Der Unterfranke hat sich den Arm gebrochen. Mich plagen andere körperliche Leiden und ich habe starke Schmerzen.
Woki darf seit heute wieder in der Wohnung herum laufen. Sie nutzt die Gelegenheit und schüttelt ein Stofftier nach dem anderen zu Tode. Zwischendurch wird laut hörbar durch die Wohnung galoppiert.
Ist der Hund froh, ist der Mensch (halbwegs) froh.
So simpel.

Menschen/ Leute

Goldhelm bringt mich auf Marcus Quent und fügt „Leider schwul“ hinzu. Die meisten Hunde finde ich allemal interessanter als Männer, antworte ich so unpassend wie treffend und prüfe mich, ob das wirklich stimmt. Ja, das stimmt.
Mit Frauen bin ich nachsichtiger. Ausgenommen vielleicht schmalippige, dauerbeleidigte Gouvernanten.

Aus irgendeinem Grunde habe ich mir das überdeutliche Sprechen in Redewendungen und Metaphern angewöhnt. Das Publikum ist erfreut. Unterhaltungen hingegen entwickeln sich in diesem vorsätzlich gestelzten Klima nur schwer. Möglicherweise ist es genau das, was ich mit meiner Gemeinplatzigkeit bezwecke. Ich besserweiss zuviel und ungefragt.

Meine Familie ist wahrscheinlich bei einem nuklearen Erstschlag verstorben. Bis auf die in den Dolomiten lebende Cousine, die sich Kusine schreibt, und die auf meine Mail vom April antwortet, als habe sie sie erst gestern erhalten, obgleich ich darin über Dauerschnee und Primeln schrieb, sind alle verstummt. Schweigen ist seliger denn kränken, grunzt mein Phrasenschwein und ich oinke mit ihm im Chor.

In zwei Wochen bin ich endlich unterwegs. Kommenden Montag ist die nächste wichtige Untersuchung für Welpi, die ich hier ab jetzt Woki (mit langem o) nennen werde. Seit vorgestern lasse ich sie mehrmals täglich aus dem Laufstall, was sie instantly nutzte, ihre Beziehung zu Tölchen und zur Tigerin wieder aufzunehmen. Die beiden Alten spielen mit der Kleinen, als wäre kein Tag vergangen und ich bin so gerührt von dieser schönen Freundschaft, dass ich sie eine nach der anderen überschwänglich lobe und ihre lieben, plüschigen Köpfchen tätschele

Ob ich angesichts der Klimakatastrophe noch ein Kind bekommen würde, fragen mich geich zwei Freundinnen (die eine 29, die andere 31).
Nein, würde ich nicht, aber ob das richtig ist, weiss ich nicht, ist meine unbefriedigende Antwort.

Die Ostsee ist so warm wie das Mittelmeer, die Welt geht unter, schreibe ich dem Bekannten in einem unserer selten gewordenen online-Pläusche. Alles richtig, oder zumindest das meiste, antwortet er gewohnt trocken.

(Es ist Abend, die Hände auf der Reling blicken wir in Richtung Westen. Ein Meer unbedeckter weiblicher Brüste reckt sich uns entgegen. Die Männer vom Ordungsamt sind längst darin ertrunken).


Rückhand

Blick aus dem Küchenfenster

(gelöscht)



Den Nachbarn mit der beruhigenden Stimme treffe ich auf der Radspur gegenüber dem Ostbahnhof. Im tosenden Verkehr entschuldigt er sich für den Lärm neulich im Treppenhaus. Ich rufe ihm zu er möge mir das nervenzerfetzende Dauergefiepe meines verzweifelten Welpen nachsehen. Wir nicken beide.
An der Eastside Gallery machen Touristinnen Fotos. Meine Haare wehen im Wind vorbei rasender Cabriolets.
Ich frage mich, nach welchen Kriterien entschieden wird, welche Kunstwerke auf der Mauer bleiben dürfen und welche übermalt werden. Ein großer Teil des 80er-Jahre-Zeugs ist längst verschwunden. Doch der Mann mit dem Fez auf dem Kopf und dem Boston Terrier ist noch da. Am Liebsten ist mir das Bild mit den winzigen Löchern in einer Wand und den Microausschnitten eines blauen Wolkenhimmels dahinter.

In der New York Times stoße ich zufällig auf den Nachruf für einen früheren Geliebten.
Sein fotografisches Werk wird dort gewürdigt. Ich erkenne Bilder, die er gemacht hat, als wir zusammen in Nevada waren und ich erinnere mich an seine Hände und sein Lachen und seinen Körper. Jetzt ist er tot.

Im Berchtesgadener Land gab es nun auch Starkregen. Waren vor ein paar Jahren die Zisternen bereits im Juli leer, laufen sie in diesem, wie auch im letzten Jahr über. Das Wetter innerhalb des Klimas.
Über zukünftige Kanzler und das Ende der Welt schreibe ich vielleicht ein andermal. Vielleicht aber auch nie. Meine innere Großwetterlage bleibt wechselhaft. Der Staffelsee rückt jeden Tag ein Stückchen näher.

Rosen

Glänzen die Haare auf dem Kopf noch seidig und schön, sind sie im Waschbecken liegend, oder schlimmer noch: im Siphon steckend, einfach ekelhaft.
So geht das mit vielen Dingen. Sobald sie ihren angestammten Platz verlassen, werden sie zu Unrat.


Der Besuchshund hat jetzt Klappeninsuffizienz beidseits, außerdem Hüftarthrose.
Neun Medikamente verteile ich inzwischen nach einem festen Zeitschema an die Seniorenbande, ich selbst könnte auch eine Benzo dann und wann gebrauchen, bleibe aber gewohnt abstinent und versuche, mit beiden Händen den schweren bleigrauen Vorhang beiseite zu ziehen und mich an meinen wunderschönen Bauernröschen zu erfreuen.
Mein Gemüt ist so eingetrübt in diesen Wochen, dass ich sogleich auch an die blutrote Kletterrose denken muss, die eine ganze Hauswand einnahm und die meine Mutter, als sie in voller Blüte stand, absägte, um sich das Auffegen der Blütenblätter im Herbst zu ersparen. Ich kam aus der Schule, sah das Massaker und betrauerte, wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem jungen Leben, eine Pflanze. Später würde ich mich an derlei Gemetzel in unserem Garten gewöhnen müssen, denn je älter meine Mutter wurde, umso zerstörerischer wurde sie. Wenn sie schrittchenweise zerfiel, sollten andere nicht weiter und immer wieder neu aufblühen dürfen. Das galt für Pflanzen wie für ihre Töchter. Nur der Sohn, der Stammhalter, der Sonnenschein, blieb davon verschont.

Je schlechter es mir geht, umso mehr bevölkern die Gespenster meiner Kindheit meine Gedankenwelt. Nach vorne leben, nach hinten verstehen- es gibt noch halbleere Ordner in meinem Archiv.

(Im Hintergrund jault Welpilein nach der verlorenen Freiheit)

Sechs Tage nach unserer Verabredung ruft der Kanzler an und fragt was die Tränenkanäle machen.
Sie sind verklebt, sage ich.
Immer noch?, ruft er aus und schlägt vor, vorbei zu kommen und sich der Sache anzunehmen.
Das wolltest du bereits letzte Woche und seit anderthalb Jahren, sage ich, und bist nicht gekommen und hast nicht abgesagt.
Ja, antwortet er, aber du hattest vorher so kühl geklungen am Telefon, da dachte ich, ich bin nicht erwünscht.

Es braucht nur zwei Sätze und schon zeigt der Anklagepfeil wieder auf mich. Schon immer, für immer.

ach

Nach eineinhalb Jahren wollte der Kanzler mich vergangenen Donnerstag endlich wieder besuchen und meine Tränenkanäle in Ordnung bringen. Gekommen ist er nicht und gemeldet hat er sich auch nicht. Seine Freundin war ohnehin dagegen und der Kanzlersohn wahrscheinlich erst Recht. Ein Anruf wenigstens…
Ich weiss nicht, ob es schöner wäre, gar nichts mehr zu fühlen, oder ob ´s mir dann Leid täte wegen der Stumpfheit bzw. der erstorbenen Liebe, oder ob mir in der allgemeinen Gleichgültigkeit auch das piepegal wäre.
Leider bin ich noch immer das verlassene, verletzte und verlorene Kind, obwohl ich inzwischen viel zu alt dafür bin.

Meine Mutter hat fast alle Kinderfotos von mir vernichtet. An eines erinnere ich mich noch sehr gut. Es zeigte mich als 2 Jähriges Mädchen mit Schippchen und Eimer und Badehose im Gras. Mit seiner großen Hand greift mein Vater nach meinem Arm- ich blicke auf und schenke ihm ein Lachen aus meinem Milchzahnmund.

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Wilhelmine verbringt ihren Geburtstag in Lübeck. Am Abend schickt sie mir Fotos von der Bucht, in der meine Mutter beigesetzt wurde.

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Gestern habe ich Emmas Grab besucht. Welpi durfte ein paar vorsichtige und aufregende Meter über den Friedhof staksen.
Die Leine in der Hand saß ich im Schatten einer Linde, wartete auf meine Eltern und weinte.

92 Beagle

Die freundliche Frau bei Kraut & Rüben weist auf die bestialische Vorgehensweise der Schlupfwespenlarven hin, die schon andere vom Glauben haben abfallen lassen und die ich eigentlich nicht mehr einsetzen möchte. Sie rät mir zu Neemöl und Lavendel. Ich entgegne, dass ersteres für Katzen schädlich und letzteres aus Erfahrung unwirksam (AEU) ist.
Im Gartenforum lese ich, dass die Entwicklung eines einzigen Pflanzenschutzmittels 92 Beagle das Leben kostet. Ein Diskutant merkt an, dass Ratten und Mäuse nicht weniger wert seien (sind!) als Hunde.
In unserem Biogarten indes wurde nun doch Rattengift ausgelegt. Ich bin gespannt wie lange es dauern wird, bis unser Komposthaufen wieder verschwindet, weil die Nager keinen Unterschied machen zwischen Bioabfall und konventionellem Müll. Derweil lässt sich die gute, selbstgemachte Bioerde prima für die Beisetzung der vergifteten Schädlinge nutzen (just kidding).

Der Sommerflieder ist bereits verblüht, die Schmetterlinge sind weiter gezogen und auf dem Boden ziwschen den Sträuchern entdecke ich Pilzkolonien. Dass der Herbst nur wenige Wochen entfernt liegt, kann ich nach dem endlosen Winter kaum glauben. Es heisst, dass die 4. Welle uns dann überrollen und vor allem die Kinder treffen wird.

Wenn ich nur schon am See wär.

no jump

In der vergangenen Woche habe ich gleich zwei Mal meinen schwarzen Anzug, ein weites Hemd und die Jazzschuhe angelegt, bin in die Köpenicker Straße gestiefelt und habe mir dort jeweils eine mittlere Portion veganes Eis gekauft (Limette, Orange, Zitrone, Mango), meinen Welpen in ihrem Wägelchen im Schatten geparkt und an J. gedacht, die ein paar Häuser weiter lebte und starb und deren Wohnung mir viele Jahre später von einer Maklerin zur Miete angeboten wurde. Gegenüber hatte irgendwann ein Motorradhandel eröffnet. Für die Errichtung des Gebäudes mussten zwei alte Platanen gefällt werden. Ein Frevel, den der Unterfranke und ich dem Laden bis heute nicht verziehen haben. Jetzt ist das Geschäft geschlossen, die Schaufenster leergeräumt. die späte Rache des Lotus.

Wahrscheinlich bin ich die Einzige, die erst in diesem Sommer gewahr wird, dass sowohl Silberpappeln als auch Silberlinden bei extremer Hitze ihre hellen Blattunterseiten in der Krone nach oben drehen und damit diesen typischen flirrenden, espenlaubigen Eindruck warmer Sommertage erzeugen, den ich bislang nur unterbewusst wahrgenommen und nicht hätte in Worte fassen können. (Besonders schön unter dräuendem Gewittergrau).

Ein weiterer Frühsommereindruck sind die vielen sterbenden Hummeln unter den Linden. Ich sammele soviele auf wie ich kann und trage die Flauschis vorsichtig in den Nachbarschaftsgarten wo sich noch ausreichend Blüten finden, sie zu nähren.. Doch weil Hummeln nicht nur körperlich sondern auch sonst recht behäbig sind, kostet es sie Zeit und Mühe eine jede Blütenform zu erlernen (Hummeln lieben Monokulturen) und mit dem Rüssel an den lebensrettenden Nektar zu gelangen. Kurz vor dem Verhungern haben viele nicht mehr die Kraft dafür und das Einzige, was Ihnen dann noch helfen kann, ist der tikerscherk´sche Zuckertrank. (Ich muss mir wieder angewöhnen stets ein paar Tütchen mit mir zu führen. Meiner Leserinnenschaft lege ich nahe, es mir gleich zu tun. Es ist ein schönes Gefühl, wenn die Brummer sich nach der stärkenden Mahlzeit aufpumpen und davontrudeln).


Der Sommer schreitet voran und bietet eine angenehme Mischung aus Hitze, Kühle und Regen. Meine Erschöpfung, körperlich wie emotional, ist in diesem Jahr groß. Selbst für einfache Gepräche bin ich zu müde und beende einen Spaziergang mit dem Unterfranken schon nach knappen zwei Stunden, weil die Zunge mir lahm wird. Mein Welpe macht langsam Fortschritte. Der Chirurg zeigte sich gestern zufrieden mit ihr, doch sind es immer noch vier Wochen bis sie, vorausgesetzt das Knochenwachstum ist tatsächlich zum Stillstand gekommen, wieder frei umherlaufen darf. Nach zwei Monaten Gefangenschaft in einem Laufstall ist sie aber jetzt schon am Ende ihrer Geduld angelangt und weder Kauholz, noch Dino oder Kong können ihr das Toben mit Artgenossen ersetzen.
Ich freue mich darauf, sie bald in den See zu setzen zu können und sie planschen zu sehen.

Das Universum versteht kein Nein
, sagt die Feuerwehrfrau und propagiert das radikale Ja.
Ihrem Rat folgend ändere ich meine Strategie und bitte die Kolleginnen nicht länger darum, ihre Hände nach dem Waschen nicht vor dem Spiegel asuzuschütteln. Stattdessen lautet der Auftrag nun, den Spiegel über dem Waschbecken täglich zu putzen.
Und was soll ich sagen: es funktioniert.

Unter den Rippen

Meine Texte über vergangene Reisen ins Blaue Land lesen sich paradiesisch und ich frage mich, ob es wirklich so schön dort ist, oder ob ich gerne hätte, dass es so wunderbar sei und mir schreibend glückliche Erinnerungen schaffe, indem ich einen goldgelben Filter auf alles lege. Vielleicht will ich auch einfach meine Leserinnenschaft aufheitern und bei der Stange halten, indem ich sie glauben mache mein Leben nähme, nach all den Zumutungen der letzten Monate, nun doch wieder eine schöne Wendung.


Als wir Kinder waren erzählte mir meine Schwester, sie pflege ihre Tagebucheinträge mit Jubelarien über unser Familienleben sowie liebesverklärten Oden an unsere Mutter aufzurüschen.
Sie schien damit zum einen vorbeugen zu wollen, dass unsere jederzeit eskalationsbereite Mutter, die nicht davor zurückschreckte, unsere privatesten Besitztümer zu durchwühlen und uns hinterher für das jeweils Gefundene zur Rechenschaft zu ziehen, auf Notizen stoßen könnte, die die ohnehin schwierige Situation noch einmal verschärfen würden, andererseits schien sie auch einer Art magischem Glauben anzuhängen, dass nämlich den lieben Worten zwangsläufig ein Widerhall der Liebe folgen und das Zeitalter des Friedens endlich anbrechen müsse. Das Gegenteil war der Fall und meine Mutter brach ihr in einem ihrer unbeherrschten Augenblicke mit einem Holzschemel die kleine zarte Nase.

Die schlimme Augenentzündung habe ich mir vielleicht nur zugelegt, um mal wieder in Kontakt mit dem Kanzler kommen zu können. Zum wiederholten Male spreche ich ihm auf Band. Und tatsächlich: dieses Mal ruft er endlich zurück. Krankheit war schon immer ein zuverlässiger Fürsorgereflexauslöser in meiner Familie.
Ehe er anfängt mich wie gewohnt anzuschreien, gibt der Kanzler mir in gereiztem Ton zunächst ein paar Behandlungstipps und schlägt unter anderem vor, den Tränenkanal spülen zu lassen, mich dabei aber nicht wieder so hysterisch wie gewohnt anzustellen. (Ich frage mich, ob er schon immer so misogyn war, oder ob erst die Demenz diesen Zug aus ihm herausschält und tippe auf ersteres. Früher schien es mir einfach normal, so abschätzig behandelt zu werden).
Inzwischen ist der brüllende Kanzler bei meinem Bruder, seinem Lieblingsthema (neben der Evoluton) angelangt. Er mache sich Sorgen, schreit er, weil mein Bruder sich aus der Überzeugung, hinter „all dem“ stecke ein großer Plan, eine Weltverschwörung, die zum Ziel habe, die verheerenden Verwerfungen und Beben auf dem Finanzsektor zu verschleiern, nicht impfen lassen wolle.
Glücklicherweise war der 5G-Mast, der das Gehirn meines Bruders seit Monaten gekocht und dessen Katzen zum Hohldrehen gebracht hatte, noch gar nicht in Betrieb und immerhin diese Sorge ist für´s Erste vom Tisch. Stattdessen diagnostizierte der herbeigerufene Experte nun eine Wasserader unter dem Haus.

Als wir aufgelegt haben fühle ich mich sehr leer und Tränen der Erschöpfung laufen aus meinen feuerroten Augen.