Behaupten

28. März 2015 § Ein Kommentar

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Später komme ich unter die Kobaltbombe, sagt sie und ihre Stimme klingt stolz.
Du wirst nicht bestrahlt, sagt mein Vater.
Doch.
S
ie besteht auf Unterleibskrebs.
Senkung, flüstert er.
Ist das schlimm, Papa?
Verstohlenes Kopfschütteln.

Wissenslücken kennt sie nicht.
Eine veritable Behaupterin.
Was ist das für ein seltsamer Baum, Mama?
Eine Birkenfeige.
Draußen in der Welt lerne ich die anderen Namen (: Korkenzieherhasel).

Nach der OP liegt sie noch eine Weile auf der Gynäkologie.
Die Rolle steht ihr. Krank und tapfer. Heiter, verspielt.
An Ostern versteckt sie Eier in Zimmer und Krankenhausflur.
Ich bin 14 und schäme mich beim Suchen in Grund und Boden.
Wunderbare Mutter. Rührende Familie.

Rauchend sammle ich mich vor dem Krankenhauseingang.

Als ehemalige Kollegin packt sie schon bald im Arbeitsalltag der Schwestern mit an. Macht das Bett, reinigt und desinfiziert, erneuert ihren Verband.
Hier ein Plausch, dort ein Scherz, Sektlaune. Kleine Freundschaften entstehen.
Eine Stimmung wie im Mädchenpensionat.

Zur Entlassung kommt das Stationsteam zusammen.
Große Herzlichkeit. Besuchen Sie uns mal wieder!

Vor der Klinik gefriert ihr Lächeln. Sie zündet sich eine Zigarette an. Mit schnellen Schritten läuft sie über den Parkplatz zum Auto.

Klack klack klack

Bild: Uniklinik Frankfurt, Wikipedia, Ausschnitt

Laß es so

27. März 2015 § 5 Kommentare

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Meine Gedanken segeln an einen Horizont aus Stoff.
Stille. Nichts rührt sich auf dieser Welt. Kein Lüftchen, Watte.
Das ist das Ende, der Blick in die Murmel, das Leben vor dem Leben.
Das Dazwischen, so hell.

Wo gestern es sprudelte, wo es sich drehte und wand,
Wo wir saßen, wir sprachen, auf der Bank, meine heißen Wangen, Herzklopfen,
Tränentropfen auf hellblauem Kaschmir, salzige Kristalle, Rotz. Aus tiefster Brust.
Verweilen für Stunden. Selbstgespräch. Wahn und Wahrheit. Erkennen.
Das zerrissene Tuch.

Bellende Hunde, spielende Kinder, April im März.
Heiserdunkler Falkenruf.

Nebenan eine Gitarre-  Let it be, laß es so.
Auf der Nachbarbank eine Lesende. Mein Gemurmel, bis ich sie bemerke (sowas machen immer nur die anderen).
Sie lächelt verständnisvoll. (Du hast keine Ahnung).

Später sitze ich mit B. da. Weitere Stunden. Sonne und Staub.
Paare, Gruppen, Rudel. Goldenes Abendlicht, sich neigender Tag.
Zwei Namensschwestern. Jetzt sitzen wir zu dritt.
Sitzen, besetzen, umsetzen.
Cappuccino, Berlingespräche.
Wandel, Wandel, Wandel.

4.500 der Quadratmeter.

Die Rote Insel ist inzwischen auch sehr begehrt. Wer hätte das voraus sagen können.
Man hätte es ahnen müssen.
Wir bleiben, es ist so schön hier.

Endlich

26. März 2015 § 4 Kommentare

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Vulvation steht auf der ausgebleichten Holzbank am Waldrand und ich stelle mir vor, wie jemand, ein junges Mächen, im Morgengrauen, als der Frühnebel noch über dem Wasser steht, mit stummer Miene diese Botschaft in die Welt bringt.

Eine Frau Anfang 50 kommt mir entgegen. Ihre betagte Barsoi-Hündin folgt ihr mit einigem Abstand. Das breite Gestell, der schmale Kopf, arthritisch der Gang, weich und verloren der Blick. Wie ein grasendes Reh senkt sie langsam den Kopf, nimmt einen Geruch auf und spürt ihm lange nach.

Bald wird sie fünfzehn, erzählt die Frau und ich staune über diese statistische Sensation.
Gemeinsam gehen wir ein Stück des Weges Richtung Insel der Jugend.
Es ist ein angenehmes, ruhiges Gespräch, das wir führen. Beide mit großer Aufmerksamkeit einander zugewandt. Eine ungewöhnliche Sympathie und Übereinkunft ohne jede Fremdheit.
Am großen Parkplatz geben wir uns die Hand zum Abschied. Ich bin A. sagt sie. K. antworte ich. Wir schauen uns in die Augen und lächeln.
Es gibt etwas, worin wir uns ähnlich sind, das fühle ich, doch ich kann es nicht benennen.
Eine Verletzbarkeit vielleicht, die vorsichtige Neugierde, das große Interesse an Menschen und am Leben, Vertrauen. Die Ehrfurcht vor dem Sein und vor dem Vergehen.

Vielleicht treffen wir uns mal wieder, sagt A. zum Abschied, wir sind oft hier.
Ja, das wäre schön.

Die blinde Hündin steht und schaut ins Nichts, als ich mit Töle weiterziehe.

Später suche ich im Netz nach einer alten Radierung, die ich in meiner Kindheit sah, darauf eine Frau und ein Barsoi. Doch ich finde sie nicht.
Ein Spaziergang mit meinen Eltern auf dem Lohrberg kommt mir in den Sinn. Ich, an der Hand meines Vaters, der Himmel grau, kalter Frühlingsregen sprüht mir ins Gesicht, mich fröstelt. Eine riesige, bauchige Flasche liegt im Gestrüpp. Darin eine Maus, halb skelettiert schon.
So winzig, so tot, so allein.

Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Sie weiß nichts  davon.
Ein Anruf. Jemand ist völlig unerwartet gestorben. Alles andere wird unwichtig.

Foto: „Grosser Stein Altentreptow Suedwest“ von Erell – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg#/media/File:Grosser_Stein_Altentreptow_Suedwest.jpg

Ahnung (*txt.)

21. März 2015 § 3 Kommentare

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Am Morgen das wurmzerfressene Gehäuse im Aschenbecher.

Eine Fährte im Halbdunkel. Umriss, Bewegung. Latissimus.

Schwarze Nacht, loderndes Osterfeuer. Fremde Arme, Herdengeruch.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung. Warm, kühl, nasal.

Wer bist du?

(Dieser Beitrag ist Teil dieses Projektes)

 

 

Bild: Lovis Corinth [Public domain], via Wikimedia Commons

Rot und weiß

20. März 2015 § 3 Kommentare

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Rot bin ich im Gesicht die Sonne.
Rot ist meine Bluse das Blut das mir ins Gesicht schießt von der Sonne.
Die kleine Laterne an der Hauswand. Irgendwo in Neukölln in einem anderen Leben.
Im Biergarten. Mir ist schlecht. Zum ersten Mal seit 7 Jahren esse ich Fleisch. Schweinenackensteak. Und ich rauche. Nach 3 Jahren wieder.
Mein Bruder und seine Frau streiten sich indem sie meinem Freund Komplimente macht und mit ihm anstößt.
Mit meinem Bruder stößt sie nicht an.

Eres una persona muy amable.
Bin ich komisch, bin ich eifersüchtig? Krankhaft? Ist das komisch? Kommt mir komisch vor.
Mir auch.

Das letzte Mal hat sie sich einem Anderen auf den Schoß gesetzt. Rittlings.

Stell dich nicht so an, du bist krankhaft eifersüchtig.

Inzwischen schläft sie mit meinem Exfreund, wie auch mit ihren Exfreunden und deren Freunden und den Exfreunden meines Bruders.

Geht mich das etwas an? Sie sind längst geschieden.
Wie ein Gorillababy sieht sie aus, hat er gesagt, ehe sie aus Mexiko nach Karlshorst kam. Im Garten mit der eingegrabenen Yuccapalme.
Wie soll die den Winter überstehen?
Die grabe ich wieder aus.
Das geht nicht.
Achso.

Die Parties dort. Jeder mit einer mitgebrachten Latina an der Hand.
Kennen wir uns nicht aus Quito?
Nein, ich glaube aus San José.
Schönen Ohrring hast du da. Woher?
Danke
, sage ich, den habe ich in Santa Monica, in Kalifornien gekauft.
Ah, man kommt rum! Nordamerika, Gringos.

A. schmult mir in den Auschnitt.
Mach mal: Patricia Hearst darf alles.
Guck, ich kann einen viereckigen Mund.

Genau so!

Später schenkt er mir das Foto auf eine Tasse gedruckt. Gesicht und Brüste von oben.
An den Schläfen 3 graue Haare.
Grauchen, sagt er zu mir, Eselchen.

Dabei wartet das Grauchen Zuhause, zusammengerollt. Fast 16 Jahre haben wir zusammen verbracht.
Mit ihm nur sieben.
Solange rauche ich bald nicht mehr.
Vielleicht ziehe ich woanders hin.
Vielleicht wird sowieso alles ganz anders. Von innen nach außen und von außen nach innen.
Während der Sonnenfinsternis sitzt die Katze draußen und schaut ins Licht, das Schwindende.

1999 schwiegen die Vögel im Garten in Schnellmannskreuth und Schinken und Haxe wälzten sich im Lehm.
Jede Menge dürre Katzen. Krank und struppig. Die Mutter rettet sie alle, sagt das Mädchen. Aber die Mutter ist nicht da und das Mädchen ist 17 und trägt ein weißes Kleid und will Schauspielerin werden. So herzerfrischend ist sie und so echt.

Bild: „Clothes line“ von w:User:Evil Monkey – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Clothes_line.JPG#/media/File:Clothes_line.JPG

Postfaschistische Hure, oder Die vergletscherten Flanken des Pik Schokalskowo

19. März 2015 § 12 Kommentare

liftarn-Dark-haired-woman-with-bangsKennen Sie sich aus mit Postfaschismus?, fragt die Frau, als sie von hinten an uns herantritt und legt dabei eine Hand auf M.s Schulter.
Sie spricht mit einem weichen Akzent, den ich nicht einordnen kann. Eine Französin vielleicht?
Nein, sagt M. freundlich und ich staune wie entspannt sie bleibt.
Nein? die Stimme hat jetzt mehr Nachdruck und auch der Griff wird fester.
Sie kennen sich nicht aus mit Postfaschismus?
Am Ende des Satzes schreit sie beinahe und die Stimme droht ins Hysterisch-Schrille zu kippen. Wortlos dreht M. ihre Schulter aus der Umklammerung und wir gehen weiter ohne uns umzudrehen. Die Frau lässt nicht locker. Keifend  läuft sie uns, inzwischen mit sich überschlagender Stimme, hinterher, und ich glaube ein leichtes Zittern darin zu hören,  als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie wild gestikulierend mit den Armen herum fuchtelt.

Sie kennen sich nicht aus?  Sie kennen sich nicht aus? Nein? Sie postfaschistische Hure! Sie Hure! Sie instrumentalisieren Andere! Das machen Sie!
Sie postfaschistische Hure!

Schweigend gehen M. und ich weiter und lassen die erzürnte Frau hinter uns am Boule-Platz zurück.

Ein Frühlingstag in Kreuzberg.

Foto:<a href=”https://openclipart.org/detail/16044/Dark haired woman with bangs”><img src=”https://openclipart.org/download/16044/liftarn-Dark-haired-woman-with-bangs.svg&#8221; /></a>

18. März 2015 § 2 Kommentare

Nicht das erste und sicher nicht das letzte Mal, dass ich wünschte die fabelhafte Mrs. Mop würde noch bloggen.

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