alsfort, alsdann, alsbald

Samtzünglein, Samtzünglein, summe ich, da trillert und leuchtet mein Handy und ich lese: Wär ich ein Fisch, fiele mir der Wohnraum vom Himmel. Ich frage mich woher der Unterfranke (alsfort) seine Platitüden hat, möchte ihm in nichts nachstehen und antworte mit Blick auf den herabfallenden Regen: Dein Reich ist just gekommen.
Alsdann: Schweigen.

Aus dem Drehladenturm wähle ich einen BH und denke an Christo, während ich ihn anlege. Überhaupt ist mir heute sehr alberich und überdreht zumute, was seinen Ursprung und Grund in der zu schnell eingesetzten inneren Unterkühlung (Schockfrost) haben mag, vielleicht aber auch an dem schwesterseits verordneten Medikament liegt, das die Nachwirkungen des Virusmittels, welches nicht nur den Oster-Zoster, sondern auch gleich meine Magenschleimhaut und die Mucosa des Zwölffingerdarms miterledigt hat, mildern und diesen ganzen elenden und dauergebeutelten Körper einem neuen Gleichgewicht entgegen führen soll, bis es einer höheren Macht erneut gefällt, in einem schelmisch ausgelassenen Moment den nächsten Mikadostab aus dem fragilen Haufen zu ziehen und alles wieder ins Rutschen zu bringen. Mein Leben, eine Schlammlawine.

(Video Schlammlawine einfügen)

Die unterfränkische Wohnraumschwemme indes hat meine Gartenpläne für heute zunichte bzw. überflüssig gemacht (des einen Freud, des andern Feind).
Und während ich warte, bis die Sonne wieder durch die Wolken bricht und ich mit den Hunden vor die Türe gehen kann, sitzt im Nebenzimmer der Bekannte und tut was er all die Jahre getan hat: schweigen, lesen, sauertöpfisch gucken.
Das ist mein Gesicht, würde er jetzt wahrscheinlich entgegnen, eine von mir übernommene bzw. gelernte, überaus erfolgversprechende Replik. Und er hätte, wie so oft, Recht. Doch damit diesbezüglich keine falschen Vorstellungen aufkommen und um nicht die Henne mit dem Ei zu verwechseln: normalerweise bin selbstredend ich es, die von dem Bekannten lernen kann und nicht umgekehrt.

Doch Dank meines flatterhaften Wesens und mangelnden Konzentrationsvermögen, verliere ich leider meist nach kurzer Zeit den roten Faden bzw. Ziel und Richtung aus den Augen, verklettere und versteige mich im imaginären Grün, schieße unkontrolliert ins fantasierte Kraut und während der Bekannte unten am Boden weiterhin allen akademischen Ernst walten lässt, seine Bildungshain zu pflegen und instand zu halten und mit achtsamer Hand Stämmchen für Stämmchen sorgfältig ans gusseiserne Spalier fädelt, überwuchere ich, längst schon in der Wolkenkuckuckslounge angelangt, ohne Sinn und Verstand und aus schierer Lebenslust und Träumerei, die wunderbare Ordnung wie maßloser Knöterich oder – schöneres Bild – : wie die üppige Glyzinie (und bleibe unwissend wie je).

Alsbald mehr.

Die Kälte, die aus dem Fenster kam

Der Bekannte und ich sitzen, jeder mit seinem Rechner beschäftigt, am Küchentisch und versuchen, uns auseinander zu leben, so gut die räumlichen Verhältnisse, in denen wir seit der Coronakrise leben, das eben erlauben. Draußen hat der Himmel sich verdunkelt, in der Ferne grollt und rummst es, Wind fährt in die Baumwipfel, die Vögel sind verstummt.

Später am Tag, der Regen ist ausgeblieben, treffe ich die Theaterfrau vor ihrer Abreise nach Portugal auf einen Cappuccino unter blühenden Linden. Noch immer kann ich nichts riechen, und auch der Geschmackssinn ist weiter auf einem Tiefpunkt, doch Kaffee geht immer und ich schmecke bzw. spüre sogar heraus, dass der Barista die schlechte Hafermilch von Provamel verwendet haben muss. Sie brennt im Magen, was die gute Oatly nie tut.

Am Abend, die Temperaturen sind ein wenig gesunken und die Sonne steht im Westen hinter der Feuertreppe, gehe ich noch einmal hinaus in den Garten, die Pflanzen zu wässern, doch gleich hinter der Hoftür fällt der Sechskant für den Wasserhahn mir aus der Hosentasche und durch das Gitter in den Kellerschacht. Ohne zu fluchen oder auch nur tief einzuatmen, gehe ich zurück ins Haus, hole Klebeband und bastele mir aus frisch geschnittenem Bambus eine Angel. Nach einer geduldigen langen Weile gelingt es mir, den Schlüssel an seiner Kordel aus Staub und Weben zu fischen.
Meinen Plan zu wässern habe ich inzwischen aufgegeben und kantapere stattdessen, die tiefstehende Sonne im Gesicht, zum Heinrich-Heine-Forum, wo ich mir ein Reisgericht und eine Mate hole die ich unter der kleinen Ulme im Garten genieße, während die Hunde unter dem riesigen Ahorn umhertollen und spielen, bis sie sich schließlich eine Kuhle buddeln und schlafen.

Es ist Jahre her, dass ich einen Abend hier draußen verbracht habe.

(In der Nacht erbricht der Besuchshund riesige Lachen dunkelbraunen, stinkenden Breis neben mein Bett).

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Die Sache mit dem Auseinanderleben hat dann doch noch Fahrt aufgenommen.

Da kam so: auf dem Nachhauseweg von der Bibliothek hustet es plötzlich über mir an einem Fenster. Ich blicke auf und der frisch hervorgebrachte Auswurf landet direkt in meinem rechten Auge. (Wie viel Pech kann ein Mensch allein eigentlich haben?)
Meine mit zitternder Stimme unter Ekelschock vorgetragene Sorge, mir durch das widerliche Sputum womöglich Corona eingefangen zu haben, quittiert der durch die Hitze offensichtlich fernab jedweden Trosts befindliche Bekannte mit „Hör auf mit deinem psychotischen Gerede“. Ich tue wie mir geheißen und genieße nun inmitten der schwülen Sommerglut die angenehme Kühle, die sich zwischen uns breit macht. Besser als jede Klimaanlage und umweltfreundlicher obendrein.

Buchen

Unversehens und beinahe über Nacht verwandelt pfirsichweiche, schwülwarme Fülle sich in loses Flatterband. Ein getrocknetes Blatt an einem Spinnfaden in einem Wald voll Totholz.
Pläntern.

Der Blick versucht, ein sich andeutendes Lächeln zu fangen, festzuhalten als ersten Punkt in einem noch zu zeichnenden Bild der Zuversicht. Entspanntheit simulieren und zugleich anregen durch seitliches Kniewippen, Surfer der guten Stimmung. Reiter der Spiegelneuronen.

Eitelkeit und Bedürftigkeit sind die Gegenspieler der Loyalität.

 

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Besitz gibt sich das Pseudonym: (bitte ergänzen)

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Die Buche:

Äste, Zweige, Laub, alles kennt nur eine Richtung: die waagerechte. Nebeneinander zu einer Fläche, einer sanft geneigten grünen Ebene angeordnet, schwebt das vergoldete Grün in der Sonne, durchleuchtet wie die geheimnisvolle Geisha im Tassenboden. Lichtglimmende Tafeln – Terrassen – Etage für Etage bis hinauf zur Krone.

 

Die auf dem Nachhauseweg gesammelten Blumen kassierte unsere Mutter gleich unten an der Haustür und warf sie in den Müll. Das war vor der Desensibilisierung des Kanzlers, die dieser später an sich selbst vornahm, wie er auch kleinere Operationen an uns Kindern von eigener Hand erledigte.

 

 



Mein Garten, mein Glück.

 

 

 

 

 

 

Bild: Frank Vassen, flickr, Buchenwald auf der „Hohen Mark“, Elsenborn, Ostbelgien
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Identity

Im Nachbarschaftsgarten wächst eine Wespenragwurz oder eine andere insektennachahmende Pflanze. Mit Erfolg lockt sie ihre Namensgeberinnen an und lässt sich von ihnen bestäuben.
Im Internet läuft eine Diskussion über richtige und falsche Frauen, Trans oder Bio, und Jede tut, was sich ziemt und was sie muss: belehren und schimpfen und Publikum um sich scharen.

Für die Zuteilung der sehr raren Plätze unter der Sonne ist Identitätspolitik unverzichtbar geworden. Wer nicht schaut wo er/ sie bleibt, nicht netzwerkt und keine Unterstützerinnen findet, verkümmert im Schatten der Großen wie mein Thymian unter der Linde (die im Übrigen wunderschön, doch für mich leider nicht riechbar blüht).
Mit botanischen Vergleichen wäre ich damit für heute durch.

Erzählen würde ich gerne noch von den Krähen, die den M-Platz als Brut- und Marodiergebiet für sich entdeckt haben, und die man bis in die Nacht hinein krächzen und rähen hört. Früh am Morgen machen sie weiter, wo sie erst wenige Stunden zuvor aufgehört haben. Mit der gleichen Verlässlichkeit zerpflücken sie tagtäglich den Inhalt der öffentlichen Mülleimer und verteilen ihn großzügig auf dem gesamten Platz.

Am 25. August, so lese ich im Vorbeigehen auf einem mit einem Pflasterstein beschwerten und vom Regen dunkel geränderten Flugblatt, soll auf dem M-Platz der Vagabundenkongress stattfinden. Da ich zu diesem Zeitpunkt längst schon im Blauen Land weilen werde, frage ich den Bekannten bei unserem allabendlichen Spaziergang, ob er an meiner Statt mal bei dem Treffen vorbeischauen würde. Sicher, sagt er und lacht.

Vor einem Haus in meiner Straße steht ein Schuber mit einer Enzyklopädie. Den dritten Tag in Folge hat Jemand einen Band mitgenommen und nun hoffe ich, dass sich dem Bildungshungrigen die passenden Fragen zu den gewählten Buchstaben stellen werden.

Salsa

Immerhin bringt der Infekt mich dazu, mehr zu schreiben und weniger auf Twitter rumzuhängen und dort unmaßgebliche Meinungen, die aus Mangel an Wissen eher Behauptungen sind, kund zu tun. Während der Bekannte mit seinem vor Kurzem noch unverrückbar stabilen Weltbild sich zunehmend radikalisiert und bei Gesprächen über die politische Lage immer häufiger Worte in den Mund nimmt, die selbst ich in meinen tourettigsten Momenten kaum je gebraucht hätte, bin ich stable weak und peaceful.
Offen gestanden finde ich sogar Gefallen daran, dass er beginnt, seine Welt zu zerlegen und dafür den verbalen und alles gleichmachenden Vorschlaghammer herausholt. Den Boden bereiten. Mit jedem Hieb scheint seine Bärbeißigkeit und kleinklein Pedanterie abzunehmen und an manchen Tagen tanzt er sogar Salsa mit sich selbst in der Küche und lächelt, wenn ich zufällig dazu komme.

Die vergangene Nacht war die erste seit Pfingsten, die ich fast durchgehend im Liegen verbracht habe. Die Atmung wird besser. Ich scheine zu genesen.

Was noch: die Alpen rufen. Knapp acht Wochen noch bis zu meinem Rückzug in den Hühnerstall. Ich zähle die Tage!

Uppsala

In der Nacht hat jemand Kühlwasser in meine Adern gefüllt. Tagsüber versuche ich, das Blut wieder auf 36 Grad Celsius zu erwärmen.

Herr Celsius hatte eine Mutter, aber wahrscheinlich keine Frau. Denn nirgends steht etwas von ihr (der nicht Gewesenen) geschrieben. Nur zwei Jahre nach seinen Thermometerstudien starb er mit 43 Jahren in Uppsala an Tuberkulose. Ein Nachruf würdigt sein sonniges Gemüt:

Celsius war ein vielseitiger Mann. Er schrieb Verse auf Schwedisch und Latein und war stets heiter und glücklich. Und egal, wie viel er auch zu tun hatte, er schien niemals in Eile zu sein.“

Seit Ewigkeiten schaue ich jeden Tag mindestens ein Mal auf das Außenthermometer, ohne bislang je an Anders Celsius gedacht zu haben. Und mit Uppsala verbinde ich, sieht man mal von einer längst geschlossenen Interimskneipe in der Wiener Straße ab, nichts ernst zu nehmendes (zusammen und groß?). Es muss der Beschaffenheit der Lokalität, an die ich mich nur vage erinnere, geschuldet sein, dass ich bei Uppsala vielmehr ein kurzes, krumm getretenes Holztreppchen vor Augen habe, leicht gewendelt und vor Urzeiten einmal himmelblau gestrichen, inzwischen jedoch längst überall abgeblättert, auf dem eine baumlange Transe mit aberwitzigen Plateaus sich beim hinternwackelnden Hinaufschnüren im hautengen Paillettenrock der Länge nach hinlegt. Stolper Eck. Uppsala ist Hoppsala, aber das wusstet Ihr ja schon.

Während ich mich mit dem Infekt, der nächtlichen Atemnot (ich schlafe im Sitzen) und den Geschmacks- ud Geruchsverirrungen herumquäle, läuft das ganz normale Leben weiter.
In allen möglichen Belangen wird mir ein Extraschritt, eine Zusatzkür abverlangt und ich fühle mich, wie die Jongleure meiner Kindheit, die Stäbe in Schwingung versetzten, darauf Teller kreiseln ließen, hin und her hastend den ins Trudeln geratenden Tellern neuen Schwung gaben, am Ende einen nach dem anderen wohlbehalten einsammelten und sich vor dem begeisterten Publikum verneigten. So auch ich.

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Die Vermieterin wirft weiterhin allmorgendlich leere Weinflaschen in den Glasontainer. Ausgezehrt sieht sie aus und inzwischen fusseln auch ihre Haare und das Gesicht legt sich in tiefe, ledrige Falten.
Seit ein paar Wochen hat ein Hausverwalter nun ihre Arbeit übernommen und so ist immerhin dieses unangenehme Kapitel für mich endlich beendet. Neulich, der Bekannte stand rauchend vor dem Haus, fragte sie ihn übrraschenderweise nach meinem Befinden. Corona sei doch sicher gerade für mich eine hochgefährliche Angelegenheit und eine Belastung. Weil dem Bekannten nicht mehr zu entlocken war als unbeteiligtes Nicken und Schulterzucken, ließ sie schnell von ihm ab und mir schöne Grüße und alles Gute ausrichten „Auch wenn sie das von mir bestimmt nicht hören möchte“.
Einen Tag später begegneten wir uns im Hausgang und sie ergriff wortlos die Flucht.

Mich wundert, wie ich mich all die Jahre von dieser Frau derart hab piesacken und schurigeln lassen, wie ein Schulkind von einer mobbenden Lehrerin.



Auf dem Mariannenplatz verkaufen sie Honig, das Glas für zwofuffzig. Viel zu billig, findet die Bienenfrau und erzählt, dass die Robinien in diesem Jahr sehr kurz nur geblüht haben und es mit dem Honig bislang überhaupt eher mau aussieht. Ob wenigstens für die Bienen genug da ist, frage ich sie. Ja, für die Brummseln schon, sagt sie, und ich bin zufrieden.
Später, wir unterhalten uns über das Virus (an das sie nicht so recht zu glauben scheint) erzählt sie, dass sie einmal Franziskanerin war. In einem früheren Leben. Ihr spiritueller Weg zum Schamanismus habe ihr erst kürzlich diese Erinnerung zurück gebracht, weshalb sie nun plane, einmal ein süddeutsches Kloster zu besuchen. Ich war mal Hunnin und lebte und reiste in und mit einer Jurte, versuche ich, meinen Teil zu der Unterhaltung beizusteuern. Ich konnte sogar hunnisch, füge ich hinzu, zumindest in meinem Traum.

Zweifaltig

Die Quer- und Selbstdenker, die gegen den Stromschwimmenden, die Zweifler (Zweifalt), die Reichsäppler, die Gerippten (und die Claqueure „Chapeau“)

Am Morgen mache ich Cappuccino und vergieße ihn auf Tisch und Boden wie ein Sämann. Flugs kommt der Bekannte herbei gesprungen und wischt alles weg- ich dachte du hast einen Schlaganfall.

der raucher eres tu.

Am 28. Mai hörte ich auf, Alkohol zu trinken. Ich ging aus dem Haus u kehrte nicht an die Tresen zurück. In welchem Jahr war das nur

(Die Aushärtung des Lungenmaterials beginnt)

Während Alis Mutter meine Wohnung putzt, protestiere ich aufm Alex für ihre Rechte.

(flüchtige Falten, samtweiches Jersey)

In Kröten enden

Das Schwierige am Kranksein ist das Kranksein. Kommt dann noch Kranksein obendrauf, ein anderes Kranksein, möglicherweise das gefürchtete, werden Geduld und Mut auf die Probe gestellt (gechallenged).
Seit ein paar Tagen habe ich Temperatur, Atemnot in der Nacht, neue, noch ungekannte Geruchsstörungen, Magen-Darm-Misere. Die Schwester sagt: mach einen Test. Der sterbende Hypochonder fragt: wozu denn noch?


Irgendwo wird Brot gebacken, Schnecken kriechen über Kaffesatz, in einem Garten sitzt eine Kröte, die Augen in den Gaumen gewachsen erspäht sie die Beute mit offenem Maul und schaut ihr im Herunterschlingen beim Sterben zu.
Anderswo wächst ein Kind auf, ein Hund, ein Kalb. Nicht alle werden das nächste Frühjahr erleben.
Im Winkel des Kreuzes ein Nest.

So geht das, immer weiter. Und es ist nicht so schlimm, wie man denken sollte: es ist entsetzlich und tröstlich und wunderbar zugleich.

Früher, als ich noch Tiere aß, bestellte ich gerne Schwertfisch vom Grill. Der serbische Kellner des griechischen Lokals brachte vor (dem), während (des) und nach dem Essen(s) einen Ouzo (auf´s Haus). Den ersten und letzten kippte ich heimlich in die winzige Tischvase, die überlief und sich auf der Strukturdecke ergoss.
In dem bunkerartigen, fenterlosen Lokal dudelte Musik in Dauerschleife. Am Ende jedes Durchlaufs erklang ein geheimnisvolles Pfeifen, eine versonnene Traummelodie, man hörte das Klappern in der Küche, die Stimmen der anderen Gäste und dann ging alles von vorne los.

Bei meinem letzten Besuch bat mich der Kellner im Beisein des Kanzlers, den Ouzo nicht wieder in die Vase zu schütten.

In der Nacht erwachte ich mit Herzklopfen und Durst.

Locken

Denke ich an die S. fällt mir der düstere Eichenschrank ein, dessen messingbeschlagene Türen wir von innen verriegelten ehe die kurze Fahrt durch die Treppenhausschnecke begann. In der obersten Etage gab es einen Club. Nachts flackerte buntes Licht aus den gewölbten Fenstern. Die S. und ich aber trafen uns im zweiten Stock.
Manchmal spazierte ich danach noch zum Potsdamer Platz oder ging die Potse entlang Richtung Kurfürstenstraße und erfreute mich an dem obszönen Anklang des Straßennamens.

(Matratzen und Liegen dit wusst ick, jibt´s in der Potse zwoundfuffzig)

Die S. hatte dunkle Locken und eine Freundin deren Hündin den Schwanz in eine Autotüre verloren hatte und fürderhin von aller Welt das falbe Köpfchen getätschelt bekam, was sie zum vertrauensvollsten Hund der Welt werden ließ. Ihre Besitzerin indes machte eine entgegengesetzte Entwicklung durch. Immer sonderbarer und mürrischer wurde sie mit der Zeit. Inzwischen sitzt sie vor den Eingangsstufen ihres Ladens und kommentiert abfällig das Geschehen im Viertel.
Gleich zu Beginn dieser Wandlung hatten die S. und ihre Freundin sich derart überworfen, dass die eine die Straßenseite wechselte, sobald sie die andere in der Ferne erblickte.

Denke ich an die S., fällt mir auch die V. ein mit ihrem fröhlichen Gesicht und den aschblonden Locken. Nach mehreren Schädelhirntraumata hatte die V. Geruchs- und Geschmackssinn verloren und war auch sonst nicht vom Schicksal verschont gblieben: zwei ihrer drei Geschwister hatten sich gegen das Leben entschieden. Der ordnungsliebende Bruder blutete auf einem Abfluss liegend aus, über die Todesart der Schwester schwieg sie.
Wenn sie an die Hände ihrer verstorbenen Mutter dachte, musste sie weinen.