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21. April 2015 § 5 Kommentare

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In einem Garten

18. April 2015 § 29 Kommentare

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Morgen ist es soweit. Ich werde mich in den Wagen setzen, 400 km über die Autobahn nach Westen, in eine unbekannte Stadt, fahren und dort in ein kleines Hotel einchecken. Ich werde den Hund über die Wiesen am nahegelegenen Fluss toben lassen und im Vorbeigehen die Einrichtung in Augenschein nehmen.
Vielleicht ist sie im Garten – falls das Wetter es zulässt – dann könnte ich sie sehen. Würde ich sie erkennen?

Ich würde am Zaun stehen und sie beobachten, wie sie, inzwischen im Rollstuhl sitzend, in die Frühlingssonne blinzelt während kleine Blitze in ihrem Hirn von Korridor zu Korridor huschen, ein flüchtiges Schlaglicht in die verwaisten Räume ihrer Erinnerung werfen, um diese sogleich wieder in stille Dunkelheit zurück fallen zu lassen.

Ich würde tief durchatmen, meine Gefühle und Tränen, wie auch den Hund an die Leine legen und zum Haupteingang des Stiftes spazieren. Dort würde ich mich vorstellen und nach einer Bewohnerin (Insassin?) mit dem gleichen Namen fragen.

Ich würde über die hochglanzpolierten Linoleumflure mit der eigentümlichen Atmosphäre des konfessionell-geführten Heimes gehen, würde den Duft des nachmittäglichen Bohnenkaffees und des süßlichen Bienenstichs einatmen und mit jedem Meter, den ich mich der Station näherte, würde ich spüren, wie mein Herz im Hals trommelte und mein Brustkorb eng würde.

Den Diakonissen in grauer Tracht mit weißer Haube, die meinen Weg kreuzen, würde ich freundlich zunicken und dabei an Anna, die Gemeindeschwester meiner Kindheit denken, die im Mutterhaus lebte, mit dem meine Familie eng verbunden war.

Dann würde ich die Glastüre zur Dementen-Station öffnen, einen vorbei eilenden Pfleger nach ihr fragen und seiner vagen Handbewegung folgen.
Vom Aufenthaltsraum aus würde ich die große, zum Garten hin gelegene, Terrasse betreten. Von hinten würde ich versuchen unter den weißhaarigen Menschen, die dort zusammen gesunken in ihren Rollstühlen sitzen und ins Nichts schauen, meine Mutter zu finden.

Ich würde an sie herantreten und sie ganz leise und vorsichtig ansprechen.
Mama, würde ich sagen und es wäre eine Frage.

Mama?

Ganz langsam würde sie den Kopf heben und sich zu mir umdrehen.
Wir würden uns in unsere großen, braunen Augen blicken und uns nicht erkennen.

Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Keine Tränen

17. April 2015 § 12 Kommentare

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Nachdem der Krankenwagen abgefahren ist stehe ich noch eine Weile am Fenster und halte mich mit beiden Händen an dem schmalen Vorhangschal fest, den sie genäht hat. Im Garten gegenüber zerstreut sich die Partygesellschaft. Eben noch hingen sie alle am Zaun und schauten zu, wie sie aus dem Haus getragen wurde, bleich und ohne Leben. Es gibt nichts mehr zu sehen.
Meine Mutter hatte ihren großen Auftritt.

Als ich sieben Jahre alt bin, gehen meine Eltern mit uns spazieren. Meine Mutter zeigt auf ein Haus mit Garten und einem Türmchen. Hier werden wir bald wohnen. Ich freue mich auf ein eigenes Zimmer.

Die kleine, schiefergedeckte Villa wurde 1904 fertiggestellt. Sie hat ein Türmchen, mehrere Giebel und Fachwerk in der oberen Etage. Die Fenster sind mit rosafarbenem Sandstein eingefasst, die zweistöckige Holzveranda ist mit buntem Glas versehen, im Garten steht eine Trauerbirke.
Die große Zypresse vor dem Eingang erinnert an Gutshäuser in der Toskana.
Hier leben wir.

Ich erinnere mich nicht mehr wer von uns den Brief gefunden hat.
War ich es, oder mein Bruder?
Ich weiss noch sehr genau was sie (in ihrer großen Handschrift) geschrieben hat.
Ich habe Schuld an ihrem Tod. Auf ihrem Grab sollen wir tanzen, mein Bruder und ich, und Parties feiern. Der Weg ist frei für unser Glück.
Meine Ohren dröhnen, mein Mund ist trocken.

Die Rettungssanitäter haben die leeren Tablettenblister eingesammelt und mit genommen.
Ihre kleinen schwarz-weißen Pumps stehen noch immer ordentlich neben der Badewanne.

Das Krankenhaus hat angerufen. Sie ist über den Berg. Beim Auspumpen des Magens sind ihre Zähne lädiert worden. Das Elektrogerät war gut isoliert und hat keine Schäden hinterlassen.
Es war ihr ernst.

Ich kann nicht einmal weinen.

Bild: By AleXXw / Alexander Wagner (Own work) [CC BY-SA 3.0 at (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/at/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Du bist so wunderbar, Berlin (12)

14. April 2015 § 15 Kommentare

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Wo Berlin noch Akne hat

(Kottbusser Damm, Schlesische Straße, Breite Straße)

Mutmaßliche Lektüre. Ein Blogstecken.

11. April 2015 § 14 Kommentare

Es ist schon eine Weile her, seit der geschätzte Waswegmuss (aka HKF) mir einen Blogstab zugeworfen hat.
Fünf Bücher sollte ich benennen, die ich im Laufe dieses Jahres zu lesen beabsichtige und zusätzlich fünf BloggerInnen nominieren, die das Hölzchen weiter tragen sollen.

In den letzten Jahren lese ich nur noch sehr selten Bücher zuende. Zu rastlos und zu unruhig bin ich, um einen einzelnen Faden aufzunehmen und ihm zu folgen, während hunderte anderer Geschichten bei mir anbranden und meine Aufmerksamkeit fordern.
Schade, aber gut.

Nun habe ich keinen Schimmer was morgen sein wird, geschweige denn, was ich dann lesen werde. Aber auf meinem wunderschönen Büchertisch stapelt sich einiges, was möglicherweise demnächst von mir (an)gelesen werden könnte.
Da ich die Bücher noch nicht kenne, fällt es mir schwer etwas über sie zu schreiben. Deswegen zitiere ich zum Teil aus ihnen oder verweise auf Rezensionen.

Und weil ich die Zahl 7 gut finde, stelle ich statt der angefragten fünf gleich sieben Bücher vor.

Alsom-

Eins:

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Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja  (Suhrkamp)

Im Feuilleton der NZZ erschien eine Rezension, die mein Interesse auf dieses Buch gelenkt hat.
Als ich dann die erste Seite gelesen hatte, wollte ich nicht mehr aufhören.
Ich weiß nicht, wie sie es macht, aber Katja Petrowskaja schreibt genau so, wie jemand schreiben muss, um meine Aufmerksamkeit zu wecken und zu halten.

Petrowskaja hat sich aufgemacht, nach ihren Toten und Verschwundenen zu «graben». Es ist, weil es um ihr eigenes Leben geht, ein «süchtiges» Suchen quer durch Archive, Städte und «Stätten»: Berlin, Wien, Warschau, Kiew, Moskau bis hinüber ins amerikanische Oak Ridge. Der Karte, der sie vor allem zu folgen hat, ist die «Sternkarte» der Lager, über denen das Gelb des Davidsterns und das Rot des Sowjetsterns leuchten: KZ, Stalag, Gulag.

(NZZ)

Zwei:

Das Ende von Eddy von Edouard Louis  (S. Fischer)u1_978-3-10-002277-6.38011915

Die (autobiografische) Geschichte einer Kindheit in der französischen Provinz.
Entsetzliche Gewalt, Alkohol, unerträgliche Homophobie. Beim ersten Blick in das Buch hat mich die klare, schnörkelose Sprache und die ungeheure psychische und physische Gewalt, der der Protagonist ausgesetzt ist schaudernd in den Bann gezogen.

Ich dachte sofort, dass ich das auf keinen Fall lesen werde, weil mich derartige Grausamkeiten erschüttern und bis in den Schlaf verfolgen können.
Gekauft habe ich es trotzdem und frage mich nun, ob ich es jemals werde lesen können.

Drei:

arnogruenDer Wahnsinn der Normalität. Realismus als Krankheit: eine Theorie der menschlichen Destruktivität von Arno Gruen (dtv)

Wieso konnten die KZ-Aufseher Menschen totschlagen und dabei ganz „normal“ sein?
Der Selbstverrat des Kindes durch die Anpassung an die elterlichen Machtbedürfnisse stellt den Anfang einer Entwicklung dar, in der dem Menschen der Zusammenhang zwischen Handlungen und Motivationen verloren geht. Es gilt fortan das Image, mit dem man anderen Menschen gefallen will um jeden Preis aufrecht zu erhalten, ganz gleich, was die eigenen Gefühle, Wahrnehmungen und Mitgefühle hätten sein können.
„Die Unfähigkeit, in sich selbst zu wurzeln, ruft zerstörerisches und böses Verhalten hervor.“
Davon handelt das Buch. Reingelesen, gekauft, auf den Stapel gelegt.

Vier:

Wir sind nicht wir  von Matthew Thomas  (Berlin Verlag)

Sein Vater blickte auf die Angelschnur im Wasser. Der Junge fing einen Frosch und schob ihm einen Haken in den Bauch, weil er wissen wollte, wie es aussah, wenn er ihn durchbohrte. Glitschige Eingeweide blieben daran kleben, ihm wurde übel vor Schuld. So harmlos er konnte, fragte er seinen Vater, ob man mit Fröschen fischen könne. Der musterte ihn kurz mit geweiteten Nasenflügeln und schüttelte drohend die Kaffeebüchse mit den durcheinanderwimmelnden Würmern, von denen einige über den Rand schwappten und wegkrochen. Er sagte ihm, er habe etwas Böses getan und seine Jugend sei keine Entschuldigung für seine Grausamkeit. Zwang ihn, den Haken herauszuziehen und das zuckende Geschöpf so lange in den Händen zu halten, bis es starb. Dann hielt er ihm das Ködermesser hin und befahl ihm, ein kleines Grab auszuheben. Sein Ton war erschreckend fremd, als seien sie bloß zwei beliebige Menschen auf dieser Erde, als sei ein unsichtbares Band zwischen ihnen durchschnitten worden.
Nachdem er den Frosch beerdigt hatte, klopfte sich der Junge umständlich den Dreck ab, um nicht aufsehen zu müssen. Sein Vater sagte ihm, er solle eine Weile über seine Tat nachdenken, und ließ ihn stehen. Der Junge lauschte den verklingenden Schritten, und als ihm die Tränen in die Augen stiegen und ihm der lehmige Geruch faulender Blätter in die Nase drang, ging er in die Hocke. Er richtete sich wieder auf und sah auf den Fluss hinaus. Die Abenddämmerung schlich rasch ins Tal. Nach einer Weile begriff er, dass er länger geblieben war, als sein Vater es im Sinn gehabt hatte, doch er brachte es nicht über sich, zum Auto zurückzugehen, weil er Angst hatte, sein Vater habe ihn verstoßen. Etwas Schlimmeres konnte er sich nicht vorstellen, und so schleuderte er Steine in den Fluss und wartete darauf, dass sein Vater ihn holen kam. Als ein Kiesel ohne das gewohnte Aufspringen im Wasser versank und hinter ihm ein lautes Krächzen einsetzte, rannte er entsetzt los. Sein Vater lehnte an der Motorhaube, einen Fuß auf der Stoßstange, und machte den Eindruck, als hätte er auch die ganze Nacht dort auf ihn gewartet. Jetzt rückte er seine Kappe zurecht und öffnete die Autotür, um sie beide nach Hause zu bringen. Noch hatte er ihn nicht verloren.

Einen Roman der so beginnt, muss ich weiter lesen.

Fünf:

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Die Autonauten auf der Kosmobahn  von Julio Cortázar/ Carol Dunlop (Suhrkamp)

Eines Frühsommertages fahren Julio Cortázar und seine Ehefrau Carol Dunlop mit ihrem VW-Bus auf die Autobahn Paris – Marseille. Ausgestattet mit Proviant, Musik, einer Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen, verfolgen sie, beide bereits sterbenskrank, ein letztes gemeinsames Vorhaben: unterwegs alle 63 Rastplätze anzusteuern, auf jedem zweiten zu übernachten. Mit dem drängenden Eifer von Forschungsreisenden dokumentieren sie ihre Expeditionserlebnisse in einem Logbuch. Es gehen da die bukolischen Horizonte, Begegnungen mit Müllmännern, Beschreibungen erster Skorbut-Symptome, überdies Fotos von allerhand Fauna und Seltsamkeiten und detailgetreue Geländeskizzen ein – bald auch, unter tätiger Mithilfe ihrer Fantasie, dunkle Bedrohungen durch mörderische Hexenjäger und Geheimagenten. Und bei alledem leben diese Reisenden in der Enge ihres Gefährts wie Liebende auf einer einsamen Insel.

(Suhrkamp)

Vor einem Jahr hat Bersarin in seinem Blog Aisthesis dieses Buch besprochen. Die Anregung wirkte fort und nun habe ich es endlich erworben und auf den Stapel gelegt.

Sechs:

kreuzbergKreuzberg 1968- 2013: Abbruch, Aufbruch, Umbruch von Dieter Kramer (Nicolai Berlin)

Dieter Kramer legt  hier ein beeindruckendes Zeugnis über den Wandel von Kreuzberg Süd-Ost vor.

Viele Stunden habe ich schon über dem Buch gesessen und die Bilder von damals mit denen von heute verglichen. Sogar ein schönes Foto von meiner Straße ist dabei, aus der Zeit, als Kreuzberg noch ein Arbeiterviertel war und an jeder Ecke Schulle getrunken wurde.

Sieben:

Diese vorüberrauschende blaue einzige Welt kast
Gedichte zu Lebensfreude und Endlichkeit
von Verena Kast (Pendo)

Durch eine Empfehlung von Frau Wildgans stieß ich auf dieses wunderschöne Buch, das leider nicht mehr verlegt wird aber antiquarisch noch zu haben ist.
Abschiedlich leben, so nennt die Autorin die Lebenseinstellung die hinter den Gedichten steht, die sie in diesem Band versammelt hat. Eine Haltung, die sich sehr schön bereits im ersten Satz von Kästners  Gedicht  Die zwei Gebote widerspiegelt:
Liebe das Leben, und denk an den Tod!
Das Buch ist in mehrere Abschnitte  untergliedert, die von der rauschenden Lebensbejahung hin zur Trauer über die Vergänglichkeit und schließlich zur Annahme des Todes führen.
Dringende Leseempfehlung für jeden der Lyrik liebt und den Tod in sein Leben aufzunehmen bereit ist.

In den letzten Wochen habe ich viel zu wenig in Blogs gelesen um zu wissen, wer dieses Stöckchen inzwischen schon gefangen und beantwortet hat. Wer noch nicht dran war und Lust hat die Frage zu beantworten, schnappe es sich bitte!

Kokon (*txt.)

10. April 2015 § 6 Kommentare

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Beim Absenden einer wichtigen Mail schaltet sich plötzlich mein Handy, das mit dem Laptop verbunden ist, aus. Als ich es wieder einschalte ist der 1. Januar 2000, 2:39 h.
Das Jahrtausend hat eben begonnen und mit ihm erreicht mich die sms einer Freundin aus jener Zeit, die ich durch den grundsätzlich anderen Weg, den unser Leben damals nahm, aus den Augen verloren habe. Sie möchte wissen ob meine Nummer noch stimmt und ob ich zu Ostern in Frankfurt war um dort den Geburtstag meines Vaters zu feiern.
Zwanzigster April. Daran erinnert sie sich.

Die Vorstellung noch einmal das neue Jahrtausend zu beginnen gefällt mir und die Nacht über, als ich wieder einmal nach Schlaf suche und ihn nicht finde, frage ich mich, ob gleich der Silvesterabend 1999 symptomatisch für das Jahrzehnt war, das ihm folgen sollte.

Ich verbrachte diesen Tag, damals noch ohne Hund, in einem kleinen fränkischen Dorf mit einer bewegten Geschichte, die ihm sogar ein Schloss mit einem Barockflügel von Balthasar Neumann bescherte.
Die Witterung glich an einem milden Nachmittag im November: Nebel hüllte den Wald und die Felder, die das Haus umgaben, in Stille und wir blickten durch die große Glasfront in das milchige Nichts, das das scheidende Jahrtausend bemäntelte und dem kommenden den Weg verschleierte.
Eine trübe Wasserwand. Stehende Gischt.
Meine Murmel.
Beim Rauchen auf der höher gelegenen Terrasse, eingewickelt in eine weiche Decke, fühlte ich mich wie in einem kühlen Kokon, in dem das Leben stehen geblieben war.
Es war ein helles, ein schönes Gefühl.
Eine Sekunde Stillstand im Weltenlauf.
Die dunkle Trommel drehte sich nicht, die Scholle stand einsam und ich auf ihr in diesen Stunden des Abschieds von dem Jahrhundert meiner Geburt.
fin de siècle
Drinnen flackerte der Kamin.
Wir aßen, wie meist, mit den Tellern auf den Knien vor dem Feuer und schauten den Flammen zu, die an den knisternden Holzscheiten leckten, ihre Oberfläche aufbrachen und sie Stück für Stück in lichtgraue Asche verwandelten, zu der wir beständig neue Scheite legten.
Um Mitternacht hörte man das dumpfe Grollen von Böllern, irgendwo weit entfernt, hinter dem Waldstück bei Sömmersdorf. Draußen blieb es dunkel, kein Feuerwerk erhellte den mitternächtlichen Himmel.
Das Feuer prasselte und züngelte, wir schauten uns an, zuckten mit den Schultern und waren erstaunt, wie leicht und still die Geburt eines neuen Jahrtausends über die Bühne gegangen war.
Gegen halb drei morgens gingen wir ins Bett.

Auf der Rückfahrt schien die Sonne über grauen Orten und der Zug schlängelte sich durch eine Landschaft, die die gleiche war wie immer, auch wenn die Zeit aus den Bergen Hügel gemacht hatte.
Der Nebel sollte mich für die nächsten neun Jahre begleiten.

Dieser Text ist ein überarbeiteter Beitrag von April 2014. Er ist Teil dieses Projektes.

Heimweh

7. April 2015 § 10 Kommentare

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Sehnsucht ist die Nabelschnur des höheren Lebens.

Søren Kierkegaard

Die Glasraupe krümmt und streckt sich im Wechsel.
Jede Dehnung bringt sie ein Stückchen vorwärts.
Durch ihren Körper hindurch sehe ich die Schrift, wie durch eine Lupe; in der Mitte groß, zu den Rändern hin kleiner werdend.
Ich kann nicht lesen was dort steht. Es gelingt mir nicht, mehr als nur einen Buchstaben zur gleichen Zeit zu erkennen. Es gelingt mir nicht, die Buchstaben zu Worten zusammen zu setzen.

Die Statik hat sich verändert. Ein wachsendes Haus.
Von der Kehldecke zur Kuppel. Eine Kirche.
Ich bin noch nicht mitgewachsen.

Ich lege den Kopf in den Nacken und blicke hinauf ins Gebälk.
Der alte Kindheitstraum: oben, von der Empore seilt sich eine große graue Spinne ab. Schnell zurrt der Faden aus ihrem Leib, beinahe im freien Fall stürzt sie auf mich zu, ihre Beine greifen ins Leere wie tastende Fühler, ich stehe gelähmt, will schreien, bleibe stumm, öffne Augen und den Mund, spüre, wie sie meinen Rachen berührt, landet, Halt findet auf meiner Zunge. Der Fallschirmspringer. Sie läuft ins Dunkle, ich schlucke.
Dieser unvorstellbare, markerschütternde Ekel. Würgen. Verzweiflung über meine Unachtsamkeit, auch über ihren Tod. Ich bin vergiftet. Jedes Mal aufs Neue.

Mein Großvater im Talar, das dunkle Holz der Kanzel.
Cola und Chips, der Leib und das Blut.
Armer Jesus.
Wieso opfert der Vater seinen Sohn?

Der schwule, junge Pfarrer mit der Beule im Schritt.

Die Schildkröte gräbt einen Fluchttunnel zum Nachbargarten.
Wir finden sie und bringen sie zurück in ihren Käfig.
Am Morgen sehe ich meine Mutter mit verweinten Augen. Während wir schliefen hat sie die kleine Tusnelda mit dem Absatz ihres Stilettos aufgespießt.
Ich hasse sie dafür.

Ende des Monats werde ich sie wiedersehen, zum ersten Mal nach so vielen Jahren.
Ich fürchte mich nicht mehr davor.
Ich habe eine unerwartete, beinahe ungeduldige Sehnsucht nach ihr. Nach stiller Versöhnung. Ich habe nichts mehr zu verzeihen. Ein Menschenkind wie ich. Ihre Hand nehmen, die pergamentdünne Haut spüren. Der Rest an Leben, der durch ihre geduldigen Adern fließt.
Sie wird mich nicht erkennen.

Mama, werde ich zu ihr sagen, vielleicht zum letzten Mal.

Töle nehme ich mit. Sie ist so freundlich zu jedem Lebewesen.

Bild: By Dirk Ingo Franke (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons
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