mottlock

Heute 66.000 Schlupfwespeneier in meinen Kleiderschrank gepackt und eine Pheromonfalle aufgestellt, um auch den letzten Mottenfreier zu erwischen.

Als ich das meinem Vater am Telefon erzähle, sagt er : Hoffentlich stechen sie dich nicht.

Ich bin gerührt, welchen Irrsinn er mir durchgehen lassen würde.

Februar

Photograph of the front of a 1973 Porsche 911 ...

Der Himmel ist lichtgrau wie Betonestrich. Es weht ein eisiger Wind. Der Boden nass und voller Rollsplitt. Schneeregen fisselt mir ins Gesicht.

Die Wrangelstraße ist wegen einer Baustelle teilweise gesperrt.

Eine neue Luxusresidenz entsteht hier, gegenüber der Grundschule. Nicht mehr lange bis zur ersten Klage wegen Kinderlärms.

Von dem mannshoch eingezäunten Naturdenkmal (Eibe) fliegt ein Schwarm Spatzen über die Straße, und setzt sich auf die Pergola, deren Knöterichdickicht ihr Zuhause war, bis es vor einem Jahr rückstandslos entfernt wurde.

Wie laut sie zwitschern.

Im Erdgeschoss lauert eine schwarz-weiße Katze auf der Fensterbank, springt gegen die Scheibe. Die Spatzen kennen das schon und lärmen unbeeindruckt weiter.

Lustlos latschen Töle und ich Richtung Osten.

Februar.

Späti, Fahrschule, Gabis Salon, Equi-irgendwas- Mode in xxxxl. Vertraut, geliebt, deprimierend.

Long March Canteen. Ein grasgrüner Porsche 911 mit H-Kennzeichen.

Geht doch nach Mitte, bitte

Schwarze Traube. Hier war das Mitropa. Ein wohnzimmergroßes Trinkzimmer mit Langhaaarspritis und Teertapete.

Noch gar nicht lange her, die Erinnerung daran dennoch unwirklich wie ein früheres Leben.

Im zweiten Stock eines Altbaus klebt ein Plakat an der Fensterscheibe. Darauf ein geschundener Versuchsaffe. Der Schädel eingeschraubt und von Metallstangen durchspießt. Daneben ein Stück Pappe, ungelenk und unproportional beschrieben:

Nur im Tod sind wir gut

flankiert von kargem Christusdorn.

Im Hochparterre des Nachbarhauses hat unlängst ZeitWert, Heileurythmiepraxis & Atelier für angewandte Eurythmie eröffnet.

Schräg gegenüber schreit eine demenzerkrankte Frau in der gemeindezugehörigen Wohngemeinschaft „Abendrot“ den lieben Tag lang um Hilfe.

Insomnia

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Im Winter bescheint das einsame Fenster in der Brandmauer des Hauses gegenüber die feinen Zweige des japanischen Ahorns und legt einen kühlen Schimmer auf die kleine Erddüne, die dem begrünten Hinterhof ein wenig vom Charme eines ländlichen Gartens verleiht.

Seit Jahr und Tag brennt dort oben eine einzelne 100-Watt-Birne, die unbeschirmt an einem Kabel hängt und deren diffuse, langstrahlige Corona selbst auf die Entfernung noch blendet.
Nie habe ich einen Menschen, oder auch nur einen Schatten in diesem Raum, im der vierten Etage gesehen. Ebenso wenig habe ich jemals bewusst den Moment erlebt, in dem das Licht anging, oder jenen, in dem es ausgeschaltet wurde, auch wenn ich gestehen muss, dass ich nicht wirklich darauf geachtet habe.
Aber müsste ich nicht bemerken, wenn die sternlose Dunkelheit des nächtlichen Gartens plötzlich durch das einzige Fenster erhellt wird?
Es scheint mir, als würde die Birne immer brennen. Selbst tief n der Nacht und auch in den Morgenstunden, wenn ich schlaflos aus dem Bett an meinen Tisch zurück kehre und nach draußen blicke.
Vielleicht ist der Raum hinter dem Fenster, den ich mir immer als Küche vorstelle, ein langer Schlauch an dessen, weit vom Fenster entfernten Ende sich das Leben abspielt, was erklären würde, warum ich niemals auch nur den Schatten einer Bewegung sehe.
Oder jemand hat sich dort einen Hobbyraum eingerichtet, iwo er Fahrräder oder alte Uhren repariert.
Für einen Wohnraum jedenfalls ist die Beleuchtung zu grell und funktional, für ein Berliner Badezimmer erscheint das Fenster zu groß.

Wird das Licht vielleicht per Zeitschaltuhr gesteuert und seit langer Zeit hat niemand mehr den Raum betreten?

Möglicherweise ist es aber auch ganz anders: ein Mensch wird gefangen gehalten, gequält, mit Brotsuppe am Leben gehalten. Sein Martyrium wird gefilmt, um über dunkle Kanäle an entsprechende Interessenten zu gelangen.
Ist das Fehlen von Vorhängen leichtsinnig oder der besondere Kick eines exhibitionistischen Psychopathen, der insgeheim darauf pokert entdeckt zu werden, um gemeinsam mit den Mördern dieser Welt in die Annalen des Grauens einzugehen?

Denkbar auch, dass jemand an der rätselhaften und seltenen, letalen familiären Insomnie leidet, einer Krankheit, die unweigerlich zum Tode führt, nachdem die Betroffenen über Monate keinen Schlaf finden, während ihr Gehirn die Struktur eines Schwammes annimmt.
Vielleicht hat der Bewohner auch einfach nur Angst vor der Dunkelheit.
Vor Gefühlen, die in der Stille der Nacht aus der Dunkelkammer des Verdrängens kriechen, von der flatternden Seele Besitz ergreifen und die feinen Härchen im Nacken aufstellen.

Nein, das Fenster zum Hof strahlt nicht Warmes aus und doch ist es mir so vertraut, wie der Bambus, dessen Blätter das ganze Jahr über sachte rascheln. Dieser gruselige Mond, der auch die Ermordung von Kater Speedy beschienen haben muss, der vor ein paar Jahren, von einer Metallstange aufgespießt in unserem Garten lag.

Tourette

Meine Augen zur Zeit der Erscheinungen

Meine Augen zur Zeit der Erscheinungen (Photo credit: Wikipedia)

Da ich als Kind ständig Grimassen schnitt, und auch gerne mithilfe meines bescheidenen Schimpfwortkataloges fluchte, bat mich mein Großvater, der Pfarrer, eines Tages in sein Arbeitszimmer.
Das Fluchen, wie auch die Grimassen wären etwas, so erklärte er mir, das überhaupt nicht zu einem kleinen Mädchen passte.
Ich solle doch bitte versuchen es mir abzugewöhnen, weil andere Menschen sich daran störten.
Als Anreiz, versprach er mir 1 Mark, sollte ich einen ganzen Tag, bis zum Schlafengehen durchhalten.
Ich war acht Jahre alt, die Sommerferien lagen vor mir, und ich war bei meinen Großeltern zu Besuch. 300 km von Eltern und Geschwistern entfernt.
Meine Großeltern hielten jeden Tag Mittagsschlaf, derweil ich mich im Garten zu Tode langweilte und Johannisbeeren von den Sträuchern pflückte. Bis mir schlecht war, ich mich rücklings auf den Rasen legte und so laut sang wie ich konnte,  in der Hoffnung meine Familie würde mich hören und abholen kommen.
Wenigstens weckte ich mit dem Gesinge meine Großeltern, die mir zur Aufmunterung Kakao und Kuchen servierten und mir zu meiner Beschäftigung Papier und Buntstifte aus der großen Schublade des Küchentisches fischten.
Mein Großvater zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, während meine Großmutter Bohnen schnippelte und ich vor mich hin kritzelte.
Je länger ich da saß, umso nervöser wurde ich.
Ich biss mir auf die Lippen und zappelte mit den Füßen, bis meine Großmutter mich bat damit aufzuhören, weil es sie störte.
Ein Bild später hielt ich es nicht mehr aus.
Ich stand auf, verließ die Küche und flüchtete in den Garten hinter die Stachelbeersträucher, wo ich das Gesicht zu maximalen Grimassen verzerrte und fast unhörbar fluchte.

Scheißekackepipiarschlochmüll!

Anschließend ging ich wieder ins Haus, setzte mich an den Tisch und malte weiter.
Beim Abendessen fragte mein Großvater, wie denn der Tag für mich gewesen sei, und ob ich wirklich nicht geflucht oder grimassiert hätte. Dabei schaute er mir ernst in die Augen, was mich so einschüchterte, dass ich mit zitterndem Kinn ein Geständnis ablegte.

Doch, ich habe Grimassen geschnitten. Aber nur ein Mal. Hinter den Stachelbeersträuchern.

Ich fühlte ich mich erleichtert. Irgendwie wog meine Ehrlichkeit doch meinen kleinen, unbedeutenden Fehltritt wieder auf, fand ich.
Mein Großvater war anderer Meinung. Er zeigte sich sehr enttäuscht und konnte mir leider meine sauer verdiente Belohnung nicht aushändigen.

Alles vergebens. Verfluchte Scheiße!

Die goldene Kamera

Du denkst dir nix, putzt dir die Zähne und stellst plötzlich fest, dass das Wasser im Waschbecken nicht mehr abfließt. Gar nicht mehr. Es fließt nicht nur nicht ab, sondern brackig stinkende Dreckpartikel steigen aus dem Abfluss nach oben und trüben es bräunlich ein.
Beim Versuch das Rohr mit dem Pömpel wieder frei zu pumpen, bemerke ich, dass es im Klo verdächtig gluckert. Deckel auf, weiter gepumpt. Tatsächlich! Im Porzellan sprudelt und brodelt es.
Plötzlich sehe ich dass auch der Boden des Badezimmers nass ist. Wo kommt das jetzt her?
Schnell ist die Quelle entdeckt: der Ablauf der Dusche. Da kommt das Wasser heraus.
Es sprudelt. Und sprudelt. Und sprudelt.
Und stinkt.

Deutsch: Badezimmer.

 (Photo credit: Wikipedia)

Den Feudel geschnappt, aufgewischt, Lappen über dem Putzeimer ausgewrungen.
Es sprudelt weiter.
So schnell kann ich gar nicht wischen, wie es nachläuft.
Inzwischen hat das Wasser die Badezimmertüre erreicht.
Wischen, wringen, Eimer- voll! Was jetzt?
Ins Klo gekippt. Blubber, gurgel, schnorchel- schwappen mir 10 Liter aus dem Duschablauf entgegen.
Das Wasser erreicht den Flur.
Handtücher! Alle Handtücher zusammen gerafft, die greifbar sind.
Das Parkett!
Die Arschgeigen über mir scheinen gerade eine Badezimmerorgie zu feiern. Duschen, waschen, spülen.
Das Wasser läuft unaufhörlich weiter- in den Flur.

O, du Ausgeburt der Hölle!
Soll das ganze Haus ersaufen?
Seh ich über jede Schwelle
Doch schon Wasserströme laufen.

Es stinkt so jämmerlich nach Scheiße!
Zum Glück erwarte ich Besuch! Es klingelt. Die Rettung!
Besser als irgendeinem Intendanten den Schwanz zu lutschen, sagt meine Freundin, als sie mir bei der Trockenlegung des Bades zur Hand geht.
Sie muss es wissen, sie ist Schauspielerin.
Von ihren Worten beflügelt putzen wir weiter das Bad und warten darauf, dass der herbei gefunkte Installateur das Problem lösen wird.
Es ist geil eine Frau zu sein.