Dornröschen (ungelegen)

Screenshot-2018-9-17 Alle Größen Cortelyou Road Brooklyn NY Flickr - Fotosharing .png

Während ich über mögliche Zusammenhänge und die Verbindungen zwischen Innen und Außen nachdenke, schlafe ich wieder ein. Sogar auf der Toilette nicke ich weg und beim Erwachen dröhnt der Kopf und es hämmert hinter der Schläfe. Auch das linke, das gute Auge will nicht mehr richtig. Milch tropft von den Wimpern auf die Netzhaut und verläuft zu einem opaken Film, der sich nicht wegblinzeln und nicht einmal wegbeten lässt. Zwei heiße Fäuste drücken unterdessen meine Nieren zusammen, der Gaumen ist wund und auf dem Brustkorb kauert ein düsterer Alb. Benommen bin ich und immerzu müde, so müde, todmüde. Ein Krieg tobt in mir. Läuse und Flöhe, der Kolibri auf dem Alexanderplatz. Hätte ich das früher gewusst.

Für die Katzen findet sich möglicherweise ein neues Zuhause. Unfair, sagt der Weltenreisende. Die Kaiserin, selbst eine Gegnerin der Monarchie, torkelt davon und sackt knappe hundert Schritte entfernt zusammen.
Mein Tölchen will ich versuchen zu behalten. Wie lange ich das noch schaffe, weiß ich nicht.

Die dringendsten Pflichten erledige ich in den kurzen und unvorherseh- und -sagbaren Zeitfenstern, in denen ich mich stark genug fühle. Manchmal, so wie heute, mache ich sogar einen kleinen Ausflug in den benachbarten Bezirk, doch dann wieder bin ich zu kraftlos, um überhaupt nur zu essen und zu trinken.

Am Dienstag darf ich endlich den Superspezialisten konsultieren, Monate habe ich auf diesen Termin gewartet. Ich hoffe, ich verschlafe ihn nicht in der S-Bahn, auf dem Weg ans andere Ende der Stadt.

 

Fangt bloß keinen Krieg mit Euch selbst an. Ihr zieht immer den Kürzeren.

 

 

 

 

 

 

Bild: M. Chaussettes, Cortelyou road Brooklyn NY, the better angels, flickr
Lizenz: All rights reserved! (published here with kind permission of the artist- thanks a lot!)

Bei lebendigem Leib frisst die Krankheit mich auf. Wie der Varan die Hirschkuh.
Kaum ein Gedanke lässt sich noch denken, während der Körper sich selbst zerstört und verschlingt.

Doch langsam verwandelt das stechende Selbstmitleid sich in hölzerne Trauer. Trauer, die mich, wenn ich am Abend zitternd vor Schwäche zu Bett gehe, in den Schlaf begleitet und die am Morgen wenn ich erwache, neben mir sitzt und mich mit müdem Blick betrachtet, ihre knochigen Hände in den Schoß gelegt.

Ich möchte weinen, bis aller Schmerz aus mir heraus gewaschen ist.

Nur ein Schub. Es geht vorbei.

Abendrot

Gedanken wie Nebel, wie Herbstgischt, wie Milch.
Die Fruchtbarkeitstänzerin erträumt, wahrscheinlich die Mutter, die ihr fließendes Sommerkleid der kantigen Frau des Studienrates lieh, um sie bloß zu stellen. Posen, Posen, immer Posen. Verkaufsgespräche selbst im Wald, wo das mittelalte Paar unter dunkelgrünem Blätterdach vor mir her spaziert und sie ihm von dem Bikinioberteil erzählt und von dem Handwerkerbesuch und dem täglichen Sport, der ihren Körper in Form hält. Wie zur Anerkennung  umschlingt der graugelockte Mann ihre Hüften. Sie redet weiter.

Die Studienratsfrau ist inzwischen verstorben, ihre Schädelknochen ausgelagert in einer Knochenbank, ihren älteren Sohn hat im letzten Jahr die Grippe erwischt. Im Krankenwagen sei er ins Koma gefallen und aus diesem nicht mehr erwacht, erzählt der Kanzler.

Die Störche waren bis vorgestern da. Tagelang staksten sie über die Feuchtwiesen oberhalb des Sees. Ihre Kniegelenke auf der Rückseite der Beine angebracht (zu welchem Zweck und mit welchem Vorteil). Rückwärts und mit ausgebreiteten Armen schreiten wir den Berg hinauf, rechterhand eine Handvoll Schafe und zwei schokoladenbraune Ziegen, meckmeck.

Das Sriii-sriii der Mauersegler gehört den sommerlichen Häuserschluchten, den halbgeträumten Sätzen, den nächtlichen Rufen (au petit matin, au petit gris).

 

Hier fliegen Schwalben durch die Lüfte. Viele davon, mit kugelrunden lieben Köpfen. Hoch- und tief, darunter endlose Meter dürerscher Wiesenvielfalt. Ein großer Raubvogel landet auf dem Fußballtor. Neugeborene Kälbchen stehen in Plastikiglus und zählen ihre Tage. Auf dem Misthaufen wachsen Kürbisse. Tellergroß die Blätter.

Bedächtigen Schrittes und mit gespreizten Zehen spazieren Puten durch Vorgärten.  Zwischen zwei Zaunlatten klemmt ein Stoffhäschen mit blaugeblümten Fußsohlen. Katzen lauern im Gras. Ich meide stiergesäumte Wege. Sie machen mir mehr Angst als die Sonne.
Derweil gehen Zellkerne zugrunde. Kalt ist der Kopf. Bleierne Müdigkeit, Schüttelfrost in der Nacht. Benommenheit je heller der Tag. Kurkuma soll helfen, auch Blaubeeren und Öle. Zusätzlich zum Hut begleitet der Regenschirm meine Wege. Sich einen Namen machen.

 

 

Verschwunden ist die alte Frau mit schwarzen Sissi-Perücke wie ein Fladenbrot auf ihrem spitzenbekleideten Rücken. An der tosenden Kreuzung vor dem Luxus-Rewe sah ich sie zum letzten Mal, das Vogue-Magazin zusammengerollt und als Fernglas vor das Auge gesetzt: die Bergkette im Süden im flammenden Abendrot.

la grue jaune

Am Morgen schnürt eine Frau im langen, schwarzen Kleid über das Dach des Zuges. Ihre Bewegungen ein Fruchtbarkeitstanz.
Bald nach dem Aufstehen lege ich mich wieder hin. Obstbäume vor dem Fenster.

Nachts höre ich Dokus. Nach wenigen Minuten bricht die Verbindung ab und ich schlafe ein.

Gegen 6 Uhr das helle Läuten der nahegelegenen Kapelle. Im Garten brennt Licht für die Heimkehrer. Ich schließe die Augen und öffne sie als ein regelmäßiges Scheppern die Stille zerschlägt. Jemand wirft Äpfel in eine Schubkarre.

Auf dem Hof ist keine Stimme zu hören.

 

Am Nachmittag erhebe ich mich noch einmal aus dem Bett. Nach einem Becher kalten Morgenkaffees ziehe ich einen roten Rock über und gehe durch das Dorf. Die Sonne scheint auf den See, die Bergspitzen liegen im Nebel. In einem düsteren Nadelwäldchen steht ein schwarzer Holzverschlag. Verborgen allen die nicht von ihm wissen. Ich horche auf Klopfzeichen oder Wimmern und gehe rasch weiter. Wieder zirpen die Zikaden und die Sonne sticht und schmerzt. Ich will mich abstützen und finde keinen Halt. Mit geschlossenen Augen stolpere ich davon. An der nächsten Biegung höre ich die alte Frau und hebe vorsichtig ein Lid. Als sie mich sieht, stellt sie sich vor ihren Schäferhund und redet beruhigend auf ihn ein. Ihre Stimme klingt blechern. Auf Eierschalen schleiche ich an ihr vorbei.

 

Ein Schnipsen und es hört auf

 

Vor der Kurve das heisere Horn der Lokomotive. An den Gleisen steht ein Mann und sagt: Mit dem Hut sehen Sie aus wie Gabriele Münter.

Blind II

32588063963_f608be7810_z

Auf dem Weg zum Supermarkt passiert es plötzlich. Scheuklappen, Schwindel, Brennen und Druck im Hinterkopf, Augenflimmern. Es sind 30 Grad und mir klappern die Zähne. Ich weiß nicht wie ich es in den Markt und zu dem Regal mit den Müsliriegeln schaffe. Blindlings greife ich nach dem erstbesten, Inhaltsstoffe und Verträglichkeit spielen keine Rolle. Alles verschwimmt vor meinen Augen und Panik überfällt mich. Die letzte Ohnmacht liegt viele Jahre zurück. In Paris, im Café nebenan, wo ich auf Eric wartete, mit dem ich diese eine, unsere letzte Nacht verbringen wollte. Kurz ehe er eintraf, ging ich beim Bezahlen meines Milchkaffees zu Boden.

 

Mit zitternden Händen reiße ich jetzt das Papier auf. Beim Abbeißen wird mir schwarz vor Augen, mein Herz rast, mir ist heiß und kalt, ich halte mich fest und versuche mich auf das Kauen zu konzentrieren. Schlucken, bloß schlucken. Mit geschlossenen Augen stehe ich da und atme konzentriert, um mich herum Hallenbaddröhnen. Weit weg und unter einer fernen Glocke die stumme Geschäftigkeit der Einkaufenden. Das Sirren der Kühltruhen, klappernde Einkaufswagen, gedämpfte Stimmen. Jemand geht dicht an mir vorbei. Ich fühle die Nähe eines Körpers. Dann der Geruch nach Deo und einem weiß gefliesten, tageshellen Badezimmer. Flipflops. Es ist wie damals auf dem Teppichboden im elterlichen Wohnzimmer. Unten im Haus der Vater, der alle Stunde die Treppe hinaufsteigt, um mit seiner Stablampe in mein blindes Auge zu leuchten. Nach ein paar vergeblichen Minuten verschwindet er wieder, ich horche seinen Schritten hinterher und bleibe zurück in meiner Dunkelheit und mit den Klängen der Welt.

 

Den angebrochenen Riegel in den blaukalten Fingern taste ich mich wenig später zur Kasse. Unterzuckert, flüstere ich und mein Kinn zittert. Die Kassiererin nickt.

Ich fühle mich sehr schwach und klein.

 

 

 

 

 

 

Bild: untitled, Yo´Papa, flickr
Copyright: Alle Rechte vorbehalten
Mit freundlicher Genehmigung/ with friendly permission von Yo´Papa. Thanks a lot!

Kipppunkt

20180805_204012(0).jpg

Die Tage ziehen dahin. Nach dem Regen heute endlich die große Abkühlung und die bange Frage: wird es so bleiben. Was mit dem Klima los ist, erklären die Meteorologen. Einer gebraucht das Bild eines großen, unterspülten Steines. So verhalte es sich auch mit den klimatischen Kipppunkten. Ist der Prozess der Erosion erst weit genug fortgeschritten, kippt der Stein und löst möglicherweise eine Kaskade umkippender Klimafaktoren aus, die sich gegenseitig verstärken und zu einem Heißzeiteffekt führen. Einen Vorgeschmack gibt dieser Sommer.

//

Im Garten liege ich unter Obstbäumen, anders ist die Hitze nicht zu ertragen, und lese noch einmal Almut Klotz. Die Lektüre macht mich traurig. Also greife ich nach dem frisch erworbenen Büchlein mit den Heiligen und versenke mich in deren Martyrium. Häuten, rädern, erdolchen, in Öl sieden. Man war nicht zimperlich, wenn es um den falschen Glauben ging, damals.

 

Als ich klein war, dachte ich oft darüber nach, wie ich einem Einbrecher, der plötzlich nachts neben meinem Bett stünde, begegnen würde. Ich überlegte mir, dass ich auf keinen Fall Angst zeigen dürfte, sondern so tun müsse, als hielte ich den Einbrecher für einen Onkel oder einen Freund der Familie. Ich würde dem Dieb dann den Weg zu sämtlichen Schätzen der Familie zeigen und mich später fröhlich winkend von ihm verabschieden. Sobald er aber aus dem Haus getreten wäre, würde ich die Polizei anrufen, die ihn sodann stellen würde. Meine Eltern und Geschwister bekämen von all dem nichts mit. Erst als die Polizisten an der Haustür klingeln, um die Beute zurück zu bringen, erführen sie von meiner Heldinnentat.

Das einzige Problem bei der Geschichte sah ich darin, dass der Dieb womöglich auf Rache sinnen und nach seiner Haftentlassung wiederkommen würde, um mich zu töten. Wenn er lange genug einsaß, könnte ich bis dahin ausgezogen sein. Wenn nicht, musste ich meine Eltern überreden, einen Hund anzuschaffen.

Glücklicherweise kam es nicht soweit und heute, wenn ich nachts bei gekipptem Fenster in dem alten Hühnerstall schlafe, habe ich Tölchen an meiner Seite.

Es ist so schön hier.

Sette sorelle

43691005281_344f23064a_z.jpg

 

Ich möchte fast sagen, die Träume sind nur Erinnerungen oder Combinationen von Hasen mit einer Papierscheibe gedeckt, kalt gestellt.

(Bot)

 

Ein heiteres, ausgelassenes Grüppchen – alle Menschen werden Schwestern- hat sich auf der Michaelkirchbrücke zusammen gefunden. Entspannt stehen wir am Geländer und schauen in das weite Himmelszelt. Ein freundlicher Mann erklärt uns das Geschehen am Firmament:
vor uns im Osten steht der Blutmond, der gerade aus dem Erdschatten heraus tritt, darunter, an der Häuserecke und viel, viel kleiner, der orange-rot funkelnde  Mars, zukünftige Heimat der Erdianer, im Süden gleich hinter dem großen Baukran Saturn, im Südwesten Jupiter und über uns die ISS, die in diesem Augenblick  in Richtung Nordosten davon fliegt. Fröhlich und ergriffen und sterblich wie wir sind, winken wir ihr zu und lachen und rufen „Alex!“ und eine Brise kommt auf in dieser tropischen Nacht und der Wind kühlt die Stirn und die Arme und weht das Haar aus den erhitzten Gesichtern und unten auf der schwarzen Spree zieht ein einzelnes Blässhuhn krächzend seine Bahnen. Irgendwo am Ufer brennt ein großes Feuer, in der Ferne höre ich Sirenen und den Gesang der Stadt. Rot leuchtet das Rathaus in unserem Rücken.
Im federleichten Flatterkleidchen und mit Rokokoperücken schweben drei Transen über die Brücke. Man sieht ja gar nichts, näselt die Eine.  Hätt´ ich auch nicht extra wachbleiben müssen, sagt die Andere.
Wir lachen.
Leben.

Später treffe ich die Nachbarin auf dem Platz. Verloren steht sie mit ihrem Dreirad vor der roten Kirche. Wo ist der Mond fragt sie und ich zeige vage in Richtung Spree.

 

Es sind diese Nächte die man ein Leben lang erinnern und von denen man nie genau wissen wird, ob sie ein Traum waren.

 

 

 

 

 

Bild: cc, public domain

fate

Andere Menschen starten ein Auto. Ich rufe den ADAC, der sich keinen Rat weiß. Als der Nachbar helfen möchte, verschmort sein Überbrückungskabel und mein Auto tut weiterhin keinen Mucks. Am Ende ist der Transponder des Schlüssels die Ursache allen Übels, ein neuer muss her und dieser dann in der Fachwerkstatt „eingelernt“ werden. Hab ja sonst nix zu tun.

 

Anderntags quäle ich mich bei sengender Hitze über den flirrenden Asphalt zum Höllenbaumarkt, einen neuen  Klappwäschekorb zu kaufen.
Zuhause schäle ich das Teil aus seiner Folie. Es ist am Boden gebrochen.

//
Meine Nahrung besteht weiterhin aus Nüssen und Bohnen mit Hihikichererbsen.

Cashewkerne, so lese ich, sorgen dafür, dass die sie erntenden (Kinder)Hände durch die Säure der Nusshaut verätzt werden, ihr Profil verlieren und die Menschen geschäftsunfähig werden bzw. bleiben, weil in den Ländern, in denen der Cashewbaum wächst, jeder Handel mit Fingerabdruck besiegelt wird.

 

//

Manchmal, immer häufiger, besuche ich die ungekannte und blindlings betrauerte Emma auf dem Friedhof der Halbinsel und lege Blumen auf ihr Grab. Silbrig glitzernd zieht die Spree an uns vorbei. Sinnbilder wohin das Auge blickt. Ach.

//
In meiner Tasche klebt´n Bonbon.

//
Die Straßen sind leer, überall freie Parkplätze, ich warte darauf, dass die Zapfsäulen wieder D-Mark-Preise anzeigen und später in den Herbstpfützen bunte Öllachen schillern.

//

Um mich herum werden alle nochmal schwanger. Apfelbäumchen pflanzen.
Ich hingegen bin im Begriff meinen fruchtlosen Körper und den meines Hundes in die Alpen zu kutschieren, wo ich einen Monat zu ruhen gedenke. Keine Menschen, keine Worte. Berge, See, Schweigen.

//

Vor meinem Fenster summen unbeirrt die Bienen.

In den USA bereiten sogenannte Prepper sich auf den Weltuntergang vor
und in meinem innenliegenden Bad hat eine einzelne grüne Heuschrecke ihre letzte Bleibe bezogen.

 

 

//
Oft denke ich an meine Grundschullehrerin mit den schnurglatten hellroten Haaren. Im Religionsunterricht las sie uns einmal eine Geschichte von einer sich stetig nähernden Sonne und dem kollektiven Hitzetod vor, der alle Menschen zu Brüdern und Schwestern werden ließ.

 

 

 

 

///