Das Tölchen

Pregabalin heisst der Wunderstoff, der dem geplagten Tölchen derzeit zu neuen Höhen verhilft und mir etwas Ruhe schenkt.
Seit sie das Mittel bekommt, sind die schweren neurologischen Aussetzer (Atemnot, Zittern, Epilepsie) wie weg geblasen.
Der Tumor freilich verschwindet nicht und ich weiss, dass es geschenkte Zeit ist, die wir zusammen verbringen dürfen. Früher oder später wird der Feind in ihrem Kopf auf andere Areale drücken und auch dieses Wundermittel seine Wirksamkeit verlieren.
Insgeheim träume ich davon, sie noch ein Mal in die Berge bringen zu können, im kommenden Sommer. Ich geimpft und sie so fit, dass wir am Abend zu dem kleinen Höhenzug wandern, vorbei an Siegfried dem Bullen und seinen wiederkäuenden Freunden, uns oben angekommen auf bzw. unter die Bank setzen und gemeinsam auf den silbernen See blicken können.

Ich weiss nicht, was mich so zuversichtlich stimmt und wie lange dieser Optimismus dem „richtigen Leben“ standhalten wird. Aber ich glaube fest daran, dass sie es bis dahin schaffen und der statistischen 5-Monate-Überlebensdauer ab Beginn der neurologischen Symptome (im vergangenen August) ein Schnippchen schlagen wird.
Wenn das Tölchen nur ein wenig nach mir kommt, dann kriegen wir das hin.

Scheren

Auf den Stufen vor der Emmauskirche sitzt ein Mann, die Schläfen ergraut, und gibt vor, in einem Buch zu lesen. Seine Haare sind gelockt wie die meines Bruders, er ist schlank wie dieser und ebenso eitel: sein lässig lungernder Körper fleht: Sieh mich an! und auch sein schmelzender Blick versucht, meine Aufmerksamkeit zu erzwingen. Ich aber missachte ihn nach Leibeskräften und beobachte stattdessen den notorischen Taubenfütterer, um den sich eine große blaugrau gefiederte Traube versammelt hat. Verboten, verboten.

Früher traf ich hier vor der Kirche manchmal auf einen Mann mit Hut und schulterlangem, grauem Haar. Begleitet von seinem mittelgroßen, übergewichtigen Rauhhaarhund, unterhielt er sich mit mittelalten, biertrinkenden Männern. Eines Tages (erzähl, Mütterchen) sah ich ihn alleine dort stehen und erkundigte mich nach dem Verbleib seiner Hündin. Nach langem Leiden sei sie an Staupe verstorben, erzählte er mit Tränen in den Augen und bat mich inständig, die meine unbedingt impfen zu lassen, was ich ihm aus vollem Herzen versicherte aber aus schulterzuckender Nachlässig- und Sorglosigkeit niemals tat.
Das war das letzte Mal, das ich ihn sah. Auch der traurige Einstein mit der wilden weißen Mähne, der in den Lokalen rund um den Lausitzer Platz seinen Kaffee nahm, war irgendwann verschwunden.

Einerseits ödet und geniert es mich, beinahe ständig und mit schmutzgeränderten Totengräberhänden in der Vergangenheit zu wühlen und all die angewesten Gesichter und Geschichten hervor zu holen, während die Flammen der Gegenwart hell und unbeirrt in die morgenhelle Zukunft hinein lecken und die Zeit wie immer nur eine Richtung kennt. Andererseits erscheint mir gerade heute die Schwelle zwischen den Zeiten, die Janusperspektive der eigenen Biografie, der vibrierendste und spannungsreichste Standpunkt überhaupt zu sein.


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Im Hof meines Elternhauses gab es eine Mauer die den privaten vom öffentlichen Bereich trennte. Den Torbogen aus weißen Steinen hatte ein handwerklich ambitionierter Patient des Kanzlers gemauert. Doch nach wenigen Monaten löste sich ein Stein aus der Spitze des Bogens, rutschte ein Stück heraus und hing fortan lose über unseren Köpfen, wenn wir ein und aus gingen.
Ich mochte diesen kleinen Thrill, diese Möglichkeit des krachenden Zusammenbruchs beim Durchschreiten des Tores und das tägliche Glück schon wieder ungeschoren davon gekommen zu sein.

(Die Geschichte, wie die Polizei unsere Straße absperrte und ein Sondereinsatzkommando sich mit Maschinengewehren in unserem Hof und auf unserer Garage platzierte, erzähle ich vielleicht ein andermal)

Carantene

Die Haare müssen ab und der Kleiderschrank ist immer noch zu voll.
Mein Schminkzeug habe ich schon lange nicht mehr benutzt und abgesehen von den falschen Wimpern werde ich nichts davon noch brauchen. Weg damit.

Auf dem weißen Turm mahnt der Stapel nicht abgeschickter Postsendungen. Über ein Jahr schon. Ich sollte sie nachfrankieren und endlich einwerfen.
Die Metallwand immerhin ist abgeräumt. Alle Kinderzeichnungen verschwunden. Geblieben nur die Donald-Postkarte, die Frankfurter Skyline und 2 x Heimat.

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Im Nachbarschaftsgarten steht eine Frau mit Holzhammer. Als ich an ihr vorbei gehe beschimpft sie mich und meine beiden Scheißköter. Auf dem Rückweg stellt sie sich uns mit einem Spaten in den Weg. Schweigend mache ich einen Bogen durch die Beete und bewundere im Vorbeigehen die hohen Blütenstände der Cosmea. Die Scheißköter laufen brav an meiner Seite.
Fast alle Zugänge zum Garten hat sie mit Flatterband und Totholz gegen Eindringlinge gesichert. Carantene! No entry steht quer über dem Willkommensschild.


Auf dem Weg zum Görli balanciert mir ein Mann im Nadelstreif auf einem Einrad entgegen. An der Hochbahn springt er mit dem Gefährt auf der Stelle, bis sich eine Lücke im Verkehr auftut und er unter den sirrenden Flügelschlägen des aufgeschreckten Taubenschwarms davonflitzt. Wenig später sehe ich ihn im Park wieder. Eine Hand auf dem Hut, die andere mit shivaartigen Verrenkungen um Gleichgewicht ringend, stößt er vor und zurück und vor und zurück, und versichert sich aus den Augenwinkeln der Aufmerksamkeit seines Publikums.

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Bei dem Buchengrüppchen hat irgendwer eine Bank in Einzelsitze zersägt. Alle drei Plätze sind belegt. Auf jedem Schoß eine abgewetzte Alditüte.


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Am ehemaligen Bahndamm steht ein Grüppchen Dealer und beobachtet die Polizisten, die mit Stöcken Tütchen voller Gras aus der Böschung klauben.
Ein paar Meter entfernt laufen die Geschäfte wie gewohnt weiter.

I´ll swim to you

Mein Bad, klein/ fensterlos, war ein Walfischbauch und wurde eine Schlachtzelle.
Beim Duschen fließt das Blut rechtsdrehend ab (Mutter, Mutter!). Es dröhnt und bollert und aus dem Fallrohr drängen faulige Gerüche.

Zu verdanken habe ich den Horrorfilm dem mörderischen Dänen, der in seinem selbstgeschweißten U-Boot die junge Schwedin metzelte, bzw. den Medien, die en détail darüber berichteten.

Solche Geschichten sind Gift für meine Seele. Ihr Widerhall findet nimmermehr aus der Echokammer des Grauens heraus.

Der Prophet, der keiner ist, der Unterfranke, der hessisch spricht, der streitbare Argentinier, für den ich Texte für das übelste Schmierblatt übersetze und schreibe, der Kanzler, der mir kommentarlos Behördenbriefe weiterleiten lässt.
Vielleicht verstehe ich mich einfach nicht mit Männern, weil ich sie nicht verstehe. Oder weil sie mir zu nah gekommen sind. Oder weil sie Frauen töten.

Die guten Nachrichten: die kleine Queen ist eingezogen. Im Morgengrauen auf einem Autobahnrastplatz nahe Erlangen wurde sie mir in die Arme gelegt. Ein zartes, liebes Welpilein, mit dem ich die nächsten 15-20 Jahre zu verbringen gedenke. Tölchen mag den Taps. Auch ich fange an, mich an die neue Gefährtin zu gewöhnen. Und die Tigerin reckt und streckt sich, leckt die Heizungsrippen ab und gähnt.
Mein kleiner Zoo.

Während ich mit dem Kanzler telefoniere, das erste Mal seit Februar, ruft seine Freundin auf der zweiten Leitung an. Der Kanzler hebt ab. Ich höre ihn sagen: Ich ruf Dich gleich zurück, I.. Hab gerade noch einen Patienten am anderen Apparat.

Tja.

Flöten gehen

Erinnerungen lösen sich auf wie die Zuckerwatte zwischen den Waschbärpfoten. Laub treibt auf dem dunklen Wasser. Dazwischen mein verschwommenes Gesicht.

Vor dem Neubau in der Reichenberger ist die Ausfahrt noch immer schwarz geteert. Ich schaue in das unbewohnte Erdgeschoss und spüre mein Herz schlagen. Genau hier stand ich, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt, als ich erfuhr, dass unsere verschollene Mutter wieder aufgetaucht ist und nun als dementer Pflegefall in einem Paderborner Heim lebt.

Ein Stück weiter östlich treffe ich auf J., die sich vor Jahren in ihrer (Erdgeschoss-) Wohnung erhängte und mit der ich irgendwo hier mal Irgendwen besucht habe. Nur wen und warum (war es May)? Ich weiß es nicht mehr.
J. und ich nicken uns zu. Im Vorübergehen streife ich ihren Arm.
Zwei Finger breit hieß ihre Übung. Zwei Finger breit Schönheit an sich selbst entdecken und sich so stückchenweise annehmen lernen. J. entschied sich für ihre Lippen. Das wäre auch meine Wahl gewesen. Geholfen hat es nicht. An einem 4. Dezmber beendete sie ihr kurzes Leben.

Kurz vor dem Kotti läuft wenige Meter vor mir der Prophet. Wie immer mit schwerem Gepäck auf seinem geraden Rücken. Eine Zigarette in der Linken, den Blick nach vorne ins Unbestimmte gerichtet, schreitet er mit großen Schritten in eine Zukunft ohne mich.

Wo bist du, dass ich bei dir bliebe


Selbst oder gerade als Totgesagte macht die Corona-Isolation mir wenig aus.
Ich gehe sowieso am Liebsten mit Freundinnen spazieren oder lese.
Das darf ich beides noch.


Das Tölchen ist immer bei mir.


Cliffhanger:


Heute Nacht zwischen drei und fünf Uhr wird ein neues Kapitel in meinem Leben aufgeschlagen.

Mein Tölchen wird sterben.

(Wie wir alle, sagst du). Wie wir alle. Nur früher.
Die Symptome der vergangenen Wochen sind wohl dem Wachstum des Tumors geschuldet.
Scheiß-Krankheiten, Scheiß-Vergänglichkeit.
Wegen der Spiegelneuronen weine ich sowenig wie möglich. Draußen vor der Tür und unter der Maske lasse ich es laufen. Ich spüre, dass sie spürt, dass es dem Ende zugeht. Wie sehr ich dieses kleine Wesen liebe.