Chiffon, nonchalant

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Unbeschwerte Zügellosigkeit

Zur Vermeidung der weiteren Offenbarung privater Details, könnte ich mich in diesem Blog darauf verlegen, nur noch über´s Bloggen zu bloggen. Ganz und gar selbstreferenziell auf die tantenmäßig langweiligste Art (ich darf das sagen, ich bin selber eine).
Ich könnte mich beipielsweise darüber auslassen, wie gut der Rückhalt durch ein wohlwollendes (Blog-)Publikum tut, wenn man das anfasst, was man früher als heißes Eisen bezeichnete und heute irgendwie anders nennt (wie eigentlich? Brisant?).
Hier in meinem angestammten Blog kann ich z.B. getrost erzählen, dass die Schauspiellehrerin mir von der Weigerung ihrer (Privat-)Schüler berichtete, ein Stück einzuüben in dem das N-Wort vorkommt, gleichwohl das Stück in kolonialen Zeiten spielt und die Kolonialherren und Sklaventreiber bekanntermaßen nicht poc oder woc sagten, sondern Neger.
Das Wort zu benutzen findet heute niemand kaum jemand, nur noch 8 % der Bevölkerung gut und mir fällt es überaus schwer, es überhaupt so nonchalant hinzuschreiben. Drüben im Versuchsblog würde ich das überhaupt nicht wagen. Doch hier wähne ich mich einigermaßen in Sicherheit und hoffe auf Verständnis dafür, dass die zu erzählende Geschichte diese Ausdrücklichkeit ausnahmsweise erforderlich machte.
Möglicherweise, so denke ich, habe ich mir über die Jahre vielleicht einen klitzekleinen Bonus zusammengeschrieben und die hier Mitlesenden ahnen, dass ich nicht rassistischer bin, als die Zeit in der ich lebe, und dass ich, wenn ich diskriminiere dies meist durch positive Zuschreibungen tue. Durch zweischneidige Bewunderung für sogenannte Randgruppen (die ich förmlich vor mir sehe, wie sie so am Tellerand stehen, kurz vor dem Sturz ins Bodenlose).

Die Schauspielschüler wollen also nicht das N-Wort aussprechen und können deshalb kein Stück aus der Kolonialzeit einstudieren und somit auch nicht auführen.
Aus ihrer eigenen Blase heraus zu treten und in die Welt zu blicken, die ihnen den Weg bis hierhin bereitet hat, verursacht ihnen schlimmes Unbehagen und die Schauspiellehrerin muss sich, um weiterhin ihr Brot verdienen zu können, dem Wunsch und Willen der Schülerschaft beugen und nur noch moderne Stücke, ohne Reizworte, mit ihnen einstudieren, denn der Kunde ist König und die Vergangenheit lässt man besser ruhen. Oder man benennt sie um.

So, wie ich mein Blog, könnte ich jetzt noch hinzufügen, um irgendwie den Bogen zu spannen zum Anfang des Textes.

 

Liebe Lesers, es ist schön, dass Ihr hier seid!

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Das Wahre, das Schöne und das Geile

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Weißt Du, was das Geile ist?
, frage ich und erstaunt blickst du von deinem Buch auf.
Nein, ich weiß nicht, d-a-s Geile ist, antwortest du und ein amüsiertes Lächeln spielt um deine Lippen.
Also das Geile ist, sage ich und hole tief Luft, denn ich weiß inzwischen selbst nicht mehr, was das Geile überhaupt war, so ungewohnt ist mir mein eigenes Reden. Das Geile ist, wiederhole ich, um Zeit zu gewinnen, und suche und greife nach Worten, den erstbesten, irgendwelchen, während du meinen holprigen Versuchen mit hochgezogenen Augenbrauen aufmerksam folgst. Das Geile ist nämlich, wiederhole ich mich und versuche unterdessen im Kopf die Geschichte weiter zu spinnen, die ich dir gleich ersatzweise auftischen könnte, die mir am Ende aber leider weder besonders unterhaltsam noch in irgendeiner Weise geil gerät.

Nachdem ich fertig bin, schaust du mich noch eine Weile erwartungsvoll an und nickst, als du merkst, dass nichts mehr kommt.
Das Wahre, das Schöne und das Geile, sagst du schließlich und streichst mir mit der Hand über das Haar.

 

 

 

 

 

 

Bild: Frank Janowski, Ballerina Projekt Dresden, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

stillschweigend

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Um´s mal zusammenzufassen: es könnte so einfach sein, wenn es nur ein wenig einfacher wäre. Was glücklicherweise, bzw. wenn man an einen freien Willen glaubt, was ich nicht tue, ganz allein vom Menschen (und nicht etwa von Fügung) abhängt und bestimmt wird, welcher wiederum im schweren Joch seines Gemütes gefangen bzw. in selbiges eingespannt ist. Schwierig das.

Wenn man nur nicht so verflucht empfindlich und darüber hinaus übelnehmerisch und nachtragend wäre, hätte der Spassss auf Erden kaum noch ein Ende. Und der Frieden erst, was nicht zwingend das Gleiche ist und schon gar nicht das Selbe. Nicht auszuhalten so viel Gleichklang und eben deswegen auf den ersten Blick nicht weiter erstrebenswert. Ein bisschen Streit geht immer.

Man stelle sich vor wie einer dem nächsten ins Gesicht schlägt und dieser ihm als Antwort gleich noch die andere Wange —- geschenkt, man muss es nicht übertreiben mit der Nachsicht. Kleine Brötchen backen, Schritt für Schritt zum Menschenfreund. Youtube-Tutorials anschauen oder mein Blog lesen, denn ich liebe die Menschen. Knuff, knuff.

Wussten Sie schon, dass alle 2 Minuten in Deutschland ein Blogbeitrag geschrieben und alle 3 Sekunden eine Flunsch gezogen wird (sic!) Ein Missverhältnis, das zum Himmel schmollt schreit, wie weiland Kentucky, jene Chickenbräter, im Europa-Center am Breitscheidtplatz ansässig, in deren Lokal früher oft ein dauerknutschendes Pärchen herumhing, das arglose Touristen ausnahm, indem es ihnen, oben küssend und unten fummelnd, die auf dem Boden abgestellten Einkaufstüten und Taschen leer räumte, derweil ihre Opfer Flügel und Schenkel der goldbraunen Brätlinge bis auf die Knochen abnagten. Hinterher sah man die beiden oft am Klops stehen, neben all den anderen Junkies, und sich um ihre Beute zanken. Womit wieder eindrücklich belegt wäre, wie nah Frieden (knutschen) und Krieg zusammenliegen.

Aus lauter Liebe übrigens, um das Thema wechselnd gleich dabei zu bleiben und zusätzlich wieder anzuknüpfen an den Anfang dieses Textes, immer getragen von der Hoffnung, dass die werte Leserschaft, die über den Winter schlimmes ertragen musste in diesem, meinem düsteren Blogmorast, den der Frühling und später dann hoffentlich der Sommer nach und nach trockenlegen und in eine blühende Oase verwandeln werden, dass also die geduldige, treue und liebenswerte Leserschaft (die Philanthropin spricht) Freude empfindet, vielleicht auch Spaß hat, am den Dingen, die ich mir hier aus den Rippen leiere, vom Herzen schreibe und aus den Fingern sauge, aus lauter Liebe jedenfalls, habe ich mir vorgenommen Norddeutsch zu lernen, um endlich verstanden zu werden und vor allem um selbst auch besser verstehen zu können. Im Norddeutschen, so las ich im Duden, sagt man „eine Flappe ziehen“, und meint damit die oben erwähnte Flunsch. Nicht zu verwechseln mit der Fluppe, nämlich der Kippe, die der Norddeutsche schweigend und mit undurchdringlichem Blick und gerunzelter Stirn raucht, wenn es in seinem überaus klugen Gehirnkasten arbeitet.
Da der Norddeutsche vornehm ist und kein Verständnis hat für verbale und mimische Extrovertiertheiten und Extravaganzen, endet mein Sprachkurs an dieser Stelle leider schon. Wozu sprechen lernen, wenn die Antwort Schweigen ist, eine viel größere Lernaufgabe übrigens.

Irgendwann wird das Norddeutsche aussterben, glaube ich, denn wer sollte etwas lehren, was niemand spricht?  Ein Wunder, dass sich unter dieser verbal niedrigen Tide überhaupt so etwas wie Sprache entwickeln konnte.

So lasse ich diesen halbgaren und fragmentarischen Text mit einem herzlichen Moin, moin! ausklingen, nicht ohne die besorgte Leserschaft zum Abschluss noch zu beruhigen: der Segen hängt gerade im Hause tikerscherk und ab morgen wird auch wieder gesprochen.

 

 

 

 

 

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink)

 

 

Bild: diadà
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

zwinkern, schmunzeln, heideggern

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Januar schon wieder und plötzlich ist es klirrend kalt geworden. In meinem kleinen Berliner Dorf läuten die Glocken, der Pfarrer ruft in alle Himmelsrichtungen zum Sonntagsgebet, wir sitzen am Frühstückstisch und plaudern lesend miteinander.

Über den Windchill und seine arktischen Auswirkungen reden wir, über das Elend in der Welt, den ertrunkenen Zweijährigen vor der Küste Griechenlands. Über Selbstbezeichnungen und Matussek, über twitter,  Emoticons und insbesondere Zwinker-Smileys- twinkle twinkle.

Zwinkern ist fast so ekelhaft wie schmunzeln, behaupte ich.

Schmunzeln ist dann aber doch viel schlimmer, einigen wir uns nach kurzer Beratung. Es hat so etwas Connaisseurhaftes, das Schmunzeln. Etwas Überhebliches, von sich selbst Eingenommenes.

Zum Connaisseur gehört eine gewisse Kenntnis von Welt. Man muss das Elend erst einmal aushalten können, ehe man darüber schmunzeln und es sich in seiner Bräsigkeit gemütlich machen darf, sagt er Eine.

Kenntnis der Welt, korrigiert er kurz darauf diesen Blogbeitragsentwurf (ein Wort mit Perspektive), weil es sonst so heideggermäßig klingt.

Bist Du gegen Heidegger?, frage ich klug.

Wenn man heideggert, dann schon. `Heideggern sie nicht!´, sagte schon Heidegger zu seinen Studenten.

 

 

 

 

 

Bild: „St-Thomas-Kirche Berlin sw“ by User:Floriang – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:St-Thomas-Kirche_Berlin_sw.png#/media/File:St-Thomas-Kirche_Berlin_sw.png

Berserkern

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Der Kater stiefelt schnurstracks in die geöffnete Spülmaschine, die Katze ihm hinterher. Er scharrt, sie starrt, ich freue mich.
Frisch geduscht im Galahemd und kurz vor dem Zubettgehen fahre ich noch einmal richtig hoch. Der Hund vom Feuerwehrmann ist gestorben, schreibt er. Er ist traurig und ich überlege mir, wie ich dem Lebensretter etwas Gutes tun könnte. Kuchen! Mir fällt immer zuerst Kuchen ein, wenn ich Männer aufheitern möchte, aber ich kann leider nicht einmal backen. Der erste Versuch, vor vielen Jahren, fiel so jämmerlich aus, dass ich es sofort wieder aufgegeben habe. Sitzengeblieben ist er damals, der Kuchen und die mitfühlenden Blicke der Geburtstagsgesellschaft, angesichts meiner stümperhaften Dekorationsversuche, sehe ich noch heute vor mir. Kuchen wird es also nicht werden, oder wenn, dann gleich wieder vom Franzosen. Wenn schon stillos, dann stilvoll.

Was bin ich dankbar, denke ich voller Dankbarkeit, weil ich in diesem Zusammenhang gar nicht oft genug dankbar schreiben kann, weil ich so überaus dankbar bin, was bin ich also so dankbar, dass das kleine Tölchen noch bei mir bleiben durfte und ihr Körper sich wieder beruhigt hat. Danke!
5 Mal täglich bekommt sie Seelachs mit Hokkaido und es geht ihr gut, solange sie abends brav ihre Tablette nimmt. Ein echter Luxushund ist aus dem spanischen Straßenköter geworden, aus der Müllfresserin und Dreckwälzerin. Die Ausschlussdiät füttere ich seit 5 Wochen. Damit ist sie über den Berg, sagt die Ärztin, die Bauchspeicheldrüse sollte jetzt nicht mehr mucken.

Statt mucken wollte ich eigentlich`ausflippen´ schreiben, ein Verb, inzwischen beinahe so ungebräuchlich wie etwa die Redewendung `im Dreieck springen´. Diese, so verrät der Duden-Newsletter, hat ihren Ursprung in Berlin Moabit, genau genommen in dem dortigen preußischen Mustergefängnis, das Wilhelm IV. (bei römisch IV blinkt sofort das Hartz-Lämpchen in meinem Kopf) Mitte des 19. Jahrhunderts errichten ließ. Der Freigang, der in Isolationshaft sitzenden, Gefangenen, hatte eine Größe von nur 10 qm, in der Form eines Kuchenstückes (Dreiecks), welches durch hohe Mauern von den weiteren 19 Kuchenstücken getrennt war, die zusammen einen Kreis, einen der so genannten Spazierhöfe, bildeten. Bei soviel Enge, Einsamkeit und Bewegungsmangel flippte der Eine oder Andere schon mal aus und sprang in seinem Dreieck umher.

Interessant ist, dass der Berliner Tierschutzverien in Falkenberg die Idee der Spazierhöfe, sowie der Zellen für die einsitzenden Hunde scheinbar aufgegriffen, und das Tierheim nach dem gleichen Prinzip gestaltet hat: voneinander getrennte Kuchenstücke, die zusammen einen Kreis ergeben. Als Betonfan bin ich schwer begeistert von diesem ungewöhnlichen Bau.

Alternativ, bzw. synonym, zu dem Verb ausflippen (to flip out), bietet der Duden, unter anderem, `sich aus den Fesseln befreien´ und `sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm stellen´ an. Im Zusammenhang mit den rasenden, schnaubenden, tobenden, durchdrehenden, explodierenden, berserkernden, austickenden Outlaws, die unter ihrem kleinen Himmelsdreieck lamentierend und lärmend nach Leben lechzten, scheinen mir diese Bilder sehr passend.

Fabelhafte Sprache.

Es ist Sonntagmittag. Der Fisch für die kommende Woche ist fertig gekocht und entgrätet, Töle wedelt seit Stunden im Takt dazu, den Kater habe ich mit Huhn bestochen und die Sonne kitzelt mir während meiner fürsorglichen Verrichtungen verführerisch in der Nase. Gleich werde ich zur großen Runde aufbrechen, in den wunderbaren weiten Himmel über Berlin blicken und dezembral chillen.
Früher, bei den Dinosauriern, hieß chillen übrigens noch entspannen. Dazu mehr ein andermal, in meiner noch zu launchenden Rubrik Aus grauer Vorzeit (coming soon!).

 

 

 

 

 

Farbbild: „Tierschutzverein Bln-Falkenberg“ by Tilman Kluge. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tierschutzverein_Bln-Falkenberg.jpg#/media/File:Tierschutzverein_Bln-Falkenberg.jpg

Gänsefüßchen

Kinderen met een jonge leeuw (welpje) in een Nederlandse dierentuin, jaren '60.

Nicht mit und auch nicht ohne.
Man mag all diese abgegriffenen (vernutzten) Redewendungen, Begriffspaare, das übliche Laberzubehör gar nicht mehr benutzen. Doch neues herzustellen (da spricht die Produktionsgesellschaft) anzufertigen, zu erfinden und zu verteilen wie Flugzettel (Flyer), ist ein so mühseliges Unterfangen, zumindest dann, wenn man verstanden werden möchte, dass man am besten gleich die Flinte ins Bockshorn jagt.

Man bin in diesem Falle ich. Icke, für die Berliner unter uns und moi für die Franzosen.
Trauer, Entsetzen, Horreur indes sind international. Katastrophen und Ausnahmezustand auch, zumal wenn sie in Europa stattfinden, passieren, sich ereignen.

Menschen kommen ums Leben, werden ihres Lebens beraubt (was bleibt ihnen dann noch?) sterben, werden getötet, verrecken, krepieren. In Kriegen, kleinen wie großen. Manche landen schon als Säuglinge in Blumenkübeln. Andere rauchen ohne Unterlass und werden, bei klarem Verstand, 96 Jahre alt.

So geht das.

Es gibt nichts zu relativieren. Traurig, entsetzlich, furchtbar ist das. Die Antwort in Form von Bombardements ist schrecklich und wird nicht zu mehr Frieden, pace, peace führen.
Was passiert ist, wird auf Kosten unserer viel besungenen beschworenen Freiheit gehen und zu noch mehr Kontrolle, Überwachung und Einschränkungen führen, begründet mit der Wahrung unserer Sicherheit, die ich jetzt in Anführungszeichen (Gänsefüßchen) setzen müsste, um anzuzeigen, dass ich ironisiere.
Ironie entlarvt, kennzeichnet, markiert den Connaisseur als solchen. Sie zeigt, wer es drauf hat und besser weiss als die Idioten ringsum. In Verbindung mit ach so (örks) weisen, gestanzt-genormten Formulierungen, ist sie mir zuwider wie corned beef oder ehemals Sarah Kuttner.
Sie kotzt mich*, die Ironie, weil sie schon per se den Sprechenden ins Recht setzen soll, und den Besprochenen ins Unrecht.
Man könnte ganz unverbrämt mit Gernhardt sagen:  Du viel dumm, ich viel klug, hugh.
Aber dafür ist man halt zu schlau und gebildet.

Wieso nicht gleich jemandem in die Fresse, Schnauze, Visage schlagen, treten, dreschen? Zum Beispiel, weil falsche Hautfarbe, Schienenersatzverkehr, schlechtes Wetter oder weil ein dummer Mensch anderer Meinung ist, einfach so. Das möchte man doch eigentlich, aber Gewalt wäre viel zu primitiv, vulgo animalisch und nicht nur das gepflegte Selbstbild nähme Schaden, nein, auch der Ruf, die Reputation etc. etc. litten darunter.

Europa und die USA enthaupten nicht. Hier leben keine Barbaren. Wir schicken Flugzeuge und Drohnen oder drehen den Geldhahn nach Gusto auf oder zu.

Ich habe übrigens nicht zu allem eine klare, eindeutige Meinung, auch wenn es hier so klingen mag.
Im Gegenteil: mir gehen die Leute auf den Zeiger (Wecker, Zünder), die immer über alles Bescheid wissen oder jetzt gerade gelähmt vor lauter Fühligkeit in Tränen ausbrechen. Das sind die Guten. Die Guten lieben das Leben und die Bösen bringen den Tod. Die bösen Unmenschen, gegen die wir schon seit 14 Jahren kämpfen, in einem Krieg, der bereits lange zuvor gesät worden war.

Wann wird das aufhören?

 

 

 

 

  • unbedingt ohne „an“!

Potztausend

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Alles ist irgendwie geil oder krass oder sogar voll geil und voll krass. Manchmal auch voll süß. Katzen zum Beispiel.
Früher sagte man noch Potztausend, sagt der Eine und wippt mit dem Fuß.
Der Duden, so erfahre ich beim sofortigen Nachschlagen, stuft diese Interjektion als veraltet ein und schlägt synonym dazu das topmoderne Donnerwetter vor.
Potztausend, so lese ich weiter, wird im Duden gefolgt von Poudrette. Einem Wort, in das ich mich auf Anhieb rein verliebe, wie mir auch Frauennamen, die auf ette enden, schon immer eine Freude waren.
Henriette, Antoinette, Alouette.

Die Poudrette (auch der Poudrette) ist nun aber was?
Ein Wort so zart und duftig wie  präprandialer Puderzucker für die verwöhnten Schnuten der adretten Etten, entpuppt sich als überaus bemerkenswerte Bezeichnung für, durch Verbrennung in patentierten Feuerklosetts gewonnenen, Fäkaldünger.

Äch…

Hängt man nun an den Fertilitätspuder ein it an, so gewinnt man im Handumdrehen einen seltenen und wertvollen Halbedelstein, den Poudretteit.
Wunderbare Welt des Duden.

Bild: Rob Lavinsky, iRocks.com – CC-BY-SA-3.0 [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

You Only Live Once

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Flüchtlinge soll man nicht mehr sagen, erzählt mir B. Sagt wer? Sagen die Linken, sagt sie, denn das ist irgendwie schlecht. Weil: Worte die auf -ling enden, so wie Schreiberling oder Mickerling Mist sind. Abschätzig.
Andererseits: Keimling, Zwilling, Zögling, Schößling (Schössling sagt der Duden, Kommt von schießen und nicht von Schoß. Eine weitere Entzauberung am frühen Morgen. Aus dem Schoße der Pflanze wuchsen sie bislang, die kleinen zarten Triebe. Jetzt schießen sie aus dem Stamm oder Stengel oder Stängel sogar, rücksichtslos und lebensgeil. YOLO!).

Neuling, Zeltling, um die Reihe fortzusetzen.

Flüchtling ist also falsch jezze, werde ich belehrt. Wer es ernst meint sagt Refugee und veranstaltet himmelsschrammelnde Hinterhofkonzerte für die ehemaligen Flüchtlinge. Klandestin, im Dunkeln, gegen Faschismus und Grenzen.
Die zufällig vorbei fahrende Polizei bleibt stehen, steigt aus, ohne Dienstmütze. Stehen sie da und kratzen sich am Kopf und hören immer nur Refugees welcome und die Gitarre wimmert und der Verstärker jault, aber zu sehen ist niemand, und stemmen die Hände auf die Hüften. Ratlos. Warte mal, noch nicht funken. Besucher der Veranstaltung werden von den Beamten abgefangen und bei der Einschätzung um Hilfe gebeten. Is dit wat künstlerischet? Ja, ja, brummel, nicknick, torkeln die Halskrausenbekifften von dannen.
Das ist doch bierernst und politisch und links dazu, denke ich, aber mich fragt ja keiner, muss an dem Hund an meiner Seite liegen, und die Bullen sind auch erstaunlich nett, man wundert sich, doch wo sind die Refugees?

In der Theaterwelt setzt sich mehr und mehr das Gendersternchen gegenüber dem gender gap durch, erzählt B. weiter. Sie weiß das, denn sie ist vom Fach. Küntler*innen treten da auf. Das Sternchen spricht sich als Pause und steht für all die anderen Zeichen, die dort noch eingefügt werden könnten (um sämtliche Geschlechter der Welt zu repräsentieren, denn wer nicht benannt werden kann, den gibt es gar nicht. Kein ding sei wo das wort gebricht.). Selbst der Friedrichstadtpalast kann das inzwischen. Zu lesen auf BVG-Bussen und in aktuellen Programmheftchen.

Der (dem) aufmerksamen Lesx wird nicht entgangen sein, dass ich weder über Flüchtlinge schreibe, noch gendere. Wer dahinter Desinteresse vermutet liegt falsch. Während die Genderdebatte mir tatsächlich nur (noch) ein müdes Achselzucken abringt, beschäftigen mich die massenweise Flucht und die ihr vorausgehenden und nachfolgenden, damit verbundenen Schicksale umso mehr.

Ich denke viel darüber nach, spreche mit Freunden und dem Einen, bin entsetzt über Heidenau, über Leichen in Transportern und über Ertrinkende (diesen Satz schreibe ich nun zum zweiten Mal. Anstatt ihn von weiter unten im Entwurf zu kopieren, tippe ich ihn Buchstabe für Buchstabe hier hinein, weil ein Unbehagen, ein Aberglaube mich davon abhält einfach zu kopieren und zu pasten. Nicht bei diesem Thema, hier mal nicht. Das nützt den Refugees sowenig wie ein Hinterhofkonzert im Dunkeln, wie es den Holocaustopfern nicht helfen wird, dass seit neuestem ein Wachdienst dafür Sorge trägt allzu ausgelassenes Treiben auf dem Stelenfeld zu unterbinden. Trotzdem: soviel Zeit und Anstand und Pietät muss sein. Wenigstens einen Satz doppelt schreiben, sich wenigstens am Mahnmal zusammen reissen. Überhaupt mal irgendetwas machen, und sei es nur die Tastatur bearbeiten, während im erstaunlich großen Mittelmeer weiterhin die Menschen, Kriegs- und Armutsflüchtlinge, ertrinken, landesweit Asylunterkünfte angezündet werden und in der S-Bahn auf osteuropäische Kinder uriniert wird).

Ich schaue sprach- und tatenlos zu.

Unter der Weltzeituhr am Alex verweilt eine Gruppe junger Frauen. Sie trinken Kaffee und lachen. Ihre langen Haare glänzen in der Sonne. Jede von ihnen hat eine Primark-Tüte in der Hand.
Milk kills, steht auf  dem T-Shirt der einen, Refugees welcome auf dem einer anderen. Darunter zeichnen sich ihre runden Brüste ab.