Radar

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    Einer der Vorzüge, in einem Haus voll kranker Seelen aufgewachsen zu sein, ist der zuverlässige Radar, der sich durch die dauerhafte Wahnsinnsexposition entwickelt hat. Dieser präzise Ortungssinn befähigt mich zum Beispiel, die Stimmung eines Menschen schon dann genauestens zu erfassen, wenn er mit dem Rücken zu mir steht oder sitzt. Körperspannung, Körperhaltung, Bewegungsabläufe, Position im Raum, Atemfrequenz – all das spricht zu mir. Laut. Ich weiß, wenn jemand etwas im Schilde führt, lange ehe er es selbst auch nur ahnt. Ich erfasse intuitiv die kleinsten Zeichen, die sich mehr und mehr bündelnde Konzentration bei den unbewussten und doch zielgenauen Vorbereitungen, die leichte Unruhe, die unabhängig davon, ob Angst, Sorge, Wut oder Vorfreude der Motor ist, die Person in ein inneres Vibrieren versetzt, dessen Intensität und Klang mir jederzeit verrät wie weit der Prozess bereits vorangeschritten ist.

    Ich höre worüber geschwiegen wird und ich kann zwischen Wörtern unterscheiden, die etwas verdecken oder jenen, die etwas offenlegen sollen.

    Das sicherste Anzeichen eines bevorstehenden emotionalen Rückzuges oder eines nahenden Beziehungsabbruchs beispielsweise sind uneingeforderte Bekenntnisse und Beteuerungen, wortreiche Erklärungen, eine sich stumm entschuldigende, anfallsartige Schenkerei, überbetonter Optimismus, aufwändige Kittversuche, wo längst nicht mehr zu retten und das Kind bereits im Brunnen ersoffen ist.

    Bergen impossible.

    Überhaupt Schuldgefühle. Engste Vertraute seit frühester Kindheit.

    Eine Besonderheit unseres tiefprotestantischen Haushaltes war es nämlich, dass die Schuld und das schlechte Gewissen mit uns bei Tische saßen und mit brühendheißer Brotsuppe genährt wurden. Schon die Väter und Vätersväter hatten sie sich auf ihre gläubigen Schultern geladen, weil sie sich nur im Schmerz und in ihrer selbstunterstellten Schlechtigkeit fühlen und durch Buße zur Erleichterung kommen konnten, ein Zustand für dessen Erlangung wir Ungläubigen und Verlorenen später das Ritzen oder Erbrechen nutzten (Behauptungen, alles Mutmaßungen und Behauptungen). Die Schuld stand am Morgen mit uns auf und ging am Abend mit uns zu Bett. In den Nächten hockte sie sich bleischwer auf meinen Brustkorb und raubte mir für Jahrzehnte den Atem.

    Vor einiger Zeit versprach mir ein in der Ferne lebender Freund er werde mir ein Buch als Audiodatei einsprechen, eines, das ich mir selbst aussuchen dürfe und dann werde er mir dieses portionsweise zusenden. Da wusste ich was die Stunde geschlagen hatte und wählte ein Buch, dessen erste Kapitel alsbald eintrafen, doch ich begann erst gar nicht damit, mir die nach und nach gelieferten Fragmente anzuhören, wusste ich doch, dass mir das letzte Kapitel niemals zu Ohren kommen würde, weil die letzte Seite in unserer gemeinsamen Geschichte begonnen hatte und der Schlusspunkt bereits gesetzt war.
    Vorhersehbar war der Abschied und mit einer beinahe klamaukig anmutenden Dramaturgie wurde er schließlich zur Aufführung gebracht. Wenn ich schon nicht die gewünschten Gefühle zeigte, so sollte ich mich wenigstens ärgern, warten sollte ich, voller Ungeduld. Vielleicht sogar enttäuscht sein, doch genau das war ich am Allerwenigsten.

    Ich wäre nicht die Klassenbeste in der Irrenschule gewesen, wenn ich seine Strategie nicht von Anfang an durchschaut und nach bestem Wissen und Gewissen mitgespielt hätte.

     

     

    Times are hard, what else is new?

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Bild: Liszt Chang, flickr
    Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

keulen

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Im Internet kann man schön Menschen hinterher recherchieren und während des Spurenaufnehmens hinterlässt man eine eigene Spur für Jene, die einem irgendwann an den Kragen wollen, wegen was auch immer. Es findet sich etwas, keine Sorge.

In seinem Buch Saturday erwähnt Ian Mc Ewan die Foltermethoden Saddam Husseins, sowie gesetzliche Regelungen im Irak, die für Straftäter Amputationen vorsahen. Sofort denke ich an die Schauspielerin mit der ich vor ein paar Jahren Urlaub in Oberstdorf machte. Wir spazierten gerade am Schrotti, einem Trödelladen mit alten Pflügen und rostigem Hausrat vorbei, als das Gespräch auf Vegetarismus kam. Eine von uns beiden erzählt der anderen von einer Variante des gemäßigten Fleischkonsums, bei der einem Tier, statt es zu töten, ein Bein amputiert und das Fleisch an einem Festtag gegessen wird. Als Dank für dieses Opfer wird das Tier ein Leben lang versorgt und gefüttert und muss, anders als herkömmliches Schlachtvieh, nicht sterben. Nachdem wir das Thema verlorenes Vertrauen kurz gestreift haben, sagt die (fleischessende) Schauspielerin: lieber wäre ich tot als beinamputiert. Ein Leben mit Behinderung wäre für mich nicht mehr lebenswert. Ich gebe ein paar Widerworte, sie besteht auf ihrer Bewegungsfreude. Ich sage: Paralympics, sie sagt: Ogott. Dann schweigen wir und wir schweigen bis heute.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: hermesmarana, cichy kacik 20, flickr
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3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

verbindlich unverbindlich

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Die Freundinnen klagen über die Unverbindlichkeit der Männer, die sie kennenlernen. Darüber, dass niemand sich festlegen möchte. Flexibel bleiben.
Ich merke das Gleiche im Job. Vorstellungsgespräche laufen mehr und mehr so ab, dass die Bewerber fragen, was ihnen geboten wird, und immer weniger einzusehen scheinen, dass sie auch etwas bieten müssen, nämlich vor allem Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit.

Ein Vorstellungsgespräch bei dem die Aspirantin schon im zweiten Satz ungefragt verlautbaren lässt, dass sie übrigens im Sommer in jedem Fall 6 Wochen verreisen wird, komme was da wolle. Das sei ihr heilig und kein Job der Welt sei es wert von diesem Plan in irgendeiner Weise abzurücken, ihn zu modifizieren oder sich mit den Kolleginnen abzusprechen, lassen mich sprachlos zurück.
Ich habe das Gespräch dann trotzdem zuende geführt und die Dame dann mit freundlichen Worten zum Ausgang begleitet.  Wir melden uns. Sie schien sehr zufrieden mit ihrem Auftritt gewesen zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Country-Sunshine, flickr, 001-017-01
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Stuhl im Busch

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Weil Menschen sich in die Büsche schlagen und dort ihre Exkremente hinterlassen, in denen mein Hund sich liebend gerne herum wälzt, muss ich auf jede noch so kurze Reise Hundeshampoo, eine Ersatzhalsband, Desinfektionsmittel, Einmal-Handschuhe, Küchenpapier und ein Hundehandtuch mitnehmen.
Da der kranke Hund Spezialfutter und Medikamente und außerdem Näpfe und eine Decke braucht, reise ich inzwischen mit einen Rollkoffer nur für sie, während ich meine zwei Wechselgarnituren, mein Waschzeug und Wipp Express in einem Stoffbeutel mitführe.

Bestimmt malt sich jemand, der gerade seine Notdurft im Gebüsch verrichtet, überhaupt nicht aus, welche Konsequenzen sein Handeln nach sich zieht. Und sicher denkt er, während er so da hockt und sein Geschäft erledigt, nicht darüber nach, dass ich wegen der überall zu erwartenden Hinterlassenschaften immer mit mindestens 1 kg zusätzlichem Gepäck reisen muss. Ist ja nicht so schlimm, könnte man meinen, und so denkt vielleicht auch der Hockende, der nichts als Erleichterung verspürt, wie er da so aus dem Gebüsch heraus kommt und seinen Hosenknopf schließt. Doch wie meist im Leben, hat das, was der Eine macht, Auswirkungen auf seine Umwelt, und manchmal sind diese so schwerwiegend, dass sie sogar Leben gefährden oder kosten. Flöge ich nämlich, beispielweise, ständig mit meinem Hund durch die Gegend, wie man es inzwischen jederzeit für läppische 14,50 € tun kann, führte das stuhlbeseitigungsbedingte Extra-Kilo zu einem höheren Kerosinverbrauch, dessen umweltschädigende Wirkung letztlich dafür sorgte, dass ein kleines Amselküken im Nest stürbe. Kaum in der Welt wäre es schon wieder weg, ohne auch nur ein einziges Mal irgendwo in Pankow zum frühabendlichen Flöten um 17.30 Uhr angesetzt zu haben.
Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich die verheerende Langzeitwirkung auf die Amselpopulation auszumalen, wenn jeder von uns sich im Gebüsch erleichterte. Nicht lange und die schönen lackschwarzen Vögel wären für immer verstummt.
Doch das ist nicht die einzige Gefahr, die von den Exkrementen im Unterholz ausgeht,
Manchmal frisst mein Hund das, was er da im Gebüsch vorfindet nämlich auch auf, anstatt sich darin zu wälzen. Das führte ein Mal sogar dazu, dass es ihr sehr, sehr schlecht ging und ich zum Tierarzt mit ihr musste. Dieser verpasste ihr eine Infusion, spritzte irgendwas und erklärte mir, dass mein Tölchen aller Wahrscheinlichkeit nach Drogenstuhl gefuttert habe, und dass immer wieder Hunde an derlei giftigen Ausscheidungen stürben (ich sach nur: Fusion). Zum Glück hat sie es überlebt, doch weil Sonntag war, kostete mich der Mist 120 € und zusätzlich bange Stunden.

Über meinen persönlichen Ekel, wenn ich die stinkende Masse aus dem Bart meines Hundes zuzeln muss, möchte ich erst gar nicht reden. Der tötet ja wenigstens nicht.

Nach solchen unangenehmen Erfahrungen, könnte man erwarten, dass ich überaus zufrieden bin, wenn jemand die Verantwortung für seine Fäkalien übernimmt.
Insofern hätte die erste Begegnung mit dem gutaussehenden und interessanten Hundebesitzer, den ich vor einigen Jahren auf meiner Hunderunde traf, eigentlich der Beginn einer großen Liebe sein können. Es war ein schöner Nachmittag im Frühsommer, angeregt plaudernd gingen wir nebeneinander her, unsere Hunde tobten ausgelassen um uns herum und alles war eitel Wonne. Als wir an einem Gebüsch vorbeilkamen, verschwand der Mann wortlos in selbigem und ich spazierte mit Tölchen diskret weiter. An der nächsten Bank wartete ich auf ihn. Zwei Minuten später folgte der Mann uns. Zielstrebig ging er auf den, neben der Bank befindlichen, Papierkorb zu und warf einen prall gefüllten Kotbeutel hinein.

Ich weiss nicht genau, wie lange diese Sache nun schon zurück liegt. Aber jedes Mal, wenn ich den Mann seither irgendwo getroffen habe, denke ich an das satte, schwere Geräusch, dass der Beutel machte, als er in den metallenen Papierkorb plumpste. Und ich muss zugeben: es wäre mir lieber gwesen, er hätte seine Hinterlassenschaften da gelassen, wo sie waren.

 

 

 

 

 

 

Bild: Daniel Ziegener, Blauer Stuhl, flickr
Lizenz:https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Totraum

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In der Apotheke frage ich nach einer 1 ml Spritze, mit der ich der Katze den Magenschutz einflößen kann. Zur Anschauung bringe ich eine bereits gebrauchte und inzwischen ziemlich zugerichtete Spritze mit. So eine hätte ich gerne wieder, sage ich.
Die Apothekerin nimmt die Spritze entgegen und betrachtet das kleine Wunderwerk von allen Seiten. Neugierig und mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie mich schließlich an und fragt: Wo haben Sie die denn her?
Ich weiss es nicht mehr. Vielleicht vom Tierarzt, irgendwann mal.
Sowas habe ich ja noch  n i e  gesehen!, behauptet die Apothekerin jetzt und beäugt das kleine Spritzchen wie ein schillerndes, exotisches Insekt.
Es fällt mir schwer, ihr das Erstaunen und den übertrieben aufgeregten Tonfall abzunehmen und ich frage mich, ob sie entweder schon am frühen Morgen einen im Kahn hat, oder ob sie gerade für den ersten großen Auftritt ihrer Laiendarstellergruppe übt.
Könnten Sie bitte nachschauen, ob irgendwer solche Spritzen führt, übergehe ich ihre miserable Darbietung.
Das kann sie. Geschwind und mit hochkonzentriertem Blick tippt sie etwas in die Tastatur ihres Computers und wird wider Erwarten nach kurzer Zeit fündig.
Hier haben wir´s, sagt sie, und fügt, als ich mich gerade freuen will, erhältlich nur in einem Gebinde von 800 Stück, dazu.
Ich hatte eher so an maximal 5 Stück gedacht, sage ich zögernd.
Schulterzuckend und kopfschüttelnd zugleich (doppelte entschiedene Verneinung darstellend), gibt sie mir zu verstehen, dass sie meinen Wunsch nicht erfüllen kann.
800 Stück, wiederholt sie, eine kleinere Verpackungseinheit gibt es nicht.
Jetzt ist es an mir, den Kopf zu schütteln und mit den Schultern zu zucken (kann man nix machen darstellend). Als ich damit fertig bin, verlasse ich mit einem kurzen Gruß die Apotheke, die kleine, kostbare Spritze liegt in meiner Hand.
Das glaubst Du ja wohl selbst nicht. 800 Stück als kleinste Packungsgröße. Pfft. Was ist das überhaupt für eine Mengeneinheit, das ist ja noch bescheuerter, als 1,46 Liter Waschmittel oder als der haarscharf kalkulierte Immobilienpreis von 525,326 € für 4 Zimmer. Alles muss immer irgendwie schwierig sein.
So, oder so ähnlich murmele ich vor mich hin, den Blick fest auf den Boden geheftet, um in dieser Gemütslage bloß niemanden sehen, und im blödesten Fall auch noch grüßen zu müssen.
Als ich durchgefroren Zuhause ankomme, mache ich mir zur Stärkung einen Cappuccino und setze mich damit an den Rechner. In das Suchfeld gebe ich alsdann: Spritze, 1 ml, Stift ein. Und  –  palim palim –   gleich der vierte Eintrag zeigt mir meine superungewöhnliche, nie-zuvor-dagewesene Rarität, die der Händler in Packungsgrößen zwischen 10 und 200 Stück anbietet. Als ich dann noch die Produktbeschreibung durchlese, lacht meineben noch grambeladenes Herz aus vollem Herzen (doppelte Tautologie :/) auf, und ganz besonders erfreue ich mich an einer Formulierung, von der ich augenblicklich weiss, dass sie mich bis auf mein (1,97 m x  1,53 m großes) Sterbebett begleiten wird:

  •  mit Spardorn ohne Totraum

steht dort.

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: weeß ick nich, screenshot irgendwo

Schwimmende Schweine

Es gibt Berufe, die ich nicht gerne ausüben möchte. Zum Beispiel möchte ich nicht anstelle des Bügelmannes im KaDeWe stehen und mit dem Ernst eines englischen Palastwächters die ollen Jacken der vorgeblich Interessierten Kundschaft aufbügeln müssen, um sie von der Qualität meiner exquisiten Bügelstation zu überzeugen.
Noch weniger möchte ich der Fachverkäufer für Herrenbekleidung mit dem gewaltigen Backenbart sein, was vor allem mit dem Bart zu tun hat, im Allgemeinen, wie auch im Besonderen. Der Backenbartler ist, unter uns, inzwischen auch längst ausgestiegen aus dem Textilbusiness und widmet sich seither ganz und gar der Pflege seines Gesichtsschmuckes. Mit großem maximalem Erfolg.

Auch möchte ich nicht Kosmetikfachverkäuferin sein und den ganzen Tag stark geschminkt im Neonlicht herumstehen müssen, wo meine verkleisterten Poren verzweifelt nach Luft rängen, während meine schmerzenden Füße und Beine nicht wüssten, wie sie die Stunden bis zum rettenden Sofa überstehen sollten.
Bäckerin wär mir auch nix, denn das frühe Aufstehen bekommt mir nicht. Mein erster Rückenschmerz datiert auf einen Morgen, an dem ich zur nullten (!) Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Um 6.45 h betrat ich, nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt, mit schlimmem Kreuzweh den Klassenraum und wusste von diesem Moment an, dass ich für derart unmenschliche Abläufe nicht geschaffen war. Seither vermied ich, wenn irgendmöglich vor sieben Uhr aufzustehen und legte sowohl meine Vorlesungen, wie auch später meine Jobs passend zu meinem Biorhythmus. Nur manchmal, und  auch nur, wennn es für einen guten Zweck ist, in den Urlaub fahren zum Beispiel, mache ich eine Ausnahme von dieser Regel. Aber sonst: niemals vor sieben.
Das Urlaubsargument verwende ich übrigens auch gerne bei der notorisch verspäteten Mitarbeiterin: Du schaffst es dein Flugzeug zu kriegen, um auf die Bahamas zu fliegen, dann kannst du es auch schaffen pünktlich zur Arbeit zu kommen, meckere ich seit Jahr und Tag und immer wieder zeigt sie sich zerknirscht, ob dieser unumstößlichen Wahrheit. Einmal habe ich, vor lauter Verdruss, derart geschimpft, dass ihr die Tränen kamen, was mir sehr leid tat. Doch genützt hat´s nix. Gerademal zwei Tage hielt die Wirkung an, bis der gewohnte Schlendrian wieder Einzug hielt. Inzwischen schickt sie schon vor ihrem Arbeitsbeginn reuige sms, in denen sie ihre Verspätung ankündigt und die sie als Freischein, nimmt noch später als gewohnt zu erscheinen. Ich hab doch Bescheid gesagt!
An manchen Tagen, wenn sie es gar zu toll treibt, ihretwegen Termine platzen, und mir der Schädel vor Ärger beinahe platzt, schaue ich sie zur Begrüßung nicht einmal mehr an und murmele kaum hörbar in meinen nicht vorhandenen Premiumbart: Ich sag jetzt nix. Wie ich das finde, weisst du ja.
Ja, ich weiss
, sagt sie, die den Dialog inzwischen auswendig kann, und ihre Stimme klingt erfreulich bedrückt. Nützen wird´s freilich nix.

Für 2017 habe ich mir dringend vorgenommen nachtragender oder zumindest unpünktlicher zu sein. Außerdem möchte ich auch mal auf die Bahamas fliegen.

Der Schluss der Geschichte, wie auch die Reise der Mitarbeiterin auf die Bahamas, ist frei erfunden. Weder heute noch in der Zukunft werde ich dorthin fliegen, denn mein letzter Rückflug aus der Karibik steckt mir noch tief in den Knochen.
Ich suchte bloß ein Stichwort, um dieser drögen Geschichte eine Wendung zu geben, einen finalen Schliff, und meiner geduldigen Leserschaft die zauberhaften schwimmenden Schweine vorstellen zu können.
Guckt mal, guckt mal, guckt mal!

(youtube-Direktlink)

 

 

Jeck & Jecken, oder Wahnsinn & Frohsinn

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Manchmal scheint mir ich bin (sei und wäre) Rheinländerin. Denn mein Humor, Quell lustigsten Lachens und Born rührigsten Rühmens, mag zwar mitunter ein klein wenig gelitten haben unter den alltäglichen Challenges (como se dice en neudeutsch) denen er tagtäglich ausgesetzt ist; regelrecht ramponiert schaut er dann drein, wie ein angefahrenes Schaf, und entsprechend desolat guckt er auch aus der Wäsche, mal bildlich gesprochen und zum besseren Verständnis, doch vergehen tut er, typisch rheinländisch halt, nie. Früh und gründlich angelegt (als Schülerin der Neuen Frankfurter Schule ) ist er Teil meines limbischen Systems und fest verankert mit dem Frontallappen, dem Kortex, dem Hyperbrachialamus und so weiter. Da hülfe (starkes Verb) nicht einmal eine Lobotomie ihn mir auszutreiben.

Wer´s noch nicht wusste und aproposito Lobotomie: vorlauten Teenagern stocherte man nämlich früher (bis in die 1950er Jahre hinein) mit einem Meißel im Gehirn herum, damit sie endlich mal aufhörten dämlich zu kichern und vor Freude wie toll zu wiehern.
Auch eine der Kennedy-Schwestern mußte daran glauben, als die Lebenslust sie abends um die Häuser ziehen ließ, während ihr ehrgeiziger Vater an seiner Karriere feilte und keinesfalls Großvater werden wollte. Das Lachen ist ihr gründlich vergangen, der Rosemary. Postoperativ schwerstbehindert endete sie (von ihrer Familie totgeschwiegen) in einem Heim, und bekam erst Jahrzehnte nach dem Gehirnmassaker, veranstaltet von einem Freund der Familie und dem Lobotomiechirurgen überhaupt, Dr. Freeman, den ersten Besuch ihrer Mutter. Da zuckte die alte Rosemary noch einmal hoch, stürzte sich auf die schändliche Verräterin und scheuerte ihr eine, dass es weithin schallerte.
Rosemarys Schicksal führte übrigens später zur Gründung der Special Olympics.

Doch dieser kleine Ausflug nur nebenbei. Passt gar nicht zu mir, so trübes unappetitliches Zeug zu erzählen. Ich hoffe, dass niemand sich davon die gute Laune verderben hat lassen, wo doch gerade an einem solchen Tag, wenn der Regen gemütlich herunter prasselt und uns eintrommelt auf die dunkle Jahreszeit, die ersten Lebkuchen und Marzipankartoffeln besonders lecker munden (aus Jux Sprachebene gewechselt) und man einfach mal seine Ruhe haben möchte.

Abgeschweift.

Wo andere Helau und Alaaf riefen, krähten wir Kinder meckmeck in Anlehnung an den Namen des ortsansässigen Karnevalsvereins, der zugleich auch Turnverein war und Die Meckerer hieß. Wenn dort zur Fassenacht die Büttenreden gehalten wurden und jeder Kalauer im Anschluss mit einem Tusch kenntlich gemacht wurde, rief zuerst der Vorbeter Kölle Alaaf oder Mainz Helau und wir Kinder schrien im Anschluss im Chor und wie von Sinnen, Seckbach meck meck!, bis wir heiser waren am Abend und unsere Eltern zufrieden.

Es gibt viele Wege ein Kind zum Schweigen zu bringen. Klamauk ist eine davon.

 

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Im Bergmannkiez wurden übrigens inzwischen auch alle Irren mundlos gemacht.
Null Stimmen für die AfD bei der Wahl vor zwei Wochen.

 

 

 

 

Bild: Wladislaw Podkowinski, „La Folie“ (1894)/ Quelle: Wikimedia

Infirmitas

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Die Mittagssonne wirft harte Schatten. Die Häuser stehen wie auf einem Modell. Die Zeit, ein heißes Bad. Über dem Asphalt flirrt die Luft und Alien Schmidt kehrt zurück in seinen Quader.

Aufgeschlagen liegt das Buch auf dem Podest. Mit seinem Zeigestab fährt er Zeile für Zeile darüber bis dessen Spitze anfängt zu leuchten. Dann hält er inne.

Ohnmacht steht dort. Alien Schmidt lächelt.

 

 

 

 

 

 

Bild: Harald, Henry-Ford-Bau, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/