sehr ungern (claro)

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Mit sehr ungern beantwortete ich früher beinahe jede Frage, die ein Anliegen an mich heran trug. Wollte beispielsweise jemand mal kurz mein Telefon benutzen, sagte ich: Sehr ungern, bat mich jemand um einen Kaugummi oder eine Zigarette bekam er die gleiche Antwort.
Die Fragenden, die bereits ihre Hand nach dem Ersehnten ausgestreckt hatten, zuckten dann jedes Mal zurück, als hätten sie sich verbrannt und ich verstand nicht, und zwar bis heute nicht, wieso sie meine Ironie nicht verstanden.

Ich hätte statt sehr ungern genauso gut sicher oder claro oder como qué non sagen können. Doch zu selbstverständlich erschien mir das, als dass ich es sagen und mich damit als besonders großzügig hervortun mochte.
So war es doch schon in der Schule: niemand meldete sich bei extrem einfachen Fragen, weil zu läppisch und weil man sich lächerlich vor der Klasse gemacht hätte, hätte man sein  1×1-Wissen zur Schau getragen. Die Lehrer, die ratlos in die schweigenden Gesichter ihrer Eleven blickten, nahmen unterdessen an, dass wir zu verblödet waren und nicht einmal die elementarsten Dinge wussten. Vielleicht plagten sie auch Selbstzweifel über die Güte ihres Unterrichtes. Sie hatten keine Ahnung, dass unser Schweigen Ausdruck davon war, dass man Selbstverständliches nicht fragt.

Meine Ironie habe ich über die Jahre verfeinert und antworte auf Bitten inzwischen mit: auf gar keinen Fall. Das wird besser verstanden, denn soviel rüde Zurückweisung traut mir dann halt doch niemand zu.
(Zigaretten und Kaugummis gibt es bei mir schon sehr lange nicht mehr. Heute kann ich auf gar keinen Fall zu einem Stück Kuchen einladen).

 

 

 

Bild: Neil Moralee, windwept and dangerous, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Glücklich

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Die Freundin schickt mir weitere Scans von uns und von mir.
Hier hatte ich ein Baby auf dem Schoß und ich erinnere mich, dass mich das sehr glücklich gemacht hat.
Ich sehe mich gerne als glücklichen Menschen.

 

Unzählbar

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Orgelreis steht auf der Plane des schwarzen LKW, der an uns vorbeifährt, und ich muss lachen. Weil ich immer über ungewöhnliche Namen lache. Eine Schwäche.
Idiot, sagt die Malerin, die neben mir spaziert. Ich hab nicht mitbekommen um wen es geht und frage sie, wie oft sie in ihrem Leben schätzungsweise schon Idiot gesagt hat. Das liegt im hohen sechsstelligen Bereich, ist nach kurzem Überlegen ihre Antwort.
Es gibt soviele Idioten, die kann man gar nicht mehr zählen, sage ich und jetzt ist es an ihr zu nicken.
Uncountable wie Sand sind sie, die Idioten, ergänze ich und sie brummt zustimmend.

Es ist heiß, der Frühling hat von Frost auf Grill umgestellt, Erdbeerhäuschen schießen aus dem Boden und überall flanieren nackte braune Beine. Kann ja nur Solarium, in so kurzer Zeit, denke ich, den hechelnden Hund unter dem Arm. Es ist schon ein mühseliges Geschäft mit bepelzten kranken Tieren in der Glut der Mittagshitze unterwegs zu sein.
Die Malerin und ich haben das Idioten-Thema für´s Erste beendet und uns jetzt auf´s Jammern darüber verlegt, dass nirgends Schatten sich fände und der Scheitel uns glühe und beinahe unerträglich dies sei. In Wahrheit mag ich es sehr gerne, wenn die Kopfhaut mir brennt und die Hitze sich schwer auf meine Schultern legt, doch ich möchte nach dieser anstrengenden Woche nicht unser einträchtiges Gemecker unterbrechen und so wettern wir lustig weiter. Harmonie ist alles.

Hinter den Riegelbauten in der Annenstraße setze ich den Hund endlich und ausnahmsweise ohne Fressschutz ab und lasse sie ein wenig durch´s Gras stiefeln. Keine zwei Minuten bis ein Schulbrot zwischen ihren Zähnen klemmt und ich sie anherrschen muss, damit sie es fallen lässt. Funktioniert tadellos. (Nicht auszudenken!)

Nachdem der Maulkorb wieder am Tier dran ist, passiert das, was immer passiert, nämlich dass jeder zweite Passant, ausnahmslos Männer, sich bemüßigt fühlt, mich auf meinen Hund anzuquatschen. Und sie tun es auf die immergleiche Weise. Die Jüngeren sagen: Hö, hö, Hannibal Lecter! und die Älteren schnarren mit unverkennbarem Biertimbre:  Du bist ja´n janz Jefährlicher, wa? Die Witzigsten fügen, generationsübergreifend, noch weitere Bemerkungen hinzu, etwas in der Art wie „dein süßes Frauchen willste verteidigen. Recht haste.“
Und ich denke: Uncountable
.

Wir stratzen weiter durch die seelenlose Neubausiedlung, die sich von der Alten Jacobstraße bis hin zur Leipziger zieht. Dort angekommen schaffen wir es trotz zügigen Schrittes nur bis in die Mitte der Straße auf die winzige Verkehrsinsel, den schmalen lebensrettenden Betonstreifen, dann zeigt die Ampel schon wieder Rot und wir stehen inmitten der Plattenbauten und der erbarmungslos flimmernden Hitze, während vor und hinter uns der wütende Verkehr auf jeweils vier Spuren vorbeidonnert. Diese Kreuzung ist immer wieder auf´s Neue eine große psychische Herausforderung, die wir nur mit lauthalsem Gemecker über misanthrope ampelschaltungenplanende Idioten unbeschadet überstehen.
Als wir die tosende Leipziger überquert haben, kommen wir auf den ruhigen Hausvogteiplatz. Ein rothaariges Mädchen mit langem, geflochtenen Zopf kreuzt unseren Weg. Sie sieht aus wie ein Engel, trägt ein lindgrünes Kleid auf ihrer Alabasterhaut und ich freue mich an ihrem traumgleichen Anblick und denke: jetzt kann nichts mehr schief gehen.
Die Malerin versucht noch halbherzig mich zu überzeugen, dass das Mädchen sicher nicht freiwillig einen so langen Zopf trägt, dass ganz bestimmt der Zwang ihrer strengen Eltern dahinter steckt, doch ich wehre ihr Geunke ab, überzeugt davon, dass das Mädchen ganz freiwilligerweise so hinreissend aussieht. An der Friedrichstraße flammt unser eben eingeschlafenes Gemecker noch einmal auf, wir schimpfen traditionsgemäß über die Touristen die in Sandalen und mit offenem Mund herum und natürlich immer im Weg stehen, doch sobald wir an der Mall of Berlin vorbei, aus den steinernen Ministergärten herausgetreten und endlich in die Kühle des Großen Tiergartens eingetaucht sind, wo es ruhig und grün ist, vergeht uns das Gezeter. Beinahe schlagartig ist es ruhig geworden, hoch und friedlich stehen die schattenspendenden Bäume, unzählige Blüten säumen die Wegesränder und Wasserläufe und verschwunden sind die Unzählbaren. Nur vereinzelt noch treten sie in Form von rüpelhaften Radfahrern auf. Doch man möchte ihnen nichts mehr hinterher rufen, weil im Schutze des Grüns aller Ärger verflogen und nur noch Freude ist.
Weiter westlich dösen die Schildkröten auf ihrem querliegenden, vermodernden Stamm, Enten ziehen ihre Bahnen über´s Wasser, aus dem Blätterdach zwitschert und tschilpt es und fernab von Lärm und staubiger Hitze spielen die beiden Hunde, toben wie die Welpen am Fuße der fedrigen Mammutbäume, jagen sich im Rhododendronhain durchs Unterholz und quer durch den raschelnden Farn und schließlich springen sie in einen brackigen Tümpel, wo sie sich ekstatisch im kühlen Schlamm wälzen. Nach einer Weile kommen sie zu uns herüber und schütteln sich kräftig, auf dass auch unsere Beine schwarz gesprenkelt seien und wir alle zusammen ein faulig stinkendes Rudel bilden mögen.
Auf dem Nachhauseweg trage ich ein glückliches, dreckiges und sehr erschöpftes Tölchen in meinen besudelten Armen. Mein leichtes Sommerkleid ist voller Flecken und ich bin sehr froh.
Seit ihrer Diagnose habe ich sie und mich nur selten noch so zufrieden und ausgelassen erlebt.

 

P.S.: Soeben erreicht mich eine Mail der Vermieterin, die zumindest nach Waffenstillstand klingt, wenn nicht nach mehr. Y!

 

 

 

Bild: Ross, Funnell, The Tiergarten, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Ein Tag im Tiergarten

Ganz spontan habe ich mir einen Tag freigenommen und arbeite dafür das Wochenende durch. Soll eh kalt und regnerisch werden.
Heute 29 Grad und Sonne von früh bis spat. Yay!

Euch allen einen schönen Tag!

Im Tiergarten blühen der Rhododendron, der Taschentuchbaum, die Ranunkelsträucher und vieles mehr. Frisch und grün leuchtet der Farn. Neben Lortzings Standbild  stehen zwei hohe Pappeln wie ein Tor.

Das Tölchen ist hasengleich mit dem Freundinnenhund umher gerannt. Sie haben sich gejagt und gebalgt. Schließlich sind sie mit Anlauf in einen brackigschwarzen Tümpel gesprungen und auf dem Nachhauseweg musste ich den widerlich stinkenden und total erschöpften Hund wieder tragen. Mein schönes Sommerkleidchen ist jetzt sehr sehr schmutzig.
Bei Lindner habe ich mir zur  Erbauung ein paar Zucchinipuffer geholt und beim Koreaner geschnittenes Obst.
Zuhause hab ich die Katzen rausgelassen und jetzt sitze ich hier, esse, trinke Tee und fühle mich sehr erholt und zufrieden nach einem wunderbaren Tag.

im Garten mit Isabel

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Herzklopfen als ich vor dem Einschlafen sehe, dass die Schwester zwei Mal angerufen hat. Auch der Anwalt hat sich auf allen Leitungen und per Mail gemeldet und bittet um Rückruf. Angst kriecht mir den Nacken hoch. Der Bekannte prophezeit Schlimmstes, wahrscheinlich steht weiterer Psychoterror ins Haus. Kaum spricht er es aus, rauscht es in meinen Ohren. Schlechte Gedanken nach 17 Uhr tun mir nicht gut. In der Nacht lasse ich mich wieder von der monotonen Stimme Judith Hermanns beruhigen und am Morgen rufe ich den Anwalt zurück. Manches klärt sich, doch es bleibt anstrengend und emotional aufreibend und ich weiss nicht woher die Kraft nehmen. Stellvertretend für den seelischen Mühlstein schmerzt und puckert mein verletztes Knie.
Nach dem Telefonat greift bleierne Erschöpfung und Traurigkeit nach mir. Das Gefühl der Verlorenheit.

Nur zwei Stunden später meldet sich der zweite Anwalt in der anderen großen Sache. Er bittet um ein Gespräch am morgigen Tag. Worum es geht will er mir noch nicht sagen. Meine Nerven.

Morgen wird auch der hauseigene Handwerker kommen und mich vermutlich zu diesem und jenem unauffällig befragen, unterdessen schleicht seine Auftraggeberin, die Vermieterin ums Haus und begutachtet die Fahrräder. Meines wurde vor ein paar Monaten im Innenhof platt gestochen, als Einziges. Jetzt habe ich ein Herrenrad, zur Tarnung. Das kaputte Rad habe ich stehen lassen. Zuviel Kraft kostet mich dieser Nebenschauplatz, der unerklärliche Hass dieser fremden Person. Wohnraum ist teuer, Ich habe kein Geld um mir eine andere Bleibe zu suchen. Das weiss sie und sie genießt es.

Derweil springen die Kinder durch den Garten wie ungelenke Fohlen.
Ein paar Mädchen schieben sich abwechselnd in einem Buggy umher und spielen Familie. Andere haben sich unter dem todgeweihten Bambus versammelt und schütteln dessen nasse Halme, um die Tropfen auf sich herabregnen zu lassen. Sie lachen.

Die liebste Freundin schreibt mir eine lange Mail. Ich solle mir keine Sorgen machen, sie fühlt sich nicht von mir vernachlässigt. Ein paar Scans von alten Fotos schickt sie mit. Auf einem davon sitzen wir zu viert am Tisch, mein Bruder, dessen damalige Frau, die Freundin und ich. Vor mir ein Päckchen Zigaretten. Vorbei, vorbei. Der Bruder ist schon lange aus meinem Leben gegangen, seine Ehe wurde nach 2 rasenden Jahren geschieden, ich rauche nicht mehr. Die Freundin ist mir geblieben und das ist so wertvoll für mich. Doch auch um sie sorge ich mich nach ihrem Treppensturz. Seit sechs Wochen ist sie nun arbeitsunfähig und die Wirbelsäule knirscht gefährlich.
Die Fotos zeigen uns im Garten ihrer Eltern, wo wir unbeschwerte Sommertage verbrachten. Nachts schauten wir nach den Sternen und redeten. In der Entfernung das leise Rauschen der Autobahn, im Süden der dunkle Saum des Waldes.
Ich sehe mich an auf diesen Bildern und erinnere mich auch an meine kleine Wohnung damals. An die Zeit nach der Klinik, die Wochen nachdem meine Mutter verschwunden war und mein Vater so krank, an Domestos, das mir die Kehle heunterrinnt, an blutiges Erbrechen im Flur auf dem fleckigen Teppich liegend. Haltlos weinend ohne Trost.

Es stimmt nicht, dass früher alles schöner war. Damals lagen mehr Jahre vor mir, der Trichter war weiter und die Perspektive ging bis zum Horizont.
Heute ruht der Blick auf dem Boden vor meinen Füßen. Jetzt ist nur noch jetzt. Einatmen, ausatmen und nicht an das denken, was geschehen könnte, sondern bei dem bleiben, was gerade ist. Es bleibt trotz allem, was sich dunkel am Horizont abzeichnet immer noch mein Leben, das einzige, und das ist viel besser als gar kein Leben, als unterzugehen im Mittelmeer, zu sterben in einem sinnlosen Krieg oder an einer unerfüllten Sehnsucht.

 

 

 

 

 

 

Bild: petershagen, flickr, non non allez pas
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/ (Rahmen entfernt)

Tite kaputt. Danke wodpess (Die Wandenabe, muscuus vastus ateais)*

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Eine Wandernarbe liegt auf meinem Bein. Ich verschiebe sie und schaue wo sie sich am Besten macht. Doch nichts kann die Narbe an meinem linken Oberschenkel übertreffen. Ich könnte ihr die Wandernarbe zur Seite stellen, als Zofe.
Schließlich nehme ich die Wandernarbe von meinem Oberschenkel herunter und lege sie auf das dunkle Holz, um sie später einzupacken, für unterwegs oder für bessere Zeiten. Als ich zurück komme, ist sie verschwunden. Vielleicht hat jemand anderes sie mitgenommen. Jemand der sie nötiger brauchte als ich. Der Gedanke ist schön. Es ist wie Lotto spielen: wenn ich nicht gewinne, weiss, dass ein anderer Mensch gewinnt.

* (WordPress akzeptiert im Blogtitel weder ein L noch ein R.
Der Titel dieses Beitrages wäre sonst gewesen: Die Wandernarbe, musculus vastus lateralis. Sei´s drum. Vielleicht freut sich jemand anderes über das L oder das R, Jemand, der es wirklich gebrauchen kann. Vielleicht ein Eselchen, oder ein Räuber).

 

 

 

 

 

Bild: Gedankensprudler, Eselchen, flickr
Lizenz https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Viel Gejammer und am Ende Helene Fischer (Arbeitstitel)

 

 

(youtube-Direktlink, Von Wegen Lisbeth, Wenn du tanzt)

 

Der folgende Text ist getragen von Selbstmitleid, Entzauberung und Niemand-hat-mich-lieb-Gequengel. Gentrifizierung und Touristenbashing kommen auch ganz kurz drin vor.  Die einzelnen Handlungsstränge basieren auf wahren Begebenheiten und auf echten Gefühlen.

Gegen Ende übernimmt aber meine innere Helene Fischer das Ruder und bietet der katastrophenmüden Leserschaft einen hoffnungsfrohen Ausblick auf ein besseres Morgen.

 

Eat this!, wie der Kieznekrotiker gesagt hätte:

 

Die Katze ist verdächtig anhänglich, ihre Pupillen groß. Der Hund fiept leise. Was haben die beiden bloß?

 
Die Vermieterin piesackt mich mal wieder. Baut Drohkulissen auf und versucht, mich einzuschüchtern. Sie möchte mich aus der Wohnung drängen, schon seit zwei Jahren, und hat aus verschiedenen Gründen schlechte Karten dabei. Ihre neueste Idee ist, mir die Tierhaltung zu verbieten, ebenso die Terrassennutzung, und nach dem Abholzen meiner Kastanie im Bottich warnt sie nun vor weiteren Zerstörungen. Ein klärendes Gespräch hat sie ausgeschlagen. Der Mieterverein wird sich darum kümmern, doch diesen Stress hätte ich trotzdem lieber nicht. Leider wohnt die Vermieterin im Haus und jeden Morgen, wenn ich sie die Weinflaschen der vergangenen Nacht in den Glascontainer werfen höre, zucke ich innerlich zusammen. Das mürbt.

 

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Meine Familie schweigt. Selbst der Kanzler spricht nicht mehr mit mir. Er ist ein alter Mann. Ich hoffe wir werden nicht so auseinander gehen. Ich befürchte wir werden so auseinander gehen.

 

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Der Bekannte ist von Haus aus ein Schweiger, er hat noch nie gerne gesprochen, am Wenigsten über sich. Außer zu Beginn, als wir uns kennen lernten. Da zeigten wir uns aus vollem Herzen wer wir waren oder was wir füreinander sein wollten. Mit den gebotenen Überzeichnungen und unter Einsatz geschickter Beleuchtung.

Der Bekannte verbringt seine Tage in der Bibliothek. Dort liest er und in den Pausen raucht er im Innenhof. Wenn er am Abend nach Hause kommt, räumt er seine Einkäufe in den Kühlschrank, macht sich ein paar Brote und liest weiter. Nachts, während mir ein Audiobook in die Ohren rieselt, höre ich ihn schwer atmen. Am Morgen ist er lange vor mir wach.

Hier und da plaudern der Bekannte und ich. Wir tauschen unsere Einschätzungen über das Weltgeschehen aus, kommentieren die voranschreitende Gentrifizierung mit ein paar alte-Hasen-Sprüchen und ich mit meinem Ureinwohnergehabe, wir bedauern den aktuellen Touristenbefall im Kiez und das lausige Wetter. Gerne kokettieren wir dabei mit unserer Lebenserfahrung und lachen oder lächeln süffisant.
Der Bekannte hilft mir bei juristischen Fragen, wie zum Beispiel der Abwehr der Vermieterinnenangriffe. Ich kann ihm bei nichts helfen, denn er teilt seine Sorgen nicht mit mir. Ansonsten lebt jeder für sich. Ab dem Frühjahr spazieren wir jeden Sonntag drei Stunden durch die Stadt und schauen uns Häuser an. Wald wäre mir manchmal lieber, aber der Bekannte hat für Chlorophyll und Vogelgesang nchts übrig. Er findet die Stille, die er braucht bei seinen Büchern.

Findest du mich schön?, frage ich ihn.
Nicht wenn Du so angestrengt guckst, sagt er.

Entzauberung hat mein Leben entzaubert. Das muss wohl so. Manchmal legt sich ein Blur darüber, ein weichgezeichneter Augenblick, doch insgesamt herrscht Sinnesflaute, daran ändert auch der zunehmende Zuckerkonsum nichts.
Es fehlt mir an Geborgenheit und vor allem an Musik.

 

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Ich vernachlässige meine Freunde.
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Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir GIFs an und kleine Videos, überfliege ein paar Snippets hier und da. Blogs lese ich nur wenig. Der Alltag und meine körperlichen Malaisen (primärtraumatische Meniskusläsion links) nehmen mich so sehr in Anspruch, dass mir die Konzentration für alles andere fehlt. Auch deswegen kommt mir Twitter gerade recht. Zwitschern, scherzen und dann weiter arbeiten an der Lebensformel die endlich Ruhe und Glück bringen und meine Welt wieder in ein warmes Spätsommerabendgold tauchen wird.

 

 

Helene sagt:

Immerhin lässt sich die Sonne ab und an blicken und sobald ich draußen bin, unter freiem Himmel im Licht, fällt beinahe schlagartig alles von mir ab.
Den Hund muss ich zur Zeit zwar fast durchgehend tragen, so schwach ist sie. Doch wenn ich sie auf dem Rasen absetze, wedelt sie, markiert und scharrt und schnaubt vor Freude und legt auch mal einen kurzen Sprint hin, so leicht ist ihr zumute. Und dann denke ich, dass ich mir ein Beispiel an ihr nehmen sollte: einfach drauflosleben! Atemlos! Tanzen!

 

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(Bitte beachten Sie, dass das obige Video in meinem kleinen zauberhaften Kreuzberg spielt!)

 

 

Eine Rose isst eine Torte

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Twitter hab ich´s schon erzählt.
Diese Torte kam heute per Bote. Sie enthielt weder Karte noch Absender und sie wiegt ungefähr 4 kg (really!).
Ich bin noch unsicher ob ich sie eher so 80er oder 90er finden soll.

Am Montag kommt mein Brieffreund aus Paris nach Berlin. Ich werde ihm ein Stückchen aufheben.

 

 

 

Familiengeheimnis

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Sie hatten die Verwüstung, die sie anrichteten, billigend in Kauf genommen.

„Ihre Mutter wusste was sie tat.“

In meiner Vorstellung war es meine Mutter, die Schuld an allem trug, und ihre Handschrift war der aktenkundige Beweis dafür.

Wir haben nie darüber geredet. Nur ein Mal, vor ein paar Jahren, als er zu Besuch war, habe ich den Kanzler gefragt, warum er es zugelassen hat. „Warum hast du nicht eingegriffen?“Ich wusste es nicht besser“, hat er geantwortet und war meinem Blick ausgewichen. Es tat mir weh für ihn und für uns.

In meiner persönlichen Erzählung hat der Kanzler getan was ihm möglich war. Ich bin für dich da. Für mehr war er zu schwach und zu verstrickt.

Irgendwann habe ich den Gedanken aufgegeben Anzeige zu erstatten. Es hätte nichts ungeschehen gemacht. Zwei der vier sind bereits verstorben.

Manchmal weiss ich nicht mehr ob das alles wirklich stimmt. Zu unglaublich ist es, um wahr zu sein. Die Narben sind über die Zeit zu hellen Strichen verblasst.

Wir plaudern um nicht daran zu rühren, dünn der Boden auf dem wir spielen, und hinter allen Worten steht der dunkle Schatten dieser Schuld, des blutschweren Familiengeheimnisses.

Erinnerung an Schmerzen, an Angst, an Haltlosigkeit, an Verlust und Unwiederbringlichkeit. Tränen und Versteinerung.

Erinnerst Du Dich an Onkel R.?, fragt der Kanzler und mir weicht das Blut aus dem Körper. Ja, ich erinnere mich, sage ich in einem Ton, der ihn erst aufhorchen und dann verstummen lässt. In seinem Gesicht lese ich, dass auch er sich wieder erinnert. Sein Körper sackt zusammen.
Der Onkel, die Kollegen. Meine Mutter. Nun erinnern wir uns beide und schweigen.

Nur langsam kommt das Gespräch wieder in Gang.
Wie konnte er vergessen.

Du musst Verständnis haben für deinen Bruder, sagt der Kanzler und ich frage ihn, ob er auch Verständnis für mich hat. Hast du Verständnis für mich?

Doch er will nichts hören davon. Er wird mir nie verzeihen, was sie mir angetan haben.

Heute ist der erste Todestag meiner Mutter.
Manchmal denke ich, wie gerne ich sie noch zur Rede gestellt hätte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, Frantz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/