Gewöhnung ist alles

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Rückwärts zählen. Wenn´s soweit ist ist´s nicht mehr weit und wer mit dem Diktator spielt, lacht auf Gruppenbildern um sein Leben. Tung!
I wont die in silence, steht auf der Hauswand. Viel Glück, hat jemand darunter gesprayt. Die Stadt spricht (,) auch zu den Verzweifelten. (Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden).

Ich mag keine Fotos auf denen eine sich überdreht gebende Person Essen oder Gegenstände in ihren weit aufgerissenen Schlund schiebt und dabei mit großen Augen in die Kamera lurgt. Das ist beinahe noch fieser als der TechNick.

Lurgen sollte ohnehin nur der Gärtner als Hüter des Steingartens in dessen Kargheit das Kraut und die Sukkulenten gedeihen, ein Chamäleon sitzt in der Bewegung verharrend und unauffällig mit den Augen rollend auf einem warmen Stein und denkt an Gott, wie der Kannibale in seiner Hütte.

Verknüpfungen sind alles. So ist beispielsweise der Weg hinter dem Bundesministerium des Inneren untrennbar verbunden mit dem Gedanken an eine Frau, die ich dort schon öfter beobachtete. Immer fliegt ihr ein kleiner Vogelschwarm voraus und auch hinter ihr sammeln sich die Vögel in den Bäumen und bezwitschern sie mal lustig und mal aufgeregt oder gurren und tippeln begehrlich vor ihren Füßen umher, derweil die Frau, von dem unglaublichen Schauspiel scheinbar unberührt, unter den Bäumen umherwandelt wie ein guter Geist und versunken ist in die Lektüre ihres Buches. Ganz anders jene Frau mit den Goldzähnen, der die Elstern hinterherstellten. Mit einer abgewetzten Alditüte schlug sie um sich und versuchte ihre gefiederten Verfolger loszuwerden. Jeden Tag diese Vogel, jammerte sie, als ich an ihr vorbeigehen wollte, und ich überlegte, ob und wie ich ihr erklären könnte was die Tiere so kirre machte, ohne ihr damit zu nahe zu treten. Doch mir kamen die richtigen Worte nicht und so zuckte ich hilflos mit den Schultern und zeigte ein mitfühlendes Gesicht. Unterdessen tschäkkerten die Elstern zu ihren Füßen angriffslustig weiter. Pica pica.

Es gefiel mir nicht, dass die Bauarbeiter beinahe zwei Jahre lang auf dem Gerüst herumturnten und ich mochte auch nicht mit welchem Lärmaufkommen sie es abbauten. Nun mag ich nicht, was sich an Unrat und eingetrocknetem Kot auf dem Gehweg vor dem Haus gesammelt hat und noch missfällt mir, dass man meinen vertrauten Stein weggenommen und mich dem Licht ausgesetzt hat.
Bald werde ich es lieben. Gewöhnung ist alles.

 

 

 

 

 

Bild: Minuro Karamatso, 1970s, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Kurze Frage

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Ist das eigentlich normal, ich meine, muss ich es ab sofort als gesellschaftliche Norm und somit als völlig okaaaay betrachten, dass niedliche Kleinkinder in zauberhafter Elfenbekleidung mitten auf dem Gehweg ihre Kindheit ausleben, dort sitzen, liegen, süß gucken, mit Kreide den Boden bemalen, Ameisen unter dem kleinen Daumen zerquetschen, Kippenstummel zählen, eben alles was so ansteht in einer urbanen Kindheit, dabei immer umrundet sind von ihrer begeisterten Familie und deren fancy Freunden, die das Kleine bei seiner gutgekleideten Menschwerdung fotografieren, es filmen und ermuntern Ei! und Winkewinke zu machen und es für vollkommen selbstverständlich halten, dass alle anderen, jener unsichtbare Plebs nämlich, der den Gehweg üblicher- und profanerweise als solchen zu nutzen gewohnt ist und zu stumpf und blind ist, um dem allergroßartigsten Kleinkind Bewunderung zu zollen, auf die Straße auszuweichen hat, damit die Prinzessin oder der kleine Rocker ungestört performen und sich frei entfalten können?

 

 

 

 

Antwort an mich selbst: ja, es ist.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Minoru Karamatsu, Early 1970
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Wenn die Vergangenheit dich einholt

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Das Gute: mein Abitur und mein Hochschulabschluss haben weiterhin Gültigkeit. Doch: die städtische Einrichtung bei der ich vor Jahrzehnten einen Schlüssel ausgehändigt bekam, besteht immer noch darauf, dass dieser in meinem Besitze sein müsse und fordert nunmehr 25 Euro von mir, um ihn zu ersetzen. Das Bizarre: das Gebäude in dem der Spind war, für den der Schlüssel passte, wurde vor ein paar Jahren abgerissen.

Als ich anrufe, erfahre ich, dass sie gerade von Karteikarten auf Computer umstellen und mir so auf die Schliche gekommen sind. Ich versichere der Dame am Telefon, dass ich längst keinen Schlüssel mehr habe (und bin angesichts meiner streng christlichen und überkorrekten Erziehung sehr sicher, dass ich die Wahrheit spreche, während ich vorgebe die Wahrheit zu sagen).

Das Ganze schicke ich sicherheitshalber nochmal als E-Mail hinterher und bin nun sehr gespannt wie es weiter geht.

Immer was los bei mir – wer würde nicht gern mein Leben leben wollen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Sprengung des AfE-Turms Frankfurt, Max, flickr Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Engelberg

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Mein Großvater war Bankdirektor und zog in die Schweiz um nicht in Frankfurt erschossen oder von seinen Enkeln entführt zu werden. Natürlich hätten wir ihn auch in der Schweiz hopps nehmen können. Haben wir aber nicht.
In die Schweiz fuhren meine Eltern immer nur im Winter und während sie mit der reichen Verwandtschaft Champagner schlürften, Beluga-Kaviar aus der blauen Dose löffelten und in Abendgarderobe im großelterlichen Wohnzimmer saßen, aßen wir Kinder Pommes bei Coop und tranken, angenehm unbeaufsichtigt, literweise Cola dazu.  Tagsüber sollten wir Ski fahren lernen, autodidaktisch versteht sich, bekamen aber aus Gründen der protestantischen Lebensführung kein Lifttcket und hatten schon bald den Kragen derart voll davon, mit kalten Füßen in zu engen, geliehenen und tonnenschweren Skischuhen und mit geschultertenm Kreuz Brettern, den Berg hinaufkraxeln zu müssen, bloß um nach einem so mühselig wie schmachvollen Aufstieg (über uns die Sessellifte mit den beinebaumelnden Häretikern) läppische drei Minuten lang, unbeholfen mit den Armen rudernd, abfahren zu dürfen, dass ich die Skier gegen einen einfachen Holzschlitten tauschte, mit dem ich wieder und wieder gegen das Gemäuer des alten Klosters am Fuße des Idiotenhügels rauschte. Ich stellte mir vor, dass die Benediktinermönche, die dort lebten, eingeschneit von dicken Flocken und versunken in ihr Zwiegspräch mit Gott, ein leises Rumsen hören und sich für einen Moment verwundert an die rosawangige, rufende Welt da draußen erinnern würden, deren Echo längst in ihrer Seele verhallt war, ehe sie sich wieder ganz und gar ihrem Glauben hingaben. Der Gedanke gefiel mir so gut, dass ich meinen Bruder bat, sich zu mir auf den Schlitten zu setzen und mit mir gemeinsam den Hang hinunter zu rodeln, um so die Wucht des Aufpralls zu verdoppeln.
Am Abend waren wir übersät mit blauen Flecken.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Kloster Engelberg
Lizenz: alle Rechte vorbehalten

Espenlaub

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Den alten Bus hat dann doch der Unterfranke übernommen, auf dem freien Markt verkaufen ließ er sich nicht mehr. Während der Jahre in der Scheune haben ganze Mäusekolonien darin gehaust und der mit Birkenholz vertäfelte Wagen ist überall, auch hinter der Verkleidung, voll mit Mäusekot und Mäuseharn und aus jedem Winkel springt einem das gefährliche Hansa-Virus entgegen. Betreten geht nur mit Mundschutz. Kärchern allein wird nicht reichen. Der Unterfranke wird großflächig Desinfektionsmittel einsetzen und vermutlich alle Einbauten erst einmal ausbauen müssen. Verschrotten wäre einfacher gewesen, denn auch sonst ist nichts mehr frisch bei dem alten Gefährt, der Gasschlauch zerfressen, die Bremsen verrostet, der Schweller, die Schiebetür, ach. Statt 12 Monatsmieten dafür einzustreichen, wie erträumt, habe ich folglich keinen Cent dafür bekommen, aber immerhin bleibt der Bus en famille, das ist auch was wert.

Ich verplane überaus gerne Geld, das ich nicht habe und niemals besitzen werde
Eine meiner Lieblingsüberlegungen geht so: ich gewinne 7000 Euro Sofortrente steuerfrei im Lotto. Sogleich mache ich mich auf die Suche nach einem Grundstück und baue mir einen langezogenen Betonbungalow mit Flachdach und Innenhof darauf. Moos wird eine zentrale Rolle in meinem Patio spielen, auch einen Dackel werde ich haben, der seine holde Teckelschnauze in der Mittagsstund aufs weiche Moos bettet. Ansonsten natürlich polyamouröses Leben bei bodentiefen Fenstern in großen Räumen, lichte Raumhöhe dreifuffzich oder mehr, außen Bunker, innen hell und klar. Einsam müsste es stehen, mein Haus. Mindestens aber am Ende einer Sackgasse mit einem großen Garten ringsum, zur nächsten Straße hin begrenzt durch eine hohe Pappelwand, deren Laub im Winde wisperte und erzitterte, wie wir in den Nächten unter unseren Händen. Ein paar Taschentuch-, Tulpen- und Zürgelbäume stünden in Gruppen auf dem Rasen, ein Kugelahorn schmiegte sich an eine Silberpappel und die beiden wögen sich bei Nacht im Mondeslicht. Auf der bunten Blumenwiese wüchsen allerlei Kräuter. Mit Sauerampfer hielte ich mich bei Laune, während ich in einer Hängematte schaukelte und ein Buch läse. Der Ginkgo, ein Geschenk des Vaters, hätte einen Ehrenplatz. An Sommerabenden säße ich mit meinen Liebsten an einer hölzernen Tafel unter seinen ausladenden Ästen und äße französischen Käse, Oliven und Weißbrot, dazu ein leichter Tafelwein und Wasser vom hauseigenen Brunnen. Aus der Ferne wehte der Duft der Lavendelfelder herüber. Auch der Fluß wäre nicht weit. Dann und wann hörte man einen Kahn heiser tuten, oder war es der Ruf eines Käuzchens?
Am Morgen weckten mich die Vogelstimmen, am Mittag zirpten die Grillen, und am Abend leuchteten die Glühwürmchen für uns. In der Nacht schimmerte unsere Haut auf kühlem Tuch.
Alternativ dazu könnte ich mir auch einen LKW ausbauen lassen, oder ein Hausboot und darauf leben und reisen. Arbeiten würde ich nur noch wenn mir danach wäre. Ein bisschen schreiben hier und dort und an einer Familienchronik basteln. Einer in der meine Mutter der Queen of Hearts in Alice in Wonderland gliche und in der ich natürlich die Gute wäre, die ihr den Giftapfel ins Gesicht spiee um fortan mit meinem Äffchen und meinem Pferd und meinen Freunden ein schönes Leben in meinem Betonbungalow zu führen.

So in etwa.

 

 

 

 

Bild: Hermes Marana, window, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

for heaven´s hell

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Der Regen hat allen Schmutz aus der Luft gewaschen, schaumig läuft das Wasser den Rinnstein entlang und verschwindet in einem der vielen eisernen Münder des riesigen unterirdischen Schlundes.

Die Frankfurter Tante feiert Geburtstag, als ich ihre fröhliche Stimme am Telefon höre, fühle ich mich auf einmal sehr alt.
Wie ein schwerer Python liegt das Fieber seit Tagen auf meinen Schultern, der linke Arm ist geschwollen und die Lungenspitzen schmerzen. Das Wochenende verbrachte ich im Bett, schaute mir haarsträubende Immobilienfotos an (s.o.), lachte verzweifelt darüber und zwang mich, nicht Lungenkarzinom Endstadium zu googeln. Stattdessen konsultierte ich meinen inneren Arzt, der nach gründlicher Erwägung befand, dass seit der letzten Röntgenaufnahme Ende Dezember unmöglich finaler Krebs zu den Atelektasen hinzu gekommen sein kann und mir zur Verbesserung des Allgemeinbefindens Schokoladenkuchen empfahl : aufatmen in Deutschland und im Hintergrund angenehme Stimmen zu gefälligem Gitarrenspiel. Ansonsten schlafen, schlafen, schlafen und mich allem und jedem verweigern, weil ich es darf. Nach tagelangem Drängen beantworte ich schließlich doch noch mit letzter Kraft die verweifelte Frage nach meinem werten Befinden mit:

keine ahnung was mit mir los ist. fieber, lungenschmerzen, linker arm geschwollen und schmerzhaft. schlapp.

und erhalte stante pede folgendes zur Antwort:

Ich weiss was mit Dir los ist. La Bohème-Syndrom, auch bekannt als gelida manina Krankheit. Trifft nur attraktive Grossstädterinnen mit künstlerisch/intellektuellem Hintergrund. Lunge, Hände, generelle Ermattung – kein Zweifel. Diagnose eindeutig.

Sobald ich in der Lage sein werde eine passende Antwort zu schreiben, betrachte ich mich als geheilt. Lang kann´s nicht mehr dauern.

Bild: terrible real estate agent photographs, tumblr blog
Lizenz: Alle Rechte vorbehalten, siehe: http://terriblerealestateagentphotos.com/post/143858402678. Ach und: die Bilder gibt es auch als Buch zu kaufen

Maximal gorki

 

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In Bonn eröffnet eine Manufaktur für Lebensfreude und noch ehe ich weiter lesen kann, schweifen meine Gedanken schon ab und ich denke an Irina Palm, wie sie, um das Geld für die medizinische Behandlung ihres schwerkranken Enkels zusammen zu bekommen, mit ihren geschmeidigen Händen Männern am sogenannten glory hole zu Diensten ist und durch ihre ungeheure Fingerfertigkeit Berühmtheit im Rotlichtmilieu erlangt. Ich mochte den Film, weil ich Marianne Faithfull mag und weil ich weder das Wort blow job noch hand job bisher leiden konnte, es hier aber endlich einmal Sinn ergab.
Die in Bonn nun eröffnete Manufaktur ist aber mitnichten ein Institut für Intimmassage, hier wird Süßkram hergestellt, der immerhin der oralen Befriedigung dient. Doch leider versiegt bei mir augenblicklich jedwedes Interesse und verwandelt sich in naserümpfende Überheblichkeit und Langeweile, wenn ich das Wort Manufaktur lese. Das ist so lame wie Kunstetablissements, die sich allen Ernstes noch Salon nennen. Manufaktur ist abgegrast, öde, preisschraubendreherisch und qualitätsgauklerisch, denn vieles, was schmutzige Gichthände machen, können saubere Maschinen viel besser und schneller und gründlicher erledigen. Sollen die in ihrer Manufaktur meinetwegen ihre Pralinen mit der Hand formen, wenn sie soviel Zeit und geldgieriges Traditionsbewusstsein haben. Ich ziehe meinen elektrischen Zauberstab dem manuellen Rührbesen vor.

Doch die Welt ist zu schnell und Trantütigkeit unsere Rettung.

Maximal Gorki, schießt es mir durch den Kopf, als ich später im Bett liege, weil das Fieber immer weiter steigt, maximal Gorki, aber als Disco gedacht. Und ich freue mich an diesem Gedanken, den ich nur halb verstehe und der mich vor lauter fieberhafter Überdrehtheit und Panik schnell wieder in die Senkrechte bringt. Später am Tag komme ich auf die Idee die gläsernen Lampenschalen des alten Leuchters zu reinigen. Lange schon drücke ich mich vor dieser Aufgabe, aus Angst sie könnten dabei Schaden nehmen, doch heute ist der richtige Tag für dieses Wagnis und natürlich  geht es viel besser als erwartet. Beim Eintauchen der fragilen Teile in den viel zu schmalen Eimer fühle ich mich sicher, denn nichts kann in der Enge kaputt gehen. Wie auch die Schlaganfallpatienten damals lieber das kleine Stationsbad benutzten in dem es sich nicht so leicht der Länge nach hinschlagen ließ – no room! no room! – lediglich zusammensacken konnte man dort und meist blieb der Kopf heile dabei und das war mehr als die halbe Miete, denn mit etwas Glück – fifty/ fifty – prellte man sich die richtigen Stellen des ohnehin schon hälftig lädierten Körpers und erlitt keinen weiteren Schaden. So erklärten es die Patienten. Heute bin ich selber eine, wenn auch eine andere, und auch die Malerin berichtet mir von beginnenden Malaisen, deren Ursprung sie in der anhaltenden Lärmbelästigung am gestrigen Nachmittag sieht, als nämlich der Hauswart mit einem Laubbläser im Innenhof stundenlang Laub blies, dass die Scheiben schepperten und der Kopf schmerzte und Wut in ihr aufstieg. Ich höre ihr zu und denke Juli und freue mich an dieser apokalyptischen Geschichte, die besser ist als ein isländischer Vulkan, und lache und lache und lache immer noch.

 

 

 

 

Bild: David Hirsch, flickr, geo 07 07 009
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Pacifico

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Während die großen Kreuzberger Ausgehmeilen schon lange nicht mehr zu meinem Leben gehören, existiert meine Welt noch in den Seitenstraßen. Dort wo mittellose Menschen in einem Gesundheitsprojekt medizinische Behandlung erhalten und duschen oder ihre Wäsche waschen können, wo die kleine Robinie, als Übriggebliebene eines uralten Baumpaares vor einer der letzten Häuserlücken im Kiez steht, wo sich türkische Männer in einem neonbeleuchteten Café treffen, rauchend würfeln und Sportwetten abschließen, während im Hintergrund der Fernseher läuft, wo die unheilbaren Korsakowpatienten der nahegelegenen Einrichtung für nichttherapierbare Alkoholiker vor dem Kiosk sitzen, 10 Bierflaschen im Korb ihres Rollators, und scheinbar immer gut drauf sind, wo sich eine kleine Gruppe Männer und Frauen im von der Straße einsehbaren Garten des kurdischen Gemeindezentrums versammelt haben und ohne es zu wissen auf todschicken Chrom-Schwingstühlen von Gerd Lange sitzen, die sie, anders als die neuen Bewohner des Kiezes, nicht in einem der überteuerten Vintageläden erworben haben, um sie mit den bereits vorhandenen modern art und mid century-Möbeln in ihren frisch erworbenen Luxuslofts zu präsentieren, sondern diese schon seit den 60ern in ihrem Besitz und in entspannter Benutzung haben, fühle ich mich Zuhause. Geborgen. Im Vorbeigehen nicke ich meiner Nachbarschaft zu und man nickt zurück oder hebt die Hand zum Gruße. Kurz vor dem Kuchenkaiser steht ein blasser Mann auf dem Gehweg. Beide Hände umklammern die gusseisernen Streben eines Gartenzaunes, während die Füße unruhig hin- und hertippeln. Mit gedämpfter Stimme spricht er zu den Blumen im Garten und wendet den Kopf ein wenig ab, als er mich nahen sieht. Ich tue, als interessierte er mich nicht, überquere den Leuschnerdamm und trete auf den Oranienplatz, wo zu meiner Freude der Drachenbrunnen endlich wieder läuft und wo auf den Bänken unter den jungen Kastanienbäumen türkische Frauen sitzen, miteinander lachen, feine Häkelarbeiten verrichten und von Zeit zu Zeit den Männern beim Boule oder den Kindern beim Spielen zuschauen.
An der Nord-Westseite des Platzes, hat sich die Liga der gemäßigten Trinker zu ihrer täglichen Diskussionsrunde eingefunden. Schon von Weitem höre ich ihre tiefen Stimmen und ihr raues Lachen. Eine Frau ist auch unter ihnen.
Der kleine schwarzäugige Hund, den ich wegen der mit Ordner beschrifteten Neonweste, die er eine Zeitlang trug, bis heute Ordner nenne, löst sich aus dem Schatten der Trinkercommunity und kommt auf seinen kurzen Beinen zu mir herüber gewackelt. Seine freundlichen Augen schauen mich interessiert an. Ich lasse das Tölchen von meinem Arm herunter und setze es ihm vor die Füße. Doch sie ist müde und steifbeinig und so nehme ich sie nach einer kurzen schwanzwedelnden Umkreisung und Beschnüffelung wieder hoch und ziehe weiter in Richtung Mitte.

Der Weg führt mich am Treibgut, einem der gefragten Vintageläden, vorbei. Vor zwei Jahren traf ich hier auf Michael Stipe, der mit verliebtem Blick meinen Hund ansah und So beautiful! seufzte. Zu gerne hätte ich ihm bei der Gelegenheit gesagt, dass ich ihn für einen der besten Tänzer aller Zeiten und seine Performance zu Lotus für unnachahmlich halte, doch kaum etwas ist mir unangenehmer, als Fantum an den Tag zu legen und Menschen zu bedrängen, die sich inkognito und privat wähnen, also lächelte ich und zog meinen damals noch gesunden Hund aus dem Laden ins Licht.

Kurz hinter dem Treibgut liegt der Moritzplatz. Gleich mehrere Polizei- und ein Krankenwagen stehen vor dem Aufbau-Haus. Eine Radfahrerin gestikuliert wild. Es scheint nichts Schlimmes passiert zu sein. Das Pacifico nebenan ist gut besucht und zum wiederholten Mal denke ich, dass Pacifico ein wirklich guter Name für ein Lokal ist.
Auf Höhe des Pacifico hat jemand mit Edding EndZeitLiebe auf einen Begrenzungspfosten geschrieben. Durch die dahinter liegende Stallschreiberstraße geht ein langer Riss.

 

 

 

 

Bild: Thomas Timm, flickr, Moritzplatz
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/