pastel de nata

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Die Kindergärtnerin muss Dienst haben, denn nebenan singen sie Bruder Jakob. Ist ihr Mann dran sind´s die Drei Chinesen. Ein Lied, das die Koreanerin nicht mag, weil die anderen Kinder sie anstarrten, wenn es gesungen wurde.

Ich beobachte einen Jungen dabei, wie er dem Gruppenaußenseiter die Mütze vom Kopf reisst, ihm in die Augen schaut und die Mütze in den nassen Dreck wirft. Erschreckend sein harter, verächtlicher Blick. Die Erzieher bekommen nichts mit davon.
Paradoxe Interventionsfantasie: den Übeltäter bei den Armen packen, zwei-, drei Mal im Kreis herum wirbeln, dabei fröhlich Huuuiiii! rufen und nach dem Absetzen des Tunichtguts ungerührt ins Haus zurück spazieren.
Manchmal fällt es schwer die Füße still zu halten.

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Ein sturzbetrunkener Mittdreißiger fliegt aus einem Club, geht wutentbrannt zum nächstgelegenen Taxistand und trommelt mit den Fäusten auf einen der dort wartenden Wagen ein. Es gelingt dem Fahrer nicht, den Tobenden zu stoppen und so tippt er mit der Stoßstange leicht gegen dessen Beine. Der Randalierer fällt um, knallt auf den Kopf, steht wieder auf und hämmert weiter. Das Ganze wiederholt sich einige Male – trommeln, umfahren, aufstehen, weitermachen – bis der Fahrer endgültig die Beherrschung verliert und den Betrunkenen kurzerhand überrollt. Mit schweren Kopfverletzungen und gebrochener Hüfte kommt der Randalierer in die Klinik.

F: Wo geschehen?
A: In Kreuzberg süd-ost.

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Die neue Katze bevorzugt Futtersorten mit schlimmen Namen.
My star is a foodie, Schmusy und miamor. Zum Beispiel.
Ich kaufe das Futter inzwischen nur noch online – ohne Zeugen, ohne Schmach – und räume es klammheimlich und scheuklappenbewehrt in die entlegensten Schränke in den hintersten Winkeln der Wohnung. Den Müll trage ich des Nächtens nach draußen, nachdem ich die Umverpackungen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt habe.

Der Paketbote jammert jedes Mal, wenn er die schweren Futterkartons in meine Wohnung schleppt. Ich entschädige ihn mit 5 Euro, der Hälfte der Ersparnis des Online-Einkaufes. Win/win.

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Der Hund ist schlagartig wieder so krank, dass er vor die Tür getragen werden muss. Sie kann kaum stehen, ist verwirrt und zittert am ganzen Körper. In der Tierlinik tippt man auf eine zusätzliche neuromuskuläre Erkrankung. Myasthenia gravis vielleicht.
Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Erst der Hirntumor, jetzt das. Ich mache mir große Sorgen.
Hoffentlich ist das nicht der Anfang vom Ende.

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Nach 5 Tagen Krankheit ist immerhin der Bekannte von seinem Lager aufergestanden. Nicht mal die Zigaretten schmeckten ihm noch und besorgniserregend grau war er im Gesicht. Der Dauerhusten hat uns beiden schlaflose Nächte, ihm Muskelkater und beinahe einen Sixpack-Bauch beschert.
Die intensive räumliche Nähe war sehr schön. Entgegen der gewohnten Askese gab´s täglich Kuchen. Der Bekannte ist Katholik und damit von Haus aus viel sinnesfreudiger als wir selbstgeißelnden, entsagungsversessenen Protestanten. Leider vergisst er das oft und ich muss ihn erst wieder daran erinnern. Heute werde ich seinem Gedächtnis mit pastel de nata, gekauft beim fabelhaften  Double Eye in Schöneberg, auf die Sprünge helfen.

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Die totgesagte Sonne scheint in den Garten. Zeternd sitzen die Spatzen im Bambus und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Die Kohlmeise wetzt den Schnabel am Ginkgo, pickt rasch ein Körnchen und fliegt davon.
Tölchen liegt unter meinen Stuhl und fiept kaum hörbar.
Wir leben.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: di.fe88, flickr, Spiegelung
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Ablenkbar und unstet

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Ablenkbar und unstet bin ich. Außerdem unzuverlässig. Letzteres behauptete der sogenannte Bekannte vor Zeiten, in Unzeiten, im Affekt. Da darf der das, solange er nicht dort bleibt. Im Affekt passieren die schlimmsten Dinge.
Der Bekannte ist übrigens nicht der Unterfranke, wie unlängst die liebe Carmen rätselte, sondern the companion formerly known as Der Eine. Wie die meisten Beziehungen (blödes Wort und doch um Längen besser als die geschäftsmäßig anmutende Partnerschaft) hat auch die unsere eine Wandlung erfahren, wie das die Jahre, die man miteinander verlebt, unweigerlich mit sich bringen. Der Wechsel von „dem Einen“, zu dem „Bekannten“ meint hier den Übergang vom schwärmerisch Verzückten zum behaglich befriedeten Alltag. Man kennt sich und man ist duldsamer miteinander geworden. Das ist schön. Immer nur Chili zerstört auf Dauer die Magenschleimhaut und schwächt ungemein. Wir sind jetzt bei Kamille und Fenchel angelangt. Mit Sambal Olek.

Ablenkbar und unstet bin ich. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass ich einen Text über meine Charaktermängel beginne, mich unterwegs auf unerklärliche Weise verzettele, bei einer Äußerung des Bekannten lande und mich von dort schließlich über Beziehungen im Allgemeinen wie auch im Besonderen auslasse. Meine Gedankengänge haben die Struktur eines Spazierganges durch Leipzig oder Lübeck. Aus Neugierde oder Unachtsamkeit gerate ich in einen der Gänge zwischen den Häusern, folge seinen Windungen und stehe unversehens in einer ganz anderen Gegend. Interessiert schaue ich mich um, hab längst vergessen, wo ich eigentlich hinwollte und gehe, chamäleonartig, vollends in meiner neuen Umgebung auf. As long as it lasts.

Manchmal, wenn der Bekannte und ich uns unterhalten, verliere ich sogar mitten im Satz den Faden, starre dann, statt seinen Worten zu folgen auf seine Lippen oder seine kluge Stirn, denke plötzlich an ganz andere Dinge und nicke zur Tarnung ernst. Der Bekannte, dem die Streitlust (außer morgens) über die Zeit gründlich vergangen ist, tut so, als glaubte er, dass ich ihm weiter zuhöre, lässt, um mich bei meinem Ausflug nicht zu stören, seine Rede behutsam ausklingen und wendet sich kommentarlos wieder seinen Büchern zu. Erwache ich ein paar Minuten später und sehe, dass er in seine Lektüre vertieft am Küchentisch sitzt und Notizen macht, schaue ich ihn vorwurfsvoll an und sage: Nie hörst Du mir zu.
Ich mag es so gerne, wenn er dann auffährt, die Augenbrauen hochzieht und ganz tief Luft holt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/