Schmuddellaube

Nach vorne leben und nach hinten verstehen.
Manchmal kommen mir kleine Teile unter, winzige Bruchstücke, Sequenzen, die eine Erinnerung um ein paar Grad drehen, eine neue Perspektive eröffnen, eine Erfahrung von einer anderen Seite beleuchten und ihr damit eine Wendung geben, ein anderes Antlitz. Plötzlich fügt sich etwas in das Gesamte ein, was zuvor solitär und scheinbar ohne Sinn dastand. Oder etwas löst sich aus seiner Ordnung heraus.

Einmal fand ich einen Zettel. Er lag in der Laube, in der wir manchmal herumstöberten, wenn wir von der Schule nach Hause trödelten. Die meisten Lauben in den Schrebergartenkolonien waren verschlossen. Diese aber stand stets offen. Sobald wir das verwilderte Grundstück erreicht hatten, auf dem sie sich befand, schauten wir uns um, um sicher zu gehen, dass niemand uns sah. Dann erst öffneten wir das rostige Tor, das windschief in den Angeln hing, und wateten durch das kniehohe Unkraut, das überall wuchs und das uns an den nackten Beinen kitzelte. Vor dem Häuschen lag schon seit Ewigkeiten ein umgekippter Gartenstuhl. Kleine Schlingpflanzen hatten ihre feinen Tentakel um die Stuhlbeine gelegt und sich durch das eingerissene Plastikgeflecht gefädelt. Es roch nach Sommer.
Die Laube selbst bestand aus einem Raum, der etwa 3 mal 3 Meter groß war. Der Türe gegenüber stand ein Tisch, auf dem sich zahllose Binding-Bierflaschen sammelten. In dem übervollen Aschenbecher gleich daneben, lagen zerdrückte Kippenstummeln, HB stand darauf, und die gepunkteten Filter sahen viel gelber, aus als die der Zigaretten, die meine Mutter rauchte. Der ganze Raum war dreckig, der Tisch klebrig und auf der Eckbank lag ein Stapel mit Zeitschriften, deren Seiten zum Teil wellig waren, als wären sie feucht geworden. Einige Seiten klebten zusammen. Die Hefte waren mit Fotos von nackten Menschen gefüllt, die mal lagen, mal standen, sich hier und da anfassten und sich dabei ernst in die Augen sahen. Ich fand das merkwürdig und irgendwie auch peinlich. Trotzdem oder gerade deshalb schaute ich mir die Hefte immer wieder an. Ich wollte ergründen wozu sie gut waren. Eine Handlung jedenfalls schienen sie nicht zu haben und lustig waren sie auch nicht.

Einnmal, als wir der kleinen Hütte einen Besuch abstatteten, lag plötzlich ein Zettel auf dem Tisch. Nur vier Worte standen darauf. Ich las sie,  zeigte sie meiner Freundin und wir kicherten. Dann steckte ich den Zettel in meine Tasche, wo ich ihn vergaß.
Erst Monate später entdeckte ich ihn beim Aufräumen wieder und weil Sonntag war und ich eine Etage tiefer die Klarinette meines Vaters klagen hörte, stieg ich die Treppe hinunter, öffnete die Türe zu seinem Arbeitszimmer und trat ein. Mein Vater, dessen Haar und Kleidung so schwarz waren, wie das Holz seines Instrumentes, zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als er mich sah und spielte weiter. Es hatte etwas Trauriges, etwas zutiefst und unrettbar Einsames, wenn er so ganz allein in dem zweckmäßig eingerichteten, kalten Raum stand und seiner Klarinette heisere Töne entlockte, während meine Mutter und meine Geschwister nebenan gemeinsam fernsahen. Er tat mir Leid. Um ihn aufzuheitern trat ich vor ihn hin und legte grinsend den Zettel auf den Schreibtisch. Mein Vater, halb in sein Spiel vertieft, schielte mit einem Auge auf das Stück Papier. Doch statt zu lachen, nahm er plötzlich das Instrument von den Lippen und sah mich an. Wo hast du das her? Seine Stimme klang verärgert. Ich spürte, dass ich etwas Dummes getan hatte, doch ich wusste nicht genau was es war. Also zuckte ich mit den Schultern und lachte verlegen.
Das ist nicht lustig, sagte mein Vater streng, griff nach dem  Zettel, riss ihn in viele kleine Teile und warf sie in den Papierkorb. Einen Moment noch blickte er mich an und es schien, als wolle er mich etwas fragen. Doch dann setzte er seine Klarinette an die Lippen und spielte weiter. Für ihn war das Thema erledigt.

Erschrocken über seine Schroffheit und die ungewohnte Strenge ging ich zurück auf mein Zimmer, hockte mich unter meinen Tisch und dachte nach. Ohne Ergebnis.

Viel später erst wurde mir klar, dass  der Zettel im Zusammenhang mit den Heftchen zu sehen und wahrscheinlich ein Code zwischen den Schmuddellaubenbewohnern war. Bestimmt nannten sie sich gegenseitig Mama und Papa, wie manche Paare das nach Jahren zu tun pflegten. Der Rest erklärte sich dann von selbst. Die Schrift auf dem Papier, daran gab es keinen Zweifel, war die eines erwachsenen Menschen gewesen.

Das keimende Verständnis allerdings warf eine neue Frage in mir auf: wie kam es, dass mein Vater nicht versuchte der Sache auf den Grund zu gehen? War man damals, in einer Zeit, als man im Auto selbst dann noch ungeniert paffte, wenn ein Kleinkind mifuhr, so arg- und sorglos? Hielt er mich für unverwundbar und gegen jede Unbill gefeit? Was dachte er sich, als ich ihm dieses Stück Papier auf den Tisch legte?

Man weiß es nicht. Doch um die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen und diese für Außenstehende sicher nur mittelmäßig interessante Anekdote endlich zu ihrem Ende zu bringen –

so in etwa sah der Zettel aus:

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Bis der Notar kommt

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Die Dame vom ärztlichen Bereitschaftsdienst warnt mich am Telefon, dass es Stunden dauern wird, bis jemand vorbei kommt. Macht ja nix. Ich liege sowieso nur im Bett herum, telefoniere ein bisschen, höre Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, döse dabei ein und trinke ab und zu einen Schluck Kaffee.

Nach nur 4 ½ Stunden spaziert der Arzt, ein schlanker Mann in den besten Jahren mit Lederjacke, Fönfrisur und Lesebrille auf der Nase, in meine Wohnung und fragt mit strenger Stimme, wieso ich ihn gerufen habe.
Ich bin seit einer Woche krank und…, sage ich, da unterbricht er mich und beginnt in meinem Schlafzimmer auf und ab zu gehen. Das habe er nicht wissen wollen, behauptet er. Seine Frage sei doch wohl klar und verständlich gewesen: Fangen wir von vorne an, was hat Sie veranlasst mich zu rufen?

So einer, denke ich, packe im Geiste schonmal die Kotztüte aus, und versuche es anders.
Ich habe Sie gerufen, weil mein Herz schmerzt und der linke Oberarm wehtut, als trüge ich eine Blutdruckmanschette, außerdem ist mir schwind…
Das ärgert den Medizinalrat noch mehr. Er unterbricht seine Wanderung durch mein Schlafgemach für einen Moment, schaut mich über den Rand seiner Designerbrille hinweg an und sagt mit übertrieben deutlicher Aussprache, auf dass auch der letzte Student in der hintersten Reihe und mit der mindersten Begabung es verstünde: Die Diagnose überlassen Sie bitte mir. Wenn Sie schon alles wissen, hätten Sie mich nicht rufen müssen. Dann verschwenden Sie nur meine Zeit.

Du dumme Wurst, denke ich, was hatte meine Beschreibung bitteschön mit einer Diagnose gemein? Doch statt mich mit dem Mann zu streiten, oder mich ihm mit der Demutsgeste der unwissenden Patientin zu unterwerfen, klaube ich die unverfänglichsten Vobabeln zusammen, die ich auf die Schnelle finden kann, deute auf meinen schmerzenden Brustkorb und sage: Ich hab hier böses Aua. Da, wo ich das Herz vermute, tut es mir weh.

An Ihnen ist wirklich eine Medizinerin verloren gegangen, höhnt der Kerl jetzt und blickt ins nicht anwesende Publikum, Sie wissen doch überhaupt nicht, wo das Herz ist.

Glaub schon, dass ich das weiß, entgegne ich keck und ziehe alsdann den Blitztrumpf. Ich wurde mal reanimiert. Und hinterher hatte ich einen Katheter im Herz, der dort herumschmurgelte. Das ziepte ungefähr da, wo es jetzt drückt.

Einen Moment ist Ruhe. Der Geck bleibt stehen und schaut sich in meinem Bücherregal um.
Thomas Mann, Frisch, Kafka. Gute Literatur haben Sie da.

Standard, du Schmalspurangeber, denke ich, werte dann aber seinen Kommentar als Friedensangebot und lächle einlenkend.

Ich tippe auf Akutes Koronarsyndrom, sagt er plötzlich, geht zu seiner Tasche und legt mir eine Blutdruckmanschette um. Anschließend zieht er ein kleines Pumpspray hervor, sprüht es unter meine Zunge und  legt mir einen venösen Zugang.
Wir rufen jetzt einen Rettungswagen, Sie müssen sofort in die Klinik, sagt er unerwartet.

Mir geht es aber plötzlich viel besser, sage ich.

Ein Grund mehr, antwortet er, das bestätigt meine Arbeitshypothese.

Ich würde gerne schnell noch jemanden wegen des Hundes anrufen, sie hat einen Hirntumor und braucht ein Medikament, sage ich.
Vergessen sie den Hund, schnauzt der Arzt, der endlich wieder in seine alte Form zurückgefunden hat, der hat sowieso keine Chance mehr.

Der Rettungswagen kommt und fährt mich mit Blaulicht ins Urban-Krankenhaus.
Auf der Weste des Mannes, der während der Fahrt neben mir sitzt steht NOTARZT. So ähnlich wie Notar, denke ich. Wenn der Eine einen Fehler macht, kommt der Andere zum Zug.

In der Klinik wird es dann alles in allem recht erfreulich.
Kalium heisst der Schuldige. Zuwenig davon ist schlecht, erklärt mir der überaus attraktive Krankenpfleger, der neben mir herum tanzt wie John Travolta in Saturday Night Fever und dabei stets ein Auge auf meine Infusion hat.

Am Morgen erwache ich geheilt.

 

 

 

Nachtrag: kein Tier ist während meiner Abwesenheit zu Schaden gekommen. Der Chinesin sei Dank!

 

 

 

 

 

 

Bild: Kaspar Metz, Urbankrankenhaus, Kreuzberg, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Guck mal, was ich kann

Während meiner Anfangszeit in der Blogwelt besuchte ich regelmäßig die Seite einer Frau, die, neben ihrem komplizierten Liebesleben, auch Einblick in ihre diversen Hautreaktionen auf unterschiedlichste Umwelteinflüsse gewährte. Mit Fotos. Irgendwann hörte sie auf damit. Das ist schade, denn ich las dort gerne, gleichwohl die Beziehungen, die sie zu Männern unterhielt, geprägt zu sein schienen von lustvoller körperlicher Gewalt, wie die blauroten Striemen auf ihren Oberschenkelinnenseiten nahelegten. Freundin B., die ein großes Interesse an kosmetisch-chirurgischen Eingriffen hat und Abonnentin mehrerer youtube-Kanäle mit diesem Thema ist, sowie Hautarztblogs liest, hätte ihre Freude daran gehabt. Denn jede dermatologische Varianz des Alltäglichen ist ihr ein Fest (Fest/ Weihnachten → Kurve gekriegt). Der B. zum Gefallen und weil mein Kopf viel zu müde ist für eine richtige Weihnachtsgeschichte, spendiere ich hier der Leserschaft das wohl privateste Foto, das es je auf meinem Blog gab:

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tikerscherks Reaktion auf Kälte

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Ich habe von einem Krokodil geträumt, sagt die Zimmernachbarin und beinahe fällt mir die Tasse aus der Hand (diese Formulierung verbildlichte in Zeiten, in denen ich aufwuchs einen Zustand höchsten Erstaunens oder Erschreckens).
Von was?, frage ich und kann trotz des unerwarteten inneren Wellengangs kaum die Augen offen halten. Von einem Krokodil, wiederholt sie und schaut mich erwartungsvoll an. Ich nicke. Müde bewegt mein Gehirn, auf der Suche nach einem blassen Erinnerungsfetzen, ihre Worte hin und her. Hat nicht erst gestern die Theaterfrau genau den gleichen Satz gesprochen?
Hast du gestern von einem Krokodil geträumt? tippe ich in mein Handy.
Ja, antwortet kurz darauf das Display, von drei Krokodilen sogar. Sie haben mir in die Hand gebissen.
Das geht ja noch,
denke ich im Halbschlaf, immerhin habt ihr beide die Angriffe überlebt.
Ich muss mich noch auf meinen Vortrag vorbereiten
, sagt die Zimmernachbarin in meine Gedanken hinein, ch referiere über luzides Träumen.
Erstaunt blicke ich auf und sehe sie lächeln, als hätte sie n der Wurfbude einen Volltreffer gelandet.

Draußen ist es neblig, die Essigbäume tragen gelbes Gefieder und über den Krankenhausparkplatz schnürt ein kleiner Fuchs mit ausgebleichtem Fell. In der Ferne sehe ich das Schöneberger Gasometer. Dahinter liegt Kreuzberg, eine andere Welt.

Im vierten Stock steht ein Lavazza-Automat. Wenn man 1 Euro einwirft und auf die Cappucino-ungesüßt-Taste drückt, erhält man einen dunkelbraunen geriffelten Becher mit zuckersüßem Kakao. Falsch befüllt, denke ich und pilgere durch die endlosen Neongänge in die Aufnahmehalle, wo der zweite Lavazza-Automat steht und alsdann der zweite Euro für pappsüßes Gesöff flöten geht. Bestimmt hat irgendein gieriger Automatenbefüller seinen eigenen Billokram da reingetan um noch mehr Reibach zu machen, überlege ich und frage mich, ob ich unter der am Automaten angegebenen Nummer anrufen oder gleich bei Herrn Lavazza vorsprechen sollte. Hab ja sonst nichts zu tun.
Der dritte Automat, an dem ich mich versuche, rückt gegen Einzahlung eines Zwanzigeuroscheines eine Fernsehkarte von Siemens heraus. Im Nachbarautomaten gibt es dazu passende Kopfhörer für 3 Euro. Ich kaufe beides und lege es, zurück im Zimmer, in den Tresor, den  man gegen Einwurf einer Zwei-Euro-Münze benutzen kann.

Durch besondere Umstände bin ich auf der falschen Abteilung, der Gynäkologie, untergebracht, in die kein Arzt von meiner eigentlichen Station sich je verirrt. Da jede Menge Männer in Schlafanzügen über unseren Flur schlurfen, nehme ich an, dass es derzeit entweder erfreulich wenig Frauenleiden gibt, oder aber, dass diese Fachrichtung hier einen derart schlechten Ruf genießt, und dass, wer geheilt werden möchte, sich lieber auf den Weg nach Havelhöhe macht, wo in der dunklen Jahreszeit die Kerzen auf den regenbogenfarben getupften Fluren flackern, hundsgroße Hasen mit gespitzten Ohren im Park herumstehen, die in grobes Leinen gewandeten Eurytmielehrerinnen einen asymmetrischen Bob tragen und wo den Patienten zu Mittag, nach der Wickelstunde, eine Spritze kristallklaren Bergwassers injiziert wird.

Wir sind ein anthroposophisches Haus, antwortete man mir damals auf meine Frage nach einem Fernsehapparat. Auch dort war ich auf der falschen Station, der Onkologie, gelandet, wie ich überhaupt ständig irgendwie falsch bin und in Frankfurt/ Oder ankomme, wenn ich den Zug nach Wittenberge nehme, oder in Heidelberg, wenn ich nach Koblenz fahren möchte.

Um zur Krankenhauskapelle zu gelangen muss ich einen der drei Aufzüge nehmen, die das Bettenhaus II bedienen, und steige in den mittleren Lift mit der Nummer 10. Im Erdgeschoß allerdings trete ich aus Lift Nummero 11 wieder heraus und bin schlagartig von einer tiefen Zuversicht erfüllt: wenn sie es schaffen die Positionen der Kabinen während der Fahrt unbemerkt zu vertauschen, dann können sie alles und mir wird nichts geschehen in diesem großen, schweren Dampfer gleich neben dem Teltowkanal.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Charité Campus Benjamin Franklin, Nino, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Reling

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Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Burkös

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Dekristol heisst das Zaubermittel, hat weder mit Christus, noch Christo oder gar mit Svarowski zu tun, soll aber trotzdem helfen.
Seine Aufgabe ist es, mein eklatantes Vitamin-D 3-Defizit zu beheben.
Schwerster Vitamin D-Mangel, sagt die Ärztin, nur Frauen, die Burka tragen sind noch schlechter dran.
Wer nämlich seine Haut vollständig bedeckt oder hohen Lichtschutzfaktor verwendet, bildet kein Vitamin D.
Da muss man sich schon entscheiden zwischen Religion, Falten oder Vitaminen.
Ich habe meine Wahl getroffen und nehme Medikamente.

Was freu ich mich, dass es diese harmlose Erklärung  gibt, für die Kränkelei der letzten Monate. Der Hypochonder in mir hatte schon knallschwarze Visionen, an denen er mich vorzugsweise nachts teilhaben ließ. Morgens, wenn ich dann nach 5 Stunden Schlaf völlig gerädert erwachte, war ich beinahe geneigt diesen Einflüsterungen Glauben zu schenken.

Und übrigens geht es dem Hund gerade auch etwas besser.
Die Behandlung scheint anzuschlagen. Zwar bleibt der Tumor, doch seine Auswirkungen werden durch die Medikamente deutlich  gemildert

So kann es weiter gehen.
(Bitte!)

°

 

 

 

 

Bild: txmx, Wrapped Reichstag (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

(Heimweh) Vaterseelen

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Sie sind im gleichen Jahr aus unseren Leben verschwunden, Dein Vater und meine Mutter.
Vier Jahre waren die beiden auseinander. So, wie Du und ich.

Und jetzt haben wir sie noch einmal verloren. Für immer. Im gleichen Jahr.
1 Monat und 1 Tag später als sie hat er seinen letzten Atemzug getan.

Das letzte Mal, ehe der Kontakt vollständig abbrach, sah ich meine Mutter am Kindbett meiner Schwester.
Sie war damals schon verschwunden, in einer gut vorbereiteten Nacht-und-Nebel-Aktion an den Rhein gezogen, und für die Geburt ihres Enkels noch einmal zurück gekehrt, wie eine Fata Morgana. Kein Wort wechselten wir an jenem Tag.
Mit dunkler Sonnenbrille saß sie am Fenster als ich eintrat.
Und als ich ging war sie noch immer dort. Grußlos und starr.

Eure letzte Begegnung war im Museum. Da lagen bereits Jahre zwischen Euch. In der großen Halle lieft Ihr aufeinander zu,  blicktet Euch in die Augen und schwiegt. Die Frauen an Eurer Seite ahnten nicht, dass hier Vater und Sohn aufeinander trafen. Dass es das letzte Mal sein würde wusstet auch Ihr nicht.
Und jeder verließ den Saal durch die Tür, durch die der andere gekommen war.

Wir sind heute exakt in dem Alter, in dem sie waren, als sie ihrem alten Leben den Rücken zukehrten und davongingen.

Eine ähnliche Geschichte und doch ganz anders.

Und eines Tages erhält man einen Brief vom Amtsgericht.
Darin steht, dass der Vater gestorben ist.
Du wusstest immer, dass es so kommen würde. Dass es so weh tun würde ahnten wir beide nicht. Wir hatten ja abgeschlossen mit ihnen, nach all der Zeit. So glaubten wir.

Auch den Gang in die Leichenhalle, um einen Toten zu sehen, der bereits vier Wochen dort liegt, weil seine Angehörigen erst gefunden werden mussten – wer könnte sich so etwas ausmalen.

Heute ist der Tag an dem Bruder und Schwester gemeinsam Abschied von ihrem Vater nehmen, der irgendwo, unweit der alten Heimat ein neues Leben begonnen und seine leiblichen Enkel niemals gesehen hatte. Jene der Lebensgefährtin nannten ihn Opa.

Sehen dürft ihr ihn nicht, zu weit ist der Verfall schon vorangeschritten.
Eine Hand auf den Sarg legen, sich gegenseitig in den Arm nehmen, stellvertretend.
Weinen, schweigen, nicken.
Adieu sagen.

A dieu

Und sich dann umdrehen und tapfer weiter durch das eigene Leben stapfen, das vaterlose für immer.

Ich denke an Dich, mein Herz.

 

 

 

 

 

Bild: Pep Romero Garcés, Peter Zumthor, edíficios e projectos 1986-2007
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Je suis sex-appeal

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Mit dem Sommer lässt sich vieles erklären. Zum Beispiel gute Laune, Musik und Nagellack. Üblicherweise naturbelassen leuchten die Nägel derzeit in Chanelrot oder in chicem Metallicblau /(Chic geworden durch eine chemische Reinigung)/, wie der alte 7er-BMW, der lässig an mir vorbeischippert, irgendwo in Mitte.

Vor dem Café Einstein am Gendarmenmarkt sitzt eine Brünette im kurzen cremefarbenen Kleid. Ihre Haut ist golden, Haare und Beine lang, und in den schlanken Fingern hält sie eine gelbe Rose. Neben ihr sitzt ihr Mann, lehmfarbener Anzug, hellblaue Seidenfliege, ein Geck durch und durch, und starrt jeder Vorbeistöckelnden mit unverhohlener Lust hinterher. Souverän übergeht seine Frau das unziemliche Verhalten und schlägt ihre Beine in vollendeter Anmut übereinander.
Eine Lotusblüte.

Als die beiden später in Richtung Französischer Dom davon gehen, läuft er drei Schritte hinter ihr und betrachtet genüsslich ihren runden Po, der sich unter dem leichten Stoff abzeichnet.

Lunsen will er, denke ich, heimlich, und nicht mit vertragsmäßiger Einwillligung.
Es ist viel zu einfach, wenn das Begehrte verfügbar ist.
Sie weiss das und sie spielt mit.

Ich erinnere mich, wie mich der Fernsehmoderator vor Jahren gegen den Arm knuffte, als ich einem Mann hinterherstierte, der mit federnden Schritten und schönen Unterarmen die Straße vor uns überquerte.
Wir saßen zusammen im Auto, es war Sommer und ich hatte meine nackten Beine auf dem Armaturenbrett abgelegt, mein Rock war nach oben gerutscht, die Bluse weit aufgeknöpft. Hin und wieder warf der Moderator einen Blick auf mich und seufzte, derweil ich die vorbeiflanierenden Körper bewunderte, deren sommerliche Haut meine Phantasie beflügelte.

So ähnlich geht es vielleicht auch dem Gecken, der, in der Blase seines Begehrens gefangen, gar nicht bemerkt, dass alle Welt ihn beobachtet.
Oder es ist ihm einfach egal, überlege ich weiter, und dieser Gedanke macht ihn mir auf einmal sehr sympathisch.

 

 

 

 

Musik zum Text: Katerine, Francis et ses Peintres – Je suis sex-appeal (J.Sablon)

(youtube Direktlink)

 

 

 

 

 

Bild: Thomas Hawk, flickr, Hubba Bubba
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/