Gott am Feldweg

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Aber während ich zuzeiten in der Vorstellung selig war, daß meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, daß sie keine Bedeutung hatten. Jetzt finde ich an einem fernen Punkt in meinem Wesen etwas verborgen, das mir sagt, nichts in der Welt sei ohne Bedeutung, am allerwenigsten das Leiden. Dieses Etwas, das tief in mir vergraben liegt, wie ein Schatz auf einem Felde, ist die Demut.

Oscar Wilde

ausschließlich nur

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Von Praxis zu Praxis. Die Nadel im Heuhaufen. Den Weg finden. Wie es mir zum Halse heraus hängt. Und wie es mich in Panik versetzt- warum sollte es immer nur die Anderen treffen?- und wie ich wieder ganz gelassen bin und mir alles so absurd und abwegig erscheint. Man kommt rum, das immerhin. Urban, Charité, Hausärztin (nein, der unqualifizierten Mutmaßung des Charité-Arztes will sie sich nicht anschließen), Zahnarzt, HNO.
Geduldig erdulden.

In der Röntgenpraxis steht ein ausgemergelter Mann vor dem Anmeldetresen.
Gibt es Brustkrebs auch bei Männern?
Manchmal macht Frau Doktor auch bei Männern eine Mammographie, antwortet die Sprechstundenhilfe und schaut dabei auf ihren Monitor.
Also gibt es Brustkrebs bei Männern?
Sie nickt.
Ich stehe hinter der Diskretionslinie und tue, als hätte ich nichts gehört. Plötzlich erscheint mir der raspelkurze Haarschnitt der kurvenreichen Schönheit vor mir wie eine nachwachsende Nebenwirkung.
Kranksein macht krank und lenkt den Blick auf das Kranke, das Versehrte.

Das Leben ist nicht nur Siechtum, aber es endet häufig darin.

Die parapelvine Rucksackzyste, ein Nebenbefund, ist dem Anschein nach gutartig, sagt der Internist. Sicherheitshalber solle ich sie alle 3 Monate schallen lassen.
Je häufiger ich mich untersuchen lasse, umso kränker (am kränksten) scheine ich zu werden.

Auf dem Heimweg prophylaktisch grünen Tee gekauft. Wegen der Antioxidantien und des tipsi-topsi Krebsabwehreffektes. (Nicht mehr lange, dann ziehe ich den Katzen das Fell ab um Rheuma vorzubeugen).

Seinem Schicksal entkommt man nicht, behauptet Neunmalklug und ich frage mich was genau das Schicksal sein soll. Der fehlspritzende Notarzt, oder der reanimierende Feuerwehrmann?
In guten Momenten weiß ich, dass Letzteres stimmt.
Die schlechten Gedanken versuche ich abzuschießen, wie vorbeiziehende Entensilhouetten in der Jahrmarktbude.
Plong!

Und, ermutigende, empiriegestützte Binse: auf Regen folgt doch immer Sonnenschein, falls nicht gerade Apokalypse,
was Bokonon verhüten möge.

Abschied von der Mutter

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Später sitzen wir in ihrem Zimmer.
An der Wand hängt eine Fotocollage. Stationen ihres Lebens. Mit der Mutter, der Großmutter, ihren Geschwistern, dem Stiefvater. Und mit ihrem Mann. Meinem Vater. Der Hochzeitstag, auf einem Ball.
Immer schön, immer mondän, immer Diva.

Kein Bild von ihren Kindern. Nicht eines.
Es gab uns nicht in ihrem Leben, bis zum Schluss.
Eine Kinderlose. So wie ich.

Dieser Absturz in den letzten sieben Jahren. Von einer attraktiven Frau zu einer dementen Ruine in Pantoffeln (wenn sie das wüsste).
Ich sitze ihr gegenüber und schaue sie an. Ein bitterer, harter Zug spielt um ihren Mund.
Ich erinnere mich.

Ich frage sie, ob es ihr gut geht. –Nein.
Die Einrichtung ist wirklich schön. -Nein.
Dein helles Zimmer. -Nein
Das Essen? -Nein.
Deine Geschwister besuchen dich jeden Tag, das ist doch schön. -Nein
Du musstest immer so viel Nein sagen. Schweigen.

Weisst Du, dass Du Kinder hast. -Ja.
Weisst Du wer Betty ist? -Ja.
Benny? -Ja.
Kathe? -Ja.
Ich bin Kathe. Ich bin deine Tochter.

Schweigen. Sie sieht mich lange an. Ich kenne diesen Blick.

Ich bin gekommen um mich von dir zu verabschieden. Ich wollte dich noch einmal sehen, dann  lasse ich dich in Ruhe. Geht es dir gut?

Sie schaut und rollt die Zeitschrift zwischen ihren Händen zusammen. Ich denke an den Polizisten beim Kasperletheater, der dem Räuber mit dem Stock eins überbrät.

Ich wollte dir sagen, dass ich dir verziehen habe. Ich trage dir nichts nach. Es geht mir gut. Mein Leben ist schön, ich bin ein zufriedener Mensch.

Sie knirscht mit den Zähnen.
(Wer bin ich ihr verzeihen zu wollen.)
Vorsichtig greife ich nach ihrer knochigen Hand, die sie mir entwindet.
Daran ändert auch die Demenz nichts: sie verabscheut meine Spinnenfinger.
Beinahe muss ich lachen. (Ich will dir doch nichts)

Auf dem Nachttisch steht ein gerahmtes Schwarzweiss-Foto in einem breiten silbernen Rahmen. Sie, von der Seite aufgenommen, mit einem kleinen schwarzen Schleierhut, der ihr das Aussehen einer Witwe gibt. So schön und anmutig und inszeniert.

Eine Weile noch sitze ich bei ihr und schaue die Bücher im Regal hinter ihr an. Vornehmlich Bildbände. Mein Blick fällt auf eine Marilyn-Monroe-Biographie. Natürlich.
Dann sammle ich alle meine Kräfte und atme tief durch.
Es fällt mir schwer mich zu verabschieden. Nach all den Jahren.

Ich gehe jetzt, leb wohl, sage ich schließlich und lächle.
Sie dreht den Kopf zu mir hin und sieht mich mit klarem Blick an.
Alles Gute, sagt sie tonlos und schaut mir lange in die Augen.
Dann wendet sie sich ab und starrt wieder ins Nichts, in ihren Händen die zusammen gerollte Zeitschrift.
An der Zimmertür bleibe ich stehen und blicke noch einmal zurück. Im Halbprofil sehe ich ihre Nase. Meine Nase.
Sie hat mir nie verziehen, dass ich ihr so ähnlich sehe.
Sie hat dir nie verziehen, dass du krank wurdest, sagt mein Bruder später.

Vor dem Haus fotografiert eine Frau die Kirschblüten.
Die Sonne scheint, wir spazieren zum Ufer. Der Hund niest vor Freude und dreht seine Runden. Ein schöner Tag.

Ich lebe noch.

 

 

 

 

 

 

Foto: „Marilyn Monroe, The Prince and the Showgirl, 2” autorstwa Milton H. Greene – File:Marilyn Monroe, The Prince and the Showgirl, 1.jpg. Licencja Domena publiczna na podstawie Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Marilyn_Monroe,_The_Prince_and_the_Showgirl,_2.jpg#/media/File:Marilyn_Monroe,_The_Prince_and_the_Showgirl,_2.jpg

steady state

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Der Augenblick ist jenes Zweideutige, darin Zeit und Ewigkeit einander berühren.

Søren Kierkegaard

Und wieder Frühling.
Das rostig-schräge Lied der Meise – wie die Schaukel in unserem Garten, damals. Nebenan der modrigsüße Duft der hauseigenen Kelterei. Bergeweise Äpfel im schattigen Hinterhof. Der alte Herr W. im Feinripp winkt mir von drüben zu und nickt dabei.
Sein Neffe lebt noch. Wir treffen ihn auf der Straße. Zur Begrüßung zieht er ein kleines Album aus der Jackentasche und zeigt uns die gelbstichigen Fotos seiner verstorbenen Schäferhunde.
Vergeblich suche ich in seinem Gesicht nach den Zügen des Onkels.

Ich schaue aus dem Fenster in den klaren Tag. Weisse Mittagssonne, raschelnder Bambus, kühle Luft. Das Schilf am Ufer, der See in Neuruppin.

Ausgebleicht der Waldboden. Vertrocknetes Laub, tonfarbene Blattfraktale. Waldmeistergrün schiebt der Bärlauch sich aus der Erde.
Umgestürzte Buchen, klaffende Stümpfe. Neue Lichtungen.
Irgendwann im Winter.

Ein dünner Zweig biegt sich unter meiner Bananenschale. Der Hund springt aus dem Stand.
Ganz langsam dreht das stillgelegte Riesenrad sich im Wind.
Die Waldschule.
Krokusse, Schneeglöckchen, Winterlinge. Vorbei der milchige Schlaf.

Für einen kurzen Moment denke ich über die Zeit nach, die unaufhaltsame.
Die Unmöglichkeit ihr etwas entgegen zu setzen.
Ich sehe mich Buster-Keaton-artig gegen eine Tür gestemmt, sie nicht herein zu lassen und auch diese kostbaren Wochen und Monate mit sich zu nehmen.
Und draußen, im hellen Jetzt steht Kater Ludwig Aug in Aug mit der getigerten Nachbarskatz. Der Schwanz buschig, voller Leben, mitten in der vergehenden Zeit.

Würde sie nicht vergehen, sagst du, dann könnten wir sie nicht zusammen erleben. Der Moment, der bliebe, wäre tot; das Lächeln, das nicht gesehen, nicht im Herzen ankommen kann. Nur was vergeht kann Schönheit besitzen.

Und sterben.

Wie ein Wellenkreis breitet  sie sich aus. Zeitringe.
Unsere Einschläge dicht nebeneinander.

 

Foto: Wikipedia, aquarius,cc, no attribution required

Tödliches Ajmalin

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Der sogenannte Todespfleger von Delmenhorst ermordete seine Opfer indem er ihnen Ajmalin, ein Mittel gegen Herzrhythmusstörungen, injizierte.

Das gleiche Medikament schickte auch mich im vergangenen Oktober über den Jordan, nachdem der Notarzt die gesamte Ladung innerhalb einer Sekunde, statt der üblichen 5 Minuten, in meine Armvene drückte und damit für eine quasi-tödliche Intoxikation sorgte, die zu Kammerflimmern mit Kreislaufstillstand führte.

Es folgte: Defibrillation, Beatmung, Herzmassage, Adrenalin, Dopamin.

Der Delmenhorster Pfleger langweilte sich bei der Arbeit.
Spaß hingegen machte ihm die Reanimation der eigens dafür ins Off gespritzten Patienten.
Sie bescherte ihm darüber hinaus, neben Spannung und Gänsehaut, zusätzlich die Anerkennung der Kollegschaft.

Eine schmerzliche Welle des Mitgefühls überkommt mich für Diejenigen, die diesen Tod zu Ende sterben mussten.
Und gruselnd frage ich mich, ob mein Notarzt möglicherweise auch ein Gelegenheitskiller ist.

Glück gehabt, icke.

 

Foto: „Adrenalin Ampulle“ von de:User:Flothi – Fotograf: F. Thillmann. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adrenalin_Ampulle.jpg#/media/File:Adrenalin_Ampulle.jpg

Gentrifizierung, die

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Seit Jahren setze ich mich mit den Phänomen der Gentrifizierung und der damit zusammen hängenden Segregation, also der Entmischung eines Wohnquartiers (Kiezes) auseinander. Tagtäglich werden Nachbarn aus ihren Wohnungen verdrängt und langsam dürfte es eng werden am Stadtrand.
Auch an befreundeten Bloggern geht der Kelch nicht vorüber.

Nun legt sich der lange Schatten des Eigenbedarfs (den der inzwischen selbst verdrängte Vermieter an mich weitergeben möchte) auch über mein Zuhause und es fühlt sich genau so schrecklich an, wie ich es mir immer vorgestellt habe.

Da bricht einem der Boden unter den Füßen weg.
Die Scholle auf der man sich seit Ewigkeiten eingenischt hatte.

Das System, das System

Die Alternativen: unbezahlbare Mietwohnungen, oder aber in Ermangelung eigenen Kapitals, Verwandte bitten zu gentrifizieren, andere aus ihrer Wohnung zu verdrängen und diese dann mit einer abenteuerlichen Finanzierung zu erwerben.

Vulgo: selber Arschloch Elch werden. Nicht die letzte in der Nahrungskette sein.
Wahlweise: Wegzug.

Schön ist anders.
(Bitte keine gut gemeinten Ratschläge. Mein Kopf platzt ohnehin schon)

 

 

 

Foto: https://www.flickr.com/photos/seven_resist/5245846229/
seven resist, CC, nicht kommerziell, Weitergabe unter gleichen Bedingungen

Südseite und Amputationsschmerz

Meine spottbillige Altbauwohnung in zentraler Lage, ruhig, hohe Decken, Parkett, mit Gartennutzung, Dachterrasse und angenehmer Nachbarschaft, hat neben dem innenliegenden Bad leider auch noch die typische Südseitenproblematik  : die Februarsonne scheint mir ins Gesicht, so dass ich lichtgeblendet zur Verdunkelungsbrille greifen oder die Jalousien herunter lassen muss, um die sonntägliche Muße zwischen Kaffee und Hundespaziergang mit einem guten Buch genießen zu können. Aktuelle Lektüre: Italo Svevo, Zenos Gewissen. Für den persönlichen Komfort und eigenhändig mit dem Teppichmesser in 4 angenehme Portionen zerteilt.

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Kommentar des Einen: barbarisch.

(Zwischen den Zeilen: drei Abschiede. Ein kleiner, einen mittlerer und ein ganz großer. Letztgenannter steht noch bevor und tut jetzt schon weh wie eine Verbrennung zweiten Grades. Vorgeschmack auf den Amputationsschmerz am Dienstag)