Matchball

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Mit uns am Tisch sitzt ein Paar in den Fünfzigern. Der Mann, untersetzt mit teigigen Gesichtszügen und nervösem Lidflattern, seine Frau, eine stämmige Sitzriesin mit breitem Kiefer und überraschend geschmeidigen Händen.
Während sie mit konzentriertem Ernst das Essen auf ihre Gabel schichtet und vor dem Hinunterschlucken Bissen für Bissen gewissenhaft kaut, sieht er ihr mit hängenden Schultern zu. Sein Teller ist leer.
Der Fernsehmoderator und ich schauen uns stumm an.
Nach einer Weile hat die Frau fertig gegessen, blickt auf, betrachtet ihren Mann und ihr eben noch zufriedenes Gesicht nimmt einen schmerzvollen Ausdruck an.
Der Mann schaut zurück, seine Lider flattern, die Mundwinkel zucken, er schlägt die Augen nieder.

Du kannst dir etwas vom Buffet holen, sagt sie. Er bleibt reglos sitzen.
Geh!, ihre Stimme klingt hart.

Ohne sie anzuschauen erhebt er sich, schiebt seinen Stuhl ganz langsam zurück, sichtlich bemüht kein Geräusch zu machen, nimmt seinen Teller in beide Hände und geht mit steifen Beinen zum Büffet am hinteren Ende des Hotelspeisesaals. Seine Frau betrachtet unterdessen ihre Fingernägel.
Der Fernsehmoderator und ich starren auf unser Essen und kauen.
Kurze Zeit später kehrt der Mann mit vollbeladenem Teller zurück, setzt sich an seinen Platz und vermeidet es seine Frau anzusehen, die jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgt.

Was hast du da?, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf seinen Teller.
Er zuckt zusammen.
Was ist das?, will sie wissen.
Fleischbällchen, antwortet er und es klingt beinahe wie eine Frage.
Hol mir auch Fleischbällchen, sagt sie.
Das waren die letzten.
Dann gib mir deine.
Ratlos blickt der Mann auf seinen Teller.
Ich möchte sie aber selber essen.
Gib sie mir
, sagt sie, und greift über den Tisch hinweg nach den kleinen Frikadellen, über die er inzwischen schützend seine Hand hält.
Gib sie mir, sagt sie noch einmal und schaut ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ihr Ton ist schneidend.
Seine Lider flattern, das Kinn zittert, er atmet aus und zieht die Hand zurück. Sie beugt sich leicht nach vorne, und befördert mit ihren schönen Händen Bällchen für Bällchen auf ihren Teller.
Als sie nach dem letzten greift, versucht er es noch einmal. Er hebt sein Kinn, schaut ihr aus zitternden Augen ins Gesicht und sagt: Ich möchte wenigstens das Eine behalten.

Für einen kurzen Moment bleibt die Zeit stehen.
Der Fernsehmoderator schaut den Mann an, als verfolge er ein Tennisspiel und warte auf den alles entscheidenden Aufschlag, die letzte Chance, das Spiel noch einmal zu wenden, meine Gabel bleibt zwischen Teller und Mund in der Luft hängen, die Geräusche im Saal verschmelzen zu einem hallenden Raunen und die Sitzriesin ringt tief ein- und ausatmend um ihre Fassung.
Zu den flatternden Augenlidern und dem zitternden Kinn des Mannes gesellt sich nun noch ein Tremor der rechten Hand, mit der er sein verbliebenes Fleischbällchen abzuschirmen versucht.
Du gehst jetzt sofort ins Zimmer, sagt sie schließlich in bedrohlich sanftem Ton. Ihr Mann schließt kurz die Augen und bleibt reglos sitzen.
Du gehst jetzt sofort ins Bett, wiederholt sie ihre Aufforderung und legt den Zimmerschlüssel geräuschvoll neben seinen Teller.
Ich habe aber Hunger, sagt er und nun vibriert sogar seine Stimme. Tränen stehen ihm in den Augen und ich merke, wie eine hilflose Wut in mir aufsteigt. Ich verschränke die Füße und und ziehe die Beine unter meinen Stuhl.
Die Frau nimmt jetzt den klimpernden Schlüssel vom Tisch und hält ihn mit spitzen Fingern ganz dicht vor das Gesicht ihres Mannes. Dieser zuckt kurz zusammen, blickt sich im Saal um, niemand außer dem Moderator und mir scheint Notiz von dem Geschehen zu nehmen, dann greift er nach dem Schlüssel, steht langsam auf und verlässt mit schweren Schritten den Saal.
Ohne ihm hinterher zu schauen legt die Frau das letzte Fleischbällchen auf ihren Teller und bestellt bei dem vorbei eilenden Kellner ein zweites Glas Tinto.

Am nächsten Vormittag gehen der Fersehmoderator und ich am Strand spazieren.
Es ist kühl und windig, der Sand ist nass vom nächtlichen Regen, das Meer hat ein paar Algen und Plastikflaschen an Land gespült. Verwaist liegen die zerfallenen Sandburgen des Vortages. Oben am Himmel kreischen die Möwen. Ab und an lässt eine sich herabstürzen, durchstößt die kleinen Wellenkämme und taucht wenig später ohne Beute wieder auf.
Wir erreichen die Felswand am Ende der Bucht und breiten unsere Jacken auf dem Sand aus.
Schweigend sitzen wir und rauchen, schauen in die Ferne auf den diesigen Horizont und lauschen dem Gluckern und Rauschen des Wassers. Irgendwo dahinten liegt Afrika.
Eine Stunde oder länger sitzen wir so, als sich von  Weitem zwei Menschen nähern. Ein Mann und eine Frau. Ihr bunter Pareo flattert im Wind wie eine fröhliche Fahne, Fetzen ihres Lachens wehen zu uns herüber, sie halten sich an den Händen und schaukeln ausgelassen mit den Armen.
Angesteckt von soviel Glück lächelt der Moderator mir zu, legt seinen Arm um meine Schulter und küsst mich laut  schmatzend auf den Mund. Ich lache.
Wenig später erreichen auch die beiden Verliebten das Ende der Bucht.
Es ist die Sitzriesin mit ihrem Mann.

Bild: Wikimedia Commons, keine Beschränkungen

 

 

 

 

 

 

Dexter

Dead toad

Wegen eines aufgekratzten Muttermals am Arm gehe ich in die Hautklinik. Der Hautarzt dort behandelt mich mit ausgesuchter Höflichkeit und überaus großem Interesse.
Ausziehen. Überall, auch an den entlegensten Stellen, nachschauen ob alles in Ordnung ist.
Er ist in meinem Alter und sieht gut aus. Das macht es noch unangenehmer.
Am Ende der Untersuchung fragt er mich, ob ich aus Frankfurt komme.
Ja.
Wir kennen uns.
Tun wir das?
Ich war ein paar Jahre mit Sabine zusammen.
Sabine?
Die Malerin.
Sabine! Klar!
An sie erinnere ich mich, an ihn nicht.
Er ist neu in Berlin, kennt sich nicht aus. Ob wir uns mal treffen wollen.
Ich gebe ihm meine Nummer.
Wenige Tage später gehen wir zusammen aus. Es wird ein netter Abend. Mehr nicht.
Die Folgeverabredungen treffe ich eher aus Höflichkeit.
Er kennt niemanden, ich lebe seit einigen Jahren hier.
Bei unserer dritten oder vierten Verabredung sitzen wir in meiner Küche und unterhalten uns.
Ich frage ihn, wieso er eigentlich Arzt geworden ist.
Das, erklärt er mir, sei eine schwierige Geschichte, denn tatsächlich sei der Arztberuf nur ein Kompromiss, bzw. eine Kompensation für seine eigentliche Leidenschaft.
Es sei nämlich so, dass er als Kind schon unglaublich gerne Blut gesehen habe. Auch das Leiden anderer, habe ihn auf merkwürdige und unheimliche Art interessiert und erregt. Er habe davon nicht genug bekommen können und war deswegen dazu übergegangen kleine Säugetiere und Amphibien zu Tode zu quälen.
Seine Eltern hatten schnell erkannt, welche Gefahr von ihrem Sohn ausging und hatten versucht die Neigungen ihres Kindes in eine andere Richtung zu lenken. Ohne Erfolg.
Als junger Erwachsener habe er die Entscheidung getroffen nicht Massenmörder, sondern stattdessen entweder Schlachter oder Arzt zu werden.
Sein gutes Abitur entschied diese Frage für ihn.
Eine Zeit lang hatte er in der Rettungsstelle eines Krankenhauses gearbeitet, bis sich mit der Hautarztstelle in der Klinik die Möglichkeit auftat nach Berlin zu gehen.
Diese Stelle sei aber alles in allem so derartig unbefriedigend, weil blutleer, dass er inzwischen schon ganz nervös sei und dringend wieder zurück zur Akutmedizin wolle. Dorthin, wo es um Leben und Tod, um Blut und Knochen, statt nur um ein paar läppische Muttermale ginge.
Ganz offensichtlich sei er damit nicht allein.
Ob ich nämlich von dem Fall des gut aussehenden, jungen Hautarztes aus dem hiesigen Benjamin-Franklin-Klinikum gehört habe, der in seiner Freizeit mit einer schwarzen Lederhose in Kleidergröße 36, also doch offensichtlich genau meiner Größe, unterwegs war, und sich gezielt Prostituierte suchte, denen diese Hose passte. Die Frauen sollten sie anziehen, sich oberhalb der Hüfte entkleiden, und sich auf den Bauch legen. Nachdem sie seiner Aufforderung nachgekommen waren, strangulierte er sie von hinten und zertrümmerte schließlich ihren Schädel mit einem Hammer.
Eine der Frauen schaffte es, mit einer schweren Schädelfraktur zu entkommen, und so flog das Ganze auf.

 Nein, von dem Fall hatte ich noch nichts gehört. Das sei ja allerhand.
Sicher habe er Recht, und er sei irgendwo in der Chirurgie besser aufgehoben, vielleicht sogar im Unfallkrankenhaus. Um einen solchen Posten würde ich mich an seiner Stelle dringend bemühen, wenn die Dermatologie ihn so derartig anöde.
Kurz nach Mitternacht verabschieden wir uns.
Er bedankt sich für den netten Abend.
Wir telefonieren.
Ja.


*
Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Seine Anrufe auf meiner Mailbox blieben unbeantwortet.

Влади́мир/ Vladimir

Broimp
Das Haus brannte lichterloh. Nur das Holz im Kamin war unberührt.“ *


Vladimir, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele.
Vla-di-mir: die Zungenspitze macht zwei Sprünge den Gaumen hinab und legt sich bei Drei vor die sich öffnenden Lippen. Vla. Di. Mir.
Er war Vovchik am Morgen, Volodja am Mittag und Vladimir auf amtlichem Papieren. Vlad, wenn er sich Nachts auf mein Lager rollte. Drăculea. Der Sohn des Drachen, der mit seinem schieren Odem ein Feuer entfachen konnte, das erst verlosch, wenn nichts mehr übrig war, das zu verschlingen sich anbot.
In meinen Armen aber war er immer nur Lapotschka, das Tätzchen.

(frei nach Vladimir Vladimirowitsch Nabokow, Lolita)

*Martin Suter, Small World