Drachelstaat

 

Die Tage ziehen vorbei und mit ihnen unzählige Bilder. Erlebte und erträumte Szenen. Viel Licht dabei und dazwischen immer wieder düstere Nischen.

Meine Wiege sehe ich. Sie steht unter einem Gaubenfenster. Milchiges Winterlicht fällt hinein, körnig und weiss wie das Mulltuch, das man mir vor den Mund gelegt hat. Eine Schnur ist quer über mir gespannt, kleine bunte Gegenstände sind wie Perlen daran aufgereiht. Ich betrachte sie und schlafe darüber ein.

Später stehe ich auf einer Wiese. Ich bin 5 oder 6 Jahre alt und habe zwei Zöpfe links und rechts. Mein Haar ist haselnussbraun, mein kurzes Kleid rosa gemustert. Ich trage Kniestrümpfe. Vor mir steht ein Schaf und schaut mich an. Ich möchte das Schaf streicheln, aber ich fürchte mich ein wenig. Stattdessen zupfe ich grauweisse Wollfetzen von dem Stacheldrahtzaun und verwahre sie Zuhause in einer alten Zigarrenkiste.

Ein paar Bilder weiter sitze ich in der Schule. Die Lehrerin trägt ein dunkles Kleid mit vielen erleuchteten Fenstern darauf. Wie ein Advendtskalender, denke ich, doch sie sagt: Das ist New York.
Als ich mit dem Hund am Bethanien vorbeischlendere, ist es plötzlich wieder kurz nach der Jahrtausendwende und vor der altehrwürdigen Fassade des Gebäudes steht eine Handvoll Kapuzenträger und grölt in die Schwärze der Nacht hinein:  Ihr seid keine Kreuzberger! und: Geht zurück nach 61! Gemeint sind die Bewohner des eben erst gegründeten Wohnprojektes New Yorck.

Ob es dieselbe Nacht war, in der ich auf der Westseite des Parks auch dem bärtigen Mann mit den kurzen dicken Beinen und der speckigen Lederhose begegnete, der seine drei Hunde spazierenführte, wobei der Kleinste die Leine des Größten zwischen den Zähnen hielt?
Scheißprägungsphase, nuschelte der Mann, als ich ob dieses merkwürdigen Anblicks laut auflachte, und: Kinder haben ihn an den Hinterbeinen gezogen, als er noch ein Welpe war.
Ich spürte einen Schmerz in der Leiste, nickte und ging weiter.

Die Hecken von damals sind verschwunden. Wegen der Ratten und wegen der Obdachlosen. Verschwunden ist der klingende Katamaran, verschwunden die Telefonzelle in meiner Straße und erst kürzlich verschwunden die Litfaßsäule.

Auch der Liebesnagel wäre verschwunden, hätte ich nicht beizeiten, ehe das Einebnungskommando kam, ihn aus dem Boden gezogen unter dem Vorwand, ihn in der Spree versenken zu wollen. In Wahrheit habe ich ihn natürlich in den bunten Seidenbeutel gelegt, wo er seither, zusammen mit dem Lottozahlengenerator, einem Abzeichen der KPD/ RZ und anderen Schätzen, darauf wartet, dem Pferdemädchen übergeben zu werden, welches fortan die Liebe und das Leben und die Erinnerung, weiter tragen wird, wie ein Staffelholz.

Die Hummel am See

Als Leke bezeichnet man in Norddeutschland kleine Entwässerungsgräben.
Schlot heissen sie, wenn sie zwischen zwei Häusern verlaufen.

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Mit gestriegeltem Haar und stramm geschnürtem Fußkorsett marschierst du allmorgendlich davon in deine Welt der sorgfältig hintereinander geschichteten Fokusse: Gedankengänge.

Alles an dir ist Disziplin, ist Ordnung, hat System. Selbst das sonntägliche Sichtreibenlassen und die damit verknüpften Bartstoppeln haben ihre Zeit und ihren Ort.

Dass ich nicht weiß wie du riechst, ist nicht allein meiner Dysosmie geschuldet. Du setzt deine Marken anders. Bewusst.

Wir müssen reden, bin ich geneigt zu sagen, obwohl nichts zu sagen mir einfällt, weil die kleinen Dinge nicht lohnen und die großen unaussprechlich sind wie die Familiengeheimnisse, die wir in uns tragen.
Dinge lösen sich auf, denke ich, das normalste der Welt und weiter nicht der Rede wert.
Nichts wird gut oder anders oder besser durchs Reden, würdest Du vielleicht antworten, wenn dieses Stadium wir nicht längst überschritten und uns dauerhaft eingenischt hätten in der Sprachlosigkeit. Wir können nicht reden über all das was wir beschweigen seit Anbeginn, damit nicht zusammenstürzt was brüchig, was Erbe ist.

 

Unvergessen die Hummel am Wannsee. Wie sie emporstieg in den blauen Frühlingshimmel, vor uns das Wasser und im Rücken die Villa, und wie ich ihr hinterher sah, und als mein Blick sich wieder senkte ich in deine Augen schaute, die auf mich gerichtet und so voller Bitterkeit und Argwohn ich  fand.

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Von Güterzügen wollte ich schreiben und tue es nicht, weil das auf´s falsche Gleis uns führen würde.

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Kolibri

                                                               

Fünf Tropfen meines mühselig aus dem Finger gepressten Blutes

(und wie sie so nähte und nach dem Schnee aufblickte, stach sie sich mit der Nadel in den Finger, und es fielen drei Tropfen Blut in den Schnee)

befinden sich auf dem Weg nach Österreich. Dort soll meine Desoxyribonukleinsäure auf einen angenommenen genetischen Defekt, eine seltene Speicherkrankheit, hin untersucht werden, welche sich hoffnungsspendenderweise mit regelmäßigen Infusionen behandeln ließe. Allein: ich bin sicher, diesen Defekt nicht zu haben.

Mittlerweile frage ich mich, ob es meiner exzentrischen Ausstrahlung geschuldet ist, oder ob das Vorhandensein schwerwiegender Vorerkrankunger die Phantasie der Mediziner derart beflügelt, denn immer, immer soll es der schillerndbunte Kolibri sein, wenn Mutmaßungen über meine Gesundheit angestellt werden, und niemals bloß die gemeine Taube oder der gewöhnliche Gramsamen, beim ersten Atemzug bereits ins frühkindliche Herz gepflanzt und mit den Jahren und mit jedem Rückschnitt vom Keimblatt zum stattlichen Baum heran gewachsen.

Dem Kolibri-Prinzip folgend tippt nun auch die vierte Ärztin auf einen Hirntumor und erbittet ein MRT. Gewiefterweise legt meine röhrenphobische und diagnostikmüde Seele gerade noch rechtzeitig Widerspruch in Form eines Lungeninfektes ein und so kommt es – schade, schade,schade – dass der seit Monaten anstehende Termin in der Radiologie abgesagt werden musste, das Schlaflabor (sleep & work) und die Grippeimfung gleich mit, und dass endlich Ruhe einkehrt in meinem Terminkalender und damit in meinem geplagten Kopf.
Was noch aussteht und worauf ich mich freue, ist der Riechtest beim HNO-Arzt. Anspruchslose Aufgaben, bzw. eine einfache Versuchsanordnung sind genau das Richtige in diesen Tagen. Ich hoffe, dass ich außer Zigarettenrauch noch ein paar andere Gerüche werde erkennen können. Der Fisch stinkt vom Kopf usw.

Einen unerwarteten Lichtblick bringt  die Anwendung des frisch verschriebenen Kortisonnasensprays, das mir beim heutigen Besuch des Paketshops einen sehr besonderen Moment bescherte. Was mir in dem kleinen Laden unerwartet in die Nase stieg, war eine Mischung aus Druckerschwärze, Tabak, Schreibwaren und Holz, ein so köstlicher und seit Jahren für mich nicht mehr riechbarer Duft, dass mir vor Freude und Ergriffenheit die Augen ganz nass wurden und der Mann hinter dem Tresen mich fragend anschaute, als ich ihm den Retourenkarton überreichte.

Auf dem Heimweg die Würze des fallenden Laubes.
Zuhause schmerzjubelnde Bach-Cantaten.

So kann es weiter gehen.

 

 

 

 

Musik zum Text:

(Gunthild Weber singt Bach „Seufzer, Tränen, Kummer, Not“)

(youtube-Direktlink)

Leine ziehen

Aus der Dunkelheit tritt ein Schatten an mich heran und sagt: Entschuldigung, ich bin Türke.
Fiebrige Augen starren mich an. Eine Hand greift nach meiner Schulter.

Ich bin Türke, wiederholt die Stimme und ich schaue mich um. Wir sind allein.

(Wenn doch nur Sommer wär)

Sie haben mich erschreckt, hätte ich sagen können, oder: Zieh Leine, Alter.
Nur bloß nie: Bitte tu mir nichts.

Am Ende bleibt immer nur Flucht.

 

 

Gab schon bessere Texte hier. Gab schon bessere Zeiten.

not just sad

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Wie es mir geht, willst du wissen, einen Fuß in der Tür und die Hand auf dem Lichtschalter, um vom Helllichten ins Verborgene zu entschwinden, dem unbekannten  Ort.

Ich könnte dir erzählen von dem Mann, der Helikopter reparierte und Frühstücksbrettchen aus Kirschholz fertigte und zufrieden war, dass es vor- und aufwärts ging mit seinem Leben. (Sein Bruderkuss, der zum Schwesternkuss wurde. Sein nächtliches Wachen, seine tägliche Suche).

Von den Güterzügen könnte ich berichten, den Talfahrten, den Gleisen ins Nichts, von der Grabesmüdigkeit, dem Dunklen Raum und den Himmelsleitern.

Auch von Kuh auf dem Hänger, würde ich dir sprechen, von ihren Rufen, ihrem Klagen, ihrer Einsamkeit und ihrer Furcht. Von den Wimpern des Kälbchens, seinen Marken im Ohr, von der alten Frau und der Handvoll Steine, mit der sie das rote Kätzchen von der Straße scheucht. Von dem Traktor und vom Apfelregen würde ich dir erzählen und von dem Adler über dem See.

 

Auf dem Rücken liege ich, der Himmel trägt grau. Ich atme ein, ich atme aus.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Fermín Guzmán, cdmx 2017, flickr
Lizenz: All rights reserved (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers- muchas gracias, Fermín!)

Schornsteinfeger ging spazier´n

Mit Jemandem, der mir bei einem Waldspaziergang erklärte wie einfach sich eine Leiche in der Höhle unter einem umgestürzten Baum verstecken lässt, würde ich nie mehr spazieren gehen, denke ich, als die kleine Polin mir lachend von den sonderbaren Äußerungen ihres Kollegen erzählt. Das ist ungefähr so schräg wie die Geschichte von dem Arzt, der mir gleich bei der zweiten oder dritten Verabredung seine frühkindliche Leidenschaft Tiere zu quälen und anschließend zu töten gestand. Glücklicherweise, so resümierte er, bot ihm später die Medizin ein geeignetes Ventil seinen Neigungen zu folgen, ohne Serienmörder werden zu müssen.
Es gab kein weiteres Treffen mehr zwischen uns.

 

(Nein mein Kind das darfst du nicht)

 

 

Bei Edeka an der Kasse steht ein zerzauster Mann. Während seine Wodkaflasche sich langsam auf dem Laufband nach vorne schiebt, schaut der Mann sich um und entdeckt zu seiner rechten den Absperrgurt, der bei Kassenschluss vor den Gang gespannt wird. Interessiert greifen seine derben Hände nach dem Gurt und ziehen ihn bis zum Anschlag aus der Halterung. Nachdem er den Gurt eine Weile beäugt und für die umstehende Komparsenschaft  in Clownsmanier hin und her gewendet hat, kommt ihm eine Idee. Mit ausholenden Armbewegungen und glucksenden Kehllauten wickelt er den Gurt nun um seine kreisenden Hüften und schaut entzückt an sich herab. Nach ein paar Sekunden, seine Flasche wird gerade eingescannt, setzt er seine zu einem Krönchen geformte Hand auf den Kopf und dreht sich tippelnd um die eigene Achse bis der sich lösende Gurt zurück in die Halterung schnappt.
Während der gesamten Darbietung verzieht keiner von uns Komparsinnen und Komparsen eine Miene.

 

 

Morgen wird die Tigerin operiert. Ich hoffe es läuft alles glatt.

Flor

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Die Nachbarin sorgt sich um die Florfliegen in ihrem dschungelartig zugewucherten Hinterhof und beklebt die von der Hausverwaltung aufgestellten Halogenscheinwerfer mit violetter Folie. Wenn die Florfliegen sterben, sagt sie, sterben auch die Vögel, und da hat sie wahrscheinlich recht. Die Hausverwaltung indes, vertreten durch den gewissenhaften Hausmeister, lässt die violetten Schutzfolien regelmäßig entfernen, um auch in der Nacht das sichere Betreten des Hofes zu gewährleisten und etwaigen Schadenersatzansprüchen vorzubeugen. Sie weiß um die Not der Florfliegen, die an dem gleißenden Licht zugrunde gehen. Auch wurde sie unterrichtet über die ökologischen Folgen des Insektentodes. Doch Fünfe gerade sein zu lassen, könnte das Unternehmen teuer zu stehen kommen und so müssen die Folien weg, es hilft alles nichts.

Das Prinzip der Körperschaft, der Corporate Identity oder des Teamgeistes wäre auch mal eine kleine Gedankenreise wert, überlege ich, während ich mit brummendem Schädel aus dem Fenster schaue und mich frage wo der Sommer geblieben ist. Immer weiß ich von allem nur ein bißchen, anders als beispielsweise der Bekannte, der sich sein Leben lang durch Papier arbeitet und den Dingen ordentlich auf den Grund geht. Die gewonnenen Erkenntnisse speichert er in seinem überaus gebildeten Kopf, ruft sie bedarfsweise ab und verarbeitet sie weiter. Zu welcher Entscheidung er wohl bezüglich der Florfliegen käme und wie er sie begründen würde, frage ich mich und verfolge weiter den Streit der Krähenvögel vor dem Haus. Mein Denken ähnelt leider nur einer auslaufenden Welle voller Treibgut. Flüchtig, wenig substanziell und ungeordnet. Ich bin eben ich.

 

In der Denkerei, so lese ich gestern, treffen sich ein paar Männer und machen, in Umkehrung der luhmann´schen Vorgehensweise, aus dessen Texten Zettel. Jeder Teilnehmer trägt dabei einen Tarnnamen. Wer keinen hat, dem wird einer zugewiesen.
Die Denkerei ist mit wandhohen Fenstern ausgestattet und von der Straße gut  einsehbar.

 

Verliebt wie in das Wort klandestin war ich einmal in einen Mann von dem ich jetzt erfahre, dass er tot ist. Wir waren so lebendig, dass ich gerade von ihm am Allerwenigsten erwartet hätte, zu erkranken,  geschweige denn zu sterben. Eine Ausstellung hat Ende vergangenen Jahres posthum seine Werke aus 2 Jahrzehnten präsentiert. Ich hätte sie mir nicht ansehen können.

Merkwürdig berührt bin ich auch von dem tweetweisen und vielfach gefavten und kommentierten Bericht über das Sterben eines geliebten Menschen. Öffentlicher Abschied, zeitecht dokumentiert. Bis zum Schluss. Die Hände vor´s Gesicht schlagen, schluchzen, resümieren, Selfies machen.

Je verstörender und bizarrer die Dinge um mich herum sich zeigen, umso schwerer fällt es mir, den Blick abzuwenden.

 

 

 

 

 

 

 

Bild:  Lieven Soete, danseurs en transit, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

 

 

 

Erntedank

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Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Ps 145,15

 

 

Die Sorgen werden konkreter und bleiben doch unbestimmt. Verschiedene Fachrichtungen sind inzwischen involviert. Kopfschmerzen, Einbuße des Geruchssinns und Gewichtsverlust. Da muss man auch an was Böses denken, sagt der Rheumatologe und überweist mich in die Neurologie. Die freundliche Ärztin dort wiegelt beruhigend ab, veranlasst aber zur Sicherheit trotzdem ein MRT vom Kopf sowie eine Untersuchung im Schlaflabor. Termine gibt es erst in 4 bis 6 Wochen. Bei Dr. Little Elk können leider nur Private polysomniert werden. Doch immerhin haben die Endokrinologen bald Zeit für mich.

Durch meinen Kopf donnern unterdessen außerplanmäßige Güterzüge, beladen mit Granit. Ihre Wucht drückt mich beinahe zu Boden, benommen stehe ich in meinem Bahnhof, Lautsprecher scheppern und ich hoffe, nicht ins Gleisbett zu stürzen. Dann wird es dunkel.
Inzwischen bin ich so abgemagert wie ich als Anorektikerin immer gerne gewesen wäre. Durchgeistigt, würde der Kanzler sagen. Ihm haben die Ärzte gerade zwei verschiedenfarbige Linsen eingepflanzt. Macht nix, sagt er und erzählt nebenbei von seinem nächtlichen Besuch in der Notaufnahme. Das Herz.
Leider ist die Zeit der leichten Flatterkleidchen vorbei. Ein erschöpftes Gespenst in schlackernd weiten Hosen schleicht langsam über den Platz. Ein schmutziges Tölchen wackelt mit steifen Beinen hinterher.

 

Chinarestaurant Werden Neu

 

 

 

 

Bild: High Ho, Erich Ferdinand, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/