Kreuzberg bleibt unhöflich

Als ich das Haus verlasse, fährt er mich beinahe um, der Nazinachbar. Mit Blickkontakt.

An anime stylized eye.

Muss er noch üben.
Komme ich kurz darauf am Trinkertreff vorbei, schleudert einer seinen Zwergenhund gegen die Wand.
Einmal, zweimal. Polizei gerufen.
Nach Platzverweis kommt er zu mir, der Volltrunkene, und wünscht mir den völligen Unfalltod, mir Schlampe.
Der jetzt auch?
Vor der Kirche hat einer einen Baum gekillt. Ringsum die Rinde abgeschält und runtergerissen.
Hat ihm vielleicht den Hungertod gewünscht, den völligen.

Kreuzberg bleibt unhöflich.

Oranienplatz-susan

Geh doch zu Hause

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Dass ich schon eine Weile nicht mehr über Gentrifizierung geschrieben habe, heisst nicht, dass sie nicht mehr stattfindet oder mir scheissegal ist. Ich habe, und jetzt kommt ein Satz, von dem ich niemals geglaubt hätte, dass ich ihn irgendwann in meinem ganzen Leben schreiben und auch noch ernst meinen würde:
Ich habe die Hoffnung aufgegeben.
Das wird nix mehr. Nichts wird sich ändern.
Die Reichen werden die Armen fressen, sie vertreiben und sich dabei auch noch wohl und im Recht fühlen.
Die Armen werden sich in ihr Schicksal fügen, oder versuchen mit den großen Tieren zu brüllen.
Niemand wird damit ein Problem haben, solange es nicht ihn selbst betrifft. Und ihn selbst betrifft es erst dann, wenn ihm das Wasser bis zum Hals steht und er an den Stadtrand ziehen muss. Ausgebeutete werden weiter konservativ wählen, Arbeiter werden der regierungstreuen Presse Glauben schenken, der Heilige Geist wird mit Sausen und Brausen die Erde heimsuchen. Und dem Geldadel ein Wohlgefallen.
So ist es. Natürlich auch hier in Berlin.

Ich kann mich nicht in Kämpfen verausgaben, die von Anfang an verloren sind. Das macht mich bitter, und niemanden sonst.
Jedenfalls nicht die, deren Politik dafür verantwortlich ist, dass es so läuft.
Denn deren Sorgen heissen Machterhalt, Geld und Handy.
Nicht nur bitter macht es mich, sondern auch krank. Im Kopf.
Und um mir weitere Einttäuschungen zu ersparen, lasse ich vorbeugend alle Hoffnung fahren.

Ja, ich komme am Taut-Haus am Engelbecken vorbei, und registriere den Lieferwagen des Spezialisten für Intarsien- und Terrazzoböden, der den eben
eingezogenen Eigentümern der millionenteuren Wohnungen die Welt zu Füßen legt.
Ich sehe die Luxuslimousinen, die dort parken, die geklonten Labelhäschen im Metrolook, die sich vor dem Haus (in dem ironischerweise früher einmal die IG-Metall ihren Sitz hatte) gegenseitig beeindrucken und Ureinwohner mit keinem oder erstauntem Blick bedenken.
Du? Noch hier?
Die eitlen Mediengockel hinter den Glasscheiben des modernen Großraumbüros, die mit Bart, transparenter Nerdbrille und gelangweiltem Gesichtsausdruck auf ihren Macs herumtippen. Die Meister der Belanglosigkeit.
Nur wenige Meter davon entfernt, sehe ich die jungen Spanier, die aus der Perspektivlosigkeit ihrer Heimat nach Deutschland geflohen sind, und nun in alten Lieferwagen am Straßenrand campieren, wo sie das Kleingeld versaufen, das sie tagsüber beim Jonglieren oder Feuerspucken auf großen Kreuzungen, während der Rotphase, verdient haben
Ich sehe auch die Bewohner des neu gebauten Eigentumklotzes auf dem Engeldamm, wie sie von ihrem teakholz-bemöbelten Balkon herunterblicken auf ihr neues Reich. Der kleine Adel.
Und fast jedes Mal lasse ich mich dazu hinreißen irgendeine abfällige Bemerkung zu dem grauenhaft hässlichen Kasten zu machen, und dann freue ich mich, wenn sie sich ärgern.

Schon schöner im Gründerzeit-Altbau zu leben, und nicht in fantasieloser Krisenarchitektur mit niedrigen Decken und glatter Fassade.

Das wirkt. Aber eben auch bei mir, denn genau das ist doch Bitterkeit.
Gegen meinen Willen werde ich zu einer verkniffenen, verhärmten, hassverrammelten Zitrone. Runtergezogene Mundwinkel, Dumdum-Geschosse in den Augen. Und während ich mein Gift versprühe,  weiss ich ja auch, dass die Freude endlich ist. Dass das Blatt sich auch für mich wenden wird, und ich in einer Platte am Stadtrand werde vegetieren müssen. Und sie werden ihre Fahne auch auf meinem Haus hissen. Und der Gedanke  macht mich fertig.

Und ich sehe die Farbbeutelflecken auf den polierten Fassaden.
Die eingeschossenen Scheiben des Inneneinrichtungsgeschäftes mit Möbeln für die neuen Herrschaften.
Die Mediengockel die jetzt hinter einer Sperrholzplatte sitzen, weil auch hier die Scheiben in einer nächtlichen Aktion zertrümmert wurden. Und ich freue mich. Schadenfreude. Häme. Kein schöner Zug. Aber wenigstens meiner.
Den kann mir keiner mehr nehmen. Und nicht nur das: da wird sogar tagtäglich noch ein Waggon angekoppelt, an den unschönen Zug.
Wie aber könnte ich nicht bitter sein und so tun, als würde mir das alles nichts ausmachen, wo es mich doch so sehr aufwühlt und innerlich fast zerreisst? Jeden Tag.
Ich kann es eben nicht. Sonst würde ich nicht schon wieder hier sitzen und darüber schreiben, und den geneigten Leserinnen und Lesern verzweifelte Meldung machen, dass hier in Kreuzberg die Gentrifizierung immer noch lodert und alles frisst, was ihr schmeckt.
Und dass der Umzugswagen immer häufiger von hier in die Randbezirke fährt, und mit ihm Menschen, die Jahrzehnte lang hier gelebt haben, oder sogar hier geboren wurden. Dass ich kaum noch Nachbarn habe, die ich kenne. Dass immer mehr Geschäfte und Lokale eröffnen, deren Sortiment nur für Besserverdienende erschwinglich ist. Dass jeder Funke Originalität, und alles, was ich an Berlin schätze, warum ich immer hier leben wollte, und nur hier,  glatt gebügelt wird  zugunsten einer Lebensweise, deren Ziel und Inhalt der Konsum ist.
Genau so möchte der neoliberale Staat seine Bürger haben: gleichgeschaltete, willige Konsumenten.
Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.

Gentrifizierung du skrupelloses Monster!, möchte ich ihr wütend zurufen.
Aber sie kann es gar nicht hören, weil sie nichts von sich selbst weiß.
Auch andere wissen nichts von ihr, oder wollen nichts von ihr wissen.
Zum Beispiel im Wedding, oder in Moabit, wo es gerade so richtig los geht mit der Aufwertung, der Vorbotin der Vertreibung.
Die freuen sich sogar drauf und glauben tatsächlich noch, sie würden upgegradet.
Und genau das ist auch ein wesentlicher Zug der Gentrifizierung: sie kommt mit einem Latte macchiato in der Hand um die Ecke geschlendert, bietet dir einen American Cheesecake, einen Brownie, Muffin oder Cupcake an, eine Fritz-Cola, erschwinglichen Luxus, ein bisschen Chi chi. Holzspielzeug, Bioläden, eine Patisserie, süße Cafés im putzigen Landhausstil. Shabby, vintage, Designkaufhäuser(!).
Kreativen Einheitsbrei, über den sich all die Langweiler freuen, die zwangsgekitzelt werden wollen um lachen zu können.
Und wenn sie sich so richtig wohl fühlen, dann dauert es nicht mehr lang, bis auch der Adel davon Wind bekommt, sich das Wunderland unter den Nagel reisst, Kameras installiert und sich beschützen lässt. Vor dem Pöbel.
Ein bisschen Platz brauchen die aber auch, und schon erleidet der eben Aufgestiegene einen empfindlichen Rückschlag.
Auch er muss jetzt sein Stück vom Kuchen abgeben.
Doch keine Sorge: in den Randgebieten gibt es genügend  Platz für alle, so ein Rand ist schließlich fast beliebig nach außen erweiterbar, und die Verantwortlichen für die Misere kriegt man dann auch gleich dran.
Die sitzen, wie immer, in den Asylbewerber-Unterkünften.
(Nur zur Sicherheit, und weil Dummheit keine Grenzen kennt: das ist Ironie)!

Und gestern lese ich dann noch diese beiden Meldungen in der Presse,

  • Immer mehr Menschen müssen in Deutschland von Sozialhilfe leben

  • Die privaten Vermögen in Deutschland steigen auf ein Rekordhoch von über 5 Billionen Euro

und denke: über die Auswirkung dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, können sie ja dann mal Feldforschung in meinem Kiez betreiben.
Solange noch ein paar von uns hier sind.

Musik zum Text:

 

 

Bild: „Berlin 1990 75560012“ von Jochims – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Berlin_1990_75560012.jpg#/media/File:Berlin_1990_75560012.jpg

Vor dem Sturm

FotoEigentlich ein Foto für die Rubrik Der Himmel über Berlin.
Weil aber das Sturmtief Christian, das da gestern von Westen angefegt kam, mich so beeindruckt hat, bekommt es einen eigenen Eintrag.
Dieses Foto wurde auf der Oberbaumbrücke gegen 17 h gemacht. Kurz danach war es dunkel.
Leider sind die Krähen, die in großen Gruppen, zeternd und in der Luft spielend, an uns vorbei gezogen sind, nicht mehr zu sehen.
Stattdessen das Hotelschiff, die neue Mercedes-Zentrale, der Fernsehturm und die Anzeigetafel der O2- Arena.
Linkerhand Kreuzberg.
Am Horizont das Rote Rathaus.

Sterbendes Blau

Das Laub raschelt unter den Füßen, bitter-modriger Herbstgeruch hängt feucht in der Luft.

Wir spazieren durch den herbstlichen Tiergarten.
Der Hund läuft im Zickzack über die Wiese, die Nase dicht am Boden.
Dann und wann nagt er einen Hasenköttel aus der Erde und verschlingt ihn hastig.
An derselben Stelle wie immer, wirft er sich suhlend auf den Rücken
Als er plötzlich bellend aufspringt, drehe ich mich um, und sehe eine Frau, Ende vierzig, die mit zwei großen Hunden auf uns zukommt.

Einer der beiden ist schwarz.
Mit der Anmut eines Turnierpferdchens, und der zurückhaltenden Freundlichkeit eines schüchternen Kindes, bewegt er sich vorsichtig auf uns zu. Die großen Ohren aufgestellt.
Als Töle auf ihn zuläuft, stellen sich seine Nackenhaare auf, er wedelt mit dem Schwanz und lässt sich beschnuppern.

Der zweite Rüde ist massiger, hat braun-gestromtes Fell und einen kräftigen, breiten Schädel. Die Schnauze ist ergraut.
Mit lahmen Hüften, gesenktem Kopf und milchigen Augen, zuckelt er, in einigem Abstand, der Frau hinterher, ohne nach links und rechts zu schauen.

Obwohl die beiden bereits hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden sind, steht das schwarze Reh noch bei uns und riecht an meiner Hand. Dann blickt es, Jede Muskelfaser in Bereitschaft, auf eine Spielverbeugung. wartend, zu Töle. Doch nichts geschieht.
Nach einer ganzen Weile, in der die Hunde sich nur anschauen, trabt es schließlich los. Zunächst zögernd, dann mit immer größer werdenden Sätzen.
Ich schaue ihm hinterher, wie es im gestreckten Galopp Richtung Wasserlauf prescht, die Hinterbeine beim Ausholen elastisch an den Vorderläufen vorbeiziehen und der ganze Körper vor Freude an sich selbst und der eigenen Existenz bebt.

“I do not care what comes after; I have seen t...

Der Anblick der drei, die ihr Leben miteinander teilen, hat mich melancholisch gestimmt.
Dieser alte Hund, der vermutlich seinen letzten Herbst erlebt, in Gesellschaft des jungen, eleganten Rüden, der noch alles vor sich hat, zusammen mit der Frau, deren Kinder vielleicht schon aus dem Haus sind, und die nun ihre mütterliche Fürsorge den beiden Hunden widmet.
Jeder an einem ganz anderen Punkt. Zusammen auf dem Weg.
Und bald nur noch zu zweit.

Da ist er wieder, der Gedanke an den Tod. Das Sterben.
Wie auch nicht, im Herbst, wenn alles Grün in einer letzten Anstrengung noch einmal bunt auflodert, flammt, und schließlich wie ein Traum heruntersegelt, auf die feuchte Erde?

Ein letzter Tag-: spätglühend, weite Räume

Nachdenklich schlendere ich weiter. Die Dämmerung bricht herein.
Entlang des Wasserlaufes, bei den Sträuchern mit den überreifen Beeren, ist er besonders köstlich, der brackig-süße Duft der Vergänglichkeit.
Ich sehe d
ie Frau, ganz in Schwarz gekleidet, ein paar Meter weiter am gusseisernen Geländer eines kleinen Brückenbogens stehen,  und hinunter schauen ins dunkle Nass. Neben ihr das schwarze Pferdchen mit den großen aufgestellten Ohren.
Jetzt weiß ich es: der Hund erinnert mich an Anubis.
Den Seelengeleiter.
Geheimnisvoll.
Furchtlos.

Töle läuft mir voraus in ihre Richtung, und steigt rasch die kurze Uferböschung herab.
Im Schatten der steinernen Brücke läuft sie beinahe in den alten Rüden hinein, dessen Fell dem Boden gleicht. Erschrocken zuckt sie zurück, bellt, und ist mit zwei, drei Sätzen bei mir.

Jetzt dreht die Frau sich zu uns um und lacht mich offen an.
Der alte Hund klettert bedächtig den kleinen Hang hinauf.
Neben ihren Beinen setzt er sich hin, und drückt den großen müden Schädel gegen ihr Knie.
Anubis beginnt zu tänzeln.

Zusammen stehen wir auf der Brücke.

Nicht traurig

Nein, ich bin nicht traurig, oder schlecht drauf, nur weil ich düstere Mord- und Sterbegeschichten schreibe.SAMSUNG
Ich bin, ganz im Gegenteil, überaus beschwingt. Gut drauf. Froh.
Jugend ist halt Rausch ohne Wein, wie mein Vater uns früher mit auf den Weg gab.
Gesoffen haben wir trotzdem, aber gebraucht hätten wir es nicht.
Jedenfalls nicht für die Fröhlichkeit. Eher für die Hemmungslosigkeit.
Irgendwie wollte man doch auch seine Unschuld loswerden. Das unbenutzte Leben besudeln.
Sich mal frei machen.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn ich hier also ständig über Katastrophen berichte, dann geschieht das zum Einen, weil es meine ureigene Aufgabe als Katastrophenchronistin ist, zum Anderen, weil ich mir so die Zufahrt zur Fröhlichkeit frei schaufele.
Hinsetzen, schreiben, noch einmal durchleiden, und weg ist der Gram.
Alles schön zu den Leserinnen und Lesern rüber schieben.

Melancholisch bin ich, das schon, aber das ist ein Wesenszug.
Der beste Schutz gegen Verzweiflung und Verbitterung.
Jedenfalls für mich.

Außerdem ist Herbst, und heute Nacht endet die Sommerzeit.

Kaltblütig

Mit neunzehn las ich In cold blood.

Machete Bolo

Der Tatsachenroman von Truman Capote, beschreibt detailgenau die Ermordung einer wohlhabenden Familie in Kansas, das Entsetzen der Dorfbewohner, und die Ergreifung der Täter, mit denen Capote dann bis zu deren Hinrichtung engen Kontakt pflegte.
Besonders schrecklich war die Szene, in der einem der vier Opfer die Kehle aufgeschnitten wird, und es an seinem Blut ertrinkend, gurgelnd nach Luft japst, bis es schließlich mit einem Kopfschuss hingerichtet wird.

Beim Lesen bekam ich, ohnehin schon geschädigt von Aktenzeichen xy, wahnsinnige Angst, dass meiner Familie das Gleiche widerfahren könnte.
Das Haus war nachts oft nicht abgeschlossen, überall lauerte der Wahnsinn, und warum sollten nicht auch wir Zufallsopfer irgendwelcher grausamen Mörder werden.

Aus Furcht das gleiche Schicksal zu erleiden, hatte ich lange Zeit einen Dolch neben meinem Bett liegen, von dem ich im Ernstfall Gebrauch machen wollte.
Besonders in Nächten, in denen ich allein war, gruselte ich mich zu Tode, schlief schlecht ein, und erwachte vom kleinsten Geräusch.
Natürlich fand jeder, dem ich davon erzählte, meine Panik unbegründet und übertrieben.
So etwas passiert hier nicht. Wir sind ja nicht in den USA.

An einem Abend verließ mein Freund weit nach Mitternacht das Haus.
Wieder schlief ich schlecht ein und hatte düstere Alpträume, was an sich nichts besonderes war. Schönes träumte ich in diesen Jahren nie. Wirklich niemals.

Am nächsten Tag erfuhr ich, dass in dieser Nacht, in unserer kleinen Straße, ein Ehepaar und ihr Pudel mit zahllosen Machetenhieben regelrecht abgeschlachtet worden waren.

Ich kannte das Mordhaus, wie wir es nun nur noch nannten, gut.
Es hatte lange Jahre einer Familie gehört, mit deren Tochter meine Schwester befreundet war. Mit ihr spielten wir in dem großen Garten, schaukelten in der Hängematte und pflückten Mirabellen vom Baum.
Mit seinem tief herunter gezogenen Krüppelwalmdach, hätte das Haus gut in den Schwarzwald gepasst. Drin war es riesig und verwinkelt, die Flure verliefen in unvorhersehbarem Zickzack, und überall gab es Türen, Nischen, halbe Treppen.

Die genaue Kenntnis der Räume erzeugte noch realistischere Bilder in meinem Kopf.
Ich sah die beiden Vierzigjährigen vor mir, wie sie zerhackt, in blutgetränkten Laken auf dem Ehebett lagen.
Der Hund zu ihren Füßen in seiner eigenen kleinen Lache.

Am meisten bedauerte ich den Sohn der beiden, der etwa in meinem Alter war.

Der Arme war in dieser Samstagnacht aus gewesen und hatte beim Heimkehren seine toten Eltern entdeckt.

Zu meiner großen Beruhigung waren die beiden Täter bereits kurz nachdem sie den Tatort verlassen hatten von der Polizei aufgegriffen worden,

Ins Visier der Nachtstreife waren sie deshalb geraten, weil ihr Wagen herunter gekommen aussah und keine Kofferraumklappe mehr hatte. Vielleicht auch, weil sie Türken waren.
Bei der Personenkontrolle und der Inaugenscheinnahme des Fahrzeuges fanden die Beamten schließlich zwei notdürftig in Decken eingewickelte, blutverschmierte Macheten, sowie jede Menge Schmuck und andere Wertgegenstände.

Zu diesem Zeitpunkt war der Mord aber noch gar nicht entdeckt und gemeldet worden, so dass man nun Täter, Tatwerkzeuge und Beute, aber noch keine Opfer hatte.
Nach dem Anruf des Sohnes war die Zuordnung der Tat, nicht weiter schwierig.

Zu dem Zeitpunkt, als die Eheleute Z. ausgelöscht wurden, war auch mein Freund da draußen unterwegs gewesen.
Nicht auszudenken, sie hätten ihn beim Verlassen des Hauses, in ihrem grenzenlosen Blutrausch, ebenso brutal nieder gemetzelt, damit er später nicht berichten könnte sie unweit des Tatortes, bepackt mit auffälligen, langen Gegenständen, gesehen zu haben.
Genau so war es doch auch bei der Familie in Kansas gewesen.
Aus einem geplanten Diebstahl wurde Mord, weil die Täter, die wegen kleinerer Delikte bereits mehrfach eingesessen hatten, sich geschworen hatten nie wieder in den Knast zu gehen. Es durfte einfach keine Zeugen geben.

Dieser grauenhafte Fall in so unmittelbarer Nachbarschaft, bestärkte mich nur in meiner Angst. Mir brauchte niemand mehr zu erzählen, dass ich mich nicht zu fürchten brauchte.
Morde waren keine Fiktion. Sie geschahen. Überall. Auch hier. Gleich nebenan.
So, wie Gelegenheit Diebe machte, war auch rohe Gewalt eine Alltagsoption.
Es konnte jeden erwischen, jederzeit.
Das wusste ich inzwischen. Immerhin waren schon mein Freund Matthias von seinem Vater im Schlaf mit einem Messer getötet und eine Freundin meiner Tante in der Frankfurter Innenstadt mit einem Schraubenzieher erstochen worden.
Und jetzt dieser Fall, nur wenige Häuser weiter.
Diese schrecklichen Dinge geschahen einfach.
Heute wundert mich nicht mehr, dass ich damals ausschließlich Alpträume hatte.

 Es dauerte nicht lange, da wendete sich das Blatt.
Die unfassbare Wahrheit kam ans Tageslicht: der Sohn selbst hatte die beiden Männer, Angestellte der Gebäudereinigungsfirma seiner Eltern, zu der Tat angestiftet, indem er ihnen eine hohe Summe versprach.
Er hatte ihnen die Tür geöffnet, damit der Hund nicht anschlug.
Und sie hatten mit 57 Machetenhieben, Mann, Frau und Pudel geschlachtet.
Für Geld waren sie zu Mördern geworden.

Später wurde berichtet, der Sohn habe sich bereits in der Mordnacht kaltschnäuzig gezeigt, als er das Angebot in einer Schutzwohnung zu übernachten ablehnte. Es mache ihm nichts aus an dem Unglücksort zu bleiben, soll er gesagt haben.
Am nächsten Werktag ging er in die Firma seiner Eltern, hielt eine Ansprache vor den Angestellten, und machte klar, wer jetzt der Chef war, und dass es von nun an ganz andres weiter gehen würde.

Verraten haben ihn schließlich die beiden Mörder.
Die Spurensicherung konnte anhand der Scherben, die sich am Tatort fanden feststellen, dass es sich um keinen Einbruch gehandelt haben konnte, und nach kurzer Zeit gestand auch er alles.

Als Motiv gab er an, dass er ein Automuseum auf dem elterlichen Grundstück habe errichten wollen, diese ihm aber sowohl den Platz, als auch die Finanzierung verwehrt hatten.

Er wurde nach Jugendstrafrecht verurteilt.
Ob er im Anschluss in Sicherheitsverwahrung kam, weiß ich nicht.
Aus dem Gefängnis schrieb er irre Briefe an Franz-Josef Strauß, den er offenkundig bewunderte.
Unterzeichnet waren diese Briefe mit König M.

In Erinnerung

Gestern vor einem Jahr, verfasste ich diesen Text, und veröffentlichte ihn auf der Bewertungsplattform Qype, auf der ich damals schrieb. Mit der Eröffnung dieses Blogs, postete ich ihn wenig später auch hier, hatte allerdings noch fast keine Leser.
In Gedenken an den Unbekannten, möchte ich ihn deshalb heute noch einmal hervorholen.
Die Geschichte passierte Anfang Oktober. Kurz ehe Jonny K. auf dem Alexanderplatz erschlagen wurde.

Hier ist er: klick.