Engelberg

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Mein Großvater war Bankdirektor und zog in die Schweiz um nicht in Frankfurt erschossen oder von seinen Enkeln entführt zu werden. Natürlich hätten wir ihn auch in der Schweiz hopps nehmen können. Haben wir aber nicht.
In die Schweiz fuhren meine Eltern immer nur im Winter und während sie mit der reichen Verwandtschaft Champagner schlürften, Beluga-Kaviar aus der blauen Dose löffelten und in Abendgarderobe im großelterlichen Wohnzimmer saßen, aßen wir Kinder Pommes bei Coop und tranken, angenehm unbeaufsichtigt, literweise Cola dazu.  Tagsüber sollten wir Ski fahren lernen, autodidaktisch versteht sich, bekamen aber aus Gründen der protestantischen Lebensführung kein Lifttcket und hatten schon bald den Kragen derart voll davon, mit kalten Füßen in zu engen, geliehenen und tonnenschweren Skischuhen und mit geschultertenm Kreuz Brettern, den Berg hinaufkraxeln zu müssen, bloß um nach einem so mühselig wie schmachvollen Aufstieg (über uns die Sessellifte mit den beinebaumelnden Häretikern) läppische drei Minuten lang, unbeholfen mit den Armen rudernd, abfahren zu dürfen, dass ich die Skier gegen einen einfachen Holzschlitten tauschte, mit dem ich wieder und wieder gegen das Gemäuer des alten Klosters am Fuße des Idiotenhügels rauschte. Ich stellte mir vor, dass die Benediktinermönche, die dort lebten, eingeschneit von dicken Flocken und versunken in ihr Zwiegspräch mit Gott, ein leises Rumsen hören und sich für einen Moment verwundert an die rosawangige, rufende Welt da draußen erinnern würden, deren Echo längst in ihrer Seele verhallt war, ehe sie sich wieder ganz und gar ihrem Glauben hingaben. Der Gedanke gefiel mir so gut, dass ich meinen Bruder bat, sich zu mir auf den Schlitten zu setzen und mit mir gemeinsam den Hang hinunter zu rodeln, um so die Wucht des Aufpralls zu verdoppeln.
Am Abend waren wir übersät mit blauen Flecken.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Kloster Engelberg
Lizenz: alle Rechte vorbehalten

Hämoglobin

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Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

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Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

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Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Mutter

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Wenn ich etwas Gutes über meine Mutter sagen sollte, dann wäre es dies:

sobald ich krank war, was selten vorkam, war sie zur Stelle und für mich da.
Lag ich fiebernd in meinem Bett unter der Dachschräge, bedeckte sie mich mit einem warmen Daunenduvet, das sie über und über mit ihrem edlen Lieblingsparfum besprüht hatte. Neben mir stapelte sie turmhoch Bücher und Comics, dazu Packungen flaumweicher Kleenextücher, wie sie sie sonst nur zum Abschminken benutzte, und die ich bis heute mit dem Abdruck ihres kleinen rosarot oder pink angemalten Mundes und den Flecken ihrer schwarzen Wimperntusche in Verbindung bringe.
Damit ich mich bemerkbar machen konnte, wenn ich zwischen zwei Schlafphasen wach wurde, stellte sie die kleine Messingglocke neben mein Bett, mit der sie uns, als wir noch klein waren, an Weihnachten zur Bescherung gerufen hatte. Sie reichte mir warme Waschlappen mit duftender Seife, mit denen ich mich reinigen konnte, schüttelte mein Bett auf, sorgte für Frischluft, brachte mir Tee und Apfelstückchen oder eine geschälte Orange, machte Wadenwickel, achtete darauf, dass ich meine Medikamente nahm und einmal, als das Fieber, trotz aller Maßnahmen, weiter und immer weiter stieg und mit ihm mein Blutdruck und ich schließlich starkes Nasenbluten bekam, welches sich nur durch eine Tamponade stillen ließ, legte meine Mutter eine Matratze in mein Zimmer und wachte die Nacht über neben meinem Bett. Das war einer der wenigen Momente in meinem Leben in denen ich mich rundum geborgen fühlte. So sehr, dass es mir gar nichts mehr ausmachte krank zu sein.
Doch trotz aller Anstrengungen und ihres Wissens als examinierte Krankenschwester, verschlechterte sich mein Zustand und mein Onkel, der Pfarrer, wurde gerufen. Der große Mann setzte sich auf meine Bettkante, legte seine schwere Hand auf meine heisse Stirn und sprach zu mir, die ich bereits phantasierte und eingehüllt war in purpurrote Nebelfelder, über das Leben, über Jesus und über den Tod. Hinter ihm nahm ich verschwommen meine Mutter wahr. Mit vor der Brust verschränkten Armen stand sie da, hielt sich an sich selbst fest und ich glaubte, sie weinen zu sehen. Da wusste ich, dass sie mich doch gerne hatte und schloss die Augen.
Bald darauf holte mich der Krankenwagen ab.

Nur ein einziges Mal noch in meinem Leben, habe ich mich ihr wieder so verbunden gefühlt, wie an diesem Tag. Das war kurz nach ihrem Tod.

Dieser Text entstand unter dem Eindruck dieses Textes von Andreas Glumm: Mutter

Bild: Luca Rossato, until the end, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Friede den Hütten und andere Wünsche

(youtube-Direktlink)

 

 

Stucked in the middle of „Ar***f****hausen“

Leute, das waren anstrengende Tage, dabei ist es nur Internet.

Als ich den Text las, der die Welt erschütterte, blieb mir nicht nur die Spucke weg, ich bekam auch Herzklopfen. Wo bin ich hier bloß reingeraten.
Dann kam mein Metzgersgleichnis. Dann Annikas Stoppschild. Schließlich eine Entschuldigung und jetzt scheint alles wieder in Butter.
Erklärungen, Relativierungen, supi.

Pantoufle schreibt bei sich und bezugnehmend auf den ganzen Zirkus über die Umgangsformen, die man erwarten darf und darüber, wie verletzbar man sich macht, wenn man „befreundeten“ Bloggern Dinge über sich preis gibt oder überhaupt nur der Idee verfällt man könne im Internet ein Wohnzimmergefühl pflegen, wo Sitte, Moral und Anstand die gleiche Gültigkeit haben, wie im „richtigen Leben“. Bei charakterfesten Menschen mag man das erwarten dürfen,  aber selbst da bewegt man sich auf dünnem Eis, weil allein die Anonymität des Netzes Birnen durchbrennen und die Regeln und Gesetze des zivilisierten Zusammenlebens außer Kraft treten lässt.
Wer ins Internet schreibt, muss, wie das aktuelle Beispiel zeigt, damit rechnen, dass ihm seine eigenen Worte, sein Vertrauen und guter Glaube um die Ohren fliegen werden. Punkt.
Würde, Anstand, Klickzahlen- sind eine schlechte Kombination. Und raten Sie mal, welche der 3 Zutaten sich nicht mir den anderen verträgt und schon bei leichtem Köcheln anfängt auszuflocken.

Heute soll es hier deswegen endlich wieder mal um  die schönen Dinge des Lebens gehen. Um Kaffee und Kuchen, um Frieden und Freude, um´s Älterwerden und um Schnee.

Heute hätte David Bowie mit mir und Elvis zusammen Geburtstag gehabt. Doch leider soll das nicht sein. Heute ist mein allererstes Wiegenfest ohne Bowie. Elvis ist schon sehr viel länger nicht mehr dabei. Ab jetzt muss ich allein weitermachen. Immerhin liegt Schnee und die Welt ist hell und still und freundlich.

Die Schwester und der Schwager rufen von unterwegs an. Sie kommen von Erfurt und sind  auf dem Rückweg nach Frankfurt. Wir reden über Erfurt, über Land und Leute, auf eine Weise, wie Wessis das zu tun pflegen, wenn sie unter sich sind. Nach 28 jahren gibt es noch immer das Gefühl `hier Westen und dort Osten´, dabei gibt es den Westen ja auch längst nicht mehr.
Der Schwager, ein sehr generöser Mann und steinreich dazu (Villen, Eigentumswohnungen, Sie wissen schon)  fragt mich, was ich mir zum Geburtstag wünsche und mir fällt nix ein. Außer einem elektronischen Halsband für den Hund. Oder einer neuen Waage für den Hund. Oder einem neuen Schlafkorb für den Hund.

Weil es ja aber für mich sein soll und weil mir die Reise an die See zu unbescheiden erscheint, frage ich der Einfachheit halber meine Leserschaft: was soll ich mir bloß wünschen? Bedenken Sie bitte meine protestantische Erziehung: Unbescheidenheit sucks.

Weltfrieden als Wunsch gilt leider nicht, solange das nicht mal in Klein-Bloggersdorf gelingt.

 

 

 

 

 

 

 

 

I follow rivers

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(…)

1 Blick
in dein Auge würde mir sagen ob du müde
bist oder ob es noch weitergeht. Weinen
würden wir trotzdem oft, weil
der Abschied noch vor uns läge –

Friederike Mayröcker

 

 

Am Morgen ruft der Kanzler an. Ich sehe seine Nummer auf dem Display und weiß, daß das nichts Gutes bedeutet. Nicht um diese Uhrzeit. Mit klopfendem Herzen hebe ich ab.
Ganz ruhig redet er und mir laufen die Tränen, während er erzählt was geschehen ist, völlig unerwartet.
Ich kann gar nicht trauern, sagt er, nach einer Pause, so ist eben das Leben. Grausam.

Mich schüttelt es und ich denke: es steht mir gar nicht zu, so zu weinen, sie ist ihm viel näher als mir.

Heute Nacht habe ich sehr intensiv geträumt, sagt er dann unvermittelt. Ganz ungewöhnlich für mich. Ich träumte, dass ich fliegen kann. Nicht nur ein bißchen, sondern richtig. Zwischendurch dachte ich immer: das kann nicht sein, ich träume. Und dann war es doch so und ich flog 2000 und dann 3000 Meter hoch und immer höher.
Flieg du nicht auch noch davon, Papa, denke ich und sage es nicht.

Sie ist in dem gleichen Alter, wie unsere Mutter, als sie starb, dabei ist sie die Jüngste von uns fünfen.
Sie ist meine Lieblingstante,
sage ich.
Ja, ich weiß, antwortet der Kanzler, sie ist ein so sanfter Mensch.

Die Geräte sind abgeschaltet, wir warten auf den Tod.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle Zitat: http://www.poetenladen.de/theo-breuer-friederike-mayroecker.htm
Bild:
陶德, flickr, 20100829-0090,
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hackepeter

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Mit `wenn´s der Teufel will´, bin ich aufgewachsen und früh lehrte man mich, dass alles am Ende immer anders kommt und zwar meistens schlimmer als erwartet. Das Unglück klebte meiner Familie an den Sohlen. Wo andere über Blumen gingen, spazierten wir über Scherben. Seelische.

Pass auf!  und gib s auf! im Wechsel, Kafka und Robert Walser als Lektüre, selbst auf der Toilette, wo der alte, verstaubte Lüster von der schachthohen Decke funzelte und dunkle Schlingpflanzen über die Tapete wucherten.

Wo sollte das hinführen.

Nun bin ich beinahe alt wie eine Kuh und immer noch auf dem Katastrophenpfad, dem ich treu zu bleiben scheine bis zum Sankt Nimmerleinstag. Erst der Hund und dann die Katze, ich fass es nicht, es reicht.

Immerhin ist mir ein Maulwurf zugelaufen, einer der leakt, nix politisches, eher so im privaten Sektor, und das ist zwar nicht unbedingt schön, aber doch informativ und dient der Datensammlung, der persönlichen. Eines Tages kommt das jüngste Gericht. Mich darauf zu freuen wäre freilich Irrsinn. Tu ich aber trotzdem.

Wie hübsch sie den Lauf der Dinge in Worte kleiden konnte, meine Mutter, (es geht den Menschen wie den Leut´) die an der Seite des immer depressiven Vaters, dessen Lebenszeit nicht ausreichte um auch nur eine Langspielplatte aufzulegen, geschweige denn sich zu freuen, kaum bestehen konnte, außer im kindlichen Regress. Da stützte die Lahme den Blinden und umgekehrt. Gemeinsam rissen sie sich zu Boden und das nicht nur bildlich gesprochen, sondern wahrhaftig geschehen, an einem pastellfarbenen Sommerabend im Hafen von Audierne, wo die beiden, nach einem Abendessen mit jeder Menge fruits de mer und vin de table, strack wie Matrosen, ausgelassen albernd, vor ihren Kindern herumtorkelten, die Mutter zusätzlich behindert durch mörderische Absätze, und schließlich, sich aneinander festkrallend, hinschlugen, gefällten Bäumen gleich. Eine Erinnerung, die ich mit der Schwester teile, und die wir uns, an einem schönen Sommerabend auf dem Balkon ihrer Wohnung, gegenseitig vorlasen aus den jeweiligen Tagebuchversionen der älteren und der jüngeren Tochter, einen guten Franzosen im Glas als Verstärker Tröster  Begleiter.
Eltern sollten nicht hinfallen. Nicht vor den Kindern. Was sie in ihrem privatesten Privatleben tun, ist allein ihre Sache, solange die Kleinen draußen bleiben. Modelllernen.

Ganz in schwarz gekleidet, waren sie, beide Eltern, jahrein, jahraus.
Der Vater mit Zügeln an seinem Rennrad, steppend auf den Bodenplatten im Bahnhof, Saxophon spielend auf den Stufen vor dem Haus. Die Mutter mit dem Habitus der Professionellen gehobener Preisklasse. Von 1,60 m auf 1,75 m in nur 2 Sekunden. Goldene Lider zu pinken Lippen und an den Ohren klimper klimper.
In unserer Nachbarschaft waren wir weltberühmt.

Man weiß das ja alles gar nicht, solange man klein ist. Man ahnt es nur, manchmal, man spürt es, an den Blicken und den Worten und dem Ungesagten. Dem Verschämten.

Papa, sind wir anders?
Alle sind anders. Schlaf gut.
Du auch.

 

//

 

Ruft der Unterfranke an und sagt: Schon gehört? Aus Hackepeter wird Kacke später.
Und ich so: Oh Mann, du bist eklig.
Und er so: Was gibt’s Neues?
Und ich so:  500 Euro für `nen Kratzer an der Stoßstange. Aus Pechvogel wird Glückspilz später.

 

 

 

 

 

 

Bild: Rolf Dieter (Ruinero), cow in the woods, Flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

sriii sriii

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Geh in die Küche, niemand darf Dich sehen, robbe dorthin
, war das erste Kommando, das mein Hund lernte, als er noch bei den Kosmonauten lebte, eine Geschichte, so uninteressant, wie ihr Anfang.

/

Der Kanzler ist zu Besuch. Wir reden über dies und das, auch über seine neuen politischen Haltungen und Einsichten. Eigentlich redet nur er und ich höre zu. Es lohnt nicht dazwischen zu gehen, es macht alles nur hitziger und schärfer.
Später lockert sich meine Kiefersperre. Ich stelle Zwischenfragen, aus deren Ritzen und Scharnieren meine Zweifel blitzen. Das bringt ihn noch mehr in Fahrt, doch es bleibt friedlich zwischen uns.

/

Der Nachmittagsspaziergang durch die Königsheide war eine gute Idee. Nach anfänglichem Zögern läuft der Kanzler entspannt mit und ist gefangen von der Lieblichkeit des Waldes. Hoch steht das Gras zwischen den Bäumen, das Licht fängt sich in den Härchen des Glatthafers, die Blätter der Maiglöckchen leuchten am Fuße der frischgrünen Eichen, Fliegen tanzen in der würzigen Luft und über allem sirrt das sommerliche Versprechen eines Anfangs.

Erinnerungen an la Forêt de Brocéliande, den Zauberwald, irgendwann in einer weit entfernten Zeit.

An dem rostigen Zaun des ehemaligen Kinderheimes treffen wir auf zwei ältere Frauen, beide mit Hund. Die Staffordhündin der einen trägt einen Ledermaulkorb.
Fressschutz, sage ich, als sie verwundert vor Töle stehen bleibt und deren Maulkorb bestaunt, die tut niemandem was.
Meine auch nicht
, doch sie sucht nach Menschenkot.
Uns schüttelt es. Dass die Leute überhaupt ins Gebüsch machen müssen, obwohl sie nicht mal obdachlos sind, denke ich. Ich kann mich nicht erinnern jemals. Außerdem kann man es doch danach. Aber wer denkt schon an Hundebesitzer, wenn er. Lassen wir das.

/

Seit drei Jahren kein Alkohol, auf den Tag, fällt mir auf, als wir nach dem Spaziergang in der Kolonie Hermannsruhe unter hohen Bäumen sitzen und der Kanzler seine zweite Weisse mit Schuss bestellt, während ich ein Wasser trinke. Eigentlich sollte es nur ein Jahr werden, aber dann blieb es dabei und ich vermisse nichts.
Der Unterfranke kommt angeradelt und versorgt uns mit Gebäck aus der lärmenden Tütenwelt auf  der anderen Seite des Waldes. Während wir essen schnuppern die Hunde sich durch den Garten, der mit seinem abendlichen Lichtspiel auf dunkler Erde an das Waisenhausgemälde Liebermanns erinnert.

Wir plaudern dies und das und reden über jenes, nur nicht über die verstorbene Mutter und Exfrau. Sie sitzt sowieso mit am Tisch, sonst wäre ich nicht da und der Kanzler nicht bei mir.

Am ersten Juni wird ihre Seebstattung sein.
1616, ein Datum, das ich nie vergessen werde.

/

Zurückgelehnt sitze ich im Stuhl, die Arme hängen entspannt herunter. Wir schweigen, benommen von soviel frischer Luft und Fülle. Aus ihrem Schattenplatz blinzelt Töle mich an und wedelt. Ich blinzele zurück, da steht sie auf, trottet zu mr herüber und drängt den warmen Kopf in meine Hand. Mit geschlossenen Augen kraule ich ihre Ohren, langsam und gleichmäßig geht ihr Atem, bald schläft sie im Stehen ein. Wie gern ich sie habe.

Das Auto ist auf einem Parkplatz in Johannistal. Den Rückweg dorthin gehen wir über schmale Trampelpfade im Wald hintereinander her, jeder in seine Gedanken versunken und von glückseliger Wehmut erfüllt.

/

Am Abend kommen wir nach Kreuzberg zurück. Der Himmel ist groß, das Herz ist weit  und die Mauersegler vermessen rufend das große Blau.

Sriii sriii

 

Ich liebe mein Leben.

 

 

 

 

 

 

Simsalabim

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Nicht gestillt worden zu sein zähle ich nicht zu den Katastrophen, die mein Leben begleiten seit ich denken kann. Das machte man damals so. Ungewöhnlich war schon eher, lediglich dem mittleren von drei Kindern die Flasche zu geben. Genauso unüblich war es, nur eines der drei in den Ganztagskindergarten und später in die Ganztagsschule zu schicken.
Mittags, wenn meine Geschwister Schulschluß hatten, stand ich an dem Zaun zur Straße und schaute ihnen nach. Ich war nicht traurig. Ich schämte mich vor meinen Erziehern.

Später, auf dem Heimweg, ging ich durch eine der Schrebergartenkolonien, die es damals noch gab. Ein steiler, rundum zugewachsener Hohlweg, so eng, dass zwei Menschen sich nur mit Mühe aneinander vorbei drücken konnten, führte zur Straße hinter unserem Haus. Unter seinem dichten Blätterdach roch es nach reifen Brombeeren und nach Kot. Schillernde Fliegen brummten durch die satte Luft und Wespen rissen Stücke aus den feuchten Eingeweiden plattgetretener Würmer. Hier und da fand ich einen vertrockneten Lurch, manchmal auch eine tote Amsel, die mit offenen Augen auf der Seite lag. Sie tat mir leid. Über allem wucherten die Schlingpflanzen.

In meiner Erinnerung rettete mein Vater nicht nur die madenzerfressenen, überfahrenen Katzen, die ich nach Hause brachte, simsalabim, er entließ sie auch, kaum dass sie wieder atmen konnten, in die Freiheit. Wenn ich nach seinen streng geheimen Operationen das Zimmer betrat und die Tiere streicheln wollte, pflegte er vage aus dem Fenster zu deuten.  Da läuft sie. Ich schaute hinaus und sah sie im Gebüsch verschwinden.

Unter dem Dachfenster im Zimmer des Kindermädchens stand ein altes Bett. Die Matratze war so weich, dass ich mit den Füßen einsank und die Federn quietschten, wenn ich darauf hin und her hopste.
Eines Tages, ich bin allein im oberen Stockwerk, hüpfe und springe ich wieder laut singend auf dem Bett herum und schaue, den Kopf in den Nacken gelegt, in den blauen Himmel über mir. Ehe ich mich versehe landen meine Füße statt auf der weichen Matratze auf dem Bettrahmen, ich knicke um und werde mit Schwung auf den Boden geschleudert, wo ich mit dem Kinn aufschlage. Es knirscht und ein spitzer, heller Schmerz durchzuckt meinen Schädel. Dann ist es still. Ich rühre mich nicht. Etwas warmes quillt aus meinem Mund und läuft langsam die Wange herunter. Blut. Ich wimmere leise, doch der Ton geht unter in einem kehligen Gurgeln.

Nach einer endlosen Weile rappele ich mich vorsichtig auf. Mir ist schwindlig und mein Kopf schmerzt. Aus meinem Mund strömt immer noch das Blut, mein T-Shirt ist nass und rot. Ganz vorsichtig taste ich mich in Richtung Treppenhaus. Beim Hinuntergehen muss ich mich am Geländer festhalten.
Was soll ich bloß meiner Mutter sagen.

Als ich das Wohnzimmer betrete sehe ich sie auf dem Sofa liegen. Sie raucht und liest, vielleicht trinkt sie auch Kaffee. Ich weiß es nicht mehr. Woran ich mich gut erinnere ist ihr Gesichtsausdruck und die zusammengezogenen Augenbrauen. Ich sehe sie aufspringen, mit schnellen Schritten auf mich zulaufen, mich am Arm hochreissen und aus schmalen Lippen etwas sagen, doch ich kann sie nicht verstehen, denn ich schreie aus Leibeskräften. Die Spitze meiner Zunge baumelt lose an eine schmalen Streifen Fleisch. Es schmeckt nach Metall und Schleim und Tränen.

Später, nach ein paar aufgeregten Telefonaten, sitzen wir im Taxi. Sie vorne, ich hinten. Den Kopf vornüber gebeugt halte ich eine Plastiktüte unter mein Gesicht. Auf ihrem Grund sammelt sich das Blut in einer tiefroten Lache. Der Taxifahrer wirft mir durch den Rückspiegel einen strengen Blick zu.

Am Klinikeingang empfängt uns mein Vater und streichelt mir übers Haar. Im Behandlungszimmer desinfiziert er meine Zunge, klemmt Zellstoffwürste darunter und fügt sie mit seinen Zauberhänden wieder zusammen.

 

 

 

 

 

 

Bild: Thomas K., Beeren
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Vierhändig

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Ich weiß nicht, wie ich auf das `Lied´ gekommen bin. Warum ich genau dieses und kein anderes sang. Ich habe mir nichts dabei gedacht, da bin ich sicher. Wahrscheinlich hätte ich, wenn ich nur kurz inne gehalten hätte, das, was dann geschah, verhindern oder zumindest aufschieben und in seinen Konsequenzen abmildern können. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr ich sie damit provozierte und wie aufgeladen die Stimmung bereits war. Vielleicht hatte sie gespürt, wie ich sie betrachtet hatte, als sie dalag am Pool, mit der dicken Hornhaut an den Fußsohlen und den großen Brüsten, die formlos in ihren Achseln klemmten, und ihrem Bauch, mit den silbernen Streifen. Vielleicht hatten meine Blicke, mit denen ich ihren Körper wog und seine Unzulänglichkeiten entblößte, sie gekränkt. Doch wahrscheinlich brauchte es das gar nicht und es reichte meine Anwesenheit und die Tatsache, dass sie und ich gemeinsam an diesen verlassenen Ort geschickt worden waren, mein Vater ihr diese Pflicht auferlegt hatte zu beweisen wie falsch er lag. Wir hatten das beide nicht gewollt, da bin ich sicher, doch wir konnten den Erwartungen, dem Anspruch an uns selbst und an die Tragfähigkeit unserer Beziehung, die fürsorgliche Mutter, die kranke Tochter, nichts entgegen halten. Wir mussten auch diesen Weg miteinander gehen um das was uns trennte ins Unauflösbare zu zementieren. Verbunden durch eine Fessel, die umso tiefer ins Fleisch schnitt, je mehr wir uns voneinander zu entfernen versuchten.

Gab es etwas in mir, das sie herausfordern wollte, das Freude an der Provokation hatte oder zumindest Genugtuung darin fand, im ganz eigentlichen Sinne, oder war ich wirklich so arglos und dumm, als ich aus der menschenleeren dunklen Lobby heraustrat, noch ganz verzückt von meinem eigenen Spiegelbild, von der Freundlichkeit, die es mir entgegen gebracht hatte, von meiner Schönheit, von der ich wusste, wie außergewöhnlich sie war, es wusste, aber nicht fühlte, und von der ich immer wieder überrascht war, wenn ich mich erblickte, anders als erwartet, nicht plump und grob, sondern zart und ebenmäßig. Eine Schönheit, die mir mehr schadete als nützte, weil sie sie nicht ertrug, nicht duldete, und jede Würdigung, ob in Worten oder Blicken ahndete, ausnahmslos. Mein Aussehen war etwas worüber wir schwiegen. Ich kannte die Regeln und ich hielt mich daran.

Doch an diesem Tag machte ich einen Fehler.

Manchmal denke ich, dass in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit etwas passiert sein muss. Etwas, das den Boden vorbereitete, ihn ebnete indem es die Spannung unter der sie stand ins Unerträgliche steigerte. Was, wenn der ältere Herr, der neben ihrer Liege stand, als ich zurück kam, etwas zu ihr gesagt hatte, einen Satz, ein misslungenes Kompliment, das den Umweg über die Tochter nahm, um der Mutter zu schmeicheln.
Es muss so gewesen sein, denn als ich herunter kam und  aus der Lobby ins gleißende Sonnenlicht trat, das mich blendete und die Menschen am Pool mit ihren Liegen zu dunklen Klumpen auf kurzen Beinen verschmelzen ließ, schlafenden Krokodilen ähnlich, stand dieser Mann da, lächelnd die knochigen Fäuste auf die Hüften gestemmt, und flirtete mit ihr, während meine Mutter, halb aufgerichtet, das lose Bikinioberteil mir beiden Händen gegen ihre Brüste drückte und ins Gegenlicht blinzelte. Ich erinnere mich deutlich an diese doppelte Beidhändigkeit, an zwei Hüften, zwei Brüste und vier Hände. Das Bild ist mir unvegesslich geblieben. Es war das letzte, was ich von meiner Mutter für die kommenden zwölf Tage zu sehen bekam.

 

 

 

(Liebe Leserschaft, ich schreib hier mal am Stück ein paar Episoden hintereinander weg. Mir geht es sehr gut, nichts tut weh, weder beim Schreiben und auch sonst nicht. Wer das  hier nicht lesen möchte, möge einfach aussetzen, bis ich wieder zu anderen Themen übergehe, demnächst. Danke für die geschätzte Aufmerksamkeit!)

Bild: Joan Arkham
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/