Die Dinge laufen nicht so, wie ich es mir wünsche. Der Zug der Bedürfnisse entfernt sich weiter von der Realität (danke, Adriano).
Immerhin schichtet krumenweise ein wenig Substrat sich zurück an die Wurzeln (danke, Gartenarbeit) und kommende Woche wird Welpi in der Klinik untersucht und es wird entschieden ob und wann sie den Laufstall verlassen darf. Sie ist so geduldig und brav für einen jungen Hund.
Das Tölchen sollte eigentlich biopsiert werden, wegen der Hitze raten die Ärzte derzeit jedoch von einer Narkose ab und ohne Betäubung lässt sich die zarte Nase nicht anstechen.

Zu gut geölte und modulierte Stimmen, lösen ob der selbstdarstellerischen Eitelkeit, die aus ihnen heraustrieft eine gewisse Fremdscham mit Ekelanteilen in mir aus.
Zu gut situierte Mitbürgerinnen kaufen Eigentumswohnungen, hopsen fortan mit ihren markengekleideten „Kids“ auf dem Gehweg umher und spielen ausgelassen Himmel und Hölle. Wie gewohnt hilft: nicht hingucken, Bühne abreißen, Stoneface. Doch Obacht: Naserümpfen schlägt schnell in Verbitterung um und gräbt häßliche Furchen ins tränengequollene Gesicht hinein.

Zur Belebung höre ich Hiromi Uehara


(youtube-Direktlink: Kung-Fu World Champion)

H wie halbwitzig, sagt die Feuerwehrfrau und ich gebe ihr ein i.

Das Tölchen hat eine Wucherung an der Nase. Ich entdecke eine zweite an der oberen Gaumenplatte. Der Tierarzt überweist uns zur Onkologie.
Mein Leben hat Glück, dass ich Verantwortung für die Tiere trage.

Was kann man von einem Leben erwarten, dem es von Beginn an an Liebe fehlte.
(Im Treppenhaus anderer Leute hängen Tonmasken, zur Erinnerung an Kinder, die längst schon Eltern sind.
Im Treppenhaus meiner Kindheit liegt ein zerknülltes Milky-Way-Papier)


Das Kokettieren mit dem Unglück ist mir vergangen. Ich bin müde von allem und das Nachlassen der Todesangst holt die dunkle Einsamkeit und das brennende Verlassenheitsgefühl zurück.


(Ich weine am Telefon. Der Kanzler legt auf)

Du hast nicht mehr Pech als jede andere, sagt die Feuerwehrfrau und ich hasse sie dafür.
Nicht einmal diese Auszeichnung gebührt mir.


Wie wertlos ich mich fühle, wie verloren.

Fliegen

Als der Bekannte nach beinahe 9 Monaten zu Besuch kommt, gehen wir, um warm zu werden, ein wenig spazieren und setzen uns schließlich auf eine Parkbank am Heckmannufer.
Unterhalb unseres Radars geschieht etwas, das ich erst bemerke als zwei Sperlinge auf dem blühenden Strauch neben der Bank landen und uns interessiert beäugen: auf dem grau melierten Shirt des Bekannten hat sich eine Versammlung von ca. 50 kleinen Stubenfliegen eingefunden, angeordnet zu einem vollkommen symmetrischen, rautenförmigen Muster. Ich zeige dem Bekannten das lebendige Kunstwerk. Er wischt es mit einer gleichmütigen Handbewegung beiseite und wir unterhalten uns weiter über Annalena Baerbock und den Hass der alten Männer.
Mit den Fliegen verschwinden auch die beiden Spatzen und wenig später der meeresumschlungene Bekannte.

Ich aber begebe mich zurück auf Los, wo die Tischlerin beim Welpen weilt. Gemeinsam versuchen wir einen ersten postoperativen Gang über den Platz, doch Welpi schafft es kaum, mit den dicken Verbänden zu laufen und legt sich nach wenigen Schritten in einen Haufen Scherben.
Ich klaube den winzigen Hund auf und trage sie zur Rückseite des Künstlerhauses, wo die Tischlerin und ich uns im Schatten der Kastanie auf ein Mäuerchen setzen und schweigen. Das spätnachmittägliche Licht fängt sich in den silbrigweißen Schirmen der Pusteblumen, die in diesem Jahr viel größer und zahlreicher sind als gewöhnlich. (Ich denke an Maria Sibylla Merian, die Berger Straße, den Merianplatz, die Junkies, die Bedürfnisanstalt, den Bethmannpark, die antisemitischen Eskalationen).

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Nachdem die Nebenwirkungen der ersten Impfung sehr unangenehm waren und zum Teil bis heute anhalten (Brennnesselbrennen unter der Haut, Ödeme in den Beinen, erhöhte Temperatur, Kopfschmerzen) versuche ich mithilfe hypochondrischen Kalküls und selbstmitleidiger Weinerlichkeit, weitere schwerwiegende Symptome zu entwickeln, um der gefürchteten zweiten Injektion zu entkommen. Voller Gram und trotzigem Vorsatz schleppe ich mich gestern, am Dienstag, in die Praxis meiner Hausärztin, gewillt der Frau all meine Unbillen und Malaisen auch ungefragt entgegen zu schleudern und sie aufzufordern, diese umgehend dem Paul-Ehrlich-Institut zu melden. Doch die Ärztin begrüßt mich so charmant, gratuliert mir so herzlich zu meiner bevorstehenden Immunität und rühmt voller Begeisterung das Wunder der mRNA-Impfstoffe, dass fast augenblicklich alle Angst von mir abfällt und mein Gesicht unter der Maske zu leuchten beginnt.


Wenig später verlasse ich innerlich jubilierend und mit leichtem Herzen die Praxis und schwebe, den gelben Impfpass in der Hand, hinaus in meine neue Freiheit.


(Der kleine Wannsee kann mich mal).


Zum Glück ist Welpi nicht gelähmt, wie es zunächst schien. Die Reflexe sind wieder vollständig zurück gekommen. Das Röntgen hat gezeigt, dass beide Hinterbeine mehrfach durchgebrochen sind. Der rechte Unterschenkel leider auch in der Wachstumsfuge.
Welpi wurde gestern über 2 Stunden operiert und am Montag muss sie noch einmal auf den Tisch.
Es wurden und werden Platten und Schrauben eingebracht und jetzt hoffen wir, dass die Beine weiter und gleichmäßig wachsen werden. Allein die OPs kosten 4t Euro. Der stationäre Aufenthalt mit allen Untersuchungen usw. nochmal ca. 2t. Wer soll das bezahlen.
Kaum flaut die Pandemie ab, kehren die Katastrophen zurück.

Danke für Eure Anteilnahme und die guten Wünsche!

Es ist etwas sehr Schreckliches geschehen und ich weiss nicht mal was genau.
Ein gellender Schrei heute morgen und jetzt ist Welpi an allen vier Beinen gelähmt.

Ramon! Die Müslidingens hab ich irgendwann alleine aufgegessen. Hole im August neue.
Vielleicht gehst du wieder ne Runde um den See und setzt dich dann zu mir unter Apfelbäume?
Oder wir treffen uns auf dem Platz. Näher wenngleich abwegiger.

Falsche Buchten

Ob gut oder schlecht lässt sich ohne Betrachtung der begleitenden Umstände nicht immer eindeutig sagen. Selbst Fotos von Fahrrädern, Gebirgsseen oder teurem Porzellan sind politisch, wenn der Falsche, eine Hand an der rechten Hosennaht, sie veröffentlicht. D´accord.
Manchmal verliert mein innerer Kompass die Orientierung und ich komme, ähnlich den Zugvögeln bei Abschwächung des Geomagnetismus, für eine Sekunde vom Kurs ab.



Gesellschaftlich scheinen die Pole sich eher zu verstärken, was zu besonders üblen Verirrungen führt, die weiter reichen als bloße Geschmacksfragen. Die Risse werden größer, die Gräben tiefer. Verwerfungen.



In Aachen üben widerständige Querdenker schonmal den Hitlergruß und mir fällt der junge (Aachener) Förster ein, den ich auf einer Zugfahrt traf und der mir von der Miniermotte erzählte, die so heisst, weil ihre Larven tatsächlich kleine Gänge, Minen, in die Kastanien-Blätter fressen, was zum Absterben derselben und schließlich zum Tod des Baumes führt. Auch die Notblüte im Herbst vermag das nicht zu verhindern. Schönheit durch existenzielle Bedrängnis.


Der Eisenkern der Erde beginnt 2900 km unter dem Pflaster. Er ist flüssig und als eine Art Dynamo zu verstehen, bei dem Temperaturunterschiede komplizierte Fließbewegungen antreiben, was letztlich das Erdmagnetfeld entstehen lässt und aufrecht erhält.

Im Schein seiner Fahrradlampe gleitet der Erbe über goldene Straßen, Stare fliegen rätselhafte Formationen, Raupen fräsen sich durch Chlorophyll und Wale suchen einander in falschen Buchten.


Den ganzen Tag schon dringt Musik vom Mariannenplatz an mein Ohr. Das Urteil zum Mietendeckel oder die Ausgangssperre werden in Redebeiträgen beklagt, wahrscheinlich beides.
Mir ist nicht nach Menschen und so lasse ich ausnahmsweise die Hunde in den Garten pinkeln und gehe mit der Gießkanne artig hinter ihnen her.