Sonntagsruhe

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Im Radio reden der freundliche Johnny Haeusler und die freshe Margarete Stokowski über Feminismus und verstehen sich prächtig. Draußen windet es und ich stelle mir vor, wie es wäre im Odenwald zu leben. Am Liebsten in dem beschaulichen Weiler Klotzenhof. Der Bekannte sitzt neben mir und massiert beim Lesen seinen linken Unterarm, der ihn seit Tagen schmerzt, und die Tiere schlummern entspannt auf ihren jeweils bevorzugten Schlafplätzen.

Es ist Sonntag, die Glocken haben fertig geläutet und außer Bad putzen und ein wenig prokrastinieren (früher hieß das bummeln und wenn´s draußen stattfand lungerte man) steht heute nichts weiter an. Sollte der Hund unerwarteterweise ärztlichen Beistand benötigen, so habe ich diese Etwaigkeit vorausschauend in fürsorgliche Hände delegiert. Ein Tag Ruhe ohne Verpflichtungen. Himmlisch!

Ich bin zu dem Entschluss gekommen, lieber meine Behandlung vollkommen einstellen zu lassen, als auch nur den kleinen Zeh in irgendeine Klinik zu bewegen. Etwas anderes kommt nicht in Frage. Die vielen Monate, die ich in Krankenhäusern verbringen musste, reichen für ein ganzes Leben und ich lehne es ab mich als intensivbehandlungsbedürftig zu begreifen.

Natürlich werde ich versuchen, weiterhin ambulant in den Genuss der notwendigen Behandlungen zu kommen, aber wenn nicht, dann eben nicht. In Freiheit untergehen, Märtyrerin sein. Hach. Aus mr wird doch noch was ganz Großes werden.

Mein Leben, so dachte ich gestern beim Einschlafen, ist viel zu kurz und viel zu schön, um mich länger als nötig und hilfreich mit den mörderischen Systemzwängen zu beschäftigen. Es kommt wie es kommt. Noch so eine Weisheit, die man nicht oft genug wiederholen und die man sich nur leisten kann, wenn man ein loyales und großzügiges Unterstützerinnensystem hinter sich weiß.

Nachdem nun also für heute alle Sorgen abgeschüttelt oder meinetwegen auch nur bemäntelt sind, kann die Frage des Tages in Kant´scher Tradition nur lauten: gibt es hinterher noch Torte?

Euch allen da Draußen wünsche ich viel Zucker und einen schönen Tag!

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Don Vito, my loved cat, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Mitwirken

 

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Die absurdesten Dinge werden im Rahmen einer willkürlich erweiterten Mitwirkungspflicht von mir verlangt. Dinge, die ich weder erfüllen will, noch kann, doch wenn ich nicht tue, wie mir geheißen, droht man mir mit dem Schlimmsten. Wirklich dem Allerallerschlimmsten. Um die Schlinge noch enger zu ziehen, setzt man enge Fristen.

Intensivmedizinisch soll ich mich behandeln lassen, sogenannte Apparatemedizin. Ein Arzt müsste dabei ständig anwesend sein, was bedeutet, dass die Behandlung nicht in den eigenen vier Wänden stattfinden könnte. Das Dumme: die Behandlung soll ab sofort und ein (möglichst sozialverträglich kurzes) Leben lang laufen.

Meine Ärzte lehnen diese Forderung strikt ab. Sie halten sie, aus gutem Grund, für ungehörig, unangemessen, überzogen und unnötig, Die Behörde möchte weitere Gutachter einschalten. Es hört einfach nie auf.

Mein Hund hat derweil einen Rückfall erlitten. Sie verweigert Futter und das wichtige Medikament. Die Veterinärmedizin bemüht sich um sie und ich bin sicher wir kriegen das wieder hin. Zeit, Geduld – die üblichen Ressourcen, die inzwischen annähernd verbraucht sind.

Meine Schlafzimmerwände überwuchern unterdessen weiter mit schwarzem und grünem Schimmel, alles ist undicht, die Heizung schwächelt und die Fenster sind nur einfach verglast. Die Vermieterin lacht sich ins gehässige Fäustchen darob. Seit einem Jahr reklamiere ich diese Zustände und es passiert einfach nix, außer größeren und kleineren Gemeinheiten, wie beispielsweise dem Einbau gleich zwei neuer Schließsysteme im Haus, an denen ich mich mit etwa 500 Euro beteiligen soll, weil irgendwer einen Generalschlüssel verbummelt hat.
Ich und meine Lunge pfeifen auf dem letzten Loch: When the Saints go marching in

Wenn´s so weiter geht wird das doch noch was mit der Intensivmedizin.

Gegen wen soll ich noch alles klagen und ankämpfen (Motten. Lebensmittelmotten! Überall!) frage ich mich, und wie lange muss ich durchhalten. Wann endlich darf ich mich hinlegen, die Augen schließen und nicht mehr erwachen aus einem Traum von himmlischer Ruh.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Nadja Varga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Radar

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    Einer der Vorzüge, in einem Haus voll kranker Seelen aufgewachsen zu sein, ist der zuverlässige Radar, der sich durch die dauerhafte Wahnsinnsexposition entwickelt hat. Dieser präzise Ortungssinn befähigt mich zum Beispiel, die Stimmung eines Menschen schon dann genauestens zu erfassen, wenn er mit dem Rücken zu mir steht oder sitzt. Körperspannung, Körperhaltung, Bewegungsabläufe, Position im Raum, Atemfrequenz – all das spricht zu mir. Laut. Ich weiß, wenn jemand etwas im Schilde führt, lange ehe er es selbst auch nur ahnt. Ich erfasse intuitiv die kleinsten Zeichen, die sich mehr und mehr bündelnde Konzentration bei den unbewussten und doch zielgenauen Vorbereitungen, die leichte Unruhe, die unabhängig davon, ob Angst, Sorge, Wut oder Vorfreude der Motor ist, die Person in ein inneres Vibrieren versetzt, dessen Intensität und Klang mir jederzeit verrät wie weit der Prozess bereits vorangeschritten ist.

    Ich höre worüber geschwiegen wird und ich kann zwischen Wörtern unterscheiden, die etwas verdecken oder jenen, die etwas offenlegen sollen.

    Das sicherste Anzeichen eines bevorstehenden emotionalen Rückzuges oder eines nahenden Beziehungsabbruchs beispielsweise sind uneingeforderte Bekenntnisse und Beteuerungen, wortreiche Erklärungen, eine sich stumm entschuldigende, anfallsartige Schenkerei, überbetonter Optimismus, aufwändige Kittversuche, wo längst nicht mehr zu retten und das Kind bereits im Brunnen ersoffen ist.

    Bergen impossible.

    Überhaupt Schuldgefühle. Engste Vertraute seit frühester Kindheit.

    Eine Besonderheit unseres tiefprotestantischen Haushaltes war es nämlich, dass die Schuld und das schlechte Gewissen mit uns bei Tische saßen und mit brühendheißer Brotsuppe genährt wurden. Schon die Väter und Vätersväter hatten sie sich auf ihre gläubigen Schultern geladen, weil sie sich nur im Schmerz und in ihrer selbstunterstellten Schlechtigkeit fühlen und durch Buße zur Erleichterung kommen konnten, ein Zustand für dessen Erlangung wir Ungläubigen und Verlorenen später das Ritzen oder Erbrechen nutzten (Behauptungen, alles Mutmaßungen und Behauptungen). Die Schuld stand am Morgen mit uns auf und ging am Abend mit uns zu Bett. In den Nächten hockte sie sich bleischwer auf meinen Brustkorb und raubte mir für Jahrzehnte den Atem.

    Vor einiger Zeit versprach mir ein in der Ferne lebender Freund er werde mir ein Buch als Audiodatei einsprechen, eines, das ich mir selbst aussuchen dürfe und dann werde er mir dieses portionsweise zusenden. Da wusste ich was die Stunde geschlagen hatte und wählte ein Buch, dessen erste Kapitel alsbald eintrafen, doch ich begann erst gar nicht damit, mir die nach und nach gelieferten Fragmente anzuhören, wusste ich doch, dass mir das letzte Kapitel niemals zu Ohren kommen würde, weil die letzte Seite in unserer gemeinsamen Geschichte begonnen hatte und der Schlusspunkt bereits gesetzt war.
    Vorhersehbar war der Abschied und mit einer beinahe klamaukig anmutenden Dramaturgie wurde er schließlich zur Aufführung gebracht. Wenn ich schon nicht die gewünschten Gefühle zeigte, so sollte ich mich wenigstens ärgern, warten sollte ich, voller Ungeduld. Vielleicht sogar enttäuscht sein, doch genau das war ich am Allerwenigsten.

    Ich wäre nicht die Klassenbeste in der Irrenschule gewesen, wenn ich seine Strategie nicht von Anfang an durchschaut und nach bestem Wissen und Gewissen mitgespielt hätte.

     

     

    Times are hard, what else is new?

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Bild: Liszt Chang, flickr
    Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

In jenem Sommer

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Ich stand im zweiten Stock am Fenster und blickte über den hellen Sand hinweg auf das Meer. Blut lief meine Beine herunter und tropfte auf den weiss lackierten Dielenboden. Nach dem Duschen nahm ich eine Handvoll Toilettenpapier, um mir für´s Erste zu behelfen.
Erst am Nachmittag fasste ich den Mut meiner Mutter, die sich auf der Terrasse sonnte, zu erzählen was geschehen war. Sie rief meinen Vater herbei.

Mit ein paar Vokabeln im Gepäck wurde ich in die Dorfapotheke geschickt. Der nächste Hypermarché war weit entfernt. Nach serviettes hygiéniques solle ich fragen. Mit gesenktem Blick spuckte ich dem Apotheker, der bekittelt vor einer dunklen Holzwand mit Dutzenden Schubladen stand, die einstudierten Wörter entgegen und schämte mich, wie niemals zuvor.

Es war derselbe Sommer in dem meine tiefausgeschnittene, brathähnchenbraune Mutter in türkis–pink geblümtem Satin und auf irrwitzigen Stilettos, die Motocrossfahrer Philippe und Pierre, die es auf meine Schwester und mich abgesehen hatten, und seit Tagen in den Dünen herum cruisten, um uns zu beeindrucken, in den Garten lockte und bei Sekt und kokettem Geklimper ihre Wirkung auf die Jugend erprobte, bis den beiden Jungs schwindelig wurde vor lauter Hormonen.

In jenem Sommer gewann ich auf dem kommunistischen Volksfest eine Ente, die ich auf den Namen Hans taufte. (In Wahrheit machte ich es wie Voltaire und kaufte sämtliche Lose eines Glücksraddurchlaufes, um an das flauschige Küken zu gelangen).

In jenem Sommer zog sich meine Schwester einen Mückenstich in der Kniekehle zu, der sich zu einem fürchterlichen Abszess auswuchs, dessen Inhalt sich an einem windigen Nachmittag in zahnpastadicken Streifen in das dunkelblaue Meer vor St. Malo ergoss.

Auf jenen Sommer datiert eines der Lieblingsfotos, die ich von meinem Vater besitze zurück: er, im schwarzen Hemd, mit lackschwarzem Haar und schwarzer Brille, lässig auf die Stadtmauer gestützt und mit entspannter Miene auf´s Meer hinausblickend.

In jenem Sommer lernte ich beim Flippern, ein Freispel nach dem anderen zu holen, und den Apparat mit körperlichem Einsatz so zu manipulieren, dass der Ball nicht verloren ging und das Gerät nicht tilte.

Außerdem fand ich heraus, dass ich die Wangen einziehen und den Kopf schräg halten musste, um erwachsener auszusehen. Die Ähnlichkeit mit Lauren Bacall hat ihren Anfang in dieser Zeit.

Zwei Jahre später hörte ich längst Sex Pistols, hatte ein Kind verloren und kickte meiner Mutter eine Ladung Sand ins Gesicht, als sie mich am Strand vor den Augen aller ohrfeigte. Danach trat ich die Flucht in den sturmblauen Atlantik an.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jean-David & Anne-Laure, St, Malo 006 (Ausschnitt), flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Löschtaste

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Mit dem Finger an der Wand entlang, Worte ersinnen, die ein Blinder ertasten würde. Pünktchen-Botschaften auch auf den geprägten Taschentuchrändern.

I can see clearly now, summt es und die Zunge formt hinter geschlossenen Lippen die Worte dazu: I can see clearly now.

Beide Hände lege ich flach an die Wand in einem stummfilmischen Bedürfnis des Overactings. Horch! Das Ohr ruht auf dem groben Putz, die Augen zwischen Irrsinn, Empörung und frivoler Verzückung weit aufgerissen.

Andernorts hängt noch immer meine ausgestreckte Hand in der Luft, niemand der sie hätte ergreifen wollen. Nicht vor Publikum. Man muss nicht annehmen ständisches Denken hätte jemals aufgehört. Durch Nichtachtung sollt ihr die Fremden schmähen.

Könnte mir egal sein, wenn ich nur nicht so empfindlich ( ). Nicht erwiderte Höflichkeit stört mich seit jeher über Gebühr. Noch mehr, wenn sie sich unerklärlicherweise auf mich allein begrenzt und andere dargebotene Hände auf´s feingeistig Entzückendste willkommensäuselt.
Der Bekannte zieht die Augenbrauen zusammen. Ihm sind nun wirklich alle vollkommen wumpe, außer der Familie und mir. Ausgestoßen, auserkoren (ich erkiese, du erkiest, er/sie/es erkiest).

Mit Koliken schlage ich mich seit Tagen herum, jetzt weiß ich wie es den Pferden geht, oder den kleinen Kindern. Letzteres könnte ich selbst erinnern, gäbe es nicht diese rätselhafte Löschtaste der ersten Jahre. Was Du bis heute gelernt hast, vergiss getrost und pack die Pixiebüchlein weg, jetzt kommen Fibel& Bibel.

Ein Bild habe ich deutlich vor Augen: ein ellenlanger Gang (spannenlanger Hansel) und gleißendes Licht am Ende. Ein Fenster? Ein Kind fährt auf einem Dreirad, fort von mir ins Licht.
Vielleicht sind das auch nur Erinnerungen zweiter Hand, geborgt von der älteren Schwester, die damals schon alt genug war oder für alt genug gehalten wurde, um alleine einkaufen zu gehen. Da war sie drei oder vier Jahre und die Mutter zum dritten Male schwanger.

Der Bruder kam dann auch gleich ohne Herztöne zur Welt, so geht die Mär, genau weiß man´s ja nicht, denn viel wurde dazu erfunden und ersonnen und außerdem: Löschtaste.

Die Sonne scheint, die Uhr tickt, der Schicksalstag rückt näher und damit eine Entscheidung über mein weiteres Leben. Ich schwanke zwischen Angst und Zuversicht und ich freue mich auf die Zeit wenn dann doch mal alles gut gegangen ist und ich endlich die Muße finde die schöne Musik zu hören und würdigen zu können, die eigens für mich aufgenommen wurde. An meinen Klangrezeptoren läuten derzeit leider meist nur die Glocken: Alarm.

(Wenn´s erst vorbei ist, wird die Erinnerung an diese bangen Monate gelöscht).

 

 

 

 

 

 

gif Quelle: rebloggy.com

Ochsenhunger

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Dem Mann am Telefon erzählte ich ich trüge einen schwarzen, hautengen Catsuit mit durchgehendem Reißverschluss und einer schmalen Kette um die Hüften, ich konnte hören, wie seine Knöchel weiss wurden, als er die Hand zur Faust ballte, also erzählte ich weiter. In der Hocke säße ich, die Kniee weit auseinander und zöge ganz langsam den Zipper herunter. Dann legte ich auf.
Ein paar Wochen später erreichte mich ein Paket mit allerlei Gaben. Darunter eine New York Times, die ich von vorne bis hinten durchlas, doch ich fand keinen Hinweis. Er hatte es mir mit gleicher Münze heimgezahlt.

Ein anderer trug den Namen eines Waldtieres und nachdem ich ihm von meinen schweren Botten, dem Tanktop und dem Minischottenrrock erzählt hatte, schickte er mir ein feines silbernes Kettchen mit Kügelchen daran. Er schrieb es täte ihm Leid, er besuche regelmäßig Swingerclubs, seine Frau wisse nichts davon, und auch mich wolle er nicht belasten mit diesem Geheimnis.

Der Dritte und Letzte rief mich von einem Parkplatz aus an, wo er mit Unbekannten verabredet war. Flüsternd erzählte er mir was dort in der Dunkelheit vor sich ging. Dann legte er auf.

Von ihm habe ich nie wieder gehört. Doch ich erinnere mich noch an seinen Namen: Marek.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Vizero, Vollmondparken, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Ach, Mutta

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Töten, töten! Aus der Pazifistin ist eine Killerin geworden, eine skrupellose Tiermörderin.

Hatten wir die Kleidermotten noch mit behutsamer Hand gefangen und unbeschadet vor die Türe getragen, damit sie eine Etage höher bei den Nachbarn ins Fenster hineinfliegen und dort die eingestaubten Pelzmützen aus dem Kalten Kriech zerfräßen, so sehen wir uns jetzt einer Invasion von Lebensmittelmotten ausgesetzt, gegen die nur rohe Gewalt noch helfen kann. Fiese Falter und miese Maden, die von der Decke direkt ins Katzenklo hinein plumpsen. Ich kotze (ja) und töte im Wechsel die flatternden Adulten und die sich windenden Kleinen. Gut fühle ich mich nicht dabei, aber gerade ist mir der Magen näher als das Karma einer ungewissen Zukunft.
Ich las man werde diese Tiere nie wieder los und für eine getötete Motte wüchsen gleich Hunderte nach. Wenn das so ist und wenn meine Speisen fortan auf´s Ekelhafteste kontaminiert sein werden, werde ich, wohl oder übel, dem Suppenkasper gleich, der Nahrungsaufnahme, für immer abschwören und so lange auf meinem Stuhl herumhippeln, bis ich entweder verhungert oder rückwärts zu Fall gekommen bin und sterbe. Der Tod wird mich finden, so oder so, wie uns alle,

Motten also.

Beim Entrümpeln des befallenen Schrankes (wie kommen nun aber Lebensmittelmotten in einen Kleiderschrank?) finde ich Hosen in Größe 34 wieder. Locker saßen die damals, in der Zeit, als ich Size Zero erfand, lange ehe Posh sich zur Magermarke und ihren Mann zum Frisurenträger machte.
Wo waren bloß meine Organe untergebracht frage ich mich beim Anblick meiner abgelegten Kleidung. Wespentaille, sagte der Arzt und behauptet es auch heute noch. Is wohl wat Pathologischet. Manche Symptome lassen sich aushalten. Andere eher nicht, aber am Ende doch irgendwie, weil sonst wär´s ja over.

Der Kanzler, so erzählen mir seine und auch meine Schwester, lebt wie der arme Poet. Das Dach ist ihm über dem Kopf eingebrochen. Nun tropft es in den daruntergestellten Eimer, des Kanzlers Bett gleich daneben, kalt wird´s und immer kälter, doch irgendwann kommt der Dachdecker, fest zugesagt hat er es, schon vor Wochen, dann wird er wohl kommen.
Am Ende richtet es die Evolution (als deren Beauftragter, höchstpersönlich, der Kanzler sich begreift) her und zugrunde.

 

Dem lieben Tölchen geht es schrittweise besser. Jede farblich und sonstwie adäquate Ausscheidung wird gefeiert wie ein Kindergeburtstag, tröööt, dann aber torkelt sie wieder und ich bibbere vor Sorge. Die Anspannung bleibt und der Aberglaube: sobald ich lockerlasse wird ein Unglück geschehen. Besser stets das Schlechteste annehmen, wie man es mich gelehrt hat, so wird man vom Läbn nich unvorbereitet überrollt. Zweckpessismismus.

Achtung, miserable Überleitung:

Zwecken (Reiß, baby, reiß) waren mir dann am Liebsten lieber, wenn die Mutter sich, vermutlich laut aufjaulend, mit netzbestrumpften Beinen in sie hineinkniete, während sie unzulässigerweise mein Zimmer durchwühlte und unter das Bett spähte, um alles, alles in ihrer unmotivierten Borderline-Wut hervor zu zerren und im hohen Bogen aus dem Fenster in den Garten zu werfen, wo ich es später, wenn ich aus der Schule kam, unter den Augen der Nachbarn und Passanten zusammenklauben und in den zweiten Stock, an ihr vorbei, tragen musste, um das, was ich noch halbwegs intakt hatte retten können, an seinen gewohnten Platz zurück zu räumen, wo es in einer Art Zwischenfrieden vor sich hinschlummerte, bis der innere Lukas ein weiteres Mal bis Anschlag tilte und meine Habseligkeiten ihre nächste und manchmal auch letzte Reise ins nasse Grün antreten mussten. Ach, Mutta.

 

 

 

 

 

Bild: Hartwig HKD, Goat Yoga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/