in den Birkenwald

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Der Unterfranke ruft an. Ich erkenne ihn am Klingeln.

Was gibt’s!, rufe ich herausfordernd in den Hörer.

Wo bist du?
, fragt er.

Wo könnte ich sein?

Weiss nicht.

Rate mal.

Woher soll ich das wissen.

Du hast mich auf Festnetz angerufen.

Sag das doch gleich.

Du Fuchs.

Was machst du?

Ich geh jetzt in den Birkenwald.

In welchen Birkenwald?

…denn meine Pillen wirken bald.

Verstehe.

Und wo bist du?

Das musst du doch wissen, du Fuchs. du hast mich angerufen.

Falsch. Du rufst mich gerade von deinem Handy an.

Verstehe.

Bist du auf der Insel?

Logisch.

Ich komm vorbei.

Na also. Mach hin.

 

 

Es gibt kaum etwas Beruhigenderes, als jahrein, jahraus das gleiche Gespräch zu führen.

 

 

 

Bild: flickr, (Ausschnitt , spiegelverkehrt,aus) Birkenwald gleich hinter der Stadtgrenze, Chris Heidenreich
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Okula girls

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Am Abend sitzen wir mit dem Kanzler in der Küche. Blut läuft ihm aus dem Mundwinkel, während er frei asoziiert, sich in Fahrt redet, abschweift und ausschweift und jeden Gesprächseinstiegsversuch des Bekannten mit ausgestrecktem Arm abwehrt. Ein Halbsatz und schon weiss er Bescheid.
Papa, dir läuft Blut aus dem Mund, sage ich.
Mit einer nachlässigen Handbewegung wischt er das dunkle Rinnsal weg und redet weiter. Es gibt nur eine Wahrheit; Leibniz. Das weisst du ja.
Die Scheisskirche und was er ihr am meisten verübelt: ihr Beten für Frieden, dem keine Taten folgen. Seine persönliche Evolutionstheorie, für die er gerne eines Tages einen Nobelpreis einheimsen würde, setzt den Menschen an die Spitze allen Seins, macht ihn zu einem Gott und gleichzeitig zum Ziel sämtlicher Entwicklungen der Vergangenheit.
Seine Suche nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein in der Welt geht auch nach dem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr unvermindert weiter.
Die Evolution macht uns alle zu Brüdern, sagt er, wir sitzen ganz vorne auf der Lok und das weite Land mit seinen wunderbaren Möglichkeiten öffnet sich vor uns.

Wegen des riesigen Blutflecks auf dem Kopfkissen hat er der Dame an der Rezeption 20 Euro gegeben, erzählt er am Morgen. Sie wollte nur 10 Euro, aber er befand 20 Euro für richtig.

Nachdem der Kanzler abgereist ist, packen der Bekannte und ich den maladen Hund ein und machen bei allerschönstem Märzenwetter einen Gang zum Marheinekeplatz, wo wir auf den Stufen neben der Kirche pausieren und hinüber blicken, zu dem Treiben vor den rotweiß gestreiften Flohmarktständen, die den Platz wie eine intakte Kinderwelt voller Eiscremwagen und Blechtrommeln aussehen lassen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich meinen Schal ablegen und meine Jacke öffnen muss. Der Frühling ist nun also wirklich auch in Berlin angekommen.

Der Rückweg führt uns durch die Fontane-Promenade über die Urbanstraße und vorbei an kleinen, sonnenbeschienen Backsteinhäuschen, die noch vor wenigen Jahren zum Urban-Krankenhaus gehörten und in denen nun eine wohl behütete und gut betuchte Eigentümer-Community, vis-a-vis des riesigen grauen Betonkastens, lebt. Eine Welt, so unwirklich wie der Timmendorfer Strand.

Am frühen Abend ruft der Kanzler aus Frankfurt an. Seine Rückfahrt war gut, doch leider wartete er am Hauptbahnhof vergeblich auf die U-Bahn. Schließlich bestellte er sich ein Taxi. Einer Mitwartenden, die das gleiche Ziel hatte, bot er an, sie mitzunehmen, doch sie lehnte ab.  Zuhause vor dem Badezimmerspiegel wusste ich dann warum, erzählt er lachend, mein ganzes Gesicht war blutverschmiert.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Kirche am Marheinekeplatz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Leo usw.

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Manchmal zeigt meine Blog- Statistk zwei fast gleich hohe Säulen nebeneinander. Und jedes Mal denke ich: Twin Towers. Und dann sehe ich eine Hand, die rasch ein Passagierflugzeug hinzeichnet das mit großem Tempo herangerauscht kommt und in die beiden Säulen kracht. Auf dem nächsten Bild rauchen die Überreste der zusammengestürzten Türme in den weiß-blauen WordPress-Himmel hinein und sind jetzt nur noch so hoch wie 150 Seitenaufrufe.
Ich wünschte ich würde mal was anderes denken und sehen können, wenn ich an zwei Tagen hintereinander die gleiche Zahl an Aufrufen habe. Wie war das bloß vor dem 11. September 2001? Was wäre mir da eingefallen?

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Ich habe heute eine halbe Monatsmiete (warm) für die Welthungerhilfe gespendet. Das kam so: ich frühstückte, bzw. trank einen fairtrade-Cappuccino. Dabei blätterte ich ein wenig im Internet herum und sah ein verhungerndes Baby, dem mein fairtrade-lifestyle-Ablass offenbar noch nicht zugute gekommen war. Ich las, dass in Ostafrika und im Sudan derzeit weit über 1 Mio. Kinder unmittelbar vom Hungertod bedroht sind, was ich eigentlich schon wusste aber erfolgreich verdrängt hatte. Ich stellte meinen Kaffee beiseite, prüfte mein Konto und befrug mich, was ich in den nächsten zwei bis drei Monaten noch zu bezahlen habe und wieviel ich entbehren könnte. Nach einem Check der Hilfsorgas und ihres Rankings leitete ich die errechnete Summe auf das Konto der Deutschen Welthungerhilfe weiter. Jetzt hoffe ich, dass die Tierarztrechnung erst nächsten Monat kommt und, dass sonst nichts Unerwartetes anfällt. Aber selbst wenn: verhungern werde ich nicht. Soziales Netz, soziale Sicherung.

Warum erzähle ich das? Weil ich hoffe, dass sich Jede und Jeder der kann ein Herz fasst und für die Welthungerhilfe (oder Ärzte-ohne-Grenzen, oder Brot für die Welt usw.) spendet.

http://www.welthungerhilfe.de/spenden-hunger-afrika-nothilfe/?wc=17GOFM1000

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Nach dem Frühstück haben wir uns ins Auto gesetzt und sind durch Mitte, den Wedding und Moabit kariolt. In der Chausseestraße beeindruckt der fertig gebaute Sapphire von Libeskind vis-à-vis des faschistisch anmutenden Schießschartenungtüms des BND. Wie ich das Ensemble finde, weiss ich noch nicht genau.

Weißes Sonnenlicht hängt in den Baumwipfeln und auf den Häuserdächern, darüber tiefes Märzenblau. Auf dem Leo sitzen die Menschen im Karreé. Nazareth-Umzüge in der Nazarethstraße. Ein Witzchen über die Gemeinsamkeiten des Möbelschleppens und das Tragen des Kreuzes. Irgendwann am Plötzensee gelandet, dann am Saatwinklerdamm. An Wolfgang Herrndorf gedacht, der sich hier erschossen hat, und daran wie gerne ich einen hellblauen Lada kurzschließen und damit in ein sattgelbes Weizenfeld preschen würde. In der Nacht würde ich durch die Windschutzscheibe in den riesigen Brandenburger Sternenhimmel schauen und mich freuen, dass ich am Leben bin.

Hintergrundmusik. Richard Clayderman.

Nach einem magenzerfetzenden Kaffee am Westhafen und der vorfürsorglichen Frage des Bekannten, ob denn mit meinem Herzen soweit alles in Ordnung sei (die Antwort lautet: Ja), fahren wir zurück nach Kreuzberg, wo uns die Tigerkatze in deutlich besserer Verfassung empfängt und wo bereits der sagenhaft superköstliche Tantenkuchen aus Mandelmehl, Marzipan und dunkler Schokolade auf uns wartet. In alter Tradition teilen wir ihn so auf, dass der Bekannte den Löwenanteil erhält und ich den Rest.
Das ist gut so, das hat seine Ordnung, das schafft ein Gefühl der Geborgenheit und Verlässlichkeit in der ungerechtesten aller Welten.

Epilog:

Durch das Lesen bzw. Anklicken dieses Textes haben Sie gerade einen weiteren Stein auf die heutige Statistiksäule gesetzt. Wenn diese am Ende des Tages deutlich höher oder niedriger gerät als die gestrige Säule wird die Hand des Zeichners sie verschonen.

 

 

 

 

 

Bild: ais3n, img_9674, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

sans souci/ sorgenfrei

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An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schwimmende Schweine

Es gibt Berufe, die ich nicht gerne ausüben möchte. Zum Beispiel möchte ich nicht anstelle des Bügelmannes im KaDeWe stehen und mit dem Ernst eines englischen Palastwächters die ollen Jacken der vorgeblich Interessierten Kundschaft aufbügeln müssen, um sie von der Qualität meiner exquisiten Bügelstation zu überzeugen.
Noch weniger möchte ich der Fachverkäufer für Herrenbekleidung mit dem gewaltigen Backenbart sein, was vor allem mit dem Bart zu tun hat, im Allgemeinen, wie auch im Besonderen. Der Backenbartler ist, unter uns, inzwischen auch längst ausgestiegen aus dem Textilbusiness und widmet sich seither ganz und gar der Pflege seines Gesichtsschmuckes. Mit großem maximalem Erfolg.

Auch möchte ich nicht Kosmetikfachverkäuferin sein und den ganzen Tag stark geschminkt im Neonlicht herumstehen müssen, wo meine verkleisterten Poren verzweifelt nach Luft rängen, während meine schmerzenden Füße und Beine nicht wüssten, wie sie die Stunden bis zum rettenden Sofa überstehen sollten.
Bäckerin wär mir auch nix, denn das frühe Aufstehen bekommt mir nicht. Mein erster Rückenschmerz datiert auf einen Morgen, an dem ich zur nullten (!) Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Um 6.45 h betrat ich, nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt, mit schlimmem Kreuzweh den Klassenraum und wusste von diesem Moment an, dass ich für derart unmenschliche Abläufe nicht geschaffen war. Seither vermied ich, wenn irgendmöglich vor sieben Uhr aufzustehen und legte sowohl meine Vorlesungen, wie auch später meine Jobs passend zu meinem Biorhythmus. Nur manchmal, und  auch nur, wennn es für einen guten Zweck ist, in den Urlaub fahren zum Beispiel, mache ich eine Ausnahme von dieser Regel. Aber sonst: niemals vor sieben.
Das Urlaubsargument verwende ich übrigens auch gerne bei der notorisch verspäteten Mitarbeiterin: Du schaffst es dein Flugzeug zu kriegen, um auf die Bahamas zu fliegen, dann kannst du es auch schaffen pünktlich zur Arbeit zu kommen, meckere ich seit Jahr und Tag und immer wieder zeigt sie sich zerknirscht, ob dieser unumstößlichen Wahrheit. Einmal habe ich, vor lauter Verdruss, derart geschimpft, dass ihr die Tränen kamen, was mir sehr leid tat. Doch genützt hat´s nix. Gerademal zwei Tage hielt die Wirkung an, bis der gewohnte Schlendrian wieder Einzug hielt. Inzwischen schickt sie schon vor ihrem Arbeitsbeginn reuige sms, in denen sie ihre Verspätung ankündigt und die sie als Freischein, nimmt noch später als gewohnt zu erscheinen. Ich hab doch Bescheid gesagt!
An manchen Tagen, wenn sie es gar zu toll treibt, ihretwegen Termine platzen, und mir der Schädel vor Ärger beinahe platzt, schaue ich sie zur Begrüßung nicht einmal mehr an und murmele kaum hörbar in meinen nicht vorhandenen Premiumbart: Ich sag jetzt nix. Wie ich das finde, weisst du ja.
Ja, ich weiss
, sagt sie, die den Dialog inzwischen auswendig kann, und ihre Stimme klingt erfreulich bedrückt. Nützen wird´s freilich nix.

Für 2017 habe ich mir dringend vorgenommen nachtragender oder zumindest unpünktlicher zu sein. Außerdem möchte ich auch mal auf die Bahamas fliegen.

Der Schluss der Geschichte, wie auch die Reise der Mitarbeiterin auf die Bahamas, ist frei erfunden. Weder heute noch in der Zukunft werde ich dorthin fliegen, denn mein letzter Rückflug aus der Karibik steckt mir noch tief in den Knochen.
Ich suchte bloß ein Stichwort, um dieser drögen Geschichte eine Wendung zu geben, einen finalen Schliff, und meiner geduldigen Leserschaft die zauberhaften schwimmenden Schweine vorstellen zu können.
Guckt mal, guckt mal, guckt mal!

(youtube-Direktlink)

 

 

Bis der Notar kommt

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Die Dame vom ärztlichen Bereitschaftsdienst warnt mich am Telefon, dass es Stunden dauern wird, bis jemand vorbei kommt. Macht ja nix. Ich liege sowieso nur im Bett herum, telefoniere ein bisschen, höre Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, döse dabei ein und trinke ab und zu einen Schluck Kaffee.

Nach nur 4 ½ Stunden spaziert der Arzt, ein schlanker Mann in den besten Jahren mit Lederjacke, Fönfrisur und Lesebrille auf der Nase, in meine Wohnung und fragt mit strenger Stimme, wieso ich ihn gerufen habe.
Ich bin seit einer Woche krank und…, sage ich, da unterbricht er mich und beginnt in meinem Schlafzimmer auf und ab zu gehen. Das habe er nicht wissen wollen, behauptet er. Seine Frage sei doch wohl klar und verständlich gewesen: Fangen wir von vorne an, was hat Sie veranlasst mich zu rufen?

So einer, denke ich, packe im Geiste schonmal die Kotztüte aus, und versuche es anders.
Ich habe Sie gerufen, weil mein Herz schmerzt und der linke Oberarm wehtut, als trüge ich eine Blutdruckmanschette, außerdem ist mir schwind…
Das ärgert den Medizinalrat noch mehr. Er unterbricht seine Wanderung durch mein Schlafgemach für einen Moment, schaut mich über den Rand seiner Designerbrille hinweg an und sagt mit übertrieben deutlicher Aussprache, auf dass auch der letzte Student in der hintersten Reihe und mit der mindersten Begabung es verstünde: Die Diagnose überlassen Sie bitte mir. Wenn Sie schon alles wissen, hätten Sie mich nicht rufen müssen. Dann verschwenden Sie nur meine Zeit.

Du dumme Wurst, denke ich, was hatte meine Beschreibung bitteschön mit einer Diagnose gemein? Doch statt mich mit dem Mann zu streiten, oder mich ihm mit der Demutsgeste der unwissenden Patientin zu unterwerfen, klaube ich die unverfänglichsten Vobabeln zusammen, die ich auf die Schnelle finden kann, deute auf meinen schmerzenden Brustkorb und sage: Ich hab hier böses Aua. Da, wo ich das Herz vermute, tut es mir weh.

An Ihnen ist wirklich eine Medizinerin verloren gegangen, höhnt der Kerl jetzt und blickt ins nicht anwesende Publikum, Sie wissen doch überhaupt nicht, wo das Herz ist.

Glaub schon, dass ich das weiß, entgegne ich keck und ziehe alsdann den Blitztrumpf. Ich wurde mal reanimiert. Und hinterher hatte ich einen Katheter im Herz, der dort herumschmurgelte. Das ziepte ungefähr da, wo es jetzt drückt.

Einen Moment ist Ruhe. Der Geck bleibt stehen und schaut sich in meinem Bücherregal um.
Thomas Mann, Frisch, Kafka. Gute Literatur haben Sie da.

Standard, du Schmalspurangeber, denke ich, werte dann aber seinen Kommentar als Friedensangebot und lächle einlenkend.

Ich tippe auf Akutes Koronarsyndrom, sagt er plötzlich, geht zu seiner Tasche und legt mir eine Blutdruckmanschette um. Anschließend zieht er ein kleines Pumpspray hervor, sprüht es unter meine Zunge und  legt mir einen venösen Zugang.
Wir rufen jetzt einen Rettungswagen, Sie müssen sofort in die Klinik, sagt er unerwartet.

Mir geht es aber plötzlich viel besser, sage ich.

Ein Grund mehr, antwortet er, das bestätigt meine Arbeitshypothese.

Ich würde gerne schnell noch jemanden wegen des Hundes anrufen, sie hat einen Hirntumor und braucht ein Medikament, sage ich.
Vergessen sie den Hund, schnauzt der Arzt, der endlich wieder in seine alte Form zurückgefunden hat, der hat sowieso keine Chance mehr.

Der Rettungswagen kommt und fährt mich mit Blaulicht ins Urban-Krankenhaus.
Auf der Weste des Mannes, der während der Fahrt neben mir sitzt steht NOTARZT. So ähnlich wie Notar, denke ich. Wenn der Eine einen Fehler macht, kommt der Andere zum Zug.

In der Klinik wird es dann alles in allem recht erfreulich.
Kalium heisst der Schuldige. Zuwenig davon ist schlecht, erklärt mir der überaus attraktive Krankenpfleger, der neben mir herum tanzt wie John Travolta in Saturday Night Fever und dabei stets ein Auge auf meine Infusion hat.

Am Morgen erwache ich geheilt.

 

 

 

Nachtrag: kein Tier ist während meiner Abwesenheit zu Schaden gekommen. Der Chinesin sei Dank!

 

 

 

 

 

 

Bild: Kaspar Metz, Urbankrankenhaus, Kreuzberg, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Keimende Hoffnung und fliegender Rost

Wem das hier alles zu düster klingt, das gibt es auch, sogar im Novemder:

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und weil wir den 30. November haben, wird das heute ein 2 in 1 Beitrag. denn Frau Tonari ruft, wie jeden Monat, zur Rostparade und ich möchte dieses schöne Fundstück dazu beisteuern:

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Ein Kreuzberger Konvolut, gesehen in der Waldemarstraße im Frühsommer.

Einen schönen Tag Euch allen!

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Ich habe von einem Krokodil geträumt, sagt die Zimmernachbarin und beinahe fällt mir die Tasse aus der Hand (diese Formulierung verbildlichte in Zeiten, in denen ich aufwuchs einen Zustand höchsten Erstaunens oder Erschreckens).
Von was?, frage ich und kann trotz des unerwarteten inneren Wellengangs kaum die Augen offen halten. Von einem Krokodil, wiederholt sie und schaut mich erwartungsvoll an. Ich nicke. Müde bewegt mein Gehirn, auf der Suche nach einem blassen Erinnerungsfetzen, ihre Worte hin und her. Hat nicht erst gestern die Theaterfrau genau den gleichen Satz gesprochen?
Hast du gestern von einem Krokodil geträumt? tippe ich in mein Handy.
Ja, antwortet kurz darauf das Display, von drei Krokodilen sogar. Sie haben mir in die Hand gebissen.
Das geht ja noch,
denke ich im Halbschlaf, immerhin habt ihr beide die Angriffe überlebt.
Ich muss mich noch auf meinen Vortrag vorbereiten
, sagt die Zimmernachbarin in meine Gedanken hinein, ch referiere über luzides Träumen.
Erstaunt blicke ich auf und sehe sie lächeln, als hätte sie n der Wurfbude einen Volltreffer gelandet.

Draußen ist es neblig, die Essigbäume tragen gelbes Gefieder und über den Krankenhausparkplatz schnürt ein kleiner Fuchs mit ausgebleichtem Fell. In der Ferne sehe ich das Schöneberger Gasometer. Dahinter liegt Kreuzberg, eine andere Welt.

Im vierten Stock steht ein Lavazza-Automat. Wenn man 1 Euro einwirft und auf die Cappucino-ungesüßt-Taste drückt, erhält man einen dunkelbraunen geriffelten Becher mit zuckersüßem Kakao. Falsch befüllt, denke ich und pilgere durch die endlosen Neongänge in die Aufnahmehalle, wo der zweite Lavazza-Automat steht und alsdann der zweite Euro für pappsüßes Gesöff flöten geht. Bestimmt hat irgendein gieriger Automatenbefüller seinen eigenen Billokram da reingetan um noch mehr Reibach zu machen, überlege ich und frage mich, ob ich unter der am Automaten angegebenen Nummer anrufen oder gleich bei Herrn Lavazza vorsprechen sollte. Hab ja sonst nichts zu tun.
Der dritte Automat, an dem ich mich versuche, rückt gegen Einzahlung eines Zwanzigeuroscheines eine Fernsehkarte von Siemens heraus. Im Nachbarautomaten gibt es dazu passende Kopfhörer für 3 Euro. Ich kaufe beides und lege es, zurück im Zimmer, in den Tresor, den  man gegen Einwurf einer Zwei-Euro-Münze benutzen kann.

Durch besondere Umstände bin ich auf der falschen Abteilung, der Gynäkologie, untergebracht, in die kein Arzt von meiner eigentlichen Station sich je verirrt. Da jede Menge Männer in Schlafanzügen über unseren Flur schlurfen, nehme ich an, dass es derzeit entweder erfreulich wenig Frauenleiden gibt, oder aber, dass diese Fachrichtung hier einen derart schlechten Ruf genießt, und dass, wer geheilt werden möchte, sich lieber auf den Weg nach Havelhöhe macht, wo in der dunklen Jahreszeit die Kerzen auf den regenbogenfarben getupften Fluren flackern, hundsgroße Hasen mit gespitzten Ohren im Park herumstehen, die in grobes Leinen gewandeten Eurytmielehrerinnen einen asymmetrischen Bob tragen und wo den Patienten zu Mittag, nach der Wickelstunde, eine Spritze kristallklaren Bergwassers injiziert wird.

Wir sind ein anthroposophisches Haus, antwortete man mir damals auf meine Frage nach einem Fernsehapparat. Auch dort war ich auf der falschen Station, der Onkologie, gelandet, wie ich überhaupt ständig irgendwie falsch bin und in Frankfurt/ Oder ankomme, wenn ich den Zug nach Wittenberge nehme, oder in Heidelberg, wenn ich nach Koblenz fahren möchte.

Um zur Krankenhauskapelle zu gelangen muss ich einen der drei Aufzüge nehmen, die das Bettenhaus II bedienen, und steige in den mittleren Lift mit der Nummer 10. Im Erdgeschoß allerdings trete ich aus Lift Nummero 11 wieder heraus und bin schlagartig von einer tiefen Zuversicht erfüllt: wenn sie es schaffen die Positionen der Kabinen während der Fahrt unbemerkt zu vertauschen, dann können sie alles und mir wird nichts geschehen in diesem großen, schweren Dampfer gleich neben dem Teltowkanal.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Charité Campus Benjamin Franklin, Nino, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/