feilschen

Unter den Zweigen der Trauerweide stehen kleine Fischlein im Wasser.
Herbstluft kräuselt das Nass.
Der Kondensstreifen zerfasert zu einem langen Wolkenband.

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Zwei Stunden im Wald sind wie ein Tag Urlaub.

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Die Tischlerin pendelt zwischen Jobs und der sterbenden Mutter hin und her. Ihr Freund weist sie per sms darauf hin, wie ihre Hündin unter der Situation leide und wie bedauerlich auch er es finde, dass sie ständig unterwegs sei.
Gemeinsam fragen wir uns, ob es wirklich so schwer ist, einfach mal seine Meinung für sich zu behalten und unterstützend zu sein, ganz ohne Erwartung, Wertung oder Gegenleistung.

10 Schekel für diese Flasche? Sie müssen verrückt sein!

Die Kilos fallen und aus schlank wird dünn, dann dürr.
Ich esse, doch mein Körper will nur wenig davon aufnehmen. Stress höhlt, beruhige ich mich.
Unterdessen hat die düstere Besucherin ihren Platz im Lehnstuhl eingenommen, bereit, dort zu überwintern.


Der Kanzler, der kaum noch die Füße heben kann, ist erneut auf den Kopf gefallen. Am Telefon erzählt er, wie fröhlich die eigenmächtig verdoppelte Dosis Antidepressivum ihn mache. Wegen der seit Tagen blutenden Kopfwunde (Blutverdünner) allerdings werde er vielleicht doch mal seine Ärztin (= meine Schwester) konsultieren.


Nachdem das Sorgenfeuer ordentlich angeheizt ist, muss der Kanzler, getrieben von irgendeiner selbst auferlegten Pflicht, dringend auflegen.
Ganz allein lebt er in dem großen Haus.





In kobaltblauen Schlaghosen defiliert der superschlanke Bartträger den Radweg entlang. Seine Schritte weit ausholend, den Kopf mittig zwischen den Schultern balancierend, die Augen ins Ungefähre gerichtet, genießt er seinen Körper, die Blicke, das Leben.
Sein weites Hemd weht im Wind seiner Bewegung.
Das Publikum auf der Straße, in den Cafés, auf den vorbeirauschenden E-Rollern teilt seine Freude.


Ein letzter warmer Tag im September.


Odenwald

Auf den rosafarbenen Steinplatten vor dem Haus liegen tote Hornissen. Eine sammle ich auf, um sie mitzunehmen und später in Ruhe fotografieren zu können. Doch kaum liegt der gekrümmte Leichnam in meiner Hand, sirrt eine der Hornissen, die Tag und Nacht ihr Nest im Dachfirst anfliegen, um mich herum und schaut mich mit ihren großen Augen an.
Ich lege die Verstorbene zurück an ihren Platz und die Totenwächterin fliegt wieder davon.

Wie selbstverständlich ich davon ausging, den Insekten wären ihre Toten egal.







Globuli

Der Arzt, den der Anästhesist mir empfohlen hatte, weil dieser ihn mit seinen Zuckerkugeln vor der sicheren Erblindung bewahrt habe, trug mir auf, keinen Kaffee mehr zu trinken und stattdessen Sepia-Globuli im Mund zergehen zu lassen.
Unter seinem Schreibtisch schlief die französische Bulldogge Sophie, aus seinen Ohren wuchsen lange weisse Haare und die Dielen der Friedenauer Wohnpraxis knarrten unter seinen behäbigen Schritten. Überall tickten Uhren.
Seine ca. 50 Jahre jüngere Ehefrau schaute ab und zu vorbei, küsste ihren Mann, lächelte freundlich und verschwand nach ein paar Minuten wieder.

Nachdem seine Behandlung nicht anschlug und ich auch die (good cop) Krimis, die er mir zu lesen auftrug, nicht mochte, gab er mir als letzte Prüfung auf, eine damals täglich ausgestrahlte Telenovela zu schauen, um das Gute vom Bösen unterscheiden zu lernen. Doch auch das fruchtete nicht (Anlass meines Behandlungsgesuchs war, nebenbei bemerkt, meine physische Grunderkrankung gewesen).

Er sei noch unsicher, wie das Ganze bei mir ausgehen würde, sagte er eines Tages und wiegte, um sein intensives Nachdenken zu unterstreichen, den Kopf hin und her: entweder endete ich verzweifelt oder aber verbittert.
Ich entschied mich für den Abbruch der Behandlung und die Fortsetzung meines Lebens zwischen Melancholie und Euphorie.



In drei Tagen geht es weiter in den Odenwald.

Gefährten

In der Nacht träume ich von Paul, der (wie an jedem Wochentag) sein Fahrrad an der Laterne vor meinem Haus anschließt, doch der dann, statt seiner Arbeit nachzugehen, an mich herantritt ohne ein Wort zu sagen. Ich schaue ihn an, seine blaue Iris ist dunkel umrändert. Du bist wütend, sage ich.
Und du kannst noch immer in mir lesen, antwortet er.
Hier reisst der Traum ab.

Dem Pferdemädchen habe ich eine Postkarte geschickt. Ein Wackelbild mit Kuh vor sommerlichen Alpen. Sie schweigt. Seit Monaten schon. Unterdessen wächst das Kind in ihr heran und wird in diesen Tagen das Leuchten der Apokalypse kennenlernen.

Auch die Schwester antwortet nicht auf meine Mails. Ebenso wenig wie die Frau aus der Verwaltung, die ich ein halbes Dutzend Mal angeschrieben habe.
Dass der zunehmend demente Kanzler alles verspricht, nichts hält und nach großen Ankündigungen immer wieder in der Unverbindlichkeit der Versenkung verschwindet, bin ich beinahe schon gewohnt, Doch, dass selbst die liebe Russin (die in Wahrheit aus Kasachstan kommt) schweigt, hätte ich nicht erwartet.
Ghosting nennt man das wohl. Mich verstört, verletzt, verunsichert es.

Es ist kalt geworden in unserem Häuschen. Die Tage werden merklich kürzer.
Ich friere bei sieben Grad in der Nacht.


Manchmal fühle ich mich so gottverlassen einsam und alte Trauer und Angst legen sich schwer auf meine Brust.
Unter der Dusche läuft der Tränensee über. Auf einem Stein im Wasser steht ein einzelner Schwan.



Ganz zufällig treffe ich die Waldorflehrerin im Garten. Ihren Pudel hat sie nicht dabei, dafür ihren frisch Angetrauten. Ich gratuliere, wir scherzen über den Zustand des Kreuzberger Standesamtes (einer ehemaligen Obdachloseneinrichtung) und wechseln dann zum Wetter. Trocken sei es in Berlin. geradezu herbstlich, erzählt sie und wendet sich an ihren Mann.
Stimmt´s, das haben wir auch schon gesagt, dass es so trocken ist in Berlin. Er nickt zufrieden und ich bewundere diese kleine Verbundenheits- und Vergewisserungsperformance zwischen den beiden.


Wenn ich doch auch ein bisschen so sein könnte.

Der Bäcker in der Kirchgasse verkauft mir (am 30.8.)weder Müslikonfekt noch Knäckebrot. Das im Schaufenster ausgelegte sei uralt und trocken, sagt die Dame hinter dem Tresen. Und da die Herrschaften am 5.9. gedächten in den Urlaub zu fahren, sei nicht damit zu rechnen, dass vorher noch gebacken werde.
Die Hühner vor der Kirche gehen somit leider leer aus.

Hier auf dem Land passieren die krassesten Geschichten.

Als ich aus dem Haus trete, treffe ich auf den steinalten Mann, asiatische Gesichtszüge, kurzer Oberkörper, lange dünne Beine, eine Dose Tuborg-Bier in der Hand.
Die Ärmel seines leichten Bauwollhemdes lässig aufgekrempelt, gleitet er, ohne die Füße merklich zu heben, den Gehweg entlang in Richtung Platz. Es sind 34 Grad.
Morgen werde ich die Stadt verlassen.

Im Alpenstädtchen angekommen gehe ich zu Edeka Eyernschmalz.
Ganz gleich in welchem Abteilung ich mich umschaue, immer steht ein aisatisch aussehender älterer Mann mit tiefen Längsfurchen im schmalen Gesicht neben mir und wendet den Blick nicht von mir ab während seine Hand nach Waren greift. Unbesehen lässt er diese in den mitgeführten Baumwollbeutel gleiten, der doch immer leer zu bleiben scheint.
Nach unserer Begegnung am Seitenbacher-Regal (jenem Ort, an dem ich vor ein paar Jahren wegen Unterzuckerung beinahe ohnmächtig geworden wäre) breche ich den Einkauf ab und eile in Richtung Kasse.

Unten in der schmalen Lederergasse hängt ein papiernes ADAC-Fähnchen aus einem Toilettenfenster.
Wir fotografieren es und ich bemerke, wie eine Frau mit rosafarbenem Tirolerhut uns dabei zusieht. Als sie merkt, dass wir sie bemerkt haben, wendet sie sich ab und schießt ein paar wahllose Bilder von Garagentoren und Balkonen.
Hier nebenan praktiziert Gaby Schuldlos, sage ich jetzt zu Wilhelmine. Da dreht die Frau mit dem Tirolerhut und den asiatischen Gesichtszügen sich wieder zu mir um und lächelt.

(Die Geschichte von der Frau, die wir beim andächtig und von allen Seiten nur flüsternd kommentierten, goldsamtenen Sonnenuntergang am See treffen, die uns erzählt, den Motorradführerschein allein gemacht zu haben, weil ihre Hündin, mit der gleichen Frisur wie sie, so gerne im Beiwagen mitfährt und die uns zum Abschied herzlich zuwinkt, muss ebenso unerzählt bleiben wie die flüchtige Begegnung mit dem in die Jahre gekommenen Schlaks, der ein begehrliches Auge auf Wilhelmine geworfen hatte und zum Abschied mit einem Wheelie auf seinem grobstolligen Mountainbike grußlos an uns vorbeirauscht).

Später am Abend, es dunkelt schon, ziehen wir unseren neuen, im Dorf gefundenen, und freestyle zusammen gezimmerten Hundeanhänger (auch hier ist man inzwischen auf die Idee gekommen, nicht mehr benötigten Krempel mit einem Zu-verschenken-Schild zu versehen und vor das Haus zu stellen) an seiner langen Deichsel die steile Straße hoch, als ich kurz vor dem Bahnübergang ein metallenes Scheppern und anschließend Wilhelmines Stimme hinter mir höre. Alles ok, fragt sie, brauchen Sie Hilfe?
Keine Antwort.
Ohne mich umzudrehen stapfe ich, das müde Tölchen unter dem Arm, weiter. Kurz darauf schiebt die Frau mit dem Tirolerhut ihr weisses Fahrrad an mir vorbei, schaut das Tölchen an und sagt: Cute.
Dann steigt sie auf ihr Rad, schlingert beim Anfahren hin und her und verschwindet bald hinter der Kuppe beim Bahnübergang, die linke Hand mit dem Handy am Ohr.