Der Hase und der Igel

Nach reichlich Aufregung mit blauen Fingern und Lippen und Übelkeit und der vollen Bandbreite psychosomatischer Beschwerden, schicke ich am Mittag eine betont lässige Antwortmail an meine nunmehr vollends übergeschnappte Vermieterin, die mir in Versalien angekündigt hatte, demnächst mit mir über die Fortsetzung meines Mietverhältnisses sprechen zu wollen, weil – ja warum eigentlich?
Sie sollte wirklich weniger trinken, denke ich, als ich sie wenig später ihre tägliche Ladung Weinflaschen in den Altglascontainer werfen höre, jeder Splitter eine Scherbe unter den Füßen der liebenden Meerjungfrau.

Bis hierher, bilanziere ich beim dritten Cappuccino und mit Blick in den eisigen Garten mit den zeternden Spatzen und und den hüpfenden Amselfreunden, war das Jahr schon mal ziemlich anstrengend. Der kalte ReichsKanzler, der intrigierende Bruder, ein Abschied, ein geklautes Fahrrad und jetzt schon wieder die irren Attacken einer verbitterten Frau, die nicht zu ruhen gewillt ist, ehe nicht, ganz gleich wie, ihr Ziel, mich in die Wüste zu schicken erreicht ist (bin schon da!) um endlich Alleinherrscherin dieses rotlinksgrünen Hauses zu werden. What´s next?

Wenn es einfacher wär, wäre es nicht mehr mein Leben (siehe u.a.: vorzeitig) überlege ich, und dann fände ich mich, anstatt mich hier und da ein wenig zu grämen, gebeugt über meinen rechteckigen Grabstein aus Beton, auf dem Zentralfriedhof wieder, trauernd über den Verlust meiner Selbst. Nicht einmal mehr Statistin meines eigenen Daseins wäre ich dann, nicht mal mehr das. Und über die Jahre verwitterte langsam die Inschrift, welcher gerecht zu werden mir zu Lebzeiten trotz aller Bemühungen nicht vergönnt war: Vertragt Euch!

Immerhin hinterließe ich mit diesen zwei selbstgefälligen Worten einen guten Eindruck bei den zufälligen Friedhofsbesuchern und die Eine oder der Andere schickte ein Foto meines Epitaphs in die Welt hinaus, als achtsamkeitssimulierende, tiefgründige Botschaft, die jedoch zunächst von kaum Jemandem vernommen würde, weil inzwischen alle von der geheimnisvollen und letalen Vermieterinnenkrankheit heimgesucht worden wären und die Worte Vertragt Euch!, so sie denn überhaupt noch Eingang in die hassverrammelten und frontexgesicherten Hirnkästen finden würden, eine heftige paradoxe Reaktion auslösen und noch mehr von dem giftigen, klebrigen, alles erstickenden Zeug gerieren würden, welches schließlich in einer gigantischen Welle, einer Art Megatsunami über die Menschheit käme und damit sogar die wahnwitzige Wutflut überstiege, die die Forderung nach Ausschluss der Nazis sowie eines Tempolimits auf deutschen Autobahnen anno 2019 nach sich gezogen hatte. Und so würde nach meinem Ableben mein gut gemeinter Wunsch sich in etwas Fürchterliches verkehren und böse Menschen würden mir ein Denkmal errichten und mich zu ihrer Ikone erheben und fortan die Welt in meinem Namen unterjochen, die mich für immer in allerübelster Erinnerung behielte und heimlich auf mein inzwischen stark verwittertes Grab spuckte.

Was schert es mich überhaupt, was andere Leute nach meinem Tod von mir denken könnten, frage ich mich beim vierten Cappuccino und erinnere mich an Zeiten, als ich aus irgendeinem merkwürdigen und längst verloren gegangenen Schamgefühl heraus sogar meine Schwester bat, im Falle meines Ablebens doch bitte die Leichenbeschau vorzunehmen. Auch heute würde ich sie noch um diesen Gefallen bitten, allerdings nur, um sicher zu gehen, dass meine Vermieterin, so sie bei meinem Ableben ihre Hand im Spiel hatte, nicht ungeschoren davon käme.

Glücklicherweise, denke ich beim fünften Cappuccino, lebe ich aber noch und habe genug Kraft weiterhin das schwere Erbe meiner Familie auf meinen knochigen Schultern zu tragen, welches mein Leben, wenn nicht zu einer Via Dolorosa, so doch zu einem amoklaufenden Kettenkarussell mit ungewöhnlichen Ausblicken, jeder Menge Thrill und aus dem Nichts auftauchenden Siebträgermaschinen für allerfeinsten Cappuccino macht.

Vorzeitig

Der Handwerker kommt, zunftüblich, früher als vereinbart, dafür aber mit leeren Händen. Wie auch nicht. Wenn´s nicht so wär, wär´s nicht mein Leben und ich nicht mal mehr meine leibeseigene Statistin, denn auch die ist immerhin und immer sie selbst in der jeweils ihr meinerseits zugedachten Rolle.

Also: achselzuckend und mit expressiv zerknirschtem Gesichtsausdruck betritt der vorzeitige Handwerker meine Wohnung (Nachtigall!), hat weder Werkzeug noch Kollege dabei, und will nur nochmal eben schnell die Nischen für die neuen Heizkörper in Augenschein nehmen (lassense sich durch mich nich störn) um gleich darauf festzustellen was er vor dem Betreten der Bude bereits wusste: der Großhändler hat die falschen Heizkörpa jeliefert und ne, dit passt nich und es nützt ja auch nichts wenn wir die jezze einbaun, passen ja nich, wär nur Murks, zurück geben könne man sie dann ooch nicht mehr. Wo er Recht hat.

Gut, dass wir nochmal gesprochen haben, sagt er schließlich, um dem ganzen Elend noch eine gute Wendung zu geben, denn die letzte Info sei ja gewesen, dass die alten Heizkörper dranne bleiben und zusätzlich neue einbaut werden. Aber nein, antworte ich, in einer Wohnung mit über 30 qm Fensterfläche, 10 qm Türen, Winkeln, Nischen und runden Ecken ist kein Platz für eine zweite Garnitur Heizkörper, insbesondere dann, wenn diese nicht funktionieren.

Ist klar, sagt der Mann und nickt verständnisvoll, dann gehen wir das Ganze einfach nochmal von vorne an. Nur wann, das weiß er leider nicht. Handwerkermangel, Auftragsschwemme, Winter, Sie verstehen.
Aber ja, antworte ich, so gleichmütig ich kann, dann melden Sie sich einfach bei mir, sobald die richtigen Heizkörper eingetroffen sind und sich ein passendes Zeitfenster bei Ihnen öffnet.

Als wir an der Tür stehen und Tölchen freundlich zum Abschied wedelt, erzählt der Installateur mir noch schnell von seinem Jack-Russell-Terrier. Etwa so groß wie meine Katze sei der oder die. Aber eine ganz Liebe dafür. Wir Hundemenschen verstehen uns, zwinker, zwinker.

So schnell kann´s gehen, denke ich, als der Mann gegangen ist und ich die freigeräumten Flächen wieder in ihren gewohnten Zustand bringe. Aus -versicht wird Sekundenschnelle Verzicht, aber was soll´s, ist ja eh bald Frühling und wer kräht dann noch einer intakten Heizung.

Everything is temporary, auch der Winter, und wer zwei Jahre warten kann, hat auch genug Sitzfleisch für das dritte Jahr.

 

//

Zur Kenntnisnahme:

Neben Wir sind Helden und ihrem quietschvergnügten Smashhit Amélie, den ich heute im fensterlosen Bad auf Antenne Brandenburg  Flux Fm hören musste, missfällt mir außerdem das Wort Fuckfinger, die Geste Fuckfinger und das Eis Flutschfinger.

 

– versicht

Eine kluge Stimme hat mir das Bild des in die Wüste geschickten Sündenbocks geschenkt. Das hilft.

Ich möchte die geneigte Leserinnenschaft nicht langweilen mit Katastrophen menschlicher und büroratischer Natur. Meine Altvorderen waren Nazis, die Männer in meiner Familie sind es wieder oder noch. Soweit wäre immerhin das geklärt, und wenn ich Nazi schreibe meine ich Nazi. Selber würden sie das wahrscheinlich anders nennen. Aber man darf ja nirgends mehr seine Meinung sagen in diesem mainstreamdiktierten, intoleranten System und wieso sollte man nicht stolz auf sein deutsches Vaterland sein.

Was noch?

Dem lieben Tölchen geht es erstaunlich gut. Die genauen Befunde kommen Ende nächster Woche. Ich bin guter Dinge.
Auch die Tigerin ist stabil und verschmust.

Morgen soll nun endlich die lange ersehnte und hart erstrittene Heizung eingebaut werden. Das wird laut, dreckig, ungemütlich und kalt, doch sobald die Handwerker gegangen sind und der gröbste Schmutz beseitigt ist, drehe ich alle Rohre auf und spiele drei Tage lang  finnische Sauna.
Finnisch deshalb, weil ich heute von einer solchen Sauna, die über den Müggelsee tuckert und den Fahrgästen einheizt, während diese sich durch die Panoramafenster die winterliche Tristesse ringsum reinziehen, hörte.
Berichtet darüber hat der Berliner Radiosender Flux Fm, der inzwischen ähnlich öde klingt wie Antenne Brandenburg, sich aber immerhin sehr hauptstädtisch cool dabei fühlt (fühlende Sender).

Da mein Bad fensterlos ist und ich klaustrophobisch bin, muss ich während meiner Körperpflegesessions leider durchgehend Radio hören, statt mich dem Rauschen der Rohre hinzugeben. Die Stimmen, die aus dem gelben Kasten zu mir sprechen (gelb ist meine Lieblinsgfarbe, ist mein Boden, war mein gepunkteter Zahnputzbecher, ist die Sonne, sind die Quitten, ist der Mohn) vermitteln mir das beruhigende Gefühl, dass weder Atomkrieg noch sudden outbursts of pain Lava im Begriff sind die Welt wie wir sie kennen zu vernichten, und dass bereits geplündert und gebrandschatzt wird, während ich mich noch in Form bringe, um später gepflegt zu Rossmann gehen zu können

An manchen Tagen stelle ich sogar Deutschlandfunk an und fühle mich beim Betrachten meines Gesichtes im Spiegel wie Jemand, der spielt erwachsen zu sein.

 

//

Eine Mail informiert mich darüber, dass anderswo in der Welt ein Rohr geplatzt ist, was die Residents der Reichenverwahrsilos dazu zwingt, sich selbst mit eimerweise Wasser aus den Pools zu versorgen, bis Rettung naht.
Die Qualität des Wassers stelle ich mir ähnlich appetitlich vor, wie die von Erdnüssen auf Bartresen und so überkommt mich ein sehr spezielles Mitgefühl mit den Opfern dieser schlimmen Havarie.

//

Weiterhin frei ist übrigens meine kortisonbesprayte Nase. Deutlich kann ich den Qualm des Nachbarn riechen, der aus dem Treppenhaus durch meine Türritzen dringt und sich mit dem Duft des frisch gemahlenen Geburtstagskaffees zu einer lange nicht mehr gerochenen End-of-century-Melange verbindet. In angenehme Gedanken versunken schaue ich über meinen Tassenrand hinweg in den großen Garten, wo aufgebrachte Spatzenhorden bereits den nahenden Sonnenuntergang herbeizetern, derweil im Kindergarten nebenan noch immer gelacht und geweint und gespielt wird.

 

(Zuversicht heisst die Droge. Wirkt ähnlich wie Lachgas und hat  eine ebenso kurze Halbwertzeit).

Gaslighting (verzeihen müssen)

Erlöser, die an dein Bett heran treten, dich zu trösten
Erlöser, die das Blaue vom wintergrauen Himmel herunter lügen versprechen.

Erlöser die Täter sind.
Täter, die Erlöser mimen.
Erlöser mimende Täter die von Anderen gedeckt werden.
Tätererlöser, die auf das Opfer zeigen und es beschuldigen.

Verzeihenmüssen als 11. Gebot.

Verflucht wer nicht verzeihen kann.

Beim Kramen in der Familiengeschichte fällt mir außerdem auf, auf, dass nicht nur die nächste männliche Verwandtschaft sich nun den Rechten zugewendet und Israel zum Feind erklärt hat.

Ich stoße auch auf die bis heute totgeschwiegene und mir daher unbekannte NS-Vergangenheit meiner Familie.
So erfahre ich beispielsweise, dass der oberste Arzt im KZ-Mauthausen, der Menschenversuche mit tödlichem Ausgang an Häftlingen durchgeführt hat und in den letzten Lebensstunden Hitlers mit diesem im Bunker war, in direkter Linie mit mir verwandt ist. Auch ein weiterer, sehr bekannter Arzt war ab 1933 Fördermitglied der SS und außerdem Mitglied im NS-Ärztebund.

Seit dem Krieg hat sich niemand mehr an all das erinnert. Bis heute.

Das Foltern und Leugnen hat sozusagen Tradition in meiner Familie.

always on my mind

Nun weiß ich nicht ob auf der anderen Seite ein Ohr ist, meine Worte zu empfangen. Ein Wille sie zu verstehen. Ein Auge, mich zu sehen.
Was mich eine Leben lang schon begleitet ist die Musik von Elvis, den ich andernorts gerne als meinen Vater ausgebe. Noch mehr, seit der Kanzler nicht mehr greifbar ist.

Zum Gedenken an den King und zur allseitigen Erbauung:

 

 

 

(youtube Direktlink)

Beben

Als ich aus dem Schlafzimmer in den Flur trete, finde ich die
Badezimmertür halb geschlossen. Vom Zwischenboden schimmert warmes Licht herab.
Schnell ist die nächtliche Lärmquelle gefunden. Auf einem großen Haufen liegen diverse  Bildbände am Boden. Kreuzberg obenauf.

Später im Bett lausche ich dem Rauschen der Rohre und hangele mich mit leichten Gedanken zurück in den Schlaf.

Ich weiß nicht mehr was ich geträumt habe, doch als ich erwache ist es weiss hinter meinen Lidern. Ich  bleibe liegen und döse mich unserem Abschied entgegen.

 

 

Ein einziges Mal nur beherzt den Zirkel ansetzen, das silberne Tanzbein gestreckt, und sich Pirouette um Pirouette in die Weite tanzen.

In entspannter Bereitschaft warte ich, einem Regenschirm gleich.

 

 

 

 

Arolsen (en famille)

Schloss Arolsen

Das neue Jahr steckt sein ausgeschlafenes Gesichtchen ins Abteil und schaut in die Runde.
Ohne aufzublicken nicken die Reisenden und lassen sich zurück in den Schlaf schaukeln.

Das vergangene Jahr ist bereits, von seinen Vorgängern am Bahnsteig erwartet, in Arolsen ausgestiegen. Gemeinsam kriechen die (nunmehr vollständig versammelten) Teenager auf dem Friedhof an das Grab Rudolf Klapps heran, wo ganzjährig die Schlüsselblumen blühen und welches täglich vom alten Studienrat Pfeifer besucht wird.

Sogar der gelbe Golf steht noch vor dem Haus und durch den alten Garten fließt immer noch das Bächlein, gesäumt von Dahlien in allen Größen und Farben. Die Bewohner sitzen in der Küche und zeichnen Stammbäume.

Aus der Seniorenresidenz klingt glockenhell eine Stimme. Es ist das Gundel, mit ihrem langen geflochtenen Haar.

Darum bist du so schön!“ ruft sie, als ich mich auf ihre Bettkante setze und ihr von meiner Arbeit erzähle. Ihre faltigen Hände greifen nach meinen goldenen Ohrringen.

Schlaf, Arolsen, schlaf

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Schloss Arolsen, Thomas Huth, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/