burning like a fire

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Zu dem Wohnungsbrand war es gekommen, weil die Katze mit ihren Pfoten den Herd angeschaltet hatte, wodurch die neben den Kochplatten abgestellte Kerze geschmolzen, das verflüssigte Wachs auf den Herd gelaufen war und sich dort – fusch! – entzündet hatte. Eine riesige Stichflamme, die schnell auf die Holzarbeitsplatte und die Schränke übergriff. Zufällig war ich Zuhause und konnte den Brand nach mehreren Anläufen schließlich mit einer Seidendecke ersticken. Dass ich nicht versucht hatte mit Wasser zu löschen war mein Glück. Ich wusste nicht mal, dass es dabei zu einer extrem gefährlichen Verpuffung gekommen wäre, die mein Gesicht vermutlich für alle Zeiten enstellt hätte, sofern ich überhaupt noch eines gehabt und lebend davon gekommen wäre. Mich wundert, dass mein übervorsichtiger Vater, der in allem und überall Gefahr witterte und so großzügig war, seine Ängste mit uns Kindern zu teilen, mich über diese furchtbare Möglichkeit des Gesichtsverlustes nicht aufgeklärt hatte.

Der nächste Brand, nicht lange danach, betraf den Hausflur, in dem ein paar alte Möbel und anderer Sperrmüll abgestellt waren, den jemand zum Spaß angezündet hatte. Der Sofa, das lichterloh brannte, stand unmittelbar vor den in die Wand eingelassenen Gasleitungen und ich wartete draußen vor dem Haus mit eingezogenem Kopf auf den großen Knall, der nur ausblieb, weil die Feuerwehr beizeiten zur Stelle war.

Nachdem ich Gelegenheit gehabt hatte, mich schrittweise an Feuer zu gewöhnen, war es nur vier Monate später die Zeit für den großen Hausbrand gekommen. In der Wohngemeinschaft über mir hatte Meinungsverschiedenheiten gegeben, die dazu geführt hatten, dass der eine Streithahn dem anderen dringend zeigen wollte wo Bartel den Most holt, zu diesem Zwecke Stunden nach dem Zoff einen Karton in Fetzen riss, daraus eine Lunte zum Zimmer des inzwischen schlafenden Kontrahenten legte und das Ganze anzündete. Die Situation lief schnell aus dem Ruder, aus dem Denkzettel wurde eine veritable Katastrophe, doch glücklicherweise drückte der Brandstifter, ehe er sich aus dem Staub machte, noch den Knopf des Feueralarms im Treppenhaus und hämmerte, als er an meiner Wohnung vorbeikam, mit beiden Fäusten gegen die Türe, um mich zu warnen. Es war 3 Uhr Nachts und ich saß senkrecht im Bett.

Um es kurz zu machen: das einzige Todesopfer dieses Infernos war ein flauschiges Kaninchen, das in seinem Käfig verbrannte. Es befand sich in dem Zimmer des Zündlers, der gar bitterlich weinte, als er später davon erfuhr. Ansonsten gab es noch Rauchvergiftungen sowie Verstauchungen und Bänderdehnungen durch Sprünge aus dem Fenster. Ein Teil der Bewohner rettete sich durch´s Treppenhaus auf die Straße, andere warteten auf den Balkonen auf ihre Rettung und ein paar hatten sich auf dem Dach in Sicherheit gebracht.
(Es war, ganz nebenbei, wirklich erstaunlich, was manche Nachbarn nachts so anhatten).

Nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hatte, wurde die Frage laut, wer eigentlich in der Wohnung unter der Wohngemeinschaft wohnte. Ich, sagte ich vergnügt und drängte mich durch die Menge der Wartenden nach vorne. Es konnte mir, die ich bei eisigen Temperaturen (es war Ende Januar) vier Stunden lang, lediglich in ein dünnes Tuch gewickelt, auf der Straße gewartet hatte, gar nicht schnell genug gehen, wieder in meine warme Wohnung und zu meinen verschreckten Katzen zu kommen. Was ich nicht bedacht hatte: das Wasser sucht sich seinen Weg nach unten. Immer. Und direkt untendrunter wohnte nunmal icke.

Auch hier wieder die gekürzte Version: in meiner Wohnung war so ziemlich alles zerstört. Sowohl das Wasser, als auch die heruntergebrochenen Deckenbalken hatten ganze Arbeit geleistet.
Noch am gleichen Morgen musste ich mir also ein Hotel suchen, in dem ich, gemeinsam mit den Katzen, die nächsten drei Monate auf die Wiederherstellung meiner Wohnräume wartete. Keine Versicherung kam je für diese Kosten auf.
Doch auch im Hotel fand ich keine Ruhe, Bereits eine Woche nach meinem Einzug hörte ich Nachts den Alarm und kurz darauf rückte die Feuerwehr an. In der Etage unter mir hatte ein Gast ein wenig im Papierkorb gezündelt.

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Wahrscheinlich glaubt mir niemand mehr, wenn ich jetzt noch von dem Motorbrand meines alten Golf und dem Feuer in der Bordküche des Flugzeuges nach Kuba berichte. Beides noch im gleichen Jahr.

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Warum ich seit dem Hausbrand eine ausgeprägte Spinnenphobie habe, erzähle ich auch irgendwann noch. Es hat lange gedauert, bis ich darauf kam, was da geschehen war.

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Nachtrag:

Mein Herd ist inzwischen übrigens durch einen in der Wand eingelassenen Knopf gesichert. Ist dieser eingedrückt und der Herd betriebsbereit leuchtet der Knopf unübersehbar neonschrill auf. Die Katzen haben keine Chance mehr.

 

 

 

 

 

Bild: Wenni, Rabbit, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ablenkbar und unstet

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Ablenkbar und unstet bin ich. Außerdem unzuverlässig. Letzteres behauptete der sogenannte Bekannte vor Zeiten, in Unzeiten, im Affekt. Da darf der das, solange er nicht dort bleibt. Im Affekt passieren die schlimmsten Dinge.
Der Bekannte ist übrigens nicht der Unterfranke, wie unlängst die liebe Carmen rätselte, sondern the companion formerly known as Der Eine. Wie die meisten Beziehungen (blödes Wort und doch um Längen besser als die geschäftsmäßig anmutende Partnerschaft) hat auch die unsere eine Wandlung erfahren, wie das die Jahre, die man miteinander verlebt, unweigerlich mit sich bringen. Der Wechsel von „dem Einen“, zu dem „Bekannten“ meint hier den Übergang vom schwärmerisch Verzückten zum behaglich befriedeten Alltag. Man kennt sich und man ist duldsamer miteinander geworden. Das ist schön. Immer nur Chili zerstört auf Dauer die Magenschleimhaut und schwächt ungemein. Wir sind jetzt bei Kamille und Fenchel angelangt. Mit Sambal Olek.

Ablenkbar und unstet bin ich. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass ich einen Text über meine Charaktermängel beginne, mich unterwegs auf unerklärliche Weise verzettele, bei einer Äußerung des Bekannten lande und mich von dort schließlich über Beziehungen im Allgemeinen wie auch im Besonderen auslasse. Meine Gedankengänge haben die Struktur eines Spazierganges durch Leipzig oder Lübeck. Aus Neugierde oder Unachtsamkeit gerate ich in einen der Gänge zwischen den Häusern, folge seinen Windungen und stehe unversehens in einer ganz anderen Gegend. Interessiert schaue ich mich um, hab längst vergessen, wo ich eigentlich hinwollte und gehe, chamäleonartig, vollends in meiner neuen Umgebung auf. As long as it lasts.

Manchmal, wenn der Bekannte und ich uns unterhalten, verliere ich sogar mitten im Satz den Faden, starre dann, statt seinen Worten zu folgen auf seine Lippen oder seine kluge Stirn, denke plötzlich an ganz andere Dinge und nicke zur Tarnung ernst. Der Bekannte, dem die Streitlust (außer morgens) über die Zeit gründlich vergangen ist, tut so, als glaubte er, dass ich ihm weiter zuhöre, lässt, um mich bei meinem Ausflug nicht zu stören, seine Rede behutsam ausklingen und wendet sich kommentarlos wieder seinen Büchern zu. Erwache ich ein paar Minuten später und sehe, dass er in seine Lektüre vertieft am Küchentisch sitzt und Notizen macht, schaue ich ihn vorwurfsvoll an und sage: Nie hörst Du mir zu.
Ich mag es so gerne, wenn er dann auffährt, die Augenbrauen hochzieht und ganz tief Luft holt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

don´t give up (im Puppenhaus)

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Ämter bekleiden stelle ich mir seit jeher vor wie Papppuppen (9 Buchstaben und 6 davon p!) anziehen. Man knifft und zwackt einen Talar oder eine Robe an das gesichtslose Amt heran und schon kann die steifhüftige Darbietung losgehen.

Wenn ich nicht gerade die Weltpolitik verfolge, bin ich immer noch unterwegs in Sachen Justiz und Kriminalität und lese dieser Tage unter anderem folgendes: ein Mann googelt am Abend welche Strafe auf vorsätzlichen Totschlag steht, legt sich anschließend eine Bratpfanne zurecht und erschlägt am nächsten Morgen seine Lebensgefährtin beim alltäglichen Streit in der Küche damit. Hinterher behauptet er, im Affekt gehandelt zu haben. Wer glaubt, Tante Google würde irgendetwas für sich behalten, ist ein Dussel. Außerdem: wieso trennen Leute sich nicht, statt sich bratpfannenreif zu zanken. (Bitte nicht antworten, ich weiss warum und möchte das Thema wegen der zu erwartenden Abgründe nicht vertiefen. Die Streithähne sollten besser anfangen sich mit Politik zu beschäftigen, das macht anders unzufrieden, reifer irgendwie. Oder sie könnten ein Puppenhaus bauen, um mal einen Einblick zu bekommen).

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Nach einer halben Stunde Citizenfour meldet sich meine Paranoia und ein unheilbarer Frust über den Zustand unserer Welt. Das ist schlimmer als Dokus über das Universum, unendliche Weiten, Weltraum und Hubble. Blanker Horror. Wir brechen unseren Filmabend ab.
Snowden, den ich vorher nie hatte reden hören, ist ein so kluger, ruhiger und aufgeräumter Kopf. Ich bin voller Bewunderung, auch für das Opfer, dass er zu bringen bereit war, für sein Verantwortungsbewusstsein und für seine Reflektiertheit. Ob er seine Familie jemals wiedersehen wird?

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Den Text, der mich seit langem  am meisten anrührt, lese ich bei der hochgeschätzten dame von welt. Nicht zögern einfach anklicken und eintauchen, bitte. Das Detail mit der Kellertreppe im Weckglas wird mir ewig im Kopf bleiben. Ich plane es nachzubauen. Statt echtem Blut muss Lebensmittelfarbe reichen.

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Wer ist eigentlich merkwürdiger, derjenige, der immer wieder nachfragt, oder der, der nie antwortet.
Darüber können jetzt alle mal nachdenken. Ich aber sage Euch: don´t give up und immer weiter Fragen fragen.

Totraum

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In der Apotheke frage ich nach einer 1 ml Spritze, mit der ich der Katze den Magenschutz einflößen kann. Zur Anschauung bringe ich eine bereits gebrauchte und inzwischen ziemlich zugerichtete Spritze mit. So eine hätte ich gerne wieder, sage ich.
Die Apothekerin nimmt die Spritze entgegen und betrachtet das kleine Wunderwerk von allen Seiten. Neugierig und mit hochgezogenen Augenbrauen sieht sie mich schließlich an und fragt: Wo haben Sie die denn her?
Ich weiss es nicht mehr. Vielleicht vom Tierarzt, irgendwann mal.
Sowas habe ich ja noch  n i e  gesehen!, behauptet die Apothekerin jetzt und beäugt das kleine Spritzchen wie ein schillerndes, exotisches Insekt.
Es fällt mir schwer, ihr das Erstaunen und den übertrieben aufgeregten Tonfall abzunehmen und ich frage mich, ob sie entweder schon am frühen Morgen einen im Kahn hat, oder ob sie gerade für den ersten großen Auftritt ihrer Laiendarstellergruppe übt.
Könnten Sie bitte nachschauen, ob irgendwer solche Spritzen führt, übergehe ich ihre miserable Darbietung.
Das kann sie. Geschwind und mit hochkonzentriertem Blick tippt sie etwas in die Tastatur ihres Computers und wird wider Erwarten nach kurzer Zeit fündig.
Hier haben wir´s, sagt sie, und fügt, als ich mich gerade freuen will, erhältlich nur in einem Gebinde von 800 Stück, dazu.
Ich hatte eher so an maximal 5 Stück gedacht, sage ich zögernd.
Schulterzuckend und kopfschüttelnd zugleich (doppelte entschiedene Verneinung darstellend), gibt sie mir zu verstehen, dass sie meinen Wunsch nicht erfüllen kann.
800 Stück, wiederholt sie, eine kleinere Verpackungseinheit gibt es nicht.
Jetzt ist es an mir, den Kopf zu schütteln und mit den Schultern zu zucken (kann man nix machen darstellend). Als ich damit fertig bin, verlasse ich mit einem kurzen Gruß die Apotheke, die kleine, kostbare Spritze liegt in meiner Hand.
Das glaubst Du ja wohl selbst nicht. 800 Stück als kleinste Packungsgröße. Pfft. Was ist das überhaupt für eine Mengeneinheit, das ist ja noch bescheuerter, als 1,46 Liter Waschmittel oder als der haarscharf kalkulierte Immobilienpreis von 525,326 € für 4 Zimmer. Alles muss immer irgendwie schwierig sein.
So, oder so ähnlich murmele ich vor mich hin, den Blick fest auf den Boden geheftet, um in dieser Gemütslage bloß niemanden sehen, und im blödesten Fall auch noch grüßen zu müssen.
Als ich durchgefroren Zuhause ankomme, mache ich mir zur Stärkung einen Cappuccino und setze mich damit an den Rechner. In das Suchfeld gebe ich alsdann: Spritze, 1 ml, Stift ein. Und  –  palim palim –   gleich der vierte Eintrag zeigt mir meine superungewöhnliche, nie-zuvor-dagewesene Rarität, die der Händler in Packungsgrößen zwischen 10 und 200 Stück anbietet. Als ich dann noch die Produktbeschreibung durchlese, lacht meineben noch grambeladenes Herz aus vollem Herzen (doppelte Tautologie :/) auf, und ganz besonders erfreue ich mich an einer Formulierung, von der ich augenblicklich weiss, dass sie mich bis auf mein (1,97 m x  1,53 m großes) Sterbebett begleiten wird:

  •  mit Spardorn ohne Totraum

steht dort.

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: weeß ick nich, screenshot irgendwo

Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Einschlafen, aufwachen

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Obama hat Chelsea Manning begnadigt, lese ich dir vor, als wir schon m Bett liegen. Wir sind beide erstmal sprachlos. Was für eine schöne Überraschung. Lange hätte sie bestimmt nicht mehr durchgehalten.

Man wird Obama vermissen, sagst Du. Ein besonders starker Präsident war er ja nicht. Aber wenn man das Vorher und das Nachher bedenkt. Relativ halt.

Chelsea Manning kommt frei. Das ist mal eine gute Meldung.

Und was passiert jetzt mit Assange? Der hatte sich doch zum Tausch angeboten.
Ist der eigentlich paranoid oder hat er tatsächlich etwas von den USA zu befürchten? Und wenn ja was? Was würde ihn in Schweden erwarten? Und ist es klug sein Leben auf unbestimmte Zeit in einer Botschaft zu verbringen, bloß um nicht anderswo eingesperrt zu werden.
So reden wir und spekulieren und während wir plaudern, wird erst Deine Zunge schwer und dann meine und wir schlafen ein. Wahrscheinlich mitten im Satz. Chelsea Manning kommt frei, denke ich noch, während mein Boot schon übersetzt.

Beim Erwachen sieht die Welt dann wieder aus wie man sie kennt. Harte Schatten.
Holm wurde abgesägt, hier wie dort.
Witzfiguren wie Don Alphonso fahren mit teuren Autos und Filzhut um den See, um den See und haben Meinungen.
Die Grünen treten mit Özdemir und Göring-E. an.
Die AfD will den totalen Sieg.

Was soll man sagen.

Ich esse jetzt Nüsse. Das wärmt und macht fett und lenkt das Bewusstsein auf andere Problemzonen.

Guten Abend.

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, Ciudadanos, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schwimmende Schweine

Es gibt Berufe, die ich nicht gerne ausüben möchte. Zum Beispiel möchte ich nicht anstelle des Bügelmannes im KaDeWe stehen und mit dem Ernst eines englischen Palastwächters die ollen Jacken der vorgeblich Interessierten Kundschaft aufbügeln müssen, um sie von der Qualität meiner exquisiten Bügelstation zu überzeugen.
Noch weniger möchte ich der Fachverkäufer für Herrenbekleidung mit dem gewaltigen Backenbart sein, was vor allem mit dem Bart zu tun hat, im Allgemeinen, wie auch im Besonderen. Der Backenbartler ist, unter uns, inzwischen auch längst ausgestiegen aus dem Textilbusiness und widmet sich seither ganz und gar der Pflege seines Gesichtsschmuckes. Mit großem maximalem Erfolg.

Auch möchte ich nicht Kosmetikfachverkäuferin sein und den ganzen Tag stark geschminkt im Neonlicht herumstehen müssen, wo meine verkleisterten Poren verzweifelt nach Luft rängen, während meine schmerzenden Füße und Beine nicht wüssten, wie sie die Stunden bis zum rettenden Sofa überstehen sollten.
Bäckerin wär mir auch nix, denn das frühe Aufstehen bekommt mir nicht. Mein erster Rückenschmerz datiert auf einen Morgen, an dem ich zur nullten (!) Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Um 6.45 h betrat ich, nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt, mit schlimmem Kreuzweh den Klassenraum und wusste von diesem Moment an, dass ich für derart unmenschliche Abläufe nicht geschaffen war. Seither vermied ich, wenn irgendmöglich vor sieben Uhr aufzustehen und legte sowohl meine Vorlesungen, wie auch später meine Jobs passend zu meinem Biorhythmus. Nur manchmal, und  auch nur, wennn es für einen guten Zweck ist, in den Urlaub fahren zum Beispiel, mache ich eine Ausnahme von dieser Regel. Aber sonst: niemals vor sieben.
Das Urlaubsargument verwende ich übrigens auch gerne bei der notorisch verspäteten Mitarbeiterin: Du schaffst es dein Flugzeug zu kriegen, um auf die Bahamas zu fliegen, dann kannst du es auch schaffen pünktlich zur Arbeit zu kommen, meckere ich seit Jahr und Tag und immer wieder zeigt sie sich zerknirscht, ob dieser unumstößlichen Wahrheit. Einmal habe ich, vor lauter Verdruss, derart geschimpft, dass ihr die Tränen kamen, was mir sehr leid tat. Doch genützt hat´s nix. Gerademal zwei Tage hielt die Wirkung an, bis der gewohnte Schlendrian wieder Einzug hielt. Inzwischen schickt sie schon vor ihrem Arbeitsbeginn reuige sms, in denen sie ihre Verspätung ankündigt und die sie als Freischein, nimmt noch später als gewohnt zu erscheinen. Ich hab doch Bescheid gesagt!
An manchen Tagen, wenn sie es gar zu toll treibt, ihretwegen Termine platzen, und mir der Schädel vor Ärger beinahe platzt, schaue ich sie zur Begrüßung nicht einmal mehr an und murmele kaum hörbar in meinen nicht vorhandenen Premiumbart: Ich sag jetzt nix. Wie ich das finde, weisst du ja.
Ja, ich weiss
, sagt sie, die den Dialog inzwischen auswendig kann, und ihre Stimme klingt erfreulich bedrückt. Nützen wird´s freilich nix.

Für 2017 habe ich mir dringend vorgenommen nachtragender oder zumindest unpünktlicher zu sein. Außerdem möchte ich auch mal auf die Bahamas fliegen.

Der Schluss der Geschichte, wie auch die Reise der Mitarbeiterin auf die Bahamas, ist frei erfunden. Weder heute noch in der Zukunft werde ich dorthin fliegen, denn mein letzter Rückflug aus der Karibik steckt mir noch tief in den Knochen.
Ich suchte bloß ein Stichwort, um dieser drögen Geschichte eine Wendung zu geben, einen finalen Schliff, und meiner geduldigen Leserschaft die zauberhaften schwimmenden Schweine vorstellen zu können.
Guckt mal, guckt mal, guckt mal!

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