt. Oder zumindest der Frühling oder, dass Elvis Geburtstag hat oder icke und der Kaputtschino schmeckt auch lecker. Fairtrade, claro.

Klingelingeling

Gerade hat der Falke einen Spatz geschlagen. Einfach so. Vom Bambus herunter. Großstadtwildnis. Hab ich noch nie miterlebt. Wusste nicht, dass die das hier in der Zivilisation auch machen. Haben die doch nicht nötig. Ich dachte die essen Müll. Liegt ja genug davon rum.
Wozu die Arbeit? Für den Thrill oder habituell oder is das nature (nä-tscha). Wahrscheinlich mögen sie einfach kein Aas. Kann man auch verstehen. Als Vegetarierin sowieso.
Das Merkwürdige: der Rest der Mischpoke hat keinen Pieps gemacht. Sitzen auf den Bambuswipfeln, fliegen kurz auf, als einer aus ihrer Mitte – wutsch –  dann wieder hingehockt und stumm im Garten herum geglotzt. Wie Fische.
Dabei schreien die sonst immer wie verrückt, wenn die behäbige Nachbarskatze auch nur herangetrottet kommt und es noch nicht mal versucht hat. Ihre schiere Anwesenheit. OMG! Da stoßen sie sich gegenseitig die Ellbogen in die Rippen und schimpfen und warnen sich. Ein Riesentrara und Gezeter.
Böse Katz!

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Vielleicht gibt es sowas wie Vogelsolidarität (nicht Vögel!). Sowas wie: wenn einer von uns, durch einen Flügelträger getötet wird, geht das klar. Doch Fuchs und Katz, die vierbeinigen artfremden Arschgeigen Pelzträger, sollen sich fernhalten.
Vapisst euch!, wie der 5 jährige Nachbarsjunge es pointiert formuliert hat.
Oder sind die einfach nur erstarrt, weil der Angriff so überraschend kam. Oder haben sie es wegen des Tempos nicht richtig gesehen und merken es erst heute Abend, wenn in der Vogelkolonie ein Bettchen leer bleibt über Nacht.

Who knows. Ich kenn mich nicht aus mit deren Denke.
Bei mir ist das so: wenn meine Tigerin einen Spatz (unversehrt) nach Hause bringt, meckere ich rum, leere notfalls die Gießkanne über ihrem Kopf, bis sie ihn loslässt, schnappe mir den Piepmatz und lasse ihn, Geschenk hin oder her, frei. Das läuft hier nicht. Der Napf ist voll, das muss nicht, these are the rules of my tiny little world. Meinetwegen nur Firniß.

An Natur glaub ich nicht, doch ich preise die Vielfalt des Lebens.

 

 

 

 

 

Serienmörder

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Der Unterfranke fragt, ob der Bruder, der seine feudale und saugünstige Wohnung mitten in Kreuzberg aufgibt und Anfang des Jahres Brandenburg zieht, um dort mutterseelenallein und fernab dessen, was man gemeinhin Zivilisation zu nennen pflegt, zu hausen, ob also der Bruder eventuell plane Serienmörder zu werden.

Keine Ahnung, sage ich, vielleicht züchtet er auch Katzen oder Schäferhunde oder wird Reichsbürger. Wat weeß icke. Oder er wird selbst Opfer eines Serienmörders und niemand wird dort, in der Einöde, seine Schreie hören.

Also wird er nicht Serienmörder, sondern Serienopfer, schlussfolgert der Unterfranke.

Naja, ne. Opfer eines Serienmörders wird man nur genau ein Mal, sage ich und lache.

Wieso denn?

Na, weil man dann tot ist. Es gibt keine Serienopfer.

Doch, die gibt’s.

Aha, und was sind Serienopfer?

Das sind Opfer in Serien.

 

 

Der Weihnachstabend war sehr kurz aber schöner als erwartet. Die Kekse schmeckten vorzüglich und das Chili war auch nicht schlecht.
Beim Einschlafen hörte ich Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.

El corazón es agua

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Neulich hab ich versehentlich etwas geliked, was ich keinesfalls hätte liken wollen und sollen. Als mir retrospektiv dämmerte, dass ich da etwas ganz und gar missverstanden haben musste, schon weil, so glaubte ich mich dunkel zu erinnern, unter den Mitlikern sich einer befunden hatte, der einen martialisch anmutenden Adler als Gravatar verwendete, welchen ich später und andernorts als das Emblem eines Reichbürgers identifizierte, machte ich mich auf die Suche nach dem falschen Like, um es zu eliminieren, doch ich fand es nicht mehr. Nun habe ich einen Fleck auf der Weste und dabei war´s wirklich ein Versehen. Möge Gott verhüten, dass ein Screenshot mich eines Tages überführt.

Gestern hatte der Fersehmoderator Geburtstag und gestern feierte auch Chelsea Manning ihr Wiegenfest, wie die Mutter des Fernsehmoderators dieses Ereignis zu nennen pflegte. 29 ist sie geworden und noch 29 Jahre hat sie als Gefangene vor sich. Wie kann sie das überstehen.

Große Raupen mit bündelweise Papiereinkaufstaschen am Handgelenk, der Umwelt zuliebe, fressen die Auslagen der Geschäfte kahl. Auch heute, am 4. Advent. Läuft.

Wogende Menge, wogendes Gras.
Oben auf dem Gerüst rauchen die Bauarbeiter einen Joint. Der Osteuropäer kostet ein Viertel weniger als der Deutsche. Wenn er runter fällt wird´s aber genauso teuer.

Vieles ist sehr hässlich, von nahem betrachtet.

Der Winter hat die Sättigung aus allem heraus gezogen

Neurotisch oder exzentrisch. Das ist noch unentschieden.

In der Ferne höre ich das Grollen der Artillerie. Feindbilder aufrecht erhalten.

Ich weiß nicht wo ich hingehöre und welche Fragen die richtigen sind.
Die Meinungen gehen mir aus.

Ich sollte einen Boulevardreporter anrufen und meine Lebensbeichte in sein Diktiergerät sprechen. Nur, dass ich nicht berühmt und herunter gekommen bin wie Ben Becker, der sich sogar an der Bibel versuchte und dafür zahlende Zuhörer fand.
Nicht einmal eine berühmte Frau bin ich, Scarlett Johansson zum Beispiel. Deren Lebensbeichte würde man wohl hören wollen, während man ihre Lippen betrachtete.
Alternativ: sich oben im Kirchturm verrammeln und Böller zünden. Damit würde man nationale, wenngleich namenlose Bekanntheit erreichen. Zeitgeistruhm.

Der Hass kommt von allen Seiten und Haubitze ist auf einmal gar kein lustiges Wort mehr, auch wenn es so klingt. Überall ist Krieg und man weiß nicht, ob es wirklich ein siebenjähriges Mädchen gibt, das aus den Trümmern twittert oder nicht.

Es gab Zeiten, da war Propaganda ein schwarzweißes Plakat. Inzwischen durchwebt das Hasslurex alles und glitzert glaubwürdig (verbesserungswürdiges Adjektiv) dazu.

(All that glitters, isn´t that gold)

Der Reichsbürger bezieht Strom und Wasser aus dem Ausland, sagst du, und schickt Fäkalien zurück.
Muss man ein Haus auf eigenem Grund und Boden besitzen, um Reichsbürger zu sein , oder genügt schon eine Mietwohnung?
frage ich mich und dann dich und du zuckst mit den Schultern.

Die Dinge sind kompliziert.

 

Aber: tolle Raben und köstliche Kekse- danke, danke, danke!

 

 

 

Bild: Lua Zemenis, „El corazon es ague“, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schaum vor dem Mund

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Als ich gerade in mein Auto gestiegen bin, steht plötzlich die knapp dreißigjährige Assistenzärztin neben mir. Sie war mir auf den Parkplatz gefolgt, um mich dort mit hochrotem Kopf und erhobener Stimme zur Rede zu stellen.
Aus einer überaus misslichen Lage heraus, war ich, nach einem sehr unangenehmen und schmerzhaften Wochenende, zur ambulanten Untersuchung in die Klinik gefahren, wo eben diese Ärztin mich begutachtet und anschließend verabschiedet hatte. Am nächsten Tag solle ich einen Termin mit dem Chirurgen ausmachen.

Als sie bereits in der Tür des Behandlungszimmers stand, fragte ich noch kurz, ob mit meinen Blutwerten alles in Ordnung sei. Achja, die könne sie mir noch nachreichen, ich solle doch bitte noch warten, sie sei in der Notaufnahme beschäftigt.
Eineinhalb Stunden später, die Anmeldung (und folglich auch die Abmeldung) hat schon geschlossen, sitze ich immer noch da und denke: sie ist wirklich sehr beschäftigt, wahrscheinlich hat sie mich vergessen, da will ich nicht stören und gehe jetzt mal. Der Hund wartet Zuhause, die Fahrt ist lang, es ist gleich 17 h, die Blutwerte sind mir eigentlich wumpe und morgen rufe ich ja sowieso an wegen eines Termines.

Ein riesiger Fehler!

Wie ich es überhaupt wagen konnte die Klinik zu verlassen, wieso ich überhaupt abhaue, ich sei schließlich in ein Krankenhaus gekommen und könne da nicht so einfach unabgemeldet verschwinden, keift sie auf dem Parkplatz herum, und würde mir am liebsten eine scheuern, so geladen ist sie. Meinen Einwand, dass ich dachte wir seien nach Ihrer Verabschiedung und dem Ende der Untersuchung fertig gewesen, das Nachreichen des (übrigens unauffälligen) Labors eine reine Formalie, nicht wichtig jedenfalls, es täte mir wirklich leid, ich habe sie nicht vor den Kopf stoßen wollen, ich hatte ja keine Ahnung und das wollte ich nun wirklich nicht, mea culpa, mea maxima culpa, lässt sie vollends durchdrehen. Ein Orkan der Wut entlädt sich über mir, wie man ihn eigentlich und uneigentlich nur von hochgradig psychopathischen Menschen erwarten würde (die einen im Anschluss vor die einfahrende U-Bahn schubsen) bis sie sich schließlich umdreht und mit wehendem Kittel zurück in die Klinik stampft und ich Blödi ihr hinterher haste, wie ein zurechtgewiesenes Kind.

Und wieder warte ich vor der Notaufnahme, in der sie verschwunden ist, bis sie nach einer ganzen Weile erneut heraustritt, sofort auf mich zusteuert und mich vor der versammelten wartenden Patientenschaft gleich nochmal zur Sau macht, aber so richtig. Auch die zweite Entschuldigung will nichts fruchten, und in einer finalen Attacke bäumt sie sich mit ihrer ganzen kranken Wut und ihrem puterrotem Kopf auf und spuckt mir ihre offenkundige Aversion ins Gesicht: da dürfen Sie sich wirklich nicht wundern, wenn das Arzt-Patienten-Verhältnis Schaden nimmt.

Nein, da wundere ich mich nicht, denke ich, bei solchen Umgangsformen nimmt das ganz sicher Schaden, und zwar erheblichen.

Dieses Zehlendorfer Krankenhaus jedenfalls, scheint mir, trotz seines ausgezeichneten Rufes, nicht der richtige Ort zu sein mich in den Tiefschlaf legen und behandeln, geschweige denn operieren zu lassen. Ich will gar nicht wissen, wie der Chirurg durchdrehen würde, falls ich mich während des Eingriffes nicht kooperativ genug verhielte.

Was macht diese Stadt bloß mit den Seelen der Menschen?

 

 

 

 

 

 

Bild: txmx2, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Vom Balkon

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Am Morgen klingelt das Telefon. Ich taste in die Dunkelheit hinein und bekomme es nicht zu fassen. Müde ziehe ich meine Hand unter die warme Decke zurück und versuche die Störung zu ignorieren. Irgendwann hört das Läuten auf und ich sinke in einen tiefen Schlaf aus dem ich erst am Mittag erwache.

Nach dem Aufstehen suche ich im Netz nach der unbekannten Rufnummer und entdecke sie dort als Telefonspam vermerkt: Krankenversicherungs-Drücker. Wahrscheinlich wollten sie den Argentinier sprechen, den sie aus irgendeinem Grunde bei mir wohnhaft und an einer privaten Krankenversicherung interessiert wähnen.

Während ich überlege, wie diese Verknüpfung zwischen mir und dem Argentino zustande gekommen ist, und seit wie vielen Jahren sie nun schon vergeblich versuchen ihn bei mir zu erreichen, setzt ein Stockwerk über mir das samstagvormittägliche rhythmische Knarzen ein. Die Nachbarn erledigen den ersten Wochenendbeischlaf. Sie sind spät dran heute.
Nachher werden sie sich schreiend und Möbel rückend streiten und den Nachmittag über kiffend und mit hängenden Schultern auf ihrem Balkon herum lungern, von dem sie im Laufe des Tages alles, was bei ihrem Aufenthalt dort nicht mehr nützlich ist, lässig über die Schulter auf den Gehweg werfen werden. Joghurtbecher, Chipstüten, Plastiklöffel, Kippen.

Zwei Mal in den letzten Wochen ist der Streit zwischen den beiden derart eskaliert, dass dabei jeweils eine Scheibe der Balkontür zu Bruch ging. Die Scherben fegten sie später, nach dem Versöhnungssex, vom Balkon herunter. Auf meinen empörten Warnruf (Ey!), als das Glas klirrend neben mir aufschlug und in viele kleine Splitter zerbarst, reagierten sie mit einem vollkommen teilnahmslosen Gesichtsausdruck. Für einen Moment wusste ich nicht, ob sie mir leid sollten, oder ich Angst vor ihnen haben musste.

Inzwischen werfe ich beim Nachhausekommen stets zuerst einen vorsorglichen Blick nach oben. Das kommt meiner sommerlichen Gewohnheit, nach den Mauerseglern Ausschau zu halten, die sich am Abend mit ihren schrillen Rufen in die Häuserschluchten stürzen, entgegen.
Sehe ich die Nachbarn auf ihrem Balkon sitzen oder sind ihre Fenster geöffnet, suche ich mit einem schnellen Satz Zuflucht unter dem Erker neben der Eingangstüre und krame dort schon mal den Schlüssel hervor, um die Zeit, die ich beim Aufschließen ohne Deckung werde verbringen müssen, möglichst kurz zu halten.

Das klappt ganz wunderbar, ich betrete unversehrt und unbefleckt meine Wohnung, und so bleibt als einziges klitzekleines Ärgernis das nächtliche Getobe und Gepolter der beiden, sowie die Essensreste, die vor der Türe herum liegen und mich zwingen meinen allergischen Hund weiterhin nur mit Maulkorb aus dem Haus gehen zu lassen. Doch wollen wir nicht kleinlich sein, die Kothaufen der anrainenden Dogge sind viel schlimmer. Und so ist sie eben, die junge Liebe.

Neulich Nachts haben die ansonsten sehr berechenbaren Nachbarn es geschafft uns noch einmal in Erstaunen zu versetzen.

Unerwarteterweise gossen sie nämlich auf dem zweiten, zum Garten gelegenen, französischen Balkon ihre Blumen. Das Wasser splatterte herunter, dass es nur so eine Freude war, und nachdem die erste Kanne geleert war, wurde sogleich die zweite hinterher gekippt. Soviel Pflanzenliebe hätte man ihnen wahrhaftig nicht zugetraut.

Doch halt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Nachbarn, denen nicht nur jedweder Anstand fehlt, haben außerdem auch keinerlei Sinn für Ästhetik und folglich auch keine Blumen auf ihrem Balkon.

Was da so fröhlich herunter gespritzt kam war nichts anderes als Erbrochenes, oder, um im Sprachduktus meiner Nachbarn zu bleiben:

K-O-T-Z-E

Directemang vor die Tür zum Garten gekübelt, von wo sie im Laufe des nächsten Tages, durch die Fahrräder und die Sohlen der Hausbewohner, ihren Weg in den Durchgang und ins Treppenhaus fand.

Und nun raten Sie mal, wer die Schweinerei weggemacht hat.

 

 

 

 

 

Bild: bswise, under the skin, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Burkös

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Dekristol heisst das Zaubermittel, hat weder mit Christus, noch Christo oder gar mit Svarowski zu tun, soll aber trotzdem helfen.
Seine Aufgabe ist es, mein eklatantes Vitamin-D 3-Defizit zu beheben.
Schwerster Vitamin D-Mangel, sagt die Ärztin, nur Frauen, die Burka tragen sind noch schlechter dran.
Wer nämlich seine Haut vollständig bedeckt oder hohen Lichtschutzfaktor verwendet, bildet kein Vitamin D.
Da muss man sich schon entscheiden zwischen Religion, Falten oder Vitaminen.
Ich habe meine Wahl getroffen und nehme Medikamente.

Was freu ich mich, dass es diese harmlose Erklärung  gibt, für die Kränkelei der letzten Monate. Der Hypochonder in mir hatte schon knallschwarze Visionen, an denen er mich vorzugsweise nachts teilhaben ließ. Morgens, wenn ich dann nach 5 Stunden Schlaf völlig gerädert erwachte, war ich beinahe geneigt diesen Einflüsterungen Glauben zu schenken.

Und übrigens geht es dem Hund gerade auch etwas besser.
Die Behandlung scheint anzuschlagen. Zwar bleibt der Tumor, doch seine Auswirkungen werden durch die Medikamente deutlich  gemildert

So kann es weiter gehen.
(Bitte!)

°

 

 

 

 

Bild: txmx, Wrapped Reichstag (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

An der Hochbahn

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Es ist später Nachmittag und das Apothekenthermometer zeigt 36 ° Grad an. Die Luft ist feucht wie Badewasser und seit Stunden schon steht ein Gewitter über unseren Köpfen. Dunkle Wolken hängen dräuend am schwarzblauen Himmel, in der Entfernung grollt es bedrohlich und ab und an sticht ein gleißender Blitz aus dem nahenden Unwetter.

Vor den Lokalen sitzen tätowierte Männer in Unterhemden und tätowierte Frauen mit kurzen Kleidchen und Flip-flops und schauen im Schatten der Markisen Fußball. Auf den Tischen vor ihnen stehen beschlagene Biergläser, 0,3 nur bei dieser Hitze, die blondierte Kellnerin in kurzer Hose und mit rundem Po schlängelt sich mit dem voll beladenen Tablett zwischen den Gästen hindurch.

Auf einer Bank am Straßenrand lasse ich mich nieder und trinke meinen Cappuccino vom Neuseeländer nebenan. Die Krankheit des Hundes lässt mir viel Zeit für Kiezspaziergänge. Wenigstens das.

Auf der Bank gegenüber nehmen zwei junge Russen in hautengen T-Shirts und mit übertriebener V-Silhouette Platz. Der eine zieht lautstark die Nase hoch und rotzt das Zutagegeförderte mit einem scharfen Geräusch auf den Boden. Charlottenburger nennt der Berliner das, was schließlich auf den Gehwegplatten landet. Ich drehe mich weg.

Der Schlaksigere der beiden fängt an einen Joint zu bauen, während sein Kumpel fortfährt zu schniefen und Schleim zu rotzen, ohne sich um mich oder die ruhenden Menschen auf den umliegenden Bänken zu scheren, die ihn aus ihrem Hitzedelir aufgeschreckt anstarren und überlegen ob sie diese Zumutung aussitzen oder lieber die Flucht ergreifen sollen. Wir entscheiden uns für den längeren Atem.

Inzwischen ist der Joint fertig und entzündet. Der Dreher nimmt einen tiefen Zug bis hinunter in die äußersten Lungenspitzen, steht auf, beugt sich über den Rotzer, stülpt seinen großen fleischigen Mund über dessen geschürzte Lippen und die Nasenlöcher und bläst ihm die volle Ladung in den verschleimten Kopf. Wann habe ich sowas bloß zum letzten Mal gesehen. Es muss damals in Frankfurt gewesen sein, bei einem Schulfest, doch die Männer mir gegenüber sind schätzungsweise Mitte zwanzig.

Den gesamten Joint teilen sie sich auf diese Weise und als sie fertig sind saugt der Rotzer noch einmal lautstark seinen Nasenhöhleninhalt aus den tiefsten Tiefen, sammelt den dicken Batzen im Mund und speit ihn mit orgiastischer Wucht hinaus. Es ist vollbracht.
Die beiden verlassen federnden Schrittes die Bühne und verschwinden in Richtung Hochbahn.

Das Koffein treibt selbst mir inzwischen den Schweiß auf die Stirn und ich beschließe die Kühle der Bio Company aufzusuchen und eine Runde durch den Laden zu drehen. Am Eingang neben der Schiebetür hat irgendjemand ein großes Paket abgestellt, eine Postsendung. Unbeachtet steht es vor dem Schwarzen Brett, während gegenüber an der Brottheke kostbares Urgetreide in Gold aufgewogen wird. Ein Kinderspiel hier eine Bombe zu deponieren, denke ich und gehe zur Teeabteilung. Der Mittdreißiger in Dreiviertelhosen und mit schulterlangen fettigen Dreads, beginnender Glatze und hängenden Schultern, der kurz nach mir den Markt betreten hat, ist mir dicht auf den Fersen. Ich kann seine Outdoor-Sandalen über den Boden schlurfen hören; die fleischgewordene Freudlosigkeit. Auf dem Absatz drehe ich um und verlasse die klimaanlagengekühlte Bio Company so schnell ich kann. Als ich an dem Paket vor dem Ausgang vorbeikomme ziehe ich den Kopf ein.

Draußen schlägt mir der Tag einen nassen heißen Lappen ins Gesicht.
Sommer in Berlin.

 

 

 

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, Schlesisches Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/