Rettung

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Ob es mich erfüllt zu retten und gerettet zu werden, fragst du. Als wären wir nicht alle aufeinander angewiesen. Nichts wiegt irgend etwas auf. Nichts zahlt sich aus. Das Wasser fließt über den Stein und um ihn herum. Der Fluss liegt in seinem Bett. Niemand schuldet dem anderen etwas. Es ist so.
Was „von selbst“ heissen könnte, habe ich noch nie verstanden. Das Selbst speist nicht allein sich aus dem Selbst.

Die Luft in Sri Lanka ist feucht und nicht mehlig trocken, lese ich. Das Licht täuscht. Manche Menschen dort haben dunkelblaue Augen. Wie wenig ich von der Welt weiss.

Gestern hat Selma, das Amselkind, sich davon gemacht. Als ich nach Hause kam, war sie aus ihrem kleinen Gewächshaus, das ich ihr als Nest eingerichtet hatte, verschwunden.

Später am Abend höre ich auf einmal die Amseleltern zetern und schreien. Da weiss ich, dass Selma noch lebt und in großer Gefahr ist. Sofort stürzen wir in den Garten, wo wir sie zwischen den Sträuchern und hinter den Mülltonnen suchen, doch wir finden sie nicht. Die Gefahr indes scheint nicht gebannt, die Eltern krakeelen weiter und sitzen flügelschlagend auf den Fahrradlenkern beim Schuppen. Wir folgen ihren Blicken und der Richtung ihrer Drohgebärden und entdecken Selma schließlich auf dem mit Maschendraht eingehegten Nachbargrundstück stumm am Boden sitzend im Efeu. Die Katze Luzie lauert nur 30 cm von ihr entfernt. Nun schreien auch wir, rudern wie wild mit den Armen, klatschen in die Hände und verjagen die gestromte Jägerin. Die kleine Polin rennt in den Hausgang und hinaus auf die Straße, klingelt bei den Nachbarn und ruft „Ich muss jemanden retten!“. Wie durch ein Wunder öffnet sich im gleichen Moment die Tür, einer der Bewohner verlässt das Haus und die kleine Polin kann hineinschlüpfen.

Zwei Minuten später kehrt sie mit der schimpfenden und krächzenden Selma in den Händen zurück und setzt die braune Federkugel auf der eingezäunten Terrasse ab. Schnell überprüfen wir den Zaun auf Schlupflöcher und stopfen diese mit allem, was zur Verfügung steht zu. Anschließend füttern wir Selma mit ein paar Regenwürmern.
Die Amseleltern scheinen inzwischen zu wissen, dass ihr Junges bei uns sicher ist und lassen uns in aller Ruhe gewähren.

Jetzt sitzt die kleine Selma in einer Ecke der Terrasse auf einem Stück altem Stuck, schaut mürrisch und krächzt dann und wann. Ihre wackeren Eltern versorgen sie weiter so gut sie eben können.

Wir sind alle aufeinander angewiesen.

Stranded

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Ich verstehe in Etwa was mir Andere über ihre Arbeit und ihr Leben, über Indien, Cricket und über die Ferne erzählen. Gleichzeitig verstehe ich nichts von all dem. Ich höre nur Worte.

Einmal sah ich einen Bericht über Menschen, die in Sri Lanka am Strand schlafen müssen, weil sie kein Obdach haben. Überall auf dem nächtlichen Sand gab es dunkle Flecken, von Tüchern bedeckte Erhebungen, die sich dann und wann ein wenig bewegten. Ich sah diese Bilder und auf einmal durchfuhr es mich und ich dachte: wie wenig ich von der Welt und vom Leben weiss.
Die Kamera begleitete die Schlafenden durch die Nacht, bis sich wieder Leben unter den leichten, bunten Tüchern regte, und eine warme Sonne die Erwachenden beschien. Hell wie Mehl war das Licht des Morgens, staubig und trocken das Licht des Tages. Alles sah aus wie aus angebackenem und mit Mehl bestäubtem Pizzateig geformt. Die Lehmmauern, die Straßen, die gekalkten Häuser, die Handflächen der Menschen. Traurig wurde ich, denn mich dauerten die Menschen, die kein Obdach haben, die tagein und tagaus arbeiten und doch immer hungrig bleiben, die im Kielwasser einer gefräßigen Welt umhergewirbelt werden und die kämpfen müssen, um nicht rettungslos unterzugehen in diesem mächtigen Strudel..

Oft macht mich diese gleichgültige Welt sehr traurig und oft überlege ich, was ich tun könnte um einzugreifen, und als ich vor zwei Tagen Selma das Amselkind fand und in meine Obhut nahm, erinnerte ich mich auf einmal an folgendes Erlebnis:
Ich war vielleicht sieben oder acht Jahre alt, meine Eltern verbrachten den Tag mit uns am Kahler See, eine gute halbe Autostunde von Frankfurt entfernt. Wir lagen am Strand, im weißen Sommerlicht und ich blickte auf das Wasser. In Ufernähe planschten schreiende Kinder. Ein Vergnügen das mir fremd war. Noch nie hatte ich Spaß daran in der Gruppe laut zu sein und auch wenn der Lärm mich nicht störte, war ich doch lieber alleine oder hielt mich in der Nähe Erwachsener auf.

Es war ein sehr heißer, ein friedlicher Tag. Im Hintergrund dudelte Jazz. Ein paar Amerikaner saßen biertrinkend im Sand und kauten fremde Worte. Das Wasser glitzerte in der Sonne, die Luft in der Ferne verdichtete sich allmählich diesig und wie ich da am Ufer saß und auf den See blickte, bemerkte ich plötzlich, inmitten der tobenden Kinder und des wogenden und spritzenden Wassers, etwas Kleines, das auf der Oberfläche hin und hergeschaukelt wurde. Es war ein Schmetterling, ein Pfauenauge, der wahrscheinlich von einem Wasserschwall erfasst und in den See gerissen worden war, aus dem er nun nicht mehr heraus fand. Keines der spielenden Kinder, noch deren Eltern, schienen den Überlebenskampf des kleinen Pfauenauges zu bemerken, das wieder und wieder versuchte sich mit Flügelschlägen in die Luft zu retten, während neben ihm kleine Arme ins Wasser patschten, es um Haaresbreite verfehlten und  fröhliche Rufe seine Not übertönten.
Auf einmal verstand ich was passieren würde: das kleine Tier würde sterben. Es würde untergehen und ertrinken und ich allein konnte das verhindern. Dieser Gedanke und die mit ihm einhergehende Verantwortung, diese dringende und schicksalhafte Notwendigkeit zu handeln, ließen mich erschauern, sie schmerzten und euphorisierten mich zugleich und wie ferngesteuert sprang ich auf, rannte zum Ufer und lief so schnell ich konnte in den See hinein. Mit aller Kraft schob ich meinen Körper durch das kühle, schwere Nass und schlängelte mich, den Schmetterling nicht aus den Augen lassend, an den wild rudernden Kinderarmen vorbei. Die Reflektionen der Sonne blendeten mich und es rauschte in meinen Ohren, dahinter, weit entfernt, brandete das Lachen der Kinder, der Sommer, das Leben.
Als ich meinen Schützling endlich erreichte, formte ich mit beiden Händen eine Schale, mit der ich ihn zunächst von oben beschirmte und die ich schließlich unter ihn schob, um ihn vorsichtig abzuschöpfen. Als ich ihn sicher in den Händen hatte, spreizte ich die Finger, ließ das Wasser  ablaufen und stakste anschließend mit weit nach oben gestreckten Armen an den schreienden Kindern vorbei ans Ufer, wo ich mir einen ruhigen Fleck suchte und mich setzte. Ganz still wurde es um mich, die Zeit, die eben noch in schnellem Takt getrommelt hatte, tickte auf einmal ganz langsam, der Tumult in meinem Inneren legte sich und das Rauschen in den Ohren ließ nach. Der Falter auf meiner Hand saß erst wie tot, nur seine Fühler bewegten sich, dann aber breitete er seine Flügel aus und ließ sie von der Sonne bescheinen. Nach einer Weile klappte er die Flügel zusammen, um auch die Unterseiten trocknen zu lassen und verharrte ansonsten auf der Innenfläche meiner Hand. Ich schaute ihm zu, fühlte seine Füßchen auf meiner Haut, atmete vorsichtig und war sehr froh. Irgendwann, es mochten fünf oder zehn Minuten vergangen sein, bewegte er seine Flügel etwas schneller, flatterte ein wenig, wie zur Probe, und flog schließlich davon. Während ich ihm nachblickte, überkam mich  der gleiche tiefe Schmerz und die gleiche Euphorie, wie ich sie in jenem Moment empfunden hatte, als ich mir meiner Verantwortung für sein Leben bewusst geworden war.

Es war derselbe See, an dem ich nur wenige Wochen später in Not geriet. Ich war ohne  Schwimmärmelchen mit dem Schlauchboot hinausgepaddelt und hatte am gegenüber liegenden Ufer angelegt. Dort musste sich, von mir unbemerkt, ein Nagel durch die Bootshülle gestochen haben. Doch erst als ich wieder auf dem offenen Wasser war, entdeckte ich, dass ich Luft verlor und das Heck immer tiefer eintauchte. Da das Boot sehr schnell manövrierunfähig wurde, warf ich das Paddel ins Wasser, hielt mich an dem noch luftgefüllten Bug fest, strampelte mit den Beinen und schaute zum Strand herüber, wo ich meine Eltern vermutete, doch ich fand sie nicht. Zu weit entfernt war ich von ihnen.


An dem Ufer, an das ich kurz zuvor angelegt hatte, befanden sich, inmitten eines kleinen Wäldchens Holzhütten und Lauben. Einer der Männer, die dort mit ihren Familien das Wochenende verbrachten, musste mich gesehen und meine Situation erkannt haben. Beherzt sprang er ins Wasser, kam mit schnellen Zügen zu mir herüber geschwommen, griff nach der Kordel meines Bootes und hieß mich, mit beiden Armen den Bug zu umklammern und keinesfalls loszulassen. Dann schwamm er los und zog mein Boot und mich zurück zu unserer Badestelle. Ich dachte daran, dass meine Schwester mir von Zitteraalen erzählt hatte, die sich in den Tiefen des Sees tummelten und die mit Stromstößen Schwimmer töten konnten. Ich hoffte, dass die Aale den Mann verschonen und wir beide überleben würden. Tatsächlich schienen die Aale zu schlafen, denn wir erreichten das Ufer unversehrt und als wir im brusttiefen Wasser angekommem waren, ließ ich das Boot los und watete mit wackligen Beinen an Land. Statt mich zu meinen Eltern zu bringen, wie ich befürchtet hatte, hob der Mann nun die Hand zum Gruß, ging wortlos zurück ins Wasser und schwamm wieder zu seiner Laube.
Ich ließ das inzwischen vollkommen erschlaffte Schlauchboot liegen, machte mich auf die Suche nach  meiner Familie und fand sie in der Sonne dösend vor.  Wortlos legte ich mich zu ihnen, hielt mein Gesicht ins Licht und betrachtete durch halbgeschlossene Lider meine nassen Wimpern, die in Regenbogenfarben schillerten.

 

 

 

Musik: Stranded, The Saints

 

 

 

 

Bild: Wikipedia
Lizenz: == Beschreibung == {{Information| |Description = Kahler See, holiday home area, near Kahl/Main, Bavaria/Germany |Source = photo taken by Gabriele Delhey |Date = created July 12, 2005 |Author = [[:de:Benutzer:Reise-Line|Gabriele

Selma La Amsel

 

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Das Schwarze in dem weissen Topf auf dem blauen Topf ist Selma.

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Ein hungriges Amselkind sitzt in einem Blumentopf auf meiner Terrasse und wartet darauf gefüttert zu werden. Ich habe es Selma La Amsel genannt und ihm eine Schale Rotwürmer in der Zooabteilung von Hellweg gekauft. Kurz überlegte ich ob ich zum Ausgleich für die Beihilfe zum Mord nicht auch noch eine Packung Heimchen mitnehmen sollte. Dann war ich mir aber unsicher ob ich damit nicht noch irgendeinen schlimmeren Schaden anrichten würde. Jetzt habe ich ein Amselkind und jede Menge Würmer und eine aufgeregtes Amselelternpaar, das nur schwer an das Junge herankommt. Ich wiederum erreiche die Markise, von der es vermutlich heruntergefallen ist, leider nicht, so weinüberwuchert ist sie inzwischen und so kurz meine Leiter nur.

Die Katzen dürfen jedenfalls nicht mehr raus und die Jalousien sind soweit herunter gelassen, dass auch der Anblick der schmachtenden Felinen die Amseleltern, die ständig um die Terrasse herum fliegen, nicht stört. Nun hoffen wir, dass Selma heute Nacht nicht erfriert. Auf 11 Grad soll es immerhin runterkühlen. Mögen Kleenex und Wattepads ihm genügend Wärme spenden.

 

Ich berichte…

sehr ungern (claro)

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Mit sehr ungern beantwortete ich früher beinahe jede Frage, die ein Anliegen an mich heran trug. Wollte beispielsweise jemand mal kurz mein Telefon benutzen, sagte ich: Sehr ungern, bat mich jemand um einen Kaugummi oder eine Zigarette bekam er die gleiche Antwort.
Die Fragenden, die bereits ihre Hand nach dem Ersehnten ausgestreckt hatten, zuckten dann jedes Mal zurück, als hätten sie sich verbrannt und ich verstand nicht, und zwar bis heute nicht, wieso sie meine Ironie nicht verstanden.

Ich hätte statt sehr ungern genauso gut sicher oder claro oder como qué non sagen können. Doch zu selbstverständlich erschien mir das, als dass ich es sagen und mich damit als besonders großzügig hervortun mochte.
So war es doch schon in der Schule: niemand meldete sich bei extrem einfachen Fragen, weil zu läppisch und weil man sich lächerlich vor der Klasse gemacht hätte, hätte man sein  1×1-Wissen zur Schau getragen. Die Lehrer, die ratlos in die schweigenden Gesichter ihrer Eleven blickten, nahmen unterdessen an, dass wir zu verblödet waren und nicht einmal die elementarsten Dinge wussten. Vielleicht plagten sie auch Selbstzweifel über die Güte ihres Unterrichtes. Sie hatten keine Ahnung, dass unser Schweigen Ausdruck davon war, dass man Selbstverständliches nicht fragt.

Meine Ironie habe ich über die Jahre verfeinert und antworte auf Bitten inzwischen mit: auf gar keinen Fall. Das wird besser verstanden, denn soviel rüde Zurückweisung traut mir dann halt doch niemand zu.
(Zigaretten und Kaugummis gibt es bei mir schon sehr lange nicht mehr. Heute kann ich auf gar keinen Fall zu einem Stück Kuchen einladen).

 

 

 

Bild: Neil Moralee, windwept and dangerous, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Glücklich

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Die Freundin schickt mir weitere Scans von uns und von mir.
Hier hatte ich ein Baby auf dem Schoß und ich erinnere mich, dass mich das sehr glücklich gemacht hat.
Ich sehe mich gerne als glücklichen Menschen.

 

Unzählbar

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Orgelreis steht auf der Plane des schwarzen LKW, der an uns vorbeifährt, und ich muss lachen. Weil ich immer über ungewöhnliche Namen lache. Eine Schwäche.
Idiot, sagt die Malerin, die neben mir spaziert. Ich hab nicht mitbekommen um wen es geht und frage sie, wie oft sie in ihrem Leben schätzungsweise schon Idiot gesagt hat. Das liegt im hohen sechsstelligen Bereich, ist nach kurzem Überlegen ihre Antwort.
Es gibt soviele Idioten, die kann man gar nicht mehr zählen, sage ich und jetzt ist es an ihr zu nicken.
Uncountable wie Sand sind sie, die Idioten, ergänze ich und sie brummt zustimmend.

Es ist heiß, der Frühling hat von Frost auf Grill umgestellt, Erdbeerhäuschen schießen aus dem Boden und überall flanieren nackte braune Beine. Kann ja nur Solarium, in so kurzer Zeit, denke ich, den hechelnden Hund unter dem Arm. Es ist schon ein mühseliges Geschäft mit bepelzten kranken Tieren in der Glut der Mittagshitze unterwegs zu sein.
Die Malerin und ich haben das Idioten-Thema für´s Erste beendet und uns jetzt auf´s Jammern darüber verlegt, dass nirgends Schatten sich fände und der Scheitel uns glühe und beinahe unerträglich dies sei. In Wahrheit mag ich es sehr gerne, wenn die Kopfhaut mir brennt und die Hitze sich schwer auf meine Schultern legt, doch ich möchte nach dieser anstrengenden Woche nicht unser einträchtiges Gemecker unterbrechen und so wettern wir lustig weiter. Harmonie ist alles.

Hinter den Riegelbauten in der Annenstraße setze ich den Hund endlich und ausnahmsweise ohne Fressschutz ab und lasse sie ein wenig durch´s Gras stiefeln. Keine zwei Minuten bis ein Schulbrot zwischen ihren Zähnen klemmt und ich sie anherrschen muss, damit sie es fallen lässt. Funktioniert tadellos. (Nicht auszudenken!)

Nachdem der Maulkorb wieder am Tier dran ist, passiert das, was immer passiert, nämlich dass jeder zweite Passant, ausnahmslos Männer, sich bemüßigt fühlt, mich auf meinen Hund anzuquatschen. Und sie tun es auf die immergleiche unangenehme Weise. Die Jüngeren sagen: Hö, hö, Hannibal Lecter! und die Älteren schnarren mit unverkennbarem Biertimbre:  Du bist ja´n janz Jefährlicher, wa? Die Witzigsten fügen, generationsübergreifend, noch weitere Bemerkungen hinzu, etwas in der Art wie „dein süßes Frauchen willste verteidijen. Recht haste.“
Und ich denke: Uncountable
.

Wir stratzen weiter durch die seelenlose Neubausiedlung, die sich von der Alten Jacobstraße bis hin zur Leipziger zieht. Dort angekommen schaffen wir es trotz zügigen Schrittes nur bis in die Mitte der Straße auf die winzige Verkehrsinsel, den schmalen lebensrettenden Betonstreifen, dann zeigt die Ampel schon wieder Rot und wir stehen inmitten der Plattenbauten und der erbarmungslos flimmernden Hitze, während vor und hinter uns der wütende Verkehr auf jeweils vier Spuren vorbeidonnert. Diese Kreuzung ist immer wieder auf´s Neue eine große psychische Herausforderung, die wir nur mit lauthalsem Gezeter über misanthrope ampelschaltungenplanende Idioten unbeschadet überstehen.
Als wir die tosende Leipziger überquert haben, kommen wir auf den ruhigen Hausvogteiplatz. Ein rothaariges Mädchen mit langem, geflochtenen Zopf kreuzt unseren Weg. Sie sieht aus wie ein Engel, trägt ein lindgrünes Kleid auf ihrer Alabasterhaut und ich freue mich an ihrem traumgleichen Anblick und denke: jetzt kann nichts mehr schief gehen.
Die Malerin versucht noch halbherzig mich zu überzeugen, dass das Mädchen sicher nicht freiwillig einen so langen Zopf trägt, dass ganz bestimmt der Zwang ihrer strengen Eltern dahinter steckt, doch ich wehre ihr Geunke ab, überzeugt davon, dass das Mädchen ganz freiwilligerweise so hinreissend aussieht. An der Friedrichstraße flammt unser eben eingeschlafenes Gemecker noch einmal auf, wir schimpfen traditionsgemäß über die Touristen die in Sandalen und mit offenem Mund herum und natürlich immer im Weg stehen, doch sobald wir an der Mall of Berlin vorbei, aus den steinernen Ministergärten herausgetreten und endlich in die Kühle des Großen Tiergartens eingetaucht sind, wo es ruhig und grün ist, vergeht uns das Gezeter. Beinahe schlagartig ist es ruhig geworden, hoch und friedlich stehen die schattenspendenden Bäume, unzählige Blüten säumen die Wegesränder und Wasserläufe und verschwunden sind die Unzählbaren. Nur vereinzelt noch treten sie in Form von rüpelhaften Radfahrern auf. Doch man möchte ihnen nichts mehr hinterher rufen, weil im Schutze des Grüns aller Ärger verflogen und nur noch Freude ist.
Weiter westlich dösen die Schildkröten auf ihrem querliegenden, vermodernden Stamm, Enten ziehen ihre Bahnen über´s Wasser, aus dem Blätterdach zwitschert und tschilpt es und fernab von Lärm und staubiger Hitze spielen die beiden Hunde, toben wie die Welpen am Fuße der fedrigen Mammutbäume, jagen sich im Rhododendronhain durchs Unterholz und quer durch den raschelnden Farn und schließlich springen sie in einen brackigen Tümpel, wo sie sich ekstatisch im kühlenden Schlamm wälzen. Nach einer Weile kommen sie zu uns herüber gerannt und schütteln sich dort erst kräftig, auf dass auch unsere Beine schwarz gesprenkelt seien und wir alle zusammen ein faulig stinkendes Rudel bilden mögen.
Auf dem Nachhauseweg trage ich ein glückliches, dreckiges und sehr erschöpftes Tölchen in meinen besudelten Armen. Mein leichtes Sommerkleid ist voller Flecken und ich bin sehr froh.
Seit ihrer Diagnose habe ich sie und mich nur selten noch so zufrieden und ausgelassen erlebt.

 

P.S.: Soeben erreicht mich eine Mail der Vermieterin, die zumindest nach Waffenstillstand klingt, wenn nicht nach mehr. Y!

 

 

 

 

Bild: Ross, Funnell, The Tiergarten, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ein Tag im Tiergarten

Ganz spontan habe ich mir einen Tag freigenommen und arbeite dafür das Wochenende durch. Soll eh kalt und regnerisch werden.
Heute 29 Grad und Sonne von früh bis spat. Yay!

Euch allen einen schönen Tag!

Im Tiergarten blühen der Rhododendron, der Taschentuchbaum, die Ranunkelsträucher und vieles mehr. Frisch und grün leuchtet der Farn. Neben Lortzings Standbild  stehen zwei hohe Pappeln wie ein Tor.

Das Tölchen ist hasengleich mit dem Freundinnenhund umher gerannt. Sie haben sich gejagt und gebalgt. Schließlich sind sie mit Anlauf in einen brackigschwarzen Tümpel gesprungen und auf dem Nachhauseweg musste ich den widerlich stinkenden und total erschöpften Hund wieder tragen. Mein schönes Sommerkleidchen ist jetzt sehr sehr schmutzig.
Bei Lindner habe ich mir zur  Erbauung ein paar Zucchinipuffer geholt und beim Koreaner geschnittenes Obst.
Zuhause hab ich die Katzen rausgelassen und jetzt sitze ich hier, esse, trinke Tee und fühle mich sehr erholt und zufrieden nach einem wunderbaren Tag.

im Garten mit Isabel

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Herzklopfen als ich vor dem Einschlafen sehe, dass die Schwester zwei Mal angerufen hat. Auch der Anwalt hat sich auf allen Leitungen und per Mail gemeldet und bittet um Rückruf. Angst kriecht mir den Nacken hoch. Der Bekannte prophezeit Schlimmstes, wahrscheinlich steht weiterer Psychoterror ins Haus. Kaum spricht er es aus, rauscht es in meinen Ohren. Schlechte Gedanken nach 17 Uhr tun mir nicht gut. In der Nacht lasse ich mich wieder von der monotonen Stimme Judith Hermanns beruhigen und am Morgen rufe ich den Anwalt zurück. Manches klärt sich, doch es bleibt anstrengend und emotional aufreibend und ich weiss nicht woher die Kraft nehmen. Stellvertretend für den seelischen Mühlstein schmerzt und puckert mein verletztes Knie.
Nach dem Telefonat greift bleierne Erschöpfung und Traurigkeit nach mir. Das Gefühl der Verlorenheit.

Nur zwei Stunden später meldet sich der zweite Anwalt in der anderen großen Sache. Er bittet um ein Gespräch am morgigen Tag. Worum es geht will er mir noch nicht sagen. Meine Nerven.

Morgen wird auch der hauseigene Handwerker kommen und mich vermutlich zu diesem und jenem unauffällig befragen, unterdessen schleicht seine Auftraggeberin, die Vermieterin ums Haus und begutachtet die Fahrräder. Meines wurde vor ein paar Monaten im Innenhof platt gestochen, als Einziges. Jetzt habe ich ein Herrenrad, zur Tarnung. Das kaputte Rad habe ich stehen lassen. Zuviel Kraft kostet mich dieser Nebenschauplatz, der unerklärliche Hass dieser fremden Person. Wohnraum ist teuer, Ich habe kein Geld um mir eine andere Bleibe zu suchen. Das weiss sie und sie genießt es.

Derweil springen die Kinder durch den Garten wie ungelenke Fohlen.
Ein paar Mädchen schieben sich abwechselnd in einem Buggy umher und spielen Familie. Andere haben sich unter dem todgeweihten Bambus versammelt und schütteln dessen nasse Halme, um die Tropfen auf sich herabregnen zu lassen. Sie lachen.

Die liebste Freundin schreibt mir eine lange Mail. Ich solle mir keine Sorgen machen, sie fühlt sich nicht von mir vernachlässigt. Ein paar Scans von alten Fotos schickt sie mit. Auf einem davon sitzen wir zu viert am Tisch, mein Bruder, dessen damalige Frau, die Freundin und ich. Vor mir ein Päckchen Zigaretten. Vorbei, vorbei. Der Bruder ist schon lange aus meinem Leben gegangen, seine Ehe wurde nach 2 rasenden Jahren geschieden, ich rauche nicht mehr. Die Freundin ist mir geblieben und das ist so wertvoll für mich. Doch auch um sie sorge ich mich nach ihrem Treppensturz. Seit sechs Wochen ist sie nun arbeitsunfähig und die Wirbelsäule knirscht gefährlich.
Die Fotos zeigen uns im Garten ihrer Eltern, wo wir unbeschwerte Sommertage verbrachten. Nachts schauten wir nach den Sternen und redeten. In der Entfernung das leise Rauschen der Autobahn, im Süden der dunkle Saum des Waldes.
Ich sehe mich an auf diesen Bildern und erinnere mich auch an meine kleine Wohnung damals. An die Zeit nach der Klinik, die Wochen nachdem meine Mutter verschwunden war und mein Vater so krank, an Domestos, das mir die Kehle heunterrinnt, an blutiges Erbrechen im Flur auf dem fleckigen Teppich liegend. Haltlos weinend ohne Trost.

Es stimmt nicht, dass früher alles schöner war. Damals lagen mehr Jahre vor mir, der Trichter war weiter und die Perspektive ging bis zum Horizont.
Heute ruht der Blick auf dem Boden vor meinen Füßen. Jetzt ist nur noch jetzt. Einatmen, ausatmen und nicht an das denken, was geschehen könnte, sondern bei dem bleiben, was gerade ist. Es bleibt trotz allem, was sich dunkel am Horizont abzeichnet immer noch mein Leben, das einzige, und das ist viel besser als gar kein Leben, als unterzugehen im Mittelmeer, zu sterben in einem sinnlosen Krieg oder an einer unerfüllten Sehnsucht.

 

 

 

 

 

 

Bild: petershagen, flickr, non non allez pas
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/ (Rahmen entfernt)