familiär

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Seducer, mit tiefem Blick über hochgezogener Schulter und Augenaufschlag so schmetterlingsgleich.
Schatten du Wolkenbegleiter,
Glück mit spitzen Beinen unter glattem, rundem Bauch

 

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Der Kanzler ruft an. Zurück aus Spanien, wo die Cousine ohnmächtig inmitten toter Katzen und meterhohem Unrat aufgefunden wurde. Tagelang muss sie dort gelegen haben. Sie lebt, es geht ihr Tag für Tag besser und kaum erholt behauptet sie, der 2000 km entfernt wohnende Kanzler persönlich habe die Müllberge in ihr Häuschen gebracht.

Schon als Jugendliche hat sie heimlich für mich geschwärmt, erklärt mir der Kanzler.

Nächste Woche feiert der Kanzler seinen Geburtstag und er wird ins Brandenburgische reisen, um seinen Sohn zu sehen, der zugleich mein Bruder ist. Gerne hätte auch ich ihn getroffen, mit jeder Kerze auf seinem Lebenskuchen wird mir dieser Wunsch dringlicher, doch er fürchtet Ärger und Gram weil der Brudersohn ihn für sich alleine beansprucht und voraussichtlich einen seiner gefürchteten Tobsuchtsanfälle bekäme, wenn ich an einem der Nachmittage den Kanzler zu einem Waldspaziergang träfe.

Vergangene Nacht hörte ich mir eine Doku über das Leben einer Crystal- Meth-Familie an. Anderswo geht es viel schlimmer zu, dachte ich entsetzt und erleichtert zugleich und schlief erst am frühen Morgen unter dem Japsen und Schnaufen des ziemlich arg erkrankten Bekannten ein.

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Zwischen meinen Mails finde ich auch eine des hannoveraner Cousins, die ich um ein Haar in den Spam verschoben hätte, weil ich kurzzeitig vergessen hatte, dass ein Prof. Dr. im Postfach nicht zwingend ein Scharlatan sein muss, der mir überteuerte Allheilmittel für eben noch in hypochondrischer Furcht ergooglete Malaisen andrehen will. Auf Berlin-Besuch möchte er kommen, der Cousin, zusammen mit seiner Dr. -Frau. Ob ich ihm auch die Adresse und Telefonnummer meines Bruders geben könne. Doch ich besitze weder das eine noch das andere und versuche diesen weiteren Beleg familiärer Zerrüttung so beiläufig und unpathologisch wie möglich in Worte zu kleiden, was mir leidlich gelingt.

Später, beim nachmittäglichen Spaziergang, bleibe ich vor der auf eine Brandmauer gemalten Werbung für den Frackverleih seit 1914 stehen. Echter Wohlstand, denke ich, zeigt sich darin, dass man überhaupt eine Gelegenheit hat, einen Frack zu tragen, noch viel mehr aber dadurch, dass man ihn sich kauft oder maßschneidern lässt, statt auf eingemottete Leihware zurückzugreifen.
Ob 1914 wohl ein gutes Jahr für die Geschäftseröffnung war?

Wie ich so da stehe und nach oben schaue, fällt mir auf, dass hier, an der Ecke Brückenstraße, einer der letzten innerstädtischen Gebrauchtwagenhändler seinem aussterbenden Gewerbe nachgeht. Polierte schwarze oder silberfarbene Angeberkutschen mit viel PS und Doppelauspuffen parken, Schnauze zur Straße, auf der Brachfläche, die mit dem standesgemäßen silbernen Flatterband abgesteckt ist.
Früher gab es sowas an jeder Ecke, überlege ich beim Weitergehen, nun sind auch sie beinahe Geschichte, genauso wie die Bären im Köllnischen Park, deren Zwinger nur zwei Fußminuten entfernt ist.
Dort angekommen, ermuntert ein „offen“ Schild den interessierten Besucher in den ausgestorbenen Backsteinbau einzutreten. Mir fehlt heute der Selbstgeißelungswille, die beengte Tristesse, in der die Berliner Wappentiere jahrzehntelang gehalten wurden, in Augenschein zu nehmen. Für einen kurzen Moment nur bleibe ich vor dem Glaskasten mit der Handvoll angepinnter, verblichener Amateurfotos stehen, die an die letzten beiden Bären, Maxi und Schnute, erinnern sollen.
Sie waren Mutter und Tochter. Ein Leben lang.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: klam maik, berlin, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

danke, danke, danke!

 

Heute ist ein guter Tag. So scheint es zumindest.

Ein Jahr habe ich gekämpft und plötzlich, ganz unerwartet, öffnet sich eine Tür.
Ich weiß nicht wo die Fallstricke sind, es gibt welche, das zeichnet sich ab.
Der Anwalt wird es mir sagen. Doch dem Grunde nach habe ich Recht bekommen und mir wurde annähernd bewilligt, was ich brauche.

Ich kann eigentlich gar nicht glauben, dass jetzt alles gut sein soll. Ist das denn möglich? Ist das Katastrophenjahr vobei, darf ich durchatmen? Oder lauert das Biest um die Ecke und wird umso härter zuschlagen, sobald ich mich zurückgelehnt habe?

Ich nehme jetzt einfach mal das Beste an und freue mich. Wie eine Frühlingskönigin im Narzissengewand.

Und zur Feier des Tages widme ich der lieben dergl, die mich, wie viele andere auch (danke, danke, danke!) , moralisch sehr unterstützt hat in der schweren Zeit, als Joy-Division-Affine diesen Song von

Lea Porcelain:

 

 

 

 

 

Ein klitzekleines Kind übergab man mir. Eingewickelt in eine wattierte Decke, hatte es nur knapp die Größe eines Zeigefingers. Das zerknautschte rote Gesichtchen und die geschlossenen Augen zeugten von der nur wenige Stunden zurück liegenden Geburt.

Ich solle es zu seiner Mutter bringen, sagte man und obwohl mir unwohl dabei war, tat ich wie mir geheißen.

An den Weg zu der mir unbekannten Frau erinnere ich mich kaum, nur daran, dass das Kind, ein Mädchen, in meiner heissen Hand und dick eingepackt wie es war, zu schmelzen drohte, und sein winziger Körper eine solche Hitze abstrahlte, dass ich es kaum mehr zu halten vermochte.

Am Ziel, einem fünfstöckigen Gründerzeitwohnhaus, angekommen, trug ich es eine endlos lange  Wendeltreppe empor. Die Stufen waren so hoch und so tief, dass ich sie trotz meiner langen Beine nur unter Zuhilfenahme der freien Hand erklimmen konnte. Unterdessen ging es dem Kind in meiner Linken  immer schlechter. Doch oben angekommen, befand sich neben der letzten Stufe, eingelassen in einen Holzpfosten, eine Steckdose in die ich sogleich, als lebensrettende Maßnahme, ein Ladekabel steckte. Während ich, in der einen Hand das glühende Kind, in der anderen den Stecker, dort kniete, versammelte sich eine Gruppe Frauen in cremefarbenen Leggings, mit kurzem Flatterröcckchen und engem Spaghettitop an der Balustrade und begann einen stummen Tanz. Es war das Stasiballett und sofort fiel mir auf, dass eine der Frauen sich nicht synchron  zu den anderen bewegte. Auch ihr Körper verriet, dass sie nie und nimmer eine Tänzerin war.
Nun wusste ich auch, wer die Mutter des Kindes war: es war Frau Dr. Angela Merkel.
Das kleine Mädchen in der Hand stieg ich vorsichtig die Treppe wieder herunter und verließ das Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traum nach einer Dokumentation über sexuellen Missbrauch in der Familie

 

q – t

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Die Luft ist nicht gerade raus, aber viel ist nicht mehr drin. Ein Niemandsbalg, halb schlaff, halb gebläht. Der unspielbare Ball auf wintergrauem Rasen. Darunter stirbt oder erwacht etwas, was mehr oder weniger dasselbe zu sein scheint. Leben.

Verhalten bin ich, müde, maulfaul, mit nur gelegenlich auffrischendem Wind, ein altes, kaum nachempfindbares Mitteilungsbedürfnis an die Welt. Warten auf die Flut.

Meine Tage bestehen aus Sortieren und Schlafen, ersteres weil äußere Zwänge und letzteres weil ersteres letzteres unweigerlich nach sich zieht. Mit der Sonne, so hoffe ich, wird auch die alte Energie zurückkehren und die Zuversicht, mein sprudelndes Gemüt und meine ins Hyterische überdrehende Exzentrik.

römmpömmpömmpömm.

Bin ich irgendwann genesen von Schwermut und Introversion, so denke ich, werde ich ein Diadem aus Nudeln mit Hackfleisch flechten und es auf meine inzwischen wieder viel zu langen Lockenhaare setzen, dazu werde ich eine Bauchtasche mit Fotoaufdruck behaarte Wampe tragen. Bis dahin aber muss ich ernst und für mich bleiben.

(gute Typen bleiben für sich.
Nur Fliegen fliegen auf mich)

Das weiß inzwischen auch der gesellige und lebensfrohe Unterfranke, der aber aus Gründen der Freundschaft und langjähriger Verbundenheit trotzdem anruft und um Einlass bittet. Ich jedoch habe in reichsbürgerhafter Verschrobenheit und wegen eines starken Abschottungsbedürfnisses meine Türklingel schon lange mit einem Schalter versehen, der inzwischen dauerhaft auf Aus gestellt ist. Wer in meine privaten Räume vordringen möchte, braucht entweder einen Schlüssel oder meine Handynummer. Doch man freue sich nicht zu früh: auch dieses Gerät ist fast ganzjährig stumm geschaltet und sicherheitshalber mit dem Display nach unten abgelegt.

Ob er Rüpel dabei hat, frage ich mit ungeölter Stimme den Zutritt begehrenden Unterfranken und falls ja, ob Rüpel nass sei. Beides, antwortet der Unterfranke und sofort winke ich ab. Der Gedanke, meine Wohnung nach dem Hundebesuch und der unentrinnbaren Fellschüttelarie putzen, oder wahlweise den Schmutz an Türen und Wänden ertragen zu müssen, macht mich schon im Vorwege sterbensmüde. Frustriert legt der Unterfranke auf und ich mich ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen schicke ich ihm eine Entschuldigungs-sms, die er nicht beantwortet.

Auch die anderen Freundschaften ruhen. Weil – man errät es leicht – ich zu müde bin. Zu erschlagen. Zum Reden, zum Lachen, sogar zum Singen und Streiten, zum Spazieren, zum Freundinsein.

Stattdessen sortiere und schlafe ich weiter, in der Hoffnung, Ordnung in meine Existenz zu bringen. Ein sittsames Nebeneinander soll es werden, diess Leben, etwas wo alles seinen festen Platz hat, statt dieser Wundertüte voll zappelnder Gichtkröten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, unauffälliger Vogel, Nadja Varga
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/