Ich weiss es doch nicht

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Ich bin schon im Flur, als ich die Mail lese und nach dem ersten Satz laufen die Tränen. Das Telefon klingelt. Die Schwester, der Wasserschaden, die Versicherung, solche Sachen, die mir trocken im Kopf sind, wie alter Streuselkuchen. Ich weiss das doch nicht, weiss das alles nicht, und mir platzt der Kopf, der leere hallende Kopf, übervoll mit Pein, wie auch mein Herz und meine Seele. Alles tut weh, sitzt an der falschen Stelle, die Haut auf links gegen das rohe Fleisch getackert, bricht der Krater auf und es ergießt sich und ich antworte so gut ich kann. Höre ihre Verärgerung, von weitem, ihren Verdruss und denke an Dich, wenn ihr doch alle nur schweigen würdet, einmal, in dieser Wüste, in der kein Gras sich rührt und kein Zuhause ist.
Ja, sage ich, ich weiss es nicht. Kannst du vielleicht, und wir legen auf, den Hund neben mir verlasse ich die Wohnung und weiss nicht wie ich dorthin gekommen bin, noch wo ich war. Schien die Sonne?
Sie muss geschienen haben, die Sonne, denn sie hört niemals auf damit. Es kümmert sie nicht wer gekommen oder wer gegangen ist. Dieses Mal sind Wir es, die gestorben sind und der Ort an dem wir lebten existiert noch, doch wir sind nicht mehr dort.
Eingesperrt die Liebe in einem toten Raum, verlassen am Tisch, ohne Dich und mich, vor dem leeren Teller, allein in der Nacht, bleibt das Kissen leer, auch am Morgen und am Nachmittag, wenn die späten Sonnenstrahlen goldene Punkte malen und jeder für sich ist in seinem eigenen Leben voller Erinnerung, Verlust und einer neuen Einsamkeit, die anders klingt als jede andere zuvor.
Verloren haben wir uns, ob Schicksal oder Dummheit. Ich weiss es doch nicht. Ich weiss das alles nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wie konnten wir so achtlos mit einem so großen Geschenk umgehen.
Ich weine.

 

 

 

 

gone

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Am Klausener Platz setzt ein Betrunkener sich mir gegenüber auf die Tischtennisplatte. Mit schiefem Blick schaut er mich an und schaut und schaut und es liegt Wärme in seinem jungen, vom Alkohol verklärten, Gesicht. Ich ignoriere ihn so gut ich kann, esse weiter meine Nüsse und genieße das kühlende Blätterdach. Hinter uns rauscht der Kaiserdamm. Später wollen wir in den Schlosspark gehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Betrunkenen, wie er mich anhimmelt und im Nachmittagssuff beinahe dahinschmilzt, bis er schließlich aufsteht und einen Schritt auf mich zu macht. Da erhebst auch du dich und er zögert. Ich liebe dich, sagt er.

Er hat ich liebe dich zu mir gesagt, lache ich, nachdem er gegangen ist.
Er war ja auch total hinüber, antwortest du.
Selbst die kleinen Bälle mochtest du mir nicht mehr zurückspielen.

//

Am Abend komme ich über die Brücke. Vor mir liegt die Michaelkirche im warmen Licht. Als ich vor dem Backsteinbau stehe, denke ich an die vielen Menschen, die das Gotteshaus vor langer Zeit, in ihrem Heute, erbaut haben. Wie schwer sie gearbeitet haben und wie zufrieden und stolz sie bei seiner Einweihung gewesen sein müssen. Niemand lebt mehr, davon zu erzählen, und niemand, sich an einen von ihnen zu erinnern.
Ich versuche mir die zukünftigen Menschen vorzustellen, wie sie, an einem Septembertag wie diesem, durch die Straßen gehen, unsere heutigen Neubauten betrachten und versuchen sich ein Bild von uns zu machen, den Unbekannten dieser vergangenen Epoche. Werden sie eine Frau mit einem Hund an ihrer Seite sehen, die im Abendlicht nach Hause geht und einen langen Schatten auf das staubige Pflaster wirft?

//

Der Sommer verabschiedet sich. Alles Schöne geht einmal vorbei. Dass auch wir enden würden habe ich nie geglaubt. Wir hatten uns gefunden.
Und wir haben uns verloren.

 

 

 

 

 

Mitte Zwanzig

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Du magst das, wenn ich garstig über Andere rede, sagt der Eine, nachdem wir ein wenig über manchen Ausrutscher in der Blogwelt gescherzt haben und ich lache, denn irgendwie, ja, ich mag das. Manchmal. Nicht herabwürdigend, nicht bösartig, aber ein bisschen garstig, das gefällt mir. Souverän garstig, intelligent garstig, nicht so wie neulich der Kindsvater auf dem nächtlichen Mariannenplatz. Da streiten sich zwei Mittzwanziger, eigentlich streitet nur einer, drischt den Ball immer wieder hart gegen die Wand, die unberührt bleibt von allem, was er vorzutragen hat, das gemeinsame Kind, wie es unter der Trennung leiden wird, und lass es uns doch noch mal versuchen. Nein, das möchte sie nicht. Du Fotze, sagt er und sie zuckt nicht einmal mit der Wimper, und nochmal und nochmal, du Fotze, am Ende jeden Satzes, mit dem er die guten alten Zeiten und ihre Verantwortung und das Leiden der gemeinsamen Tochter herauf zu beschwören versucht. Doch er erreicht sie nicht mehr. Sie kennt das, ist es gewohnt, ist es leid und müde und für einen Moment fragt man sich, ob man zu Hilfe eilen müsse, doch das, was da zwischen den beiden passiert, wirkt so gewohnheitsmäßig brutal und abwertend, dass es keine Wunden mehr schlägt. Nichts rührt sich noch in der Frau, sie ist schon lange fertig mit ihm. Erkaltet. Der Mann weiss das, ahnt es zumindest und will es doch nicht wahrhaben; erschöpft sich beim Schlagen ins Leere, bei den vergeblichen Hieben mit stumpfem Schwert. Er weiss, dass der Kampf längst verloren ist, weiss auch, dass er selbst dafür verantwortlich ist, dass er jedes Gefühl, das da einmal war, zerstört hat, es nichts mehr gibt, woran zu appellieren wäre. Keine Liebe, auf die er sich berufen könnte und die auch er schon lange nicht mehr empfindet, wenn das, was die beiden einmal verbunden hat, überhaupt Liebe zu nennen ist. Er erträgt es einfach nicht, er verzweifelt über ihre gleichgültige Abgeklärtheit, ihr vollkommenes Desinteresse an ihm, nicht, weil er sie noch liebte, oder ihm an dem Wohl des Kindes gelegen wäre, auch wenn er immer und immer wieder versucht, sie in ihre Verantwortung als Mutter zu zwingen, wenn schon nicht meinetwegen, dann bleib wenigstens des Kindes wegen. Er kann es einfach nicht dulden, dass sie ihn verlässt, diese Fotze. Er trifft die Entscheidungen, er alleine, doch sie scheint das nicht zu kapieren, irgendetwas funktioniert nicht mehr in ihrem verblödeten Kopf. Was bildet sie sich ein, ihn einfach so runterlaufen zu lassen.
Ratlos und wütend geht er neben ihr her, redet ins Leere, holt tief Luft und nimmt noch einmal Anlauf, greift nach der schärfsten Klinge, das wird sie treffen, holt Luft und presst, ja japst es beinahe heraus, du hast es verdient: du, du Schlampenfotze! Fast möchte man lachen, über soviel verzweifelte Dummheit, während man zusammen zuckt und sich wundert, dass sie es nicht tut, weder zucken, noch lachen, vielleicht innerlich, ein mitleidiges Lächeln, weil er ein Würstchen ist, ein so jämmerliches kleines Würstchen, dass er einem beinahe leid tun könnte.
Leid aber tut einem vor allem die nicht anwesende Tochter und erschüttert ist man über diese grauenhafte Verrohung. Wie zwei Menschen, die das Bett miteinander teilten, sich die Liebe schworen und ein Kind zeugten, auf diese Weise miteinander umgehen. Wie ist das möglich. Die arme Tochter. Was für ein trauriges Leben.

Die Hunderunde ist vorbei, die beiden Mittzwanziger gehen weiter unter den nächtlichen Platanen spazieren, um die letzten, die abschließenden Dinge zu besprechen, ehe die Frau den Faden endgültig durchtrennen und für immer davon gehen wird.

Später am Abend liegen wir im Bett nebeneinander, ganz nah, und ich nehme seine Hand, während der Eine mir das alles erzählt und wir lachen darüber, dieses trockene beinahe verzweifelte Lachen der Hilflosigkeit und sind so froh, wie wir uns sind.

 

Bild: http://www.bighappyfunhouse.com/archives/07/04/ Lizenz: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/

 

 

 

 

 

Lieben

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Ich lese andernorts über das Vergehen der Liebe und über das Entlieben.
Darüber, wie es ist, wenn man versucht nicht mehr an den geliebten Menschen zu denken, wie traurig es macht und wie unendlich viel Kraft es kostet.
Das Abebben bestimmter Hormone, das Meiden sozialer Netzwerke und gemeinsamer Freunde. Keine Anrufe, keine sms. Keine Fotos anschauen.
Wie man sich auf einmal frei und stark, oder aber hart und ganz verloren fühlt.

Die Zeit vergeht, der Schmerz mit ihr. Bilder verblassen.
Immer seltener denkt man an den Anderen, den Menschen für den das Herz schlug.
Und eines Tages erwacht man und ist geheilt. Frei. Der Bann ist gebrochen.
Man hat sich die Welt rückangeeignet. Das Café, ein Lied, eine Straße.

(Wie sollte das gehen? Ganz Berlin ist durchdrungen von dir)

Ich versuche mich zu erinnern und spüre, wie der leiseste Gedanke daran mich sehr, sehr traurig macht. Das Ende der Liebe erscheint mir als der größtmögliche Schmerz. Die Amputation eines lebenswichtigen Organes. So schlimm beinahe, wie der Tod des geliebten Menschen.

Dance me to the end of love

Und dann frage ich mich, was eigentlich los ist mit mir. Wieso tue ich mir solche Gedanken überhaupt an? Wir wollten schon nicht 45 years zusammen gucken, uns nicht betrüben mit anderer Leute Kummer (es gibt genug davon im eigenen Leben, und es nützt ja niemandem, schon gar nicht, wenn es sich bloß um ein Filmpaar handelt. Aus dem gleichen Grund schaue ich fast keine Nachrichten mehr: I can´t help it).
Nicht im Schatten frieren, während die Sonne scheint. Das haben wir gesagt. Wir haben es so schön zusammen, in jeder Hinsicht.

Was ist es, dass ich selbst in den glücklichsten Phasen meines Lebens an ihr Ende, an das Unglück, das zwangsläufig über mich kommen wird, ja kommen muss, denke?

Ist es die Gewohnheit der Katastrophenchronistin, habituelles Leiden also, oder die Einsicht, dass alles was entsteht in jedem Fall zugrunde geht, oder ist es vielleicht prophylaktisches Leiden, Vorleiden sozusagen, um das, was auf mich zukommt schon in Gedanken zu durchleben und auf diese Weise gefeit zu sein, wenn es wirklich einmal so weit ist. Mich impfen gegen den zu erwartenden Schmerz.
Sollte man es dann nicht gleich sein lassen? Unter der ständigen Erwartung des Verlustes kann es nicht gut werden, bzw. gut bleiben.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Hier zeigt die Redewendung ihren tieferen Sinn.

Vor Jahren erzählte mir ein neuseeländischer Freund von einer wunderbaren Frau, die er getroffen habe. Sie hatten eine tolle, besondere Zeit miteinander, verstanden sich gut, lachten viel, führten interessante Gespräche, begehrten sich leidenschaftlich, aber er konnte nicht mit ihr zusammen bleiben. Nach ein paar Wochen beendete er die Liaison und brach den Kontakt vollständig ab.

Wieso das denn, frug ich ihn.

Weil sie fast vierzig war.

Aber sie gefiel dir doch.

Sehr. Aber bald ist sie alt, und dann gefällt sie mir nicht mehr.

Vorbeugendes Schlussmachen also?

Sozusagen.

Hast du ihr das gesagt?

Nein.

Natürlich war das keine Liebe, sonst hätten ihn die Falten der Zukunft nicht interessiert, die Liebe liebt auch die Schwielen an den Füßen und die Krähenfüße unter den Augen, aber es hätte Liebe werden können. Vielleicht beschwört man die Dinge erst durch seine Gedanken.
Es ist beinahe schon eine Binse, aber der einzige Weg glücklich zu sein ist das Leben im Hier und Jetzt. Sich an dem erfreuen, was ist. Es nicht betrauern, solange es währt.
Achtsam umgehen mit dem, was einem gegeben ist. Keinen Horizont zeichnen, wo keiner ist. An die Ewigkeit glauben und das Beisammensein nicht mit bangem Hoffen beschweren.
Je weniger Lebenszeit vor mir liegt umso zuversichtlicher werde ich, dass ich sie im Glück und in Liebe verbringen werde.

Love you, darling.

 

 

 

 

 

 

Fülle

Pfingstrose

Pfingstrose (Photo credit: ingrid eulenfan)

Im Schein des Abendlichtes liegen wir auf dem Sofa. Mein Kopf auf seinem Bauch.
D. liest mir ein Gedicht von César Moro vor und streicht mit der freien Hand durch mein Haar.
Ich schließe die Augen.
Durch die geöffnete Balkontür dringen Kinderstimmen.
Ich erinnere mich an die Melodie des Eismannwagens in der Bronx.
Manchmal, wenn ich mit I. telefonierte, konnte ich ihn im Hintergrund hören, dazu das Lärmen des Spielplatzes.
I.´s weiche, leicht nasale Stimme, mit dem lächelnden Unterton.
Ich habe das Bild seines jüngsten Bruders Antonio vor Augen, von den großen Geschwistern in kalten Winternächten wie eine Wärmflasche von Bett zu Bett gereicht. Der Geruch des kleinen warmen Körpers. Die zarte Kopfhaut mit den unzähligen winzigen Poren, aus denen seidenweiche, duftende Härchen wachsen.
Das tiefe Atmen eines Kindes.

Wir haben uns nur noch selten gesprochen, seit ich bei D. in Barcelona war.
Er fehlt mir. Seine Leichtigkeit.
Letzten Sommer am Kanal, im Tiergarten, auf der Havel.
Im Botanischen Garten setzt sich eine Meise auf seinen ausgestreckten Finger.
Antiopita!“, ruft er mir vom Wasser aus zu.
Der Nachmittag auf einem alten Friedhof in Neukölln.
Eine schwarzweisse Katze lauert stundenlang vor dem Kaninchenbau, fängt ihr Opfer ab, und trägt das quiekende Tier davon.
Hinter einem Grabstein findet es den Tod.

Durch die Vorhänge dringt das Morgenlicht.
Wir lieben uns. Selbst dabei lachen wir.
Es ist schön mit ihm.
Jeden Nachmittag um zwei ruft er seine Frau an.

Seine Arbeit geht voran. Berlin ist intereessant.
Er ist bei Kathe und Rainer zu Besuch. Nette Leute.
Er vermisst sie und freut sich auf das Wiedersehen.

Ich liege neben ihm im Bett und schaue den aufsteigenden Rauchringen hinterher, die sich langsam auflösen.
Später unter der Dusche höre ich meine Lunge leise pfeifen, wie einen Blasebalg.

Vom Flughafen ruft er mich an. Meine Schulterblätter, die Flügel. Meine Lippen.
Beim Dritten Mal hebe ich nicht ab.
Die nächsten Wochen höre ich die Aufnahmen immer wieder.

When will I see you again?
Is this my beginning or is this the end?

Drei lange Jahre haben wir so verbracht. Hier oder dort.
Von New York kenne ich nur Hotelzimmer und die Pfingstrosen im Botanischen Garten.
Die Bagel am Flughafen und die Rücksitze der Taxen.

Einmal lache ich über seine Unterhose. Wie ein Opa.
Er zuckt mit den Schultern. Noch nie hat er sich selbst Unterwäsche oder Socken gekauft.
Das macht seine Frau, früher seine Mutter.
An einem Tag redet er das erste Mal darüber sie zu verlassen und zu mir zu ziehen.
Ich denke an seine Telefonate mit ihr und schüttle den Kopf.
Lass uns das füreinander bleiben, was wir sind.

Jetzt liege ich mit D. auf dem Sofa und er erzählt mir vom Leben Moros.
Ein weiteres Gedicht. Homoerotisch.
Unterwürfige Hingabe.
In die Pause nach dem Lesen hinein fragt er mich, ob ich ihn heiraten will.

 

 

Soundtrack:

Was bisher geschah: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Gleichmut

SAMSUNGFrüher hielt ich Menschen für gefühlskalt, die auf Todesfälle, Trennungen oder andere Katastrophen beinahe unberührt zu reagieren schienen und Sätze sagten wie:
So ist das Leben eben.
Heute denke ich, dass sie vielleicht viel weiser und lebenstüchtiger sind als ich, und  viel weniger Federn lassen müssen, weil sie die Dinge so hinnehmen können, wie sie sind, sich an dem freuen was ist, und ich versuche ebenso mehr Gleichmut gegenüber den Unabänderlichkeiten des Lebens zu entwickeln.
Besonders weit bin ich noch nicht, aber ich werde besser.

 

 

 

Auftakt und Abgesang

Green butterfly - canon t2i

Green butterfly – canon t2i (Photo credit: @Doug88888)

Ales Auszug aus der Wohnung verlief unspektakulär. Ihr Vater half ihr beim Verladen der wenigen Kisten, und brachte den Einkaufswagen, den sie als Kleiderschrank benutzt hatte, zurück zu Kaiser´s. Er war sehr freundlich, und ich hatte den Eindruck, dass er keinen Schimmer hatte, was zwischen uns vorgefallen war. Wahrscheinlich war er einfach froh, dass sie wieder zurück zu ihm zog, und die Gründe dafür interessierten ihn nicht.
Der Abschied zwischen ihr und mir hingegen war kühl, und als sie weg war, ging ich in ihr Zimmer, öffnete die Fenster und rauchte eine Zigarette. Obwohl ich es später würde weg fegen müssen, schnickte ich die Asche auf den Boden, und trat die Kippe anschließend auf dem löchrigen PVC aus. Ein gutes Gefühl.
Dann schnappte ich mir die Bierkisten, die seit der letzten großen Party in der Küche herum standen, und trug sie in den leeren Raum, wo ich jeweils zwei übereinander stapelte, um sie als Sitze zu nutzen. Anstelle eines Kissens legte ich ein paar Klamotten auf. So würde es gehen. Was fehlte, war ein Tisch. Für den Anfang mussten die Fensterbank und meine Knie als Unterlage reichen. Später würde ich mir noch einen alten Campingtisch besorgen.
Bald nach Ales Auszug traf ich sie auf einer Grillparty bei Nora wieder, auf die ich mit Jerry gegangen war. Wir grüßten uns knapp, gingen uns ansonsten in dem weitläufigen Haus und Garten aus dem Weg, und irgendwann war sie verschwunden.
Gut so. Niemand fragte mich, was zwischen uns geschehen war. Ich nehme an, sie waren alle bereits mit Ales Wahrheit versorgt.
Jerry fing früh an zu trinken, zischte ein Bier nach dem anderen, und war schon nach zwei Stunden blau.
Er legte sich unter einen der alten Apfelbäume, und beobachtete mit halb-geschlossenen Augen und zufriedenem Grinsen das Treiben um ihn herum. Ich setzte mich neben ihn und nippte am schlechten Krombacher.
Als es dunkel wurde, tauchte Carlos auf. Von Weitem winkte er mir zu, und ich senkte den Blick.
Nachdem er jeden begrüßt hatte, rollte er den mitgebrachten Schlafsack auf, schlüpfte hinein und hüpfte damit durch den ganzen Garten, über den unebenen, leicht abschüssigen Boden, zu Jerry und mir herüber. Alle lachten.
Als er japsend und betont ungeschickt hoppelnd, bei uns ankam, ließ er sich umfallen und landete in der schmalen Lücke zwischen Jerry und mir. Sein Kopf auf meinen Oberschenkeln.
Natürlich entschuldigte er sich übertrieben, tat aber so, als könne er sich in seinem Schlafsack kaum bewegen. Ich schaute zu Jerry, der immer noch das breite Grinsen im Gesicht trug, und ließ Carlos liegen, wo er war.
Wir quatschten, und lachten, wie schon bei den ersten beiden Begegnungen, aber gleichzeitig fühlte ich mich, als würde ich meinen Freund vor dessen Augen betrügen.

Transparent Butterfly

Transparent Butterfly (Photo credit: thefost)

Nach einer ganzen Weile stand Jerry auf, nuschelte irgend etwas, und ging mit dem langsamen Schritt des Betrunkenen, der vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzt, ins Haus. Carlos und ich unterhielten uns weiter, aber ich war nicht mehr richtig bei der Sache, weil ich mir Sorgen machte, dass Jerry gekränkt sein könnte. Ich fuhr ihm kurz mit den Fingern durch die Haare, und sagte dann, ich müsse jetzt reingehen und nach Jerry schauen. Er setzte sich auf, und lächelte meinen Mund an während ich sprach.
Drin fand ich Jerry im Wohnzimmer. Er lag auf dem großen Ledersofa und schlief. Gleich zwei leere Bierflaschen standen neben ihm auf dem Boden. Die mussten ihm den Rest gegeben haben.
Ich quetschte mich zu ihm auf die Couch und legte seinen schweren Arm auf meiner Hüfte. Die große Hand hing schlaff herunter, und er schnarchte leise weiter. Aus dem Garten hörte ich ab und zu fröhliches Gelächter, sonst war es erstaunlich ruhig in dem großen Haus.
Als ich erwache, ist es schon hell, und irgend etwas stimmt nicht. Gar nicht. Was ist das? Mein Rücken ist nass, meine Hose… Ich greife nach hinten- nein! Mit einer schnellen Drehung winde ich mich aus Jerrys Arm, und sehe die Katastrophe.
„Jerry, wach auf!“
Er grunzt.
„Jerry, scheiße, du hast alles voll gepinkelt!“
Anstatt aufzustehen macht er sich im Halbschlaf an seinem Reißverschluss zu schaffen.
„Hör auf!“, flüstere ich, und packe ihn an der Schulter. Bloß nicht zu laut sprechen, wer weiß, wer sich außer uns noch in der unteren Etage aufhält. Jerry öffnet ein Auge und grinst mich zufrieden an. Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieser Gesichtsausdruck, den er immer dann zeigt, wenn er gesoffen hat oder müde ist, stört. Dieses Mal macht er mich aggressiv.
„Steh auf, du bist total nass, und ich auch! Und das Sofa auch!“
Das Sofa! Ich muss irgend etwas unternehmen. Sofort mache ich mich auf die Suche nach ein paar Lappen zum Aufwischen.
In der Küche finde ich 2 Rollen Küchenpapier, und im Bad schnappe ich mir einen Stapel Gästehandtücher. Damit, und mit einem Sprühdeo, Credo, kehre ich zurück ins Wohnzimmer, wo Jerry immer noch auf dem Sofa liegt.
Unfassbar! Wieso wird der Kerl nicht mal wach, wenn er in seiner eigenen Seiche liegt? So viel hat er doch gestern gar nicht getrunken.
Mir wird langsam kühl am Rücken, und ich darf gar nicht daran denken, was da nass und kalt an meiner Haut klebt und juckt. Ganz nah gehe ich jetzt mit dem Mund an Jerrys Ohr und mache ein lautes Schmatzgeräusch, als wolle ich ihn küssen.
Er schreckt auf. Jetzt ist er wach.
„Was´n los? Lass das! Hab´ so schön geschlafen.“
„Schön geschlafen! Jerry, du hast dich voll gepinkelt, und mich und das Sofa auch. Hilf mir sauber machen, und dann will ich hier weg.“
Jerry setzt sich auf und schaut mich ratlos an. Ich sehe, dass unter ihm alles nass ist. Das Ledersofa scheint aber imprägniert zu sein, denn der Urin sammelt sich auf der Oberfläche.
„Steh endlich auf!“
Behäbig wie ein Tanzbär erhebt er sich und guckt mich an. Er ist immer noch betrunken.
Ich schmeiße die Handtücher auf die Sitzfläche und wische alles weg, so gut es geht. Das Ergebnis ist besser als erwartet. Nur auf der Unterseite der Auflagen sind Flecken zu sehen, die ich schnell abtupfe und dann mit reichlich Deo besprühe. Hoffentlich riecht das später, in Verbindung mit der Pisse, nicht erst recht verdächtig.
Als ich fertig bin trage ich die nassen Handtücher ins Bad und werfe sie direkt in die Waschmaschine. Das benutzte Küchenpapier schmeiße ich in die Toilette und spüle. Aber anstatt zu verschwinden, kommt das Papier mit dem Spülwasser nach oben, und verstopft beim Ablaufen das Abflussrohr, so dass das Wasser zusammen mit dem aufgeweichten Papier in der Schüssel steht. Verflucht!
Ich mache den Deckel zu, wasche mir die Hände, und gehe zurück ins Wohnzimmer.
Dort packe ich den immer noch tranigen Jerry am Arm und ziehe ihn zur Haustür.
Am Auto angekommen fällt mir ein, dass seine und meine Hose so nass sind, dass wir die Sitze einsauen werden. Kurz überlege ich, mir Hose und Slip auszuziehen, verwerfe die Idee aber sofort. Wir beide unten ohne, und dann ziehen uns am besten noch die Bullen raus.
Also setzen wir uns mit den vollgepissten Klamotten ins Auto. Jerry sitzt neben mir und er sieht zufrieden aus.
Dick ist er geworden, denke ich. Aufgedunsen vom Alk.
Es sind keine liebevollen Gedanken, die mir während dieser Fahrt in Richtung Alte Oper durch den Kopf gehen, und ich bin froh als ich ihn vor seiner Haustüre absetzen kann. Wortlos steigt er aus und geht den kleinen Weg zum Haus entlang.
Seine helle Jeans hat einen großen nassen Fleck am Hintern.

Musik zum Text: Zweiraumwohnung, Wir trafen uns in einem Garten

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Fortsetzung

English: The chimney The chimney.

(Photo credit: Wikipedia)

Es dämmert und die Vögel zwitschern. Amseln hüpfen in den Vorgärten umher, verharren unter den Rhododendronbüschen und flöten ihre unbeholfenen Tonleitern in den wolkenlosen Morgenhimmel über der Stadt.
Schweigend gehen wir zu meinem Auto. Carlos hält mir seine Schachtel Rothmans hin, wir bleiben kurz stehen. Als er mir Feuer gibt halte ich sein Handgelenk fest.
Die hölzernen Lider der alten Villen sind noch geschlossen. Die ersten Frühlingsblumen öffnen ihre Blüten; Rosenduft steigt mir in die Nase.
Ich habe Hunger und bin müde.
Beim Auto angekommen, werfe ich meine Kippe in den Rinnstein, schließe auf und lasse mich hinein fallen. Ich kurbele das Fenster herunter und ziehe die Tür zu. Carlos steht neben mir und beugt sich mit mehrdeutigem Grinsen nach vorne.
Ich werde ihn nicht küssen.
– Ich muss jetzt fahren,
sage ich stattdessen und zünde den Motor.
– Wir sehen uns?
– Ja, bestimmt.

Rückwärts stoße ich aus der Parklücke.
Zum Abschied ein letzter Blick. Ich schalte die Automatik auf S, und schleiche  im Schritttempo die ausgestorbene Straße in Richtung Zentrum herunter.
Um zu Jerry zu fahren ist es zu spät und Ale will ich auch nicht wecken.
Also mache ich mich erstmal auf den Weg Richtung Hauptbahnhof, um beim Frühbäcker Mohnbrötchen zu besorgen und später mit ihr zu frühstücken.
Kaum habe ich das Villenviertel verlassen, sind die Straßen plötzlich erstaunlich belebt. Es ist Montag früh. Die Stadt erwacht, und Menschen gehen zur Arbeit. Einen kurzen Moment fühle ich mich schlecht bei dem Gedanken, dass auch mein Vater schon bald wieder aufstehen und bis in den späten Abend ackern wird. Ich drücke die Cassette rein, und drehe die Musik auf.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ich erinnere mich noch gut an das Konzert vor 3 Jahren, zu dem ich meinen kleinen Bruder mitgenommen hatte, mit dem Auftrag ihn wohl behütet wieder nach Hause zu bringen.
Nach kurzer Zeit war er so blau und rannte von der Halle zum Bierstand und umgekehrt, dass ich ihn schließlich aus den Augen verlor.
Wie heute trug ich mein Haar zu einem Pferdeschwanz und steckte in einem schwarzen, schmal geschnittenen Anzug mit kurzer Jacke, den mir Jan letztes Jahr geschenkt hatte, weil er ihm zu eng war.
Damals, vor dem Eingriff, trank ich noch Bier, ohne mich zu sorgen, dass es fett macht.
Der Sound in der Halle ist miserabel abgemischt, die Stimme von Robert Smith geht unter im diffus verschwimmenden Gitarrengeschrammel und den typischen, viel zu lauten, Bassläufen. Auch ich trinke ein paar Bier, und muss irgendwann aufs Klo.
Die Toilettenanlagen sind im Keller, und sehen ziemlich feudal aus. Dem Anschein nach geht hier normalerweise anderes Publikum ein und aus.
Nach dem Pinkeln stehe ich im Neonlicht vor dem deckenhohen Spiegel und der wuchtigen Waschbeckenreihe aus einem Guss, und male meine Lippen mit blutrotem Lippenstift nach. Eine etwa dreißigjährige Frau kommt aus der einzigen besetzten Kabine und stellt sich an das Waschbecken neben mir. Durch den Spiegel beobachtet sie mich, und ich bilde mir ein Verachtung in ihrem Blick zu sehen.
Als ich den Lippenstift in die Hosentasche stecke, tritt sie plötzlich hinter mich und umklammert mich so fest, dass meine Arme gegen meinen Rumpf gepresst werden und ich mich nicht mehr rühren kann.
Ich bin völlig überrumpelt. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet.
Sie ist kleiner als ich, und ziemlich kräftig. Ihr kurzes dunkles Haar trägt sie nach hinten gegelt, ihre Augen sind mit schwarzem Kajal umrandet. Auch ihre Kleidung ist schwarz und ihr T-Shirt ist an der Seite weit ausgeschnitten. Wir sind auf einem Cure-Konzert.
Ich japse vor Schreck, und presse mühsam ein läppisches „Hey!“ hervor.
– Wieso trägst du Hosen wie ein Mann, sagt sie, und es ist mehr eine Feststellung als eine Frage. Sie atmet mir schwer ins Ohr, ihr Körper fühlt sich dampfig-warm an. Ich versuche mich aus ihrem Griff zu winden, aber sie hält mich noch fester, fängt an Stoßbewegungen mit ihrem Becken zu machen und sich mit kreisförmigen Bewegungen an mir zu reiben.
– Lassen Sie mich los! sage ich wütend und ärgere mich im gleichen Moment, dass ich sie gesiezt habe, diese Scheißkuh!
– Komm, zieh diese Hosen aus, Süße.
Die hat sie doch nicht mehr alle!
Wieder versuche ich mich zu wehren, indem ich eine Drehbewegung mache, aber sie hat mich derartig fest im Griff, dass ich keine Chance habe.
Im Gegenteil! Jetzt leckt sie meinen Hals ab, beisst mir wie eine Katzenmutter fest in den Nacken und drückt mich mit ihrem Gewicht nach vorne. Ich komme mit dem Oberkörper auf dem sehr breiten und tiefen Waschbecken zum Liegen, mein Gesicht neben dem Wasserhahn in dessen blank poliertem, langem Hals wir uns grotesk spiegeln.
Es muss doch jeden Moment jemand reinkommen! Die Halle ist voll, alle saufen da oben!
Da das Konzert in vollem Gange ist, erscheint es mir immer noch sinnlos zu schreien. Bis hier unten höre ich den Bass, und die Stimme von Robert Smith.
Wir sind die einzigen im Waschraum.
Plötzlich löst sie den Schraubgriff einseitig, sie legt ihren schweren Oberkörper auf meinem ab, greift mir mit der frei gewordenen Hand zwischen die Beine und stöhnt auf. Ich ekele mich so, dass ich heulen könnte, gleichzeitig kann ich es nicht fassen. Da versucht tatsächlich eine Frau mich zu vergewaltigen.
Kurz nachdem sie damit angefangen hat mich unter orgiastischem Stöhnen zu befummeln, höre ich zwei sich nähernde Frauenstimmen. Die Tür öffnet sich, und die beiden plappernden Schicksen verstummen augenblicklich und reissen ihre Augen unnatürlich weit auf.
Ich schäme mich in Grund und Boden.
Statt beiseite zu springen, und sich aus dem Staub zu machen, zieht die Frau betont langsam ihre Hand aus meinem Schritt, und lässt mich erst dann los. Ich richte mich schnell auf, und sehe durch den Spiegel, wie die beiden Frauen uns angaffen.
Die glauben doch nicht?
Doch, genau das glauben sie!
Noch einmal umarmt mich die Frau von hinten, und saugt sich so fest an meinem Hals fest, dass es weh tut. -Au!, ich ziehe die Schultern hoch und schaue die beiden anderen hilflos durch den Spiegel an. Die müssen doch merken, dass hier was nicht stimmt.
Aber wie können sie? Noch immer bin ich unfähig mich zu wehren, oder etwas zu sagen. Scham ist das vorherrschende Gefühl.
So plötzlich, wie sie über mich hergefallen ist, lässt sie mich jetzt los, dreht sich auf dem Absatz um, und verlässt den Raum mit schnellen Schritten.
Unter den Augen der beiden schweigenden Tussen wasche ich mir die zitternden Hände und den Hals ab -ich habe einen dunklen Knutschfleck- und warte, bis auch sie fertig sind, um gleich hinter ihnen sicher nach oben gehen zu können. In der Halle schaue ich nach meinen Bruder, und finde ihn, nach kurzem Suchen, mit Schlagseite am Bierstand.
Nur in groben Zügen erzähle ich ihm, was passiert ist, aber das reicht schon aus, um ihn vor Lachen beinahe umkippen zu lassen. Ich lache mit, und zusammen gehen wir zurück in die dunkle Halle und tanzen.

You know just what to do
Lick your lips
And I want you
But don’t try to hold me
‚cause I don’t want any ties
You’re just an object in my eyes

Ausgerechnet dieses Lied.
Der Qualm der zahllosen Kippen und Joints hängt träge im blauvioletten Scheinwerferlicht, Smith steht verschwitzt vorne und gibt alles, während ich mir Gedanken mache, wie ich diesen Knutschfleck am besten verstecken kann damit  Jan ihn nicht sieht.

Inzwischen bin ich fast am Bahnhof angekommen, und suche nach einem kostenfreien Parkplatz, den ich in der Ludwigstraße, fast genau vor dem Haus von Jans Bruder finde. Früher war ich oft hier, und mit etwas Glück war auch Ronny mit seinem uralten, coolen Opel Admiral da, und fuhr mit mir eine Runde durch die Stadt.

Die Geschichte ging so unerfreulich weiter, wie sie angefangen hatte: am nächsten Tag in der Schule lauerte Jan mir vor der Treppe zu meinem Klassenraum auf.
Von ihm hatte ich mich, nach einem gemeinsamen Jahr, und einem durch und durch dramatischen gynäkologischen Eingriff vor ein paar Wochen getrennt. Ich war fertig mit ihm. Die Zuneigung war gekippt in Abscheu, wenn nicht Hass. Weniger für das, was er mir da eingebrockt hatte -das auch- vielmehr für sein Lachen, seine fühllosen und hässlichen Sprüche, als er mich im Krankenhaus besuchte, und auf den Schlot des Krematoriums zeigte.
Das Singen von It´s all over now Baby Blue, war noch das Harmloseste, was von diesem Kretin zu hören war. Zur Verstärkung hatte er seinen Freund Orhan, mitgebracht, und zusammen standen sie am Fenster und winkten dem hellen Rauch zu, der aus dem Schornstein aufstieg.
Jämmerliche Würstchen, die sich nicht einen dummen Witz entgehen lassen.
Ich war fertig mit ihm, und mit allen anderen auch.
Im Krankenhaus hatte man mich gefressen.
Die Schwestern machten einen Bogen um mich, und der Stationsarzt beantwortete meine Fragen nur mit Ja oder Nein. Jeder ließ mich spüren, was er von mir hielt. Katholiken halt.
Nach dem Erwachen aus der Narkose war ich in ein Durchgangssyndrom gefallen, und hatte die gesamte Belegschaft auf´s Übelste beschimpft.
Diese war von Anfang an nicht glücklich darüber gewesen, mich aufnehmen zu müssen, aber die Beziehungen zwischen meiner Mutter und dem Oberarzt, ihrem früheren Vorgesetzten, waren stärker als der Wille des Pflegepersonals, und so stand dieser ganze Alptraum unter einem noch schlechteren Stern.
Die Idee mich zu einer Frau mit ihrem Neugeborenen zu legen, war geradezu bösartig, und ging natürlich gründlich daneben.
Nachdem ich nämlich meine narkosebedingte Psychose halbwegs überwunden hatte und nicht mehr am Schreien und Fantasieren war, fragte mich die glückliche Mutter nach dem Grund meines Aufenthaltes im Hospital zum Heiligen Geist. Meine Antwort bewog sie, sich in ein anderes Zimmer verlegen zu lassen.
An ihrer Stelle bekam ich eine alte Dame mit Zyste als Bettnachbarin.
Sie war sehr nett, und tröstete mich, wenn ich weinte, und das tat ich ziemlich oft, weil mir alles, wirklich alles weh tat und ich mich fühlte, als hätte man mir die Haut vom Leib gezogen, und die Gedärme mit heißem Öl gefüllt.
Zu allem Überfluss, räumte meine Mutter in meiner Abwesenheit mein Zimmer auf, was nichts anderes als eine gründliche Durchsuchung bedeutete. Dabei entdeckte sie ein paar Klamotten, die ich mir hier und da zusammen geklaut hatte, und an denen noch die Preisschilder hingen.
Teuerstes Zeug aus der Goethestraße. Zuhause erwartete mich also auch jede Menge Ärger, wie mir mein Bruder bei seinem Besuch in der Klinik erzählte.

An all das erinnere ich mich, als ich The Cure höre.  Und jetzt, 2 Jahre später, stehe ich vor dem Haus von Jans Bruder. Rolf. Auch er ein Arschloch übrigens, der die Geburt des behinderten Kindes einer Freundin mit den Worten „Kann man das nicht tot machen?“ kommentierte.
Apfel. Stamm. Drecksäcke.
An dem Tag, als Jan mich am Eingang der Schule abfing, und mit dem missgünstigen Blick eines Blockwartes den Schal um meinen Hals registrierte, kam er zu mir rüber, zog mit einem unerwarteten Griff das Tuch beiseite, und rotzte mir den gesamten Inhalt seines Nasennebenhöhlenraumes ins Gesicht.
Als ich daran denke, steigt der alte Hass wieder in mir auf, und ich wünsche ihm einen qualvollen und langsamen Tod.

Musik zum Text: Them/ Van Morrison, It´s All Over Now, Baby Blue