Der fröhliche Querulant, oder Irre Imker irren nicht

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Kann ja nix glattgehen. Ein Mal nur. Bei mir. Ausnahmsweise.
Es sind die daily hassles, die täglichen Ärgernisse, die mich langsam auswringen. Die ersten Falten hab ich schon, und wenn´s so weiter geht sehe ich irgendwann aus wie ein Shar-pei.

Also: Auffahrunfall.
Eine Frau, alarmiert und abgelenkt durch einen irren Imker, der sie mit Gezeter von ihrem unrechtmäßigen Parkplatz im Halteverbot verjagen will, weil er kein eigenes Leben hat und weil sie da halt einfach nicht halten stehen darf, so will es das Gesetz, diese derart drangsalierte Dame setzt nun mit ihrem PKW zurück, derweil der Imker neben ihrem Auto herumspringt und sie bei der Beendigung der Ordnungswidrigkeit fotografiert. Ich schaue mir das ganze Spektakel kaffeetrinkend aus dem Fond meines Wagens heraus an und wundere mich, wieso man bei diesem eiskalten Wind im leichten Sommeranzug das Parkverhalten anderer Leute reglementieren muss, statt es sich irjendwo bei einer heißen Zitrone mit Honich jemütlich zu machen, da höre und fühle ich auch schon das Krach und das Rumms, das Auto vor mir drückt sich gegen meine Stoßstange und stoppt, während mein eigenes noch ein wenig nachwackelt.

Oh

Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen (man sollte eigentlich nur noch Unfälle und Abstürze haben, das verlängert das Leben um, als besonders wertvoll empfundene, Sekunden), dann legt die Frau den ersten Gang ein und rollt wieder nach vorne, was den Imker nun vollends aus der Fassung bringt: Fahrerflucht, Fahrerflucht! krakeelt er und fuchtelt mit beiden Armen in der Luft herum.

Wie von der Tarantel gestochen springt die Frau nun aus dem Auto, stürzt auf den entfesselten Knipser zu, der gut einen Kopf kleiner ist als sie, und dessen Mundwinkel inzwischen im Duett mit seiner rechten Schulter unkontrolliert zu zucken begonnen haben, während sein Hals sich von links nach rechts schraubt, als wolle er seinen wackelnden Kopf justieren, und stellt ihn zur Rede: was machen Sie, wieso erschrecken Sise mich so, hätten Sie nicht, dann wäre ich auch nicht!

Hoho-haha, sag der Anzugmann, jetzt soll ich also Schuld sein, was? Sie parken im absoluten Halteverbot, verursachen einen Unfall und wollten auch noch Fahrerflucht begehen! Zum Glück war ich da und habe das aufgedeckt und verhindert! Ein maliziöses Grinsen spielt dabei um seinen Mund und die Augen schauen listig aus dem knochigen Gesicht.

Das wollte ich überhaupt nicht!, schreit die Frau und ich sehe, wie ihre Adern am solariumsgebräunten ohnehin schon dicken Hals anschwellen. Ich tippe auf Schilddrüsenüberfunktion. Könnte passen, schlank ist sie, das wiederum könnte aber, der Haut nach zu urteilen, auch vom Rauchen herrühren.
Als könne sie Gedanken lesen, holt sie jetzt ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche und zündet sich eine an. Ihre Fingernägel sind lang und schwarz, wie ihr Haar und ihr Mantel.

Jetzt bin ich dran. Ich lasse das Fenster herunter und stecke meinen Kopf heraus.
Ich hab alles gesehen, sage ich.

Mit freudig-kooperativem Gesichtsausdruck kommt der Freizeitquerulant, der mich bis dahin hinter den getönten Scheiben nicht bemerkt hatte,  zu mir herüber geeilt und präsentiert mir den Lackschaden an meiner vorderen Stoßstange auf seinem Kameradisplay.
Was für ein bequemer Unfall, denke ich, kaffeetrinkend werde ich angefahren und im Warmen sitzend bekomme ich auch gleich noch das Schadensprotokoll. Heut´muss mein Glückstag sein!

Jetzt tritt auch die Frau zu mir ans Auto, zetert den zuckenden Zeugen beiseite, gibt mir ihre Visitenkarte und entschuldigt sich. Hätte der Mann nicht, dann wäre auch sie nicht usw. Schnell sind wir uns einig.
Der irre Imker äugt unterdessen wie ein Schreitvogel, der den Tiger nahen sieht, herum, überlegt hin und her, und holt zum nächsten Schlag aus, der jedoch die gleiche lahme Ente von vorher ist:

Fahrerflucht, ruft er, sie wollte Fahrerflucht begehen!

Die Frau, deren Gesicht sich inzwischen in Steil- und Hassfalten gelegt hat, schnappt erneut nach Luft, droht mit erhobenem Finger und ruft schließlich mit rotem Kopf die Polizei. Verleumdung, Nötigung u.dergl.

Eine geschlagene Stunde warten wir zusammen. Ich im Auto und sie ins nicht-enden wollende mantramäßige Streitgespräch mit dem Zeugen verwickelt, der mir inzwischen auch seine Visitenkarte durchs Fenster herein gereicht hat. Imker steht dort unter seinem Namen und eine Bienenkorbzeichnung untermalt diese Behauptung.

Die zur Hilfe gerufenen Polizisten schreiben der Frau ein Ticket für´s Parken im Absoluten, der Imker nickt zufrieden und wird kurz darauf von den Beamten des Platzes verwiesen, und ich fahre mit Töle zurück nach Hause. Oh happy day.

Epilog:

Am Tag nach dem Unfall rufe ich die Diensthandynummer der Frau an.
Als ich sie dort nicht erreiche versuche ich es auf der zweiten Nummer, die ich auf der Visitenkarte des großen Unternehmens finde, für das sie arbeitet. Auch dort geht niemand an den Apparat. Also schicke ich ihr eine sms.
Als nach Tagen der vergeblichen Anrufe, sms und Mails immer noch keine Reaktion kommt, rufe ich bei ihrem Arbeitgeber an.
Dort teilt man mir mit, sie sei seit Wochen vom Dienst freigestellt und habe auch keinen Zugang zu ihrem Mailaccount mehr. Das Diensthandy allerdings habe sie mitgenommen, darüber sei sie vermutlich noch erreichbar.

Nun kontaktiere ich die Polizei, die mir empfiehlt mich an den Zeugen zu wenden, da ich Blödel mir vor lauter Aus-dem-Wagen-heraus-Bequemlichkeit nicht einmal das Kennzeichen der Unfallgegnerin aufgeschrieben hatte, so sehr vertraute ich darauf, dass die Managerin bei einem großen Betrieb das alles schon zuverlässig regeln werde.

Und so fand ich mich gestern mit dem frohlockenden Querulanten telefonierend, auf der Suche nach der flüchtigen Frau wieder und mit der Frage, wieso, um Himmels Willen, immer ich der Magnet für alle Irren dieser Welt sein muss.

 

 

 

 

 

 

Bild: KirstenV/ Flickr ImkerLizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

1616

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Frau meertau hat gefragt, was ich am Tag der Bestattung meiner Mutter machen werde.
Die Frage an sich klänge im Leben der meisten Menschen schon merkwürdig.

Da ich nicht an ihrer Bestattung teilnehmen darf und auch nicht mehr möchte, weil ich mir nur schwer vorstellen kann mit dem selbstgerechten Onkel und dem histrionischen Bruder an Deck eines Schiffes zu stehen, theatralisch nach vorne zu blicken und später dem Blumenstrauß hinterher zu weinen, wie er auf dem Wasser schwimmend davontreibt, während die Urne auf den Grund des Meeres sinkt, ist es für mich eher ein Trost zum Zeitpunkt der Bestattung meiner Mutter auf dem Zahnarztstuhl zu sitzen, mit weit aufgerissenem Mund, an die Decke zu starren und in dem weit aufgerissenen Mund über mir das Universum zu betrachten.

Ob ich dabei Trost oder Tränen finden werde oder beides ist noch nicht entschieden.

Mein Ritual findet ein paar Tage später auf einem verlassenen Friedhof statt. Gemeinsam mit Menschen, die mir nahe stehen, werde ich dort alles lassen, jeden Kummer und jede Wut, die ich meiner Mutter gegenüber empfinde und empfand. Auch die guten Gefühle, die es durchaus gab und manchmal noch gibt. Ich werde ihr sagen, was mir auf dem Herzen liegt, ihr erklären, dass sie nicht ausgelöscht ist, weil sie in uns weiter lebt und wir ein Teil von ihr sind, und dass ich irgendwann nachkomme und wir hoffentlich noch einen zweiten Versuch miteinander bekommen. Irgendwie, irgendwo.

sriii sriii

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Geh in die Küche, niemand darf Dich sehen, robbe dorthin
, war das erste Kommando, das mein Hund lernte, als er noch bei den Kosmonauten lebte, eine Geschichte, so uninteressant, wie ihr Anfang.

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Der Kanzler ist zu Besuch. Wir reden über dies und das, auch über seine neuen politischen Haltungen und Einsichten. Eigentlich redet nur er und ich höre zu. Es lohnt nicht dazwischen zu gehen, es macht alles nur hitziger und schärfer.
Später lockert sich meine Kiefersperre. Ich stelle Zwischenfragen, aus deren Ritzen und Scharnieren meine Zweifel blitzen. Das bringt ihn noch mehr in Fahrt, doch es bleibt friedlich zwischen uns.

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Der Nachmittagsspaziergang durch die Königsheide war eine gute Idee. Nach anfänglichem Zögern läuft der Kanzler entspannt mit und ist gefangen von der Lieblichkeit des Waldes. Hoch steht das Gras zwischen den Bäumen, das Licht fängt sich in den Härchen des Glatthafers, die Blätter der Maiglöckchen leuchten am Fuße der frischgrünen Eichen, Fliegen tanzen in der würzigen Luft und über allem sirrt das sommerliche Versprechen eines Anfangs.

Erinnerungen an la Forêt de Brocéliande, den Zauberwald, irgendwann in einer weit entfernten Zeit.

An dem rostigen Zaun des ehemaligen Kinderheimes treffen wir auf zwei ältere Frauen, beide mit Hund. Die Staffordhündin der einen trägt einen Ledermaulkorb.
Fressschutz, sage ich, als sie verwundert vor Töle stehen bleibt und deren Maulkorb bestaunt, die tut niemandem was.
Meine auch nicht
, doch sie sucht nach Menschenkot.
Uns schüttelt es. Dass die Leute überhaupt ins Gebüsch machen müssen, obwohl sie nicht mal obdachlos sind, denke ich. Ich kann mich nicht erinnern jemals. Außerdem kann man es doch danach. Aber wer denkt schon an Hundebesitzer, wenn er. Lassen wir das.

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Seit drei Jahren kein Alkohol, auf den Tag, fällt mir auf, als wir nach dem Spaziergang in der Kolonie Hermannsruhe unter hohen Bäumen sitzen und der Kanzler seine zweite Weisse mit Schuss bestellt, während ich ein Wasser trinke. Eigentlich sollte es nur ein Jahr werden, aber dann blieb es dabei und ich vermisse nichts.
Der Unterfranke kommt angeradelt und versorgt uns mit Gebäck aus der lärmenden Tütenwelt auf  der anderen Seite des Waldes. Während wir essen schnuppern die Hunde sich durch den Garten, der mit seinem abendlichen Lichtspiel auf dunkler Erde an das Waisenhausgemälde Liebermanns erinnert.

Wir plaudern dies und das und reden über jenes, nur nicht über die verstorbene Mutter und Exfrau. Sie sitzt sowieso mit am Tisch, sonst wäre ich nicht da und der Kanzler nicht bei mir.

Am ersten Juni wird ihre Seebstattung sein.
1616, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

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Zurückgelehnt sitze ich im Stuhl, die Arme hängen entspannt herunter. Wir schweigen, benommen von soviel frischer Luft und Fülle. Aus ihrem Schattenplatz blinzelt Töle mich an und wedelt. Ich blinzele zurück, da steht sie auf, trottet zu mr herüber und drängt den warmen Kopf in meine Hand. Mit geschlossenen Augen kraule ich ihre Ohren, langsam und gleichmäßig geht ihr Atem, bald schläft sie im Stehen ein. Wie gern ich sie habe.

Das Auto ist auf einem Parkplatz in Johannistal. Den Rückweg dorthin gehen wir über schmale Trampelpfade im Wald hintereinander her, jeder in seine Gedanken versunken und von glückseliger Wehmut erfüllt.

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Am Abend kommen wir nach Kreuzberg zurück. Der Himmel ist groß, das Herz ist weit  und die Mauersegler vermessen rufend das große Blau.

Sriii sriii

 

Ich liebe mein Leben.

 

 

 

 

 

 

Bittere Asche

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Wir wollen nicht spalten – wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten

(Peter Glaser)

 

 

Das Wort Versöhnung bekommt einen ganz neuen Klang, wenn ausschließlich der Sohn (also mein Bruder) der Seebestattung der Mutter beiwohnen darf, weil der Mutterbruder, auch Onkel genannt, mutmaßt, die beiden hätten sich (nach über 20 Jahren)  wahrscheinlich doch noch irgendwann versöhnt, wenn nur der Mutter nicht die blöde Demenz dazwischen gegrätscht wäre.

Die Vorsilbe „ver“ deutet zwar oftmals auf etwas negatives hin – verloren, verirrt, verwirrt– in diesem Falle soll es aber wohl was Gutes sein, die onkelseits gestattete Versöhnung des Sohnes mit der toten Mutter.

Vertöchtern gibt’s leider nicht, das sehen der Duden und das Leben (und der Onkel) nicht vor, und deswegen müssen die beiden Töchter sich dem letzten Willen der Mutter beugen und an Land bleiben, während deren Asche verstreut wird.
Ihre völlige Auslöschung wollte sie, nichts sollte mehr von ihr übrig bleiben, um uns Kindern keinen Ort der Trauer zu geben. Das war ihr letzter Wille.

Ich glaube ich werde nie wieder im Meer schwimmen können, ohne Angst zu haben mich an ihr zu verschlucken.

 

 

 

 

 

 

Bild: Uwe, Die Rückkehr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Die Diva vom Main

 

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Gottseidank war die Eintracht Frankfurt im gestrigen Relegationsspiel gegen Nürnberg siegreich. Nicht auszudenken sie hätte ausgerechnet gegen die Mittelfranken verloren und wäre somit abgestiegen. Denn in Närmberch, da wohnt der Feind.

Gewonnen hat die Diva vom Main sogar trotz des lädierten Kreuzbandes von Mittelfeldspieler Stendera und der frisch diagnostizierten Tumorerkrankung des Verteidigers Russ. (Das Eigentor auf dem Hinspiel sei ihm verziehen. Das Ergebnis allein zählt!)
Was die Eintracht kann, kann eben nur die Eintracht.

Geholfen hat allerdings auch der Heilige Antonius, der Allrounder unter den Heiligen und beschworen hat ihn, genau für diesen Zweck, die Malerin, die Agnostikerin aus tiefstem Herzen.
Großgeworden in einem katholischen Haushalt hat sie im Laufe ihres Lebens eine große Abneigung gegen Religion entwickelt, hat sich einen bekennenden Atheisten geangelt und die beiden haben ihre Kinder konsequenterweise nicht taufen lassen. Einer der schönsten Tage im Leben der ungläubigen Eltern war jener, als die gerade dreijährige Tochter auf einer Autofahrt seelenruhig den legendären Satz sprach: Gott ist schon gestorben. Was zu dieser, für ein kleines Kind, ganz erstaunlichen Aussage geführt hat, ist unbekannt. Später, kurz nach ihrer Einschulung, brachte sie mit Gott ist weg das nächste Bonmot nach Hause. Wie sich herausstellte handelte es sich dabei um einen Lesefehler. Das Original hing als Transparent an einer benachbarten Kirche. Gott ist der Weg, stand dort. So einfach lässt sich eine Aussage beinahe ins Gegenteil verkehren.

Auch der Sohn hat früh gelernt, dass es neben der Eintracht keine anderen Götter geben kann. Obwohl gebürtiger Berliner, fühlt er sich doch als Hesse und trägt seinen Eintrachtranzen mit Stolz. Mussten die Eltern ihn zunächst noch zum wahren Fantum hinlenken, ist er jetzt der Begeistertste der ganzen Familie.

Als nun die Eintracht in den letzten Wochen kurz vor dem Abstieg stand und das Herz des Sohnes bang und immer banger ward, da fasste sich die Mutter ein Herz, nahm auf der Rückreise von Bonn die Abfahrt zur Autobahnkapelle, zündete dort eine Kerze für die Eintracht an und spendete alles, was sie noch an Bargeld dabei hatte mit der Bitte, dass die Eintracht gegen Dortmund gewinnen möge.
Sie wurde erhört!

Vor dem gestrigen, alles entscheidenden Rückspiel gegen Nürnberg nun, nahm sie ihren Sohn beiseite und versprach ihm, dass wenn die Eintracht erneut gewinnen würde, sie gleich am kommenden Sonntag in die Kirche ginge um dort zu spenden und zu danken.
Und wieder geschah das Wunder: die Eintracht gewann.
Der erlöste Sohn konnte sein Glück kaum fassen und gelobte, die Mutter zum sonntäglichen Kirchgang zu begleiten. Auch der sturzatheistische Vater schloss sich voller Dankbarkeit an.

Die Eintracht kann nämlich nicht nur gegen jeden siegen, sie kann auch Bier zu Äppler machen und Agnostiker in Kirchgänger verwandeln.

SGE 4ever!

 

 

 

 

Bild: wikimedia commons
Lizenz: public domain

Mirko

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Was dem Winter die Krähen sind dem Frühling die Amseln. Schwarz das Gefieder, gelb der Schnabel sehe ich sie auf einmal überall in der Stadt. Geduckt laufen sie von Strauch zu Strauch, halten inne, drehen den Kopf von links nach rechts, äugen und huschen weiter. Mirko nenne ich sie, jede Einzelne von ihnen. Das knirscht so schön, wie der Kies vor den Bungalows meiner Kindheit, in deren Vorgärten meine ersten Mirkos zuhause waren.

Mit dem Hund gehe ich durch den Tiergarten. Der Rhododendron blüht. Meterhohe Büsche mit ledrigen Blättern und zahllosen Blüten in purpur, weiß und rosa säumen die verschlungenen Wege, dazwischen Azaleen in kräftigem Gelb und Orange. An brackigschwarzen Tümpeln wachsen Mammutbäume, Modergeruch vermischt sich mit dem betörend süßen Blütenduft. Farnwedel stehen zart befiedert in der Sonne und leuchten in frischem Grün. Pappelpollen schweben durch die schwere Luft wie Maischnee und landen geräuschlos auf den vielen Wasserläufen. Eine stille Urwelt, mitten in Berlin.

Auf einer kleinen Brücke bleibe ich stehen. Das Gartenamt hat sämtliche Schlösser vom Geländer entfernen lassen. Janice & Flo und Aliah & Mike hatten sich hier einander für immer versprochen. Ob ihre Liebe den Winter überdauert hat?

Drüben im Wasser liegt der Schildkrötenbaum. Gleich vier große Panzer zähle ich heute, hübsch nebeneinander in der Sonne aufgereiht. Ein Stückchen weiter steht wie immer die wohlgenährte Kanadagans in Ufernähe, als wollte sie sich die Füße kühlen. Ungewohnt aktiv spreizt sie plötzlich einen Flügel, hebt ein Bein, entleert ihren Darm und fälllt anschließend in die gleiche abwartende Starre zurück.

An einer großen Weggabelung treffe ich wieder auf eine Amsel, oder ist es immer die gleiche, so, wie die Stubenfliege meiner Kindertage, die mich über Jahre begleitete und sogar mit uns im Auto in den Urlaub fuhr? Immer wieder riss mein Bruder ihr ein Beinchen aus, doch stets wuchs es über Nacht nach. Susi, so nannten wir sie, erstand jedes Frühjahr für uns wieder auf, ganz wie der erschossene Kukuck.

Simsalabimbambasaladusaladim

Der Gesang der Nachtigall, das erzählte mir kürzlich die Journalistin, habe sich nicht verändert, in hundert Jahren nicht, alte Aufnahmen belegten dies, und wie zu allen Zeiten wählt auch heute noch das Weibchen den Kavalier nach der Qualität seiner Darbietung aus. Ein Sängerwettbewerb im Unterholz.

Anders die Amseln, sie gehen mit der Zeit, greifen Klingeltöne von Weckern oder Handys auf, imitieren diese und bauen sie in ihr Gesangsrepertoire ein, um damit das Weibchen zu bezirzen. Wer die neuesten Ringtones drauf hat steht in der Gunst der Damen ganz vorne. Seine Gene haben gute Chancen, es bis in die immer näher rückende goldene Zukunft schaffen.

/
Die Amsel an der Weggabelung duckt sich und rennt los. „Mirko!“ rufe ich ihr hinterher, da bleibt sie stehen.
Der Mann, der eben im noch Vorbeigehen den Papierkorb durchsucht hat, dreht sich um und schaut mich erstaunt an. Einen großen Rucksack auf dem Rücken, das Gesicht rot und aufgedunsen, die Haare weizenblond, steht er ein wenig unberaten da. Ob auch er Mirko heisst?
Rauchen Sie?, frage ich ihn, weil mir nichts anderes einfällt und ich mich plötzlich erinnere noch ein Päckchen in der Tasche zu haben. Eigentlich wollte ich es dem Flüchtling schenken, der mich kürzlich im Krankenhaus um Zigaretten bat, doch das Personal erlaubte es nicht, er habe genug zu rauchen, und so trage ich die Schachtel seit Tagen mit mir herum.
Mirko nickt auf meine Frage und lächelt verlegen. Darf ich Ihnen vielleicht die Luckys geben? Ich kann sie nicht mehr gebrauchen, hab leider aufgehört zu rauchen, plappere ich übertrieben heiter weiter und reiche sie ihm, ohne eine Antwort abzuwarten. Er nimmt sie vorsichtig entgegen. Seine Hände sind trocken und rot.
Leider habe ich kein Feuer, setze ich meine Rede fort, ich rauche ja nicht mehr. (Wieso quassele ich bloß so viel?)
Mirko schweigt immer noch und schaut mich freundlich an.
Einen Moment lang stehen wir uns ratlos gegenüber, dann nicken wir uns zu und gehen, jeder in eine andere Richtung, davon. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn von hinten, wie er mit seinem schweren Rucksack gen Süden stapft.
Der schwarze Mirko ist längst irgendwo im Gebüsch verschwunden.

 

 

 

 

 

Bild: Last Hero, Amsel
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Dancing Queen

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Als A. und ich uns kennenlernten, stellten wir fest, dass wir beide in der gleichen Stadt aufgewachsen waren. Da ich zwölf Jahre älter bin als sie, hätte ich sogar ihre Babysitterin sein können. Ich hätte ihr vorlesen, sie ins Bett schicken und sie an ihrem Geburtstag auf den Arm nehmen können, damit sie die Kerzen auf ihrem Kuchen hätte auspusten können. Diese Vorstellung erheiterte uns immer ganz besonders, denn die A. ist kräftiger als ich und überragt mich mit ihren 1,86 m noch einmal um ein gutes Stück. Wie viele große Frauen, die ich kenne, mich eingeschlossen, hat die A. ein Faible für Männer, die kleiner sind als sie. Dem Vater ihrer Kinder fehlt gleich ein ganzer Kopf, um mit ihr gleichzuziehen. Was andere über sie denken, ist den beiden, die zudem noch unterschiedliche Hautfarben haben, völlig schnuppe. Wenn sie Hand in Hand durch Kreuzberg laufen, geht sie im Rinnstein und ihr Angetrauter läuft oben auf dem Trottoir, so dass sie etwa auf Augenhöhe miteinander sind.

In der heimischen Küche teilen sie sich die Arbeit und nach dem Essen pflanzt der F. sich bei A. auf den Schoß, wo er den Rest des Abends sitzen bleibt, beide Arme um ihren Hals geschlungen.

Ich kenne niemanden, der besser tanzen könnte als die A. Außer dem F. vielleicht. Zusammen sind sie besser als Uma Thurman und John Travolta in Pulp Fiction. Man hält die Luft an, wenn sie zum Boogie grooven, nicht nur, weil sie sich so geschmeidig bewegen und ein so gutes Rhythmusgefühl haben, sondern vor allem auch, weil sie so offensichtlich Spaß miteinander haben. Weil sie sich so anziehend finden, dass die Funken sprühen, auch noch nach vielen Jahren die ihre Liebe nun währt.

Passenderweise arbeitet die A. in einer Beziehungsberatungsstelle. Ich bin sicher, sie macht ihren Job gut.

Bei dem Einen und mir hat sie es auch mal versucht. Zu kitten. Allerdings da, wo es nichts zu reparieren gab, weil alles in bester Ordnung war. Aber versuchen kann man es ja mal, sie ist eben ein Harmoniethierchen und sicher ist sicher.

Die A. leidet, wie ich auch, unter einem Wandertumor, der immer wieder und glücklicherweise nur temporär, an unerwarteten Stellen symptomatisch wird, um sich dann, völlig behandlungsunabhängig, wieder zurück zu ziehen und bis zum nächsten Ausbruch, der meist in Verbindung steht mit Stress und Disharmonie, irgendwo an unbekannter Stelle zu schlummern.

Seit einigen Jahren haben die A. und der F. Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen. Während die A. blond und blass ist und der F. schwarze Haare und bronzefarbene Haut hat, sind beide Kinder rothaarig, sommersprossig und von blütenweißem Teint.

Da die A. nicht nur fantastisch tanzen und harmonisieren kann, sondern zudem noch einen guten Geschmack hat, hat sie den beiden Namen gegeben, die sich wohltuend abheben von den Modenamen ihrer Generation, dabei aber nicht exzentrisch und marktschreierisch, sondern still und schlicht und elegant sind.

Der Junge trägt zu meiner großen Freude den Namen des Einen, etwas, was die A. und mich auf eine weitere schöne Weise miteinander verbindet.

Ich mag sie wirklich sehr gerne, die liebe A.

 

 

 

 

 

 

Bild: HD Valentin, Tanzendes Paar
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Toulouse-Lautrec, oder der Erb-Witz

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Eines vorweg: den Bezug zum Titel gibt es nur in meinem Inneren, wie so oft. Er spielt an, auf einen Witz, den der Kanzler in meiner Kindheit zu erzählen pflegte. Sein Scherz- Repertoire war nicht unbedingt groß und zudem noch tradiert, die meisten seiner Späße hatte er von seinem Vater übernommen, der sie wiederum von seinem Vater geerbt hatte. Nur die anzüglichen, die zotenhaften, die hatte der Kanzler sich ganz alleine aus den Reihen seiner Kommilitonen und später bei den Kollegen in der Klinik zusammengeklaubt. Mediziner. Seit einer längeren OP, bei der ich unter Rückenmarkbetäubung weitestgehend wach war, bin ich überzeugt, dass Ärzte, bzw. Chirurgen, die derbsten aller Witzeerzähler sind. Den Schwager vielleicht ausgenommen, der erzählt die pointiertesten Geschichten (Hallo, Moritz!).

Heute morgen, um nun doch noch den Titel dieses Beitrages zu erklären, bin ich aufgewacht, verkatert vor Kummer und auf eine merkwürdige Weise anderswo unterwegs, als wäre ich auf LSD, einer Droge, die ich bereits mit 16 Jahren aufgegeben habe, weil ich nach mehrmaligem Gebrauch ahnte, dass sie mich in den Wahnsinn treiben würde. Bei meinem gestrigen Besuch in der Psychiatrie nun, hatte ich eine längere Unterhaltung mit einem anwesenden Anästhesisten. Inspiriert, durch das Umfeld, und durch den tätlichen Angriff eines zwangsverwahrten Patienten auf mich, der anschließend von 6 Männern überwältigt und ans Bett fixiert wurde, sprachen wir über Psychosen. Über Ursache und Therapie. Ich erzählte ihm, dass ich bei allen drei Narkosen, die ich bisher hatte, im Anschluss ein sogenanntes Durchgangssyndrom durchmachte, eine passagere Psychose also, ganz gleich ob die Narkose mit Propofol oder Dormicum oder ohne eingeleitet wurde. Der Anästhesist fragte mich, ob ich in meiner Jugend LSD genommen hätte, dies könne möglicherweise der Schlüssel zu dem Problem sein. LSD mache irreversible Veränderungen im Gehirn, insbesondere, wenn in jungen Jahren eingenommen, die wiederum bei einer Narkose zum Tragen kämen.
Zu spät für tätige Reue.

Unter dem Eindruck dieses Gespräches, der Schreie, des Angriffs und meines insgesamt dünnen Nervenkostüms, ging ich, zittrig vor Müdigkeit, ins Bett und schlief frierend ein. Im Traum traf ich meine Mutter. Sie stand an einem breiten Fluss und trug ein langes, fließendes und tief ausgeschnittenes purpurfarbenes Kleid, das ihren kurvigen Körper umschmeichelte. Ich stand am gegenüberliegenden Ufer, schaute zu ihr herüber, rief und winkte, doch sie hörte und sah mich nicht.

Ich weiß nicht mehr, wie der Traum weiter ging, doch als ich erwachte, fühlte ich mich derart elend und mein Kopf tat weh, dass ich versuchte, wieder im Hier anzukommen und  mich an einen der Witze zu erinnern, die mein Vater, als wir noch klein waren, uns erzählte, wenn wir traurig waren. Um ihn nicht zu enttäuschen lachte ich immer wieder über die altbekannten und nur mäßig komischen Familienscherze und nickte fröhlich, wenn er mich fragte, ob jetzt alles wieder gut sei.

So wollte ich es heute auch halten. Da der Kanzler im fernen Frankfurt weilt, erzählte ich mir selbst den  erstbesten Erb-Witz, der mir einfiel, und es gelang mir tatsächlich darüber zu lächeln.

Um nun die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen, und den Titel eines Beitrages ausnahmsweise einmal vollständig zu erklären, hier nun der Witz:

Treffen sich zwei Amerikaner in einem Museum.
Fragt der eine: How do you like Toulouse-Lautrec?
Antwortet der andere: I don´t like to loose anything!

Lachen Sie bitte, der Höflichkeit halber. Sie tun es für meinen Vater, und für meine Ahnen, die sich sich sehr darüber gefreut hätten. Vielleicht lächelt sogar meine Mutter ein wenig, irgendwo da drüben, auf der anderen Seite des Flusses.
Ich tue es, und es hilft mir.