voranschreiten

(Ein alter Text von mir. Wenn ich wieder in der Verfassung bin, so zu schreiben, geht´s hier bestimmt wieder mit Verve weiter)

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Es ist so, zumindest im Augenblick, und der gilt eben jetzt, ist die Wahrheit, so, wie alles, wovon ich, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, überzeugt bin, aus tiefstem Herzen oder sogar bei vollem Verstand, die Wahrheit ist, die ganze absolute und unumstößliche Wahrheit, für alle Zeiten, in diesem Augenblick. Das alte Autofahrer-/ Radfahrer-Ding. Egal in welcher Rolle, die anderen haben Unrecht und ich habe Recht.
So ist es.

Im Winter, wenn es dunkel ist und meine Gedanken sich nach und nach grau einfärben, ab und an von heiteren Anfällen überbunt, beinahe lackglänzend und blendend überpinselt, weil mir in der düsteren Atmo jedes Maß für Farben fehlt- das ist wie Schminken im Dunkeln, was soll schon dabei rauskommen außer einer Horrorfratze –

nein Mutti, es ist alles gut, geh schön in dein Zimmer, der Arzt kommt gleich-

Der Rest des Satzes ist mir irgendwie abhanden gekommen, war wahrscheinlich nicht wichtig.

Wenn ich jetzt alles oben Geschriebene lösche, fehlt der halbe Text und bis hierher war´s doch gar nicht so übel, denn nicht jede Sackgasse ist ein Irrtum, so wie die Evolution zwar nicht gerade auf mich gewartet hat, vielleicht sogar just noch dachte, es läuft sehr gut derzeit, so könnte es ewig weitergehen, mal gucken, was noch kommt, und dann kam schon ich (immer nur als klitzekleines Splitterchen vom großen Wir gedacht), und mit mir ist völlig überraschend das Ziel und somit das Ende der Evolution erreicht.

Mission erfüllt

Eine super Sackgasse, in der man es sich endlich einmal gemütlich machen und mit den Beinen baumeln kann, sich einnischen, ein paar Fehlerchen, na gut, aber im Großen und Ganzen ist es vollbracht, wollen wir nicht kleinlich sein.

Die Evolution ist vorbei, ich bin da!

Wenn man denkt, wie das früher zuging. Da waren alle Menschen noch schwarz-weiß, sahen komisch aus und wackelten wie aufgezogen durch die Gegend. In den 80ern ist auch noch mal irgendetwas ganz stranges (so sagte man damals) passiert. Lag wahrscheinlich an Reagan, Thatcher und dem Peter Dingens, der Formel 1 moderierte (die Frisur!), danach aber wurde die Welt modern und glitt auf lautlosen Kufen durchs All und tut es bis heute und könnte auf diesem Höchststand den totalen Stillstand ausrufen und endlich Ruhe geben.

Tut sie aber nicht. Partout kaputt gehen möchte sie, unter Spielkonsolen und voll schönen Dingen begraben. Im überheiteren Krisenloop chong chong chong dreht sie sich in rasender Ausgelassenheit und blindem Übermut, dass es die Ecken abschlägt bei jeder Runde, wie ein Klapptisch auf´m Kopf und immer round about in der dunklen Kammer, in der sich schon Mutti schminkte, mit bekanntem Ergebnis, spratzt es die Ecken weg, es splittert, wenn schon nix mehr zu tun ist und die Entwicklung vorbei, das Rad erfunden, sich nur noch dreht, ganz langsam im Wald im Wind, im rostigen Gestern.
Der hüpfende Ball auf dem Wasser, er schwippt und schwappt und schwimmt obenauf und landet doch irgendwann im Magen der Möwe, die daran zugrunde geht und wir mit ihr und am Schluss ist er das Ende der Welt Menschheit. Ein kleiner Plastikball.

Wer hat´s erfunden?

Den Kopp unter´m Tisch oder den Spiegel vor´m Bauch und dann durch die Wohnung getapst, die Zimmerdecke spiegelt sich im Spiegel (logisch) und man schaut unentwegt hinein, hält sich das Teil mit beiden Händen vor den Bauch, wie ein Tablett, klettert über Lampen und Kabel und spaziert so aus dem Haus, ohne Schuhe, sieht ja keiner. Ganz vorsichtig, damit man nicht stürzt, stelzt man ins Treppenhaus, die Stufen von obendrüber hinab, Schritt für Schritt, mit Maß und Würde, als trüge man einen Reifrock oder eine Schleppe und ginge zum Altar, die spitze lange Scherbe im Bauch immer vor Augen, ohweh, und vorbei wäre der Gipfel der Evolution – welche Verantwortung man trägt! – und dann an der Türe, nachdem man endlich den vollgesprayten, nach Gras und Pisse stinkenden Hausflur durchquert, die letzte Stuckrosette mit einem Satz übersprungen hat- obacht!-  trete ich auf die Straße. Ich schreite mit geradem Rücken, den Walzer im Ohr, und
sehe,
sehe,
sehe: den HIMMEL,
so blau und weit (el cielo es azul) und mache einen großen Schritt, einen Satz, hart wie Stein unter den Füßen, laufe durch das Blau, den Himmel, das Universum. Ich bin ein Engel oder bin ich schon tot?

 

 

 

 

 

ungefroren

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Eine gewaltige Explosion soll im Zentrum unserer Galaxie stattgefunden haben. Steht im Netz. Nix jehört, scherze ich zu mir selbst, doch später auf dem Weg zum Tiergarten, beunruhigt  mich die Meldung dann doch und ich sorge mich, dass dieser Knall für mein und unser aller Leben von irgendeiner Relevanz sein könnte. Von irgendeiner Relevanz ganz sicher, souffliert mir der nicht anwesende und allwissende NB ins träumende Ohr und ich muss lächeln. Das alte Milky Way Papier im Turm meines Elternhauses fällt mir ein und ich frage mich (I wonder), ob es wohl immer noch auf dem Fenstersims dort oben liegt, oder ob sich nicht doch Irgendwer, gewiss nicht der Kanzler, gefunden hat, es mit himmelhoher Leiter herunter zu holen und ins Altpapier zu verklappen.

Lass uns zu Edeka Ungefroren gehen, schlage ich der F. die neben mir her geht jetzt vor. Sie nickt stumm und schweigend laufen wir weiter.

Für wie irre halten die Leute mich eigentlich.

Als wir die Fischerinsel überqueren, ist in der Ferne schon das beinahe fertiggestellte Schloss zu sehen. Wenn NB in der Stadt wäre, würde er sich jetzt irgendwo hier mit fremder Leut Gedanken beschäftigen, sie hin und her wenden, von allen Seiten betrachten und sich Notizen dazu machen. Doch NB studiert im Norden und die F. sagt endlich: Ah, deshalb „ungefroren“, und lachend betreten wir den Laden, der sich fensterlos und tiefgaragenartig in die Untiefen des Hauses erstreckt. Nicht allein des Wortwitzes wegen, stiefele ich geradewegs zu den Tiefkühltruhen und fische dreierlei Gemüse heraus. Eine Packung Reisnudeln nehme ich auch noch mit. Zu trinken wie immer nichts.

Neben der Kasse stehen in einem improvisierten Rohholzregal Amaryllistöpfe. Eine prima Brutstätte für Spinnen, denke ich und betrachte die übererigierten, prallen Knospenpenisse, derweil die Verkäuferin klaglos das Kupfer des Kunden vor mir auf ein Tellerchen zählt.
Als wir eben Edeka Ungefroren wieder verlassen, stratzt ein Mann mit Kapuze und sinistrer Miene entschlossenen Schrittes an uns vorbei. Draußen mahnt der Ruf erst einer und dann vieler Sirenen, die sich  zu einem rasenden Chor verdichten. Wir blicken uns um und zucken mit den Achseln. Wahrscheinlich Extinction Rebellion, wie überall in der Stadt.

Mit dem gefrorenen Zeug auf dem Rücken verlässt mich augenblicklich die Lust am Spazieren. Ich schlage der F. vor, zur Fischerinsel zu gehen, und den Rest meines Schweizer Bürlis an die Vögel zu verfüttern. Heute ist ihr alles recht und so kehren wir um.

Im historischen Hafen liegt CO2-neutral Horst der Kutter. Moos wächst an den Ufermauern. Auf dem steinernen Brückengeländer krächzt Jakob und Else ruckedigut vertrauensselig um meine Beine herum.

Als alle versorgt sind, nehmen wir den Schleichweg  an der brasilianischen Botschaft und dem Köllnischen Park vorbei und stoßen schließlich an der chinesischen Botschaft auf die Brückenstraße, wo eine Gruppe Chinesen mit Mundschutz sich versammelt hat und den Fernsehturm fotografiert. Polizisten scannen unterdessen den Strom der Passanten. Ich blicke der vorbeiratternden Hochbahn hinterher, die Richtung Westen ins warme Oktoberlicht gleitet.

Mild ist die Luft, das Laub ist golden. Ein zwei Meter großer Mann, bauchfrei und auf mörderischen Plateaus, schnürt weich in den Knien federnd an uns vorbei. Ein Stück weiter, vor dem Tresor, stehen modebewusste Menschen im Berlinlook Schlange. Ein Billie-Eilish-Lookalike mit blauen Haaren schwebt im Feengewand über die Straße.

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In den Hauseingängen der Melchiorstraße liegen wie gewohnt Haufen abgelegter Klamotten. Am Kotti sehe ich Blaulicht. Die Laterne vor der Parteizentrale trägt noch immer ein Wespenkostüm.
Die Backsteine der Kirche am Platz glühen rot.
Die alte Frau ist heute hundelos unterwegs. Ich hoffe er schläft nur.
Das Gemüse auf meinem Rücken ist längst aufgetaut und schwimmt in meinem Beutel.

Zuhause erwartet mich schwanzwedelnd und vor Freude schnaubend das liebe Tölchen. Auch die Tigerin begrüßt mich fröhlich an der Tür. Ich lege meine Jacke ab und streichle die kleinen Freunde.

 

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1000 Fragen an mich selbst (491-590)

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Wenn mir sonst schon nix einfällt, womit ich die werte Leserinnenschaft unterhalten könnte, befrag ich mich einfach wieder mal selbst.
Ich hab leider keine Ahnung mehr, was ich auf die letzten knapp 500 Fragen geantwortet haben könnte, und wahrscheinlich würde ich heute über manches schon ganz anders denken. Nicht nur das Jahr ist im Wandel, mein Leben ist es ebenso und jeden Morgen erwacht ein anderer Mensch in meinem Bett, als der, der sich am Vorabend zur Ruhe gelegt hatte.

Los gehts:

491. Kommt es dir so vor, als wäre das Gras des Nachbarn immer grüner?
Nö. (Eigentlich müsste hier ein lahmes Witzchen über das Gras im Görli stehen)

492. Welchen gesunden Snack magst du am liebsten? Ich snacke meist sehr fettig oder süß.

493. Wie fest ist dein Händedruck? 6,5 auf einer Skala von 0-10.

494. Schreibst du häufig etwas auf, damit du es dir besser merken kannst?
Selten. Wenn ich mir mal was aufschreibe, vergesse ich sowieso meist wieder, dass ich mir was aufgeschrieben hatte.

495. Worauf hast du zuletzt mit Ja geantwortet?
Wollen wir jetzt essen oder später? (hahaha)

496. Welche Mahlzeit am Tag magst du am liebsten? Ich esse meist nur Abends, und dann sehr gerne und viel.

497. Schläfst du manchmal beim Fernsehen ein? Nein. ich hab keinen Fernseher und schaue auch kein Netflix oder dergleichen.

498. Wie stark ist deine Sammelleidenschaft? Ich empfinde keine Leidenschaft beim Sammeln. Mir gefallen skurrile Sachen.  Ab und zu klaube ich etwas von der Straße auf oder finde was auf dem Flohmarkt, das ich meiner Sammlung abwegiger Dinge hinzufüge. Nach einer Weile verschenke ich aber das Meiste wieder. Schöne Steine oder Kastanien vom Wegesrand bringe ich für NB mit.

499. Hältst du dich immer an den Plan, den du gemacht hast? Selten. Pläne schmieden gibt mir die Struktur, die ich brauche, um mich für oder gegen etwas zu entscheiden. Meist lebe und handle ich ziemlich blindlings nach vorne, verliere unterwegs den Faden, finde aber problemlos einen neuen.

500. Welches Kunstwerk hat dich stark beeindruckt? Muss ich drüber nachdenken. Mich beeindrucken, bzw. bewegen, vor allem musikalische Kunstwerke. Und architektonische.

501. Lässt du dich gern überraschen, wenn du essen gehst? Solang kein Tier sein Leben lassen musste und wenn keine Linsen oder rote Beete oder Glibberpilze drin sind, kann man mich gern überraschen.

502. Was war die beste Entscheidung deiner beruflichen Laufbahn? Meinen Job im Krankenhaus hinzuwerfen.

503. Wie heisst deine Lieblingsblume? Ich habe keine spezielle Lieblingsblume. Ich mag aber zum Beispiel Ranunkeln sehr gerne, große Dahlien, Rosen, Hortensien in allen Variationen. Den schönsten Strauß der letzten Jahre, habe ich im Sommer auf dem Feld gepflückt.

504. Glaubst du, dass man dich hypnotisieren kann? Das Metronom in meinem Kopf (Keller) tickt zu schnell und laut, um mich hypnotisieren zu können.

505. Was musst du endlich wegwerfen? Nix! Ich hab im letzten Winter/ Frühjahr so ziemlich alles weggegeben, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Das fühlt sich so gut und leicht an wie ein luftiger Kurzhaarschnitt.  Noch mehr wegzuraspeln ergäbe eine Besitzstandsglatze.

506. Welche Stadt im Ausland würdest du gern besuchen? Tokio.
507. Trägst du häufig Lippenstift? Ich hab einen großen Mund, der keine Betonung braucht. Falls ich mir aber doch mal die Lippen nachziehe, ist NB sehr irritiert.

508. Wie trinkst du deinen Kaffee am liebsten? Als Cappuccino (mit Hafermilch)
509. Gehst du gelegentlich auf einem Friedhof spazieren? Ja. Ich besuche oft und gerne Friedhöfe.  Manchmal treffen NB und ich uns auf einem der vielen schönen Berliner Gottesacker. Dann sitzen wir gemeinsam auf einer Bank und lauschen der Stille der Toten.

510. Wie viel gibst du maximal für eine gute Flasche Wein aus? Ich trinke und kaufe keinen Wein (mehr).
511. Wie würdest du deinen Kleidungsstil beschreiben? Leger, zeitlos.
512. Was ist wahr geworden, wovon du als Teenager geträumt hast? Ich hab ein Haus eine Wohnung, ein Äffchen eine Katze und ein Pferd einen Hund.  Mit Donald hat es leider nicht geklappt.

513. In welchem Meer bist du zuletzt geschwommen? Im Atlantik.
514. Kochst du oft Fertiggerichte? Ich esse öfters Tiefkühlgemüse.
515. Wo fühlst du dich geborgen? In der Gegenwart geliebter Menschen und in St. Nikolaus in Murnau.
516. Was ist dein Schönheitsgeheimnis? Wenn ich entspannt bin, bin ich schön. Gilt wahrscheinlich für so ziemlich alle Menschen. Also: locker machen!

517. Bist du manchmal streng mit dir? Nicht mehr so wie früher.

518. Welche Geschichte wird schon seit Jahren immer wieder in deiner Familie erzählt? Kleine banale Geschichtchen, die nicht lohnen, hier erzählt zu werden.

519. Wann bist du zuletzt den ganzen Tag an der frischen Luft gewesen? Am 5. August.
520. Wie schön schreibst du noch mit der Hand? Nicht besonders. Ich hab keine Übung mehr.
521. Welcher Dokumentarfilm hat dich beeindruckt? Letztes Jahr wurde ein kurzer Dokumentarfilm über mich gedreht. Das Ergebnis hat mich wirklich beeindruckt.

522. Machst du in der Regel das, was du willst? Ja, innerhalb der vorgegebenen finanziellen Grenzen und Abhängigkeiten.
523. Wie weit hast du deine Vergangenheit hinter dir gelassen? Ich hab meine Vergangenheit in großen Teilen niedergeschrieben und sie damit archiviert.
Den inneren Schlüssel zum Archiv habe ich in die Spree geworfen.

524. Was solltest du eigentlich und wirklich nicht mehr tun? Fällt mir nix sein. (Zu schnell antworten, vielleicht).
525. Magst du klassische Musik? Im Allgemeinen nicht. Im Besonderen ja.
526. Wie aufgeräumt ist es in deinem Kopf? Meinen Kopf muss man sich wie eine verwinkelte Villa bei Nacht vorstellen. Hier und da streift ein zufälliges Licht die Wände und das Mobiliar. Im Keller tickt ein Metronom.

527. Welches Gedicht magst du sehr? Zuviele, um hier eine Auswahl treffen zu wollen.

528. Bist du ein guter Verlierer? Wenn ein guter Verlierer Jemand ist, der achselzuckend das Feld räumt, dann ist er kein guter Spieler. Ich bin weder das eine, noch das andere.

529. Wer sollte dich spielen, wenn man dein Leben verfilmen würde? Cate Blanchett oder Naomi Watts bitte.
530. Wie viel Zeit brauchst du, um dich für einen festlichen Anlass zu stylen? Eine Minute, um mein Gesicht einzucremen und mir einen Zopf zu machen. Wenns richtig festlich sein soll, klebe ich mir Wimpern an und trage Ohrringe.

531. Wer hat für dich Vorbildfunktion? Meine schon lange verstorbene Großmutter und ihre Schwester.
532. Würdest du etwas stehlen, wenn du nicht dafür bestraft würdest? Mir ist die Frage zu abstrakt. Durch meinen Lebensstil und mein Konsumverhalten stehle ich jeden Tag.

533. Hättest du gern eine andere Haarfarbe? Bin ganz zufrieden mit meinen Haaren, auch wenn sie hier und da anfangen, zu erblassen (siehe unten).
534. Was ist der grösste Unterschied zwischen dir und deinem Partner? Es wäre kürzer und einfacher die Gemeinsamkeiten zu benennen. Wir unterscheiden uns in so ziemlich allem.

535. Wo isst du zu Hause am liebsten? In the kitchen, am großen Tisch.
536. Wenn alles möglich wäre: Welches Tier hättet du gern als Haustier? Ich hätte gerne mal kein Haustier mehr, irgendwann.
537. Auf welche Frage wusstest du in letzter Zeit keine Antwort? S.o.

538. Was ist in deinen Augen die grossartigste Erfindung? Antibiotika

539. Wenn du emigrieren müsstest: In welches Land würdest du auswandern? Hätte ich denn die Wahl, wenn ich müsste? Ich würde versuchen auf dem Landweg irgendwo hin zu kommen, wo die Menschen freundlich zu Mensch und Tier sind.

540. Nach welchen Kriterien suchst du einen Film aus? ich glaub, das hab ich schonmal irgendwo zusammengefasst. Hier nochmal: der Film muss in der Jetztzeit spielen (die für mich Mitte/ Ende der Siebziger beginnt), es gibt mindestens eine weibliche Hauptrolle. Es wird nicht übermäßig viel, bzw. musicalartig gesungen, die Handlung spielt vorwiegend in geschlossenen Räumen. Es werden elektrische Geräte benutzt. Der Film darf nicht zu brutal sein. Bisschen Spannung, bisschen Geist, bisschen Flirt wäre nett. Keine Komödie.

541. Führst du Tagebuch? Nicht mehr.

542. Welche Personen sind auf deinem Lieblingsfoto abgebildet? Auf meinem Lieblingsfoto sind keine Menschen.
543. Hast du häufig unnötigerweise Schuldgefühle? Selten.
544. Was magst du am Sommer am liebsten? Das Leben im Freien.

545. Auf was kannst du am leichtesten verzichten? Ich glaub ich kann auf das Meiste ganz gut verzichten.
546. Wie häufig gönnst du dir etwas? Jeden Tag. Heute war´s ein Kreppel.
547. Mit welcher Art von Fahrzeug fährst du am liebsten? Zug.
548. Wovon bist du glücklicherweise losgekommen? Vom Rauchen.

549. Woran denkst du morgens zuerst? Die Katz braucht ihre Spritze!
550. Was hast du vom Kindergarten noch in Erinnerung? Die Diakonisse Schwester Anna. Den großen Walnussbaum. Das Laternenfest. Den Blick auf den Taunus und den Mittagsschlaf auf Pritschen. Außerdem den Igel im Sandkasten.

551. Welchen Wochenendtrip oder welche Kurzreise hast du gerade geplant? Nichts konkretes. Reisen schmutzt.
552. Bist du ein Landmensch oder ein Stadtmensch? Ein Stadtmensch, der das Land liebt.

553. Mit welcher Person, die du nicht persönlich kennst, fühlst du dich verbunden? Es gibt ein paar Menschen, denen ich in den sozialen Medien begegnet bin, mit denen ich mich verbunden fühle.
554. Was gibt dir in schweren Zeiten Halt? Freunde, Familie, Hund und Katz. Allgemein: Zuspruch und Zuneigung.
555. Bist du gut zu dir selbst? Meistens schon.

556. Was bedeutet Freundschaft für dich? Vertrauen, Wärme, Loyalität.

557. Wer hat dich in letzter Zeit überrascht? Niemand.
558. Traust du dich, Fragen zu stellen? Klaro.
559. Hast du Dinge vorrätig, die du selber nie isst oder trinkst? Manchmal Bier.
560. Setzt du dir Regeln, die du dir selber ausgedacht hast? Klaro, wer sonst.
561. Bedauerst du etwas? Klaro.

562. Welchen Zeichentrickfilm magst du am liebsten? Ich schaue keine Zeichentrickfilme.
563. Was würdest du deinem Kind gern fürs Leben mitgeben? Hab kein Kind. Hätte ich eines, würde ich ihm gerne Selbstvertrauen und Zuversicht mit auf den Weg geben. Ich würde versuchen es zu unterstützen, ein solidarischer, großherziger und uneitler Mensch zu werden.

564. Welches Buch hast du in letzter Zeit mit einem tiefen Seufzer zugeklappt? Keines,
565. Würdest du gern wieder in einer Zeit ohne Internet leben? Nein.
566. Wann hast du zuletzt ein Bild ausgemalt? Das weiss ich nicht mehr.

567. Wer war deine Jugendliebe? Eric.
568. Für wen hast du zuletzt Luftballons aufgeblasen? Ich habe noch nie für Jemanden Luftballons aufgeblasen.
569. Wie würden andere Personen deine Wohnung beschreiben? Keine Ahnung.

570. Mit wem stöberst du am liebsten in Erinnerungen? Mit Freundinnen und mit meiner Schwester.

571. Wie viele Stunden am Tag verbringst du vor dem Computer? Im Winter einige, im Sommer wenige.
572. Verschweigst du deinem Partner manchmal Sachen, die du gekauft hast? Wieso sollte ich.
573. Wen oder was benutzt du als Ausrede, um etwas nicht machen zu müssen? Ich brauche keine Ausreden.

574. Gehst du gern ins Kino? Nein.
575. Wie grosszügig bist du? Ich teile mit Freude. ich schenke mit Freude.
576. Was versucht du zu vermeiden, weil du Angst hast? Fliegen (Höhe im Allgemeinen).

577. Was ist deine neueste harmlose Leidenschaft? Jeden zweiten Tag eine Tüte Treets.
578. Was würdest du auf dem roten Teppich tragen? Burka.
579. Wie geht es dir wirklich?

So entre nous? Hihihi!

580. Worauf hast du zuletzt schweren Herzens mit Nein geantwortet? Auf eine Urlaubsanfrage.
581. Wie kannst du es dir selbst leichter machen? Indem ich mich entspanne und auf Sicht fahre.

582. Worum weinst du insgeheim? Um mein Kind.

583. Hast du jemals einen Liebesbrief geschrieben? Ja.
584. Hast du jemals einen Liebesbrief erhalten? Ja.
585. Spendest du regelmässig für einen guten Zweck? Ja. Ich hab drei Dauerspenden am Laufen (kleine Beträge leider nur) und spende ansonsten, wenn ich Geld übrig hab, für weitere gute Zwecke.

586. In wie vielen Weltstädten bist du gewesen? Nicht so viele. Vielleicht zehn.
587. Welchen Modetrend von früher findest du heute lächerlich? Männerhandtaschen und Minipli. Über Buffalos und Ballonseidenklamotten müssen wir nicht reden.

588. Ist deine Grundeinstellung positiv? Glaub nicht. Aber der Trend geht langsam dahin wo das Licht ist.
589. Wie reich wärst du gern? Reich genug, um meinen Wohnort frei auswählen zu können, und keine Angst haben zu müssen, dass die Waschmaschine kaputt geht.

590. Darf man lügen, um jemanden zu schützen? Klaro.

 

 

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Bild: siehe https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2019/02/19/1000-fragen-an-dich-selbst-1-20/

Égoïste!

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Falls mir je mein Handy abhanden kommen sollte, können die Finder (die Findenden) schön herumrätseln was es mit der Kreuz 70 Spielkarte in der transparenten Schutzhülle auf sich hat.

Nichts , sagte ich, die ich unbemerkt von hinten an sie heranträte, und griffe mit langem Arm nach der Fundkarte. Gar nichts, raunte ich vieldeutig und ließe die Karte mit einer sorgfältig einstudierten, schlangenartigen Handbewegung im Ärmel verschwinden.

Die Finderinnen zeigten sich unbeeindruckt von meiner Performance und die Kunde von der Karte verließe weiterhin nicht den Mariannenkiez, wo sie mir irgendwann in diesem Sommer vor die Füße geflattert war.

Gestern, gerade war ich am La-Piadina-Laden vorbei geschlurft, wo ich rein zufällig den lieben Unterfranken traf, der dort saß und eine Pizza (mit Schinken!) aß,  kam ein Strauß Rosen an eben jener Kartenfundstelle aus dem Fenster und vor meine Füße geflogen.
Gerade wollte ich mich vor den Augen der Speisenden bücken, um die wunderschönen Blumen aufzuheben und sie der rettenden Vase in meiner Wohnung zuzuführen, als ich mich eines Besseren besann und wenigstens diese Botschaft für den eigentlichen Empfänger liegen ließ.

Mich wundert

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Fünf lange Wochen habe ich meine Ängste und meine Müdigkeit weggeschlafen und die Spur neu eingestellt.  NB hielt derweil Zuhause die Stellung, versorgte Tigerin und Pflanzen, leerte den Briefkasten und füllte die Wohnung mit seinen klugen Gedanken.

Fünf heilsame und glückliche Wochen.

Kaum zurück hat das Katastrophenleben mich wieder.
Ein Rechtsstreit steht ins Haus.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

Titel hier eingeben

Wenn es heute läutet, ist es meist nicht in meinem Kopf. Wenn es kracht, ist es manchmal nur mein Knie. Wenn es weint bin´s immer seltener ich (eher schon das quengelnde Nachbarkind, das mir früh am Morgen ins Walkie Talkie funkt und kräht. -Wozu braucht die Frau überhaupt ein Walkie Talkie? -Too long, you would not read it).
Wenn keine Antwort kommt, ist es weiterhin das große Schweigen mit seinen wechselnden Protagonistinnen. Heute: die Alpen.

//

Vor einem Jahr, denke ich, als mein Blick auf den Laternenfuß mit dem verwaisten Fahrradschloss fällt, vor einem Jahr genau, es war ein heißer Augustnachmittag, so wie heute, hat mir die Malerin hier, an dieser Stelle, die grausame Geschichte des armen Berliner Dackels erzählt, von der ich lieber niemals erfahren hätte. (Ob man den Täter je gefasst hat?)

Dass ich mir Dinge derart situationsabhängig merke, wundert mich schon lange nicht mehr. Erstaunlich finde ich hingegen, dass der Nachbar am Mittag aus einem Polizeiauto mit Rosenheimer Kennzeichen steigt.
Und zwar als Fahrer. Im Adidas-Jogginganzug. Dabei ist er Landwirt.
Sein kleiner Hund patrouilliert unterdessen routinemäßig die Straße auf und ab. Die Fellzeichnung mit den steilen Augenbrauen lässt ihn grimmig aussehen. Der tippelnde Gang und das aufgeregte wie grundlose Dauerschwanzwedeln indes wirken töricht und unbedarft, was man von seinem Besitzer, der in geducktem Gang und sich verstohlen umblickend ins Haus schlüpft, nicht behaupten kann.

Mit offener Fahrertür steht der Streifenwagen in der Hofeinfahrt.

 

Den ganzen Tag erlebe ich solche Mikrogeschichtchen. Manche drehen sich nur um einen dicken Apfel, der an einem winzigen Ästchen hängt. oder um grün schillernde, wunderschöne Käfer, die ich aus einem Ameisenhinterhalt, der sie das Leben gekostet hätte, rette. Andere handeln vom einzigen Blatt eines ansonsten kahlen Baumes und sind genau genommen gar keine Geschichten sondern eher Gleichnisse. Dem Grunde nach wahrscheinlich sterbenslangweilig (außer für mich).
Doch aus jedem dieser Bilder, ließe sich mit etwas Engagement und Geschick eine interessante Story spinnen, wenn nicht der Aufwand des Schreibens wertvolle Zeit binden würde, in der ein weiteres Dutzend solcher Erlebnisse verloren gingen.

(Experience, sagt der Engländer. Vivencia, weiss der Spanier)

So könnte ich, wenn ich anstatt zu prokrastinieren fleißig schriebe, schwerlich von meinem topfitten Hund berichten, wie er mit fliegenden Ohren im trommelnden Galopp den Feldweg entlangprescht, und den auch die unvermeidlichen Funktionsradfahrer, die mit ihren schotterspritzenden Mountainbikes (mit E-Motor) im Vorbeibrettern zeternd auf die Hundeanleinpflicht hinweisen und, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen und nebenbei mich und den verfluchten Drecksköter zu erziehen, voll auf das liebe Tölchen draufhalten. (Wo doch Hunde bis Kniehöhe gemeinhin als Fußhupen gelten, aber jetzt auf einmal eine Gefahr für Wald und Flur darstellen).

Denn statt unangeleint spazieren zu gehen und eben diese Dinge zu erleben, säße ich jetzt am Küchentisch unserer Unterkunft, vor mir ein Gemälde Gabriele Münters, neben mir ein Fenster mit Blick auf einen Malvenstrauch, und schriebe über in der Vergangenheit liegende Eindrücke, wie etwa die Landung der ersten Störche, die trächtigen Kühe auf der Weide, die im Schatten eines Baumes lagern und wiederkäuen, über die beiden Fohlen, eines davon mit Karpfengesicht, und ihre blondbeschweiften Mütter. Darüber, wie die Gastgeberin mich am Abend vor dem Haus mit ausgebreiteten Armen, glückseligem Lächeln und den Worten „Ich bin jetzt Königsmutter“ begrüßt und mir einen Zeitungsartikel zeigt, in dem ihr Sohn abgebildet ist. Von den nächtlichen Wieseln, die mit ihren kleinen Pfötchen über das Dach unserer Hütte trippeln schriebe ich. Vom Blätterwerk des alten Gartens und vom klaren Wasser des Sees, von den Hühnern vor der Kirche und von der Sandkuhle in der sie baden, von der Baustelle am Bahndamm, der Eichenallee und dem Moos und vom rätselhaften Verschwinden des alten Ziegenbocks.
Das brave Tölchen läge währenddessen zu meinen Füßen, zuckte mit den Beinen und erträumte sich all die Dinge die sie  hätte sehen und all die kleinen Tieren die sie hätte aufspüren können, wenn ich statt auf den Monitor zu schauen und die Finger über die Tastatur tanzen zu lassen, meinen großen  Hut aufgesetzt, das Walkie Talkie geschnappt hätte und durch den Garten in Richtung Feld davon marschiert wäre.

 

//

 

Die Nacht über hat es stark geregnet. Am Morgen, es ist noch dunkel, erwache ich vom hektischen Gebimmel der nahegelegenen Kapelle. Für einen kurzen Augenblick habe ich Angst etwas Schlimmes könne passiert sein. Doch dann fällt mir wieder ein wo ich bin.

 

Während die  Katatstrophenchronistin urlaubt, setzt die Apokalypse aus.

 

 

 

 

 

 

Zwetschgen

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Vielleicht sind mir nicht die Worte abhanden gekommen sondern bloß das Bedürfnis, die Außenwelt weiterhin an meinem Innenleben teilhaben zu lassen. Mich darzustellen, gehört und verstanden werden zu wollen.

Heute sind es Bilder, die ich wie Kiesel aus dem Wasser fische, sie herumzeige und ein paar Meter weiter wieder ins Nass zurückwerfe. Von Belang nur während der kurzen Zeitspanne, die sie in meiner Hand liegen. Danach nicht mehr als Erinnerung und weiter nicht der Rede wert.

Was in mir vorgeht, was mein Leben bestimmt, hat nicht die Dringlichkeit der vergangenen Jahre. Die großen Beben liegen hinter mir. Kraft sammeln für die nächste Welle.

Ich weiß, dass hier (auch) Menschen mitlesen, die mir nicht nur nicht geheuer sind, sondern vor denen ich mich auch hüte. Manche haben mich im Laufe meines Lebens verletzt, andere bloß gekränkt, zwei haben mich verraten, ein weiterer wird es noch tun. Um das zu wissen, braucht es keinen Propheten oder besondere Antennen. Die Kenntnis der universellen Schmierwurstigkeit des Neiders und des Enttäuschten, dessen dornengekrönte Ikone zu Fall gekommen ist, reicht vollkommen aus. Mitleid ist nicht Mitgefühl. Es ist, ganz im Gegenteil, oft nichts anderes als Verachtung oder eine bizarre Mischung aus sublimiertem Selbstekel und übersteigerter Selbstherrlichkeit. In other words:      .

 

Der Hahn kräht auf dem Mist. In der gekiesten Auffahrt stehen Kälbchen in Plastikiglus. Die Ohren gespitzt, die neue, fremde Welt in sich aufzunehmen: der Ruf der Mutter aus dem Stall, das helle Zwitschern der Rauchschwalben, wenn sie im schnellen Flug durch die Lüfte jagen. Das blecherne Scheppern der Äpfel, die in eine Schubkarre fallen. Das Tuckern eines Dieselmotors. Regenprasseln, Wind. Abendliche Stille und nächtliche Ruh.

Nur neunzig Tage werden die Kälber haben, sich ein Bild von dieser Welt zu machen. Einige dürfen sechs oder sieben Jahre bleiben. Doch keines von ihnen wird an Altersschwäche sterben.

 

Die Apfelbäume im Garten tragen weniger Früchte, als im letzten Sommer. Die Wiese, auf der beinahe nur noch Löwenzahn wächst (scheußlich, würde der Kanzler sagen, dem ebenso, wenn auch aus anderen Gründen, die Worte ausgegangen sind) ist noch grüner als gewohnt und die Pflaumen sind angesichts mangelnder Alternativen allesamt verwurmt.
Oma Gustl, die Mutter meines verstorbenen Zahnarztes, hätte bestimmt noch einen Kuchen daraus gebacken, nachdem sie die halbierten und entkernten Früchte auf ein gezuckertes Blech gelegt hätte, um die Würmer aus dem gelben Fleisch zu locken. Am nächsten Morgen hätte sie das Obst in ein Sieb gegeben, abgewaschen und die Hälften auf dem sehr dünnen Teig verteilt.

Der Gedanke an das zuckrige Blech mit den sich windenden Würmern ekelte mich und machte mich gleichzeitig traurig. Mir taten die Tiere Leid und insgeheim hoffte ich, Oma Gustl würde sie, statt sie im Abfluss hinunter zu spülen, im Müll entsorgen, wo sich gewiss neue Nahrung für sie fände. Vielleicht, so hoffte ich, entwickelten sie sich auf der örtlichen Müllkippe zu Schwärmen bunter Schmetterlinge, die im nächsten Frühjahr zu den Obstbäumen ihrer Geburt zurückkehren und dort, wie schon ihre Vorfahren (Väterväter), für verwurmte Früchte sorgen würden.

Einem Teil der Würmer, davon war ich überzeugt, war die Süße der Heimatfrucht genug gewesen. Sie hatten das Obst nicht verlassen und fanden nun den Tod im Ofen von Oma Gustl, die uns später mit ihren krummen Fingern und den dunkel geränderten Nägeln ein Stück des lauwarmen Kuchens auf den Teller legen und dazu einen Kakao oder ein Glas trüben Apfelsaft servieren würde.
Die gebackenen Würmer, so stellte ich mir vor, traten in Oma Gustls Küche ihre letzte Reise, durch meinen Körper, der ihnen zu einer Art Krematorium wurde, an, ehe ihre Überreste dann doch noch den Weg in die Kanalisation fanden und sich später im Fluß und schließlich im Meer verloren.

Am Ende unserer Besuche klaubte Oma Gustl für ihren Enkel und dessen besten Freund, meinen Bruder, jeweils eine Silbermünze aus ihrem gut gefüllten Kellnerportemonnaie und fragte „Is des´n Rischtische?“ Meist waren es Richtige, doch manches Mal beförderte sie auch einen unbekannten Silberling hervor, beäugte ihn von beiden Seiten, kam zu keinem Ergebnis und wurde dafür von den beiden Jungen lachend geneckt. Schließlich  hielt jeder von ihnen ein Zwei-Mark-Stück in der Hand. Wir Mädchen gingen leer aus.

Oma Gustl betrieb ein in linken Kreisen beliebtes Café im Frankfurter Nordend.
Nach ihrem Tod erbte ihr Enkel das große Mietshaus aus der Gründerzeit und erhöhte, so hörte man, zuerst einmal allen Parteien kräftig die Miete, was ihn selbst in die komfortable Lage versetzte mit hochgelegten Beinen an seinem Punk-Fanzine herumtippseln, und sich auch sonst ganz seinen Hobbies widmen zu können.

Geschichten, alles nur Geschichten. Weit weg, wie die Scholle auf der ich geboren wurde, und das Eis, so lese ich, ist inzwischen vollständig geschmolzen.
(Was verschwunden ist, lässt sich weder suchen noch finden. Ein beruhigender wie auch beunruhigender Gedanke. Vergeblichkeit (die kleine Schwester der Endlichkeit) als Trost und Abgrund).

Und sonst?
Ich schlafe gut und tief. Die pulsierende Ader an der Schläfe scheint harmlos zu sein. Das Moos ist weit, die Berge hoch, die Luft ist frisch, der Himmel tiefblau und selbst die Brezn aus dem Aldi-Backautomaten schmecken besser als jedes Gebäck in Berlin, ausgenommen die Kunstwerke des Belgiers, den ich mir lieber als Franzosen vorstelle und der backen kann wie kein Zweiter in der Hauptstadt, dem allerdings sein aufbrausendes Gemüt und seine unzuverlässigen Öffnungszeiten im Wege stehen, eine wirklich große Karriere zu machen (die ihm offenkundig sowieso nichts bedeutet).
Das hiesige Rockerpärchen wohnt noch immer neben der Autowerkstatt. Er trägt weiterhin einen langen weißen Bart und schraubt an seinem Motorrad herum. Als Satteltasche dient ihm ein alter Scout-Schulranzen und seine schwarze Lederjacke hat Fransen. Seine Frau sitzt auf einer Bank, streichelt den Hund und blinzelt zufrieden in die Sonne.

Wir rufen nicht die Polizei, wir rufen die Familie, steht am Eingang ihres Häusls.

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Mensch, prima, sagt die Filmemacherin, als wir antiquierte Redewendungen austauschen. Ich kontere mit: Echt klasse!

Alto, Alta

Immer wenn ich versuche, faul zu sein, kommt irgendetwas dazwischen. Zum Beispiel Planung und Vorbereitung einer Reise.

Auf meinem Rechner befinden sich Dutzende angefangener Texte.
Sie tragen Titel wie Chronische Tachinose oder El idiota eres tu.
Natürlich wird keiner von ihnen dem Ernst der Lage und der Leichtigkeit i.S.v. Gewichtslosigkeit des Lebens gerecht.

In meinem Küchenschrank liegt eine ausgetrocknete Zitrone.
Wieso sie, anders als alle ihre Vorgängerinnen, keinen Schimmel angesetzt hat, weiss ich nicht. Gerne hätte ich etwas zu Herrn Ackerbaus einzigartiger Mould-Sammlung beigetragen.

 

Und sonst?
Der Grat auf dem ich mich bewege, lässt mich ob der Aufstiegshöhe bzw. der Falltiefe jubeln und erschaudern. Alles eine Frage der Perspektive.

 

Der Unterfranke schickt ein Foto vom Zugspitzengipfel.
Noch drei Tage bis zu den Alpen.