Okula girls

433728028_dea4ca6f5f_z.jpg

Am Abend sitzen wir mit dem Kanzler in der Küche. Blut läuft ihm aus dem Mundwinkel, während er frei asoziiert, sich in Fahrt redet, abschweift und ausschweift und jeden Gesprächseinstiegsversuch des Bekannten mit ausgestrecktem Arm abwehrt. Ein Halbsatz und schon weiss er Bescheid.
Papa, dir läuft Blut aus dem Mund, sage ich.
Mit einer nachlässigen Handbewegung wischt er das dunkle Rinnsal weg und redet weiter. Es gibt nur eine Wahrheit;Leibniz. Das weisst du ja.
Die Scheisskirche und was er ihr am meisten verübelt: ihr Beten für Frieden, dem keine Taten folgen. Seine persönliche Evolutionstheorie, für die er gerne eines Tages einen Nobelpreis einheimsen würde, setzt den Menschen an die Spitze allen Seins, macht ihn zu einem Gott und gleichzeitig zum Ziel sämtlicher Entwicklungen der Vergangenheit.
Seine Suche nach Geborgenheit, nach Aufgehobensein in der Welt geht auch nach dem Kirchenaustritt im vergangenen Jahr unvermindert weiter.
Die Evolution macht uns alle zu Brüdern, sagt er, wir sitzen ganz vorne auf der Lok und das weite Land mit seinen wunderbaren Möglichkeiten öffnet sich vor uns.

Wegen des riesigen Blutflecks auf dem Kopfkissen hat er der Dame an der Rezeption 20 Euro gegeben, erzählt er am Morgen. Sie wollte nur 10 Euro dafür, aber er fand 20 Euro richtig.

Nachdem der Kanzler abgereist ist, packen der Bekannte und ich den maladen Hund ein und machen bei allerschönstem Märzenwetter einen Gang zum Marheinekeplatz, wo wir auf den Stufen neben der Kirche pausieren und hinüber blicken, zu dem Getümmel vor den rotweiß gestreiften Flohmarktständen, die den Platz wie eine intakte Kinderwelt voller Eiscremwagen und Blechtrommeln aussehen lassen.
Inzwischen ist es so warm geworden, dass ich meinen Schal ablegen und meine Jacke öffnen muss. Der Frühling ist nun also wirklich auch in Berlin angekommen.

Der Rückweg führt uns durch die Fontane-Promenade über die Urbanstraße und vorbei an kleinen, sonnenbeschienen Backsteinhäuschen, die noch vor wenigen Jahren zum Urban-Krankenhaus gehörten und in denen nun eine wohl behütete und gut betuchte Eigentümer-Community, vis-a-vis des riesigen grauen Betonkastens, lebt. Eine Lebenswelt, so unwirklich wie der Timmendorfer Strand.

Am frühen Abend ruft der Kanzler aus Frankfurt an. Seine Rückfahrt war gut, doch leider wartete er am Hauptbahnhof vergeblich auf die U-Bahn. Schließlich rief er sich ein Taxi. Einer Mitwartenden, die das gleiche Ziel hatte, bot er an, sie mitzunehmen, doch sie lehnte ab.  Zuhause vor dem Badezimmerspiegel wusste ich dann warum, erzählt er lachend, mein ganzes Gesicht war blutverschmiert.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Jörg Kantel, Kirche am Marheinekeplatz, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Käfer, Kater, Knospen, Klück

30998528823_58bfd1737d_z.jpg

Hinter der Brücke macht der Kahn einen kleinen Bogen und folgt der Spree in Richtung Rathaus. Wie ein flacher, breiter Käfer treibt er auf dem Wasser. Ich bleibe stehen und schaue ihm eine Weile nach.

Auf der anderen Seite der Brücke sitzt der blaue Kater auf dem Dach und blickt zu uns herüber. In ein paar Jahren werden die ehemaligen Bar 25 Leute wahrscheinlich längst feiste Geldsäcke und die Genossenschaft ein elitärer Haufen sein, die auf ihren Ufergrundstücken sitzen, wie alle anderen auch. Kein Grund zur Aufregung. Resignation ist ein gemütliches Restenest und allemal komfortabler als das sinnlose Aufbegehren gegen den Lauf der Dinge. Die Welt ist ungerecht. No new tales to tell.

Die Sonne scheint, ich trage meinen Hund nach Hause. Ihre Hinterbeine sind inzwischen zu dünnen Stöckchen verkümmert. Sie schaut mich aus ihren lieben braunen Augen an. Seit einiger Zeit fiept es leise aus ihrem Brustkorb, ab und an hustet sie. Was das wieder ist. Will ich es wissen? Njet

Die Terrasse ist gefegt, die Töpfe entlaubt, die Kippen der Nachbarn aufgesammelt. Ahorn und Johannisbeere treiben aus, der Wein trägt erste Knospen. Sobald auch der Ginkgo sich wieder belaubt, bin ich zufrieden. Die Tulpen werden bald blühen. Es ist Frühling!

Eine Mail aus den USA treibt mir die Tränen der Freude und der Dankbarkeit in die Augen. Hilfe naht. Wenn das wahr wird, was man mir dort zusagt, bin ich einen riesigen Schritt weiter. Danke, danke, danke!

Im Haus nebenan bringt eine Mutter zum ersten Mal ihr Kind in die Kita. Nachdem sie verschwunden ist und das Kleine sich endlich beruhigt hat, kommt sie noch einmal zurück und winkt ihm durch´s Fenster zu „Hab dich lieb, Schatz!“. Das Kind fängt wieder an zu greinen und bleibt die nächste Stunde untröstlich. Irgendwann geht sein Klagen unter im Lachen der anderen Kinder. Dreirädchen mit Anhänger rollen durch den sonnigen Garten, die Meisen singen ihr rostigschräges Lied, ein Lüftchen geht, der Bambus raschelt leise und ich freue mich auf den Kanzler, der bald in Berlin eintreffen wird.

Ein schönes Wochenende Euch allen!

 

 

 

 

 

Bild:Pascal Volk, graffiti skeleton & fishbone, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Auf einer Wiese

//

Im Schatten eines Rollstuhles schläft ein Hund, den Kopf abgelegt zwischen Vorder- und Hinterrad. Soviel Vertrauen, sagt eine ältere Dame und leert das Füllhorn ihrer Güte über der Frau im Rollstuhl, die in huldvoller Dankbarkeit lächelt.

Know your roles.

Ich möchte auf einer Wiese heiraten, sage ich und du schweigst in milder Duldsamkeit. Ein Amselmännchen hüpft durch das trockene Gras.

 

 

 

ein halbes Leben

5059510510_4e254d58d2_b.jpg

Heute jährt sich erneut der Tag, der mein Leben in ein Früher und ein Jetzt einteilte, der Tag an dem eine Tür für immer ins Schloss fiel. Als ich erwachte läuteten die Glocken.

Nur selten noch hadere ich mit dieser Unabänderlichkeit. Rudern, einfach rudern und in den Pausen das beständig in den Bootsrumpf sickernde Wasser abschöpfen. Mit allem, was zur Verfügung steht. Mit der bloßen Hand.

 

 

 

 

 

 

 

(zitiert aus meinem Blogbeitrag vom 11. März 2016)

Bild: Ulisse Albiati, I don´t know where, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Zwanglos II

8862480514_1bae924c64_z

Männer, die größer als 1,85 sind beunruhigen mich, es sei denn sie tragen Frauenkleider.

In Fulda möchte ich nicht wohnen. Da gibt es so viele merkwürdige Menschen, die üble Bräuche pflegen. Sie nennen das Tradition.

Tradition ist so ähnlich wie Religion. Unhinterfragbar.

Ich halte Menschen, die ihren Tieren ironische Namen geben (Günther der Hund) für übermäßig geltungsbedürftig. Fehlt noch ein kariertes Hütchen auf dem Kopf und Hosenträger.
Ich habe mal einen Goldfisch Tarkan genannt. Es war nicht mein Fisch. Meine hießen Lolek und Bolek. Auch albern.

Ich messe oft mit zweierlei Maß und sehe den Balken im eigenen Auge nicht. Das Haar in der Suppe finde ich mühelos. (Saisonabhängig. Im Winter schlimmer als im Sommer).

Ich verstehe Ironie meist nicht.
Ich bin exzentrisch.
Ich bin schüchtern.

Ich bin, wenn man mich gut kennt, sehr leicht dechiffrierbar.

Ich schreibe immerzu über mich, weil ich über andere zuwenig weiss und weil die Welt mir ein Rätsel bleibt.

Der Bekannte redet sehr wenig über sich. Ich mag den Bekannten.

Wenn ein siamesischer Zwilling früher ins Bett will als der andere, ist das ganz was anderes, aber im Ergebnis doch ähnlich, wie wenn der Bekannte früh ins Bett möchte und ich mitgehen soll, obwohl ich noch hellwach bin.

Wenn ich wach bin möchte ich überhaupt nie mehr ins Bett gehen.
Wenn ich im Bett liege, möchte ich überhaupt nie wieder aufstehen.
Immer da wo ich bin finde ich es am Besten.
Es ist schwer mich zu überreden auf eine Party zu gehen.
Es ist schwer mich wieder nach Hause zu kriegen.

In manchen Szenen sind Tunnelohrringe verpönt.

Seit ich weiss, dass Avocados für Hunde tödlich sind sein können, stört es mich schon, wenn eine Zeitschrift in meiner Wohnung herum liegt, deren Titelseite eine aufgeschnittene Avocado zeigt.

Ich sehe im Winter nicht gerne Dessouswerbung auf den sogenannten Stadtmöbeln im Freien.
Donald Trump hat mir das Wort `sogenannt´ gründlich versaut. Böser Mann.

Ich finde es traurig, wenn Menschen verstummen, weil die Weltlage so düster ist.

Ich finde es sehr unhöflich, eine ausgestreckte Hand nicht entgegen zu nehmen (solange keine Scheisse dran klebt und man nicht befeindet miteinander bzw. gegeneinander ist).
Bei facebook kann man sich sogar entfreunden.

Die neuesten Smartphones sind in ihren Kamerafeatures auf Instagram-Selfies ausgerichtet. Sie machen auf Knopfdruck (oder per Wischbewegung) schön und jung.
Wird man je aus dieser Bilder-Welt heraus treten und sich begegnen können ohne furchtbar enttäuscht oder erschrocken zu sein?

Ich ziehe (ganz allgemein)  unbearbeitete Fotos bearbeiteten vor.

Damit ein Film mich interessiert, muss er vorwiegend in geschlossenen Räumen spielen. Es muss mindestens eine weibliche Hauptrolle geben, es muss Strom, bzw. elektrische Geräte geben, es wäre schön, wenn Liebe oder wenigstens Sex drin vorkäme. Am liebsten soll er in der Jetzt-Zeit spielen (die für mich bis in die 70er Jahre zurück reicht).
Ich möchte nicht, dass in dem Film zuviel gesungen wird. Er darf keine Komödie sein. Exzessive Brutalität will ich auch nicht. Spannung finde ich gut. Die Menschen sollen nicht über-attraktiv sein und nicht aussehen wie bearbeitete Fotos.
Into the wild hat mir gefallen, obwohl der Film fast ausschließlich  draußen spielt und sehr wenig Elektrizität drin vorkommt. Eine Frau und Romantik gibt es auch nur kurz.

Der Argentinier hat bei einem Online-Gedächtnistest geschummelt.
Nachdem er ihn ein Mal durchgespielt und dabei enttäuschend abgeschnitten hat, hat er sich alle Lösungen notiert, um sie beim zweiten Durchlauf abzutippen. Als das neue Testergebnis angezeigt wurde, hat er sich sehr gefreut.

Bei twitter stand, dass bei Facebook folgendes stand:

bildschirmfoto-2017-03-03-um-13-52-53

screenshot twitter

Darüber habe ich lauthals gelacht.

 

Bedeutungsvolles Raunen und wissenvorgebendes, süßlich-feingeistiges Klimperzuseln© (aka as inhaltsleeres Labern) nervt mich. Ab-grund-tief.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Aaron Muszalski, Zwanglos III, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

so long

Blöd, wenn eine versehentlich angehängte Datei offenbart, dass die Absenderin mein Blog liest (und sogar auszugsweise herunterlädt) ohne je dazu eingeladen worden zu sein. Eine Vertrauensperson hat meine Blogdidentität klammheimlich und entgegen meines ausdrücklichen Wunsches verraten und mir damit den Schutz der Anonymität genommen, den ich zum Schreiben brauche.

 

Dieses Blog ruht, bis ich mich entschieden habe ob es hier künftig nur noch Muffinrezepte gibt, ob ich die unbefugten Eindringlinge mit spermatösen Enthüllungsstories anwidere, ob ich ihre eigene Lebensgeschichte zum Gegenstand meiner Erzählungen mache, ob ich tue als sei nichts geschehen oder ob ich unbekannt verziehe.

 

Ich find’s nicht in Ordnung, was da gelaufen ist.

 

So long

Links

14646551553_57ee8a37ae_z

Hier drei Links zu drei Texten, die mir gut gefallen haben.
Mir fehlt grad die Quatsch- und Erzähllaune, sonst würd´ ich noch was dazu schreiben.

Berlin verlassen. So fühlt sich das an:   http://heike-hellebrand.de/bleib/

Wie schreiben ist, steht im Sudelheft  http://sudelheft.blogspot.de/2016/01/so-ist-schreiben.html

Deutsche Filme mit deutschen Schauspielern, die englisch sprechen. Ich lache immer noch :  http://frauruth.de/rueckkehr-nach-montauk/

Ich wünsche gute Unterhaltung allerseits!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: vertical vertigo, flickr, Remy Saglier
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/