wie gern ich mit dir schliefe

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wir mieteten ein zimmer,
verschanzten uns für immer,
teilten koks und klopapier,
du hättest es ganz gut bei mir.

ich würde ausgesprochen
sanft sein und gut kochen,
würde dich nicht nur verehren,
auch auf höchstniveau ernähren.

würde mit obszönen
versen dich verwöhnen,
würde laute dir entlecken

die die halbe stadt aufwecken.
gottverfluchte konjunktive.
wie gern ich mit dir schliefe.

(Helmut Kraussner in Liederlich!
Die lüsterne Lyrik der Deutschen,
Eichborn Berlin)

 

 

 

 

Bild: bswise, untitled
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Rauschen

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In der Arztpraxis konnte man jede Menge IGEL-Leistungen kaufen. An erster Stelle Sauerstoff. Das hilft gegen alles. Kamma also immer gebrauchen, so wie essen, trinken und Liebe.

Love is like oxygen, sangen schon the Sweet, die später, als sie alt und fett geworden waren, auf einer Betriebsfeier von AVM auftraten während die Mitarbeiter, gewandet in Kleider des 18. Jahrhunderts, den Klängen aus ferner Zeit lauschten und zu fortgeschrittener Stunde, nachdem die einstudierte Quadrille getanzt und die Depression dem Suff gewichen war, volltrunken zu der Musik der Langhaarigen abhotteten.

Sauerstoff war dringend nötig in dieser dreckigen Ecke der Stadt, an der zwei sechsspurige Straßen aufeinander treffen. Der Lärm an der Kreuzung ist so unerträglich, dass nur sich totstellen hilft, oder bei rot über die Ampel zu rennen um niemals stehen bleiben zu müssen und endgültig wahnsinnig zu werden. Ich nutze beide Strategien, je nach Verfassung und Möglichkeit.

Sauerstoff wollte mir die Ärztin gerne verkaufen doch ich frug nach Schmerzmittel. Tramadol, wenn´s geht. Es ging.
Draußen nahmen wir einen beherzten Schluck aus der Pulle, die sie uns angebrochen mitgegeben hatte. Ob sie die wohl abrechnen würde als ganze Flasche? Mir sollte es recht sein.

Mit den Tropfen, dem Rausch und der Überweisung schweben wir rüber zum radiologischen Zentrum. Nebenan gibt es ein Architekturbüro mit dem Namen Pilz van der Grinten.
Der hätte Hautarzt werden sollen, sagt der Argentinier und wir gehen vor Lachen in die Knie.
Drinnen werden wir bereits erwartet. Ein dringender Fall. Ich habe schlimme Lungengeräusche und -schmerzen. Fieber sowieso.
Der halboffene Tomograph scannt meinen Brustkorb. Ich bin angenehm entspannt, nichts tut mehr weh und der Argentinier wartet draußen und spielt Krankheiten-Raten. Es hustet und keucht ringsum.
Auf dem Heimweg landen wir irgendwann im Kloster, meine Erinnerung setzt nach dem dritten Bier aus. Der Rest des Abends und die ganze Nacht sind mir vollends abhanden gekommen.

Am Morgen weckt mich ein Anruf. Gerade will ich sagen: Ich kaufe nichts, da spricht die Ärztin aus dem Hörer: Sie haben einen Schatten auf der Lunge. Ein Knoten. Möglicherweise ein Tumor.
Ich will deinen Sauerstoff nicht
, denke ich und fange im nächsten Moment an zu heulen.
Hätte ich bloß früher aufgehört zu rauchen.
Am Montag soll ich noch mal zur Kontrolluntersuchung in die Radiologie kommen, sagt sie. Wie ich das Wochenende überstehen soll, verrät sie mir nicht. Guter Rat ist eine IGEL-Leistung, nehme ich an.
Gegen den aufkommenden Seelenschmerz und den Kater brauche ich einen Schluck Tramadol. Dann rufe ich den Argentinier an.
Krebs habe ich, sage ich.
Mach dir keine Sorgen, Mausi,  antwortet er, ich kümmere mich dran.
Es geht es mir gleich viel besser.

Am Montag ist es doch nur ein Spiegelungsffekt der Mamille, sagt der Röntgenarzt, und ich hätte getrost das Wochenende über weiter rauchen können.

 

 

 

 

 

Bild: Nothing better, Thomas Hawk
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

An der Hochbahn

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Es ist später Nachmittag und das Apothekenthermometer zeigt 36 ° Grad an. Die Luft ist feucht wie Badewasser und seit Stunden schon steht ein Gewitter über unseren Köpfen. Dunkle Wolken hängen dräuend am schwarzblauen Himmel, in der Entfernung grollt es bedrohlich und ab und an sticht ein gleißender Blitz aus dem nahenden Unwetter.

Vor den Lokalen sitzen tätowierte Männer in Unterhemden und tätowierte Frauen mit kurzen Kleidchen und Flip-flops und schauen im Schatten der Markisen Fußball. Auf den Tischen vor ihnen stehen beschlagene Biergläser, 0,3 nur bei dieser Hitze, die blondierte Kellnerin in kurzer Hose und mit rundem Po schlängelt sich mit dem voll beladenen Tablett zwischen den Gästen hindurch.

Auf einer Bank am Straßenrand lasse ich mich nieder und trinke meinen Cappuccino vom Neuseeländer nebenan. Die Krankheit des Hundes lässt mir viel Zeit für Kiezspaziergänge. Wenigstens das.

Auf der Bank gegenüber nehmen zwei junge Russen in hautengen T-Shirts und mit übertriebener V-Silhouette Platz. Der eine zieht lautstark die Nase hoch und rotzt das Zutagegeförderte mit einem scharfen Geräusch auf den Boden. Charlottenburger nennt der Berliner das, was schließlich auf den Gehwegplatten landet. Ich drehe mich weg.

Der Schlaksigere der beiden fängt an einen Joint zu bauen, während sein Kumpel fortfährt zu schniefen und Schleim zu rotzen, ohne sich um mich oder die ruhenden Menschen auf den umliegenden Bänken zu scheren, die ihn aus ihrem Hitzedelir aufgeschreckt anstarren und überlegen ob sie diese Zumutung aussitzen oder lieber die Flucht ergreifen sollen. Wir entscheiden uns für den längeren Atem.

Inzwischen ist der Joint fertig und entzündet. Der Dreher nimmt einen tiefen Zug bis hinunter in die äußersten Lungenspitzen, steht auf, beugt sich über den Rotzer, stülpt seinen großen fleischigen Mund über dessen geschürzte Lippen und die Nasenlöcher und bläst ihm die volle Ladung in den verschleimten Kopf. Wann habe ich sowas bloß zum letzten Mal gesehen. Es muss damals in Frankfurt gewesen sein, bei einem Schulfest, doch die Männer mir gegenüber sind schätzungsweise Mitte zwanzig.

Den gesamten Joint teilen sie sich auf diese Weise und als sie fertig sind saugt der Rotzer noch einmal lautstark seinen Nasenhöhleninhalt aus den tiefsten Tiefen, sammelt den dicken Batzen im Mund und speit ihn mit orgiastischer Wucht hinaus. Es ist vollbracht.
Die beiden verlassen federnden Schrittes die Bühne und verschwinden in Richtung Hochbahn.

Das Koffein treibt selbst mir inzwischen den Schweiß auf die Stirn und ich beschließe die Kühle der Bio Company aufzusuchen und eine Runde durch den Laden zu drehen. Am Eingang neben der Schiebetür hat irgendjemand ein großes Paket abgestellt, eine Postsendung. Unbeachtet steht es vor dem Schwarzen Brett, während gegenüber an der Brottheke kostbares Urgetreide in Gold aufgewogen wird. Ein Kinderspiel hier eine Bombe zu deponieren, denke ich und gehe zur Teeabteilung. Der Mittdreißiger in Dreiviertelhosen und mit schulterlangen fettigen Dreads, beginnender Glatze und hängenden Schultern, der kurz nach mir den Markt betreten hat, ist mir dicht auf den Fersen. Ich kann seine Outdoor-Sandalen über den Boden schlurfen hören; die fleischgewordene Freudlosigkeit. Auf dem Absatz drehe ich um und verlasse die klimaanlagengekühlte Bio Company so schnell ich kann. Als ich an dem Paket vor dem Ausgang vorbeikomme ziehe ich den Kopf ein.

Draußen schlägt mir der Tag einen nassen heißen Lappen ins Gesicht.
Sommer in Berlin.

 

 

 

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, Schlesisches Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

homo ludens

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Die Poesie des Pessimismus ist die Lebensfreude

(Frank Wedekind)

 

 

Alles was auftaucht verschwindet irgendwann auch wieder. Das ist Gesetz.
Und alles kommt aus dem Nichts und geht wieder ins Nichts. Die nächste wichtige Regel. Die muss man akzeptieren. Nicht fraglos, aber am besten klaglos.

Dazwischen gibt es jede Menge Spielraum.

Spielt, spielt!

 

 

 

(felis ludens)

Bild: Tjarko Busink, flickr, „what´s in a name…“
Lizenz: CC BY-NC 2.0

Da! (Der verlorene Hase)

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Was ich immer noch vermisse ist mein dunkelblauer Stoffhase mit den großen weißen Punkten. Auf einer Autofahrt nach Kassel habe ich ihn aus dem Fenster gehalten und irgendwann losgelassen.
Ich war 5 Jahre alt und verstand noch nicht, dass wir nicht alle einfach nur gemeinsam im Auto herumsaßen um irgendwann wieder auszusteigen, wenn meine Eltern die Zeit dazu für reif erklärten, so, wie wir zu scheinbar willkürlich festgelegten Zeiten den Esstisch verlassen und zum Spielen nach draußen gehen durften, sondern, dass wir uns tatsächlich fort bewegten. Weg von Zuhause. Ich glaubte mit dem Reisen, sei es so ähnlich wie mit dem Schlafen: man ging am Abend ins Bett und am Morgen stand man wieder auf. In der Zwischenzeit war man unterwegs ohne sich auch nur einen Zentimeter von der Stelle gerührt zu haben.

Nachdem wir eine ganze Weile gefahren waren drehte sich meine Mutter nach hinten um, prüfte die Lage im Fond des Wagens und frug mich schließlich wo denn mein Hase abgeblieben sei. Vergnügt deutete ich aus dem Fenster: Da!

Wie kann man nur so dumm sein, schimpfte sie, jetzt ist er für immer weg!

Er ist nicht weg, greinte ich und zeigte weiter aus dem Fenster auf den Asphalt und die weiße Linie neben der Leitplanke, die sich während der zwei Stunden, die wir schon unterwegs waren nicht verändert hatten.
Natürlich war er noch da, mein Hase, doch meine Eltern wussten das nicht.

/

Meine Großeltern schenkten mir, als ich gerade lesen konnte, ein Buch über einen Baum und dessen spannende Abenteuer. Schon beim Anblick des Umschlages ödete ich mich halb zu Tode, denn was bitteschön sollte so ein dicker verrindeter, alter Baum wohl erleben können, wenn er gezwungen war mit den Füßen fest in der Erde zu stecken und sich keinen Milimeter von der Stelle zu rühren. Seine Abenteuer, so dachte ich, bestanden lediglich darin den Vögeln und sonstigen Tieren hinterher zu blicken, wenn sie, nach einer kurzen Rast auf oder unter seinen Zweigen, wieder weiter zogen. Und wahrscheinlich stand der alte Baum auch noch im einsamen, stinklangweiligen Wald. Ich habe das Buch nie gelesen.

Inzwischen weiss ich, dass die größten Abenteuer genau so statt finden können: nämlich ohne sich von der Stelle zu rühren. Ein Blick, eine flüchtige Berührung, ein Gedanke, ein Traum.

(it´s all in your mind)

/

Heute erstmal Hitze. In voller Leibhaftigkeit.

 

 

 

 

 

Bild: Giandomenica Jardella, Lady with rosary
Lizenz: Weitergabe unter gleichen Bedingungen cc2.0

Bakenbardy

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Geknabbel find ich gut. Als Wort, wie das Geknabbel daselbst.

Super finde ich auch Bakenbardy. Ein russischer Germanismus für Koteletten, die Gesichtsklettbänder des Herrn (des Mannes also, nur manchmal die eines Gottes).

Ich stelle mir vor, dass ich aus lauter Gummischichten bestehe (bestünde), stramm umeinander gewickelt zu einem Ball und ummantelt von unverwüstlichem Hartplastik. Würde diese äußere Schicht durchbrochen, platzte das ganze Weiche nach außen, mit einer Wucht, die Tauben tötete.
Ein gesprengter Staudamm.

Ist doch nur Wasser, wenn ein Baby weint.

Ich weiss gar nicht wohin mit diesem Gefühl.
Ist niemand da, der es haben will und es ist keines zum selbst behalten.

Ich weiss gar nicht wohin mit meiner Liebeswucht.
Es ist niemand da, der sie haben möchte und es ist keine, die für ein Haustier oder eine Freundin geeignet ist. Große almodóvar´sche Weltumarmung mit Schluchzen und Hingabe. Wer will schon sowas.

Ich weiß gar nicht, was ich sagen möchte und es ist niemand da, der es mir erklären könnte, nicht einmal ich selbst.

Ich weiss gar nicht, wer das hier lesen sollte, wo ich selbst nicht mal weiss wie mir ist.

Bakenbardy, Tankestelle, sowas denke ich, wenn ich unter der Dusche stehe, das weiche Wasser mir über das Gesicht läuft und läuft den Hals herunter und schäumend um den Abfluss kreist und ich immer nur denke: Bakenbardy.

Schöne Männerhände, denke ich dann. Männerhände, die den nassen Körper entlang kurven und die Tropfen von der Haut wischen. Ein Bakenbardy, der sich langsam die Beine entlangkratzt von den Füßen bis zur Hüfte und in der Achselhöhle nach seinesgleichen sucht, es aber nicht findet. Doch es klettet, dort wo es soll. Auf die gute, alte wunde Weise.

Ah, Bakenbardy. Sommer halt.

 

 

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Herrenjahre

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Nun lese ich (via Frau meertauhier und dort endlich, nach langem mal wieder etwas über die Wechseljahre (usually known as: älter werden), ein Thema, so unbeliebt und tabu, wie die Verdauungsturbulenzen nach Genuss von Sauerkrautsaft oder Brottrunk.

Wechseljahre, sind ja eigentlich nichts anderes als Pubertät rückwärts, wenn man es hormonell betrachtet, wobei das schrittweise Erblühen gesamtgesellschaftlich wohl eher als ein Upgrade verstanden wird, während die Wechseljahre, das farbenfrohe Verblühen, dir Stück für Stück die schillerndern Orden von der Brust reissen.

Über Leute, die sich selbst zitieren, muss ich zwar immer ein wenig lächeln, dennoch tue ich es jetzt auch:

Wechseljahre sind keine Herrenjahre,

beliebe ich nämlich immer dann zu sagen (und komme mir dabei sehr originell vor) wenn sich hier und dort die ersten Veränderungen am geschmeidigen Elfenleib zeigen, wenn ich auf einmal nachts nicht so gut schlafen kann, wenn die Stimmung scheinbar grundlos wackelt, oder wenn bei Karstadt an der Kasse plötzlich ein Heißluftfön meinen Kopf wegschmort und erst aufhört, nachdem ich sämtliche Einkäufe ins nächste Regal gestellt habe und flugs ins Untergeschoss zu den Gefriertruhen getürmt bin.
Das ist mir bisher zum Glück erst ein Mal passiert, ich lese aber, dass das noch mehr werden könnte. Und dann? Kühlpacks für unterwegs?

Was da sonst noch auf mich zukommt, kann ich schwer einschätzen, redet ja fast niemand drüber, aber das Ende der Ära des Frauenzubehörs scheint mir immerhin ein echter Gewinn zu werden.

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Übrigens: einer Frau über 40/ 50/ 60 zu sagen, dass sie für ihr Alter gut aussieht, ist wirklich ein ganz, ganz dummes „Kompliment“. Für was sollte sie denn sonst gut aussehen? Für ihr Geschlecht, ihr Sternzeichen oder für  ihre Einkommensklasse?

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Altern Männer irgendwie schöner?

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Dieser Zug endet hier.

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz:  Attribution-NonCommercial-NoDerivs 2.0 Generic (CC BY-NC-ND 2.0)