Morgenrituale

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Morgens zanken der Bekannte und ich öfter mal, wobei zanken eigentlich übertrieben ist. Wir maulen uns an. Das liegt daran, dass der Bekannte das ist, was man einen Morgenmuffel nennt. Sobald er sich aus dem Bett erhebt, hat er schlechte Laune. Aus dem Stand quasi. Dann torkelt er schlaftrunken durch das vollkommen abgedunkelte Zimmer, tastet nach seiner Hose und sagt: Scheiße. Einfach so.
Hauptsache erstmal Scheiße gesagt, sage ich dann und mein Herz klopft schnell ob des rüden Weckerlebnisses. Wenn mein Bekannter dann noch irgendetwas Freches entgegnet, und das tut er fast immer, überfauche ich ihn einfach, wie ein angriffslustiger Schwan: Schhhhhhh! Das ärgert dann wieder meinen Bekannten so sehr, dass er erst richtig ins Meckern kommt und schon haben wir den schönsten Krach. Eine Minute lang. Bis nämlich einer von uns beiden sagt: Lass mich in Ruhe, und der andere sagt: Sehr gerne, das musst du mir nicht zwei Mal sagen, ich kann dich auch ganz und gar in Ruhe lassen, kein Problem.
Daraufhin gibt es erstmal eine Gefechtspause, der Bekannte stapft übellaunig in die Küche und klappert dort extra laut herum, während ich innerlich vor mich hinzetere. Zu meiner seelischen Entlastung stelle ich mir dann gerne vor wie ich ihm gleich in die Küche folgen und ihm dort gegen das Schienbein treten werde. Der Gedanke erheitert mich und bessert meine Laune derart, dass ich aufstehen und mich zu ihm gesellen kann, ohne die nächste Eskalationsstufe einläuten zu müssen.

In der Küche sitzen wir zwei dann ostentativ missmutig nebeneinander am Tisch, vermeiden Blickkontakt und trinken schweigend Kaffee. Sobald der Bekannte endlich den ersten Liter davon intus und (vor der Türe) eine Morgenzigarette geraucht hat, bessert sich auch endlich seine Laune. An manchen Tagen schlägt sie sogar beinahe in Euphorie um, er wird fröhlich und mitunter fast schon redselig. Meist erzählt er mir dann vom Wetter, dessen Verlauf er stets genau im Blick hat. In der halben Stunde des Schweigens hat mein Bekannter sich außerdem via Internet über die aktuellsten Geschehnisse kundig gemacht und gibt mir nun einen kurzen Abriss seines neu erworbenen Wissens. Die schönsten Tage sind die, an denen er sagt: Nix passiert in der Welt. Dann atmen wir beide auf und freuen uns.
Nach dem morgendlichen Nachrichtenrapport drängt es den Bekannten alsbald ins Bad, wo er seit Jahr und Tag vorgibt kalt zu duschen. Das ist natürlich Unsinn, denn auch wenn er jedes Mal nach dem Duschen die Mischbatterie wieder auf blau stellt, glaube ich ihm kein Wort. Wer so wetterfühlig und derart gebeutelt ist von den Berliner Wintern wird sich gewiss nicht auch noch freiwillig eiskalt abbrausen. Doch die Ausdauer und die Konsequenz, mit der er seine Täuschungsversuche betreibt, rühren mich. Tatsächlich hat er nicht ein einziges Mal, in all der Zeit, vergessen die Mischbatterie zu manipulieren und immer wieder erzählt er mir, wie wahnsinnig erfrischend so eine kalte Dusche am Morgen sei. Ohne würde er überhaupt nicht richtig wach werden. Ich könnte das gar nicht aushalten, ich würde glatt erfrieren,  sage ich dann anerkennend.
Kürzlich allerdings hat sich mein Bekannter dann doch mal ein bisschen verplappert, als er nämlich völlig selbstvergessen erzählte, welchen Trick er anwendet, damit der Spiegel in dem fensterlosen Bad beim Duschen nicht beschlägt.
Aha, dachte ich, der Spiegel beschlägt also beim Kaltduschen?
Gesagt habe ich aber nichts. Das hebe ich mir für morgens, nach dem Aufstehen auf.

Heute ist er abgereist, der Bekannte, mit Rollkoffer, schniefender Nase und Fieber.
Leider bin ich jetzt ein bisschen traurig. Und das nicht nur, weil ich niemanden mehr zum Streiten habe.

 

 

 

 

 

 

Bild: Lock yourself in the bathroom, Jens Cramer, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ein Tag mit dem Bekannten

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Im Vordergrund: verräterische Tüte; im Hintergrund: Mitsouko

Heute fuhren der Bekannte und ich mit Tölchen zum Potsdamer Platz, wo ich in den Arkaden auf die Schnelle einen BH kaufte. Gleiches Modell, gleiche Größe wie (fast) immer. Danach rutschten und schlitterten wir gemeinsam durch den nahegelegenen Tiergarten, der in weißer Ruhe beinahe menschenleer dalag. Nicht einmal Radfahrer waren unterwegs und so konnte Töle hakenschlagend und schnaubend ihre Runden drehen, während wir über die Kälte jammerten und über den eiskalten Wind und dabei die Nasen hochzogen und froh miteinander waren. Ein fahles Grün, wie ein allerletzter Rest des Sommers,  glomm auf den kahlen Zweigen der Sträucher, hier und da schimmerte ein wenig rostrote Rinde hervor. In der Abwesenheit aller Farben und allen Lärms strahlte friedlich und weiß der Park. Ein kleines Glück, und wir mittendrin.

Auf dem Rückweg holte ich mir einen Cappuccino, besorgte bei Lindner unser Abendessen und anschließend setzten wir uns zum Aufwärmen in das Einkaufszentrum. Seit die Mall of Berlin schräg gegenüber ihre Pforten geöffnet hat, ist es ruhig geworden hier. Das jugendliche Publikum lungert inzwischen lieber drüben rum, wo es die richtigen Marken gibt, und die Arkaden gehören nun den Rentnern, die mit ihren Enkeln unterwegs sind. Eigens für diese Klientel wurde ein Lehrpfad in Form von gleißend erleuchteten Terrarien eingerichtet, in denen Bartagamen, Skorpione, Spinnen, Schlangen, Salamander usw. ausgestellt werden. Neben jeder Glaskiste steht eine Tafel, auf der die wesentlichen Merkmale und Besonderheiten der Tiere zusammen gefasst sind. Ich kann mir kaum etwas tristeres, verloreneres vorstellen, als Tiere hinter Glas in Einkaufszentren.

Um die schöne Stimmung des Nachmittags zu retten, und weil die Riesenvogelspinne beunruhigenderweise nicht in ihrem Terrarium sitzt, obwohl sie das sollte, dränge ich zum Aufbruch.
Der Bekannte macht noch einen Abstecher in die Bibliothek. Ich fahre unterdessen nach Hause. Vor der Haustür begegnet mir der Nachbar mit den großen blauen Augen. Hey, spricht er mich an, hast du neulich dein Paket noch bekommen? Der Bote wollte es einfach vor deiner Türe abstellen.
Ja, ist angekommen
, sage ich und sehe, wie der Blauäugige auf meine Tüte starrt, die ich mit beiden Händen vor dem Oberkörper trage. Kurz überlege ich, ob ich ihm auch gleich noch den BH zeigen soll, der in der Tüte steckt, verwerfe den Gedanken aber sogleich und verabschiede mich. Er lächelt überfreundlich.

Zuhause sauge und wische ich und als der Bekannte zurück kommt essen wir zusammen. Zum Nachtisch gibt es Schokokuchen, gebacken aus Mandelmehl.

 

(So schlicht und schön geht´s mitunter zu im Hause tikerscherk)

Einschlafen, aufwachen

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Obama hat Chelsea Manning begnadigt, lese ich dir vor, als wir schon m Bett liegen. Wir sind beide erstmal sprachlos. Was für eine schöne Überraschung. Lange hätte sie bestimmt nicht mehr durchgehalten.

Man wird Obama vermissen, sagst Du. Ein besonders starker Präsident war er ja nicht. Aber wenn man das Vorher und das Nachher bedenkt. Relativ halt.

Chelsea Manning kommt frei. Das ist mal eine gute Meldung.

Und was passiert jetzt mit Assange? Der hatte sich doch zum Tausch angeboten.
Ist der eigentlich paranoid oder hat er tatsächlich etwas von den USA zu befürchten? Und wenn ja was? Was würde ihn in Schweden erwarten? Und ist es klug sein Leben auf unbestimmte Zeit in einer Botschaft zu verbringen, bloß um nicht anderswo eingesperrt zu werden.
So reden wir und spekulieren und während wir plaudern, wird erst Deine Zunge schwer und dann meine und wir schlafen ein. Wahrscheinlich mitten im Satz. Chelsea Manning kommt frei, denke ich noch, während mein Boot schon übersetzt.

Beim Erwachen sieht die Welt dann wieder aus wie man sie kennt. Harte Schatten.
Holm wurde abgesägt, hier wie dort.
Witzfiguren wie Don Alphonso fahren mit teuren Autos und Filzhut um den See, um den See und haben Meinungen.
Die Grünen treten mit Özdemir und Göring-E. an.
Die AfD will den totalen Sieg.

Was soll man sagen.

Ich esse jetzt Nüsse. Das wärmt und macht fett und lenkt das Bewusstsein auf andere Problemzonen.

Guten Abend.

 

 

 

 

 

Bild: Marc Nadal, Ciudadanos, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schmuddellaube

Nach vorne leben und nach hinten verstehen.
Manchmal kommen mir kleine Teile unter, winzige Bruchstücke, Sequenzen, die eine Erinnerung um ein paar Grad drehen, eine neue Perspektive eröffnen, eine Erfahrung von einer anderen Seite beleuchten und ihr damit eine Wendung geben, ein anderes Antlitz. Plötzlich fügt sich etwas in das Gesamte ein, was zuvor solitär und scheinbar ohne Sinn dastand. Oder etwas löst sich aus seiner Ordnung heraus.

Einmal fand ich einen Zettel. Er lag in der Laube, in der wir manchmal herumstöberten, wenn wir von der Schule nach Hause trödelten. Die meisten Lauben in den Schrebergartenkolonien waren verschlossen. Diese aber stand stets offen. Sobald wir das verwilderte Grundstück erreicht hatten, auf dem sie sich befand, schauten wir uns um, um sicher zu gehen, dass niemand uns sah. Dann erst öffneten wir das rostige Tor, das windschief in den Angeln hing, und wateten durch das kniehohe Unkraut, das überall wuchs und das uns an den nackten Beinen kitzelte. Vor dem Häuschen lag schon seit Ewigkeiten ein umgekippter Gartenstuhl. Kleine Schlingpflanzen hatten ihre feinen Tentakel um die Stuhlbeine gelegt und sich durch das eingerissene Plastikgeflecht gefädelt. Es roch nach Sommer.
Die Laube selbst bestand aus einem Raum, der etwa 3 mal 3 Meter groß war. Der Türe gegenüber stand ein Tisch, auf dem sich zahllose Binding-Bierflaschen sammelten. In dem übervollen Aschenbecher gleich daneben, lagen zerdrückte Kippenstummeln, HB stand darauf, und die gepunkteten Filter sahen viel gelber, aus als die der Zigaretten, die meine Mutter rauchte. Der ganze Raum war dreckig, der Tisch klebrig und auf der Eckbank lag ein Stapel mit Zeitschriften, deren Seiten zum Teil wellig waren, als wären sie feucht geworden. Einige Seiten klebten zusammen. Die Hefte waren mit Fotos von nackten Menschen gefüllt, die mal lagen, mal standen, sich hier und da anfassten und sich dabei ernst in die Augen sahen. Ich fand das merkwürdig und irgendwie auch peinlich. Trotzdem oder gerade deshalb schaute ich mir die Hefte immer wieder an. Ich wollte ergründen wozu sie gut waren. Eine Handlung jedenfalls schienen sie nicht zu haben und lustig waren sie auch nicht.

Einnmal, als wir der kleinen Hütte einen Besuch abstatteten, lag plötzlich ein Zettel auf dem Tisch. Nur vier Worte standen darauf. Ich las sie,  zeigte sie meiner Freundin und wir kicherten. Dann steckte ich den Zettel in meine Tasche, wo ich ihn vergaß.
Erst Monate später entdeckte ich ihn beim Aufräumen wieder und weil Sonntag war und ich eine Etage tiefer die Klarinette meines Vaters klagen hörte, stieg ich die Treppe hinunter, öffnete die Türe zu seinem Arbeitszimmer und trat ein. Mein Vater, dessen Haar und Kleidung so schwarz waren, wie das Holz seines Instrumentes, zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als er mich sah und spielte weiter. Es hatte etwas Trauriges, etwas zutiefst und unrettbar Einsames, wenn er so ganz allein in dem zweckmäßig eingerichteten, kalten Raum stand und seiner Klarinette heisere Töne entlockte, während meine Mutter und meine Geschwister nebenan gemeinsam fernsahen. Er tat mir Leid. Um ihn aufzuheitern trat ich vor ihn hin und legte grinsend den Zettel auf den Schreibtisch. Mein Vater, halb in sein Spiel vertieft, schielte mit einem Auge auf das Stück Papier. Doch statt zu lachen, nahm er plötzlich das Instrument von den Lippen und sah mich an. Wo hast du das her? Seine Stimme klang verärgert. Ich spürte, dass ich etwas Dummes getan hatte, doch ich wusste nicht genau was es war. Also zuckte ich mit den Schultern und lachte verlegen.
Das ist nicht lustig, sagte mein Vater streng, griff nach dem  Zettel, riss ihn in viele kleine Teile und warf sie in den Papierkorb. Einen Moment noch blickte er mich an und es schien, als wolle er mich etwas fragen. Doch dann setzte er seine Klarinette an die Lippen und spielte weiter. Für ihn war das Thema erledigt.

Erschrocken über seine Schroffheit und die ungewohnte Strenge ging ich zurück auf mein Zimmer, hockte mich unter meinen Tisch und dachte nach. Ohne Ergebnis.

Viel später erst wurde mir klar, dass  der Zettel im Zusammenhang mit den Heftchen zu sehen und wahrscheinlich ein Code zwischen den Schmuddellaubenbewohnern war. Bestimmt nannten sie sich gegenseitig Mama und Papa, wie manche Paare das nach Jahren zu tun pflegten. Der Rest erklärte sich dann von selbst. Die Schrift auf dem Papier, daran gab es keinen Zweifel, war die eines erwachsenen Menschen gewesen.

Das keimende Verständnis allerdings warf eine neue Frage in mir auf: wie kam es, dass mein Vater nicht versuchte der Sache auf den Grund zu gehen? War man damals, in einer Zeit, als man im Auto selbst dann noch ungeniert paffte, wenn ein Kleinkind mifuhr, so arg- und sorglos? Hielt er mich für unverwundbar und gegen jede Unbill gefeit? Was dachte er sich, als ich ihm dieses Stück Papier auf den Tisch legte?

Man weiß es nicht. Doch um die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen und diese für Außenstehende sicher nur mittelmäßig interessante Anekdote endlich zu ihrem Ende zu bringen –

so in etwa sah der Zettel aus:

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Abschied

Zum Abschied legt der Onkel den Arm um mich und küsst mich auf die Stirn. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich dir ein gesegnetes Leben, sagt er.
Es dauert einen Moment, bis ich verstehe. Wir sehen uns aber bestimmt noch mal!  Meine Augen brennen und ich küsse ihn auf die Wange. Ganz weich ist seine Haut. Darunter stachelt der rote Bart und riecht würzig wie zu Kindertagen. Er lächelt milde.

Ich denke an die Tante, die wir heute beerdigt haben.
Daran, dass sie den kurzen Moment, als ihr Sohn das Zimmer verließ, damit man ihr Bett richten konnte, nutzte um zu gehen. Mit einem letzten Ruck hat sich die Seele von ihrem Körper gelöst und ist, noch ehe sie sich wundern konnte, wie ihr geschah, verpufft.
So stelle ich es mir vor.

Sie werden sterben. Einer nach dem anderen. Und es gibt nichts dagegen zu tun. Wir können es nur aushalten und nachrücken, auf diesem endlosen Laufband, das uns Stück für Stück nach vorne trägt.

Es ist Freitag, die A2 ist voll, ein LKW nach dem anderen rollt schwer beladen in Richtung Westen.
Schneeregen fällt und immer wieder stockt der Verkehr. Ich versuche den Verkehrsfunk einzustellen, doch es läuft nur Dudelmusik. Ich mache das Radio aus.
Die Wischer jagen mit ihren langen Armen unermüdlich den zerplatzenden Flocken hinterher und fegen sie mit einer entschlossenen Bewegung von der Scheibe.
Auf den Seitenfenstern hat der Fahrtwind das Wasser zu einer zuckenden Tropfenkolonne zusammengedrückt. Langsam  ruckelt der schmale Streifen Richtung Heck, bis der erste Tropfen in der Reihe abreisst, auseinanderstiebt und davongetragen wird. Unablässig folgen neue nach.

Von rechts zieht ein weißer Golf an mir vorbei. Dental Scherz steht auf der Fahrertüre. Namen gibt´s. Ich nehme mir vor, später nachzuschauen, was die Firma genau herstellt oder vertreibt.
Alles hat man in kürzester Zeit herausgefunden, denke ich. Früher war mehr Geheimnis. Man bewahrte die Eindrücke in seinem Inneren, ging nur manchen nach und auch das oft nicht gründlich und mit der Zeit verwoben sie sich miteinander zu einer Welt aus Gespinst, Ahnung, Mutmaßung und Wissen. Zu einem verschneiten Wald, durch dessen stilles Unterholz ein Eichhörnchen huscht.

Die Trauerfeier findet in einem Landgasthof statt. Erbaut aus rotem Backstein, sind die Räume bis auf Brusthöhe dunkel vertäfelt, ein paar schlicht gerahmte Faksimiles hängen auf den weißen Wänden darüber. Hinter uns züngelt ein Kaminfeuer. Mir wird angenehm warm.

Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen, fragen wir uns. War es bei der Hochzeit von J. oder der von C. Gibst du mir deine Telefonnummer. Wir müssen uns wirklich mal treffen. Nicht erst zur nächsten Beerdigung.

Der Restaurator- Cousin, ein baumlanger Mann, ist mit seinem Königspudel, einem großen schwarzen Tier, angereist. Stell dir vor, sagt die Schwester, er nimmt ihn jeden Sonntag mit in die Kirche und wenn das `Vater Unser´ beginnt, steht der Hund als erster auf. Wir lachen.
Ich bitte sie, mir ein aktuelles Bild von ihren Söhnen zu schcken. Sie zeigt mir eines in ihrem smartphone und sendet es dann. Als ich später nachschaue, finde ich anstelle der beiden Neffen diese traurigen Gesellen:

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Der Patenonkel tritt an unseren Tisch heran, stützt sich mit einer Hand auf meine Stuhllehne und ich spüre, dass er zittert. Ich habe Parkinson, sagt er, wie zur Erklärung, doch der Internisten-Cousin fragt ihn nach seinem winzigen Abzeichen am Revers. Das ist vom Rotarier-Club, antwortet der Onkel und kommt sofort ins Erzählen. Eines der Club-Mitglieder, ein Katholik, so berichtet er, sei derart großzügig, dass er jedes Jahr ein enormes Vermögen für schwachsinnige Kinder spende. Vorbildlich!
Meine Schwester wirft mir einen Blick zu. Ich lächle. Die Zeiten sind vorbei, ich werde ihn nicht zurechtweisen.
Ich fühle mich Zuhause bei diesen Menschen, geborgen. Der Schoß der Familie.

Als der Onkel dem Kanzler einen Mann vorstellen möchte, winkt der Kanzler ab. Ich weiß doch wer Sie sind. Erstes Semester Medizin in Göttingen, sagt er. Dann nennt er Vor- und Nachname des Mannes und fragt diesen, ob sie sich duzen wollen. Selbstverständlich!
Angeregt unterhalten die beiden sich über früher und heute und bald schon tauschen sie Handynummern und e-mail-Adressen aus.
Er hat von uns allen das beste Gedächtnis, raunt mir der Onkel bewundernd zu und ich spüre, wie kindlicher Stolz in mir aufsteigt. Mein Papa.

Zum Abschied hebt der Bruder die Hand, schaut mich kurz an und verlässt das Lokal. Den ganzen Tag über haben wir nicht ein Wort miteinander gewechselt und uns zur Begrüßung nur flüchtig zugenickt. Ich weiß nicht wieviele Jahre das schon so geht. Irgendwann haben wir die Schnur des Luftballons einfach losgelassen und er ist davongeflogen.
Ich frage mich, ob ich traurig bin. Doch ich finde kein Echo und keine Antwort darauf in mir.

Es hat längst aufgehört zu schneien, als ich ich auf den Heimweg mache. Schwarz liegt der Wald neben der Autobahn, lange LKW-Konvois mit polnischen Kennzeichen schieben sich durch die Nacht in Richtung Osten und ich fühle mich in meinem warmen Auto wie in einem Wohnzimmer voll wuchtiger Schränke, deren dunkle Schatten im Flackern des Fernseherlichtes wie Urgestalten an mir vorbeiziehen.

Als ich in unsere Straße einbiege, stehst du schon auf dem Gehweg und wartest auf mich. Zusammen gehen wir ins Haus.
Ich erzähle dir von meinem Tag und merke wie erschöpft und wie traurig ich bin. Schweigend greifst du nach meiner Hand.

Später liegen wir im Bett, dein warmer Körper dicht neben meinem.

 

 

 

 

 

Beerdigung im Schnee

Friedhof

Morgen geht es auf eine Beerdigung nach Hannover. Da ich mit dem Auto fahre, weil ich Töle mitnehmen möchte, hoffe ich, dass das Wetter mitspielt.
Weiterhin wäre es schön, wenn wir auf dem Friedhof nicht vollständig einschneiten und es bei den älteren Herrschaften nicht zu glatteisbedingten Oberschenkelhalsbrüchen käme.
Zum Glück werden unter den Anwesenden mindestens 7 Ärzte sein, so dass im Notfall professionelle Ersthelfer vor Ort sind.
Die  medizinischen Fragen, die dem einen oder anderen schon lange unter den Nägeln brennen, können im Anschluss an die Beerdigung im Gasthaus erörtert werden. Bei der Fülle an Fachleuten, kann man sich so auch gleich noch eine qualifizierte Zweitmeinung holen .

Das ist nicht lustig, nein.
Ich scherze nur, weil ich so traurig bin.
Es ist die Lieblingstante, die beigesetzt wird.

 

 

 

 

 

 

Bild. Yoshke Fishkind, Friedhof, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Schwimmende Schweine

Es gibt Berufe, die ich nicht gerne ausüben möchte. Zum Beispiel möchte ich nicht anstelle des Bügelmannes im KaDeWe stehen und mit dem Ernst eines englischen Palastwächters die ollen Jacken der vorgeblich Interessierten Kundschaft aufbügeln müssen, um sie von der Qualität meiner exquisiten Bügelstation zu überzeugen.
Noch weniger möchte ich der Fachverkäufer für Herrenbekleidung mit dem gewaltigen Backenbart sein, was vor allem mit dem Bart zu tun hat, im Allgemeinen, wie auch im Besonderen. Der Backenbartler ist, unter uns, inzwischen auch längst ausgestiegen aus dem Textilbusiness und widmet sich seither ganz und gar der Pflege seines Gesichtsschmuckes. Mit großem maximalem Erfolg.

Auch möchte ich nicht Kosmetikfachverkäuferin sein und den ganzen Tag stark geschminkt im Neonlicht herumstehen müssen, wo meine verkleisterten Poren verzweifelt nach Luft rängen, während meine schmerzenden Füße und Beine nicht wüssten, wie sie die Stunden bis zum rettenden Sofa überstehen sollten.
Bäckerin wär mir auch nix, denn das frühe Aufstehen bekommt mir nicht. Mein erster Rückenschmerz datiert auf einen Morgen, an dem ich zur nullten (!) Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Um 6.45 h betrat ich, nach einer Dreiviertelstunde Anfahrt, mit schlimmem Kreuzweh den Klassenraum und wusste von diesem Moment an, dass ich für derart unmenschliche Abläufe nicht geschaffen war. Seither vermied ich, wenn irgendmöglich vor sieben Uhr aufzustehen und legte sowohl meine Vorlesungen, wie auch später meine Jobs passend zu meinem Biorhythmus. Nur manchmal, und  auch nur, wennn es für einen guten Zweck ist, in den Urlaub fahren zum Beispiel, mache ich eine Ausnahme von dieser Regel. Aber sonst: niemals vor sieben.
Das Urlaubsargument verwende ich übrigens auch gerne bei der notorisch verspäteten Mitarbeiterin: Du schaffst es dein Flugzeug zu kriegen, um auf die Bahamas zu fliegen, dann kannst du es auch schaffen pünktlich zur Arbeit zu kommen, meckere ich seit Jahr und Tag und immer wieder zeigt sie sich zerknirscht, ob dieser unumstößlichen Wahrheit. Einmal habe ich, vor lauter Verdruss, derart geschimpft, dass ihr die Tränen kamen, was mir sehr leid tat. Doch genützt hat´s nix. Gerademal zwei Tage hielt die Wirkung an, bis der gewohnte Schlendrian wieder Einzug hielt. Inzwischen schickt sie schon vor ihrem Arbeitsbeginn reuige sms, in denen sie ihre Verspätung ankündigt und die sie als Freischein, nimmt noch später als gewohnt zu erscheinen. Ich hab doch Bescheid gesagt!
An manchen Tagen, wenn sie es gar zu toll treibt, ihretwegen Termine platzen, und mir der Schädel vor Ärger beinahe platzt, schaue ich sie zur Begrüßung nicht einmal mehr an und murmele kaum hörbar in meinen nicht vorhandenen Premiumbart: Ich sag jetzt nix. Wie ich das finde, weisst du ja.
Ja, ich weiss
, sagt sie, die den Dialog inzwischen auswendig kann, und ihre Stimme klingt erfreulich bedrückt. Nützen wird´s freilich nix.

Für 2017 habe ich mir dringend vorgenommen nachtragender oder zumindest unpünktlicher zu sein. Außerdem möchte ich auch mal auf die Bahamas fliegen.

Der Schluss der Geschichte, wie auch die Reise der Mitarbeiterin auf die Bahamas, ist frei erfunden. Weder heute noch in der Zukunft werde ich dorthin fliegen, denn mein letzter Rückflug aus der Karibik steckt mir noch tief in den Knochen.
Ich suchte bloß ein Stichwort, um dieser drögen Geschichte eine Wendung zu geben, einen finalen Schliff, und meiner geduldigen Leserschaft die zauberhaften schwimmenden Schweine vorstellen zu können.
Guckt mal, guckt mal, guckt mal!

(youtube-Direktlink)

 

 

Fiktiver Vogel

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Der Bruder, so erzählt der Kanzler, und es schwingt Verständnis, aber auch ein wenig Traurigkeit in seinen Worten mit, fühle sich zu kurz gekommen. So oft habe man ihn im Laufe seines Lebens über den Tisch gezogen, dass er darüber depressiv geworden und das Vertrauen ihm abhanden gekommen sei. Auf meine Frage wann ihn wer eigentlich je über den Tisch gezogen, oder ihm übel mitgespielt habe, weiß der Kanzler auch keine Antwort. Das empfindet er eben so, sagt er und dann schweigen wir beide. Was will man da noch sagen.

Es ist eine merkwürdige Zeit, in der es ausreicht, etwas herbei zu empfinden, was faktisch niemals stattgefunden hat, und es zur Wahrheit zu erklären, der Inneren.

 

 

 

 

 

 

 

Bild, diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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Nach all den Jahren mit Katzen irritiert es mich noch immer, wie sie mir so dreist ins Gesicht gähnen, während ich mit ihnen spreche.
(Der Hund ist nicht besser, doch von dem erwarte ich nichts anderes).

(Der Beitrag über Krümel, Nüsse, Erbsen und andere gefährliche Fallen entfällt wg Irrelevanz)