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Die Katzen liegen auf dem Bett, jede in ihrer Ecke.

Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken, ein Fallschirm sinkt in der Lichtsäule hinab.
Eine Qualle steigt auf. Alles sucht die Erdoberfläche. Nur der Fuchs verschwindet in seinem Bau. Der Jäger ist ihm auf den Fersen.

 

Die kleine Polin ist zu Besuch. Support your local punkscene, steht auf ihrem Shirt. Seit 10 Jahren kennen wir uns nun schon. Unvergessen unser erster Nachmittag in meiner Küche. Irgendwann im Herbst. Zigarettenrauch hing in der Luft und wir redeten und scherzten und ich fragte sie, wen sie wählen würde. Ihre Antwort und ihr Grinsen dazu gefielen mir und ich lachte und da fing das an mit der Freundschaft und hat seitdem nicht aufgehört.

 

Als ich die Stereoanlage abbaue, um sie in den Keller zu tragen, finde ich einen alten Rucksack. Darin ein Einkaufszettel. Kippen, sixpack, aromatics elixir, steht darauf. Lang muss das her sein. Wahrscheinlich kannte ich da die kleine Polin noch nicht einmal und wahrscheinlich war ich die Einzige in unserer Szene, die zu zerfetzten Klamotten Nobelparfums trug. Damals lebte auch die R. noch und die Bar 11 hieß Villon und der Barkeeper hatte ein Auge mehr und wir tranken uns im Madonna oder im Kloster bettreif.

Mosche komm isch ganz in Silbä

 

Auch der Kanzler verändert sich. Manchmal erkenne ich ihn nicht wieder. Gemeinsam mit dem Bruder geht er auf klandestine Veranstaltungen und ich frage mich wie der Kanzler sein Menschenbild, seine Menschenliebe, seine Offenheit und Großzügigkeit Allem und Jedem gegenüber mit seiner behaupteten Gesinnung zur Deckung bringt. Gegen den Euro zu sein ist die eine Sache, alles andere ist inakzeptabel. Ich versuche, es auf sein Alter zu schieben und doch tut es weh. Früher oder später verliert man seine Eltern und dazu müssen sie nicht einmal sterben.

 

Von der Cousine kommt eine Mail. Sie schreibt über meine Mutter und wie sie sie als Kind erlebt hat und ich begreife, dass die gesamte Familie wusste, was bei uns los war und was man mit mir machte und doch schritt niemand ein.
Merkwürdig das zu lesen. Irgendwie traurig für das Mädchen, das ich war und dem man an Fasching ein silbernes Krönchen auf den gewaltsam geschorenen Kopf setzte, um es bei nächster Gelegenheit wegen einer Lappalie in den Kohlenkeller zu sperren.

 

Wenn ich je wiedergeboren werden sollte, möchte ich ein Tier sein, das ganz allein auf einem warmen Felsen lebt und an Gott denkt. Oder ein Vogel auf dem höchsten Kran der Stadt. Oder eine Qualle.

 

 

 

 

 

Bild: diadá, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Der Bekannte (so much no)

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Der Bekannte ist, um nicht das hässliche Korinthenwort zu gebrauchen, das, was man gemeinhin einen Erbsenzähler nennt. Mache ich eine beliebige Äußerung, so spüre ich schon beim Reden den ungeduldigen Atem seiner Verbesseritis im Nacken und kaum ist die letzte Silbe verklungen, verbeißen sich bereits seine seziermesserscharfen Philosophenzähne in meine Aussage und zerlegen sie nach allen Regeln der Kunst. Eingeleitet werden diese, seine, kritischen Anmerkungen gerne mit Falsch, Aber! oder einem großen Nein. Selbst dort, wo man vernünftiger- oder loyalerweise nur ein Ja erwarten könnte (Falsch! Erwarten kann man zwar grundsätzlich alles. Bekommen muss man es deswegen noch lange nicht) weht mir ein eisernes Nein entgegen. Nein aus Prinzip, Nein weil Nein und Nein, nicht so, oder Ja aber nein.

He has so much no to say to the world

Er klaubt und ordnet, rechnet und rechtet, er schält die Wörter mit den Lippen, spreizt und buchstabiert sie, ordnet sie ein, geistesgeschichtlich, wie auch historisch. Nur mit Etymologie hat er nix am Hut, das ist eher mein Steckenpferd, was soll das bringen. Nein, asiatisches Essen ess ich nicht, auf gar keinen Fall.

Zwar ist der Bekannte nicht gerade das, was man einen mansplainer nennt, nein, er praktiziert sein Besserwissertum gleichermaßen Männern wie Frauen gegenüber, glaube ich zumindest, genau wissen tue ich es freilich nicht, denn ich erlebe ihn eigentlich fast nur in unserer Zweisamkeit, weil Menschen dem Bekannten generell nicht so liegen, weil er den Weg Erwin Hapkes gehen möchte (die perfekte Synthese zwischen Luhmann und Blumberg, in der Höhle lebend und Evolution als Prinzip gedacht, gebaut aus dem Kontinuum des Papiers, aus nur einer einzigen Grundform) weil ich sozusagen eine Ausnahme, ein Fensterchen in seiner Weltverschlossenheit bin, weil Bücher die besseren Gespächspartner sind, je toter deren Autoren umso besser, und weil Wittgenstein vielleicht am Klügsten war, oder Kant oder Nietzsche oder doch eher Luhmann? Hegel und Heidegger sowieso.

Dem Bekannten braucht man mit Worten wie immer und nie erst gar nicht zu kommen, nicht mal sonntags, wo man glaubt sich ausnahmsweise und aus Gründen der Bequemlichkeit die linguistischen Filzpantoffeln überstreifen, und in salopper Kleidung auf dem Sofa herumfläzen (schlimmes Wort) zu dürfen, statt mit Maßschuhen und Stützkorsett kerzengerade auf dem harten Holzstuhl bei Tische zu sitzen. Mitnichten!

Immer und nie, das lernten wir schon als Kinder, ist stets falsch, doch was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.
Falsch, höre ich den Bekannten sagen, der sich gerade wieder sein Marschgepäck, 30 Kilo Bücher, schnürt, um auf Exkursion zu gehen, und etwas über das Leben zu erfahren.

Gib´s auf, Gib´s auf, möchte ich ihm hinterherrufen, was das Leben ist, das steht nicht in Büchern, das lebt sich und das zeigt sich durch dich und in dir!
Doch was weiß ich schon.

 

 

 

 

 

Bild: Untitled, Rafael M. Milani, flickr
Lizenz: all rights reserved! (usage with the artist´s kindly permission. thanks a lot Rafael!)

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19 ultimative Tipps für ein zufriedeneres Leben

 

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Möchte Dir jemand etwas anvertrauen, was Du auf gar keinen Fall und niemals weitererzählen darfst, so sage: Nein, ich möchte nicht Trägerin deiner Geheimnisse werden.
(Ich schleppe gleich drei solcher Stücke ungewollten Wissens gravierenden Inhaltes mit mir herum. Sie liegen mir wie Steine im Magen).

 

Verrät Dir Jemand hinter vorgehaltener Hand und unter dem Gebot der Verschwiegenheit etwas über eine dritte Person, dann unterbrich seine Rede und frage ihn: würde die dritte Person das in Ordnung finden, dass Du mir das erzählst.

 

Wechsele zügig die Straßenseite, wenn du deinen kontaktfreudigen Nachbarn in der Ferne erblickst. Sollte dies nicht möglich sein, nimm rasch einen fiktiven Anruf entgegen, mache einen konzentrierten Gesichtsausdruck, nicke ab und zu in dein Handy oder ziehe die Augenbrauen zusammen. Nur so kannst du verhindern, dass er versucht dich zu einem Kaffee, oder schlimmer noch, zu einem Piccolöchen einzuladen.

 

Winke der Apothekerin fröhich zu, wenn du sie auf der Straße triffst. Du wirst ihre Kooperationsbereitschaft vielleicht eines Tages brauchen.

 

Beschwert sich eine Bekannte, dass Du nie Zeit hast, so sage ihr, dass Du nicht einmal für Deine Freunde Zeit findest.

 

Beschwert sich der Bekannte, dass die Milch über Nacht auf dem Herd stand, sage: Oh! und bedenke ihn mit einem reuigen Lächeln.

 

Steigst du schwerstbeladen aus dem ICE und stellst fest, dass mehrere fidele Fahrgäste ohne Gepäck zum Aufzug hasten, um vor Dir die Kabine betreten zu können, dann steige auch dann noch zu, wenn der Aufzug bereits voll ist. Ramme den Mitfahrenden beherzt deinen Koffer in die Hacken und sage mit einem maliziösen Lächeln etwas wie: Sitzt, passt, hat Luft. Oder fordere sie höflich auf, doch bitte aus der Lichtschranke zu treten. Vergewissere dich, dass niemand einen Schlagring trägt.

 

Es empfiehlt sich, vor einem Banküberfall sicherzustellen, dass man sich nicht auf einer Insel mit nur einer Brücke als Verbindung zum Festland befindet. Weiterhin gilt es, auffällige Kleidung zu vermeiden, und ein geeignetes Fluchtfahrzeug bereit zu stellen.

 

Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

 

Wer Stress reduzieren und nachts gut schlafen möchte, sollte nur von Montags bis Donnerstags und nie nach 17 h den Postkasten leeren.

 

Vor dem sonntäglichen Mittagsschlaf unbedingt alle Telefone und die Türklingel stumm schalten.

 

Benutze Sonnencreme.

 

Edelstahloberflächen lassen sich besonders gut mit Weichspüler reinigen, für Cerankochfelder empfehle ich angefeuchtete Spülmaschinentabs. Der eingebackene Schmutz lässt sich damit ganz einfach wegradieren.

 

Bei Verbrennungen hilft Apfelessig. Bei glanzlosem Haaar ebenso.

 

Menschen, die du bisher kaum  bemerkt hast, haben das Zeug die wichtigsten Menschen in deinem Leben zu werden. Schenke den Menschen um Dich herum mehr Aufmerksamkeit.

 

Iss die dir angebotene Suppe nur dann, wenn der Koch auch einen Teller oder mindestens einen Löffel davon gekostet und deutlich erkennbar heruntergeschluckt hat.

 

Verzichte auf Fleisch. Es macht dich hässlich, innerlich.

 

Solltest Du Lust haben, eine Ausstellung zu besuchen, so würde ich derzeit empfehlen in die Berlinische Galerie zu gehen und dort die Werke von Jeanne Mammen zu betrachten.
Wenn Du dazu keine Lust hast, gehe stattdessen in den Jeanne-Mammen-Bögen shoppen.

 

 

Suche Dir vier Verben, die sich aufeinander reimen und sage sie dir jeden Morgen minutenlang und mantramäßig vor. Bald schon wirst Du ohne dieses Gebet nicht mehr leben können.

 

Der werten Frau Wildgans gewidmet

 

 

 

 

 

Bild: Canal, Julian Kücklich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

Almosen

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Leider ein kostenpflichtiger Artikel der F.A.Z.
Werd´ich wohl nie erfahren, ob ich den Bettlern und Obdachlosen etwas abgeben sollte.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Screenshot FAZ online 10.12.17

Cowderwelsh, oder wie die Autokorrektur es vermag unser Leben zu beinfusseln

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Mein Mailprogramm schickt, während ich noch im Korrekturmodus bin, halbfertige Mails ab, die es zuvor mit allerlei bizarren Formulierungen ins Un- bzw. Missverständliche verändert hat. Ich weiß nicht wer dahintersteckt. Wahrscheinlich ist es derselbe Programmierer, der sms an Freundin Anja mit Hallo Cola überschreibt und der das Wort Mainbagger für wahrscheinlicher hält als Mannschaft, was auch dann keinen Sinn ergäbe, wenn es sich um eine Frauschaft handelte. Für Landsfrau (Landsmännin, facepalm, Alta!) schägt der Autokorrekturchauvi passgenau oder Landstraße vor und aus Masterarbeit macht der Snob eine Massenarbeit.
Ist eine derart schwer zu dechiffrierende Mail oder sms nun versehentlich rausgegangen, bemerke ich das Malheur entweder gar nicht, weil ich mir wegen der nachlassenden Sehschärfe im Nahbereich die Mühe gespart hatte sie noch einmal zu überprüfen, aus Bequemlichkeit etwaige Fehler billigend in Kauf nahm und auf das Wohlwollen der Empfänger*innen (der Empfangenden?) vertraute, oder ich erwäge, falls es beim nachträglichen Kontrolllesen gar zu irre klingt, eine Mail hinterherzuschicken, in der ich mich erkläre, verkneife mir diese Pedanterie aber, da dies nur wieder zu neuen Missverständnissen führen könnte und ich mir meinen Ruf und meine Freiheit als ich-bin-eben-so_  nicht ruinieren möchte. Es gefällt mir, das Ansehen eines Narren zu haben.

(Echo der erzürnten Mutter: Narrenhände!)

 

 

Mein Tipp des Tages: fragt Dich jemand, ob er dich etwas Persönliches fragen darf, so antworte klar und unmissverständlich mit: Nein.

 

 

Achtzig Jahre, so dachte ich gestern, als ich einen Artikel über zufriedene 92-Jährige las, liegen zwischen hochbegabt und hochbetagt. Ausreichend Zeit, um durch Talentausbau Land zu gewinnen, ausreichend Zeit es wieder schrittweise an den gefräßigen Weltenlauf abzutreten. Gewonnen, zerronnen.

 

 

Das Zwitschern bei twitter habe ich zwischenzeitlich eingestellt, nicht nur, weil es ein übler Zeitvertreib, Zeitverschleiß, Zeitverschling ist, sondern weil schrittweise Scham und Dezenz auf der Strecke bleiben, weil der Anstand erodiert, während er noch hashtagged und schreit. A l´arme! Sollte ich jemals über meine wiederkehrenden Unterleibsbeschwerden twittern, ein Foto meiner Schäfchenwärmflasche einstellen (sie heißt Mimi) und irgendwer das faven, so möge uns beide der Schlag treffen.

 

 

Du redest soviel, sagt der Bekannte und durchbricht sein Schweigen.
Ich habe mein zweistündiges Fasten mit Walnusskuchen von Kiezeklein gebrochen.

So verschieden sind die Menschen.

 

 

 

 

 

Bild: Hand Strick Boutique Monika, Julian Kücklich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

lamettalos

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Eine Geisterbahn ist eine meist in einer völlig abgedunkelten Halle verkehrende, elektrisch angetriebene Bahn, bei der die Fahrgäste von mehr oder minder gruseligen, mechanisch, elektromechanisch oder pneumatisch betriebenen Effekten erschreckt werden sollen. Im Unterschied zur Achterbahn ist die Fahrt einer Geisterbahn meist sehr gemächlich. In manchen Geisterbahnen ergänzen gruselig verkleidete Angestellte die mechanischen Gruseleffekte. Geisterbahnen sind als Fahrgeschäfte auf fast jedem Volksfest vertreten.

(Wikipedia)

 

 

Alles ist leichter, sobald man zwischen Leben und Lebenssituation unterscheiden kann. Das Eine bin ich, das Andere eine Kulisse, eine Geisterbahn meinetwegen, doch sobald die Fahrt zuende ist und ich aus dem Tunnel heraus bin, öffnet sich das Panorama und ich liege wieder in meinem Bootchen auf dem Wasser, lasse mich schaukeln und blinzele in die milde Abendsonne.

 

Das Schönste an der Weihnachtszeit sind übrigens, wer hätte das vernutet, nicht Zimt und Zucker, Nelke und Kardamom, sondern die Weihnachtsmärkte, die ich nicht besuchen muss, der Glühwein, der nicht meine Kehle herunterrinnt, die Lichterketten, Kränze und Kerzen, die ich mir vom Halse halte, der tote Baum, den ich nicht aufstellen und behängen muss und die Abwesenheit von hohen Erwartungen und zehrendem Zoff.

Natürlich gefiele es mir gut, der Bekannte käme, statt im kalten Norden zu weilen, bepackt mit sieben riesigen Tüten voller Geschenke in meine lamettalose Bude. Hunderte kleiner Geschenke befänden sich in diesen Tüten, in denen wiederum Hunderte großer Scheine zusammengerollt darauf warteten in Waren umgetauscht zu werden. Ich meinerseits hielte kiloweise Plätzchen und Südfrüchte bereit. Gemeinsam stiegen der Bekannte und ich die Kellertreppe hinab, holten den Bollerwagen, den wir nicht besitzen, weil der Bekannte keine Bierkästen zum Herrentag transportieren, noch wir unsere Fruchtbarkeit in Form von Kindern, die wir hinter uns herziehen, zur Schau stellen müssen, aus dem Verschlag, lüden alle guten Gaben auf das hölzerne Vehikel und stapften damit, auf der Suche nach den bärtigen Männern und den frierenden Frauen, durch den Kiez. Jedem Einzelnen, den wir in der Kälte liegend, sitzend, sich die Hände reibend anträfen, überreichten wir ein Päckchen und eine Handvoll Gebäck und Mandarinen, um dann weiter zu ziehen, bis auch der Letzte im Kiez beschert worden wäre. Vielleicht, so überlege ich gerade, könnten wir auch ein paar Thermoskannen mit Grog oder Tee bei uns tragen oder aber eine dampfende Gulaschkanone. Das gilt es nochmal zu überdenken. Doch zuerst wird Lotto gespielt.

Wenn unser Wägelchen schließlich leer wäre, schlenderten wir Hand in Hand zurück nach Hause, wo wir uns die Kleider vom Leibe eine interessante Dokumentation anschauten. Irgendetwas über Pyramiden in Berliner Hinterhöfen oder über eine Heuschreckenbraterei in Thailand.

Das Leben ist nicht nur schlecht.

 

 

 

 

 

Bild: Julian Kücklich, Briefverteileramt SW 11- 66, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Behinderte gucken gehen

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In meinem Studium lernte ich, dass wenn man Menschen mit Down-Syndrom eine kleine Aufgabe zuwies, sie diese mit besonderer Akribie, wenn nicht Pedanterie erledigten. Einmal gingen wir sogar in eine Werkstatt für Behinderte und schauten uns welche an. Der Dozent, ein erzkatholischer, aalglatter Typ, blieb am Tisch eines etwa fünfzigjährigen Mannes stehen der im Rollstuhl sitzend eine Thermoskanne zusammensetzte.
Das ist der Herr Sch., sagte er, der  Herr Sch. hatte einen Schlaganfall. Seither ist er halbseitig gelähmt, das Sprachzentrum ist auch betroffen. Reden kann er nimmer, aber verstehen tut er alles. Herr Sch. lebt im Wohnheim und kommt jeden Tag hierher zur Arbeit. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der seine Arbeit ruhen ließ und mit hängenden Schultern und müdem Gesicht zu unserer Gruppe aufblickte und ich schämte mich in Grund und Boden.

Ich finde das nicht in Ordnung, dass wir hier Behinderte angucken wie im Zoo, sagte ich zu unserem Dozenten.

Das stört die Behinderten nicht, antwortete der Dozent und winkte, um seine Behauptung zu untermauern, zwei junge Männer mit Down-Syndrom heran, die interessiert hinter uns getreten waren. Jovial legte er den Arm um einen der Beiden.
Fühlst du dich wohl hier, fragte er ihn und der Umarmte lächelte verlegen und nickte.

Manchmal, erklärte der Dozent, haben die Behinderten natürlich auch keine Lust zu arbeiten, das ist nicht anders als bei uns. Aber der Heimplatz ist an den Werkstattplatz gekoppelt und sie wissen, wenn sie bei ihren Freunden bleiben wollen, müssen sie dafür arbeiten. Gerade Menschen mit Down-Syndrom können sehr stur und faul sein, denen tut ein bisschen Druck ganz gut. 

Ich schaute zu Herrn Sch., der sich längst wieder seiner Arbeit zugewendet hatte, drehte mich um und verließ die Werkstatt.

 

 

 

 

 

Bild: Nadja Varga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Gedenken an eine Diva

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Die Weihnachtstage werde ich alleine verbringen. Alle Freunde verlassen die Stadt. Auch der Bekannte wird im Norden weilen. Doch vielleicht schneit am Heiligen Abend wenigstens die Goldschmiedin bei mir herein. Das wäre schön.
Ihr könnte ich dann auch gleich die Handvoll Steine zeigen, die von meiner Mutter übrig geblieben sind und die der Kanzler kürzlich zur Ansicht mitgebracht hat. Sämtliche anderen Besitztümer landeten auf Geheiß meiner Mutter posthum im Müll, sie selbst, wunschgemäß, in der Ostsee. Vermutlich haben auch ihre Geschwister ein paar Dinge beiseite geschafft (wo ist bloß die Eigentumswohnung hingekommen). Es ist mir ganz gleich.
Meine Mutter besaß viele Ringe, doch nur einer ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Diesen einen Ring, ein großer in Gelbgold gefasster Amethyst, hätte ich, nach ihrem Tode im vergangenen Jahr, gerne noch einmal gesehen und sei es nur auf einem Foto.
Doch als die Demenz begann an dem Hirn meiner Mutter zu nagen und als eine ungeheure Wut und Enttäuschung über ihr ausklingendes Dasein, das längst jeden Glanz und Glamour eingebüßt und sie zu einer einsamen Seele gemacht hatte, sie erfassten und groß und immer größer wurden, als die Blicke in den Badezimmerspiegel erst ungläubig, dann verzweifelt und schließlich bitter wurden, weil alles, alles, was ihre Schönheit einst ausgemacht hatte in einem schmallippigen Streifen, dem niemand mehr zum Reden, Beschimpfen oder Bespucken geblieben war, ausgelaufen war, als also ihr mondänes Leben einer Diva zu Ende ging und sie nichts, aber auch gar nichts dagegen tun konnte, verfügte meine Mutter, dass wenn schon nicht sie, auch niemand anderes mehr mit ihrem Geschmeide brillieren solle und dass, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, nach ihrem Tode sämtliche Steine aus ihren Schmuckstücken ausgefasst, das Edelmetall verkauft und ihren ungeliebten Kindern allenfalls die Klunker zum Fraß vorgworfen werden sollten, die bloßen amputierten nackten Steine, in denen nichts mehr von ihr sich fände, die aber doch als Stachel, als Pfeil aus dem Jenseits, als ewiger Vorwurf, als Rache für ihren Tod, den wir nicht hatten verhindern können oder wollen, dienen sollten.

Kein Ort der Trauer, keine Erinnerungsstücke für uns, das war ihr ausdrücklicher Wunsch.

Das alles ist und bleibt unverständlich. Manchmal bin ich noch traurig darüber, manchmal empört, doch meist empfinde ich gar nichts mehr dazu. Diese Stelle der Seele ist abgenutzt, oder zugesperrt, ich weiß es nicht, vielleicht ist auch der Schmerz verbraucht oder die Resignation zu groß. Mal so, mal so und dann wieder ganz anders.

Doch heute sitze ich hier und auf dem Balkon gegenüber blinkt der Weihnachtsschmuck in den frühen Dezemberabend hinauf und ich denke an meine Mutter und ich sehe sie vor mir, ganz in Schwarz, tief ausgeschnitten und dramatisch geschminkt. Ich sehe sie, wie sie, den Kopf zur Seite geneigt, vor einem runden Mahagonitisch sitzt, mit ihrer kleinen, knochigen Hand über die glänzende Oberfläche fährt und ich höre das leise Kratzen von Metall auf Holz. Und ich schaue auf den großen, dunklen Amethyst an ihrer Hand, in dessen poliertem, rundem Bauch sich das ganze Zimmer und sogar der Himmel vor dem Fenster spiegeln und ich brauche ihn gar nicht zu besitzen, diesen Ring, ich werde ihn nie vergessen, sowenig wie meine Mutter,

Auf meinem Küchentisch liegt ein winziges Plexiglasdöschen, ein oder zwei Dutzend kleiner Edelsteine darin. Einen einzigen davon, ein klitzekleines Splitterchen, könnte ich gut gebrauchen, um einen alten Schulterring zu reparieren und ihn dann wieder tragen zu können. Doch möchte ich das?

Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie, die sie gerne und coram publico von ihrer missglückten Selbstvernichtung sprach und dabei mitten aus einem Lachen heraus das ernste oder entrückte Gesicht eines Stummfilmstars zaubern konnte, geeignet jeden Menschen der ein fühlenden Herz hat, zum Weinen zu bringen, ausgenommen die Wenigen – uns –  die sie gut kannten und die während der Vorstellung ungerührt oder allenfalls angewidert und mit versteinertem Gesicht sitzen blieben, statt sich zum Komparsen zu machen und sie zu umarmen, oder ihr ein Taschentuch zu reichen als dann endlich auch die Rotweintränen flossen, weil wir diese histrionischen und manipulativen Darbietungen längst kannten und zweifelsfrei von echten Gefühlen unterscheiden konnten, wie meine Mutter es wohl finden würde, wenn sie erführe, dass ich, die ungeliebte Tochter, mich über ihren Willen hinweggesetzt hätte, indem ich ihr in einem alten Ring das Denkmal gesetzt hätte, das sie immer haben wollte, und mir selbst damit einen Ort der Trauer geschaffen hätte.

 

An Weihnachten werde ich mit der Goldschmiedin die Steine anschauen und an die vielen Weihnachtsfeste mit meiner Mutter zurückdenken.

 

 

 

 

 

 

Bild: screenshot twitter

unglaublich

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Kannst du dir d-a-s vorstellen?, frage ich den Bekannten, nachdem ich ihm mit großen Gesten und weit aufgerissenen Augen eine ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt habe. Sicher, sagt der Bekannte, ich kann mir alles vorstellen, bis auf das, was ich mir nicht vorstellen kann, und ich antworte: Das schätze ich an dir. Du bist eine so ehrliche Haut.
Manchmal gelingt es mir noch, ihn zu erstaunen.

Am Abend schauen wir zusammen eine DVD an. Ein feierlicher Akt in diesem Hause, für den der eingestaubte Fernseher aus seiner Ecke geholt und gereinigt werden muss. Nachdem Monitor und DVD-Player auf dem Tisch aufgebaut und die Katzen von selbigem entfernt sind, kann es losgehen. Wie meist haben wir einen Film über Architektur gewählt. Dieses Mal geht es um des Werk der Brüder Perret, jener Architekten, die gegen Ende ihrer Laufbahn das kriegszerstörte Le Havre neu erbaut haben. Auf die beiden Brüder gekommen, waren wir, nachdem ich vor einigen Wochen Onkel Maikes Reiseberichten gefolgt und als Brutalismusfanin nachhaltig beeindruckt war von der imposanten Wucht der Kirche St. Joseph in Le Havre.

Ob man in dieser Stadt leben wollte? Was macht es mit dem Geist eines Kindes, wenn es in einer so geordneten und schnörkellosen Umwelt aufwächst?

Hatten wir schon zuvor darüber nachgedacht im Frühjahr nach Le Havre zu reisen, so ist diese Idee nun zu einem Vorhaben gediehen. Es tut gut, Pläne zu schmieden für eine imaginierte sorgenfreie Zeit. Falls der Atlantik nicht in der Lage sein sollte, meinen Kummer zu schlucken, so müssen das im kommenden Sommer die Alpen richten. Noch 8 Monate, bis dahin. Vorausgesetzt, ich bin dann noch in der Lage zu reisen.

Im Moment ist noch unentschieden ob Körper oder Geist mehr unter diesem ungeheuren Druck und der Angst, die damit einher geht, leidet, oder ob der Gram des Einen den Kummer des Anderen nicht jeweils bedingt und verstärkt.
Aus irgendeiner himmlischen Intuition heraus, schnappte ich mir jedenfalls vor dem gestrigen Zubettgehen das Tablet, öffnete youtube und wählte mit einer somnambulen Sicherheit den Vortrag eines Mannes, der mit angenehmer und kluger Stimme über quälendes Gedankenkreisen sprach und erklärte, wie diesem zu entkommen sei. Es hatte so gar nichts Esoterisches oder Verquastes an sich, wie er erklärte, dass zur Erreichung innerer Ruhe, der Geist, das Denken, wieder weit gestellt und die Fokussierung aufgelöst werden müsse. Normalerweise bin ich vollkommen resistent gegen jeden Ratschlag, der Entspannung in mein Leben bringen soll. Die implizite Erwartung, die der Ratschlaggebende aber auch ich selbst an mich habe, das Problem zu lösen, erhöht eher den inneren Druck und  verstärkt damit die flatternde Unruhe, die mich gnadenlos vor sich hertreibt und mich jeden Tag auf´s Neue peitscht und steinigt. In der vergangenen Nacht aber geschah etwas ganz und gar Unerwartetes: ich schlief nicht einfach, wie ich es mir erhofft hatte, total erschöpft unter der beruhigenden Stimme des Vortragenden ein, es gelang mir vielmehr, unter seiner Anleitung, zuerst sämtliche Muskeln, sogar die der Nackenpartie, zu entspannen und anschließend, den Blick nach innen gewandt, meinem Atem zu folgen, wie er erst kühl in und dann warm aus dem Körper strömte und mir mit jedem Zug ein festerer Anker wurde, in dem auch der letzte Teil meines unruhigen Geistes, der sich windende und zweifelnde Panikzipfel, dieser stakkatohafte Taktgeber, welcher Angst vor der Stille und der Weite hat, und der, statt sich befreien zu lassen, den Weg zurück gehen wollte in die vertraute Enge einer tunnelartigen Gedankenwelt, wie auch dieser Teil schließlich sicheren Halt fand und endlich, endlich aufgab und Vertrauen fasste und nunmehr alles in mir sich mit Leichtigkeit öffnete und in vollkommene Stille und Gelassenheit versank, aus der ich am Morgen erfrischt erwachte, nach acht Stunden traumlosen, tiefen Schlafes.

 

 

Unglaublich.

 

 

 

 

 

 

Bild: minimal cinema, alba adriatica italy, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/