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Je enger die Schlinge, desto größer die Angst, umso nötiger die Zuversicht.

Stellen Sie sich vor, sie wären schwer krank und Ihr Leben hinge von Behandlungen ab, die Ihnen glücklicherweise gewährt werden und die Ihr Leiden zwar nicht heilen, aber das Leben überhaupt erst ermöglichen und erträglich machen.
Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, dass auf einmal, nach vielen, vielen Jahren, alles anders ist, die Behandlungen nicht mehr im nötigen Umfang und auf die gleiche, bewährte Weise gewährt werden soll und Ihr Leben in Gefahr ist.

Wenn Sie sich dann noch vorstellen, Sie würden in den 6 Bände umfassenden Akten, die Ihr Anwalt eingesehen und kopiert hat, verwaltungsinterne Notizen finden in denen Sachbearbeiter sich beraten, wie man Sie am Besten einschüchtern oder in die Zuständigkeit anderer Kostenträger schieben könne, und wie dort sogar Grundgesetzbrüche angedacht werden, dann wissen Sie ungefähr wie es mir geht und warum ich nicht einmal mehr zum Bloggen komme: ich schaufele mit beiden Händen das Wasser aus dem sinkenden Kahn.

Noch wird die Behandlung nicht eingestellt oder verändert, es bleibt bei Drohungen, und zur Not werde ich mich, mit der freundlichen Unterstützung von zwei Anwälten und diversen, absolut tollen Ärzten, durch alle Instanzen klagen, aber der Schatten, der sich auf mein Leben gelegt hat, lähmt mich in beinahe allen Handlungen.

 

 

 

 

 

 

 

Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
Bild, Karden, flickr,無聊冇故事系列 (pointless series) 01

Carol

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Manchmal, wenn ich an dich denke, erinnere ich mich auch an die stark geschminkte Mittfünfzigerin, die rauchend auf dem Balkon der Station N2 sitzt. Die abgehalfterte femme fatale, mit langen blondierten Haaren, dem aus der Form gelaufenen Körper, gehüllt in einen Satinkaftan mit Leopardenprint, schwarze Stoppeln an den trockenen Schienbeinen, die Füße in glitzernde Riemchensandalen gesteckt.
Den Blick in die Ferne gerichtet, hält sie eine Zigarette in der Hand, Rauch sickert nachlässig aus ihren Nasenlöchern. Neben ihr ein junger Mann mit unverhältnismäßig großem Adamsapfel, der ihm ein geierhaftes und irgendwie verklemmtes Aussehen verleiht und mich an John-Boy Walton, den Tugendhaften erinnert. Der Mann betrachtet das Profil der Frau und greift nach ihrer freien Hand, die sie ihm teilnahmslos überlässt. Etwas Unterwürfiges und zugleich Aufdringliches liegt in seinem Blick und in dieser Geste der verzweifelten Zugewandtheit.

Ich sitze auf der Bank neben den beiden, rauche und zähle zum wiederholten Male die Türme der Stadt. Das Krematorium in Steinwurfnähe zähle ich mit.
Ob sich die Jahre, die vor mir liegen, ebenso in mein Gesicht fressen und dort eine Spur der Angst, der Leidenschaft und des Nikotins hinterlassen werden. Und werden auch wir eines Tages gemeinsam auf diesem oder einem anderen Balkon sitzen, eine tödliche Diagnose auf unseren Schultern, du meine Hand haltend und in mir immer noch die Blüte sehend, die ich einmal war. Und werde ich dich dafür verachten oder lieben und brauchen, oder alles zusammen.
Seit 24 Wochen bin ich in dieser Klinik, die ich in den gleichen Kleidern verlassen werde, mit denen ich sie betreten habe. Du wirst mich abholen und nach Hause bringen in mein neues Leben, von dem du schon jetzt ein Teil geworden bist.

Heute ist dein Geburtstag. Ich denke an dich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: b.s.wise, flickr jean cocteau
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Bis der Notar kommt

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Die Dame vom ärztlichen Bereitschaftsdienst warnt mich am Telefon, dass es Stunden dauern wird, bis jemand vorbei kommt. Macht ja nix. Ich liege sowieso nur im Bett herum, telefoniere ein bisschen, höre Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, döse dabei ein und trinke ab und zu einen Schluck Kaffee.

Nach nur 4 ½ Stunden spaziert der Arzt, ein schlanker Mann in den besten Jahren mit Lederjacke, Fönfrisur und Lesebrille auf der Nase, in meine Wohnung und fragt mit strenger Stimme, wieso ich ihn gerufen habe.
Ich bin seit einer Woche krank und…, sage ich, da unterbricht er mich und beginnt in meinem Schlafzimmer auf und ab zu gehen. Das habe er nicht wissen wollen, behauptet er. Seine Frage sei doch wohl klar und verständlich gewesen: Fangen wir von vorne an, was hat Sie veranlasst mich zu rufen?

So einer, denke ich, packe im Geiste schonmal die Kotztüte aus, und versuche es anders.
Ich habe Sie gerufen, weil mein Herz schmerzt und der linke Oberarm wehtut, als trüge ich eine Blutdruckmanschette, außerdem ist mir schwind…
Das ärgert den Medizinalrat noch mehr. Er unterbricht seine Wanderung durch mein Schlafgemach für einen Moment, schaut mich über den Rand seiner Designerbrille hinweg an und sagt mit übertrieben deutlicher Aussprache, auf dass auch der letzte Student in der hintersten Reihe und mit der mindersten Begabung es verstünde: Die Diagnose überlassen Sie bitte mir. Wenn Sie schon alles wissen, hätten Sie mich nicht rufen müssen. Dann verschwenden Sie nur meine Zeit.

Du dumme Wurst, denke ich, was hatte meine Beschreibung bitteschön mit einer Diagnose gemein? Doch statt mich mit dem Mann zu streiten, oder mich ihm mit der Demutsgeste der unwissenden Patientin zu unterwerfen, klaube ich die unverfänglichsten Vobabeln zusammen, die ich auf die Schnelle finden kann, deute auf meinen schmerzenden Brustkorb und sage: Ich hab hier böses Aua. Da, wo ich das Herz vermute, tut es mir weh.

An Ihnen ist wirklich eine Medizinerin verloren gegangen, höhnt der Kerl jetzt und blickt ins nicht anwesende Publikum, Sie wissen doch überhaupt nicht, wo das Herz ist.

Glaub schon, dass ich das weiß, entgegne ich keck und ziehe alsdann den Blitztrumpf. Ich wurde mal reanimiert. Und hinterher hatte ich einen Katheter im Herz, der dort herumschmurgelte. Das ziepte ungefähr da, wo es jetzt drückt.

Einen Moment ist Ruhe. Der Geck bleibt stehen und schaut sich in meinem Bücherregal um.
Thomas Mann, Frisch, Kafka. Gute Literatur haben Sie da.

Standard, du Schmalspurangeber, denke ich, werte dann aber seinen Kommentar als Friedensangebot und lächle einlenkend.

Ich tippe auf Akutes Koronarsyndrom, sagt er plötzlich, geht zu seiner Tasche und legt mir eine Blutdruckmanschette um. Anschließend zieht er ein kleines Pumpspray hervor, sprüht es unter meine Zunge und  legt mir einen venösen Zugang.
Wir rufen jetzt einen Rettungswagen, Sie müssen sofort in die Klinik, sagt er unerwartet.

Mir geht es aber plötzlich viel besser, sage ich.

Ein Grund mehr, antwortet er, das bestätigt meine Arbeitshypothese.

Ich würde gerne schnell noch jemanden wegen des Hundes anrufen, sie hat einen Hirntumor und braucht ein Medikament, sage ich.
Vergessen sie den Hund, schnauzt der Arzt, der endlich wieder in seine alte Form zurückgefunden hat, der hat sowieso keine Chance mehr.

Der Rettungswagen kommt und fährt mich mit Blaulicht ins Urban-Krankenhaus.
Auf der Weste des Mannes, der während der Fahrt neben mir sitzt steht NOTARZT. So ähnlich wie Notar, denke ich. Wenn der Eine einen Fehler macht, kommt der Andere zum Zug.

In der Klinik wird es dann alles in allem recht erfreulich.
Kalium heisst der Schuldige. Zuwenig davon ist schlecht, erklärt mir der überaus attraktive Krankenpfleger, der neben mir herum tanzt wie John Travolta in Saturday Night Fever und dabei stets ein Auge auf meine Infusion hat.

Am Morgen erwache ich geheilt.

 

 

 

Nachtrag: kein Tier ist während meiner Abwesenheit zu Schaden gekommen. Der Chinesin sei Dank!

 

 

 

 

 

 

Bild: Kaspar Metz, Urbankrankenhaus, Kreuzberg, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Galapagos

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Ich bin indisponiert. Seelisch. Mir geht es nicht gut, um nicht zu sagen: mir geht es nicht gut. Alles ist mir fremd und das meiste zuviel. Nicht, weil ich besonders empfindlich wäre, sondern weil es einfach zuviel ist. Viel zuviel und das beständig. Kummercanyons.
Manchmal denke ich: Jedem da draußen in der großen weiten Welt wäre das zuviel; und um mich herum sagt schon kaum jemand mehr etwas anderes als: das hört wohl nie auf bei dir.

(Wer hier bereits länger mitliest, kann an dieser Stelle getrost zu lesen aufhören und gleich zur letzten Zeile springen.
Was davor steht ist hinreichend bekannt und lässt sich subsummieren unter:  Katastrophenchronik & saisonale Verstimmung & lästige Larmoyanz).

 

Tut es nicht (aufhören), niemals. Darauf ist Verlass.
Schon als Kind besaß ich analytische, wie auch seherische Fähigkeiten und malte beinahe täglich einen schwarzen Berg mit einem schwarzen Wimpel darauf, schwarze Wolken drüber.

Zugegeben, es ist Winter und die Tage sind kurz. Dazu dieses nahende Weihnachten und die wiederkehrende Frage, was ich eigentlich am Fest der Liebe zu tun gedenke.

Ich gedenke in die Kirche zu gehen, irgendwo in Mitte (schöner wäre Berkersheim), und mir die Seele aus dem Hals zu berserkern singen. Bei gnadenbringend wird sich meine Stimme hysterisch überschlagen und die bunt geschmückten Mütter werden in die Hocke gehen und ihre Kinder schützend in den Arm nehmen. Einen Rollkragenpullover aus Schurwolle werde ich tragen, einen der am Hals juckt. Zur Selbstkasteiung und zur Feier des Tages.

Nach der Kirche schlurfe ich dann mit hängendem Kopf nach Hause (overacting) um mich im Kreise derer, die um mich sind, alleine zu fühlen. Sie werden, am Rande meines Schlammloches stehend, ihre sauberen Hände nach mir ausstrecken und sagen: das wird schon wieder.
Nicht mal von der Klippe spingen kann man, wenn man schon unten steht bzw liegt, werde ich jammern und innerlich aufstampfen dabei. Besorgt werden sie die Stirn runzeln und mich mit ihrem nächstenliebenden Lächeln beschenken.

Launisch bist du, sagst du zu mir, als ich während eines unerwarteten Euphorieschubs zu singen beginne.
Launisch? frage ich, ich wechsele doch höchstens 3 bis 4 mal am Tag die Stimmung.
Eben
, sagst du.

Ich würd´ sagen: stabiles Tiefdruckgebiet mit gelegentlichen Auflockerungen. They call it winter, Dahlink, und im Winter soll ein Tief ja was Gutes sein. Da fürchtet man das Hoch, und die dadurch drohende russische Kältepeitsche, mehr als alles andere auf der Welt (mehr als der Teufel das Weihwasser/ als Dracula das Kruzifix / als Judas den morgendlichen Hahnenschrei uswusf.).

Der Schlamm ist eine verlässliche Größe. Selbst die Natur-Kitas schwören inzwischen darauf und kippen tonnenweise teuren Urschmutz in ihre Keller, damit die lieben Kleinen sich beizeiten daran gewöhnen. Manche Kitas halten auch non-allergene Fauchschaben als Streicheltiere vor.

 

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(fadeout)

 

 

 

 

 

Bild: pantxorama, Galapagos, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Hackepeter

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Mit `wenn´s der Teufel will´, bin ich aufgewachsen und früh lehrte man mich, dass alles am Ende immer anders kommt und zwar meistens schlimmer als erwartet. Das Unglück klebte meiner Familie an den Sohlen. Wo andere über Blumen gingen, spazierten wir über Scherben. Seelische.

Pass auf!  und gib s auf! im Wechsel, Kafka und Robert Walser als Lektüre, selbst auf der Toilette, wo der alte, verstaubte Lüster von der schachthohen Decke funzelte und dunkle Schlingpflanzen über die Tapete wucherten.

Wo sollte das hinführen.

Nun bin ich beinahe alt wie eine Kuh und immer noch auf dem Katastrophenpfad, dem ich treu zu bleiben scheine bis zum Sankt Nimmerleinstag. Erst der Hund und dann die Katze, ich fass es nicht, es reicht.

Immerhin ist mir ein Maulwurf zugelaufen, einer der leakt, nix politisches, eher so im privaten Sektor, und das ist zwar nicht unbedingt schön, aber doch informativ und dient der Datensammlung, der persönlichen. Eines Tages kommt das jüngste Gericht. Mich darauf zu freuen wäre freilich Irrsinn. Tu ich aber trotzdem.

Wie hübsch sie den Lauf der Dinge in Worte kleiden konnte, meine Mutter, (es geht den Menschen wie den Leut´) die an der Seite des immer depressiven Vaters, dessen Lebenszeit nicht ausreichte um auch nur eine Langspielplatte aufzulegen, geschweige denn sich zu freuen, kaum bestehen konnte, außer im kindlichen Regress. Da stützte die Lahme den Blinden und umgekehrt. Gemeinsam rissen sie sich zu Boden und das nicht nur bildlich gesprochen, sondern wahrhaftig geschehen, an einem pastellfarbenen Sommerabend im Hafen von Audierne, wo die beiden, nach einem Abendessen mit jeder Menge fruits de mer und vin de table, strack wie Matrosen, ausgelassen albernd, vor ihren Kindern herumtorkelten, die Mutter zusätzlich behindert durch mörderische Absätze, und schließlich, sich aneinander festkrallend, hinschlugen, gefällten Bäumen gleich. Eine Erinnerung, die ich mit der Schwester teile, und die wir uns, an einem schönen Sommerabend auf dem Balkon ihrer Wohnung, gegenseitig vorlasen aus den jeweiligen Tagebuchversionen der älteren und der jüngeren Tochter, einen guten Franzosen im Glas als Verstärker Tröster  Begleiter.
Eltern sollten nicht hinfallen. Nicht vor den Kindern. Was sie in ihrem privatesten Privatleben tun, ist allein ihre Sache, solange die Kleinen draußen bleiben. Modelllernen.

Ganz in schwarz gekleidet, waren sie, beide Eltern, jahrein, jahraus.
Der Vater mit Zügeln an seinem Rennrad, steppend auf den Bodenplatten im Bahnhof, Saxophon spielend auf den Stufen vor dem Haus. Die Mutter mit dem Habitus der Professionellen gehobener Preisklasse. Von 1,60 m auf 1,75 m in nur 2 Sekunden. Goldene Lider zu pinken Lippen und an den Ohren klimper klimper.
In unserer Nachbarschaft waren wir weltberühmt.

Man weiß das ja alles gar nicht, solange man klein ist. Man ahnt es nur, manchmal, man spürt es, an den Blicken und den Worten und dem Ungesagten. Dem Verschämten.

Papa, sind wir anders?
Alle sind anders. Schlaf gut.
Du auch.

 

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Ruft der Unterfranke an und sagt: Schon gehört? Aus Hackepeter wird Kacke später.
Und ich so: Oh Mann, du bist eklig.
Und er so: Was gibt’s Neues?
Und ich so:  500 Euro für `nen Kratzer an der Stoßstange. Aus Pechvogel wird Glückspilz später.

 

 

 

 

 

 

Bild: Rolf Dieter (Ruinero), cow in the woods, Flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Blackout

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Ich hab immer mal wieder Phasen und Vorlieben. Derzeit sind es Unfälle und Artikel über Kriminalität, nach denen ich mehrmals täglich die Gazetten durchsuche. Ich kann gar nicht genug davon kriegen. Angefangen vom gestohlenen Autoradio Moped (Autoradios gibt’s gar nicht mehr, oder?) über das Ehepaar, das tot in seinem Haus aufgefunden wurde, bis hin zu der 18-Jährigen, die ihre Entführung nur vorgetäuscht und insgesamt schon 150 Straftaten auf dem Kerbholz hat. Fleißig, fleißig.
In etwa 3 Wochen, spätestens aber, wenn ich mein Umfeld derart sensibilisiert habe, dass es mir ganz von selbst und freiwillig die neuesten Kriminalfälle zuträgt, werde ich das Interesse an diesen schlagartig verlieren und mich anderen Dingen zuwenden. Ganz und gar.

Jetzt aber bin ich noch mit Herz und Seele dabei.

Eine Sache, die eng mit dem Thema Unglück verknüpft ist, die mich allerdings schon viel länger beschäftigt, und die, befeuert durch den Hacker-Angriff auf die Telekom vor wenigen Tagen, noch mehr an Raum gewonnen hat, ist das Feilen an einer tragfähigen Überlebensstrategie für den Fall, dass in Europa die Lichter ausgehen, vulgo das Stromnetz zusammenbricht, woran der Iwan, den Verlautbarungen zufolge, ja schon kräftig am Arbeiten ist.

Wie wird das sein? Wieviel Zeit werden gerade wir, die wir in der Stadt leben, haben um unsere Haut zu retten?
Geldautomaten und Zapfsäulen werden ebenso stillstehen, wie die Züge und der gesamte ÖPNV. Supermarktkassen werden nicht mehr funktionieren. Das Internet, das Telefon- und das Mobifunknetz werden ausfallen. Weder Wasser, noch Klospülung werden laufen, von der Heizung ganz zu schweigen.

Erst im Sommer hat die Bundesregierung die Bürger dazu aufgefordert für den Fall der Fälle eine Mindestbevorratung für 2 Wochen anzulegen. Konserven, Wasser, Kerzen, Batterien, Medikamente und unbedingt auch ausreichend Bargeld (wo doch der Bargeldsumpf als Nährboden krimineller Machenschaften möglichst schnell trockengelegt werden soll).

Was passiert eigentlich wenn beispielsweise im Krankenhaus nach 48 Stunden die Notstromaggregate aufgeben und die Beatmungsgeräte stillstehen? Wird der Arzt dann zum Sterbebegleiter? Überhaupt: wann werden die ersten Kliniken geplündert? Wo sind die Notfalltelefone? Wie weit ist der nächste Bunker entfernt, in dem Essen ausgeteilt wird? Was passiert mit den Pflegebedürftigen? Kommt da immer noch der ambulante Pflegedienst, oder muss man sich um die keine Sorgen machen, weil sie demnächst sowieso alle in Heime zwangseingewiesen und dann gemeinsam ver- oder entsorgt werden?

Was geschieht mit den Milchkühen? Wer soll sie melken, wenn die Maschinen ausfallen?
Wer füttert die Tiere im Zoo? Wird jemand ihre Käfige öffnen? Und dann?

Und die Atomkraftwerke, wie lange wird man sie kühlen können, so ganz ohne Strom?

Nachdem ich mir nun wochenlang haarklein überlegt habe, was ich einkaufen müsste, was in einen Fluchtrucksack gehört und wie ich mich mit einem kleinen Campingofen versorgen könnte, den ich übrigens mit den Holzpellets des Katzenstreus zum Brennen bringen würde, wieviele Kerzen ich im Haus vorrätig haben sollte und ob die Anschaffung eines Kurbelradios nicht sinnvoll wäre, fiel mir gestern Abend ein, dass das Haus in dem ich wohne ein eigenes Blockheizkraftwerk hat und folglich überhaupt nicht vom Stromausfall betroffen sein würde. Dieser Teil der Katastrophe bliebe mir also erspart.
Ich werde lediglich mit dem Lebensmittel- und Wasserproblem zu kämpfen haben und vielleicht damit, dass meine schikanöse Vermieterin dann endgültig die Axt auspackt und meine Türe einzuschlagen versucht, weil die Notrufsysteme längst alle ausgefallen sind und niemand niemandem mehr zur Hilfe eilen wird.

Was sie nicht weiß, die Vermieterin, ist, dass ich in einem lange zurückliegenden Anfall von Paranoia, meine Wohnungtür einbruchssicher habe machen lassen, indem ich auf die Innenseite eine Metallplatte montieren ließ und in an den Bändern einen Aushebelschutz. Da kann sie lange hacken und unterdessen wird ihr sowieso die Puste ausgehen, Kettenraucherin, die sie ist. Wenn ihr Suchtstoff dann eines schönen Tages endgültig aufgebraucht ist, wird es ihr wahrscheinlich ergehen wie Helmut Schmidt, kurz nachdem er aufgehört hatte zu rauchen.

Gemütlich werde ich, als eine der wenigen Stadtbewohnerinnen, in meiner geheizten Bude sitzen und ein köstliches Chili wird auf dem Herd vor sich hin köcheln, derweil draußen in der Eiseskälte die Welt untergeht.

Sobald die letzten Plünderer sich gegenseitig erschossen und die Krähen deren sterbliche Überreste beseitigt haben, verlasse ich, an einem schönen Apriltag, als einzige Überlebende in Kreuzberg Südost, das Haus, zusammen mit meinem lieben Hund (unbedingt das Medikament für sie bevorraten!) trete auf den leeren Mariannenplatz und blicke empor zu dem ehemaligen Bethanienkrankenhaus.
Durch die Eingangshalle des schönen Gebäudes schreite ich und nehme, begleitet vom Klackern meiner Absätze, den ersten Gang nach links, werfe, an dessen Ende angekommen, mit einem mitgebrachten Pflasterstein die Glastüre der Fontane-Apotheke ein, steige, den Hund auf dem Arm, vorsichtig über die Scherben und gehe zu dem deckenhohen Regal hinüber, wo ich sämtliche  Porzellandosen durchsuche, bis ich jene mit den Veilchenpastillen gefunden habe. Ich nehme sie herunter, greife hinein und lasse eine Handvoll der kleinen Kugeln in meine Jackentasche rollen.
So ausgerüstet setze ich mich in die Laibung des großen Westfensters und schaue hinunter in den Hof, wo ausgestorben die Wagenburg, das  Kreuzdorf  und das Rauchhaus liegen.
Den wundersamen Veilchengeschmack im Mund, denke ich über die erstaunliche Wendung meines Katastrophenlebens nach und lausche unterdessen dem Zwitschern der Vögel, bis es dämmert und es Zeit für uns wird zu gehen.

Draußen ist es kühl geworden, und rot glühen die Backsteine der St. Thomas- Kirche im Abendlicht.
Ausgelassen rennt Töle auf eine Gruppe Krähen zu, die krächzend davon hüpfen. Irgendwo bellt ein Fuchs.
Ich stelle meinen Kragen auf und atme tief durch.

 

 

 

 

 

Bild : Tom Stromer, St Thomas-Kirche im letzten Abendlicht, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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Jeden Tag zieht sich die Schlinge ein bisschen enger. Bis die Zunge verlernt zu sprechen und träge sich drückt an den Gaumen, eine Banane zu zerdrücken im Sinn; Urnahrung, sofern niemand laktierte, was niemand tat (sonah). Die einzige echte (wollt ihr die totale) Autonomie. As long as it lasts, über´n See über´n See. Verweigerung. Widerstand.  Selbstbehauptung bis zur Selbstauflösung. Anderswo verhungern die Menschen. Diese schreckliche Hoffnungslosigkeit ringsum und das Leben so gleichgültig wie ein Plexiglastisch auf Hochflorteppich. Oder gleich drei davon, ineinandergeschachtelt, eine Matrjoschkalüge, vielfältig wie nachwachsende Haifischzähne. Solche Mütter gab es nie.
Regressiv und aggressiv. Mir doch egal und ihr werdet schon sehen. Wer nicht arbeitet der soll auch nicht essen.  Sozialschmarotzer sagen die einen und machen Menschenversuche per Abstimmung salonfähig. Erst die Dementen, dann die Behinderten. Später alle, die es sich nicht leisten können (frei zu sein). Am Ende steht jeder auf seiner Seite des Zaunes. (Gated oder arrested). Betrübt wiegen wir unsere gepflegten Köpfchen, betroffen zeichnen wir eine Petition, frustriert fressen wir Zimtsterne.

 

 

 

 

 

Bild: telmo 32, enter, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

 

Das Gewand

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Auf einem hölzernen Bügel hängt ein schwarzes Gewand.
Aus schwerem Stoff gefertigt, wird es im Rücken mit einem durchgehenden Reißverschluss zusammengehalten.Vorne ist es hochgeschlossen und seine schmalen Ärmel reichen bis zum Saum. Die auf der Vorderseite eingelassene Falte lässt es nach unten hin ein wenig aufspringen.

Vor einigen Wochen, vielleicht sind es auch Monate, erwarb ich dieses ungewöhnliche Kleidungsstück, dessen talarähnliches Aussehen mich bereits beim Betreten des, von lauter Musik durchwummerten, Geschäftes auf eine unerklärliche Weise angezogen hatte und mich es ohne Anprobe kaufen und nach Hause tragen ließ.

Ein paar Tage hing es dort und immer wieder beäugte ich es ratlos. Dann nahm ich es vom Bügel, brachte es zur nahegelegenen Schneiderin und bat sie es zu kürzen. Nach dem Abholen hängte ich es erneut auf, wählte dieses Mal aber einem Platz dicht unter der Zimmerdecke, so, dass ich seither aufblicken muss um es zu betrachten.

Manchmal stelle ich mich direkt darunter, schaue in sein Inneres hinein, wie in ein Zelt und sehe mich plötzlich in einem hellen, gefliesten Raum stehen. Unbekannte Hände streifen mir das Gewand über meine ausgestreckten, willenlosen  Arme und verschließen es im Rücken. Unterdessen laufen tuscheschwarze Tränen über mein bleiches Gesicht.

Vor diesem Tag fürchte ich mich und bis heute habe ich es nicht gewagt auch nur das Preisschild zu entfernen, geschweige denn das Kleidungsstück in den Schrank zu hängen.
Ich habe Angst, dass die Regel, nach welcher allein der mitgenommene Schirm den Regenguss verhindern kann, auch hier Gültigkeit finden würde.

Solange ich das Gewand unberührt hängen lasse wird das Ereignis, für welches ich es mir gekauft habe, nicht eintreten.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, px4u by team cu29, Herbst
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