Ihr habt die Bars und wir die Apotheken

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Wo Himmel und Erde ineinander fließen, klafft das Bodenlose. Niemand kehrt zurück von dort.

Ich lese, dass man jungen Mäusen das Blut alter Mäuse injiziert, woraufhin diese träge und schwach werden. Umgekehrt nützt das Frischblut in einem maladen System gerademal gar nix mehr. Nix.

Ihr habt die Bars und wir die Apotheken, flüstern heiser die Alten. Die Jungen lachen. Sie glauben noch an Ironie.

Auf Wikihow wird erklärt, was zu tun ist, um besser mit der eigenen Mutter klarzukommen. Falls dies, trotz präziser Anleitung, nicht klappt, wird empfohlen den Kontakt zur Mutter abzubrechen, denn : deine Gesundheit und dein Glück haben oberste Priorität.
In Ermangelung einer leibhaftigen Mutter hat dieses Topic inzwischen eher mäßige Relevanz für meinen Alltag. Ich werde mir trotzdem bei Gelegenheit eine Meinung dazu bilden. Meinungen sind die Asse im Spiel.

Bei der letzten Runde klappern dem Hund die Zähne. Windchill minus 10.
In der Mandevilstraße sitzen heute nicht einmal mehr die Soziologen oder Kulturwissenschaftler beieinander, um sich mit ernstem Blick und Überlegenheitsgesten auf ihre Ränge zu argumentieren und aus dem Augenwinkel die Passanten zu beobachten, wie sie die Soziologen beobachten, wie sie die Passanten beobachten in einem endlosen Regress, der Spiegel im Spiegel des Spiegels usw. Ein aussterbende Spezies in ihrem nächtlichen Aquarium. Schön, dass es sie noch gibt.

Lügenpresse sagt die schweigende Mehrheit und zerreibt was noch übrig ist zwischen den zur Faust geballlten Fingern. Die taffe Powerfrau warnt vor Abzocke. Zickenalarm, Nippelgate und solche Sachen. Manch einer mag sich heutzutage fragen, was Nippel mit einem Tor (gate) zu tun haben könnten. Hier ließe sich nun trefflich ein Scherz über  (tumbe) Toren platzieren. Am besten noch Thor Steinar mit ins Spaßboot nehmen und dann Richtung Horizont segeln (mit bekanntem Ergebnis). Aus Gründen der Souveränität verbieten sich derlei billige Juxereien.

Was wäre gewonnen, gliche das Leben einer Titelgeschichte des Goldenen Blattes und wir dürften wieder des Kaisers Untertanen sein?
Anderswo krönt sich einer selbst und möchte so gerne lieb gehabt werden, von allen.

Mutter! Mein Gott Sepia! Mutter wie kommt die Sepia hierher?! Mutter!“

 

 

 

 

 

 

Bild: Yoyintl, fryslan, stavoren gistermiddag.iris, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

I follow rivers

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(…)

1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge –

Friederike Mayröcker

 

 

Am Morgen ruft der Kanzler an. Ich sehe seine Nummer auf dem Display und weiß, daß das nichts Gutes bedeutet. Nicht um diese Uhrzeit. Mit klopfendem Herzen hebe ich ab.
Ganz ruhig redet er und mir laufen die Tränen, während er erzählt was geschehen ist, völlig unerwartet.
Ich kann gar nicht trauern, sagt er, nach einer Pause, so ist eben das Leben. Grausam.

Mich schüttelt es und ich denke: es steht mir gar nicht zu, so zu weinen, sie ist ihm viel näher als mir.

Heute Nacht habe ich sehr intensiv geträumt, sagt er dann unvermittelt. Ganz ungewöhnlich für mich. Ich träumte, dass ich fliegen kann. Nicht nur ein bißchen, sondern richtig. Zwischendurch dachte ich immer: das kann nicht sein, ich träume. Und dann war es doch so und ich flog 2000 und dann 3000 Meter hoch und immer höher.
Flieg du nicht auch noch davon, Papa, denke ich und sage es nicht.

Sie ist in dem gleichen Alter, wie unsere Mutter, als sie starb, dabei ist sie die Jüngste von uns fünfen.
Sie ist meine Lieblingstante,
sage ich.
Ja, ich weiß, antwortet der Kanzler, sie ist ein so sanfter Mensch.

Die Geräte sind abgeschaltet, wir warten auf den Tod.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle Zitat: http://www.poetenladen.de/theo-breuer-friederike-mayroecker.htm
Bild:
陶德, flickr, 20100829-0090,
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hackepeter

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Mit `wenn´s der Teufel will´, bin ich aufgewachsen und früh lehrte man mich, dass alles am Ende immer anders kommt und zwar meistens schlimmer als erwartet. Das Unglück klebte meiner Familie an den Sohlen. Wo andere über Blumen gingen, spazierten wir über Scherben. Seelische.

Pass auf!  und gib s auf! im Wechsel, Kafka und Robert Walser als Lektüre, selbst auf der Toilette, wo der alte, verstaubte Lüster von der schachthohen Decke funzelte und dunkle Schlingpflanzen über die Tapete wucherten.

Wo sollte das hinführen.

Nun bin ich beinahe alt wie eine Kuh und immer noch auf dem Katastrophenpfad, dem ich treu zu bleiben scheine bis zum Sankt Nimmerleinstag. Erst der Hund und dann die Katze, ich fass es nicht, es reicht.

Immerhin ist mir ein Maulwurf zugelaufen, einer der leakt, nix politisches, eher so im privaten Sektor, und das ist zwar nicht unbedingt schön, aber doch informativ und dient der Datensammlung, der persönlichen. Eines Tages kommt das jüngste Gericht. Mich darauf zu freuen wäre freilich Irrsinn. Tu ich aber trotzdem.

Wie hübsch sie den Lauf der Dinge in Worte kleiden konnte, meine Mutter, (es geht den Menschen wie den Leut´) die an der Seite des immer depressiven Vaters, dessen Lebenszeit nicht ausreichte um auch nur eine Langspielplatte aufzulegen, geschweige denn sich zu freuen, kaum bestehen konnte, außer im kindlichen Regress. Da stützte die Lahme den Blinden und umgekehrt. Gemeinsam rissen sie sich zu Boden und das nicht nur bildlich gesprochen, sondern wahrhaftig geschehen, an einem pastellfarbenen Sommerabend im Hafen von Audierne, wo die beiden, nach einem Abendessen mit jeder Menge fruits de mer und vin de table, strack wie Matrosen, ausgelassen albernd, vor ihren Kindern herumtorkelten, die Mutter zusätzlich behindert durch mörderische Absätze, und schließlich, sich aneinander festkrallend, hinschlugen, gefällten Bäumen gleich. Eine Erinnerung, die ich mit der Schwester teile, und die wir uns, an einem schönen Sommerabend auf dem Balkon ihrer Wohnung, gegenseitig vorlasen aus den jeweiligen Tagebuchversionen der älteren und der jüngeren Tochter, einen guten Franzosen im Glas als Verstärker Tröster  Begleiter.
Eltern sollten nicht hinfallen. Nicht vor den Kindern. Was sie in ihrem privatesten Privatleben tun, ist allein ihre Sache, solange die Kleinen draußen bleiben. Modelllernen.

Ganz in schwarz gekleidet, waren sie, beide Eltern, jahrein, jahraus.
Der Vater mit Zügeln an seinem Rennrad, steppend auf den Bodenplatten im Bahnhof, Saxophon spielend auf den Stufen vor dem Haus. Die Mutter mit dem Habitus der Professionellen gehobener Preisklasse. Von 1,60 m auf 1,75 m in nur 2 Sekunden. Goldene Lider zu pinken Lippen und an den Ohren klimper klimper.
In unserer Nachbarschaft waren wir weltberühmt.

Man weiß das ja alles gar nicht, solange man klein ist. Man ahnt es nur, manchmal, man spürt es, an den Blicken und den Worten und dem Ungesagten. Dem Verschämten.

Papa, sind wir anders?
Alle sind anders. Schlaf gut.
Du auch.

 

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Ruft der Unterfranke an und sagt: Schon gehört? Aus Hackepeter wird Kacke später.
Und ich so: Oh Mann, du bist eklig.
Und er so: Was gibt’s Neues?
Und ich so:  500 Euro für `nen Kratzer an der Stoßstange. Aus Pechvogel wird Glückspilz später.

 

 

 

 

 

 

Bild: Rolf Dieter (Ruinero), cow in the woods, Flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Blackout

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Ich hab immer mal wieder Phasen und Vorlieben. Derzeit sind es Unfälle und Artikel über Kriminalität, nach denen ichmehrmals täglich die Gazetten durchsuche. Ich kann gar nicht genug davon kriegen. Angefangen vom gestohlenen Autoradio Moped (Autoradios gibt’s gar nicht mehr, oder?) über das Ehepaar, das tot in seinem Haus aufgefunden wurde, bis hin zu der 18-Jährigen, die ihre Entführung nur vorgetäuscht und insgesamt schon 150 Straftaten auf dem Kerbholz hat. Fleißig, fleißig.
In etwa 3 Wochen, spätestens aber, wenn ich mein Umfeld derart sensibilisiert habe, dass es mir ganz von selbst und freiwillig die neuesten Kriminalfälle zuträgt, werde ich das Interesse an diesen schlagartig verlieren und mich anderen Dingen zuwenden. Ganz und gar.

Jetzt aber bin ich noch mit Herz und Seele dabei.

Eine Sache, die eng mit dem Thema Unglück verknüpft ist, die mich allerdings schon viel länger beschäftigt, und die, befeuert durch den Hacker-Angriff auf die Telekom vor wenigen Tagen, noch mehr an Raum gewonnen hat, ist das Feilen an einer tragfähigen Überlebensstrategie für den Fall, dass in Europa die Lichter ausgehen, vulgo das Stromnetz zusammenbricht, woran der Iwan, den Verlautbarungen zufolge, ja schon kräftig am Arbeiten ist.

Wie wird das sein? Wieviel Zeit werden gerade wir, die wir in der Stadt leben, haben um unsere Haut zu retten?
Geldautomaten und Zapfsäulen werden ebenso stillstehen, wie die Züge und der gesamte ÖPNV. Supermarktkassen werden nicht mehr funktionieren. Das Internet, das Telefon- und das Mobifunknetz werden ausfallen. Weder Wasser, noch Klospülung werden laufen, von der Heizung ganz zu schweigen.

Erst im Sommer hat die Bundesregierung die Bürger dazu aufgefordert für den Fall der Fälle eine Mindestbevorratung für 2 Wochen anzulegen. Konserven, Wasser, Kerzen, Batterien, Medikamente und unbedingt auch ausreichend Bargeld (wo doch der Bargeldsumpf als Nährboden krimineller Machenschaften möglichst schnell trockengelegt werden soll).

Was passiert eigentlich wenn beispielsweise im Krankenhaus nach 48 Stunden die Notstromaggregate aufgeben und die Beatmungsgeräte stillstehen? Wird der Arzt dann zum Sterbebegleiter? Überhaupt: wann werden die ersten Kliniken geplündert? Wo sind die Notfalltelefone? Wie weit ist der nächste Bunker entfernt, in dem Essen ausgeteilt wird? Was passiert mit den Pflegebedürftigen? Kommt da immer noch der ambulante Pflegedienst, oder muss man sich um die keine Sorgen machen, weil sie demnächst sowieso alle in Heime zwangseingewiesen und dann gemeinsam ver- oder entsorgt werden?

Was geschieht mit den Milchkühen? Wer soll sie melken, wenn die Maschinen ausfallen?
Wer füttert die Tiere im Zoo? Wird jemand ihre Käfige öffnen? Und dann?

Und die Atomkraftwerke, wie lange wird man sie kühlen können, so ganz ohne Strom?

Nachdem ich mir nun wochenlang haarklein überlegt habe, was ich einkaufen müsste, was in einen Fluchtrucksack gehört und wie ich mich mit einem kleinen Campingofen versorgen könnte, den ich übrigens mit den Holzpellets des Katzenstreus zum Brennen bringen würde, wieviele Kerzen ich im Haus vorrätig haben sollte und ob die Anschaffung eines Kurbelradios nicht sinnvoll wäre, fiel mir gestern Abend ein, dass das Haus in dem ich wohne ein eigenes Blockheizkraftwerk hat und folglich überhaupt nicht vom Stromausfall betroffen sein würde. Dieser Teil der Katastrophe bliebe mir also erspart.
Ich werde lediglich mit dem Lebensmittel- und Wasserproblem zu kämpfen haben und vielleicht damit, dass meine schikanöse Vermieterin dann endgültig die Axt auspackt und meine Türe einzuschlagen versucht, weil die Notrufsysteme längst alle ausgefallen sind und niemand niemandem mehr zur Hilfe eilen wird.

Was sie nicht weiß, die Vermieterin, ist, dass ich in einem lange zurückliegenden Anfall von Paranoia, meine Wohnungtür einbruchssicher habe machen lassen, indem ich auf die Innenseite eine Metallplatte montieren ließ und in an den Bändern einen Aushebelschutz. Da kann sie lange hacken und unterdessen wird ihr sowieso die Puste ausgehen, Kettenraucherin, die sie ist. Wenn ihr Suchtstoff dann eines schönen Tages endgültig aufgebraucht ist, wird es ihr wahrscheinlich ergehen wie Helmut Schmidt, kurz nachdem er aufgehört hatte zu rauchen.

Gemütlich werde ich, als eine der wenigen Stadtbewohnerinnen, in meiner geheizten Bude sitzen und ein köstliches Chili wird auf dem Herd vor sich hin köcheln, derweil draußen in der Eiseskälte die Welt untergeht.

Sobald die letzten Plünderer sich gegenseitig erschossen und die Krähen deren sterbliche Überreste beseitigt haben, verlasse ich, an einem schönen Apriltag, als einzige Überlebende in Kreuzberg Südost, das Haus, zusammen mit meinem lieben Hund (unbedingt das Medikament für sie bevorraten!) trete auf den leeren Mariannenplatz und blicke empor zu dem ehemaligen Bethanienkrankenhaus.
Durch die Eingangshalle des schönen Gebäudes schreite ich und nehme, begleitet vom Klackern meiner Absätze, den ersten Gang nach links, werfe, an dessen Ende angekommen, mit einem mitgebrachten Pflasterstein die Glastüre der Fontane-Apotheke ein, steige, den Hund auf dem Arm, vorsichtig über die Scherben und gehe zu dem deckenhohen Regal hinüber, wo ich sämtliche  Porzellandosen durchsuche, bis ich jene mit den Veilchenpastillen gefunden habe. Ich nehme sie herunter, greife hinein und lasse eine Handvoll der kleinen Kugeln in meine Jackentasche rollen.
So ausgerüstet setze ich mich in die Laibung des großen Westfensters und schaue hinunter in den Hof, wo ausgestorben die Wagenburg, das  Kreuzdorf  und das Rauchhaus liegen.
Den wundersamen Veilchengeschmack im Mund, denke ich über die erstaunliche Wendung meines Katastrophenlebens nach und lausche unterdessen dem Zwitschern der Vögel, bis es dämmert und es Zeit für uns wird zu gehen.

Draußen ist es kühl geworden, und rot glühen die Backsteine der St. Thomas- Kirche im Abendlicht.
Ausgelassen rennt Töle auf eine Gruppe Krähen zu, die krächzend davon hüpfen. Irgendwo bellt ein Fuchs.
Ich stelle meinen Kragen auf und atme tief durch.

 

 

 

 

 

Bild : Tom Stromer, St Thomas-Kirche im letzten Abendlicht, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Keimende Hoffnung und fliegender Rost

Wem das hier alles zu düster klingt, das gibt es auch, sogar im Novemder:

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und weil wir den 30. November haben, wird das heute ein 2 in 1 Beitrag. denn Frau Tonari ruft, wie jeden Monat, zur Rostparade und ich möchte dieses schöne Fundstück dazu beisteuern:

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Ein Kreuzberger Konvolut, gesehen in der Waldemarstraße im Frühsommer.

Einen schönen Tag Euch allen!

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Jeden Tag zieht sich die Schlinge ein bisschen enger. Bis die Zunge verlernt zu sprechen und träge sich drückt an den Gaumen, eine Banane zu zerdrücken im Sinn; Urnahrung, sofern niemand laktierte, was niemand tat (sonah). Die einzige echte (wollt ihr die totale) Autonomie. As long as it lasts, über´n See über´n See. Verweigerung. Widerstand.  Selbstbehauptung bis zur Selbstauflösung. Anderswo verhungern die Menschen. Diese schreckliche Hoffnungslosigkeit ringsum und das Leben so gleichgültig wie ein Plexiglastisch auf Hochflorteppich. Oder gleich drei davon, ineinandergeschachtelt, eine Matrjoschkalüge, vielfältig wie nachwachsende Haifischzähne. Solche Mütter gab es nie.
Regressiv und aggressiv. Mir doch egal und ihr werdet schon sehen. Wer nicht arbeitet der soll auch nicht essen.  Sozialschmarotzer sagen die einen und machen Menschenversuche per Abstimmung salonfähig. Erst die Dementen, dann die Behinderten. Später alle, die es sich nicht leisten können (frei zu sein). Am Ende steht jeder auf seiner Seite des Zaunes. (Gated oder arrested). Betrübt wiegen wir unsere gepflegten Köpfchen, betroffen zeichnen wir eine Petition, frustriert fressen wir Zimtsterne.

 

 

 

 

 

Bild: telmo 32, enter, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

 

Die Höfe der Wende (1)

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Love you darling, hauchst du am Schluss ins Mikrofon, danach ist es still. Eine Weile noch horche ich dem Klang deiner Stimme nach, dann ziehe ich den Zündschlüssel und steige aus. Weit spannt sich der Morgenhimmel. Mauersegler stürzen in die Häuserschluchten. Love you darling.

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Der Durchgang ist mit Pappe ausgelegt und aus dem Treppenhaus riecht es nach Keller und altem Holz. Hinten im Hof stehen zwei Bierbänke neben einem Schuttcontainer. Oben im zweiten Stock hängt ein Käfig im offenen Fenster. Der Gesang der Kanarienvögel vermischt sich mit den trägen Beats unseres Blasters und steigt an den Hauswänden entlang hinauf ins ewige Blau.

//

Wer bist du eigentlich, fragst du mich, nachdem du dich wie ein Affe das Baugerüst hinab gehangelt hast und mit einem Satz vor meinen Füßen gelandet bist, mit deinem schlaksigen Körper. Eine Selbstgedrehte im Mundwinkel stehst du vor mir und am liebsten möchte ich beide Arme ausstrecken, sie um deine unbekannten Hüften schlingen und mit geschlossenen Augen in deinen Bauch hineinatmen. Stattdessen greife ich nach meinem Weinglas und führe es an die Lippen.
Eine Gräfin! rufst du jetzt mit übertrieben wienerischer Färbung und setzt dich viel zu nah neben mich. Ich kann dein Waschmittel riechen und deine Haut.

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Als wäre es immer nur Sommer gewesen in jenen Jahren. Und so war es auch.

 

 

 

 

 

Bild: Piktorio, Hinterhof, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Das Wahre, das Schöne und das Geile

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Weißt Du, was das Geile ist?
, frage ich und erstaunt blickst du von deinem Buch auf.
Nein, ich weiß nicht, d-a-s Geile ist, antwortest du und ein amüsiertes Lächeln spielt um deine Lippen.
Also das Geile ist, sage ich und hole tief Luft, denn ich weiß inzwischen selbst nicht mehr, was das Geile überhaupt war, so ungewohnt ist mir mein eigenes Reden. Das Geile ist, wiederhole ich, um Zeit zu gewinnen, und suche und greife nach Worten, den erstbesten, irgendwelchen, während du meinen holprigen Versuchen mit hochgezogenen Augenbrauen aufmerksam folgst. Das Geile ist nämlich, wiederhole ich mich und versuche unterdessen im Kopf die Geschichte weiter zu spinnen, die ich dir gleich ersatzweise auftischen könnte, die mir am Ende aber leider weder besonders unterhaltsam noch in irgendeiner Weise geil gerät.

Nachdem ich fertig bin, schaust du mich noch eine Weile erwartungsvoll an und nickst, als du merkst, dass nichts mehr kommt.
Das Wahre, das Schöne und das Geile, sagst du schließlich und streichst mir mit der Hand über das Haar.

 

 

 

 

 

 

Bild: Frank Janowski, Ballerina Projekt Dresden, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/