Cowderwelsh, oder wie die Autokorrektur es vermag unser Leben zu beinfusseln

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Mein Mailprogramm schickt, während ich noch im Korrekturmodus bin, halbfertige Mails ab, die es zuvor mit allerlei bizarren Formulierungen ins Un- bzw. Missverständliche verändert hat. Ich weiß nicht wer dahintersteckt. Wahrscheinlich ist es derselbe Programmierer, der sms an Freundin Anja mit Hallo Cola überschreibt und der das Wort Mainbagger für wahrscheinlicher hält als Mannschaft, was auch dann keinen Sinn ergäbe, wenn es sich um eine Frauschaft handelte. Für Landsfrau (Landsmännin, facepalm, Alta!) schägt der Autokorrekturchauvi passgenau oder Landstraße vor und aus Masterarbeit macht der Snob eine Massenarbeit.
Ist eine derart schwer zu dechiffrierende Mail oder sms nun versehentlich rausgegangen, bemerke ich das Malheur entweder gar nicht, weil ich mir wegen der nachlassenden Sehschärfe im Nahbereich die Mühe gespart hatte sie noch einmal zu überprüfen, aus Bequemlichkeit etwaige Fehler billigend in Kauf nahm und auf das Wohlwollen der Empfänger*innen (der Empfangenden?) vertraute, oder ich erwäge, falls es beim nachträglichen Kontrolllesen gar zu irre klingt, eine Mail hinterherzuschicken, in der ich mich erkläre, verkneife mir diese Pedanterie aber, da dies nur wieder zu neuen Missverständnissen führen könnte und ich mir meinen Ruf und meine Freiheit als ich-bin-eben-so_  nicht ruinieren möchte. Es gefällt mir, das Ansehen eines Narren zu haben.

(Echo der erzürnten Mutter: Narrenhände!)

 

 

Mein Tipp des Tages: fragt Dich jemand, ob er dich etwas Persönliches fragen darf, so antworte klar und unmissverständlich mit: Nein.

 

 

Achtzig Jahre, so dachte ich gestern, als ich einen Artikel über zufriedene 92-Jährige las, liegen zwischen hochbegabt und hochbetagt. Ausreichend Zeit, um durch Talentausbau Land zu gewinnen, ausreichend Zeit es wieder schrittweise an den gefräßigen Weltenlauf abzutreten. Gewonnen, zerronnen.

 

 

Das Zwitschern bei twitter habe ich zwischenzeitlich eingestellt, nicht nur, weil es ein übler Zeitvertreib, Zeitverschleiß, Zeitverschling ist, sondern weil schrittweise Scham und Dezenz auf der Strecke bleiben, weil der Anstand erodiert, während er noch hashtagged und schreit. A l´arme! Sollte ich jemals über meine wiederkehrenden Unterleibsbeschwerden twittern, ein Foto meiner Schäfchenwärmflasche einstellen (sie heißt Mimi) und irgendwer das faven, so möge uns beide der Schlag treffen.

 

 

Du redest soviel, sagt der Bekannte und durchbricht sein Schweigen.
Ich habe mein zweistündiges Fasten mit Walnusskuchen von Kiezeklein gebrochen.

So verschieden sind die Menschen.

 

 

 

 

 

Bild: Hand Strick Boutique Monika, Julian Kücklich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

keine Drogen

13922434024_de9dbccc93_z.jpgSamstags geht’s ins Jammertal, am Sonntag in die Grube

 

Im Treppenhaus hängt eine Einladung für die Hausbewohner. Alle sollen gemeinsam in den Heide-Park gehen. Der Gruppeneintritt kostet nur 7 statt 46 Euro pro Person.

Oh, das ist aber günstig, sagt die Rothaarige, während sich mir die Nackenhaare aufstellen.

Ja, aber hast du gelesen, was ganz unten steht?

Nein.

Keine Drogen!

Echt?

Ja.

Da fährt doch keiner mit.

Eben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Neil Moralee, Knees up for Mother Brown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

for heaven´s hell

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Der Regen hat allen Schmutz aus der Luft gewaschen, schaumig läuft das Wasser den Rinnstein entlang und verschwindet in einem der vielen eisernen Münder des riesigen unterirdischen Schlundes.

Die Frankfurter Tante feiert Geburtstag, als ich ihre fröhliche Stimme am Telefon höre, fühle ich mich auf einmal sehr alt.
Wie ein schwerer Python liegt das Fieber seit Tagen auf meinen Schultern, der linke Arm ist geschwollen und die Lungenspitzen schmerzen. Das Wochenende verbrachte ich im Bett, schaute mir haarsträubende Immobilienfotos an (s.o.), lachte verzweifelt darüber und zwang mich, nicht Lungenkarzinom Endstadium zu googeln. Stattdessen konsultierte ich meinen inneren Arzt, der nach gründlicher Erwägung befand, dass seit der letzten Röntgenaufnahme Ende Dezember unmöglich finaler Krebs zu den Atelektasen hinzu gekommen sein kann und mir zur Verbesserung des Allgemeinbefindens Schokoladenkuchen empfahl : aufatmen in Deutschland und im Hintergrund angenehme Stimmen zu gefälligem Gitarrenspiel. Ansonsten schlafen, schlafen, schlafen und mich allem und jedem verweigern, weil ich es darf. Nach tagelangem Drängen beantworte ich schließlich doch noch mit letzter Kraft die verweifelte Frage nach meinem werten Befinden mit:

keine ahnung was mit mir los ist. fieber, lungenschmerzen, linker arm geschwollen und schmerzhaft. schlapp.

und erhalte stante pede folgendes zur Antwort:

Ich weiss was mit Dir los ist. La Bohème-Syndrom, auch bekannt als gelida manina Krankheit. Trifft nur attraktive Grossstädterinnen mit künstlerisch/intellektuellem Hintergrund. Lunge, Hände, generelle Ermattung – kein Zweifel. Diagnose eindeutig.

Sobald ich in der Lage sein werde eine passende Antwort zu schreiben, betrachte ich mich als geheilt. Lang kann´s nicht mehr dauern.

Bild: terrible real estate agent photographs, tumblr blog
Lizenz: Alle Rechte vorbehalten, siehe: http://terriblerealestateagentphotos.com/post/143858402678. Ach und: die Bilder gibt es auch als Buch zu kaufen

Pacifico

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Während die großen Kreuzberger Ausgehmeilen schon lange nicht mehr zu meinem Leben gehören, existiert meine Welt noch in den Seitenstraßen. Dort wo mittellose Menschen in einem Gesundheitsprojekt medizinische Behandlung erhalten und duschen oder ihre Wäsche waschen können, wo die kleine Robinie, als Übriggebliebene eines uralten Baumpaares vor einer der letzten Häuserlücken im Kiez steht, wo sich türkische Männer in einem neonbeleuchteten Café treffen, rauchend würfeln und Sportwetten abschließen, während im Hintergrund der Fernseher läuft, wo die unheilbaren Korsakowpatienten der nahegelegenen Einrichtung für nichttherapierbare Alkoholiker vor dem Kiosk sitzen, 10 Bierflaschen im Korb ihres Rollators, und scheinbar immer gut drauf sind, wo sich eine kleine Gruppe Männer und Frauen im von der Straße einsehbaren Garten des kurdischen Gemeindezentrums versammelt haben und ohne es zu wissen auf todschicken Chrom-Schwingstühlen von Gerd Lange sitzen, die sie, anders als die neuen Bewohner des Kiezes, nicht in einem der überteuerten Vintageläden erworben haben, um sie mit den bereits vorhandenen modern art und mid century-Möbeln in ihren frisch erworbenen Luxuslofts zu präsentieren, sondern diese schon seit den 60ern in ihrem Besitz und in entspannter Benutzung haben, fühle ich mich Zuhause. Geborgen. Im Vorbeigehen nicke ich meiner Nachbarschaft zu und man nickt zurück oder hebt die Hand zum Gruße. Kurz vor dem Kuchenkaiser steht ein blasser Mann auf dem Gehweg. Beide Hände umklammern die gusseisernen Streben eines Gartenzaunes, während die Füße unruhig hin- und hertippeln. Mit gedämpfter Stimme spricht er zu den Blumen im Garten und wendet den Kopf ein wenig ab, als er mich nahen sieht. Ich tue, als interessierte er mich nicht, überquere den Leuschnerdamm und trete auf den Oranienplatz, wo zu meiner Freude der Drachenbrunnen endlich wieder läuft und wo auf den Bänken unter den jungen Kastanienbäumen türkische Frauen sitzen, miteinander lachen, feine Häkelarbeiten verrichten und von Zeit zu Zeit den Männern beim Boule oder den Kindern beim Spielen zuschauen.
An der Nord-Westseite des Platzes, hat sich die Liga der gemäßigten Trinker zu ihrer täglichen Diskussionsrunde eingefunden. Schon von Weitem höre ich ihre tiefen Stimmen und ihr raues Lachen. Eine Frau ist auch unter ihnen.
Der kleine schwarzäugige Hund, den ich wegen der mit Ordner beschrifteten Neonweste, die er eine Zeitlang trug, bis heute Ordner nenne, löst sich aus dem Schatten der Trinkercommunity und kommt auf seinen kurzen Beinen zu mir herüber gewackelt. Seine freundlichen Augen schauen mich interessiert an. Ich lasse das Tölchen von meinem Arm herunter und setze es ihm vor die Füße. Doch sie ist müde und steifbeinig und so nehme ich sie nach einer kurzen schwanzwedelnden Umkreisung und Beschnüffelung wieder hoch und ziehe weiter in Richtung Mitte.

Der Weg führt mich am Treibgut, einem der gefragten Vintageläden, vorbei. Vor zwei Jahren traf ich hier auf Michael Stipe, der mit verliebtem Blick meinen Hund ansah und So beautiful! seufzte. Zu gerne hätte ich ihm bei der Gelegenheit gesagt, dass ich ihn für einen der besten Tänzer aller Zeiten und seine Performance zu Lotus für unnachahmlich halte, doch kaum etwas ist mir unangenehmer, als Fantum an den Tag zu legen und Menschen zu bedrängen, die sich inkognito und privat wähnen, also lächelte ich und zog meinen damals noch gesunden Hund aus dem Laden ins Licht.

Kurz hinter dem Treibgut liegt der Moritzplatz. Gleich mehrere Polizei- und ein Krankenwagen stehen vor dem Aufbau-Haus. Eine Radfahrerin gestikuliert wild. Es scheint nichts Schlimmes passiert zu sein. Das Pacifico nebenan ist gut besucht und zum wiederholten Mal denke ich, dass Pacifico ein wirklich guter Name für ein Lokal ist.
Auf Höhe des Pacifico hat jemand mit Edding EndZeitLiebe auf einen Begrenzungspfosten geschrieben. Durch die dahinter liegende Stallschreiberstraße geht ein langer Riss.

 

 

 

 

Bild: Thomas Timm, flickr, Moritzplatz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

K- wie kommentarlos

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Man schenke den Worten der Menschen keinen Glauben, wenn sie sagen: ich verstehe dich. Das mag manchmal annähernd stimmen, tut es aber meist nicht, weil ein Mensch einen anderen eben nicht verstehen, sondern ihm sich nur gedanklich oder emotional annähern kann und weil eben auch oft zuviele Eigeninteressen dem Verständnis entgegenstehen. Jeder Mensch möchte gerne gesehen werden. Dem Anschein nach selbst dann, wenn der Andere blind vor Angst in einem brennenden Haus eingeschlossen ist und seine Aufmerksamkeit nicht von den in seinem Rücken lodernden Flammen abziehen kann.

Mir einen längere Mail, in der ich meine derzeitige Situation beschreibe und mich ansonsten nicht weiter in Geplänkel verliere, unkommentiert zurückzuschicken, zeugt jedenfalls nicht von Verständis sondern vom genauen Gegenteil.

Ich bin´s manchmal so leid die Erwartungen anderer erfüllen zu sollen, die kein Verständnis für meine angespannte Lage haben, für die ich seit Monaten so ziemlich alle Kräfte bündeln muss, um nur halbwegs über die Runden und so unbeschadet wie möglich heraus zu kommen, es aber tatsächlich nicht auhalten, dass ich bei diesem Ringen nicht in der Lage zu smalltalk oder meinetwegen auch deeptalk bin.

Ertrinkende plaudern eben nicht.

(Zuviele, zu starke Metaphern: Feuer, Wasser, am Ende wahrscheinlich noch ein Erdrutsch. Man wird sehen).

Ab 1. August bin ich voraussichtlich nicht mehr krankenversichert. Die nächste Eskalation in meinem Katastrophenshowdown, denn kaum etwas brauche ich nötiger als eine Krankenversicherung, zumal als chronisch Kranke. Die zuständigen Behörden schieben die Verantwortung hin und her, alle haben irgendwie Recht und ich steh da und weiss nicht wie es werden soll und bekomme Mails in denen ich über meine Misere berichte als unkommentierte Kopie zurück und denke sehnsüchtig an den Müllschlucker im Haus der Freundin früherer Tage zurück in dem ich zu gerne den ganzen Ballast versenken würde, ihn mit Schmackes hineinwürfe und ihm nachhorchte, wie er beim Herunterfallen schwer gegen die Schachtwände schlüge während ich lässig plaudernd oben an der Klappe stünde und nach dem Verklingen des letzten Tones fröhlich auflachte, dem Müllschlucker den Rücken zukehrte und hinaus ginge in den Garten, um dort Federball zu spielen, oder in der Hängematte liegend die Ameisen zu beobachten, wie sie ihren Blattlaus- Gefangenen am kleinen Ahorn die Flügel absäbeln, um sie an der Flucht zu hindern und wo ich mich, versunken in diesen Anblick,  fragen würde, wieso die Welt so beschaffen  ist wie sie ist. Hätte Gott doch auch ganz anders.

 

 

 

 

Good morning, sinners!

 

 

 

 

 

P.S.: Morgen findet endlich das Treffen mit dem übergeschnappten Nachbarn und dem Kontaktbereichsbeamten statt. Eine Art Mediation, damit er mich künftig in Ruhe lässt. Ich hoffe er bringt nicht seine Machete oder sein Schnitzmesserchen mit, denn ich bin ja bald nicht mehr krankenversichert und könnte mir größere Fleischwunden folglich nicht leisten. Oder käme für meinen Personenschaden seine Haftpflicht auf.
Einen Polizisten immerhin hätte ich als Zeugen gleich dabei.

Vencerán!

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Jeden Samstag all you can Mampf, steht auf einem Plakat. All you can mampf, sagt der Radfahrer neben uns. Seine Begleiterin nickt flüchtig. All you can Mampf, sage auch ich und spreche Mampf extra groß und supergefräßig aus, wie etwas, das sich über etwas anderes stülpt, es sich einverleibt, eine dicke fleischige Lippe oder ein Cuttlefish etwa. Wegen der drei guten Dinge, wegen Groß-Mampf und weil Substantiv wo eigentlich Verb sage ich es und lehne mich zufrieden zurück. Am Sonntagnachmittag im Fond des Wagens behaglich vor mich hin schlaubergern, summen und meckern während das Gespräch vor mir sich gedeihlich entwickelt. Sie unterhalten sich über Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie, über selbstreferenzielle Subjekte und sich überlagernde Muster, die man ist und nicht bloß lebt. Rumbalotte! rufe ich dazwischen, um an den Matrosenwitz zu gemahnen, den der Bekannte dereinst auseinander klamüserte, bis nichts davon übrig blieb als geografische Korrektheit. Der Hund liegt neben mir, spitzt die Ohren und hechelt ergeben. Seine verfärbte Zunge erinnert an die beiden Chow Chows meiner Kindheit. Pelzige, unheimliche Tiere, deren Besitzerin, eine hagere Frau, dem Alkohol verfallen war, so sagte man.
Blau ist auch die Havel ein paar Kilometer weiter im eisigen Wind bei Hennigsdorf. Aufgepeitschte dunkle Fluten vor einer im Werden befindlichen Neubausiedlung mit Rankgittern vom Baumarkt und Carports am Ende jeder Einfahrt. Ich stürbe, müsste ich hier leben. Plötzlicher Weltschmerz greift nach mir. Solche Reihenhaussiedlungen gibt es doch in jeder Stadt, entgegnet die Chinesin. – Eben deshalb! Kaffee auf nüchternen Magen macht mich einfach zu dünnhäutig. Ich möchte nicht irgendwo leben, hingewürfelt in die Beliebigkeit.

Um das Elend zu verstärken, steht am Ufer ein alter Wachturm, nicht weit davon entfernt die sanierte Dorfkirche auf gepflegtem Rasen im Sonnenschein. Wir beschließen umzukehren. Die Chinesin wendet den Wagen. Im Spandauer Forst atme ich auf.

Als wir die ersten Häuser erreichen sehe ich eine große Passagiermaschine wie eine dicke Hummel über die Dächer hinwegbrummen. Hinter der S-Bahn-Brücke biegen wir ab in Richtung Osten. Ein hupender Autocorso unter türkischer Flagge begleitet uns, bis linker Hand die blauen Eisenbahnwaggons auftauchen und Charlottenburg nicht mehr weit ist.
In der City West wachsen langstielige schwarze Tulpen. Durch das Elefantentor des Zoos schiebt sich Menschengewimmel ins Licht. Für den Sommer werden zwei chinesische Pandas erwartet. Die Leihgebühr pro Tier beträgt eine halbe Million Euro jährlich.

Als wir die Kurfürstenstraße entlang fahren, schaue ich nach dem kleinen Birkenwäldchen und bin erleichtert, es noch immer unentdeckt vor sich hinträumen zu sehen.  Vor der Betonkirche bieten Prostituierte wie gewohnt ihre drogengemarterten Körper feil. Der Parkplatz bei Möbel Hübner ist einer Baugrube gewichen. Eigentumswohnungen, schätze ich. Jenseits der Potse belagern flaumbärtige Weekend-Gallery Besucher die Gehwege. 30jährige Söhne und Töchter in Designklamotten, die perlende Getränke in ihren gepflegten Händen halten. Auf die Kunst!

In Kreuzberg angekommen, parken wir das Auto wegen des Maifest-Halteverbotes irgendwo jwd.  In der Wohnung gibt´s dann Cappucino und köstlichen Schokoladenkuchen, den wir schnurrend und mit halbgeschlossenen Augen genießen. Nur ein ganz kleines Stückchen hebe ich für den Tag der Arbeit auf, wenn 6000 Polizisten vor meiner Haustüre für Ordnung sorgen und  Helikopter mit wummernden Rotorblättern den tiefblauen Himmel über Kreuzberg zerpflügen werden.

Vencerán!

Zeitraupe

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Die Raupe krümmt sich zu einem Omega. Unter ihr, auf weißer Pappe, wölben sich matte Braillezeichen. Die Raupe streckt den vorderen Teil ihres Leibes und zieht den hinteren Teil nach. Durch ihrem gebogenen Körper hindurch sehe ich unterschiedlich vergrößerte Buchstaben.
Cefurox Basics
steht dort.
Vor Jahren erschien mir diese Lupenraupe schon einmal. Damals nahm ich die gleichen Tabletten und war in ähnlicher Verfassung wie heute.

Es war eine anstrengende Woche voller Euphorie und Strapazen. Kranksein muss man sich leisten können. Ich tue es. Free your mind

Eine Menge Leute hab ich getroffen und nicht alle Begegnungen waren erfreulich. Manche dafür umso mehr. Ein nachmittägliches Vorstellungsgespräch zum Beispiel endete in quirlig überdrehter Sektstimmung, ganz ohne Alkohol. Zu dritt lachten wir ausgelassen und plauderten und beim Abschied waren wir alle drei verliebt ineinander, für diesen Moment. Während des Treffen kugelte das Tölchen sich auf dem Rücken und ließ sich am Bauch kraulen. Entzücken allerseits, ach!  Und natürlich haben wir sie angeheuert, wie wir auch die Lebensfrohe, die zu halten scheint, was sie in der Bewerbung versprach, ins Boot geholt haben. Das Team ist damit voll. Schön bunt ist es geworden. Es wird, es wird. Doch Obacht, nicht zu früh aufatmen, sonst schnürt der Sado-Python nach und die Luft geht mir am Ende doch noch aus.
Was mir allmorgendlich, wenn ich die Augen aufschlage und mich in den Tag blinzele, gerade am meisten Zuversicht gibt, ist der Countdown zum 8.8. hin, dem internationalen Katzentag, an dem ich meinen Felinen Au revoir sagen und mich mit wehenden Haaren und glühenden Reifen auf den Weg nach Oberbayern machen werde um dort, beinahe 4 Wochen lang, die ewigen Alpen zu betrachten und den silbernen See und dabei wieder zu Kräften und damit zu mir zu kommen. Ich freu mich so, ich freu mich so, auch wenn´s noch lange hin ist.

Diese Woche kam außerdem noch die Niederländerin zu Besuch. Ein Jahr ist es her seit wir uns das letzte Mal sahen. Traurige Geschichten weiss sie zu erzählen, und lustige. Obgleich die Lustigen meist die Traurigsten sind. Sie spricht so, wie Vonnegut schrieb und nicht nur deswegen höre ich ihr gerne zu. Bei allem, was an ihr zehrt, sind immerhin ihre Sofatage und -wochen endlich vorbei. Zurück gekehrt in die gemeinsame Wohnung muss sie jetzt nur noch die Liebste überreden, nach der Ausbildung nach Berlin zurück zu kehren. Wie schön das wäre!

Ein weiterer Quell der Freude ist der Frühling mit seinen Blüten und den flötenden Amselgesängen.
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendetwas noch schief gehen soll, solange es Schneeflocken und Blütenblätter zugleich durch den Garten weht und über allem die eisige Sonne aus tiefblauen Himmel strahlt.

 

 

 

 

Leo usw.

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Manchmal zeigt meine Blog- Statistk zwei fast gleich hohe Säulen nebeneinander. Und jedes Mal denke ich: Twin Towers. Und dann sehe ich eine Hand, die rasch ein Passagierflugzeug hinzeichnet das mit großem Tempo herangerauscht kommt und in die beiden Säulen kracht. Auf dem nächsten Bild rauchen die Überreste der zusammengestürzten Türme in den weiß-blauen WordPress-Himmel hinein und sind jetzt nur noch so hoch wie 150 Seitenaufrufe.
Ich wünschte ich würde mal was anderes denken und sehen können, wenn ich an zwei Tagen hintereinander die gleiche Zahl an Aufrufen habe. Wie war das bloß vor dem 11. September 2001? Was wäre mir da eingefallen?

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Ich habe heute eine halbe Monatsmiete (warm) für die Welthungerhilfe gespendet. Das kam so: ich frühstückte, bzw. trank einen fairtrade-Cappuccino. Dabei blätterte ich ein wenig im Internet herum und sah ein verhungerndes Baby, dem mein fairtrade-lifestyle-Ablass offenbar noch nicht zugute gekommen war. Ich las, dass in Ostafrika und im Sudan derzeit weit über 1 Mio. Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht sind, was ich eigentlich schon wusste aber erfolgreich verdrängt hatte. Ich stellte meinen Kaffee beiseite, prüfte mein Konto und befrug mich, was ich in den nächsten zwei bis drei Monaten noch zu bezahlen habe und wieviel ich entbehren könnte. Nach einem Check der Hilfsorgas und ihres Rankings leitete ich die errechnete Summe auf das Konto der Deutschen Welthungerhilfe weiter. Jetzt hoffe ich, dass die Tierarztrechnung erst nächsten Monat kommt und, dass sonst nichts Unerwartetes anfällt. Aber selbst wenn: verhungern werde ich nicht. Soziales Netz, soziale Sicherung.

Warum erzähle ich das? Weil ich hoffe, dass sich Jede und Jeder der kann ein Herz fasst und für die Welthungerhilfe (oder Ärzte-ohne-Grenzen, oder Brot für die Welt usw.) spendet.

http://www.welthungerhilfe.de/spenden-hunger-afrika-nothilfe/?wc=17GOFM1000

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Nach dem Frühstück haben wir uns ins Auto gesetzt und sind durch Mitte, den Wedding und Moabit kariolt. In der Chausseestraße beeindruckt der fertig gebaute Sapphire von Libeskind vis-à-vis des faschistisch anmutenden Schießschartenungtüms des BND. Wie ich das Ensemble finde, weiss ich noch nicht genau.

Weißes Sonnenlicht hängt in den Baumwipfeln und auf den Häuserdächern, darüber tiefes Märzenblau. Auf dem Leo sitzen die Menschen im Karreé. Nazareth-Umzüge in der Nazarethstraße. Ein Witzchen über die Gemeinsamkeiten des Möbelschleppens und das Tragen des Kreuzes. Irgendwann am Plötzensee gelandet, dann am Saatwinklerdamm. An Wolfgang Herrndorf gedacht, der sich hier erschossen hat, und daran wie gerne ich einen hellblauen Lada kurzschließen und damit in ein sattgelbes Weizenfeld preschen würde. In der Nacht würde ich durch die Windschutzscheibe in den riesigen Brandenburger Sternenhimmel schauen und mich freuen, dass ich am Leben bin.

Hintergrundmusik. Richard Clayderman.

Nach einem magenzerfetzenden Kaffee am Westhafen und der vorfürsorglichen Frage des Bekannten, ob denn mit meinem Herzen soweit alles in Ordnung sei (die Antwort lautet: Ja), fahren wir zurück nach Kreuzberg, wo uns die Tigerkatze in deutlich besserer Verfassung empfängt und wo bereits der sagenhaft superköstliche Tantenkuchen aus Mandelmehl, Marzipan und dunkler Schokolade auf uns wartet. In alter Tradition teilen wir ihn so auf, dass der Bekannte den Löwenanteil erhält und ich den Rest.
Das ist gut so, das hat seine Ordnung, das schafft ein Gefühl der Geborgenheit und Verlässlichkeit in der ungerechtesten aller Welten.

Epilog:

Durch das Lesen bzw. Anklicken dieses Textes haben Sie gerade einen weiteren Stein auf die heutige Statistiksäule gesetzt. Wenn diese am Ende des Tages deutlich höher oder niedriger gerät als die gestrige Säule wird die Hand des Zeichners sie verschonen.

 

 

 

 

 

Bild: ais3n, img_9674, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
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