Firnis, römisch

 

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Regen prasselt wie Applaus auf meine Bettdecke. Neben mir dein Atem. Ich lege die Hand auf deinen Rücken, du schüttelst sie ab. Ein Traum.

Der Kanzler ist zu Besuch. Er redet über die Evolution als eine Geschichte deren Ende jetzt gekommen sei, denn wir sind ja da. Das Großhirn übernimmt das Steuer und lenkt die Geschicke der Menschen zum Guten. Es braucht nur noch die Apostel für die Verkündung der alleinzigen Wahrheit: Gerechtigkeit. Der ungläubige Thomas.

Der Bekannte hört ihm zu. Wir sprechen über Endlichkeit, über den Tod, der unser gemeinsames Schicksal ist, der uns voneinander trennt und zugleich auf ewig miteinander verbindet. Immer wieder fängt der Kanzler damit an. Er bereitet sich vor und sucht nach abschließenden Antworten, nach Trost. Alles soll schön und rund und heil werden. Es macht mich traurig, ihn so zu hören. Der Tod wohnt im Nebenzimmer, immer schon, doch nun hat er sein Ohr an die Wand gelegt.

Derweil ist es Sommer geworden in der Stadt, auf den Frühling hat sich Staub gelegt und allem Glanz einen matten Firnis verliehen. Am Morgen scheint eine römische Sonne in die Häuserschlucht.

Ich liebe diese Stadt.

Auch der Cousin, der Prof. Dr. und seine Frau, die Frau Dr. sind zu Besuch. Gemeinsam mit dem Kanzler sitzen wir in der Abendsonne, der Kanzler erzählt von früher und in der familiären Vertrautheit alter Tage packt ihn die Kalaueritis. Hundermal gehörte Scherze gibt er zum Besten, Erbwitze in dritter Generation. Ich fühle mich geborgen.  Weh und schwer wird mein Herz als am Sonntag alle wieder abreisen.

 

 

 

 

 

Bild: october bay, flickr, Berlin (Kreuzberg), Oranienstrasse x Mariannenstrasse
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Gedenken an eine Diva

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Die Weihnachtstage werde ich alleine verbringen. Alle Freunde verlassen die Stadt. Auch der Bekannte wird im Norden weilen. Doch vielleicht schneit am Heiligen Abend wenigstens die Goldschmiedin bei mir herein. Das wäre schön.
Ihr könnte ich dann auch gleich die Handvoll Steine zeigen, die von meiner Mutter übrig geblieben sind und die der Kanzler kürzlich zur Ansicht mitgebracht hat. Sämtliche anderen Besitztümer landeten auf Geheiß meiner Mutter posthum im Müll, sie selbst, wunschgemäß, in der Ostsee. Vermutlich haben auch ihre Geschwister ein paar Dinge beiseite geschafft (wo ist bloß die Eigentumswohnung hingekommen). Es ist mir ganz gleich.
Meine Mutter besaß viele Ringe, doch nur einer ist mir deutlich in Erinnerung geblieben. Diesen einen Ring, ein großer in Gelbgold gefasster Amethyst, hätte ich, nach ihrem Tode im vergangenen Jahr, gerne noch einmal gesehen und sei es nur auf einem Foto.
Doch als die Demenz begann an dem Hirn meiner Mutter zu nagen und als eine ungeheure Wut und Enttäuschung über ihr ausklingendes Dasein, das längst jeden Glanz und Glamour eingebüßt und sie zu einer einsamen Seele gemacht hatte, sie erfassten und groß und immer größer wurden, als die Blicke in den Badezimmerspiegel erst ungläubig, dann verzweifelt und schließlich bitter wurden, weil alles, alles, was ihre Schönheit einst ausgemacht hatte in einem schmallippigen Streifen, dem niemand mehr zum Reden, Beschimpfen oder Bespucken geblieben war, ausgelaufen war, als also ihr mondänes Leben einer Diva zu Ende ging und sie nichts, aber auch gar nichts dagegen tun konnte, verfügte meine Mutter, dass wenn schon nicht sie, auch niemand anderes mehr mit ihrem Geschmeide brillieren solle und dass, um diesen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen, nach ihrem Tode sämtliche Steine aus ihren Schmuckstücken ausgefasst, das Edelmetall verkauft und ihren ungeliebten Kindern allenfalls die Klunker zum Fraß vorgworfen werden sollten, die bloßen amputierten nackten Steine, in denen nichts mehr von ihr sich fände, die aber doch als Stachel, als Pfeil aus dem Jenseits, als ewiger Vorwurf, als Rache für ihren Tod, den wir nicht hatten verhindern können oder wollen, dienen sollten.

Kein Ort der Trauer, keine Erinnerungsstücke für uns, das war ihr ausdrücklicher Wunsch.

Das alles ist und bleibt unverständlich. Manchmal bin ich noch traurig darüber, manchmal empört, doch meist empfinde ich gar nichts mehr dazu. Diese Stelle der Seele ist abgenutzt, oder zugesperrt, ich weiß es nicht, vielleicht ist auch der Schmerz verbraucht oder die Resignation zu groß. Mal so, mal so und dann wieder ganz anders.

Doch heute sitze ich hier und auf dem Balkon gegenüber blinkt der Weihnachtsschmuck in den frühen Dezemberabend hinauf und ich denke an meine Mutter und ich sehe sie vor mir, ganz in Schwarz, tief ausgeschnitten und dramatisch geschminkt. Ich sehe sie, wie sie, den Kopf zur Seite geneigt, vor einem runden Mahagonitisch sitzt, mit ihrer kleinen, knochigen Hand über die glänzende Oberfläche fährt und ich höre das leise Kratzen von Metall auf Holz. Und ich schaue auf den großen, dunklen Amethyst an ihrer Hand, in dessen poliertem, rundem Bauch sich das ganze Zimmer und sogar der Himmel vor dem Fenster spiegeln und ich brauche ihn gar nicht zu besitzen, diesen Ring, ich werde ihn nie vergessen, sowenig wie meine Mutter,

Auf meinem Küchentisch liegt ein winziges Plexiglasdöschen, ein oder zwei Dutzend kleiner Edelsteine darin. Einen einzigen davon, ein klitzekleines Splitterchen, könnte ich gut gebrauchen, um einen alten Schulterring zu reparieren und ihn dann wieder tragen zu können. Doch möchte ich das?

Ich versuche, mir vorzustellen, wie sie, die sie gerne und coram publico von ihrer missglückten Selbstvernichtung sprach und dabei mitten aus einem Lachen heraus das ernste oder entrückte Gesicht eines Stummfilmstars zaubern konnte, geeignet jeden Menschen der ein fühlenden Herz hat, zum Weinen zu bringen, ausgenommen die Wenigen – uns –  die sie gut kannten und die während der Vorstellung ungerührt oder allenfalls angewidert und mit versteinertem Gesicht sitzen blieben, statt sich zum Komparsen zu machen und sie zu umarmen, oder ihr ein Taschentuch zu reichen als dann endlich auch die Rotweintränen flossen, weil wir diese histrionischen und manipulativen Darbietungen längst kannten und zweifelsfrei von echten Gefühlen unterscheiden konnten, wie meine Mutter es wohl finden würde, wenn sie erführe, dass ich, die ungeliebte Tochter, mich über ihren Willen hinweggesetzt hätte, indem ich ihr in einem alten Ring das Denkmal gesetzt hätte, das sie immer haben wollte, und mir selbst damit einen Ort der Trauer geschaffen hätte.

 

An Weihnachten werde ich mit der Goldschmiedin die Steine anschauen und an die vielen Weihnachtsfeste mit meiner Mutter zurückdenken.

 

 

 

 

 

 

Bild: screenshot twitter

Immer Heute


Staubige Hitze und verbrannter Rasen. Schlingpflanzen ranken entlang der Schrebergartenzäune. Dahinter dösende Datschen mit halbgeschlossenen Lidern. Sirrende Wespen kreisen über fauligem Obst.

In der kurzen Stille des Atemholens zwischen Abend- und Nachtstunde liegt schweigend die Stadt.

Kopfruckelnd laufen die Tauben im Kreis umher. Es riecht nach Kleister, Kippen, Bier und Hundekot.

Die Fahrkarte hundertmal in den Spalt schieben und es ein ums andere Mal zuschnappen hören, das Stempelgebiss. Violette Abdrücke wie beim Zahnarzt, der den Überstand mit Färbepapier prüft. Schicht für Schicht die Zeit übereinanderlegen, synchron zu ihrem Vergehen. Zeitmesser auch die an den Rändern aufwellende Plakatlasagne an den eisernen Streben der Hochbahn. Lage für Lage vergangene Erwartungen. Obenauf die Heutige. Bald schon erfüllt oder enttäuscht und überdeckt von neuen Wegweisern zu einem nahenden Morgen.

Das Haus ist fertig, beendet der Nestbau. Der Augenblick entscheidet über das Überleben, alles andere ist eine Frage des Komforts.

April is the cruelest month. Noch ein Mal die Koffer packen und abreisen in ein neues Leben, in eine unbekannte Stadt. Weg von hier und von allem. Nur das Tölchen, das nähme ich mit.
Abends, wenn sie zusammengerollt und mit untergeschlagenen Beinen wie ein wartendes Kitz auf dem Teppich unseres sepiafarbenen Hotelzimmers läge, zündete ich mir eine Zigarette an, die erste in 8 Jahren, und bliese, auf dem Bett liegend, den blauen Rauch in die Luft. Schwindlig vom Nikotin überließe ich mich dem  Sehnen meines klopfenden Herzens und später, viel später in der Nacht atmete ich mich in einen traumlosen Schlaf.

Immer ist nur Heute und gestern bloß eine Illusion.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mografik, Plakate, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

I follow rivers

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(…)

1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge –

Friederike Mayröcker

 

 

Am Morgen ruft der Kanzler an. Ich sehe seine Nummer auf dem Display und weiß, daß das nichts Gutes bedeutet. Nicht um diese Uhrzeit. Mit klopfendem Herzen hebe ich ab.
Ganz ruhig redet er und mir laufen die Tränen, während er erzählt was geschehen ist, völlig unerwartet.
Ich kann gar nicht trauern, sagt er, nach einer Pause, so ist eben das Leben. Grausam.

Mich schüttelt es und ich denke: es steht mir gar nicht zu, so zu weinen, sie ist ihm viel näher als mir.

Heute Nacht habe ich sehr intensiv geträumt, sagt er dann unvermittelt. Ganz ungewöhnlich für mich. Ich träumte, dass ich fliegen kann. Nicht nur ein bißchen, sondern richtig. Zwischendurch dachte ich immer: das kann nicht sein, ich träume. Und dann war es doch so und ich flog 2000 und dann 3000 Meter hoch und immer höher.
Flieg du nicht auch noch davon, Papa, denke ich und sage es nicht.

Sie ist in dem gleichen Alter, wie unsere Mutter, als sie starb, dabei ist sie die Jüngste von uns fünfen.
Sie ist meine Lieblingstante,
sage ich.
Ja, ich weiß, antwortet der Kanzler, sie ist ein so sanfter Mensch.

Die Geräte sind abgeschaltet, wir warten auf den Tod.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle Zitat: http://www.poetenladen.de/theo-breuer-friederike-mayroecker.htm
Bild:
陶德, flickr, 20100829-0090,
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Auf Null

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Wann tritt das in Kraft?“
“ Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort,unverzüglich.“

 

Die Haare sind geschnitten. Der Sommer bald vorbei. Der Hund nach Wochen des Aufatmens doch wieder krank, Erbrechen und Durchfall. Die Bauchspeicheldrüse, mitten in der Nacht. Es kann nicht ruhig bleiben in meinem Leben. Was ist das bloß?
Ich hänge in einem Vakuum aus Ermattung, Erstaunen und Aufbruch.

Ein Knall, unvermittelt und langerwartet. Der Turm stürzt um.

Doppelte Sonne

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Um mich glimmernde / Sternchen:
Glühwürmchen spielen / Weltall am Waldrand.

(Josef Guggenmos)

 

 

 

Bei E 23 sind wir vom Weg abgebogen.
Auf einem bemoosten Grabhügel ohne Stein haben wir die Lilien abgelegt.
Fünf Menschen, zwei Hunde. Töle musste Zuhause bleiben, zu wackelig und schwach.

Gut wird nichts dadurch, aber das Staffelholz ist weitergereicht an eine andere Linie.
Den Ring, den ich als Jugendliche bekam, trägt jetzt ein Mensch, der ihm eine neue Bedeutung geben wird.

Am Abend die doppelte Sonne über den beiden Türmen.

/

Von draußen vibriert die Musik in meine Wohnung, Hofgelächter. Klänge vom Platz. Gleich zwei Feste finden dort statt, eines für Bücher und eines von Flüchtlingen und Ströbele tritt in der Kirche auf.
Warme Sommerluft weht durch die geöffnete Terrassentür in die Küche.
Selbst in der Dunkelheit schimmert der Garten noch grün.

Nur Glühwürmchen fehlten noch zum Glück.

 

 

 

 

 

Bild: t.truckle flickr_K5P1822.jpg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Bittere Asche

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Wir wollen nicht spalten – wir wollen versöhnen, vertöchtern, veronkeln, vertanten, verneffen und vernichten

(Peter Glaser)

 

 

Das Wort Versöhnung bekommt einen ganz neuen Klang, wenn ausschließlich der Sohn (also mein Bruder) der Seebestattung der Mutter beiwohnen darf, weil der Mutterbruder, auch Onkel genannt, mutmaßt, die beiden hätten sich (nach über 20 Jahren)  wahrscheinlich doch noch irgendwann versöhnt, wenn nur der Mutter nicht die blöde Demenz dazwischen gegrätscht wäre.

Die Vorsilbe „ver“ deutet zwar oftmals auf etwas negatives hin – verloren, verirrt, verwirrt– in diesem Falle soll es aber wohl was Gutes sein, die onkelseits gestattete Versöhnung des Sohnes mit der toten Mutter.

Vertöchtern gibt’s leider nicht, das sehen der Duden und das Leben (und der Onkel) nicht vor, und deswegen müssen die beiden Töchter sich dem letzten Willen der Mutter beugen und an Land bleiben, während deren Asche verstreut wird.
Ihre völlige Auslöschung wollte sie, nichts sollte mehr von ihr übrig bleiben, um uns Kindern keinen Ort der Trauer zu geben. Das war ihr letzter Wille.

Ich glaube ich werde nie wieder im Meer schwimmen können, ohne Angst zu haben mich an ihr zu verschlucken.

 

 

 

 

 

 

Bild: Uwe, Die Rückkehr
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pica màs

Als ich am Morgen erwache ist es Mittag und der Abend naht. So coastert der Tag und rafft sich die Zeit

Die Nachbarin singt, ihre Haare wachsen wieder. Der Frühling ist da und die Tulpen. Immer und immer, die roten Tulpen. Das Tröstliche und das Schmerzliche daran.

Wie unverständlich mir früher der Wunsch nach einer Rewind-Taste war (als ob das möglich wäre) und jetzt möchte ich sie herunter drücken, mechanisch, mit einem leichten Widerstand, bis sie einrastet und ich mich darauf verlassen kann. Es anders machen.

Ein Lasso ins All werfen.

Eine Pinguinkolonie. Den einen oder anderen erwischt der Seelöwe. Den holt auch die Taste nicht wieder.

Dich Tier zu nennen und nicht Welt, dir einen Namen zu geben, um dich lieben zu können und dich von Spulwürmern zu unterscheiden, von Seeanemonen, vom Krill und von der Luft, die ich atme. Zu spüren, wie die Welt sich verändert ohne dich. Der Berg im Rücken ist höher als gestern.

Rewind ist nicht und darf auch nicht. Die Pässe sind gesperrt.

Weit ist die Ebene, der Horizont in Sicht und es schmerzt mich Dich zurück zu lassen, allein.

Wie gerne du an meinem Mund gerochen hast. Ich musste ihn öffnen, damit du deine Nase hineinstecken konntest und einen tiefen Zug nehmen, dich vergewissern dass ich es bin, und dann davongehen. Lautlos.

Was wirst du zu beichten haben, außer deiner Leidenschaft für Oliven?

Auf einem metallenen Tisch stirbt die Fürsorge, verkehrt sich in grelle Sinnlosigkeit. Vorbeugend.

Gute Reise, sagt man und meint à dieu.
Au revoir, ma petite