Heimliche Riesen

Eigentlich, so denke ich, während ich durch die Stadt gehe und den kranken Hund, wie ein zu groß geratenes Accessoire unter dem Arm trage, eigentlich könnte ich, wenn ich sowieso jeden Tag unterwegs bin, auch gleich ein bisschen Geld mit meiner inneren Unruhe verdienen und Location Scout werden, wie zum Beispiel Kai von Kotze (oder war das der Filmemacher?)  dessen Namen ich immer schon mal in meinem Blog platzieren wollte, was hiermit gelungen wäre. Herrn von Kotzes Name klingt mir nämlich schon seit Jahrzehnten im Ohr, und manchmal, wenn wir uns, was eine dumme Marotte von mir ist, über merkwürdige Nachnamen und ihren möglichen Ursprung unterhalten, beraten wir uns auch über Kai von Kotzes Namen, bei dem wir noch immer unentschieden sind, ob das ihm vorangestellte von den Namen noch krasser macht, oder ob genau das Gegenteil der Fall ist, und die drastische Wirkung durch den Zusatz abgemildert wird. Ich habe darauf keine Antwort, weiß aber, dass ich das von in Verbindung mit dem oder der Kotze ziemlich gut und herrlich hemmungslos finde.

 

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Als ich gestern mal wieder durch die Kleine Kurstraße und an der wunderbar unproportionierten und plumpen Wendeltreppe vorbei gehe, die mein innerer Scout sofort in das Location-Verzeichnis unter dem Stichwort ulkige Orte aufnimmt, erinnere ich mich daran, wie ich mich, nicht weit von hier, einmal am menschenleeren Spreekanal entlang durch die schattenlose Mittagsglut quälte und dabei an einem Baucontainer vorbeikam, in dem zwei muskulöse Männer, beide nackt, hintereinander am Fenster standen und sich schweißgebadet ihrer Lust hingaben, ein Anblick, der mich derart faszinierte, insbesondere weil der eine der beiden einen Bauhelm trug, dass ich, um nicht als Voyeurin Wurzeln zu schlagen, einen Zahn zulegte und erst wieder in meinen kommoden Trott zurück fiel, als ich, einen Steinwurf entfernt, die üblichen Angler an der kleinen Wasserstufe stehen sah und dieser vertraute Anblick mein aufgewühltes Gemüt angenehm glättete. In den Scheiben des Auswärtigen Amtes, gegenüber der Wasserstufe, spiegelte sich das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR (heute Sitz einer Business School) dessen Hauptportal früher einmal das Portal IV des ehemaligen Berliner Stadtschlosses war, welches nun vis à vis, wo der inzwischen abgerissene Palast der Republik stand, neu gebaut wird.
Geschichte kann ganz schön ironisch, denke ich beim Überqueren der Straße und freue mich en passant an der langen, schlangenförmigen Verkehrsinsel, die ich ebenso für meine Location-Agentur vormerke.

 
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Bei dem großen Baum, an dessen Ästen wir in milden Sommernächten auf einer alten Holzschaukel über das Wasser zu schwingen pflegten, wartet jetzt ein ungeeignetes Fluchtfahrzeug auf ein neues Abenteuer. Ein Stückchen weiter schlürfen die Heimlichen Riesen mit ihren langen, blauen Trinkhalmen ihren täglichen Kanalcocktail,

 

 

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in einer Ufernische wächst unterdessen ganz unbemerkt ein kleines Biotop. Blässhühner ziehen rostig rufend durch das Wasser, die Humboldtbox steht immer noch und überall ist Samsung.

 

 

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Unbox it

Gegenüber der Bauakademie halte ich den völlig überhitzten Hund in die weich perlende Wasserblüte des Brunnens und bündele unter den strengen Blicken Schinkels allen Mut und alle Kraft, um die letzten Meter durch die sengende Hitze über die Schlossbrücke noch irgendwie zu bewältigen, ehe der Schatten des Zeughauses mich gnädig kühlt und ich mich, mit meinem nassen Hund auf den Armen, an den Hütchen-Spielern, dem Historischen Museum, dem Maxim Gorki, dem Collegium Hungaricum und schließlich den S-Bahnbögen vorbeischlängele, um, beim Grimm-Zentrum angekommen, endlich guiltfree goodness in Form des besten frozen yoghurt der Stadt zu genießen, dabei das Treiben vor dem Hotel zu beobachten, dem entfernten Soundcheck im Admiralspalast zu lauschen und auf die tägliche Nonne mit ihrem vollendeten Schwarz-Weiss-Look zu warten. Erst nachden sie von ihren Einkäufen auf der Friedrichstraße mit prall gefülltem Stoffbeutel zurück gekehrt und zum katholischen Militätbischofsamt gegangen ist, mache ich mich sehr zufrieden und gestärkt auf den langen, staubigen Heimweg.

 

 

 

 

 

 

Unzählbar

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Orgelreis steht auf der Plane des schwarzen LKW, der an uns vorbeifährt, und ich muss lachen. Weil ich immer über ungewöhnliche Namen lache. Eine Schwäche.
Idiot, sagt die Malerin, die neben mir spaziert. Ich hab nicht mitbekommen um wen es geht und frage sie, wie oft sie in ihrem Leben schätzungsweise schon Idiot gesagt hat. Das liegt im hohen sechsstelligen Bereich, ist nach kurzem Überlegen ihre Antwort.
Es gibt soviele Idioten, die kann man gar nicht mehr zählen, sage ich und jetzt ist es an ihr zu nicken.
Uncountable wie Sand sind sie, die Idioten, ergänze ich und sie brummt zustimmend.

Es ist heiß, der Frühling hat von Frost auf Grill umgestellt, Erdbeerhäuschen schießen aus dem Boden und überall flanieren nackte braune Beine. Kann ja nur Solarium, in so kurzer Zeit, denke ich, den hechelnden Hund unter dem Arm. Es ist schon ein mühseliges Geschäft mit bepelzten kranken Tieren in der Glut der Mittagshitze unterwegs zu sein.
Die Malerin und ich haben das Idioten-Thema für´s Erste beendet und uns jetzt auf´s Jammern darüber verlegt, dass nirgends Schatten sich fände und der Scheitel uns glühe und beinahe unerträglich dies sei. In Wahrheit mag ich es sehr gerne, wenn die Kopfhaut mir brennt und die Hitze sich schwer auf meine Schultern legt, doch ich möchte nach dieser anstrengenden Woche nicht unser einträchtiges Gemecker unterbrechen und so wettern wir lustig weiter. Harmonie ist alles.

Hinter den Riegelbauten in der Annenstraße setze ich den Hund endlich und ausnahmsweise ohne Fressschutz ab und lasse sie ein wenig durch´s Gras stiefeln. Keine zwei Minuten bis ein Schulbrot zwischen ihren Zähnen klemmt und ich sie anherrschen muss, damit sie es fallen lässt. Funktioniert tadellos. (Nicht auszudenken!)

Nachdem der Maulkorb wieder am Tier dran ist, passiert das, was immer passiert, nämlich dass jeder zweite Passant, ausnahmslos Männer, sich bemüßigt fühlt, mich auf meinen Hund anzuquatschen. Und sie tun es auf die immergleiche unangenehme Weise. Die Jüngeren sagen: Hö, hö, Hannibal Lecter! und die Älteren schnarren mit unverkennbarem Biertimbre:  Du bist ja´n janz Jefährlicher, wa? Die Witzigsten fügen, generationsübergreifend, noch weitere Bemerkungen hinzu, etwas in der Art wie „dein süßes Frauchen willste verteidijen. Recht haste.“
Und ich denke: Uncountable
.

Wir stratzen weiter durch die seelenlose Neubausiedlung, die sich von der Alten Jacobstraße bis hin zur Leipziger zieht. Dort angekommen schaffen wir es trotz zügigen Schrittes nur bis in die Mitte der Straße auf die winzige Verkehrsinsel, den schmalen lebensrettenden Betonstreifen, dann zeigt die Ampel schon wieder Rot und wir stehen inmitten der Plattenbauten und der erbarmungslos flimmernden Hitze, während vor und hinter uns der wütende Verkehr auf jeweils vier Spuren vorbeidonnert. Diese Kreuzung ist immer wieder auf´s Neue eine große psychische Herausforderung, die wir nur mit lauthalsem Gezeter über misanthrope ampelschaltungenplanende Idioten unbeschadet überstehen.
Als wir die tosende Leipziger überquert haben, kommen wir auf den ruhigen Hausvogteiplatz. Ein rothaariges Mädchen mit langem, geflochtenen Zopf kreuzt unseren Weg. Sie sieht aus wie ein Engel, trägt ein lindgrünes Kleid auf ihrer Alabasterhaut und ich freue mich an ihrem traumgleichen Anblick und denke: jetzt kann nichts mehr schief gehen.
Die Malerin versucht noch halbherzig mich zu überzeugen, dass das Mädchen sicher nicht freiwillig einen so langen Zopf trägt, dass ganz bestimmt der Zwang ihrer strengen Eltern dahinter steckt, doch ich wehre ihr Geunke ab, überzeugt davon, dass das Mädchen ganz freiwilligerweise so hinreissend aussieht. An der Friedrichstraße flammt unser eben eingeschlafenes Gemecker noch einmal auf, wir schimpfen traditionsgemäß über die Touristen die in Sandalen und mit offenem Mund herum und natürlich immer im Weg stehen, doch sobald wir an der Mall of Berlin vorbei, aus den steinernen Ministergärten herausgetreten und endlich in die Kühle des Großen Tiergartens eingetaucht sind, wo es ruhig und grün ist, vergeht uns das Gezeter. Beinahe schlagartig ist es ruhig geworden, hoch und friedlich stehen die schattenspendenden Bäume, unzählige Blüten säumen die Wegesränder und Wasserläufe und verschwunden sind die Unzählbaren. Nur vereinzelt noch treten sie in Form von rüpelhaften Radfahrern auf. Doch man möchte ihnen nichts mehr hinterher rufen, weil im Schutze des Grüns aller Ärger verflogen und nur noch Freude ist.
Weiter westlich dösen die Schildkröten auf ihrem querliegenden, vermodernden Stamm, Enten ziehen ihre Bahnen über´s Wasser, aus dem Blätterdach zwitschert und tschilpt es und fernab von Lärm und staubiger Hitze spielen die beiden Hunde, toben wie die Welpen am Fuße der fedrigen Mammutbäume, jagen sich im Rhododendronhain durchs Unterholz und quer durch den raschelnden Farn und schließlich springen sie in einen brackigen Tümpel, wo sie sich ekstatisch im kühlenden Schlamm wälzen. Nach einer Weile kommen sie zu uns herüber gerannt und schütteln sich dort erst kräftig, auf dass auch unsere Beine schwarz gesprenkelt seien und wir alle zusammen ein faulig stinkendes Rudel bilden mögen.
Auf dem Nachhauseweg trage ich ein glückliches, dreckiges und sehr erschöpftes Tölchen in meinen besudelten Armen. Mein leichtes Sommerkleid ist voller Flecken und ich bin sehr froh.
Seit ihrer Diagnose habe ich sie und mich nur selten noch so zufrieden und ausgelassen erlebt.

 

P.S.: Soeben erreicht mich eine Mail der Vermieterin, die zumindest nach Waffenstillstand klingt, wenn nicht nach mehr. Y!

 

 

 

 

Bild: Ross, Funnell, The Tiergarten, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

An der Hochbahn

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Es ist später Nachmittag und das Apothekenthermometer zeigt 36 ° Grad an. Die Luft ist feucht wie Badewasser und seit Stunden schon steht ein Gewitter über unseren Köpfen. Dunkle Wolken hängen dräuend am schwarzblauen Himmel, in der Entfernung grollt es bedrohlich und ab und an sticht ein gleißender Blitz aus dem nahenden Unwetter.

Vor den Lokalen sitzen tätowierte Männer in Unterhemden und tätowierte Frauen mit kurzen Kleidchen und Flip-flops und schauen im Schatten der Markisen Fußball. Auf den Tischen vor ihnen stehen beschlagene Biergläser, 0,3 nur bei dieser Hitze, die blondierte Kellnerin in kurzer Hose und mit rundem Po schlängelt sich mit dem voll beladenen Tablett zwischen den Gästen hindurch.

Auf einer Bank am Straßenrand lasse ich mich nieder und trinke meinen Cappuccino vom Neuseeländer nebenan. Die Krankheit des Hundes lässt mir viel Zeit für Kiezspaziergänge. Wenigstens das.

Auf der Bank gegenüber nehmen zwei junge Russen in hautengen T-Shirts und mit übertriebener V-Silhouette Platz. Der eine zieht lautstark die Nase hoch und rotzt das Zutagegeförderte mit einem scharfen Geräusch auf den Boden. Charlottenburger nennt der Berliner das, was schließlich auf den Gehwegplatten landet. Ich drehe mich weg.

Der Schlaksigere der beiden fängt an einen Joint zu bauen, während sein Kumpel fortfährt zu schniefen und Schleim zu rotzen, ohne sich um mich oder die ruhenden Menschen auf den umliegenden Bänken zu scheren, die ihn aus ihrem Hitzedelir aufgeschreckt anstarren und überlegen ob sie diese Zumutung aussitzen oder lieber die Flucht ergreifen sollen. Wir entscheiden uns für den längeren Atem.

Inzwischen ist der Joint fertig und entzündet. Der Dreher nimmt einen tiefen Zug bis hinunter in die äußersten Lungenspitzen, steht auf, beugt sich über den Rotzer, stülpt seinen großen fleischigen Mund über dessen geschürzte Lippen und die Nasenlöcher und bläst ihm die volle Ladung in den verschleimten Kopf. Wann habe ich sowas bloß zum letzten Mal gesehen. Es muss damals in Frankfurt gewesen sein, bei einem Schulfest, doch die Männer mir gegenüber sind schätzungsweise Mitte zwanzig.

Den gesamten Joint teilen sie sich auf diese Weise und als sie fertig sind saugt der Rotzer noch einmal lautstark seinen Nasenhöhleninhalt aus den tiefsten Tiefen, sammelt den dicken Batzen im Mund und speit ihn mit orgiastischer Wucht hinaus. Es ist vollbracht.
Die beiden verlassen federnden Schrittes die Bühne und verschwinden in Richtung Hochbahn.

Das Koffein treibt selbst mir inzwischen den Schweiß auf die Stirn und ich beschließe die Kühle der Bio Company aufzusuchen und eine Runde durch den Laden zu drehen. Am Eingang neben der Schiebetür hat irgendjemand ein großes Paket abgestellt, eine Postsendung. Unbeachtet steht es vor dem Schwarzen Brett, während gegenüber an der Brottheke kostbares Urgetreide in Gold aufgewogen wird. Ein Kinderspiel hier eine Bombe zu deponieren, denke ich und gehe zur Teeabteilung. Der Mittdreißiger in Dreiviertelhosen und mit schulterlangen fettigen Dreads, beginnender Glatze und hängenden Schultern, der kurz nach mir den Markt betreten hat, ist mir dicht auf den Fersen. Ich kann seine Outdoor-Sandalen über den Boden schlurfen hören; die fleischgewordene Freudlosigkeit. Auf dem Absatz drehe ich um und verlasse die klimaanlagengekühlte Bio Company so schnell ich kann. Als ich an dem Paket vor dem Ausgang vorbeikomme ziehe ich den Kopf ein.

Draußen schlägt mir der Tag einen nassen heißen Lappen ins Gesicht.
Sommer in Berlin.

 

 

 

 

 

Bild: Sascha Kohlmann, Schlesisches Tor
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/