Engelberg

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Mein Großvater war Bankdirektor und zog in die Schweiz um nicht in Frankfurt erschossen oder von seinen Enkeln entführt zu werden. Natürlich hätten wir ihn auch in der Schweiz hopps nehmen können. Haben wir aber nicht.
In die Schweiz fuhren meine Eltern immer nur im Winter und während sie mit der reichen Verwandtschaft Champagner schlürften, Beluga-Kaviar aus der blauen Dose löffelten und in Abendgarderobe im großelterlichen Wohnzimmer saßen, aßen wir Kinder Pommes bei Coop und tranken, angenehm unbeaufsichtigt, literweise Cola dazu.  Tagsüber sollten wir Ski fahren lernen, autodidaktisch versteht sich, bekamen aber aus Gründen der protestantischen Lebensführung kein Lifttcket und hatten schon bald den Kragen derart voll davon, mit kalten Füßen in zu engen, geliehenen und tonnenschweren Skischuhen und mit geschultertenm Kreuz Brettern, den Berg hinaufkraxeln zu müssen, bloß um nach einem so mühselig wie schmachvollen Aufstieg (über uns die Sessellifte mit den beinebaumelnden Häretikern) läppische drei Minuten lang, unbeholfen mit den Armen rudernd, abfahren zu dürfen, dass ich die Skier gegen einen einfachen Holzschlitten tauschte, mit dem ich wieder und wieder gegen das Gemäuer des alten Klosters am Fuße des Idiotenhügels rauschte. Ich stellte mir vor, dass die Benediktinermönche, die dort lebten, eingeschneit von dicken Flocken und versunken in ihr Zwiegspräch mit Gott, ein leises Rumsen hören und sich für einen Moment verwundert an die rosawangige, rufende Welt da draußen erinnern würden, deren Echo längst in ihrer Seele verhallt war, ehe sie sich wieder ganz und gar ihrem Glauben hingaben. Der Gedanke gefiel mir so gut, dass ich meinen Bruder bat, sich zu mir auf den Schlitten zu setzen und mit mir gemeinsam den Hang hinunter zu rodeln, um so die Wucht des Aufpralls zu verdoppeln.
Am Abend waren wir übersät mit blauen Flecken.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Kloster Engelberg
Lizenz: alle Rechte vorbehalten

Weite suchen/ Jucken lassen

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Es ist an der Zeit, denke ich, während ich mich bemühe ein Zeugnis für eine ehemalige Mitarbeiterin zu schreiben, die in den Norden gezogen ist, es ist an der Zeit die Zelte abzubrechen und etwas Neues zu beginnen.
Ein persönliches Zeugnis hat sie sich gewünscht, anders als die üblichen floskelhaften Beurteilungen, die man guten Mitarbeitern gemeinhin mit auf den Weg gibt. Wörter wie wohlfühlen und angenehm sollten darin vorkommen, sagt sie, und sie möchte es nicht selbst formulieren, ich soll das bitte für sie schreiben, so, wie ich es für richtig halte. Und obwohl ich mich tatsächlich sehr wohl gefühlt habe mir ihr, weiss ich beim besten Willen nicht, wie ich das halbwegs professionell, dabei aber persönlich und gleichzeitig aussagekräftig und unmissverständlich ausdrücken könnte. Ich bedaure ihren Weggang sehr. Es wäre schön, sie käme zurück. Sie war eine überaus angenehme Mitarbeiterin. Herzlich, fröhlich, zuverlässig, engagiert und verantwortungsbewusst. Klingt das nicht eher nach einer netten Betriebsnudel, die nichts auf die Reihe gebracht und die man deshalb weggelobt hat?

Ein gefühlvolles Zeugnis zu schreiben ist eine echte Herausforderung. Den entspannten Spagat zwischen `let go´ und `schön war die Zeit´ beherrsche ich leider nicht. Weder im Beruf, noch im Privatleben.
Es wird Zeit etwas Neues zu beginnen, denke ich, am Liebsten anderswo und am Besten ganz anders. Dabei stecke ich längst mitten drin in dem Neuen, stehe aber gleichzeitig noch mit einem Bein im Alten, dem Trägen, dem Vergifteten. In einem feindlichen Wohnumfeld, in dem ich auf Dauer nicht friedlich werde leben können.

Es regnet, tropfnass und gelb sind die Blätter des Bambus. Die Vermieterin hat ihre Drohung wohl tatsächlich wahr gemacht, Sie hatte die „Entfernung“ des Bambus angekündigt und drei Tage später ging das Sterben bereits los. Die Katze, die ein Blatt des siechenden Grases gefressen hat, kotzt sich seit Tagen blutigerweise die Seele aus dem Leib während ich, vor lauter Hilflosigkeit, inneren Voodoozauber betreibe, im Geiste  Drahtseile quer durchs Treppenhaus spanne und mir vorstelle wie die boshafte Vermieterin, die mich seit zwei Jahren piesackt und deren gehässige Gesichtszüge mehr und mehr jenen einer bösen Hexe zu gleichen scheinen, die Treppe herunter geschlurft kommt, es plötzlich rumpelt, dann einen harten Schlag tut und endlich Stille ist. Dann sehe ich mich, wie ich aus meiner Wohnung heraustrete und ihr lächelnd ein Pflaster für ihr blutiges Kinn anbiete. Sie hat die Wahl zwischen einem schwarzen mit Totenköpfen  oder einem mit einer aufgemalten, haarigen Warze darauf.

Ich habe wahrlich keine Neigung zu Gewaltphantasien und es erschreckt mich, dass diese Frau derartige Gefühle in mir weckt. Sie möchte mich um jeden Preis aus dem Haus ekeln und bedauerlicherweise schafft sie es, nicht nur die Atmosphäre, den Boden und meine Katze zu vergiften. Es gelingt ihr obendrein, das Gift in meine Seele zu träufeln und üble Gedanken in mir zu erzeugen, mit denen ich mich noch schlechter fühle als so schon.

 

Es müsste etwas Neues beginnen, etwas, das den Abschied leichter machen würde, denke ich. Irgendwo in einer Gegend mit einem breiten Fluss. Oder mit Bergen. Oder dem Meer. Idealerweise ohne Nachbarn. Vielleicht mit einem Schäfer und seiner Herde. Als Nabelschnur behielte ich ein Zimmer in Berlin, zumindest eine Zeitlang. Und für die Katzen fände sich bestimmt auch ein schönes neues Zuhause. Unbeschwert von allem, was mich hier hält und quält, nähme ich meinen kranken Hund unter den Arm und suchte das Weite.

 

 

Beinahe unerträglich jucken noch immer die Mückenstiche vom Pfingstmontag. Ich kratze und kratze und kratze und kann nicht aufhören damit. Blutig verschorft sind inzwischen schon meine Beine, doch es juckt lustig weiter. Nicht einmal, als ich vor Jahren einen steilen Hang herunterradelte, die Bremsen meines Rades versagten,  ein Maschendrahtzaun meine Fahrt stoppte und ich kopfüber auf eine mit Brennesseln zugewucherte Brache stürzte, hat es mich so gejuckt. Und das will was heissen.

Es hört erst auf zu jucken, behauptet die Theaterfrau, wenn du nicht mehr daran herumkratzt.
Ich wünschte das stimmte, gälte für alle Malaisen und ich wäre überdies die Großmeisterin der Selbstbeherrschung und des entspannten Juckenlassens.

 

 

 

 

 

Bild: Mont Saint-Michel, Jérome Vervier, flickr
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over me

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Am Morgen erwache ich mit einer Textzeile im Ohr und sehe mich am Frankfurter Ostbahnhof unweit meiner Schule mit A. auf einem Mäuerchen sitzen. Er pafft. Ich schaue ihm zu und denke an meine Mutter, wie sie mit tiefausgeschnittenem Negligé am Frühstückstisch sitzt, eine Zigarette in der linken Hand, vor ihr eine halbvolle Tasse Filterkaffee.

Ich bin 12 Jahre alt und habe vor wenigen Wochen meine erste LP gekauft. Einzelne Liedfetzen gehen mir im Kopf herum. Hey, hey, you, you, get off of my cloud.
Als er ferig geraucht hat, steht A. auf, greift in seine Hosentasche und holt ein plattgesessenes Lederportemonnaie heraus, das an den Rändern rundgebogen ist. Er klappt es auf, zieht aus einem der Fächer einen Zeitungsausschnitt und reicht ihn mir mit einem Kopfnicken herüber. Liebe ist… steht da über einer Zeichnung mit zwei Figuren, einem Mann und einer Frau, die nebeneinander im Bett liegen, und darunter steht … jeden Tag mit Sonntagslaune zu erwachen. Ich weiss nicht was ich sagen soll und sage nichts.

Ein paar Wochen später sitzen wir auf der Mauer hinter der Post und rauchen, A.s Oberschenkel berührt meinen. Er legt den Arm um mich und sagt: Meine Eltern sind nicht Zuhause. Meine Füße brennen, als wir von der Mauer herunter auf den harten Boden springen. A. greift nach meiner Hand. Ich ziehe sie weg und binde, wie zur Erklärung, meine Schuhe. Wir gehen nebeneinander her in Richtung Röderbergweg, A. redet über Fußball und über die Mädchen in unserer Schule. Über Anke, die schon einen BH trägt.

Vor einem der graubraunen, grob verputzten Häuser bleibt A. stehen und holt einen Schlüssel heraus. Fast alle in meiner Schule tragen einen Wohnungsschlüssel bei sich. Ich nicht. Bei uns ist immer jemand Zuhause und falls nicht warte ich im Hof oder im Garten. Einmal saß ich mehrere Stunden am Fuße des Mammutbaums und schaute nach oben zu unserem Turm, in dem eine Leiche eingemauert ist und auf dessen Spitze eine Kugel aus Zinkblech steckt. Irgendwann kam meine Mutter vom Friseur zurück. Ich erkannte sie von weitem am Klang ihrer Absätze.

A. wohnt mit seinen Eltern in einer Genossenschaftssiedlung. In der Diele liegt graue Auslegware. Die Türen zu den Räumen sind geschlossen. Der Vorraum ist auf eine Weise aufgeräumt, wie ich es von Zuhause nicht kenne. Unsere Ordnung ist eher eine zufällige, hingeworfene. Diese hier ist grundlegend und sie riecht nach Putzmitteln und Seife.
A. zieht seine Schuhe aus, ich folge seinem Beispiel. Dann öffnet er die Türe zu einem der Zimmer. Es liegt im Halbdunkeln, die Rolläden sind herunter gelassen und an der Stirnseite befindet sich ein breites Bett mit einem regalartigen Aufbau am Kopfende. Ein Dutzend Bücher, alle etwa gleich hoch und dick, stehen darin, daneben ein schwarzer Radiowecker mit roten Leuchtziffern. A. macht eine kleine Lampe an und nun sehe ich, dass der Bettrahmen und der Aufbau komplett mit pfirsichfarbenen Samt bezogen sind. Ein glänzender Steppüberwurf in der gleichen Farbe liegt auf der Matratze, die Volants reichen hinunter bis zum Boden und erinnern an die Toilettenpapierumhäkelung in der Gestalt einer Flamencotänzerin, die man auf manchen Autoablagen sehen kann.

Setz dich zu mir, sagt A. der sich wie selbstverständlich aufs Bett gelegt hat und ich setze mich zu ihm. Die Matratze sinkt ungewohnt stark ein und ich rutsche ein Stück nach hinten um nicht abschüssig zu sitzen. A. streckt einen Arm nach mir aus und legt ihn um meine Taille, den Daumen hängt er in den Bund meiner Jeans ein, unsere Haut berührt sich. Ich fühle mich unwohl. Eine Weile geschieht weiter nichts. Wir schweigen, er liegend, ich sitzend, sein Daumen kreist auf meinem Bauch. Irgendwann richtet A. sich auf und streift zuerst seinen Pullover und dann das T-Shirt darunter ab. Ich ignoriere das so gut ich kann und schaue mir die Buchrücken des Bücherdutzends an. Unbezähmbare Angélique steht dort, oder Angélique und Ihre Liebe, daneben Angélique und die Versuchung und als letztes in der Reihe Angélique triumphiert.
Zieh dich aus,
sagt A. jetzt und guckt mich merkwürdig an. Ich bin unschlüssig was ich tun soll. Als er nicht aufhört mich anzustarren, ziehe ich meinen Pullover aus. Das T-Shirt auch, fordert A. und legt nun eine ganze Hand auf meinen Bauch.
Ich möchte nicht, antworte ich, da greift A. von hinten um mich herum und schiebt mein T-Shirt mit beiden Händen nach oben. Mit einem Ruck hat er mich aus dem Sitzen ins Liegen gerissen und mir mein zwei Handgriffen das Hemd ausgezogen. Wenn ich wie die C. Ohrringe trüge, hätte er mir jetzt das Ohrläppchen eingerissen, denke ich. A. setzt sich auf mich, fährt mit beiden Händen an meinem Körper hoch und runter und stößt mit seinem Becken gegen meines. Seine Augen sind glasig und seine Unterlippe hängt ein wenig. Ich schaue ihn an und spüre weder Angst noch Anspannung. Eher so etwas wie Verwunderung. Auf eine merkwürdige Weise erinnert er mich an unseren Graupapagei, wenn er, auf der Stange sitzend, mit dem  Kopf auf und ab wippt und um unsere Aufmerksamkeit buhlt.

Nach einer Weile, ich weiss nicht wieviele Minuten inzwischen vergangen sind, lässt A. sich auf mich sinken und ich spüre seine dampfige Haut auf meiner. Seine Beckenbewegungen werden härter und meine Hüftknochen schmerzen darunter. Grunzend beisst er in meinen Hals. Der Geruch von Speichel dringt in meine Nase und ich denke an einen Nachmittag mit unserer Nenntante im Günthersburgpark. Wir hatten Brötchen mit Esszettschnitten gegessen und sollten anschließend in ein Stofftaschentuch spucken, damit sie unsere Gesichter abwischen konnte. Mich ekelte davor.
A. sackt zusammen und bleibt regungslos auf mir liegen.  Ich warte einen Moment, bis ich sicher bin, dass es vorbei ist. Dann schiebe ich ihn weg, stehe auf und ziehe mich an.  Vor der Haustüre schlüpfe ich in meine Schuhe.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Tobi Gaulke, Oerlikon Walk, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Im Unterholz

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Wird´s regnen, Treiber?
Ja, auf dich.

Bestform heisst das Ziel. Für den Hund, für mich und die Katz´.

Zweifel ist etwas ganz anderes als fehlende Hoffnung, so lerne ich,  geistesgeschichtlich betrachtet. Hoffnung ist ein christlicher Begriff und hat, auch dann, wenn sie fehlt,  nix zu tun mit der pyrrhonischen Skepsis.

Eins weiss ich ganz genau: so stringent und geschichtsaufgeladen werde ich nie denken.

In other words.

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Samstags kommt der Arzt zu Besuch. Ein ganz besonderer Service. Als ich ihn google  im Internet suche, stelle ich fest, dass er der Neffe eines bekannten Mannes ist. Ein Name, so ähnlich wie Uhlenbusch, doch die Sendung kam Sonntags, wie auch die Waltons am Tag des Herrn über den Bildschirm flimmerten. Mein frühkindlicher Weltschmerz, ausgelöst durch John-Boy und den Briefträger Heini, zog sich bis weit in die Adoleszenz hinein. Selten, ganz selten ereilt er mich auch heute noch in dieser Wucht. Je verhangener der Himmel, umso besser stehen die Chancen.

Der Arzt und ich trinken Cappuccino. Wir reden über die Hunde, seiner, ein Teckelchen, ist bereits 19, und über Smartphones. Stell Dir vor, 920 Bilder pro Sekunde! Man kann einen Tropfen zerplatzen sehen. Am Liebsten fotografiert er frisch gezapfte Biere. Ich betrachte die Galerie und versuche mich zu erinnern wie lange mein letztes Hopfengetränk zurück liegt. Fünf Jahre? Für die Weiterbehandlung der angschlagenen Katze gibt er mir gute Tipps. Budesonid statt Decortin, wirkt wo es soll und hat weniger Nebenwirkungen.
Gegen Ende unserer Unterhaltung macht er mir noch ein schönes Kompliment:  Du hast eine so aufrechte Wirbelsäule, weil Du ein Mensch mit Haltung bist.

Ich glaube er färbt die Haare.

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Der Kanzler hat sich für das nächste Wochenende angemeldet. Aus dem Familienfundus wird er ein Kindertagebuch mitbringen, geschrieben zwischen 1914 und 1918. Ein guter Grund sich Sütterlin anzueignen. Wer weiss, wofür ich das noch gebrauchen kann, in unserer gläsernen Zukunft. Früher nutzte ich die kyrillische Schrift um Geheimnisse für mich zu behalten. Sowas wie: Эрик, я люблю тебя oder Панк не умер

Russisch hatte ich überhaupt nur belegt, um meine Familie zu brüskieren. Die DDR-Fahne in meinem Jugendzimmer  diente dem gleichen Zweck. Doch meine Eltern scherten sich nicht darum. Sie hatten genug mit sich selbst zu tun und ihr Erziehungsstil pendelte zwischen autoritär und laissez-faire, je nachdem, wie es um ihre Ehe stand.

Ein Besuch beim Großwesir-Patenonkel, gleiche Zeit,  kommt mir in Erinnerung. Villensiedlung auf dem Bad Vilbeler Heilsberg. Ich habe mich abgesetzt und stehe rauchend im Wald, Beedies. Mein Halstuch ist getränkt mit Patchouli. Ich trage  ein schwarzes Nadelstreifjackett über löchrigen Bundeswehrhosen, dazu Herrenschuhe aus den 60ern, die aussehen wie Krieg und Kartoffelschalen-kochen. Meine Cousinen, alle 5 blond, sind die lieblichsten Wesen der Welt. In leichten Kleidchen springen sie durch den Garten. Sie legen eine Amsel in ein Grab. Die 100ste,  die ihr Leben an den riesigen Panoramascheiben der marmornen Villa verloren hat.
Auf der heißen Milch am Abend schwimmt Haut. Ich habe Angst, dass meine Eltern sterben und ich fortan bei der Großwesirs-Familie leben muss.

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Das war früher. Heute kostet 1 Liter  Druckertinte, abgefüllt in Epson-Patronen,  7.998 Euro, erhältlich beim Mediamarkt in Berlin-Steglitz.

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(Quelle: deppenklatsche, twitter)

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Heute erhalte ich von der abgelehnten Bewerberin eine Hassnachricht, die ihresgleichen sucht. Einmal im Strahl auf die Tastatur gekotzt und anschließend auf Senden gedrückt. Heiße Wut quillt aus dem Display, direkt auf meine Hände. Das macht mir etwas aus, auch wenn es nicht sollte. Ich hab Respekt vor dem entfesselten Furor einer Gekränkten.

 

 

 

Bild: Cloudtail the snow leopard, tiger im unterholz, flickr
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Chiffon, nonchalant

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Unbeschwerte Zügellosigkeit

Zur Vermeidung der weiteren Offenbarung privater Details, könnte ich mich in diesem Blog darauf verlegen, nur noch über´s Bloggen zu bloggen. Ganz und gar selbstreferenziell auf die tantenmäßig langweiligste Art (ich darf das sagen, ich bin selber eine).
Ich könnte mich beipielsweise darüber auslassen, wie gut der Rückhalt durch ein wohlwollendes (Blog-)Publikum tut, wenn man das anfasst, was man früher als heißes Eisen bezeichnete und heute irgendwie anders nennt (wie eigentlich? Brisant?).
Hier in meinem angestammten Blog kann ich z.B. getrost erzählen, dass die Schauspiellehrerin mir von der Weigerung ihrer (Privat-)Schüler berichtete, ein Stück einzuüben in dem das N-Wort vorkommt, gleichwohl das Stück in kolonialen Zeiten spielt und die Kolonialherren und Sklaventreiber bekanntermaßen nicht poc oder woc sagten, sondern Neger.
Das Wort zu benutzen findet heute niemand kaum jemand, nur noch 8 % der Bevölkerung gut und mir fällt es überaus schwer, es überhaupt so nonchalant hinzuschreiben. Drüben im Versuchsblog würde ich das überhaupt nicht wagen. Doch hier wähne ich mich einigermaßen in Sicherheit und hoffe auf Verständnis dafür, dass die zu erzählende Geschichte diese Ausdrücklichkeit ausnahmsweise erforderlich machte.
Möglicherweise, so denke ich, habe ich mir über die Jahre vielleicht einen klitzekleinen Bonus zusammengeschrieben und die hier Mitlesenden ahnen, dass ich nicht rassistischer bin, als die Zeit in der ich lebe, und dass ich, wenn ich diskriminiere dies meist durch positive Zuschreibungen tue. Durch zweischneidige Bewunderung für sogenannte Randgruppen (die ich förmlich vor mir sehe, wie sie so am Tellerand stehen, kurz vor dem Sturz ins Bodenlose).

Die Schauspielschüler wollen also nicht das N-Wort aussprechen und können deshalb kein Stück aus der Kolonialzeit einstudieren und somit auch nicht auführen.
Aus ihrer eigenen Blase heraus zu treten und in die Welt zu blicken, die ihnen den Weg bis hierhin bereitet hat, verursacht ihnen schlimmes Unbehagen und die Schauspiellehrerin muss sich, um weiterhin ihr Brot verdienen zu können, dem Wunsch und Willen der Schülerschaft beugen und nur noch moderne Stücke, ohne Reizworte, mit ihnen einstudieren, denn der Kunde ist König und die Vergangenheit lässt man besser ruhen. Oder man benennt sie um.

So, wie ich mein Blog, könnte ich jetzt noch hinzufügen, um irgendwie den Bogen zu spannen zum Anfang des Textes.

 

Liebe Lesers, es ist schön, dass Ihr hier seid!

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

über Bande

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Vier Beiträge stehen in meiner neuen Blogbaustelle und tatsächlich verzeichne ich dort in der geheimen Fremde bereits 70 Aufrufe aus dem großen weiten und ewig rätselhaften Netz. Doch niemand spricht zu mir, krault mir den Kopf und sagt: Huhu, ich bin´s.
Das ist wie Peepshow und ich drin im Kämmerchen und alle anderen draußen und keiner gibt sich zu erkennen, korrekterweise erwähne ich hier auch mal die Keine, die sich nicht zeigt. Immer nutze ich nämlich nur die männliche Variante, Normalsprech der Ignoranten und der Müden. Selten bis nie gendere ich und jetzt aber doch mal, denn ich habe sie regelrecht vor Augen, die Keine und den Keiner, wie sie vor meinem neuen seelenlosen Blogverlies stehen und durch die schmalen Sehschlitze (jetzt wieder Peepshow vorstellen) schmulen, um zu schauen, was die Fremde dorten so treibt.
Die hockt mothersoulen in dem unmöblierten Raum, hat einen Block auf ihren Oberschenkeln und schreibt einen Brief an Keine und Keinen. Denn ohne Publikum kann sie nicht. Mindestens vorstellen muss sie sich eines, doch unerwartet unbeholfen bleibt dieses Schreiben, dem die Heimat der Zeit, des Ortes und der Menschen fehlt und Mothersoul fragt sich, ob sie die Kraft und überhaupt den Willen hat und aufbringt, ein neues Zuhause zu erschaffen und es mit Liebe und Leben zu bevölkern (quasi als 1-Personen-Volk, inklusive Richter und Henker) oder ob sie zurück kehren sollte in die entweihten Räume, wo Keiner und Keine über die Jahre zu vertrauten Größen geworden waren, die Tag für Tag hinter dem Gartenzaun oder vielleicht sogar am Fenster standen und in das Puppenhaus hineinschauten, bis drinnen die Lichter ausgingen, wo aber plötzlich Dieser und Jene mitten im Zimmer stehen, nachdem ihnen ihre Tarnkappe entrissen wurde, und schamlos jeden Schritt Mothersouls abfilmen.

Das Dilemma: der neue Ort ist ein Raum ohne Echo. In dem alten Salon sitzt die halbe Sippschaft auf der Bettkante, wenn der Bekannte und ich zur Nacht uns küssen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
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Schmuddellaube

Nach vorne leben und nach hinten verstehen.
Manchmal kommen mir kleine Teile unter, winzige Bruchstücke, Sequenzen, die eine Erinnerung um ein paar Grad drehen, eine neue Perspektive eröffnen, eine Erfahrung von einer anderen Seite beleuchten und ihr damit eine Wendung geben, ein anderes Antlitz. Plötzlich fügt sich etwas in das Gesamte ein, was zuvor solitär und scheinbar ohne Sinn dastand. Oder etwas löst sich aus seiner Ordnung heraus.

Einmal fand ich einen Zettel. Er lag in der Laube, in der wir manchmal herumstöberten, wenn wir von der Schule nach Hause trödelten. Die meisten Lauben in den Schrebergartenkolonien waren verschlossen. Diese aber stand stets offen. Sobald wir das verwilderte Grundstück erreicht hatten, auf dem sie sich befand, schauten wir uns um, um sicher zu gehen, dass niemand uns sah. Dann erst öffneten wir das rostige Tor, das windschief in den Angeln hing, und wateten durch das kniehohe Unkraut, das überall wuchs und das uns an den nackten Beinen kitzelte. Vor dem Häuschen lag schon seit Ewigkeiten ein umgekippter Gartenstuhl. Kleine Schlingpflanzen hatten ihre feinen Tentakel um die Stuhlbeine gelegt und sich durch das eingerissene Plastikgeflecht gefädelt. Es roch nach Sommer.
Die Laube selbst bestand aus einem Raum, der etwa 3 mal 3 Meter groß war. Der Türe gegenüber stand ein Tisch, auf dem sich zahllose Binding-Bierflaschen sammelten. In dem übervollen Aschenbecher gleich daneben, lagen zerdrückte Kippenstummeln, HB stand darauf, und die gepunkteten Filter sahen viel gelber, aus als die der Zigaretten, die meine Mutter rauchte. Der ganze Raum war dreckig, der Tisch klebrig und auf der Eckbank lag ein Stapel mit Zeitschriften, deren Seiten zum Teil wellig waren, als wären sie feucht geworden. Einige Seiten klebten zusammen. Die Hefte waren mit Fotos von nackten Menschen gefüllt, die mal lagen, mal standen, sich hier und da anfassten und sich dabei ernst in die Augen sahen. Ich fand das merkwürdig und irgendwie auch peinlich. Trotzdem oder gerade deshalb schaute ich mir die Hefte immer wieder an. Ich wollte ergründen wozu sie gut waren. Eine Handlung jedenfalls schienen sie nicht zu haben und lustig waren sie auch nicht.

Einnmal, als wir der kleinen Hütte einen Besuch abstatteten, lag plötzlich ein Zettel auf dem Tisch. Nur vier Worte standen darauf. Ich las sie,  zeigte sie meiner Freundin und wir kicherten. Dann steckte ich den Zettel in meine Tasche, wo ich ihn vergaß.
Erst Monate später entdeckte ich ihn beim Aufräumen wieder und weil Sonntag war und ich eine Etage tiefer die Klarinette meines Vaters klagen hörte, stieg ich die Treppe hinunter, öffnete die Türe zu seinem Arbeitszimmer und trat ein. Mein Vater, dessen Haar und Kleidung so schwarz waren, wie das Holz seines Instrumentes, zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als er mich sah und spielte weiter. Es hatte etwas Trauriges, etwas zutiefst und unrettbar Einsames, wenn er so ganz allein in dem zweckmäßig eingerichteten, kalten Raum stand und seiner Klarinette heisere Töne entlockte, während meine Mutter und meine Geschwister nebenan gemeinsam fernsahen. Er tat mir Leid. Um ihn aufzuheitern trat ich vor ihn hin und legte grinsend den Zettel auf den Schreibtisch. Mein Vater, halb in sein Spiel vertieft, schielte mit einem Auge auf das Stück Papier. Doch statt zu lachen, nahm er plötzlich das Instrument von den Lippen und sah mich an. Wo hast du das her? Seine Stimme klang verärgert. Ich spürte, dass ich etwas Dummes getan hatte, doch ich wusste nicht genau was es war. Also zuckte ich mit den Schultern und lachte verlegen.
Das ist nicht lustig, sagte mein Vater streng, griff nach dem  Zettel, riss ihn in viele kleine Teile und warf sie in den Papierkorb. Einen Moment noch blickte er mich an und es schien, als wolle er mich etwas fragen. Doch dann setzte er seine Klarinette an die Lippen und spielte weiter. Für ihn war das Thema erledigt.

Erschrocken über seine Schroffheit und die ungewohnte Strenge ging ich zurück auf mein Zimmer, hockte mich unter meinen Tisch und dachte nach. Ohne Ergebnis.

Viel später erst wurde mir klar, dass  der Zettel im Zusammenhang mit den Heftchen zu sehen und wahrscheinlich ein Code zwischen den Schmuddellaubenbewohnern war. Bestimmt nannten sie sich gegenseitig Mama und Papa, wie manche Paare das nach Jahren zu tun pflegten. Der Rest erklärte sich dann von selbst. Die Schrift auf dem Papier, daran gab es keinen Zweifel, war die eines erwachsenen Menschen gewesen.

Das keimende Verständnis allerdings warf eine neue Frage in mir auf: wie kam es, dass mein Vater nicht versuchte der Sache auf den Grund zu gehen? War man damals, in einer Zeit, als man im Auto selbst dann noch ungeniert paffte, wenn ein Kleinkind mifuhr, so arg- und sorglos? Hielt er mich für unverwundbar und gegen jede Unbill gefeit? Was dachte er sich, als ich ihm dieses Stück Papier auf den Tisch legte?

Man weiß es nicht. Doch um die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen und diese für Außenstehende sicher nur mittelmäßig interessante Anekdote endlich zu ihrem Ende zu bringen –

so in etwa sah der Zettel aus:

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Before it ends just tell me where to begin

Mit dem Finger deute ich auf ein Gericht in der Speisekarte und frage den Kellner ob es vegetarisch ist. Er nickt. Nach einer Weile kommt er aus der Küche zurück, beugt sich diskret zu mir herunter und raunt: Excuse me, what exactly do you mean by vegetarian?
Die drei Männer, die sich mit ihren breitkrempigen Strohhüten neben uns aufgestellt haben, unterbrechen ihr Geigenspiel. Ich schaue auf die rot-weiß gewürfelte Tischdecke und denke: Lettuce und Lompoc, so heißen die Dinge und Orte hier. Ringsum Wüste. Niemand weiß wo wir sind.
Die Aubergine erklärt dem Mann, dass ich keine Tiere esse.

Ich ess nix was ne Muddä hat, wird Moses Jahre später auf die gleiche Frage antworten und gemeinsam werden wir im Garten der Großherzogin einen Grand Cru Superieur zwitschern, der unsere Zähne blau einfärbt, bis der Morgen graut. Am nächsten Mittag werde ich mit dir am Main liegen und du sagst: schöne Schuhe, statt meine hautenge Hochzeitshose zu bewundern, die dort sitzt, wo sie sitzen soll und wo du deine Hände hast.
Wir werden diesen Nachmittag am Ufer verbringen in der ersten und letzten Hitze des Sommers und du wirst mir von deinem Job erzählen, von deiner Ehe, deiner Odyssee und dem Königsweg. Königswege haben es dir schon immer angetan. Wenn mir jemand den Kopf abbisse liebtest du mich noch mehr, denke ich und habe keine Ahnung was du mit Königsweg meinst.

Der Kellner bringt das Essen und stellt es mit feierlichem Ernst auf den Tisch. Nach der ersten Gabel nicke ich ihm zu und lächle. Er verbeugt sich und geht. Wie auf Kommando treten jetzt die Geiger, die sich seit der Bestellung im Hintergrund gehalten hatten, wieder an uns heran, legen das Kinn auf ihre Instrumente und fiedeln mit langsamem Bogenstrich liebliche Töne, süß wie Honig, in den überdekorierten, niedrigen  Raum. Wir sind ihre einzigen Zuhörer.

Im Auto lege ich die CD ein, nehme beide Hände vom Lenkrad und trete das Gaspedal durch. Hinter uns steigt Staub auf. Im Westen verbrennt die untergehende Sonne den Himmel.

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Musiik zum Text: Fiona Apple, Slow Like Honey

(youtube-Direktlink)

Inspiriert von: Dame.Von.Welt. (Danke!)

Bild: Death Valley, flickr,  Allie Caulfield
Lizent: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/