keine Drogen

13922434024_de9dbccc93_z.jpgSamstags geht’s ins Jammertal, am Sonntag in die Grube

 

Im Treppenhaus hängt eine Einladung für die Hausbewohner. Alle sollen gemeinsam in den Heide-Park gehen. Der Gruppeneintritt kostet nur 7 statt 46 Euro pro Person.

Oh, das ist aber günstig, sagt die Rothaarige, während sich mir die Nackenhaare aufstellen.

Ja, aber hast du gelesen, was ganz unten steht?

Nein.

Keine Drogen!

Echt?

Ja.

Da fährt doch keiner mit.

Eben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Neil Moralee, Knees up for Mother Brown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Reling

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Der befreundete Anästhesist schickt mir eine Empfehlung zur Medikation vor, während und nach der Narkose, weiterzureichen an den behandelnden Kollegen. Sein Rat: von allem so wenig wie möglich. Außerdem möge man „auf alle möglichen kardialen Überraschungen gefasst (…) sein, und sich von allen Seiten Glück und eine glückliche Hand wünschen (…) lassen“.
Da kann ja eigentlich nichts mehr schief gehen.

Vor den zu erwartenden Schmerzen habe ich gar keine Angst. Die lassen sich wegatmen. Ich beherrsche die Technik der Flucht nach innen, an einen sicheren Ort, von dem aus ich so ziemlich alles ertragen kann. Ruhig und hell ist es dort und ich bin stark und unverwundbar. Es ist mir möglich aus meinem Körper herauszustreten und mich vor Unbill zu schützen, solange ich mich mit meiner Seele an mir selbst, meiner inneren Reling, festhalten kann.

Angst habe ich allerdings davor, dass genau dieser Rückzugsort mir durch die passagere Psychose, die ich jedes Mal nach einer Narkose durchlebe, zeitweilig abhanden kommen könnte. Dass aus meiner Seele wieder ein hauchdünnes Flatterband ohne Substanz und ohne Hafen wird, dass ich mir selbst verloren gehe, irgendwo auf dieser Reise und ich erst mühselig und über Wochen und Monate die versprengten Teile einsammeln und zusammensetzen muss.

Ich fürchte mich davor, dass mir ein Gruselclown im Krankenhaus erscheint, dass ich von Paranoia gejagt aus dem Fenster springen möchte, dass ich ohne Kurzzeitgedächtnis ziellos in meinem Wahn herumschippere (für mein Umfeld übrigens nur während der ersten zwei Tage nach der Op bemerkbar) und, dass ich nicht mal Valium zur Beruhigung bekommen werde, weil ich auf Benzodiazepine paradox reagiere, nämlich mit manischen, exhibitionistischen Anwandlungen (note to myself: schöne Unterwäsche einpacken, für den Fall).

Gleichzeitig freue ich mich, dass ich dann wohl hoffentlich schon übernächste Woche beschwerdefrei bin, und, dass ich im Krankenhaus endlich werde schlafen können, ohne ständig auf das Atemgeräusch des Hundes, oder das Gluckern in ihrem Bauch lauschen zu müssen.
Töle wird, und das macht mich besonders glücklich, während meiner Abwesenheit von dem Einen versorgt werden, trotz allem, ebenso wie die Katz.
Das ist eine so schöne Wendung, dass mir alles andere auch nicht mehr soviel ausmacht, und wenn ich dann noch daran denke, wieviel Unterstützung ich von den lieben befreundeten Netzfrauen bekomme, dann möchte ich beinahe frohlocken und bin schon gleich wieder ganz zuversichtlich und vergnügt. Danke, danke, danke!

Den geborstenen Wassertanks in der Welt möchte ich zurufen: Seid Ihr noch ganz dicht?

Und überhaupt sende ich prophylaktisch schon mal ein paar Grüße rund um den Globus, den ich auf meinem Kurztrip zu bereisen gedenke.

Mit etwas Glück krieg ich sogar Propofol verabreicht und werde damit einen wunderbaren Rausch erleben! Falls ja, kriegt Alice bei Interesse einen kleinen Erfahrungsbericht dazu.

Montag Vormittag geht’s los. Ich wünsche meiner Leserschaft ein erholsames Wochenende, beware of the Gruselclowns und haltet Euch immer schön an der inneren Reling fest, dann kann Euch nichts passieren.

 

 

 

 

Bild: Alexandr Shepchenko, Француз is a Clown, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Rauschen

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In der Arztpraxis konnte man jede Menge IGEL-Leistungen kaufen. An erster Stelle Sauerstoff. Das hilft gegen alles. Kamma also immer gebrauchen, so wie essen, trinken und Liebe.

Love is like oxygen, sangen schon the Sweet, die später, als sie alt und fett geworden waren, auf einer Betriebsfeier von AVM auftraten während die Mitarbeiter, gewandet in Kleider des 18. Jahrhunderts, den Klängen aus ferner Zeit lauschten und zu fortgeschrittener Stunde, nachdem die einstudierte Quadrille getanzt und die Depression dem Suff gewichen war, volltrunken zu der Musik der Langhaarigen abhotteten.

Sauerstoff war dringend nötig in dieser dreckigen Ecke der Stadt, an der zwei sechsspurige Straßen aufeinander treffen. Der Lärm an der Kreuzung ist so unerträglich, dass nur sich totstellen hilft, oder bei rot über die Ampel zu rennen um niemals stehen bleiben zu müssen und endgültig wahnsinnig zu werden. Ich nutze beide Strategien, je nach Verfassung und Möglichkeit.

Sauerstoff wollte mir die Ärztin gerne verkaufen doch ich frug nach Schmerzmittel. Tramadol, wenn´s geht. Es ging.
Draußen nahmen wir einen beherzten Schluck aus der Pulle, die sie uns angebrochen mitgegeben hatte. Ob sie die wohl abrechnen würde als ganze Flasche? Mir sollte es recht sein.

Mit den Tropfen, dem Rausch und der Überweisung schweben wir rüber zum radiologischen Zentrum. Nebenan gibt es ein Architekturbüro mit dem Namen Pilz van der Grinten.
Der hätte Hautarzt werden sollen, sagt der Argentinier und wir gehen vor Lachen in die Knie.
Drinnen werden wir bereits erwartet. Ein dringender Fall. Ich habe schlimme Lungengeräusche und -schmerzen. Fieber sowieso.
Der halboffene Tomograph scannt meinen Brustkorb. Ich bin angenehm entspannt, nichts tut mehr weh und der Argentinier wartet draußen und spielt Krankheiten-Raten. Es hustet und keucht ringsum.
Auf dem Heimweg landen wir irgendwann im Kloster, meine Erinnerung setzt nach dem dritten Bier aus. Der Rest des Abends und die ganze Nacht sind mir vollends abhanden gekommen.

Am Morgen weckt mich ein Anruf. Gerade will ich sagen: Ich kaufe nichts, da spricht die Ärztin aus dem Hörer: Sie haben einen Schatten auf der Lunge. Ein Knoten. Möglicherweise ein Tumor.
Ich will deinen Sauerstoff nicht
, denke ich und fange im nächsten Moment an zu heulen.
Hätte ich bloß früher aufgehört zu rauchen.
Am Montag soll ich noch mal zur Kontrolluntersuchung in die Radiologie kommen, sagt sie. Wie ich das Wochenende überstehen soll, verrät sie mir nicht. Guter Rat ist eine IGEL-Leistung, nehme ich an.
Gegen den aufkommenden Seelenschmerz und den Kater brauche ich einen Schluck Tramadol. Dann rufe ich den Argentinier an.
Krebs habe ich, sage ich.
Mach dir keine Sorgen, Mausi,  antwortet er, ich kümmere mich dran.
Es geht es mir gleich viel besser.

Am Montag ist es doch nur ein Spiegelungsffekt der Mamille, sagt der Röntgenarzt, und ich hätte getrost das Wochenende über weiter rauchen können.

 

 

 

 

 

Bild: Nothing better, Thomas Hawk
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Sandy Ego

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Wir sitzen vor dem Hangar und schauen ins Feuer.
R. schichtet mit einem langen Stock die Holzscheite um. Mit der anderen Hand legt er die Flasche auf seine vorgeschobene Lippe, neigt sie ein wenig und lässt etwas Bier in seinen leicht geöffneten Mund laufen, gerade soviel, dass die Flüssigkeit ans Zäpfchen flutet und den Schluckreflex auslöst. Die Flammen tanzen in dem grünen Glas.

Früher waren alle Bierflaschen braun, denke ich, und die Weinflaschen waren noch kegelförmig. 

– Vergangene Woche soll eine Frau in der Nähe vom Hangar vergewaltigt worden sein, nachdem jemand ihr etwas in den Drink geschmissen hatte.

– Wer lässt auch sein Glas unbeaufsichtig rumstehen?

Krass finden es aber dann doch alle. Ich glätte meinen Wellengang indem ich an meine Großmutter denke. Das wirkt fast immer.

/

Ich sitze auf einem Betonpoller bei der Rettungstelle. Neben mir steht ein Aldiltüte voller Bierflaschen. Vor den Augen des Pförtners trinke ich mich Schluck für Schluck in den Vollrausch, heule zwischendurch und warte darauf, dass man mich herein bittet. Irgendwann sind alle Flaschen leer, meine Nase vom Rotz verklebt und die Alditüte liegt zu meinen Füßen.
Inzwischen ist es dunkel, aber immer noch sehr warm. Drinnen heimelt die Neonbeleuchtung professionellen Ernst. Emergency.
Als erstes muss ich die Ärmel hochkrempeln.
Ich bin kein Junkie!
Unter den Verbänden das Haus vom Nikolaus in allen Größen. Die Haut brennt.
Ich kann es immer noch nicht, höre ich mich lallen.
Meine Zunge ist schwer doch tief in meinem Ohr ist es hell und aufgeräumt, ein Raum aus weißem Wachs.
A
ber besser als vorher. Dann fange ich wieder an zu heulen.

– Wollten sie Selbstmord begehen?

Auf gar keinen Fall, sonst wär ich doch nicht hier. Deswegen bin ich ja hier. Kein Selbstmord. Seh ich so aus?

Niemand lacht oder lächelt auch nur.

Das Verhältnis vom Himmel zur Erde stimmt nicht. Es muss mehr Himmel als Erde sein, denke ich. Viel mehr Himmel, damit die Erde nicht so schwer ist. So, wie in New Mexico, wo der Himmel erdrückend und groß war.

Ich erinnere mich an den Mann, der im Schneidersitz am Strand von San Diego (Sandy Ego) saß und auf seiner uralten schwarzen Schreibmaschine heraumklapperte. Unter Einsatz seiner gebräunten Arme mit dem goldenen Flaum tippt er auf der Maschine herum und hinter ihm, auf der Promenade, gleiten die Inlineskaterinnen, mit ihren langen Beinen und den extrakurzen Shorts, vorbei und der Mann performt weiter mit seinem athletischen Kreuz und dem Gesicht zum Meer. Es reicht ihm, zu wissen, dass man ihn sieht. Er muss nicht sehen, wie er gesehen wird. Er spürt das und haut es in seine Maschine:
Sie schauen mich an. Ich spüre ihre Blicke im Rücken und aus dem Pazifik vor mir blicken tausend Augen auf mich. Nachts kommen die Haie und warten auf weiße Beine und Hüften und Brüste. Wenn sie zubeißen drehen sie ihre Augen nach hinten, ganz so als wollten sie das Sterben nicht sehen. Sie müssen es nicht sehen, es reicht ihnen, wenn sie es schmecken.

An einem Tag fahren wir rüber nach Tijuana. Das Auto müssen wir an der Grenze lassen, so steht es im Vertrag. Am Morgen schaue ich aus dem Panoramafenster im 7. Stock. Eine Boeing steigt auf in den rosablauen Himmel. Summend betrachte ich meine Schlüsselbeine im Spiegel.

 

 

 

 

Mein Beitrag zum txt-Projekt, das fünfzehnte Wort (Tanz)


Bild: https://www.flickr.com/photos/portalfab/21784284058/in/photostream/
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

 

 

 

Attrappe

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Ein Mann, mit dem ich in meiner Jugend in mancher Nacht das Lager teilte, und der sehr viel älter war als ich, schenkte mir eines Tages die Memoiren von Katharina der Großen. Der Namensverwandtschaft wegen. Als Widmung schrieb er mir, mit einer klaren, schnörkellosen, dabei aber doch eitlen und einstudierten Handschrift, die gut zu seinem möchtegern-existentialistischen Auftreten im immerschwarzen Rollkragenpullover, mit Dreitagebart und lackschwarzem, wildem Haar passte, folgendes hinein, und traf dabei genau mein Lebensgefühl zu jener Zeit:

„Warum nur sind wir in allem so begrenzt, außer in der Fähigkeit zu leiden?“

So war das damals. Alles tat ständig weh, und immer gleich uferlos und nicht enden wollend.
Liebe zerstörte, Trennung zerstörte, Familie zerstörte und Schule quälte.
Selbst das Glück schmerzte, weil die Vorahnung seiner Endlichkeit nagte und jedes Vertrauen schon im Keim erstickte.
Alles ging vorbei, worauf und worüber sollte ich mich da freuen. Der Zauber des Anfangs wurde übertönt vom Lärmen seines bevorstehenden Endes.
Gegen die Schule, die Familie, die Liebe und den Kummer halfen nur Drogen und Sucht.
Das Extrem. Der Turbo in Allem. Exzess, Ausschweifung. Alarm.
Wollust, Völlerei, Überfluss. Maßlosigkeit. Viel von allem und von allem zuviel.

Aber war es nur das?
Hielt mich dieses ständige Leiden, das mich schon als Kind dazu brachte solange an meinen Zähnen herum zu reissen, bis ich sie endlich ziehen konnte,
das mich dazu verführte die Fingerspitzen an die rotierende Scheibe der elektrischen Brotschneidemaschine zu halten, bis die erste Hautschicht durchschnitten und feine Bluttropfen aus der brennenden Wunde hervortraten,
das mich so tief und lange am herumgereichten Joint saugen ließ, bis eine Atemlähmung eintrat, und ich nur durch feste Schläge auf den Rücken wieder nach Luft japsen konnte,
das mich mit LSD und Pilzen experimentieren ließ, bis die Wahnzusände mich überall hin verfolgten,
das mich Männern in die Arme trieb, die mir nicht gut taten,
das mich Aids nicht als Bedrohung sondern als Herausforderung verstehen ließ,
das dafür sorgte, dass ich Unmengen an Essen in mich hineinstopfte, bis mein Körper es wieder von sich gab,
das mich aber auch hungern ließ, bis ich vor Kraftlosigkeit beinahe zusammenbrach,
hielt mich eben dieses zerstörerische Leiden, das so offensichtlich danach strebte sich selbst zu perpetuieren, hielt mich genau das nicht auch am Leben und brachte mich mir näher?
Hätte ich mich denn überhaupt anders fühlen können als im Fressen, Kotzen, Hungern, Kiffen, Vögeln und Saufen? Als im Schmerz, der mir zeigte, dass ich lebte, und warmes Blut durch meine Adern floß und aus meinen Wunden perlte.
Der volle Magen, die Lungenschmerzen, sich kaum noch rühren können nach tagelangen Orgien, betrunken sein, bis nur noch Erbrechen half.
Ritzen, Beissen, Selbstverletzung. Gefahr.
Und hielt das Leiden mich nicht gleichzeitig ab von einem Leben, das in der Zukunft beginnen und mir endlich das grenzenlose Glück bringen würde, nach dem ich mich sehnte?
Was ich damals nicht wusste: es war alles da. Inmitten des stinkenden Unrates war der Tisch gedeckt.
Ich hätte dort Platz nehmen und der Musik lauschen, satt werden, lachen, mich freuen können.
Wenn ich es gekonnt hätte.
Aber der Schmerz war zu groß. Kein Blatt zwischen mir und der Welt. Alles war scharf, spitz und kantig. Und tat weh.

 

Te Recuerdo Amanda

Auf Deutschlandradio läuft Víctor Jara.
Gleich mit 3 Liedern erinnert man an den chilenischen Sänger, der vor 40 Jahren, als Anhänger Allendes und der Unidad Popular, von Pinochets Schergen gefoltert und ermordet wurde.
Erst seit 2012, werden die dafür verantwortlichen Offiziere per Haftbefehl gesucht.

La vida es eterna en cinco minutos

Meine Gedanken kreisen um das was war. Bilder aus der Vergangenheit tauchen wie gestochen scharfe Fotografien vor meinem inneren Auge auf.
So, wie die Herbstsonne jedes Detail näher heranholt und schlaglichtartig ausleuchtet, so sind die alten Tage in den letzten Wochen wieder greifbar.
Mit einer Deutlichkeit, in der ich sie vielleicht nicht einmal damals erlebt habe. Steckte ich doch mitten drin in der dicken, undurchsichtigen Suppe meiner Jugend.

Eiserner Steg in Frankfurt am Main

Frankfurt war der Schauplatz.
Frankfurt war die Stadt in der die Kaufhäuser brannten und in der Adorno gelehrt hatte.
In Frankfurt stand ich jeden Samstag am Eisernen Steg, umwabert vom Gestank des, im Brückenkopf befindlichen, öffentlichen Pissoirs.
Von dort beobachtete ich das Treiben auf dem Flohmarkt.
In den Pissegestank mischte sich der Geruch von Bier, Räucherstäbchen, dem Naphtalin von Mottenkugeln, Patchouli- und Vanilleöl. Muff.
Kahlgeschorene, in Rot gewandete Hare Krishnas defilierten singend und trommelnd das Mainufer auf und ab.
Wir kifften, tranken Bier und klauten Lederjacken.
Ohne Helm rasten wir mit dem Motorrad durch die Stadt, immer auf der Jagd nach unserem Schatten.

Hare hare, rama rama

Unsere Abende verbrachten wir im Elfer oder in der Batschkapp. Öfters im Theater am Turm, im Cookies oder dem Morrison.
Manchmal auch im fabelhaften Sinkkasten, oder im Höhenkoller, die es inzwischen beide nicht mehr gibt.
Wir besuchten Konzerte und für die ganz großen fälschten wir Eintrittskarten. Trotz unseres Dilettantismus wurden wir niemals erwischt. Man hätte glauben können, dass jemand in dieser Zeit seine schützende Hand über mich hielt.

Lou Reed, The Cure, Dinosaur Jr.

Mit T. betrank ich mich im Dr. Feelgood, einer Eckkneipe auf der Berger Straße, wo er anschreiben lassen konnte. Zu Monatsbeginn, wenn die Stütze kam, zahlte er zuerst die Miete und beglich dann seine Trinkschulden. Von dem was übrig blieb kaufte er sich ein paar Platten.
T. liebte Jimmy Hendrix.
In seiner Wohnung hingen schwarz-weiß Poster mit nackten, gefesselten Frauen von deren Haut Sperma tropfte. Ich bin  nicht sicher, ob er, oder sein ewig stinkender Mitbewohner sie angepint hatte.
T. jedenfalls schienen sie überhaupt nicht zu interessieren.
Von Bondage war nie die Rede, und auch sonst war er, abgesehen von seinem Alkoholismus, ein bodenständiger Typ, dessen Berufswunsch das Betreiben einer Ziegenkäsefarm in Frankreich war.
Ziegen mochten wir beide.
Kennen gelernt hatten wir uns beim Trampen.
Ich hatte den vollkommen Betrunkenen vor der Batschkapp aufgelesen und nach Hause gebracht. Im Auto, vor seiner Haustüre versuchte er mich zu küssen, was ich  abwehren konnte.
Am nächsten Tag rief ich ihn unter der Nummer, die er mir beim Aussteigen in die Staubschicht auf meinem Auto gemalt hatte an. Die nächsten Monate verbrachten wir zusammen.
Im Haus schräg gegenüber von T. wohnten Terroristen. Sie flogen auf, als sich beim Reinigen einer Pistole ein Schuss löste.
Gerne hätten wir sie kennen gelernt. Wir träumten davon jemanden zu entführen und viel Lösegeld zu erpressen. Ehrensache, dass wir niemandem ein Haar gekrümmt hätten.

Baader-Meinhoff fanden wir grundsätzlich gut, das Töten allerdings erschien mir unnötig.
Erschrecken, erpressen und bedrohen musste doch reichen.
Eine Zeit lang überlegte ich, ob ich nicht meinen Großvater für eine Entführung zur Verfügung stellen sollte. Immerhin war er Bankdirektor und verpfeifen würde er uns später ganz sicher nicht.
Die Idee war uns durch die gründlich missglückte Entführung Pontos gekommen.
Extreme Antriebsarmut und unsere allumfassende pazifistische Grundhaltung liess uns den halbgaren Plan jedoch bald verwerfen.

Let´s drink to the hard-working people

Mein Großvater zog nach Pontos Tod in die Schweiz, wo er sich sicherer fühlte.
In seinen letzten Jahren besuchte er heimlich das Casino und verpulverte dort seine Kohle, bis ihm meine Großmutter auf die Schliche kam.
Wahrscheinlich hätte er an einer richtigen Räuber-und-Gendarm-Posse seine helle Freude gehabt. Solange das Essen gut war.
Ich mochte ihn sehr, den alten Genießer.

An manchen Wochenenden fuhren wir in den Taunus, flackten uns auf eine Wiese und erlebten die stadtnahe Natur im psychedelischen Vollrausch.
Einer hatte seine trächtige Hündin dabei. Zum ersten und bis heute letzten Mal erlebte ich die Geburt von Tierkindern.

English: Puppies in a bin.

Es war großartig. Unglaublich und zugleich so selbstverständlich.
Alle Anwesenden fühlten sich durch dieses gemeinsame Erlebnis zutiefst verbunden.

Liebe, Liebe, Liebe, hing über dem Wald von Oberursel.

Erst am nächsten Tag, nachdem wir wieder halbwegs bei Sinnen waren, fuhren wir, zusammen mit 8 Hundewelpen zurück in die Stadt.
Das Auto meiner Eltern war nach dem Ausflug ziemlich ramponiert. Die Benzinwanne war bei nächtlicher Geländefahrt eingedrückt worden, eine Zierleiste abgerissen und die Beifahrerseite verkratzt. Ich staune bis heute, wie entspannt mein Vater meinen Lebensstil ertrug und mir stets zugewandt und mit stoischem Gleichmut begegnete. Manchmal allerdings rief er mir gute Ratschläge oder Gefahrenwarnungen hinterher, wenn ich das Haus verließ.
Irgendwann musste ich ein paar Termine bei einer Psychologin von der Drogenberatung wahrnehmen. Eine nette Frau, mit altmodisch hochgesteckten Haaren, die am Stock ging, einen Klumpfuss hatte und hautfarbene, orthopädische Lederschuhe trug. Wir quatschten über dies und das, bis ich keine Lust mehr hatte mein schillerndes Leben in düsteren Farben zu malen.
Auf dem Nachhauseweg kaufte ich in der Taunusanlage Cannabis. In der B-Ebene der U-Bahn dann sah ich zum ersten Mal einen Toten. Er hatte die Nadel noch im Arm. Den letzten Termin bei der Psychologin schwänzte ich. Sie rief bei meinen Eltern an, was außer halbherziger Schelte folgenlos blieb.
Ängstlich und besorgt wurde mein Vater übrigens erst, als die schlimmsten Zeiten überstanden waren.

Der Reiter und der Bodensee

Studieren wollten wir nie. Lieber reisen und frei sein.
Vielleicht Fremdsprachenkorrespondentin werden.
Am besten learning by doing.
Sprache als Tor zur Welt.
Auf jeden Fall alles mitnehmen. Drogen, Sex, Musik.

Ian Dury

Bemerkenswert, dass wir fast alle noch die Kurve gekriegt haben.

English: mushrooms Deutsch: Pilze

Ein paar allerdings gingen als Drogentote in die Statistik ein.
Einen von ihnen hat mein Onkel, der Pfarrer beerdigt.

Frankfurt musste ich dann irgendwann verlassen.
Ich suchte mein Glück, erst in die Enge der unterfränkischen Metropole, dann in dem Häusermeer der Hauptstadt. Nach Frankfurt zieht es mich inzwischen wieder gewaltig.
Dort leben noch immer Vater und Schwester.

Die Schwester hat gerade Geburtstag und zu diesem Anlass bin ich in den ICE gestiegen, um den Tag mit ihr zu begehen. Viele ihrer alten Freunde waren zu Besuch.
Manche hatte ich seit über 20 Jahren nicht mehr gesehen.
Allen scheint es gut zu gehen.
Die Hunde waren, wie immer, dabei.

Aber das ist eine andere Geschichte.

112

Schnappatmung

Schnappatmung (Photo credit: NullProzent)

Als tikerscherk sich anschickte die Bude zu verlassen, um das Tempelhofer Feld, dieses Mal in der Märzensonne, auf Stille, Schall und Weite zu überprüfen, begab sich aber Folgendes:
mir gehts so schlecht, mir gehts so schlecht, mir gehts so schlecht
Nach einer kurzen Analyse, verfrühtes Aufatmen:
kann nicht sein, rauche seit 29 Monaten, 3 Tagen und 12 Stunden nicht mehr, gestern nur 1 Glas Rotwein- allet tutti.
Nach einer halben Stunde liegend, mit Schnappatmung, Flatterpuls und wächserner Bleiche, im Kreise der herbeigewimmerten Freunde dann die Einsicht: Notarzt oder schade.
Notarzt.
Nach 10 min. (also punktgenau nach Vorschrift) erscheint der Rettungsdienst, mürrisch wie es sich gehört, und beinahe wäre es mir vor Ärger wieder gut gegangen.
Das sogenannte Rendez-Vous-System sorgt dafür, dass nach dem Rettungsdienst alsbald der Notarzt kommt.
Dies erhöht die Flexibilität des Arztes, der so nicht ständig auf dem gleichen Wagen festsitzt, sondern erst später dazustößt wenn der Sanitäter schon einen Überblick hat.
Der Notarzt stellt tatsächlich sofort was fest. Nicht wie erwartet Irgendwas im Endstadium, sondern eine Pulsfrequenz von deutlich über 250 die Minute.
Das Wiedergabegerät brüllt einen Technosound in die mittägliche Behausung, erzeugt Panik, so dass die Frequenz sich bis Anschlag Messgerät beschleunigt. Knapp 300 bpm.
-Haben Sie Kokain genommen?
-Nein, keine Drogen, außer Rotwein.
(Allgemeine Erheiterung im 5- köpfigen Team).
Dann der private Emergency Room: Braunüle, Spritzen, EKG, Magnesium intravenös (abgefahrenes Erlebnis, irokesenförmiger Verlauf der Hitze unter der Kopfhaut), alles mit geduldigen umfangreichen Erklärungen.
Sogar eine Diagnose vom Notarzt, einem gebürtigen Kreuzberger,die klinischerseits später bestätigt wird.
Ein kleiner harmloser Nerv, der bei vielen Menschen (fälschlicherweise) doppelt im Herzen vorkommt, und mitunter koronal so beschleunigend wirkt, dass aus Stille Berghain wird.
In 99 % der Ereignisse „selbstlimitierend“, sonst letal.
Glück gehabt. Nicht selbst limitiert- Notarzt gerufen.
Retrospektiv eine Erklärung für Dauerspeed.
Medizinisch eine Leistung.
112, resp. Dr. Kehr / Charité, und 1705 Bundeswehrkrankenhaus Berlin- besten Dank!
Zum Abschluss eine kostenlose Fahrt durch SO 36 mit Blaulicht und Martins ins Urban.
7. Stock Sonnenuntergang.
5 Sterne de Luxe.

Thriller

Beim letzten Besuch in Frankfurt übernachteten wir in einem bekannten 4-Sterne-Etablissement im Bahnhofsviertel, das sich über 5 Etagen eines Gründerzeitaltbaus erstreckt.
Beim Betreten des Zimmers schlug uns der Gestank von kaltem Rauch entgegen. Dunkelbraune, abgescheuerte Möbel auf dunkelbraunem Teppichboden. Das Doppelbett 140 cm breit. Ein verklebter Wasserkocher, Instantkaffee, Dosenmilch. Bügeleisen. Minibar.
Verschimmelte Silikonfugen und 2 lagiges, raues Toilettenpapier im Bad.
Der Ausblick: Eurotower und andere Geldtürme. Das Euro-Denkmal, vor dem die letzten Occupy-Veteranen harren, um im Schatten der Glaspaläste die Banken in die Schranken zu weisen, beinahe in Wurfweite.
Das Frühstück wurde im benachbarten libanesischen Lokal aufgetischt, worauf wir allerdings verzichteten, nachdem wir am ersten Abend unseres Aufenthaltes dort so dürftig, wie auch überteuert gespeist hatten, und dabei von einer sehr jungen barfüßigen Blondine mit etwas unterhalten worden waren, was ihr irgendein Stümper als orientalischen Bauchtanz gelehrt haben mochte.
Sie bewegte sich ungelenk, unmotiviert und scheinbar ohne jeden Bezug zum Takt der orientalischen Musik, die aus billigen Boxen in voller Lautstärke auf uns herunter schepperte, während wir schweigend das Abendessen zu uns nahmen.
Dem Chef des Lokales schien ihr lärmender, arhythmischer Auftritt ebenso wenig zu gefallen wie uns, denn plötzlich stoppte die Musik und die Blondine zog ab, um allerdings kurze Zeit später in Bollywoodverkleidung, und mit einem hüfttiefen Münz-und Glöckchengürtel zurück zu kehren, und die Anwesenden mit klimperndem Torsowackeln zum Mitmachen aufzufordern. Zunächst leisteten nur ein paar männliche Gäste dieser Einladung Folge und ließen mit weingeröteten Wangen die steifen Hüften kreisen. Es dauerte nicht lange, da gesellten sich auch die Gattinnen hinzu und versuchten mit ihren Armen verführerisch anmutende Schlangenbewegungen zu vollführen, während die geschwollenen Füße, die in viel zu engen Schuhen steckten, von links nach rechts trippelten und die tunika-verhüllten Hüften alles gaben, was sie ihnen abverlangen konnten.
Wer jetzt noch saß, fing an in die Hände zu klatschen. Karnevalsstimmung Anfang September.
Zeit für uns zu gehen.

Kaiserstraße

Im Zimmer warteten bereits die Hunde.
Wir versprühten das nach unserer Ankunft gekaufte Raumspray großzügig auf dem Teppich sowie den bodenlangen Vorhängen, öffneten wir das Fenster, und machten uns auf in Richtung Fluss.
Nach einem heißen Tag hatte sich eine milde Spätsommernacht über die Stadt gesenkt, und auf den Mainwiesen lagerten kleine Grüppchen junger Menschen. Es wurde gelacht, geraucht, getrunken. Pärchen lagen sich in den Armen und schauten auf den Main und das gegenüberliegende Ufer.
Die Hunde hefteten ihre Nasen an den Boden und trabten konzentriert neben uns her.
In der Nähe der Ufermauern kampierten Obdachlose, deren schmutzige Matratzen wir tagsüber schon in den Bäumen hatten hängen sehen. Sie lagen dicht beieinander, wie in einer dieser Notunterkünfte, die man aus dem Fernsehen kennt; ihre Habseligkeiten in abgeriebenen, löchrigen Discountertüten neben ihnen, wie altvertraute Komplizen.

Bird's eye view of the Bahnhofsviertel

Die Nacht war sternenlos, und so hatten wir sie erst bemerkt, als wir mit den Hunden direkt an ihren alkoholschweren, ruhenden Körpern vorbei liefen. Um niemanden zu wecken, stahlen wir uns mit angehaltenem Atem davon, sorgsam darauf achtend über keine der herumliegenden Schnapsflaschen zu stolpern. Wir verließen das Mainufer und traten zurück in das Licht des Untermainkai.
Auf dem Rückweg zum Hotel passierten wir die Gutleutstraße, im Mittelalter ein Rückzugsort für Leprakranke. Zwei Männer kauerten auf dem Gehweg. Beide ausgemergelt, beide hatten kleine nässende Wunden auf den Wangen. Schleppscheiße.
Mit fahlen Gesichtern und hohlem Blick kochten sie im Schein der Straßenlaternen ihren Stoff auf, banden die Arme ab und injizierten sich die Dosis, die sie über die nächsten Stunden bringen würde.Ich fühlte mich wie ein Voyeur.

Die Straße gehört denen, die auf ihr leben

Nur wenige Hauseingänge weiter, fanden wir das Lager aus Kartons und Planen, das wir tagsüber bereits gesehen hatten, besetzt. Jemand schlief in dieser spätsommerlichen Nische. Unweit davon lag ein Mann mit dem Gesicht auf den Gehwegplatten. Die nächtlichen Pilgerer liefen roboterhaft und mit fiebrigem Blick an ihm vorbei.
Es war lange nach Mitternacht, als wir die Münchener Straße kreuzten. Dort herrschte immer noch Hochbetrieb. Bars, Spielhallen, Bordelle, Imbissbuden, Trinker, Nutten, Junkies, Obdachlose und ein paar Touristen, so wie wir. Das Kottbusser Tor in Berlin ist eine Sonntagsschule dagegen.
Als wir in die Weserstraße abbiegen wollten, schnitt ein frisch gewachster weißer Hummer, mit rotierenden Hochglanzfelgen, uns den Weg ab. Hinter seinen getönten Scheiben wummerte sexistischer Westküstensound. Wir blieben stehen und schauten ihm hinterher, wie er im Schritttempo durch den Kiez rollte.
Schließlich erreichten wir das Hotel und fuhren mit dem Lift in den vierten Stock. Als wir die Zimmertüre öffneten, schlug uns eine Mischung aus Frischespray, Tabakgeruch und altem Mief entgegen.
Müde gingen wir zu Bett.
Ich lauschte den Stimmen der Nacht, die von der Straße zu unserem Fenster aufstiegen und fiel in einen tiefen Schlaf.