Marathon/ Reset

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Die Leipziger Straße ist ausgestorben. Tot starren die Fenster der riesigen Wohnblöcke.

Mutierte Bakterienstämme, großflächig eingesetzt von der Senatsverwaltung für Soziales, haben längst die gesamte prekäre Bevölkerung ausgelöscht. Die neu angekommenen Galeristen und Medienprofis aus München, Stuttgart und Düsseldorf verschanzen sich hinter einem hochwirksamen antibiotischen Nebel.

Nur wenige Zuschauer haben sich am Straßenrand eingefunden. Sie tragen Atemschutzmasken.

Der Helikopter am wolkenlosen Himmel kündigt den sich nähernden Pulk an.

An der Ecke zur Charlottenstraße steht eine Gruppe von Trommlern. Ihre treibenden Rhythmen steigen hinauf in das stählerne Azur und vermischen sich dort mit dem Wummern der Rotorenblätter.

Ein Clown in den französischen Nationalfarben feuert die Vorbeigleitenden mit zittriger Stimme an.
Es ist inzwischen Abend geworden und die Sonne verschwindet hinter dem Finanzministerium.

In der Nacht liege ich in der Mitte des Bettes und breite beide Arme aus.
Niemand, für den ich mehr Platz machen müsste.

 

 

 

 

 

Bild: John Doe: Leipziger Straße
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Sand

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Der Sand unter meinen Füßen riecht nach Kippen und Urin. Ich atme flach durch den Mund und lausche dem Stimmengemurmel im Garten. Durch das Einstiegsgitter des Hohlraumes unter der Veranda, beobachte ich die Gäste. Sie rauchen und trinken und lachen dazu. Meine Mutter trägt ein tiefausgeschnittenes Kleid, ihre Haare sind hochgesteckt und die Augen schwarz geschminkt. Der Mund schimmert hellrosa und wenn sie lacht, sieht man, dass auch ihre Zähne vom Lippenstift eingefärbt sind. Wie immer, wenn sie in Gesellschaft ist und zuviel getrunken hat, wird sie laut und fällt ihrem Gegenüber ins Wort. Nach dem nächsten Glas wird sie anfangen ihre Hand auf den Arm des anderen zu legen, beim Lachen den Kopf in den Nacken zu werfen und andere Marilyn-Posen einzunehmen. Sie wird die Männer, mit denen sie sich unterhält, mit verführerischen Blicken bedenken, sie zu knebeln versuchen, derweil mein Vater ein paar Meter weiter ernste Gespräche führt und tut, als bemerkte er nicht, wie das Unheil sich mit großen Schritten seinen Weg bahnt.

Aus meinem Versteck beobachte ich sie voller Faszination, Ekel und Scham. Wenn sie nicht so schön wäre, denke ich, würde niemand sie mögen.

 

 

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Only the Lonely betritt den Saloon,
kriecht nicht hinein;
dreht sich nicht um,
wenn von hinten die Türe nervös,
klappklapp,
in den Angeln tanzt
und Gläser erwartungsbang klirren von vorn.

Schaut in den Spiegel und hebt die Hand.
Mutter bist du es, dein Stallgeruch.

Ein weiter Bogen von gestern bis heute.
Schicksalswink, ich danke Dir.

 

 

 

 

Bild: Melina Hermsen, Pferd, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/
 

 

 

 

Ich weiß es doch nicht

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Ich bin schon im Flur, als ich die Mail lese und nach dem ersten Satz laufen die Tränen. Das Telefon klingelt. Die Schwester, der Wasserschaden, die Versicherung, solche Sachen, die mir trocken im Kopf sind, wie alter Streuselkuchen. Ich weiß das doch nicht, weiß das alles nicht, und mir platzt der Kopf, der leere hallende Kopf, übervoll mit Pein, wie auch mein Herz und meine Seele. Alles tut weh, sitzt an der falschen Stelle, die Haut auf links gegen das rohe Fleisch getackert, bricht der Krater auf und es ergießt sich und ich antworte so gut ich kann. Höre ihre Verärgerung, von weitem, ihren Verdruss und denke an Dich, wenn ihr doch alle nur schweigen würdet, einmal, in dieser Wüste, in der kein Gras sich rührt und kein Zuhause ist.
Ja, sage ich, ich weiß es nicht. Kannst du vielleicht, und wir legen auf, den Hund neben mir verlasse ich die Wohnung und weiß nicht wie ich dorthin gekommen bin, noch wo ich war. Schien die Sonne?
Sie muss geschienen haben, die Sonne, denn sie hört niemals auf damit. Es kümmert sie nicht wer gekommen oder wer gegangen ist. Dieses Mal sind Wir es, die gestorben sind und der Ort an dem wir lebten existiert noch, doch wir sind nicht mehr dort.
Eingesperrt die Liebe in einem toten Raum, verlassen am Tisch, ohne Dich und mich, vor dem leeren Teller, allein in der Nacht, bleibt das Kissen leer, auch am Morgen und am Nachmittag, wenn die späten Sonnenstrahlen goldene Punkte malen und jeder für sich ist in seinem eigenen Leben voller Erinnerung, Verlust und einer neuen Einsamkeit, die anders klingt als jede andere zuvor.
Verloren haben wir uns, ob Schicksal oder Dummheit. Ich weiß es doch nicht. Ich weiß das alles nicht. Was geschehen ist, ist geschehen.
Wie konnten wir so achtlos mit einem so großen Geschenk umgehen.
Ich weine.

 

 

 

 

Gott am Feldweg

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Aber während ich zuzeiten in der Vorstellung selig war, daß meine Leiden endlos sein sollten, konnte ich es nicht ertragen, daß sie keine Bedeutung hatten. Jetzt finde ich an einem fernen Punkt in meinem Wesen etwas verborgen, das mir sagt, nichts in der Welt sei ohne Bedeutung, am allerwenigsten das Leiden. Dieses Etwas, das tief in mir vergraben liegt, wie ein Schatz auf einem Felde, ist die Demut.

Oscar Wilde

Traubentod

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In dem Kriminalroman, den ich schriebe, wenn meine Phantasie für derart fiktionale Texte ausreichte, ließe ich die dicke goldene Traube auf den Kopf einer alten Frau, oder besser noch eines kleinen Kindes stürzen. Das Kind wäre die Tochter oder der Sohn einer im Orte nicht besonders gut gelittenen Person. Leider würde das Kleine den Unfall nicht überleben. Doch halt, war es wirklich ein Unfall?, früge sich die zuständige Kommissarin, die mit dem (katholischen) Pfarrer des Ortes liiert wäre.
Am Ende, soviel weiss ich schon, war das ganze eine Falle der ehemaligen Haushälterin des Pfarrers und ihres Komplizen. Doch was genau das Motiv der beiden war und wie das alles zusammenhängt, weiss ich leider nicht.

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Am Klausener Platz setzt ein Betrunkener sich mir gegenüber auf die Tischtennisplatte. Mit schiefem Blick schaut er mich an und schaut und schaut und es liegt Wärme in seinem jungen, vom Alkohol verklärten, Gesicht. Ich ignoriere ihn so gut ich kann, esse weiter meine Nüsse und genieße das kühlende Blätterdach. Hinter uns rauscht der Kaiserdamm. Später wollen wir in den Schlosspark gehen. Aus dem Augenwinkel sehe ich den Betrunkenen, wie er mich anhimmelt und im Nachmittagssuff beinahe dahinschmilzt, bis er schließlich aufsteht und einen Schritt auf mich zu macht. Da erhebst auch du dich und er zögert. Ich liebe dich, sagt er.

Er hat ich liebe dich zu mir gesagt, lache ich, nachdem er gegangen ist.
Er war ja auch total hinüber, antwortest du.
Selbst die kleinen Bälle mochtest du mir nicht mehr zurückspielen.

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Am Abend komme ich über die Brücke. Vor mir liegt die Michaelkirche im warmen Licht. Als ich vor dem Backsteinbau stehe, denke ich an die vielen Menschen, die das Gotteshaus vor langer Zeit, in ihrem Heute, erbaut haben. Wie schwer sie gearbeitet haben und wie zufrieden und stolz sie bei seiner Einweihung gewesen sein müssen. Niemand lebt mehr, davon zu erzählen, und niemand, sich an einen von ihnen zu erinnern.
Ich versuche mir die zukünftigen Menschen vorzustellen, wie sie, an einem Septembertag wie diesem, durch die Straßen gehen, unsere heutigen Neubauten betrachten und versuchen sich ein Bild von uns zu machen, den Unbekannten dieser vergangenen Epoche. Werden sie eine Frau mit einem Hund an ihrer Seite sehen, die im Abendlicht nach Hause geht und einen langen Schatten auf das staubige Pflaster wirft?

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Der Sommer verabschiedet sich. Alles Schöne geht einmal vorbei. Dass auch wir enden würden habe ich nie geglaubt. Wir hatten uns gefunden.
Und wir haben uns verloren.

 

 

 

 

 

Esper, oder Wundersame Paranuss

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Früher waren in den billigen Studenfuttermischungen keine oder höchstens mal ein bis zwei Paranüsse enthalten. Heute kann man getrost die günstigste Variante kaufen und hat bei jedem Griff in die Tüte mindestens eine der nahrhaften Köstlichkeiten in der Hand.

Woran liegt´s?

Seit irgendwem aufgefallen ist, dass Paranüsse natürlicherweise so arg strahlen, dass sie eigentlich im Dunkeln leuchten müssten und deswegen verboten gehörten, will niemand sie noch essen. Als erstes flogen sie aus den Regalen der Bioläden, den Bewahrern der Volksgesundheit und Hirten des guten Lebens (1000Zwerge Wundersaft, Sonnenthor Erlösungstrunk, Abrakadabra-Schogetten), denn der Konsum von mehr als zwei meiner Lieblingsnüsse (pro Monat!) soll gesundheitsgefährdend sein, heisst es. Radium, Mikrosievert, dieses giftige Zeug. Der Preis für die Brasilianische Kastanie, wie die Paranuss (bei Wikipedia) auch genannt wird, ist seit ihrer Verdammung folglich äquivalent zur Konsumentengunst gesunken. Inzwischen werden sie verschleudert wie nix Gutes und jetzt jubelt man den Discounterkunden, die sich die teuren Luxusdinger bislang nicht leisten konnten, die entthronte Königsnuss, versteckt im hauseigenen, Studentenfutter unter. Ja! Die merken´s eh nicht, sondern freuen sich – im Gegenteil – darüber, wie einst Zonen-Gabi über ihre erste Banane.
Endlich kann auch ich soviele Paranüsse essen, wie ich gerne möchte und muss nicht mehr auf Erdnüsse oder ähnlichen Plunder zurückgreifen (wobei: Jiffy Erdnussbutter.. mmmhhhh) und das tue ich derzeit täglich. Denn: Paranüsse enthalten viel Selen. Das ist gut, heisst es, außerdem liefern sie jede Menge Fett und das ist noch besser, denn schon jetzt, in der Septemberglut möchte ich anfangen einen soliden Grundstein für meinen (gegen die drohende russische Kältepeitsche) schützenden Winterspeck zu legen. Außerdem verstärken Paranüsse, und das wissen die Wenigsten (Eingeweihte), die natürliche Aura des Menschen und verhelfen ihm damit zu paranormalen Fähigkeiten wie Gedankensteuerung, Telekinese und spontaner Selbstentzündung, worauf ich hier nicht näher eingehen kann, weil der Text sonst zum einen eine unglaubwürdige und alberne Wendung bekäme, und weil, zum anderen, das Wort Selbstentzündung in diesen Zeiten als versteckter Code missverstanden werden könnte.

Nicht schreiben möchte ich außerdem über die Burkiniverbotsdebatte (das haben andere bereits vortrefflich getan) oder über das mutmaßliche Ergebnis der bevorstehenden Berlin-Wahlen.

Abschließend möchte ich hier jedoch noch ein Thema wenigstens kurz anreissen: es kann schlimm enden, wenn der Schlauch einer Küchenarmatur mitten in der Nacht platzt, das Wasser sich seinen Weg in die darunterliegenden Räume sucht, dafür leider keiner haften will und eine eigene Versicherung bedauerlicherweise nicht abgeschlossen wurde, auch kein Rechtschutz. Deswegen Leute, wenn ich Euch einen guten Rat geben darf: versichert Euch was das Zeug hält und was der Geldbeutel hergibt, oder versucht ansonsten wenigstens mittels Telepathie Eure Welt vor dem Untergang zu bewahren.
Deshalb: Esst Para-Nüsse!

Keine Ratschläge bitte, es ist ganz anders als es scheint und ich gehe später einfach raus in die Sonne. Sie wird die Tränen des Kummers und hoffentlich auch die feuchten Wände trocknen.

Danach ist sicher alles besser.

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/