Totraum

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In der Apotheke frage ich nach einer 1 ml Spritze, mit der ich der Katze den Magenschutz einflößen kann. Zur Anschauung bringe ich eine bereits gebrauchte und inzwischen ziemlich zugerichtete Spritze mit. So eine hätte ich gerne wieder, sage ich.
Die Apothekerin nimmt die Spritze entgegen und betrachtet das kleine Wunderwerk von allen Seiten. Neugierig und mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie mich schließlich an und fragt: Wo haben Sie die denn her?
Ich weiss es nicht mehr. Vielleicht vom Tierarzt, irgendwann mal.
Sowas habe ich ja noch  n i e  gesehen!, behauptet die Apothekerin jetzt und beäugt das kleine Spritzchen wie ein schillerndes, exotisches Insekt.
Es fällt mir schwer, ihr das Erstaunen und den übertrieben aufgeregten Tonfall abzunehmen und ich frage mich, ob sie entweder schon am frühen Morgen einen im Kahn hat, oder ob sie gerade für den ersten großen Auftritt ihrer Laiendarstellergruppe übt.
Könnten Sie bitte nachschauen, ob irgendwer solche Spritzen führt, übergehe ich ihre miserable Darbietung.
Das kann sie. Geschwind und mit hochkonzentriertem Blick tippt sie etwas in die Tastatur ihres Computers und wird wider Erwarten nach kurzer Zeit fündig.
Hier haben wir´s, sagt sie, und fügt, als ich mich gerade freuen will, erhältlich nur in einem Gebinde von 800 Stück, dazu.
Ich hatte eher so an maximal 5 Stück gedacht, sage ich zögernd.
Schulterzuckend und kopfschüttelnd zugleich (doppelte entschiedene Verneinung darstellend), gibt sie mir zu verstehen, dass sie meinen Wunsch nicht erfüllen kann.
800 Stück, wiederholt sie, eine kleinere Verpackungseinheit gibt es nicht.
Jetzt ist es an mir, den Kopf zu schütteln und mit den Schultern zu zucken (kann man nix machen darstellend). Als ich damit fertig bin, verlasse ich mit einem kurzen Gruß die Apotheke, die kleine, kostbare Spritze liegt in meiner Hand.
Das glaubst Du ja wohl selbst nicht. 800 Stück als kleinste Packungsgröße. Pfft. Was ist das überhaupt für eine Mengeneinheit, das ist ja noch bescheuerter, als 1,46 Liter Waschmittel oder als der haarscharf kalkulierte Immobilienpreis von 525,326 € für 4 Zimmer. Alles muss immer irgendwie schwierig sein.
So, oder so ähnlich murmele ich vor mich hin, den Blick fest auf den Boden geheftet, um in dieser Gemütslage bloß niemanden sehen, und im blödesten Fall auch noch grüßen zu müssen.
Als ich durchgefroren Zuhause ankomme, mache ich mir zur Stärkung einen Cappuccino und setze mich damit an den Rechner. In das Suchfeld gebe ich alsdann: Spritze, 1 ml, Stift ein. Und  –  palim palim –   gleich der vierte Eintrag zeigt mir meine superungewöhnliche, nie-zuvor-dagewesene Rarität, die der Händler in Packungsgrößen zwischen 10 und 200 Stück anbietet. Als ich dann noch die Produktbeschreibung durchlese, lacht meineben noch grambeladenes Herz aus vollem Herzen (doppelte Tautologie :/) auf, und ganz besonders erfreue ich mich an einer Formulierung, von der ich augenblicklich weiss, dass sie mich bis auf mein (1,97 m x  1,53 m großes) Sterbebett begleiten wird:

  •  mit Spardorn ohne Totraum

steht dort.

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: weeß ick nich, screenshot irgendwo

Schwimmende Schweine

Es gibt Berufe, die ich nicht gerne ausüben möchte. Zum Beispiel möchte ich nicht anstelle des Bügelmannes im KaDeWe stehen und mit dem Ernst eines englischen Palastwächters die ollen Jacken der vorgeblich Interessierten Kundschaft aufbügeln müssen, um sie von der Qualität meiner exquisiten Bügelstation zu überzeugen.
Noch weniger möchte ich der Fachverkäufer für Herrenbekleidung mit dem gewaltigen Backenbart sein, was vor allem mit dem Bart zu tun hat, im Allgemeinen, wie auch im Besonderen. Der Backenbartler ist, unter uns, inzwischen auch längst ausgestiegen aus dem Textilbusiness und widmet sich seither ganz und gar der Pflege seines Gesichtsschmuckes. Mit großem maximalem Erfolg.

Auch möchte ich nicht Kosmetikfachverkäuferin sein und den ganzen Tag stark geschminkt im Neonlicht herumstehen müssen, wo meine verkleisterten Poren verzweifelt nach Luft rängen, während meine schmerzenden Füße und Beine nicht wüssten, wie sie die Stunden bis zum rettenden Sofa überstehen sollten.
Bäckerin wär mir auch nix, denn das frühe Aufstehen bekommt mir nicht. Mein erster Rückenschmerz datiert auf einen Morgen, an dem ich zur nullten (!) Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Um 6.45 h betrat ich, nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt, mit schlimmem Kreuzweh den Klassenraum und wusste von diesem Moment an, dass ich für derart unmenschliche Abläufe nicht geschaffen war. Seither vermied ich, wenn irgendmöglich vor sieben Uhr aufzustehen und legte sowohl meine Vorlesungen, wie auch später meine Jobs passend zu meinem Biorhythmus. Nur manchmal, und  auch nur, wennn es für einen guten Zweck ist, in den Urlaub fahren zum Beispiel, mache ich eine Ausnahme von dieser Regel. Aber sonst: niemals vor sieben.
Das Urlaubsargument verwende ich übrigens auch gerne bei der notorisch verspäteten Mitarbeiterin: Du schaffst es dein Flugzeug zu kriegen, um auf die Bahamas zu fliegen, dann kannst du es auch schaffen pünktlich zur Arbeit zu kommen, meckere ich seit Jahr und Tag und immer wieder zeigt sie sich zerknirscht, ob dieser unumstößlichen Wahrheit. Einmal habe ich, vor lauter Verdruss, derart geschimpft, dass ihr die Tränen kamen, was mir sehr leid tat. Doch genützt hat´s nix. Gerademal zwei Tage hielt die Wirkung an, bis der gewohnte Schlendrian wieder Einzug hielt. Inzwischen schickt sie schon vor ihrem Arbeitsbeginn reuige sms, in denen sie ihre Verspätung ankündigt und die sie als Freischein, nimmt noch später als gewohnt zu erscheinen. Ich hab doch Bescheid gesagt!
An manchen Tagen, wenn sie es gar zu toll treibt, ihretwegen Termine platzen, und mir der Schädel vor Ärger beinahe platzt, schaue ich sie zur Begrüßung nicht einmal mehr an und murmele kaum hörbar in meinen nicht vorhandenen Premiumbart: Ich sag jetzt nix. Wie ich das finde, weisst du ja.
Ja, ich weiss
, sagt sie, die den Dialog inzwischen auswendig kann, und ihre Stimme klingt erfreulich bedrückt. Nützen wird´s freilich nix.

Für 2017 habe ich mir dringend vorgenommen nachtragender oder zumindest unpünktlicher zu sein. Außerdem möchte ich auch mal auf die Bahamas fliegen.

Der Schluss der Geschichte, wie auch die Reise der Mitarbeiterin auf die Bahamas, ist frei erfunden. Weder heute noch in der Zukunft werde ich dorthin fliegen, denn mein letzter Rückflug aus der Karibik steckt mir noch tief in den Knochen.
Ich suchte bloß ein Stichwort, um dieser drögen Geschichte eine Wendung zu geben, einen finalen Schliff, und meiner geduldigen Leserschaft die zauberhaften schwimmenden Schweine vorstellen zu können.
Guckt mal, guckt mal, guckt mal!

(youtube-Direktlink)

 

 

Jeck & Jecken, oder Wahnsinn & Frohsinn

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Manchmal scheint mir ich bin (sei und wäre) Rheinländerin. Denn mein Humor, Quell lustigsten Lachens und Born rührigsten Rühmens, mag zwar mitunter ein klein wenig gelitten haben unter den alltäglichen Challenges (como se dice en neudeutsch) denen er tagtäglich ausgesetzt sind; regelrecht ramponiert schaut er dann drein, wie ein angefahrenes Schaf, und entsprechend desolat guckt er auch aus der Wäsche, mal bildlich gesprochen und zum besseren Verständnis, doch vergehen tut er, typisch rheinländisch halt, nie. Früh und gründlich angelegt (als Schülerin der Neuen Frankfurter Schule ) ist er Teil meines limbischen Systems und fest verankert mit dem Frontallappen, dem Kortex, dem Hyperbrachialamus und so weiter. Da hülfe (starkes Verb) nicht einmal eine Lobotomie ihn mir auszutreiben.

Wer´s noch nicht wusste und aproposito Lobotomie: vorlauten Teenagern stocherte man nämlich früher (bis in die 1950er Jahre hinein) mit einem Meißel im Gehirn herum, damit sie endlich mal aufhörten dämlich zu kichern und vor Freude wie toll zu wiehern.
Auch eine der Kennedy-Schwestern mußte daran glauben, als die Lebenslust sie abends um die Häuser ziehen ließ, während ihr ehrgeiziger Vater an seiner Karriere feilte und keinesfalls Großvater werden wollte. Das Lachen ist ihr gründlich vergangen, der Rosemary. Postoperativ schwerstbehindert endete sie (von ihrer Familie totgeschwiegen) in einem Heim, und bekam erst Jahrzehnte nach dem Gehirnmassaker, veranstaltet von einem Freund der Familie und dem Lobotomiechirurgen überhaupt, Dr. Freeman, den ersten Besuch ihrer Mutter. Da zuckte die alte Rosemary noch einmal hoch, stürzte sich auf die schändliche Verräterin und scheuerte ihr eine, dass es weithin schallerte.
Rosemarys Schicksal führte übrigens später zur Gründung der Special Olympics.

Doch dieser kleine Ausflug nur nebenbei. Passt gar nicht zu mir, so trübes unappetitliches Zeug zu erzählen. Ich hoffe, dass niemand sich davon die gute Laune verderben hat lassen, wo doch gerade an einem solchen Tag, wenn der Regen gemütlich herunter prasselt und uns eintrommelt auf die dunkle Jahreszeit, die ersten Lebkuchen und Marzipankartoffeln besonders lecker munden (aus Jux Sprachebene gewechselt) und man einfach mal seine Ruhe haben möchte.

Abgeschweift.

Wo andere Helau und Alaaf riefen, krähten wir Kinder meckmeck in Anlehnung an den Namen des ortsansässigen Karnevalsvereins, der zugleich auch Turnverein war und Die Meckerer hieß. Wenn dort zur Fassenacht die Büttenreden gehalten wurden und jeder Kalauer im Anschluss mit einem Tusch kenntlich gemacht wurde, rief zuerst der Vorbeter Kölle Alaaf oder Mainz Helau und wir Kinder schrien im Anschluss im Chor und wie von Sinnen, Seckbach meck meck!, bis wir heiser waren am Abend und unsere Eltern zufrieden.

Es gibt viele Wege ein Kind zum Schweigen zu bringen. Klamauk ist eine davon.

 

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Im Bergmannkiez wurden übrigens inzwischen auch alle Irren mundlos gemacht.
Null Stimmen für die AfD bei der Wahl vor zwei Wochen.

 

 

 

 

Bild: Wladislaw Podkowinski, „La Folie“ (1894)/ Quelle: Wikimedia

Infirmitas

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Die Mittagssonne wirft harte Schatten. Die Häuser stehen wie auf einem Modell. Die Zeit, ein heißes Bad. Über dem Asphalt flirrt die Luft und Alien Schmidt kehrt zurück in seinen Quader.

Aufgeschlagen liegt das Buch auf dem Podest. Mit seinem Zeigestab fährt er Zeile für Zeile darüber bis dessen Spitze anfängt zu leuchten. Dann hält er inne.

Ohnmacht steht dort. Alien Schmidt lächelt.

 

 

 

 

 

 

Bild: Harald, Henry-Ford-Bau, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Esper, oder Wundersame Paranuss

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Früher waren in den billigen Studenfuttermischungen keine oder höchstens mal ein bis zwei Paranüsse enthalten. Heute kann man getrost die günstigste Variante kaufen und hat bei jedem Griff in die Tüte mindestens eine der nahrhaften Köstlichkeiten in der Hand.

Woran liegt´s?

Seit irgendwem aufgefallen ist, dass Paranüsse natürlicherweise so arg strahlen, dass sie eigentlich im Dunkeln leuchten müssten und deswegen verboten gehörten, will niemand sie noch essen. Als erstes flogen sie aus den Regalen der Bioläden, den Bewahrern der Volksgesundheit und Hirten des guten Lebens (1000Zwerge Wundersaft, Sonnenthor Erlösungstrunk, Abrakadabra-Schogetten), denn der Konsum von mehr als zwei meiner Lieblingsnüsse (pro Monat!) soll gesundheitsgefährdend sein, heisst es. Radium, Mikrosievert, dieses giftige Zeug. Der Preis für die Brasilianische Kastanie, wie die Paranuss (bei Wikipedia) auch genannt wird, ist seit ihrer Verdammung folglich äquivalent zur Konsumentengunst gesunken. Inzwischen werden sie verschleudert wie nix Gutes und jetzt jubelt man den Discounterkunden, die sich die teuren Luxusdinger bislang nicht leisten konnten, die entthronte Königsnuss, versteckt im hauseigenen, Studentenfutter unter. Ja! Die merken´s eh nicht, sondern freuen sich – im Gegenteil – darüber, wie einst Zonen-Gabi über ihre erste Banane.
Endlich kann auch ich soviele Paranüsse essen, wie ich gerne möchte und muss nicht mehr auf Erdnüsse oder ähnlichen Plunder zurückgreifen (wobei: Jiffy Erdnussbutter.. mmmhhhh) und das tue ich derzeit täglich. Denn: Paranüsse enthalten viel Selen. Das ist gut, heisst es, außerdem liefern sie jede Menge Fett und das ist noch besser, denn schon jetzt, in der Septemberglut möchte ich anfangen einen soliden Grundstein für meinen (gegen die drohende russische Kältepeitsche) schützenden Winterspeck zu legen. Außerdem verstärken Paranüsse, und das wissen die Wenigsten (Eingeweihte), die natürliche Aura des Menschen und verhelfen ihm damit zu paranormalen Fähigkeiten wie Gedankensteuerung, Telekinese und spontaner Selbstentzündung, worauf ich hier nicht näher eingehen kann, weil der Text sonst zum einen eine unglaubwürdige und alberne Wendung bekäme, und weil, zum anderen, das Wort Selbstentzündung in diesen Zeiten als versteckter Code missverstanden werden könnte.

Nicht schreiben möchte ich außerdem über die Burkiniverbotsdebatte (das haben andere bereits vortrefflich getan) oder über das mutmaßliche Ergebnis der bevorstehenden Berlin-Wahlen.

Abschließend möchte ich hier jedoch noch ein Thema wenigstens kurz anreissen: es kann schlimm enden, wenn der Schlauch einer Küchenarmatur mitten in der Nacht platzt, das Wasser sich seinen Weg in die darunterliegenden Räume sucht, dafür leider keiner haften will und eine eigene Versicherung bedauerlicherweise nicht abgeschlossen wurde, auch kein Rechtschutz. Deswegen Leute, wenn ich Euch einen guten Rat geben darf: versichert Euch was das Zeug hält und was der Geldbeutel hergibt, oder versucht ansonsten wenigstens mittels Telepathie Eure Welt vor dem Untergang zu bewahren.
Deshalb: Esst Para-Nüsse!

Keine Ratschläge bitte, es ist ganz anders als es scheint und ich gehe später einfach raus in die Sonne. Sie wird die Tränen des Kummers und hoffentlich auch die feuchten Wände trocknen.

Danach ist sicher alles besser.

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Zirpende Zikaden

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Ich stehe mit Töle auf dem Feld. Eine Frau kommt den ausgetretenen Weg entlang. Neben ihr ein alter Schäferhund mit lahmen Hinterläufen. Zwischen den Zähnen trägt er eine blassgelbe Frisbeescheibe.
Genau hier wolle sie jetzt leider mit ihrem Hund spielen, sagt die Frau mit selbstbewussten Lächeln und leicht brüchiger Stimme. Sie ist inwischen nahe heran gekommen und steckt mit einer umfassenden Armbewegung das beanspruchte Gebiet ab. Jeden Tag käme sie hierher, ihr Hund sei das so gewohnt, begründet sie in merkwürdig amüsiertem Ton ihre Forderung.
Durch den Starkregen der vergangenen Nacht hat sich auf der torfigen Brache eine große Pfütze gebildet, aus der Töle mit staksigem Schritt Stöcke und Halme fischt. Es ist sengend heiß und ich bin froh um diese Abkühlung für sie.
Ich schaue die Frau an und mein Mund öffnet sich. Das heisst, ich soll abhauen, höre ich mich sagen. Mein Ton ist kalt. Sie nickt, lächelt schulterzuckend dazu und erinnert mich dabei an jemanden, doch ich komme nicht darauf (an wen).
Auf dem Absatz drehe ich mich um und gehe. Ein ungeheurer Ärger steigt in mir auf, ein Gefühl stark und lodernd wie Hass. Ich sollte zurück gehen, denke ich, und ihr einfach eine runterhauen. Mitten in ihr arrogantes, dummes Gesicht. Wieso habe ich den Platz überhaupt geräumt. Ich hätte bleiben sollen. Töle folgt mir ein wenig ratlos und mit aufmerksam erhobenem Kopf.
Dan-keee!, ruft die Frau uns hinterher und ihr Ton klingt jetzt betont unkompliziert und frisch, als wolle sie nun mich durch ihre nachsichtige Freundlichkeit ins Unrecht setzen. Wütend gehe ich weiter. Was ist bloß los mit mir? Wieso ärgere ich mich derart über eine irre Alte.
Bei dem nächsten Schuppen setze ich mich ins Gras und blicke auf den See, der silbern zwischen den Bergen liegt. Noch immer bin ich so in Rage, dass es mir schwer fällt ruhig zu atmen und einen anderen Gedanken zu fassen. Unterdessen springt Töle über die Wiese und wälzt sich hier und da. Plötzlich macht sie einen Satz und fängt an wie wild zu buddeln. Ich pfeife sie zurück. Keine Mäuse.
In der Ferne höre ich die Frau, wie sie ihrem Hund etwas zuruft. Wahrscheinlich hat er  die Scheibe nicht apportiert und sie muss sie jetzt selbst aus dem Matsch klauben. Ich versuche nicht hinzuhören und konzentriere mich stattdessen auf das Zirpen der Zikaden.

Vor vielen Jahren machten der Fernsehmoderator und ich in Südfrankreich bei einem Landhotel Halt. Wir schienen die einzigen Gäste an diesem abgelegenen Ort zu sein, denn der Parkplatz vor dem Haus war leer und beim Abendessen saßen wir allein auf der großen Terrasse mit Blick auf eine verdorrte Ebene. Schnell leerten wir die Karaffe mit dem Hauswein und orderten eine zweite, doch die Gegend wurde nicht schöner dadurch.
Wir stellten uns vor, es erginge uns wie dem Paar in dem Film, den wir kürzlich gesehen hatten, und die, genau wie wir, in einem einsam gelegenen Hotel abgestiegen waren. In der Nacht, wenn wir schliefen, käme ebenso eine Ambulanz, die uns beide, vollkommen benommen und wehrlos vom, mit Schlafmittel versetzten, Rotwein, einlud, uns zu einer Privatklinik brächte, wo man uns, jung und gesund wie wir waren, ausweiden würde, um das Leben schwerkranker reicher Kunden mit unseren frischen Organen zu verlängern.
Uns gruselte derart bei der Vorstellung, die uns mit jedem Schluck, den wir nahmen, immer realistischer erschien, bis sie sich gegen Ende des Essens zu grausiger Gewissheit verdichtet hatte. Wir beschlossen, dem harmlosen Getue des Personals keinen Glauben zu schenken, und  die Nacht über wach zu bleiben.
So lagen wir später nebeneinander im Bett, starrten an die Decke und lauschten dem betäubenden Konzert der Zikaden, deren Gesang mit jeder Minute bedrohlicher wurde und dessen Eintönigkeit uns zugleich schläfrig machte.
Ob wir uns noch ein letztes Mal lieben wollten, schlägt der Moderator nach einer langen Weile vor und ich willige ein.
Er beginnt mich zu küssen und seine Hände fahren langsam meinen Körper entlang. Auch ich schiebe meine Hand zu ihm herüber und spüre seinen warmen Körper. Wir küssen und berühren uns immer leidenschaftlicher, der Moderator beginnt schneller zu atmen und sein Griff wird fordernder. Da blitzt für einen kurzen Moment das Bild einer Nierenschale vor meinem Auge auf, darin ein paar Fleischbrocken in dunkelrotem Blut.
Was ist los? fragt der Moderator. Nichts, antworte ich.
Draußen ist es längst dunkel geworden und das Zirpen der Zikaden hat sich zu  ohrenbetäubender Lautstärke gesteigert. Oder ist es die Wirkung des Weines und die Erwartung eines Unglücks, die unsere Sinne überempfindlich macht und jedes Geräusch bedrohlich erscheinen lässt?
Jedenfalls fürchte ich mich.
Der Moderator rollt sich auf den Rücken und seufzt.

Wir sind fertig. Sie können jetzt wieder zurück kommen!
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass die Frau sich mir auf etwa fünfzig Meter genähert hat. Ich blicke weiter geradeaus und tue, als hätte ich sie nicht bemerkt. Doch sie scheint auf eine Antwort zu warten und macht keine Anstalten zu gehen.
Auf gar keinen Fall werde ich sie anschauen, denke ich und konzentriere mich wieder auf den Gesang der Zikaden.
Irgendwann ist sie verschwunden und ich kann den Rückweg antreten.

 

 

 

 

 

Vom Balkon

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Am Morgen klingelt das Telefon. Ich taste in die Dunkelheit hinein und bekomme es nicht zu fassen. Müde ziehe ich meine Hand unter die warme Decke zurück und versuche die Störung zu ignorieren. Irgendwann hört das Läuten auf und ich sinke in einen tiefen Schlaf aus dem ich erst am Mittag erwache.

Nach dem Aufstehen suche ich im Netz nach der unbekannten Rufnummer und entdecke sie dort als Telefonspam vermerkt: Krankenversicherungs-Drücker. Wahrscheinlich wollten sie den Argentinier sprechen, den sie aus irgendeinem Grunde bei mir wohnhaft und an einer privaten Krankenversicherung interessiert wähnen.

Während ich überlege, wie diese Verknüpfung zwischen mir und dem Argentino zustande gekommen ist, und seit wie vielen Jahren sie nun schon vergeblich versuchen ihn bei mir zu erreichen, setzt ein Stockwerk über mir das samstagvormittägliche rhythmische Knarzen ein. Die Nachbarn erledigen den ersten Wochenendbeischlaf. Sie sind spät dran heute.
Nachher werden sie sich schreiend und Möbel rückend streiten und den Nachmittag über kiffend und mit hängenden Schultern auf ihrem Balkon herum lungern, von dem sie im Laufe des Tages alles, was bei ihrem Aufenthalt dort nicht mehr nützlich ist, lässig über die Schulter auf den Gehweg werfen werden. Joghurtbecher, Chipstüten, Plastiklöffel, Kippen.

Zwei Mal in den letzten Wochen ist der Streit zwischen den beiden derart eskaliert, dass dabei jeweils eine Scheibe der Balkontür zu Bruch ging. Die Scherben fegten sie später, nach dem Versöhnungssex, vom Balkon herunter. Auf meinen empörten Warnruf (Ey!), als das Glas klirrend neben mir aufschlug und in viele kleine Splitter zerbarst, reagierten sie mit einem vollkommen teilnahmslosen Gesichtsausdruck. Für einen Moment wusste ich nicht, ob sie mir leid sollten, oder ich Angst vor ihnen haben musste.

Inzwischen werfe ich beim Nachhausekommen stets zuerst einen vorsorglichen Blick nach oben. Das kommt meiner sommerlichen Gewohnheit, nach den Mauerseglern Ausschau zu halten, die sich am Abend mit ihren schrillen Rufen in die Häuserschluchten stürzen, entgegen.
Sehe ich die Nachbarn auf ihrem Balkon sitzen oder sind ihre Fenster geöffnet, suche ich mit einem schnellen Satz Zuflucht unter dem Erker neben der Eingangstüre und krame dort schon mal den Schlüssel hervor, um die Zeit, die ich beim Aufschließen ohne Deckung werde verbringen müssen, möglichst kurz zu halten.

Das klappt ganz wunderbar, ich betrete unversehrt und unbefleckt meine Wohnung, und so bleibt als einziges klitzekleines Ärgernis das nächtliche Getobe und Gepolter der beiden, sowie die Essensreste, die vor der Türe herum liegen und mich zwingen meinen allergischen Hund weiterhin nur mit Maulkorb aus dem Haus gehen zu lassen. Doch wollen wir nicht kleinlich sein, die Kothaufen der anrainenden Dogge sind viel schlimmer. Und so ist sie eben, die junge Liebe.

Neulich Nachts haben die ansonsten sehr berechenbaren Nachbarn es geschafft uns noch einmal in Erstaunen zu versetzen.

Unerwarteterweise gossen sie nämlich auf dem zweiten, zum Garten gelegenen, französischen Balkon ihre Blumen. Das Wasser splatterte herunter, dass es nur so eine Freude war, und nachdem die erste Kanne geleert war, wurde sogleich die zweite hinterher gekippt. Soviel Pflanzenliebe hätte man ihnen wahrhaftig nicht zugetraut.

Doch halt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Nachbarn, denen nicht nur jedweder Anstand fehlt, haben außerdem auch keinerlei Sinn für Ästhetik und folglich auch keine Blumen auf ihrem Balkon.

Was da so fröhlich herunter gespritzt kam war nichts anderes als Erbrochenes, oder, um im Sprachduktus meiner Nachbarn zu bleiben:

K-O-T-Z-E

Directemang vor die Tür zum Garten gekübelt, von wo sie im Laufe des nächsten Tages, durch die Fahrräder und die Sohlen der Hausbewohner, ihren Weg in den Durchgang und ins Treppenhaus fand.

Und nun raten Sie mal, wer die Schweinerei weggemacht hat.

 

 

 

 

 

Bild: bswise, under the skin, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Gesichter

 

 

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Nach dem Joggen pflegte sie ihr T-Shirt aufs Bett zu legen und die Schweißflecken zu betrachten, die sich beim Laufen entlang der Wirbelsäule, an den Achseln, den Schulterblättern und im Nacken gebildet hatten. War dort auf den ersten Blick eine von Zypressen gesäumte, toskanisch anmutende Landstraße zu sehen, ein angbissener Apfel, ein Igel oder eine Axt, so schaute das Hemd, wenn man nur lange genug hinguckte, zurück. Es hatte Augen, manchmal auch eine Nase und häufig einen aufgerissenen Mund.

Wenn wir uns trafen, erzählte sie mir von ihren sonderbaren Entdeckungen und als sie schließlich ein Smartphone hatte, fotografierte sie diese sogar, um sie mir zu zeigen.
Während einer gemeinsamen Reise durfte ich das Ganze dann auch live miterleben:
K. ging joggen, kam zurück, zog ihr Shirt aus und wir betrachteten es.
Naturgemäß kannte sie die Aktivität ihrer verschiedenen Schweißdrüsen besser als ich und ahnte schon, wo am ehesten die Augen zu finden wären. Innerhalb von Sekunden hatte sie gleich drei Paare entdeckt, die sich zwei Münder und eine Nase teilten.

Hier und da, guck mal!

Fas-zi-nie-rend

Gestern hatte die liebe K. Geburtstag. Ich schickte meine Glückwünsche via sms und sie schrieb erfreut und sehr herzlich zurück.
Wir müssen uns unbedingt bald wieder treffen, da waren wir uns einig.
Seit die beiden Buben da sind schaffen wir das viel zu selten. Der Kleine ist schon ein paar Monate auf der Welt und ich habe ihn noch nicht mal gesehen. Das muss sich ändern.

So tippten wir ein wenig hin und her, K. schickte mir aktuelle Bilder von den Jungs und schließlich auch eines von der Schlafanzughose des 2-Jährigen.

Nicht nur, dass der L. genauso aussieht wie sie, mit seinen dunklen Haare und den riesigen braunen Augen, auch seine Klamotten machen schon so komische Sachen, wie die seiner Mutter:

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Bild 2 + 3 Copyright Karli Rosner

 

 

 

Hund/ Kiez/ Spind

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Die kurzen Spaziergänge anstelle der ausufernden Märsche ändern meinen gesamten Tagesablauf.

Statt in den Tiergarten zu gehen, schlendern der Hund und ich jetzt vier Mal täglich die Straße herunter, jeweils nur 50 bis 100 Meter, sie schnüffelt und markiert viel, wirkt dabei jedoch abwesend und auf eine merkwürdige Weise wie aufgezogen. Gefangen, eingespannt in ein Gewohnheitsjoch, das selbst der Tumor nicht auszuschalten vermag. Ein Robot.
Auf dem Rückweg, wenn ihr Gang staksig wird, trage ich sie und Zuhause geht sie sogleich auf ihre Decke unter dem alten Vitrinentischchen, dreht sich ein paar Mal im Kreis herum und lässt sich dann seufzend nieder.

Der Eine ist abgereist und so ist nicht nur mein Hundeleben, sondern auch die Struktur unseres gemeinsamen Beziehungsalltags außer Kraft gesetzt. Eine ungewohnte Fülle an Zeit steht mir plötzlich zur Verfügung, und gestern Nachmittag habe ich seit Jahren das erste Mal wieder eine große Runde ohne Töle durch meinen Kiez gedreht, um schließlich in der Oppelner Straße bei dem kleinen neuseeländischen Café einen köstlichen Cappuccino zu trinken. Vor den umliegenden Lokalen schauten die Leute in angenehmer Lautstärke Fußball, im Hintergrund am Schlesischen Tor ratterte die Hochbahn vorbei und ich saß, mit der Kölnerin plauschend, unter einer blühenden Linde. Ohne müde zu werden pflückten wir die herabfallenden Milben von unseren Kleidern und aus dem Nacken und genossen das zurückgelehnte Geplänkel über dies und jenes und niemals über etwas.
Ein nachmittägliches Bad im leichten Leben.

Als ich gegen 19 h nach Hause kam stand der schwanzwedelnde Hund bereits an der Tür. Eine solche Freude auf beiden Seiten!
Ein bisschen füttern, ein bisschen kraulen und dann wieder ins Körbchen mit ihr. Am Dienstag startet die Chemotherapie. schlafen soll sie, schlafen.

Später am Abend rief mich der Kanzler an. In seinem Postkasten hatte er einen Brief für mich gefunden.
Da ich seit über 20 Jahren nicht mehr in Frankfurt lebe, passiert das nur noch höchst selten, und wenn, dann ist es meistens die Sparkasse, die mich an mein  Jeanskonto erinnert, welches ich zur Konfirmation mit einem Guthaben von 5 D-Mark geschenkt bekam, und das inzwischen Rekordzinsen abgeworfen haben soll. Warten wir auf die künftigen Negativzinsen und sehen das Vermögen dann peu à peu dahinschmelzen. Gewonnen/ zerronnen halt.
Jetzt also wieder ein Brief für mich, dieses Mal einer mit überraschendem Anliegen: da bekommt man als Teenager, genau genommen in den 80er Jahren, als Deutschland geteilt, Helmut Kohl  Kanzler war und Peter Illmann die Formel Eins moderierte, beim Besuch einer städtischen Einrichtung einen Spindschlüssel gegen Unterschrift ausgehändigt und wird  heute, 3 Jahrzehnte später, dazu aufgefordert diesen umgehend zurückzugeben.

Ist das putzig, oder ist das irre, oder was ist das eigentlich?
Mir jedenfalls so passiert.
Ich lache und wundere mich und warte darauf, dass demnächst ein weiteres Schreiben ins väterliche Haus flattert, in dem mein Abitur für ungültig erklärt wird, weil ich angeblich abgeschrieben, oder besser noch, nach heutigem Stand der Schiller-Forschung, das Thema verfehlt hätte.

 

 

 

 

 

Bild: cosmoflash, locker in the attic
Lizenz: Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)