Wimmelbild mit tsruwtarB

20170617_172110-1.jpg

Bei Frau Merkel um die Ecke geht es so zu: die Bratwurst ist spiegelverkehrt, die Krakauer lustig oder lustvoll und Senf & Ketchup gibt´s aus hängenden, euterartigen Melkflaschen. Leuchtmänner sitzen auf Bänken, Schilder warnen und Zäune verwehren. Obendrüber die Hochbahn mit geballter Faust und wolkigem Gekringel.
In unserem Rücken ist gerade Flohmarkt, dahinter steht das Bode-Museum wie ein dicker Knödel auf der Museumsinsel. Es handelt sich übrigens um jenes Museum, aus dem unlängst eine 100 kg-Goldmünze gestohlen und diese inzwischen wahrscheinlich zu Winke-Dildos umgeschmiedet wurde.
Vor dem Haus, in dem die Kanzlerin wohnt, vis à vis des Pergamon-Museums, fahren gerade wichtige Männer mit schwarzen Limousinen vor, derweil einer der wachhabenden Polizisten seinem Kollegen ganz selbstvergessen und ungeniert im Gesicht herum fummelt und die beiden kurz davor sind, sich zu küssen.
Ach, Berlin.

 

 

 

 

 

 

Bratwurst in Spiegelschrift liest sich auf den ersten Blick wie Brustwarze.

 

 

Coup de Schlumpf

smurf-139994_1280

Der Unterfranke sammelt gerne und viel und er liebt die Ordnung. Im Prinzip. Heimisch wird sie bei so vielen Fundstücken allerdings nur schwer und da er nichts wegwerfen möchte, beschließt er einen Ebay-Account einzurichten und dort das ein oder andere zu verkaufen. Anfangen will er, versuchsweise, mit einem kleinen Schlumpf. Einem, den er doppelt, wahrscheinlich sogar drei-, möglicherweise auch vierfach besitzt, obwohl er nie vorhatte sowas zu sammeln. Es hat sich einfach so ergeben. Die Dinge liegen am Straßenrand und bitten regelrecht darum mitgenommen zu werden. Der Unterfranke hat ein großes Herz und gibt ihnen allen ein Zuhause. Dafür opfert er in seiner 3-Zimmer-Wohnung in bester Lage auch gerne einen ganzen Raum, der bis unter die Decke voll ist mit seinen Schutzbefohlenen. So voll, dass man nicht einmal eine Pritsche für einen Übernachtungsgast aufstellen könnte. Selbst sein braver Hund hat Mühe, sich zwischen all den Schätzen hindurch zu schlängeln, wenn er das Zimmer durchqueren will. Wer sich nicht zu dem Unterfranken ins Bett legen möchte, der kann leider nicht bleiben, falls er den letzten Bus verpasst hat und zu müde oder zu breit zum Laufen ist, denn in dem dritten Wohnraum stehen das Motorrad und jede Menge Werkzeug und Ersatzteile. Wer trotzdem bleibt, bekommt am nächsten Morgen einen starken Kaffee und kann diesen mit Blick auf Spree und Treptower Park genießen. Darüber hinaus kann der Besuch sich an dem Schwarz-weiß-Photo eines überaus wohlgeformten weiblichen Gesäßes in Netzstrumpfhosen erfreuen, der durch die knapp neben der Pofalte verlaufende Naht besonders raffiniert in Szene gesetzt ist.

Ein weiterer Blickfang sind der kleine Birnbaum, der aus einem alten Toaster herauswächst und der Apfelbaum, der aus einem Wasserkessel sprießt, den der Unterfranke gefunden hat.

Einmal hat der Unterfranke Flohmarkt gemacht. Das ist schon lange her. Unter anderem hat er damals ein Skelett verkauft, ein richtig teures, wie es zur Physiotherapieausbildung verwendet wird. Bis heute bedauert er, sich von einem solchen Prachtstück getrennt zu haben. Besser erstmal gar nichts weggeben, das wird ja alles immer wertvoller, Tag für Tag, und irgendwann braucht man dringend Geld und hat längst alles versilbert. Höchstens den Schlumpf könnte man mal verkaufen, bei Ebay. Sind ja noch 2 bis 3 gleiche übrig, falls sich auch hier der Wert überraschend steigern sollte, oder der Notfall eintritt.

Möööööööp

Ein Verkauf bei Ebay will gut vorbereitet sein, damit man sich hinterher nicht mit schlechten Bewertungen herumschlagen muss. Zuerst mal braucht man natürlich dringend gute Fotos und dafür wartet man am besten auf das richtige Licht. Im Winter wird das also nichts, verschieben wir es auf den Frühling. Der Unterfranke hat keine Eile, der Schlumpf sowieso nicht, er fühlt sich wohl unter seinesgleichen und in der Obhut seines Finders.

An einem Mittag im Frühjahr liegt der Unterfranke auf dem Bett, in der einen Hand den Schlumpf, über dessen Mütze er selbstvergessen mit dem Daumen streichelt, in der anderen ein Buch, und auf seinem Brustkorb die Tigerkatze.

– Wolltest du den Schlumpf nicht verkaufen?, frage ich ihn.
– Sicher.
– Wollen wir mal Fotos machen?
– Sicher.
– Wann denn?
– Sicher.
– Hörst du mir zu?
– Sicher.

So wird das nichts. Ich hole die Kamera und schieße ein paar Bilder von den Dreien.
Zu meiner Überraschung packt den Unterfranken, kaum, dass er die Fotos sieht, die Kaufmannslust. Mit frischem Mut legt er sein Buch beiseite, schält sich aus dem Bett, holt den Laptop aus dem Regal und öffnet die Ebay-Seite.

– Wie soll ich mich denn nennen?, fragt er mich in euphorischer Stimmung.
– Wie wär´s mit Unterfranke?
– Ne. Was hälst du von Schrauber?
– Auch gut.
– Oder vielleicht Stier, mein Sternzeichen.
– Ja.
– Ich glaube aber nicht an Astrologie.
– Macht ja nix, ist ja nur ein Name.
– Wieso nur. Das bin ja auch ich, und am Ende denkt noch jemand ich wäre ein Bulle.
– Wieso das denn?
– Wegen Stier.
– Ist doch egal, was irgendwer, den du nicht kennst, von dir bzw deinem Namen denkt.
– Mit Bullen will aber keiner Geschäfte machen. Das riecht nach Ärger. Ich hab´s, ich nenne mich Husaberg.
– Super.
– Das sagst du nur damit ich mich beeile.
– Damit du dich wenigstens mal anmeldest.
– Also gut, dann Husar.
– Dufte.
– Husar?
– Ja!

Die weitere Anmeldung verläuft komplikationslos und nach 10 Minuten steht der kleine Plastikschlumpf, zusammen mit der Tigerkatze und der Hand des Unterfranken online.
Die Auktion läuft 12 Tage und an jedem einzelnen schaut der Unterfranke mindestens 3 mal nach ob schon jemand auf den Schlumpf geboten hat. Fehlanzeige. Niemand interessiert sich für den kleinen Kerl.

Am letzten Tag der Auktion liegen wir zusammen auf dem Bett und gucken eine DVD.

Wenn niemand den Schlumpf ersteigert und diese Auktion der Testlauf ist, um endlich die Wohnung zu entrümpeln, denke ich, dann wird der Unterfranke nie wieder versuchen etwas bei Ebay zu versteigern und irgendwann unter all den Fundsachen verschütt gehen.
Unter einem Vorwand verabschiede ich mich ins Nebenzimmer, eröffne auf die Schnelle einen Ebay-Account unter einem Phantasienamen, und ersteigere den Schlumpf in letzter Minute. Er wird sich so freuen!
Nach dem Film geht der Unterfranke an den Computer. Kurz darauf höre ich einen Schrei von nebenan.

– Aaaaargghhh! Das gibt’s doch nicht!
– Was denn,
frage ich scheinheilig.
– Der Schlumpf ist verkauft. Sauerei!
– Wieso Sauerei?
– Den kauft doch keiner, jetzt kauft den doch einer! Das gibt’s doch nicht!
– Aber du hast doch noch drei davon!
– Na und. Aber dieser hier ist trotzdem einmalig.
– Ich dachte du wolltest ihn loswerden.
– Aber doch nicht für einen Euro!
– Dann hättest du ein Mindestgebot verlangen müssen.
– Scheiße, echt! Ich verkauf nix mehr. Immer wird man über den Tisch gezogen.
– Guck mal, wer ihn gekauft hat,
schlage ich vor, vielleicht lässt sich mit dem demjenigen verhandeln. Du schickst ihm oder ihr einfach `ne Mail und sagst Du hast dich geirrt.
– Dann gibt das Arschloch mir eine schlechte Bewertung.
– Versuchs doch mal.
– Ich hasse den jetzt schon. Ist bestimmt ein Arztsohn.

Tatsächlich schickt der Unterfranke mir noch am gleichen Abend eine zerknirschte Mail,  mit der Bitte den Kauf rückgängig zu machen.
Später liegen wir zusammen im Bett, zwischen uns die Katze und der Schlumpf.

Es war eine bescheuerte Idee den Schlumpf bei Ebay einzustellen, sagt der Unterfranke und ich kann hören, wie schwer ihm um´s Herz ist.
Vielleicht wird doch noch alles gut, flüstere ich und streiche dem kleinen blauen Kerl über seine Mütze.

H

Ehe M. von meinem Onkel beerdigt wurde, nahm er Drogen.
Jahrelang.
Weiche, psychedelische. Harte.
Am Ende war er auf H.

Früher war er einfach athletisch und gutaussehend und schien ein netter, wenn auch etwas überdrehter Kerl zu sein, der sich in den gleichen Läden herumtrieb wie ich, der oft nach New York reiste, behauptete bisexuell zu sein, und der mir mit seiner, den Frauen zugewandten Seite hinterher stieg.
Ohne Verabredung, trafen wir uns fast jeden Samstag, gemeinsam mit vielen anderen, die man aus dem Nachtleben kannte, am Eisernen Steg in Frankfurt. Eine lose Gruppe.
Flohmarkt.
Ich habe ein deutliches Bild im Kopf:  wir beide in der prallen Sonne, vor der Maaschanz, einem düsteren Bierlokal mit Stammgästen, das heute zwar noch den gleichen Namen trägt, inzwischen aber, mit Küchenchef und entsprechenden Preisen auf die anspruchsvollere Klientel setzt.

Essen wie Gott in Frankreich

Wir stehen nebeneinander, unterhalten uns, flirten unverbindlich und beobachten den Menschenstrom, der sich den Schaumainkai entlang über den Flohmarkt schiebt.
M. hat, wie meist, die Arme verschränkt (um seinen Bizeps noch besser zur Geltung zu bringen), und hippelt auf den Beinen hin und her, als müsste er dringend pinkeln. Immer nervös.
Schöne Augen hat er. Rehbraun, mit schweren, großen Lidern. Der Italiener.
An einem dieser staubigen Flohmarkt-Nachmittage lädt er mich zu einer Party ein, die am Abend auf dem Lerchesberg, dem Millionärsviertel, stattfinden soll.
Woher er solche Leute kennt?
-Alles cool. Das sind okaye Leute. Lass mal hingehen. Aber komm nicht so spät, geht um acht los.
Ich verspreche nichts, ziehe mir aber am Abend ein schwarzes Kleid an und fahre zu der angegebenen Adresse.
Wie sich herausstellt, handelt es sich dabei um eine Hochhaussiedlung am Sachsenhäuser Berg. Von wegen nobel.
Es ist ein Samstagabend im Hochsommer, die Hitze des Tages steht noch zwischen den weißen Wohnsilos, der Himmel ist tiefblau.
Technicolor
Gleich aus mehreren Wohnungen dringt der Gesang von Cabaret an mein Ohr.
Im Erdgeschoss bläht sich eine Gardine aus dem Fenster. Kein Lüftchen bewegt sie. Dahinter flimmert der Fernseher.

Willkommen, bienvenue, welcome!
Fremder, etranger, stranger.

Ich klingele. M.s Stimme an der Gegensprechanlage. Der Türsummer geht, ich nehme den Lift in die elfte Etage. M. öffnet die Tür, lächelt mich merkwürdig verschmitzt an und macht eine kleine Verbeugung.

-Komm doch rein!

Ich betrete den Flur. Ein orangefarbenes Telefon ist gleich neben den Eingang an die Wand montiert, ein Einbauschrank mit weißlackierten Lamellentüren in die Wand eingelassen. Es ist still.

-Noch niemand da?, frage ich.
-Nein, aber die kommen gleich.

Komische Party.
M. führt mich durch den winzigen Flur in ein Zimmer; das Einzige in dieser Wohnung. Der ca. 40 qm große Raum ist fast leer.
Eine Matratze liegt vor der offenen Balkontüre, ein Klavier steht an der linken Wand. Davor ein Holzschemel. Auf dem Klavier liegen dicke bunte Straßenkreiden. Links daneben befindet sich eine Art Tresen zur offenen  Küche. Fast mitten im Raum eine massive, eckige Betonsäule, die dem Zimmer einen industriellen Anstrich verleiht.

-Willst du was trinken?
-Ja gerne, ein Bier.
-Gibt nur Champagner.
-Dann halt Champagner.

M. geht zur Küchenzeile und öffnet die Flasche, während ich auf den Balkon hinaustrete und über die Stadt blicke.
Solange ich nicht direkt nach unten schaue geht es.
Ein paar Minuten stehe ich alleine da draußen, atme und freue mich, dass ich am Leben bin.
Die Luft ist weich, mein Körper fühlt sich gut an.
Ich bin schön, alles liegt noch vor mir.

The future is unwritten

Der Korken knallt.
Gluck, gluck, gluck.
M. kommt mit zwei Gläsern auf den Balkon. Zusammen nippen wir am Schampus.
Er kann die Stille nicht ertragen, quasselt ohne Punkt und Komma, ist überdreht und hippelig.
Ich zünde mir eine Zigarette an.

Rose and champagne

Komm, ich zeig dir was, sagt er dann und wir gehen zurück ins Zimmer, wo er sich suchend umschaut, sich dann unvermittelt ans Klavier setzt und in die Tasten haut.
Von oben nach unten und zurück. Mit voller Wucht. Ohne Sinn und Verstand. Wie entfesselt.
Sein Spiel begeistert ihn selbst so sehr, dass es ihn vom Schemel hochreisst, und er im Stehen weiter auf das Instrument eindrischt.
Was ist denn mit dem los, wundere ich mich, als er plötzlich zur Zimmertür rennt, sie blitzschnell zuzieht und abschließt. Den Schlüssel steckt er in seine Hosentasche.
-Was soll das denn? frage ich ihn genervt, aber er antwortet nicht, schaut mich nicht einmal an. Stattdessen hämmert er weiter,  inzwischen mit geballten Fäusten, auf den Tasten herum. Seine Beine bewegen sich unkoordiniert zu dem Klanginferno. Ich schaue hilflos zu.
So plötzlich wie er angefangen hat, hört er auch wieder auf.

Klavier

-Ich möchte dich zeichnen, sagt er, zieh dich aus.
Ey M., das geht echt zu weit. Ich  gehe jetzt.

Davon kann aber gar nicht die Rede sein.
M. zuckt mit den Schultern, greift nach einer der Kreiden auf dem Klavier, und beginnt mit weit ausholenden Bewegungen großflächig die Wand vollzukritzeln. Seine Beine tanzen weiter dazu, wie die eines Boxers im Sparring.
Von Zeit zu Zeit schaut er zu mir herüber, ganz so als würde er mich tatsächlich porträtieren.

Glücklich zu sehen, je suis enchante,
Happy to see you, bleibe, reste, stay.

Das geht eine ganze Weile so. Ich schaue ihm zu. Ratlos stehe ich im Raum herum, bis ich mich irgendwann auf die Matratze setze.
M. performt weiter.
Ich überlegte, wie ich am schnellsten wieder hier rauskommen könnte.
Ob ich nicht besser auf den Balkon gehen und in die ausgestorbene Betonschlucht hinunter rufen sollte? Nur was? Er hat mir ja bis jetzt gar nichts getan.
Bestimmt fragen mich die Bullen dann, wieso ich überhaupt alleine hierher gekommen bin. Im Kleid. Schnapsidee. Party, aha?
Angst habe ich zu dem Zeitpunkt überhaupt keine, und dem Genervtsein mischt sich ein unbestimmtes Gefühl der Sensationslust bei, das mich selbst überrascht.
Außerdem mag ich ihn ja, den M. Wir kennen uns doch. Er wird mir nichts tun.
Ich muss einfach cool bleiben. Vielleicht kommt ja doch noch jemand.
Um wieder ein bisschen Normalität herzustellen, und meinen Gleichmut zu demonstrieren, versuche ich ein belangloses Gespräch.
In wessen Wohnung wir sind, und ob er keinen Ärger befürchtet, wenn er die Wände so vollsaut, frage ich ihn.

-Das gibt keinen Ärger, antwortet er atemlos, und malt unter Einsatz beider Arme unermüdlich weiter. Ihm ist alles egal.
Nach ein paar Minuten, die mir sehr lange vorkommen, hat er fertig getanzt.
Die Wand ist kindergartenbunt, eine dünne Schicht Kreidestaub hat sich auf den schwarzen Lack des Klavieres gelegt.
Jetzt setzt M. sich zu mir, strahlt mich begeistert an und trinkt in großen Schlucken ohne den Blick von mir zu lassen.

Can´t take my eyes off you

Als ich am nächsten Morgen erwache habe ich einen Filmriss.
Meine Erinnerung endet dort, wo er sich zu mir setzt. Der Rest ist weg. M. liegt neben mir und schläft. Er ist vollkommen nackt. Sein Körper ist glatt und schön.
Immerhin bin ich bekleidet. Sogar die Schuhe habe ich noch an.
Das beruhigt mich.
Als ich aufstehen will erwacht er, hält mich am Arm fest, und fragt mich wo ich hin möchte.

Nein, nach Hause könne ich jetzt noch nicht. Erst müsse ich noch baden.
Jeder Versuch ihm diese Idee auszutreiben scheitert. Ich habe das Gefühl, dass ein falscher Satz die Situation zum Kippen bringen könnte.
Wenigstens kann ich ihn überreden alleine baden zu dürfen.

Er geleitet mich ins fensterlose, dunkelgrün geflieste Bad, kippt ein bisschen Litamin in die Wanne und dreht den Hahn voll auf. Dann lässt er mich allein im dampfigen Grün .

Sanft umgibt dich weicher Schaum, und mehr Pflege spürst du auch

Ich schließe ab und hänge ein Handtuch vor das Schlüsselloch. Eine ganze Weile lang starre ich in den Spiegel, bis er vollkommen beschlagen ist. Natürlich werde ich nicht baden.
Um ihn nicht zu verärgern, und meine Freilassung nicht weiter zu verzögern, plätschere ich ein bisschen mit den Füßen im Wasser herum, und tauche die Hände solange hinein, bis sie schrumpelig sind.
Am Schluss benetze ich Gesicht und Haaransatz und öffne meinen Zopf.
Als ich rauskomme steht er, immer noch nackt, in dem kleinen Flur und scheint sich zu freuen mich so zu sehen. Entspannt lacht er mich an.
Ohne Vorankündigung schnellt sein Arm plötzlich nach links, landet auf der Türklinke,  und zu meiner Überraschung öffnet er die Wohnungstür. Einfach so.
Mit der gleichen Verbeugung, mit der er mich am Vorabend empfangen hat, weist er mir nun den Weg nach draußen.
Ohne meine Zigaretten, die Schuhe in der Hand, verlasse ich die Wohnung.

Es war sehr schön mit dir, sagt er, als ich gehe und schließt, kaum, dass ich über die Schwelle getreten bin, die Türe hinter mir.

Ich nehme den Aufzug und zwinge mich, nicht nach oben zu schauen, als ich aus dem Haus trete.

Ein paar Jahre später wird er genau hier, beim Versuch vom Nachbarbalkon aus die Wohnung zu erreichen, den Tod finden.

Das letzte Mal, das ich ihn gesehen hatte, versuchte er erfolglos seine Jacke auf einen Kleiderhaken bei Wiener Wald zu hängen.

10 grams of no.3 heroin

Als Begleitmusik: http://www.youtube.com/watch?v=d7R7q1lSZfs

Te Recuerdo Amanda

Auf Deutschlandradio läuft Víctor Jara.
Gleich mit 3 Liedern erinnert man an den chilenischen Sänger, der vor 40 Jahren, als Anhänger Allendes und der Unidad Popular, von Pinochets Schergen gefoltert und ermordet wurde.
Erst seit 2012, werden die dafür verantwortlichen Offiziere per Haftbefehl gesucht.

La vida es eterna en cinco minutos

Meine Gedanken kreisen um das was war. Bilder aus der Vergangenheit tauchen wie gestochen scharfe Fotografien vor meinem inneren Auge auf.
So, wie die Herbstsonne jedes Detail näher heranholt und schlaglichtartig ausleuchtet, so sind die alten Tage in den letzten Wochen wieder greifbar.
Mit einer Deutlichkeit, in der ich sie vielleicht nicht einmal damals erlebt habe. Steckte ich doch mitten drin in der dicken, undurchsichtigen Suppe meiner Jugend.

Eiserner Steg in Frankfurt am Main

Frankfurt war der Schauplatz.
Frankfurt war die Stadt in der die Kaufhäuser brannten und in der Adorno gelehrt hatte.
In Frankfurt stand ich jeden Samstag am Eisernen Steg, umwabert vom Gestank des, im Brückenkopf befindlichen, öffentlichen Pissoirs.
Von dort beobachtete ich das Treiben auf dem Flohmarkt.
In den Pissegestank mischte sich der Geruch von Bier, Räucherstäbchen, dem Naphtalin von Mottenkugeln, Patchouli- und Vanilleöl. Muff.
Kahlgeschorene, in Rot gewandete Hare Krishnas defilierten singend und trommelnd das Mainufer auf und ab.
Wir kifften, tranken Bier und klauten Lederjacken.
Ohne Helm rasten wir mit dem Motorrad durch die Stadt, immer auf der Jagd nach unserem Schatten.

Hare hare, rama rama

Unsere Abende verbrachten wir im Elfer oder in der Batschkapp. Öfters im Theater am Turm, im Cookies oder dem Morrison.
Manchmal auch im fabelhaften Sinkkasten, oder im Höhenkoller, die es inzwischen beide nicht mehr gibt.
Wir besuchten Konzerte und für die ganz großen fälschten wir Eintrittskarten. Trotz unseres Dilettantismus wurden wir niemals erwischt. Man hätte glauben können, dass jemand in dieser Zeit seine schützende Hand über mich hielt.

Lou Reed, The Cure, Dinosaur Jr.

Mit T. betrank ich mich im Dr. Feelgood, einer Eckkneipe auf der Berger Straße, wo er anschreiben lassen konnte. Zu Monatsbeginn, wenn die Stütze kam, zahlte er zuerst die Miete und beglich dann seine Trinkschulden. Von dem was übrig blieb kaufte er sich ein paar Platten.
T. liebte Jimmy Hendrix.
In seiner Wohnung hingen schwarz-weiß Poster mit nackten, gefesselten Frauen von deren Haut Sperma tropfte. Ich bin  nicht sicher, ob er, oder sein ewig stinkender Mitbewohner sie angepint hatte.
T. jedenfalls schienen sie überhaupt nicht zu interessieren.
Von Bondage war nie die Rede, und auch sonst war er, abgesehen von seinem Alkoholismus, ein bodenständiger Typ, dessen Berufswunsch das Betreiben einer Ziegenkäsefarm in Frankreich war.
Ziegen mochten wir beide.
Kennen gelernt hatten wir uns beim Trampen.
Ich hatte den vollkommen Betrunkenen vor der Batschkapp aufgelesen und nach Hause gebracht. Im Auto, vor seiner Haustüre versuchte er mich zu küssen, was ich  abwehren konnte.
Am nächsten Tag rief ich ihn unter der Nummer, die er mir beim Aussteigen in die Staubschicht auf meinem Auto gemalt hatte an. Die nächsten Monate verbrachten wir zusammen.
Im Haus schräg gegenüber von T. wohnten Terroristen. Sie flogen auf, als sich beim Reinigen einer Pistole ein Schuss löste.
Gerne hätten wir sie kennen gelernt. Wir träumten davon jemanden zu entführen und viel Lösegeld zu erpressen. Ehrensache, dass wir niemandem ein Haar gekrümmt hätten.

Baader-Meinhoff fanden wir grundsätzlich gut, das Töten allerdings erschien mir unnötig.
Erschrecken, erpressen und bedrohen musste doch reichen.
Eine Zeit lang überlegte ich, ob ich nicht meinen Großvater für eine Entführung zur Verfügung stellen sollte. Immerhin war er Bankdirektor und verpfeifen würde er uns später ganz sicher nicht.
Die Idee war uns durch die gründlich missglückte Entführung Pontos gekommen.
Extreme Antriebsarmut und unsere allumfassende pazifistische Grundhaltung liess uns den halbgaren Plan jedoch bald verwerfen.

Let´s drink to the hard-working people

Mein Großvater zog nach Pontos Tod in die Schweiz, wo er sich sicherer fühlte.
In seinen letzten Jahren besuchte er heimlich das Casino und verpulverte dort seine Kohle, bis ihm meine Großmutter auf die Schliche kam.
Wahrscheinlich hätte er an einer richtigen Räuber-und-Gendarm-Posse seine helle Freude gehabt. Solange das Essen gut war.
Ich mochte ihn sehr, den alten Genießer.

An manchen Wochenenden fuhren wir in den Taunus, flackten uns auf eine Wiese und erlebten die stadtnahe Natur im psychedelischen Vollrausch.
Einer hatte seine trächtige Hündin dabei. Zum ersten und bis heute letzten Mal erlebte ich die Geburt von Tierkindern.

English: Puppies in a bin.

Es war großartig. Unglaublich und zugleich so selbstverständlich.
Alle Anwesenden fühlten sich durch dieses gemeinsame Erlebnis zutiefst verbunden.

Liebe, Liebe, Liebe, hing über dem Wald von Oberursel.

Erst am nächsten Tag, nachdem wir wieder halbwegs bei Sinnen waren, fuhren wir, zusammen mit 8 Hundewelpen zurück in die Stadt.
Das Auto meiner Eltern war nach dem Ausflug ziemlich ramponiert. Die Benzinwanne war bei nächtlicher Geländefahrt eingedrückt worden, eine Zierleiste abgerissen und die Beifahrerseite verkratzt. Ich staune bis heute, wie entspannt mein Vater meinen Lebensstil ertrug und mir stets zugewandt und mit stoischem Gleichmut begegnete. Manchmal allerdings rief er mir gute Ratschläge oder Gefahrenwarnungen hinterher, wenn ich das Haus verließ.
Irgendwann musste ich ein paar Termine bei einer Psychologin von der Drogenberatung wahrnehmen. Eine nette Frau, mit altmodisch hochgesteckten Haaren, die am Stock ging, einen Klumpfuss hatte und hautfarbene, orthopädische Lederschuhe trug. Wir quatschten über dies und das, bis ich keine Lust mehr hatte mein schillerndes Leben in düsteren Farben zu malen.
Auf dem Nachhauseweg kaufte ich in der Taunusanlage Cannabis. In der B-Ebene der U-Bahn dann sah ich zum ersten Mal einen Toten. Er hatte die Nadel noch im Arm. Den letzten Termin bei der Psychologin schwänzte ich. Sie rief bei meinen Eltern an, was außer halbherziger Schelte folgenlos blieb.
Ängstlich und besorgt wurde mein Vater übrigens erst, als die schlimmsten Zeiten überstanden waren.

Der Reiter und der Bodensee

Studieren wollten wir nie. Lieber reisen und frei sein.
Vielleicht Fremdsprachenkorrespondentin werden.
Am besten learning by doing.
Sprache als Tor zur Welt.
Auf jeden Fall alles mitnehmen. Drogen, Sex, Musik.

Ian Dury

Bemerkenswert, dass wir fast alle noch die Kurve gekriegt haben.

English: mushrooms Deutsch: Pilze

Ein paar allerdings gingen als Drogentote in die Statistik ein.
Einen von ihnen hat mein Onkel, der Pfarrer beerdigt.

Frankfurt musste ich dann irgendwann verlassen.
Ich suchte mein Glück, erst in die Enge der unterfränkischen Metropole, dann in dem Häusermeer der Hauptstadt. Nach Frankfurt zieht es mich inzwischen wieder gewaltig.
Dort leben noch immer Vater und Schwester.

Die Schwester hat gerade Geburtstag und zu diesem Anlass bin ich in den ICE gestiegen, um den Tag mit ihr zu begehen. Viele ihrer alten Freunde waren zu Besuch.
Manche hatte ich seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen.
Allen scheint es gut zu gehen.
Die Hunde waren, wie immer, dabei.

Aber das ist eine andere Geschichte.