straitjacket

Kuramoto-mäßig oszillieren sich die Gläubigen in die gleiche Taktung hinein, Jede und Jeder innerhalb seines Sektors. Tribünen geraten in Schwingung, Brücken stürzen ein. Ich bleibe in Sicherheit: für mich.
Zum Geburtstag erreicht mich eine Mail aus Texas. Der Professor grüßt und wimmelt mich kühl ab, als ich freundlich antworte. I. schreibt aus Boston und meine inneren Pfingstrosen blühen auf.

Am Abend, ich spaziere gerade mit dem Besuchshund über den ausgestorbenen Platz, ruft der Kanzler an, um mir zu gratulieren. Er klingt unsicher nach all den Monaten des Kontaktabbruchs, wir murmeln eine höfliche Begrüßung und räuspern uns verlegen. Um mich zu sammeln, gehe ich, das Telefon am Ohr, durch den schlafenden Nachbarschaftsgarten zur Westseite des Platzes, die in vollkommener Dunkelheit liegt. Vom Kreuzdorf weht der Geruch verbrannten Holzes herüber. Der Boden ist matschig. In der Ferne rauscht die Stadt.
Ich höre den Kanzler erzählen wie sein Sohn ihn an Heiligabend beschimpft und schreiend des Hauses verwiesen hat, weil er mit des Kanzlers Testamentsvorkehrungen nicht einverstanden ist. Und wie die Kanzlerfreundin, aus Wut darüber, dass er einigen Patienten keine Rechnungen schreibt, den Kontakt zu ihm abgebrochen hat. Wie respektlos, denke ich, schweige aber und übergehe seine Frage nach meiner IBAN-Nummer.
Stattdessen erzähle ich ihm von meinen Bretagne-Plänen und dem Lied, das ich so gerne mag, und das mich immer an ihn denken lässt.


Ganz gleich, an welcher Stelle ich in diese Familiengeschichte hinein zappe: immer steht der Lautstärkeregler auf MAX und irgendetwas ist gerade am Explodieren.


Musik zum Text: La Femme, Trop De Peine

Das neue Jahr ist fast eine Woche alt.
Ich bin müde und unkonzentriert.
Kleine Ärgernisse und helle Freuden würzen mein Leben und flechten die Zeit zum Kranz.
Wir warten auf Omikron und hoffen, dass es doch nicht so schlimm oder wenigstens die eigene Virenlast nicht zu hoch sein wird, und wir gut gewappnet sind oder Massel haben. Zum Glück gibt es Lieferdienste, auch wenn noch unklar ist, ob es redlich und vertretbar ist, derart prekäre Arbeitsbedingungen am Leben zu halten und die Affenbande, die den Betriebsrat verhindern wollte, finanziell zu unterstützen. Andererseits: die Fahrerinnen haben obsiegt und brauchen Arbeit.


Vor dem Nachbarhaus stand an Neujahr eine Leergutbatterie als Janusgeschenk.


Auf dem Mariannenplatz liegen Unmengen Patronenhülsen und der kleine Hund hat endlich eine Spielfreundin gefunden. Am Liebsten wäre sie den ganzen Tag an der Luft, wo ab Samstag an festgelegten Orten Maskenpflicht gilt. Ich gehe sowieso nicht ohne.

Automatisch gespeicherter Entwurf

Erst in der Nacht zum 24. wurde mir bewusst, dass Weihnachten ist. Seit ich allein bin, bin ich wieder allein an diesen Tagen. Ob ich Körperkontakt vermisse, fragt die Filmemacherin. Nein, gar nicht. Ich brauche nur das, was verfügbar ist. Eine bewährte Strategie.

Am Morgen träume ich von irgendetwas Ekelhaftem, das ich versehentlich in den Mund genommen habe. Ich drehe den Kopf zur Seite und spucke aus. Als ich erwache ist meine Schulter nass.

Auf tiktok berichtet ein Anwalt von dem Fall eines Mannes, dessen unbeaufsichtigter Adventskranz Feuer fing, und der für den entstandenen Schaden die Hausratversicherung in Anspruch nehmen wollte. Er gab an, nach dem Entzünden der Kerzen kurz ins Schlafzimmer gegangen zu sein, wo er auf seine Lebensgefährtin traf, deren verführerischem Locken er ganz selbstvergessen nachgeben musste. Das Gericht anerkannte die Unwiderstehlichkeit der körperlichen Reize und verurteilte die Versicherung zur Regulierung des Schadens.

Und außerdem: Welpi lahmt. Die Schrauben und Platten in den Beinen müssen wahrscheinlich doch raus. Im neuen Jahr sollen aber erstmal Tölchens Zähne saniert werden, um die Nieren und das brave Herz nicht weiter zu belasten. Sie ist in einer guten Phase und ich hoffe, dass sie die Narkose unbeschadet überstehen wird.

Irgendwann demnächst hat dann auch Elvis Geburtstag und der Einzug von Woki in unsere Mensch/ Tier-WG jährt sich. Ein Grund zum Feiern.

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Die Tischlerin pendelt zwischen Jobs, Familie und schwerkranker Mutter durch´s Land. Als wir uns nach Monaten wiedersehen, scheint ihr Gesicht merkwürdig aufgeräumt und klar, beinahe wie nach einer Vollbartrasur. Nach minutenlanger Zweisamkeit in der gut geheizten Küche weiß ich plötzlich was hier nicht stimmt: Maske! Maske!, rufe ich erschrocken (und entgegen meiner Gewohnheit nur zwei statt drei Mal- siehe → Kasse, Kasse Kasse!). Sie reisst die Augen auf, legt beide Hände über Mund und Nase und stöhnt: Ogott!

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Die Zimmerin ruft an. Sie hat am Wochenende mit vier Freundinnen maskenlos und ungelüftet gesungen. Drei der fünf Anwesenden weisen Symptome auf, eine vierte wurde PCR-positiv getestet. Den Bau des Hochbetts müssen wir verschieben bis ihr Ergebnis vorliegt Hoffentlich geht es für alle gut aus.

Goldhelm hat es auch erwischt. Seit 10 Tagen liegt sie mit hohem Fieber und Muskelschmerzen flach.
PCR negativ. Trotzdem möchte der Hausarzt sie nicht in seiner Praxis empfangen. Telemedizin muss reichen.

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Zu meiner Überraschung erreicht mich nach vielen Monaten des totalen Kontaktabbruches seitens des Kanzlers ein von ihm mit Schreibmaschine (!) geschriebener Brief. Darin zitiert er aus einem Gedicht und freut sich über die elegante und romantische Formulierung, die im Deutschen soviel nüchterner ausfiele. Wieder gefunden hatte der Kanzler das Gedicht in einem Buch von Wordsworth, in dem ein junger Autoschlosser, ergriffen vom Anblick des Vollmondes über dunklem Wald, die ersten vier Zeilen daraus zitiert, was seine zarte und hinfällige Begleiterin in prustendes Lachen ausbrechen und lange nicht mehr aufhören lässt.

Sicher wunderte ich mich, weshalb er ausgerechnet mir dies schriebe, resümiert der Kanzler am Ende seines Briefes und fügt sogleich eine Erklärung hinzu: Weil Du die einzige Schriftstellerin bist, die ich kenne.
Dann fordert er mich auf, ihm meine Kontonummer zu schicken.

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Frohe Weihnachten allerseits!

She was a Phantom of delight
When first she gleamed upon my sight;
A lovely Apparition, sent
To be a moment’s ornament;
Her eyes as stars of Twilight fair;
Like Twilight’s, too, her dusky hair;
But all things else about her drawn
From May-time and the cheerful Dawn;
A dancing Shape, an Image gay,
To haunt, to startle, and way-lay.
I saw her upon nearer view,
A Spirit, yet a Woman too!
Her household motions light and free,
And steps of virgin-liberty;
A countenance in which did meet
Sweet records, promises as sweet;
A Creature not too bright or good
For human nature’s daily food;
For transient sorrows, simple wiles,
Praise, blame, love, kisses, tears, and smiles.
And now I see with eye serene
The very pulse of the machine;
A Being breathing thoughtful breath,
A Traveller between life and death;
The reason firm, the temperate will,
Endurance, foresight, strength, and skill;
A perfect Woman, nobly planned,
To warn, to comfort, and command;
And yet a Spirit still, and bright
With something of angelic light.

Dornröschen

Die Tage sind kurz und trübe. Nachts staut meine Körperwärme sich unter der dicken Maisfaserdecke. Mit feuchter Stirn erwache ich (just in der Minute des vollsten Mondes) und greife nach meinem Tablet.
Impfgegner krakeelen mich zurück in den Schlaf. Beim Wegdämmern höre ich die Schiebetüren des Kokstaxis vor dem Haus.


Die Großmutter der K. beendete weihnachtlichen Neidstreit unter den Enkelinnen mit den Worten: Gerecht ist, wenn jede Jede bekommt, was ich ihr zugedacht habe.

Ich denke oft an meine Mutter in diesen Tagen, und ich vermisse den Kanzler, bzw. die Person, die einmal mein Vater war.
Ab und an telefoniere ich mit dem Bekannten, dem es ganz langsam etwas besser geht, der aber noch erschöpfter und oft verzagter ist, als die meisten nach zwei Jahren Pandemie.

Der Unterfranke schickt mir einen Youtube-Link, dem ich folge und der mich zum Heulen bringt.

Nachmittags mache ich lange Spaziergänge mit Welpi. Sie klebt an meinen Fersen, so sehr gruselt ihr vor der Dämmerung, den Silhouetten zwischen den Bäumen und den körperlosen Stimmen in der Ferne. Nieselregen sprüht uns ins Gesicht, mich friert, ich setze die Kapuze auf.


Zuhause warten das Tölchen und der Besuchshund auf ihre Runden. Eine nach der anderen führe ich um den Block oder über den Platz, jede nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten.
Es ist Fütterungszeit, als ich mit der letzten zurückkehre, und auch die Tigerin braucht ihre Dosis Budesonid am Abend. Nachdem alle versorgt und die Schnäuzchen abgewischt sind, werfe ich mir eine Portion Chili in die Mikrowelle und gieße Tee auf (Almkräuter). Während des Essens lese ich Zeitung, bin auf Twitter (Empörung, Empörung!) oder tik tok, schreibe Mails oder besuche die vielen offenen Tabs und Warenkörbe auf meinem altersschwachen Rechner. Die Vorstellung, die schiere Möglichkeit, all diese Dinge zu besitzen, bedrückt mich. Stück für Stück lösche ich mich in die Freiheit der Bedürfnislosigkeit zurück, bis wieder alle Körbe leer sind.

Mein Befund ist unauffällig. Auf Wunsch kann ich mir einen Recorder einpflanzen lassen, der vielleicht doch noch was findet. Denselben Vorschlag hatte mir kurz nach Fukushima ein Kardiologe mit Muschelkettchen und Brustbehaarung im Polohemd gemacht. Der Arzt war überzeugt, dass mein Puls (260 Schläge die Minute) auf meine Psyche zurück zu führen sei. Er sollte Unrecht behalten.
Das grassierende Noro-Virus auf Station behandelte er übrigens mit vorbeugender Freiheitsberaubung aller Stationsinsassinnen.
Sein optischer Zwilling unterrichtete mich einige Jahre zuvor an der Uni und bekam regelmäßig Wutanfälle, als eine später in Griechenland tödlich verunglückende Kommilitonin von „Israeliten“ sprach, wenn sie Israelis meinte. Ich steckte derweil meine Storchenbeine unter den Tisch und blickte auf die Altneubauten gegenüber, wo ein betagtes Paar mit der Instandhaltung und Pflege seiner Balkonbepflanzung beschäftigt war.
Nach dem Seminar gingen alle ins Café. Ich fuhr zurück nach Neukölln, wo mich das kleine schwarze Getüm schon im Flur erwartete.

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Der Bekannte ist ein Kolibri unter Tauben. Woher diese Verwandlung rührt, ist unklar.
Kein Kortison, keine Antibiose, weiterhin beherztes Zuwarten. An seiner Stelle wäre ich längst.


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Seit Omicron auf der Weltenbühne erschienen ist, habe ich mich in tik tok gestürzt und kitzle mein strapaziertes Gemüt mit allerlei Tierfilmchen, Parcours-Videos und Shuffle dance. Meine Stimmung liegt irgendwo zwischen Euphorie und Resignation. Zwei Jahre Pandemie und dann noch Lindner und Buschmann. Wer soll das ertragen.

Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Sport: mensch muss dran bleiben, was schwierig ist, wenn der Rechner nicht mehr funktioniert.

Die Diagnosen stehen noch immer aus. Geboostert wurde ich aber inzwischen und weil der erste Shot nicht richtig saß, gab es gestern noch einen kleinen Nachschlag. Außer Impfarm keine Nebenwirkungen, nicht einmal Hörner.

Wenn ich anderswo lese, dass ehemals halbwegs vernünftige Menschen sich einen Militärputsch herbeisehnen, um uns von dieser grauenvollen Diktatur zu befreien, frage ich mich schon, was da Jahrzehnte lang weitestgehend unbemerkt gebrodelt haben muss, ehe es ausbrach.

Die Ahornblätter winken wieder und der Bekannte wartet auf Untersuchungsergebnisse. Ich warte mit ihm.
Meine eigenen Ergebnisse werde ich Ende nächster Woche bekommen. Das Herz stolpert und nach einem kurzen stationären Aufenthalt zeichnet jetzt ein kleiner schwarzer Kasten auf, was sich in meinem Brustkorb tut.

Dass die Infektionszahlen wieder derart ansteigen würden, konnte ich mir, trotz aller Warnrufe, nicht vorstellen. Wissenschaftler können tatsächlich Propheten sein. Die Politik setzt indes auf das, was sie Freiheit und Eigenverantwortung nennt.
Gestern noch eine strikte Gegnerin von Zwang, bin ich heute dafür, die Impfpflicht gesetzlich festzuschreiben. Unser Gesundheitssystem darf nicht zusammen brechen. Viel fehlt nicht mehr. Die Jecken jauchzen.
Soviel zu Corona.


Der Herbst gefällt mir besser als befürchet. Winzige Wassertröpfchen hängen in der Luft, am Abend steigt Nebel auf und die gefallenen Blätter leuchten aus sich selbst heraus, wie Glühwürmchen am Waldesrand.

tiker und die telomerase



tikerscherk ist bzw. war eine Kunstfigur, die meine Züge trägt und die mich das vergangene Jahrzehnt begleitet hat. Doch während tiker noch immer rudert und hadert, in vertrauter Weise aus den Unbillen der Vergangenheit und der Gegenwart kleine und selbstähnliche (häufig larmoyante) Geschichtchen strickt und sich in Schwermut ergeht, habe ich, die tikerfrau, einen anderen Weg gewählt und entferne mich mehr und mehr von der tikerscherk´schen Scholle und ihren Bewohnern.
Die Kluft zwischen unser beider Leben ist in den pandemischen Monaten so groß geworden, dass ich, wenn ich nicht wieder und wieder die oft genug und in Variationen zu Gehör gebrachten Anekdoten herunterbeten möchte, kaum noch etwas zu schreiben weiß, weil das was tiker fühlt und betrauert inzwischen abseits meines eigenen (aktuellen) Empfindungsstranges liegt, und ich für meine diesseitige neue Welt bisher weder Ausdrucksform noch – drang entwickelt habe.
Die neue real life tikerfrau ist beinahe so etwas wie der Negativabdruck der tikerscherk´schen Existenz geworden. Wo die Eine unablässig ihren Verletzungen und Verlusten nachspürt, unfähig das schwere Segel aus dem dunklen Nass zu ziehen, und dieses beständige Scheitern detailgenau und mit sturmdräuernder Sprache in die Welt pathetisieren muss, genießt die Andere im allgegenwärtigen Schatten des Todes jeden Sonnenstrahl, jedes Lüftchen, jeden Laut und ummantelt sich mit Schweigen, (über das was sich ohnehin nicht ändern lässt, und dem Worte nur noch mehr Raum und ein Denkmal schaffen würden, anstatt es in der Sphäre des Flüchtigen zu belassen).


Man sagt Menschen änderten sich nicht, doch ich sage: wrong. Denn während tiker, das zurückgelassene Kunstselbst, unverdrossen weiter (und zu Recht) über die Grausamkeit der Welt und das Drama der vergehenden Zeit lamentiert, ist die coronageläuterte tikerfrau zur achselzuckenden Pragmatikerin geworden, deren vornehmlichster Wunsch es ist, soviel Glück wie möglich in ihr stetig versickerndes Dasein laufen zu lassen, anstatt weiterhin die Meilensteine des Schmerzes zu vergolden und zu betrauern was vergangen ist oder niemals war.

Ob bzw. über was die tikerfrau künftig schreiben wird, steht in den Sternen.