Fügsee

Die Luft flimmert. Auf der Elsenbrücke gegenüber der Wilden Renate hinterlässt mein Reifen einen Abdruck im frisch aufgebrachten Teer. Ich lehne mich nach vorne und drücke ihn noch tiefer ins krümeligfettige Schwarz. Der meterhohe Lattenzaun des geschlossenen Clubs ist meanwhile auch schwarz gestrichen, dahinter, zwischen den Brandwänden, die üblichen Pappeln.


Auf der Mittelinsel der Straße steht ein mittelaltes Paar mit dunklen Sonnenbrillen und hängenden Mundwinkeln. Ihre aschfarbenen Haare fliegen im Wind der vorbeidonnernden LKW, ihre Mundwinkel hängen.


Über die benachbarte S-Bahnbrücke rattert ein Zug, Schwalben jagen über den rauschenden Verkehr hinweg zur Spree, wo die Molecule Men, die silbergrauen Füße im Wasser, sich gegenseitig an die Gurgel gehen. Unterdessen sitzen Krähen in den den riesigen Löchern der metallenen Leiber und spähen auf die Paddler hinab. Räh räh.

Der Hai passt am Besten zu dir, sagt die Freundin als sie mir ein kleines Geschenk überreicht. Sie selbst habe für sich einen Flamingo gewählt. Wieso denn bloß, frage ich mich und drehe im Geist die Augen nach hinten, bereit zuzuschnappen.

Wahrscheinlich stimmt es, dass man sich immer das sucht, was man kennt. Bei mir ist es die Nordwand. Im richtigen Leben, wie auch auf Reisen.

Und so verlasse ich in jetzt diese Stadt und rolle in Richtung Süden.

Scirocco

In der Manteuffelstraße (Mandevil) soll der Hund sich vor einem vorbestimmten Haus entleeren. She doesn´t.
Beim Mietwäschegeschäft Sassin denke ich Assassin und dann Haschisch, und überlege, ob es mir besser gefiele als Assassine, Begine, Suffragette oder Kokotte in die Geschichte ein-, oder doch lieber namen- und gesichtslos in ihr unterzugehen.
Wie gewohnt beschäftige ich mich zuviel mit mir selbst, immer nur ich, ich, ich. In anderen Sprachen, so las ich, nimmt man mehr Abstand von sich, indem z.B. bei Ortsangaben nicht (wie bei uns) das eigene Selbst in den Mittelpunkt gerückt und alles andere dazu in Relation gesetzt wird (du stehst hinter mir). Gebräuchlich ist dort stattdessen die Verwendung der Himmelsrichtungen. Sitze ich beispielsweise an meinem Küchentisch und schaue in den Garten, so liegt dieser im Süden. Mein Buch lese ich von Ost nach West. Nachts im Bett indes sind meine Füße im Norden und ich lese von West nach Ost.
Meine erste Katzenliebe Castorp begrub ich, eingewickelt in eine britische Klöppeldecke, mit dem schwarzen Köpfchen zur aufgehenden Sonne.

Südost = icke (ich, ich, ich!)

random beauty

Vor ein paar Tagen (im Zustand seelischer Beklommenheit und mit drängendem Herzschmerz) schrieb ich einen Katastrophentext, der nur knapp vor dem Zusammenprall zweier Schwerlastzüge schlagartig an Fahrt verlor, knirschend im Schotterbett der friedvollen Versöhnung ausrollte und mit ohrenbetäubendem Quietschen zum Stehen kam, weil längst nichts mehr so heiß gegessen wie gekocht wird.

 

Nachdem ich viel Kraft und Weh und mancheine Tränen in diesen Text gelegt hatte, war ich beinahe geneigt, die Sache für eine schöne Pointe doch noch entgleisen zu lassen, aber das Harmoniethierchen in mir

(zirkelschmirkel fasel quassel stelzstelz)

… Twitter frisst Konzentration, fördert Faulheit und schnelle-Applaussucht (sach ma´n Wort mit „ussu“ inner Mitte) und schleift bedauerlicherweise den Sprachschmelz bis auf den empfindlichen Zahnhals herunter, wie einst Tierarzt und Autor St. seine Fingernägel auf den Steinplatten vor unserem von Springspinnen besiedelten Häuschen in der Bretagne.

Merkwürdigerweise denke ich, den St. vor Augen, immer auch an Cousine S., die Behütete, obgleich die beiden sich weder je begegnet sind, noch irgendetwas gemein hatten, außer vielleicht Haarfarbe und Frisur: blond und kurz, sowie den gerne getragenen schwarzen Rollkragenpullover und die beim Reden souverän übereinander geschlagenen Beine.

St. war es, dem die Geschichte des kleinen Mädchens, das auf einem Stuhl mitten im Raum sitzend, imstande war sein feines Sonntagskleidchen zu beschmutzen, so sehr ans Herz griff, dass er sich in die inzwischen zur Frau Herangereifte verknallte und mit ihr und dem alten Mercedes eine Reise durch französische Landhotels unternahm.
Wie sein Vater war der St ein leidenschaftlicher Jäger, der mit Lust tötete, was er am meisten liebte: den Fuchs.

St., so hörte ich Jahre später, soll sich nach dem vierten Kind mit der vierten Frau aus Gründen der Kostenersparnis, anstatt von einem Urologen, von seinem Cousin, einem Tierarztkollegen, sterilisiert haben lassen.
Vielleicht eine selbst gestreute Erzählung, möglicherweise aber tatsächlich so geschehen.


Cousine S. indes wechselte vom Genre der Beauvoir zu dem einer betont überkandidelten Madonna. Unbeabsichtigt und nahezu unbemerkt versandete unser Kontakt und viele Leben später, an einem dunklen Herbstnachmittag, begegneten wir uns auf einer umtosten Neuköllner Verkehrsinsel wieder, beäugten uns schüchtern und strebten bei Grün mit einem schmalen Lächeln auf den müden Gesichtern davon.

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Vor meiner Abreise (noch 22 Tage) stiefele ich so oft ich kann zu dem Wunder unter der Brücke.



Das Magische: erst wenn ich mich fast mittig unter dem Spalt in der Brücke befinde, wird der Streifen des einfallenden Lichtes auf dem Wasser sichtbar, und er verschwindet, sobald ich mich wieder ein kleines Stück entferne.
Über mir wummert und dröhnt die Stadt. Zwischen den Brückenpfeilern das helle Pfeifen der Taubenflügel.



Musik zum Text:

The Limiñanas – La mercedes de couleur gris métallisé

(youtube Direktlink)

Achillea Isana

Der Bekannte ist unzufrieden. Er findet, dass er schlecht abschneidet in meinen Posts, und ich natürlich viel zu gut. Einer der vielen Vorteile ein Blog zu bespielen: man erzählt die Geschichte, wie man selbst sie erlebt und e m p f i n d e t. Und gesagt wurde, was gesagt wurde, da kann selbst der Bekannte keinen Faden abbeißen
Inzwischen mausert er sich übrigens, sehr zu seiner Zufriedenheit, zu einem Bekannteren, zumindest was seine Twitteraktivitäten anbelangt. Und je aktiver er dort die Welt erklärt und für den Sieg des Guten über das Schlechte ringt und in diesem Bestreben viele kluge Mitstreiterinnen um sich schart, umso mehr ziehe ich mich zurück und poste allenfalls noch Straßenfotografien, aufgenommen auf meinen täglichen Spaziergängen durch die Stadt.

Das Konzept Zahnarzt/ Zahnarztweibchen habe ich nie verstanden.

Meine Alpenreise rückt näher und schon jetzt fange ich an, zu organisieren.
Das neu eingetauschte Auto muss in die Werkstatt und die Medikamente und das Spezialfutter für die Tiere wollen beschafft werden.

Im Blauen Land hat es inzwischen einen Microburst aus einer Superzelle gegeben. An sich Lieblingsvokabeln und -phänomene einer Katastrophenchronistin. Jetzt aber: oweh! Hoffen wir, dass die Reise nicht ins Wasser platscht.


Um den Leserinnen dieses Blogs einen Einblick zu geben, was auf Berlins Straßen so los ist, zeige ich heute mal eine kleine Auswahl meiner Motive:

Am Morgen erwache ich vom Quietschen der Tür.
Achillea Isana Mbembé verlässt meinen Traum.

alsfort, alsdann, alsbald

Samtzünglein, Samtzünglein, summe ich, da trillert und leuchtet mein Handy und ich lese: Wär ich ein Fisch, fiele mir der Wohnraum vom Himmel. Ich frage mich woher der Unterfranke (alsfort) seine Platitüden hat, möchte ihm in nichts nachstehen und antworte mit Blick auf den herabfallenden Regen: Dein Reich ist just gekommen.
Alsdann: Schweigen.

Aus dem Drehladenturm wähle ich einen BH und denke an Christo, während ich ihn anlege. Überhaupt ist mir heute sehr alberich und überdreht zumute, was seinen Ursprung und Grund in der zu schnell eingesetzten inneren Unterkühlung (Schockfrost) haben mag, vielleicht aber auch an dem schwesterseits verordneten Medikament liegt, das die Nachwirkungen des Virusmittels, welches nicht nur den Oster-Zoster, sondern auch gleich meine Magenschleimhaut und die Mucosa des Zwölffingerdarms miterledigt hat, mildern und diesen ganzen elenden und dauergebeutelten Körper einem neuen Gleichgewicht entgegen führen soll, bis es einer höheren Macht erneut gefällt, in einem schelmisch ausgelassenen Moment den nächsten Mikadostab aus dem fragilen Haufen zu ziehen und alles wieder ins Rutschen zu bringen. Mein Leben, eine Schlammlawine.

(Video Schlammlawine einfügen)

Die unterfränkische Wohnraumschwemme indes hat meine Gartenpläne für heute zunichte bzw. überflüssig gemacht (des einen Freud, des andern Feind).
Und während ich warte, bis die Sonne wieder durch die Wolken bricht und ich mit den Hunden vor die Türe gehen kann, sitzt im Nebenzimmer der Bekannte und tut was er all die Jahre getan hat: schweigen, lesen, sauertöpfisch gucken.
Das ist mein Gesicht, würde er jetzt wahrscheinlich entgegnen, eine von mir übernommene bzw. gelernte, überaus erfolgversprechende Replik. Und er hätte, wie so oft, Recht. Doch damit diesbezüglich keine falschen Vorstellungen aufkommen und um nicht die Henne mit dem Ei zu verwechseln: normalerweise bin selbstredend ich es, die von dem Bekannten lernen kann und nicht umgekehrt.

Doch Dank meines flatterhaften Wesens und mangelnden Konzentrationsvermögen, verliere ich leider meist nach kurzer Zeit den roten Faden bzw. Ziel und Richtung aus den Augen, verklettere und versteige mich im imaginären Grün, schieße unkontrolliert ins fantasierte Kraut und während der Bekannte unten am Boden weiterhin allen akademischen Ernst walten lässt, seine Bildungshain zu pflegen und instand zu halten und mit achtsamer Hand Stämmchen für Stämmchen sorgfältig ans gusseiserne Spalier fädelt, überwuchere ich, längst schon in der Wolkenkuckuckslounge angelangt, ohne Sinn und Verstand und aus schierer Lebenslust und Träumerei, die wunderbare Ordnung wie maßloser Knöterich oder – schöneres Bild – : wie die üppige Glyzinie (und bleibe unwissend wie je).

Alsbald mehr.

Die Kälte, die aus dem Fenster kam

Der Bekannte und ich sitzen, jeder mit seinem Rechner beschäftigt, am Küchentisch und versuchen, uns auseinander zu leben, so gut die räumlichen Verhältnisse, in denen wir seit der Coronakrise leben, das eben erlauben. Draußen hat der Himmel sich verdunkelt, in der Ferne grollt und rummst es, Wind fährt in die Baumwipfel, die Vögel sind verstummt.

Später am Tag, der Regen ist ausgeblieben, treffe ich die Theaterfrau vor ihrer Abreise nach Portugal auf einen Cappuccino unter blühenden Linden. Noch immer kann ich nichts riechen, und auch der Geschmackssinn ist weiter auf einem Tiefpunkt, doch Kaffee geht immer und ich schmecke bzw. spüre sogar heraus, dass der Barista die schlechte Hafermilch von Provamel verwendet haben muss. Sie brennt im Magen, was die gute Oatly nie tut.

Am Abend, die Temperaturen sind ein wenig gesunken und die Sonne steht im Westen hinter der Feuertreppe, gehe ich noch einmal hinaus in den Garten, die Pflanzen zu wässern, doch gleich hinter der Hoftür fällt der Sechskant für den Wasserhahn mir aus der Hosentasche und durch das Gitter in den Kellerschacht. Ohne zu fluchen oder auch nur tief einzuatmen, gehe ich zurück ins Haus, hole Klebeband und bastele mir aus frisch geschnittenem Bambus eine Angel. Nach einer geduldigen langen Weile gelingt es mir, den Schlüssel an seiner Kordel aus Staub und Weben zu fischen.
Meinen Plan zu wässern habe ich inzwischen aufgegeben und kantapere stattdessen, die tiefstehende Sonne im Gesicht, zum Heinrich-Heine-Forum, wo ich mir ein Reisgericht und eine Mate hole die ich unter der kleinen Ulme im Garten genieße, während die Hunde unter dem riesigen Ahorn umhertollen und spielen, bis sie sich schließlich eine Kuhle buddeln und schlafen.

Es ist Jahre her, dass ich einen Abend hier draußen verbracht habe.

(In der Nacht erbricht der Besuchshund riesige Lachen dunkelbraunen, stinkenden Breis neben mein Bett).

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Die Sache mit dem Auseinanderleben hat dann doch noch Fahrt aufgenommen.

Da kam so: auf dem Nachhauseweg von der Bibliothek hustet es plötzlich über mir an einem Fenster. Ich blicke auf und der frisch hervorgebrachte Auswurf landet direkt in meinem rechten Auge. (Wie viel Pech kann ein Mensch allein eigentlich haben?)
Meine mit zitternder Stimme unter Ekelschock vorgetragene Sorge, mir durch das widerliche Sputum womöglich Corona eingefangen zu haben, quittiert der durch die Hitze offensichtlich fernab jedweden Trosts befindliche Bekannte mit „Hör auf mit deinem psychotischen Gerede“. Ich tue wie mir geheißen und genieße nun inmitten der schwülen Sommerglut die angenehme Kühle, die sich zwischen uns breit macht. Besser als jede Klimaanlage und umweltfreundlicher obendrein.

Identity

Im Nachbarschaftsgarten wächst eine Wespenragwurz oder eine andere insektennachahmende Pflanze. Mit Erfolg lockt sie ihre Namensgeberinnen an und lässt sich von ihnen bestäuben.
Im Internet läuft eine Diskussion über richtige und falsche Frauen, Trans oder Bio, und Jede tut, was sich ziemt und was sie muss: belehren und schimpfen und Publikum um sich scharen.

Für die Zuteilung der sehr raren Plätze unter der Sonne ist Identitätspolitik unverzichtbar geworden. Wer nicht schaut wo er/ sie bleibt, nicht netzwerkt und keine Unterstützerinnen findet, verkümmert im Schatten der Großen wie mein Thymian unter der Linde (die im Übrigen wunderschön, doch für mich leider nicht riechbar blüht).
Mit botanischen Vergleichen wäre ich damit für heute durch.

Erzählen würde ich gerne noch von den Krähen, die den M-Platz als Brut- und Marodiergebiet für sich entdeckt haben, und die man bis in die Nacht hinein krächzen und rähen hört. Früh am Morgen machen sie weiter, wo sie erst wenige Stunden zuvor aufgehört haben. Mit der gleichen Verlässlichkeit zerpflücken sie tagtäglich den Inhalt der öffentlichen Mülleimer und verteilen ihn großzügig auf dem gesamten Platz.

Am 25. August, so lese ich im Vorbeigehen auf einem mit einem Pflasterstein beschwerten und vom Regen dunkel geränderten Flugblatt, soll auf dem M-Platz der Vagabundenkongress stattfinden. Da ich zu diesem Zeitpunkt längst schon im Blauen Land weilen werde, frage ich den Bekannten bei unserem allabendlichen Spaziergang, ob er an meiner Statt mal bei dem Treffen vorbeischauen würde. Sicher, sagt er und lacht.

Vor einem Haus in meiner Straße steht ein Schuber mit einer Enzyklopädie. Den dritten Tag in Folge hat Jemand einen Band mitgenommen und nun hoffe ich, dass sich dem Bildungshungrigen die passenden Fragen zu den gewählten Buchstaben stellen werden.