Banderilla

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Ein schweißtreibend obszöner Traum lässt mich aufschrecken. Fahles Fleisch und Sperma, brutale Nacktheit. Holzbänke. Ekel ohne Lust.

Um den Bekannten nicht zu stören, setze ich vor dem Einschlafen Kopfhörer auf. Wie erwartet plätschert das gewählte Hörbuch vor sich hin, nichts, was den Sinkflug stören könnte. Bis der Vorleser plötzlich ins Falsett schwenkt und in eunuchenhaftem Ton eine sexuell erregte Frau spricht. Oh und ah und ja. Stöhnen, Gurren, Seufzen, Schmatzen. Sie ist bereit. Drück meine Brustwarzen zusammen, ich bin ganz feucht, flötet der Sprecher und ich versuche, zu müde um das iPad zuzuklappen, nicht hinzuhören. Das Gefühl beim Einschlafen ist Fremdscham.

Am Frühstückstisch reden wir über Trump und die Möglichkeiten ihn loszuwerden. Impeachment vielleicht? Droht dann Bürgerkrieg? Mein Kopf ist noch zu müde für Weltpolitik. Zuhören und Verstehen fällt mir schwer. Auf der Kuppe meines Horizontes stehen schwarze Türme, die lange Schatten ins Tal werfen.

Ich hatte meine Berliner Sommer, sagst du als wir über den August sprechen und bringst das Perfekt in die Zukunft. Eine Banderilla, sorgsam gesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

Obacht

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Ein Lichtblick: die Sonne scheint.
Außerdem: 20 Meter am Stück ist der Hund gestern gelaufen. Die Rute aufgestellt, stakste sie vergnügt über den Platz. Irgendwann brachen die Hinterbeine weg und ich musste sie nach Hause tragen. Trotzdem: ein Anfang (innerhalb dieses langen Endes).

Judith Hermanns Sommerhaus, später. Immer wieder hat man mir das Buch ans Herz gelegt. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür und es gefällt mir außerordentlich gut. Der kühle Sound der 90er in Berlin. Dazu ihr lakonischer Erzählstil.
Ich bin sicher: mit einem wutroten Korallenarmbändchen, geerbt von der russischen Großmutter, hätte auch mein Leben einen anderen Verlauf genommen.
Den erschossenen Großvater haben eine Protagonistin und ich gemein.

Das Tonnengewicht auf meinen Schultern macht es sich gemütlich. Der Anwalt steht in den Startlöchern. Zum Glück hab ich eine Rechtschutzversicherung. Das entlastet. Wir werden sehen ob es nützt. Der Bekannte unterstützt mich mit sachlichem Verstand.
Am liebsten möchte ich immerzu umarmt werden oder schlafen, heute am Weltschlaftag. Man kann nicht alles haben.

Der Hundenachbar sagt: Achtung, die Haschbrüder haben ihre Spritzen ins Gebüsch geworfen!
Ich bedanke mich für den wertvollen Hinweis.

Immer Obacht! ruft er mir hinterher.
Ich weiss.

 

 

 

 

 

 

Der neue WordPress Editor mit seinem beep beep boop boop-Gehabe kann nicht mal Absätze aufrecht erhalten. Kaum veröffentlicht, sind die wohlweise bedachten Pausen perdu. Der WP-Admin, der alte Hase, der kann das.

 

 

 

 

 

 

Bild: Hermes Marana, day 49, flickr
Lizenz: https://www.flickr.com/photos/hermesmarana/6902452341/in/faves-139247418@N03/

3 (auf einer Skala von 1-10)

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Die Agrarwissenschaftlerin hat ein Gemüsebeet auf der Terrasse angelegt, das sie mit viel Hingabe beackert. Da kommt ein Mann in den Garten geschlendert und sticht sie vor meinen Augen nieder. Ihr Blut fließt auf die frischen Pflanzen, verklebt die ersten Keimblätter und ich stehe mit hängenden Armen und offenem Mund drinnen in meinem Aquarium, derweil der Mörder mit suchendem Blick weiter durch den Garten streicht. Es ist Nachmittag, kein Kind im Sandkasten, nur eine Katze stromert am Zaun entlang. Zum Glück bloß ein Traum.

Die Berichterstattung über den Fall gibt Rätsel auf. Wo waren die Eltern des Täters zum Tatzeitpunkt? Hat der 19Jährige tatsächlich ganz allein ein Haus bewohnt? Was hatte ein Beagle, der bei den Fahndungsaufrufen gezeigt wurde, mit all dem zu tun. Wieso und für wen könnte es von Relevanz oder von Interesse sein, dass die Eltern des Mörders (angeblich) Hartz-IV- Empfänger sind.
In irgendeinem Posting zum Thema bedankt sich einer von der Natürlich-hat-wieder- nix-mit-nix- zu-tun-Fraktion bei Frau Merkel. Er muss die Kanzlerin tatsächlich für allmächtig halten. Aus Mutti wurde Gott.

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Das Internet ist in heller Aufregung über den BBC-Reporter in dessen home-office, während einer Live-Übertragung, die beiden Kinder hereingehopst und -gerollt kamen. Man ist noch nicht sicher, ob er ein Guter oder ein Nicht-ganz-so-Guter ist und ob man ihn verurteilen oder zumindest doof finden sollte, weil er das ältere Kind ohne hinzusehen weggeschoben und unterdessen versucht hat das Interview fortzusetzen. Alles in allem einigt man sich aber dann doch darauf, dass er ein lieber Papa ist, weil er a) Zuhause arbeitet und b) durch ein Schmunzeln verraten hat, dass er seine Kinder lieb hat.

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Der Bekannte hat schlechte Laune, behauptet aber er hätte gute Laune oder mindestens normale, also mittelmäßige, Laune. Doch seine Gesichtszüge verraten ihn und das liegt nicht allein an der Schwerkraft a.k.a. Erdanziehung.
Auf einer Skala von 1 bis 10?, frage ich ihn. 3, ist die Antwort, man kann nicht allezeit ein Hoch erwarten. Doch, das kann man. Erwarten ist ja eine Art Hoffen, wenn es um´s Glück geht, und ohne Hoffnung ertrüge man das alles überhaupt nicht ist alles viel schwerer. Außerdem ist 3 nicht mittel sondern mickrig.

Zugegeben, es war blöd, dass ich den Bekannten mit falschem Namen angesprochen habe. Ich finde aber Papa wäre weitaus schlimmer gewesen. So hat der Unterfranke mich früher manchmal genannt, versehentlich. Also Mutti natürlich, nicht Papa. Das hat mir damals auch die Mundwinkel in den Keller gezogen und die Laune auf 3 gedrückt. Zumindest beim ersten Mal. Heute ist Mutti ja quasi Gott oder wenigstens allmächtig, da würde es mir vielleicht weniger ausmachen ihren Namen zu tragen.

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Was sonst? Der Bärlauch schiebt sich aus der Erde. Die Katze kotzt Blut. Der Tierarzt schimpft mit mir und sagt: Das liegt am Katzengras, das hätten Sie ihr nie geben dürfen. Und ich sage: Aber ich habe doch extra in Ihrer Praxis angerufen und die Kollegin gefragt, ob das Katzerl Gras haben kann und sie hat gesagt, gar kein Problem, natürlich darf sie das. Und da antwortet der Tierarzt: Ach so, da sind meine Kollegin und ich aber verschiedener Meinung, ich lehne Katzengras für Kurzhaarkatzen grundsätzlich ab, das kann zu schweren Magen- und Kehlkopfverletzungen führen. Seufzend zücke ich mein Portemonnaie. Wieviel macht´s denn?
Er wird es auf die Sammelrechnung setzen, wie immer. Ich bedanke mich.
Auch der Hund hat schon bessere Zeiten erlebt. Mit schwachen Hinterläufen und tiefschwarzen Augen torkelt sie durch die Wohnung. Mehr als 10 Meter am Stück ist grad nicht. Draußen muss sie weiterhin getragen werden. Aber soll ich Ihnen mal was verraten? Ich gewöhne mich langsam daran. So ist es eben. Schwerer fällt es mir derzeit, Tag für Tag die selben Dinge zu erklären, und mir die Eigenarten und Empfindlichkeiten jedes einzelnen Menschen in meinem Umfeld genauestens einzuprägen, diese stets abrufbereit zu haben, und mein Verhalten auf´s Allerperfekteste darauf abzustimmen, weil sonst die 3 oder Schlimmeres droht. Bin ja auch nur eine fehlbare tikerscherk mit reichlich Gepäck auf dem müden Rücken.

Trotzdem: Frühling!

Musik:

(youtube direktlink. Bilderbuch, Bungalow)

 

 

 

 

Bild: Alexander von Halem, Emilio, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Zwanglos II

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Männer, die größer als 1,85 sind beunruhigen mich, es sei denn sie tragen Frauenkleider.

In Fulda möchte ich nicht wohnen. Da gibt es so viele merkwürdige Menschen, die üble Bräuche pflegen. Sie nennen das Tradition.

Tradition ist so ähnlich wie Religion. Unhinterfragbar.

Ich halte Menschen, die ihren Tieren ironische Namen geben (Günther der Hund) für übermäßig geltungsbedürftig. Fehlt noch ein kariertes Hütchen auf dem Kopf und Hosenträger.
Ich habe mal einen Goldfisch Tarkan genannt. Es war nicht mein Fisch. Meine hießen Lolek und Bolek. Auch albern.

Ich messe oft mit zweierlei Maß und sehe den Balken im eigenen Auge nicht. Das Haar in der Suppe finde ich mühelos. (Saisonabhängig. Im Winter schlimmer als im Sommer).

Ich verstehe Ironie meist nicht.
Ich bin exzentrisch.
Ich bin schüchtern.

Ich bin, wenn man mich gut kennt, sehr leicht dechiffrierbar.

Ich schreibe immerzu über mich, weil ich über andere zuwenig weiss und weil die Welt mir ein Rätsel bleibt.

Der Bekannte redet sehr wenig über sich. Ich mag den Bekannten.

Wenn ein siamesischer Zwilling früher ins Bett will als der andere, ist das ganz was anderes, aber im Ergebnis doch ähnlich, wie wenn der Bekannte früh ins Bett möchte und ich mitgehen soll, obwohl ich noch hellwach bin.

Wenn ich wach bin möchte ich überhaupt nie mehr ins Bett gehen.
Wenn ich im Bett liege, möchte ich überhaupt nie wieder aufstehen.
Immer da wo ich bin finde ich es am Besten.
Es ist schwer mich zu überreden auf eine Party zu gehen.
Es ist schwer mich wieder nach Hause zu kriegen.

In manchen Szenen sind Tunnelohrringe verpönt.

Seit ich weiss, dass Avocados für Hunde tödlich sind sein können, stört es mich schon, wenn eine Zeitschrift in meiner Wohnung herum liegt, deren Titelseite eine aufgeschnittene Avocado zeigt.

Ich sehe im Winter nicht gerne Dessouswerbung auf den sogenannten Stadtmöbeln im Freien.
Donald Trump hat mir das Wort `sogenannt´ gründlich versaut. Böser Mann.

Ich finde es traurig, wenn Menschen verstummen, weil die Weltlage so düster ist.

Ich finde es sehr unhöflich, eine ausgestreckte Hand nicht entgegen zu nehmen (solange keine Scheisse dran klebt und man nicht befeindet miteinander bzw. gegeneinander ist).
Bei facebook kann man sich sogar entfreunden.

Die neuesten Smartphones sind in ihren Kamerafeatures auf Instagram-Selfies ausgerichtet. Sie machen auf Knopfdruck (oder per Wischbewegung) schön und jung.
Wird man je aus dieser Bilder-Welt heraus treten und sich begegnen können ohne furchtbar enttäuscht oder erschrocken zu sein?

Ich ziehe (ganz allgemein)  unbearbeitete Fotos bearbeiteten vor.

Damit ein Film mich interessiert, muss er vorwiegend in geschlossenen Räumen spielen. Es muss mindestens eine weibliche Hauptrolle geben, es muss Strom, bzw. elektrische Geräte geben, es wäre schön, wenn Liebe oder wenigstens Sex drin vorkäme. Am liebsten soll er in der Jetzt-Zeit spielen (die für mich bis in die 70er Jahre zurück reicht).
Ich möchte nicht, dass in dem Film zuviel gesungen wird. Er darf keine Komödie sein. Exzessive Brutalität will ich auch nicht. Spannung finde ich gut. Die Menschen sollen nicht über-attraktiv sein und nicht aussehen wie bearbeitete Fotos.
Into the wild hat mir gefallen, obwohl der Film fast ausschließlich  draußen spielt und sehr wenig Elektrizität drin vorkommt. Eine Frau und Romantik gibt es auch nur kurz.

Der Argentinier hat bei einem Online-Gedächtnistest geschummelt.
Nachdem er ihn ein Mal durchgespielt und dabei enttäuschend abgeschnitten hat, hat er sich alle Lösungen notiert, um sie beim zweiten Durchlauf abzutippen. Als das neue Testergebnis angezeigt wurde, hat er sich sehr gefreut.

Bei twitter stand, dass bei Facebook folgendes stand:

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Darüber habe ich lauthals gelacht.

 

Bedeutungsvolles Raunen und wissenvorgebendes, süßlich-feingeistiges Klimperzuseln© (aka as inhaltsleeres Labern) nervt mich. Ab-grund-tief.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Aaron Muszalski, Zwanglos III, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Schmuckdünger / je m´accuse

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Unterwegs

Weil Lärm tötet gehe ich konsequent bei Rot über die Straße. Wenn Schulkinder da sind geh ich trotzdem bei Rot. Und zwar hinter ihnen her.

Die Tüten mit dem Hundekot werfe ich in den Rinnstein oder lege sie auf Stromkästen, wenn kein Mülleimer in der Nähe ist. Ich liebe das Geräusch von Kotbeuteln, wenn sie in den Rinnstein klatschen.
Manchmal lege ich sie in defekte Kühlschränke am Straßenrand oder neben matschige Dönerreste und klebrige Gurkengläser. Auf dem Rückweg sind weitere Kotbeutel dazu gekommen.
Wenn ich ausnahmsweise keinen Kotbeutel dabei habe, hebe ich beim nächsten Mal zusätzlich zu dem Haufen meines Hundes einen Fremdhaufen auf.

Mein bester Freund sagt halbschwul, wenn er bisexuell meint. Ich kündige ihm nicht die Freundschaft dafür, obwohl er belehrungsresistent ist.

Ich glaube nicht an Gott. Ich fühle mich manchmal einsam und verloren deswegen.
Manchmal bete ich zu Gott, für den Fall.

Ich bin traurig, dass kriminelle Banden das Flusspferd Gustavito totgeprügelt und -gestochen haben. Als Knut starb war ich auch traurig.

Die kleine Polin liebt ihr Pferd über alles. Sie trägt am Liebsten schwarz, geht auf Parties mit dunkler Musik und möchte nicht, dass jemand erfährt, dass sie ein Pferdemädchen ist. Bei Whatsapp hat sie deshalb eine russische Ikone, anstatt einer Trense als Profilbild. Ich habe einen Maulkorb als Foto. Das wirkt lässig und erbärmlich zugleich und dadurch noch nonchalanter*. Der Maulkorb wirft schöne Schatten auf den Tisch.

* Ich habe die Angewohnheit Worte episodisch zu gebrauchen und dann einzumotten.

Ich bin Ästhetin. Design ist mir wichtig.
Ich entwerfe Möbel.
Ich plane einen Bungalow aus Beton. Im Patio Moos.

Wenn in Indien ein Bus in den Abgrund stürzt und alle Insassen den Tod finden, rede ich weniger darüber, als wenn das Gleiche in den Dolomiten passiert oder als wenn die Ku´damm-Raser wegen Mordes verurteilt werden.

Nach 16 Uhr möchte ich keine schlechten Nachrichten mehr hören.
Kaffee nach 16 Uhr geht. Tee nicht.
Meinen Briefkasten öffne ich nur Montags bis Donnerstags. Späteste Leerung um 15 Uhr. Ich habe Angst mir das Wochenende zu versauen mit Dingen, die sich nur unter der Woche regeln lassen.

Nach meinem letzten Eintrag sind mir 4 Follower abhanden gekommen. Zwei kamen dazu.
Das Thema scheint die Leute vergrätzt zu haben. Ich sollte wahrscheinlich mehr über Tiere schreiben.

Ein Mann kommt mit einem Fisch im Eimer in die Tierarztpraxis. Ich frage ihn nicht wie alt das Tier ist, wie es heisst oder ob es Fieber hat.
Ich mag Säugetiere und Vögel lieber als Amphibien, Reptilien und Insekten. Fische mag ich eigentlich auch. Vor allem Rochen und Haie. Und Muränen mit ihren übellaunigen Gesichtern.
Tiere mit Überbiss gefallen mir.
Der Bekannte schlägt vor, mit der Hausspinne (in einer Streichholzschachtel) zum Tierarzt zu gehen.
(Ich könnte ihr Hormone spritzen lassen, damit sie keine Jungen mehr kriegt).

Von dem angefahrenen Fuchs in einer Transportbox mache ich Fotos. Später erzählt mir die Tierärztin, dass er eingeschläfert werden muss, weil er zahm werden würde, wenn man ihn gesund pflegte.
Ich traue mich nicht zu fragen, ob ich ihn mit nach Hause nehmen darf. Nun hoffe ich ihre Antwort wäre Nein gewesen.
Ich traue mich nicht zu fragen, ob sie Nein gesagt hätte.

Ich habe Angst Schuld auf mich zu laden.

Ich gebe monatlich mehr Geld für Tierschutz aus als für Menschenschutz. Im Winter etwa gleichviel.

Ich ernähre mich nicht bio und kaufe nicht immer saisonal oder regional.

Meine fleischfressenden Tiere verschlechtern meine Ökobilanz.
Ich habe einen Gefrierschrank. Zum Ausgleich fliege ich nicht und fahre weniger als 5000 km Auto im Jahr.Ich esse kein Fleisch, trinke keinen Alkohol, rauche nicht und trage viel Second Hand. ich hoffe das hilft irgendwem.

Ich komme gerne pünktlich und reagiere verärgert auf Unpünktlichkeit.
Ich lache laut über meine eigenen Witze und zwar als Einzige und stundenlang. Manchmal wache ich nachts auf davon.

Ich bin beinahe so rechthaberisch wie der Bekannte, dafür ist er viel klüger als ich und ich bin viel lustiger als er (s.o.)

Der Bekannte und ich sind ungefähr gleich groß, dafür bin ich 4 Jahre älter als er und sehe 4 Jahre jünger aus. Macht 8 Jahre Gewinn.

(Ich bin mathematisch hochbegabt).

 

 

 

 

 

pastel de nata

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Die Kindergärtnerin muss Dienst haben, denn nebenan singen sie Bruder Jakob. Ist ihr Mann dran sind´s die Drei Chinesen. Ein Lied, das die Koreanerin nicht mag, weil die anderen Kinder sie anstarrten, wenn es gesungen wurde.

Ich beobachte einen Jungen dabei, wie er dem Gruppenaußenseiter die Mütze vom Kopf reisst, ihm in die Augen schaut und die Mütze in den nassen Dreck wirft. Erschreckend sein harter, verächtlicher Blick. Die Erzieher bekommen nichts mit davon.
Paradoxe Interventionsfantasie: den Übeltäter bei den Armen packen, zwei-, drei Mal im Kreis herum wirbeln, dabei fröhlich Huuuiiii! rufen und nach dem Absetzen des Tunichtguts ungerührt ins Haus zurück spazieren.
Manchmal fällt es schwer die Füße still zu halten.

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Ein sturzbetrunkener Mittdreißiger fliegt aus einem Club, geht wutentbrannt zum nächstgelegenen Taxistand und trommelt mit den Fäusten auf einen der dort wartenden Wagen ein. Es gelingt dem Fahrer nicht, den Tobenden zu stoppen und so tippt er mit der Stoßstange leicht gegen dessen Beine. Der Randalierer fällt um, knallt auf den Kopf, steht wieder auf und hämmert weiter. Das Ganze wiederholt sich einige Male – trommeln, umfahren, aufstehen, weitermachen – bis der Fahrer endgültig die Beherrschung verliert und den Betrunkenen kurzerhand überrollt. Mit schweren Kopfverletzungen und gebrochener Hüfte kommt der Randalierer in die Klinik.

F: Wo geschehen?
A: In Kreuzberg süd-ost.

//

Die neue Katze bevorzugt Futtersorten mit schlimmen Namen.
My star is a foodie, Schmusy und miamor. Zum Beispiel.
Ich kaufe das Futter inzwischen nur noch online – ohne Zeugen, ohne Schmach – und räume es klammheimlich und scheuklappenbewehrt in die entlegensten Schränke in den hintersten Winkeln der Wohnung. Den Müll trage ich des Nächtens nach draußen, nachdem ich die Umverpackungen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt habe.

Der Paketbote jammert jedes Mal, wenn er die schweren Futterkartons in meine Wohnung schleppt. Ich entschädige ihn mit 5 Euro, der Hälfte der Ersparnis des Online-Einkaufes. Win/win.

//

Der Hund ist schlagartig wieder so krank, dass er vor die Tür getragen werden muss. Sie kann kaum stehen, ist verwirrt und zittert am ganzen Körper. In der Tierlinik tippt man auf eine zusätzliche neuromuskuläre Erkrankung. Myasthenia gravis vielleicht.
Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Erst der Hirntumor, jetzt das. Ich mache mir große Sorgen.
Hoffentlich ist das nicht der Anfang vom Ende.

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Nach 5 Tagen Krankheit ist immerhin der Bekannte von seinem Lager aufergestanden. Nicht mal die Zigaretten schmeckten ihm noch und besorgniserregend grau war er im Gesicht. Der Dauerhusten hat uns beiden schlaflose Nächte, ihm Muskelkater und beinahe einen Sixpack-Bauch beschert.
Die intensive räumliche Nähe war sehr schön. Entgegen der gewohnten Askese gab´s täglich Kuchen. Der Bekannte ist Katholik und damit von Haus aus viel sinnesfreudiger als wir selbstgeißelnden, entsagungsversessenen Protestanten. Leider vergisst er das oft und ich muss ihn erst wieder daran erinnern. Heute werde ich seinem Gedächtnis mit pastel de nata, gekauft beim fabelhaften  Double Eye in Schöneberg, auf die Sprünge helfen.

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Die totgesagte Sonne scheint in den Garten. Zeternd sitzen die Spatzen im Bambus und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Die Kohlmeise wetzt den Schnabel am Ginkgo, pickt rasch ein Körnchen und fliegt davon.
Tölchen liegt unter meinen Stuhl und fiept kaum hörbar.
Wir leben.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: di.fe88, flickr, Spiegelung
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

burning like a fire

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Zu dem Wohnungsbrand war es gekommen, weil die Katze mit ihren Pfoten den Herd angeschaltet hatte, wodurch die neben den Kochplatten abgestellte Kerze geschmolzen, das verflüssigte Wachs auf den Herd gelaufen war und sich dort – fusch! – entzündet hatte. Eine riesige Stichflamme, die schnell auf die Holzarbeitsplatte und die Schränke übergriff. Zufällig war ich Zuhause und konnte den Brand nach mehreren Anläufen schließlich mit einer Seidendecke ersticken. Dass ich nicht versucht hatte mit Wasser zu löschen war mein Glück. Ich wusste nicht mal, dass es dabei zu einer extrem gefährlichen Verpuffung gekommen wäre, die mein Gesicht vermutlich für alle Zeiten enstellt hätte, sofern ich überhaupt noch eines gehabt und lebend davon gekommen wäre. Mich wundert, dass mein übervorsichtiger Vater, der in allem und überall Gefahr witterte und so großzügig war, seine Ängste mit uns Kindern zu teilen, mich über diese furchtbare Möglichkeit des Gesichtsverlustes nicht aufgeklärt hatte.

Der nächste Brand, nicht lange danach, betraf den Hausflur, in dem ein paar alte Möbel und anderer Sperrmüll abgestellt waren, den jemand zum Spaß angezündet hatte. Der Sofa, das lichterloh brannte, stand unmittelbar vor den in die Wand eingelassenen Gasleitungen und ich wartete draußen vor dem Haus mit eingezogenem Kopf auf den großen Knall, der nur ausblieb, weil die Feuerwehr beizeiten zur Stelle war.

Nachdem ich Gelegenheit gehabt hatte, mich schrittweise an Feuer zu gewöhnen, war es nur vier Monate später die Zeit für den großen Hausbrand gekommen. In der Wohngemeinschaft über mir hatte Meinungsverschiedenheiten gegeben, die dazu geführt hatten, dass der eine Streithahn dem anderen dringend zeigen wollte wo Bartel den Most holt, zu diesem Zwecke Stunden nach dem Zoff einen Karton in Fetzen riss, daraus eine Lunte zum Zimmer des inzwischen schlafenden Kontrahenten legte und das Ganze anzündete. Die Situation lief schnell aus dem Ruder, aus dem Denkzettel wurde eine veritable Katastrophe, doch glücklicherweise drückte der Brandstifter, ehe er sich aus dem Staub machte, noch den Knopf des Feueralarms im Treppenhaus und hämmerte, als er an meiner Wohnung vorbeikam, mit beiden Fäusten gegen die Türe, um mich zu warnen. Es war 3 Uhr Nachts und ich saß senkrecht im Bett.

Um es kurz zu machen: das einzige Todesopfer dieses Infernos war ein flauschiges Kaninchen, das in seinem Käfig verbrannte. Es befand sich in dem Zimmer des Zündlers, der gar bitterlich weinte, als er später davon erfuhr. Ansonsten gab es noch Rauchvergiftungen sowie Verstauchungen und Bänderdehnungen durch Sprünge aus dem Fenster. Ein Teil der Bewohner rettete sich durch´s Treppenhaus auf die Straße, andere warteten auf den Balkonen auf ihre Rettung und ein paar hatten sich auf dem Dach in Sicherheit gebracht.
(Es war, ganz nebenbei, wirklich erstaunlich, was manche Nachbarn nachts so anhatten).

Nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hatte, wurde die Frage laut, wer eigentlich in der Wohnung unter der Wohngemeinschaft wohnte. Ich, sagte ich vergnügt und drängte mich durch die Menge der Wartenden nach vorne. Es konnte mir, die ich bei eisigen Temperaturen (es war Ende Januar) vier Stunden lang, lediglich in ein dünnes Tuch gewickelt, auf der Straße gewartet hatte, gar nicht schnell genug gehen, wieder in meine warme Wohnung und zu meinen verschreckten Katzen zu kommen. Was ich nicht bedacht hatte: das Wasser sucht sich seinen Weg nach unten. Immer. Und direkt untendrunter wohnte nunmal icke.

Auch hier wieder die gekürzte Version: in meiner Wohnung war so ziemlich alles zerstört. Sowohl das Wasser, als auch die heruntergebrochenen Deckenbalken hatten ganze Arbeit geleistet.
Noch am gleichen Morgen musste ich mir also ein Hotel suchen, in dem ich, gemeinsam mit den Katzen, die nächsten drei Monate auf die Wiederherstellung meiner Wohnräume wartete. Keine Versicherung kam je für diese Kosten auf.
Doch auch im Hotel fand ich keine Ruhe, Bereits eine Woche nach meinem Einzug hörte ich Nachts den Alarm und kurz darauf rückte die Feuerwehr an. In der Etage unter mir hatte ein Gast ein wenig im Papierkorb gezündelt.

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Wahrscheinlich glaubt mir niemand mehr, wenn ich jetzt noch von dem Motorbrand meines alten Golf und dem Feuer in der Bordküche des Flugzeuges nach Kuba berichte. Beides noch im gleichen Jahr.

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Warum ich seit dem Hausbrand eine ausgeprägte Spinnenphobie habe, erzähle ich auch irgendwann noch. Es hat lange gedauert, bis ich darauf kam, was da geschehen war.

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Nachtrag:

Mein Herd ist inzwischen übrigens durch einen in der Wand eingelassenen Knopf gesichert. Ist dieser eingedrückt und der Herd betriebsbereit leuchtet der Knopf unübersehbar neonschrill auf. Die Katzen haben keine Chance mehr.

 

 

 

 

 

Bild: Wenni, Rabbit, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ablenkbar und unstet

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Ablenkbar und unstet bin ich. Außerdem unzuverlässig. Letzteres behauptete der sogenannte Bekannte vor Zeiten, in Unzeiten, im Affekt. Da darf der das, solange er nicht dort bleibt. Im Affekt passieren die schlimmsten Dinge.
Der Bekannte ist übrigens nicht der Unterfranke, wie unlängst die liebe Carmen rätselte, sondern the companion formerly known as Der Eine. Wie die meisten Beziehungen (blödes Wort und doch um Längen besser als die geschäftsmäßig anmutende Partnerschaft) hat auch die unsere eine Wandlung erfahren, wie das die Jahre, die man miteinander verlebt, unweigerlich mit sich bringen. Der Wechsel von „dem Einen“, zu dem „Bekannten“ meint hier den Übergang vom schwärmerisch Verzückten zum behaglich befriedeten Alltag. Man kennt sich und man ist duldsamer miteinander geworden. Das ist schön. Immer nur Chili zerstört auf Dauer die Magenschleimhaut und schwächt ungemein. Wir sind jetzt bei Kamille und Fenchel angelangt. Mit Sambal Olek.

Ablenkbar und unstet bin ich. Das macht sich unter anderem darin bemerkbar, dass ich einen Text über meine Charaktermängel beginne, mich unterwegs auf unerklärliche Weise verzettele, bei einer Äußerung des Bekannten lande und mich von dort schließlich über Beziehungen im Allgemeinen wie auch im Besonderen auslasse. Meine Gedankengänge haben die Struktur eines Spazierganges durch Leipzig oder Lübeck. Aus Neugierde oder Unachtsamkeit gerate ich in einen der Gänge zwischen den Häusern, folge seinen Windungen und stehe unversehens in einer ganz anderen Gegend. Interessiert schaue ich mich um, hab längst vergessen, wo ich eigentlich hinwollte und gehe, chamäleonartig, vollends in meiner neuen Umgebung auf. As long as it lasts.

Manchmal, wenn der Bekannte und ich uns unterhalten, verliere ich sogar mitten im Satz den Faden, starre dann, statt seinen Worten zu folgen auf seine Lippen oder seine kluge Stirn, denke plötzlich an ganz andere Dinge und nicke zur Tarnung ernst. Der Bekannte, dem die Streitlust (außer morgens) über die Zeit gründlich vergangen ist, tut so, als glaubte er, dass ich ihm weiter zuhöre, lässt, um mich bei meinem Ausflug nicht zu stören, seine Rede behutsam ausklingen und wendet sich kommentarlos wieder seinen Büchern zu. Erwache ich ein paar Minuten später und sehe, dass er in seine Lektüre vertieft am Küchentisch sitzt und Notizen macht, schaue ich ihn vorwurfsvoll an und sage: Nie hörst Du mir zu.
Ich mag es so gerne, wenn er dann auffährt, die Augenbrauen hochzieht und ganz tief Luft holt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/