Haylayf

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Soll mal einer sagen, die Türken hätten keinen Humor

Das Publikum der Kleintierklinik lässt mittlerweile stark zu wünschen übrig. Traf man früher auf Wilmersdorfer Witwen mit Airdale Terriern oder Spitzen, tummeln sich hier heute veritable Vollblutproletten mit Australian Shepherds im Schmusebacken- oder Zickengeschirr oder mit altdeutschen Schäferhunden mit schwarzen Augen und tiefergelegten Hinterbeinen. Haarige Tiere, die jeden und alles anknurren und dafür tätschelnd getadelt werden.

Immerhin Rassehunde, daran hat auch die Zeit nichts geändert.

Im Infusionsraum sitzt ein gut genährtes und gepierctes Pärchen Mitte Zwanzig, aus dem Hals des drallen Terrier zu ihren Füßen ragt eine Braunüle. Durch einen langen transparenten Schlauch tropft Medizin in das quirlige Tier. Der tätowierte Mann und die volltätowierte Frau daddeln teilnahmslos auf ihren Smartphones herum. Der dicke Hund wedelt seine Leute erwartungsvoll an, bekommt keine Rückmeldung und versucht zu Frauchen zu gelangen, wobei sich seine Leine am Stuhlbein des Mannes verhakt. Die Leine hängt an deinem Stuhl fest, sagt die Frau mit genervtem Ton. Doch der Mann spielt ungerührt weiter auf seinem überdimensionierten Telefon. Kannst du nicht mal aufstehen, drängt die Frau jetzt mit Schelte in der Stimme. Nein, antwortet der Mann, weiterhin ohne den Blick zu heben, wodurch ihm der Anblick des freigelegten unteren Rückens seiner Lebensgefährtin entgeht, die nun neben ihm niederkniet, mit dem Kopf unter seinem Stuhl verschwindet und an der Leine herum hantiert, bis das wedelnde Hundchen befreit ist.
Ihr habt euch gefunden, denke ich und sehne mich in den bunt raschelnden Grunewald hinein, statt in diese neongrelle Hölle. Doch statt zu gehen, streichele ich meinen kranken Hund und lese zum x-ten Mal: Waage bitte stehenlassen und nach dem Benutzen desinfizieren.

 

 

Unlängst erzählte die Agrarwissenschaftlerin, dass sie hier auf dem Gelände auch Versuchskühe halten mit Guckloch in den Pansen hinein. Man möchte an ihnen untersuchen wie die unterschiedlichen Futtersorten verwertet werden.

 

(Hier müsste eigentlich der Traum der vergangenen Nacht stehen in dem ich zu meiner eigenen Überraschung mit einem Beutel voller Pferdeäpfel im Schlafzimmer stehe und mit der bloßen Hand versuche, das stark riechende Zeug unter der Matratze zu verstecken, damit der Bekannte nix merkt).

 

Die guten Neuigkeiten von der Hundeverdauung sind folgende: zwar hat das Tölchen immer noch und immer wieder mit heftiger Übelkeit zu kämpfen, doch zwischendurch isst sie auch mal was und zwar gekochten und entgräteten Seelachs. Nur 0,9 g Fett auf 100 g hat der Fisch, dabei kommt er aus Alaska, wo es gemeinhin sehr kalt ist und etwas mehr Fett auf den Rippen nicht schaden kann. Doch die malade Bauchspeicheldrüse des Hundes würde das nicht mehr verkraften und so muss der Fisch erst frieren und dann sterben, damit mein Tölchen leben kann.
Zum toten Fisch reiche ich ihr cremiges Mus vom Hokkaido und einen feinen Tablettencocktail bestehend aus Antiemetikum, Analgetikum, einem Appetitanreger und wat weeß icke.

 

Zum Glück zeigt sich meine eigene  Gesundheit gerade robuster als die des Hundes. Gestern noch verschnieft und fiebrig erwacht, bin ich heute schon wieder auf der Siegesstraße und nur vereinzelte Niessalven erinnern noch an den quasi überstandenen Infekt. Allein die Tigerkatze, das überaus sensible und feinfühlige Geschöpf, leidet noch unter meiner Erkältung. Mein Niesen quält sie, es tut ihr weh, es gefällt ihr nicht, es beleidigt und belästigt sie und sie kann nicht aufhören zu meckern und schnattern, zu zetern und zu schimpfen und das Gesicht zu verziehen, selbst im tiefsten Schlaf, wenn sie mich niesen hört.
Manchmal weiss ich kaum, wie ich zwischen meinen wiederkehrenden Niessalven noch mein lauthalses und entzücktes Lachen über ihre grenzenlose Empörung unterbringen soll.

 

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Epilog:

 

Als ich aus der Klinik zurück bin, mache ich einen nachmittäglichen Spaziergang um den Platz. Ein dünner Mann mit langen Haaren kommt mir entgegen und fragt mich, ob er mal telefonieren könne. Die Gasttöle, eine revierbewusstes Tier bellt ihn augenblicklich an und ich ermahne den Hund mit den Worten: Wenn du nur pöbeln kannst! Geh weiter!
Das verstehe ich jetzt nicht, sagt der dünne Mann und geht weiter zu dem nächsten Passanten. Doch auch dieser schickt ihn fort.

 

 

 

 

 

 

 

 

unbegrifflich

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Wie Kiesel liegen wir in einem Bett, voneinander und durch das Leben glattgerieben und

müde schaust du mit dem Blick des Vierjährigen, der das Löwenbaby umarmen darf oder soll und seine ratlose und unbeteiligte Hand auf dem warmen Fell abgelegt hat und nicht weiß welche Mine die passende ist oder sein könnte und was von ihm, also von dir, erwartet wird.

Erst später im Leben fängt das an mit der Gesichtsgymnastik, dem erwartungsgemäßen Minenspiel, dem Grimassieren, dem Handeln in Richtung Applaus. (Bis heute liegt Dir dieser Conveniencefressezirkus nicht. Stoneface passt immer).
Noch später sitzt es sich vollkommen entspannt irgendwo, mit relaxten Zügen und möglicherweise hängenden Mundwinkeln oder auch lächelnd, auf eine altersweise Art selbstvergessen. Der Wettbewerb ist vorbei, man ist kein Bauchfrei-Babe mehr, war es ohnehin niemals, das Schielen auf Außenwirkung ist weniger geworden und so lässt es sich unaufgeregt und außer Konkurrenz auf die Vorbeidefilierenden schauen, deren Lebens- und Konsumwelten so gar nichts mehr mit unserer Welt der nicht käuflichen Freuden zu tun haben.

Unbegreiflich und unbegrifflich.

 

 

Lang ist es her, dass ich an Sonntagen frühstücken ging, das Haar verfilzt von nächtlicher Begegnung. Kaiserschmarrn mit Pflaumenkompott und tiefe Blicke und Lächeln über den Tassenrand hinweg und später Rückkehr auf die klammen Laken.

 

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Der Kanzler benutzte eine Spaltlampe, doch alles blieb intakt dabei.

Weisses Tageslicht mochte und mag er weniger als abendlichwarmes Kunstlicht. Beim Deutschaufsatz wurde er für diese niedergeschriebene Vorliebe gelobt. Ein Erfolg von dem er bis heute erzählt, denn der Zuspruch des allwissenden Lehrers dient ihm noch immer als Beleg für die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit seiner Weltsicht: Sonnenlicht taugt nicht. Hinter einem theaterroten, bodentiefen Samtvorhang verbringt er seine osramhellen Tage.

Auch das Dosieren hat der Kanzler mich gelehrt und nur sehr mühsam habe ich es geschafft, die Große Regel wieder zu verlernen: viel hilft viel.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, westpark, affe
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Dem Hund ist übel und ich versuche Medikamente, Futter und Wasser in sie hinein zu bekommen und die Stimmung hoch zu halten. Das allein wäre tagfüllend, wäre da nicht noch dieses andere Leben.

Rückfall

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Als ich am Morgen erwache, sitzt der Hund schlotternd vor dem Bett. Mit fliegenden Fahnen bringe ich sie in die Klinik ans andere Ende der Stadt.

Stunde um Stunde warte ich im Flutlicht des Infusionsraums, zusammen mit einer Gruppe lebenslustiger Neuköllner um die Vierzig. Swingerclub, denke ich und versuche, nicht hinzuhören. Ganz langsam tropft die Lösung in Tölchens Venen. Sie krümmt sich und zuckt und hechelt vor Schmerzen.
An der Außenfassade der Kleintierklinik steht ein Trupp osteuropäischer Arbeiter mit Hochdruckreinigern. Während das Gebäude ringsum eingenebelt wird, steigt drinnen die Luftfeuchtigkeit ins Unerträgliche und im Dämmerlicht des Röntgenflurs wird mir schwarz vor Augen.
Am Abend trage ich den völlig benommenen und mit Morphin ruhig gestellten Hund zum Auto und bringe sie nach Hause in ihr Körbchen.

Sie hat eine Bauchspeicheldrüsenentzündung und Anämie.
Mir ist zum Heulen zumute.

 

 

 

 

 

Bild: Markus Jaschke, My boys love the morning light, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Laub

 

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Spricht jemand einen Satz mit erweitertem Infinitiv setze ich im Geiste das dazugehörige Komma und verliere dadurch oft den Faden. Um mein Versäumnis aufzuholen, stelle ich unauffällige Fragen und ziehe zur Tarnung die Stirn in kritische Falten.
Beim nächsten erweiterten Infinitiv passiert das Gleiche (das Allerselbe, wie Freundin S. zu sagen pflegte) und ich hinke dem Fortgang der Erzählung wieder hinterher. Vergeblichkeit als Lebensthema.

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Die bunten Blätter segeln von den Bäumen und man möchte sich hinlegen, sich unter ihnen wärmen und dem leisen Rascheln lauschen, wenn der Wind sie Schicht für Schicht auf den Körper legt.

Einmal ist ein Mann mit mir von der Landstraße herunter und tief in den Wald hinein gefahren. Dort zerrte er mich aus dem Wagen (aus meinem) und ließ mich, an Händen und Füßen gefesselt, zurück. Mitten in der Nacht und fernab der nächsten Stadt. Ich lag rücklings im Laub, horchte dem sich entfernenden Motor nach und fürchtete mich vor angriffslutigen Wildschweinen und zufällig vorbei irrenden Mördern. Noch größere Angst aber hatte ich davor, dass der Mann zurück kommen und seine Rage sich inzwischen ins Unermessliche gesteigert haben könnte. Mein Auto, schien mir als Preis vergleichsweise günstig zu sein.

Ist gut ausgegangen.

 

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Ich bin viel besser drauf, als dieser Text vermuten lassen könnte.
Dank Onkel Maike habe ich nämlich jetzt ein Reiseziel für das kommende Frühjahr im Kopf: die Kirche St. Joseph in Le Havre.
Pläne zu haben, gibt mir das Gefühl, unverwundbar zu sein.

Gichtkröten (Arbeitstitel)

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Vorschlafen geht angeblich nicht und nachschlafen sowieso nicht. Bin ich halt verloren in nicht verrechenbarem Schlafmangel und Schlafüberschuss, auch wenn´s mir selbst nicht so vorkommt.

Für die Gutachter soll ich jetzt selbst was zusammenschreiben, insbesondere den Unterschied zwischen meiner Erkrankung und einer anderen herausarbeiten und darlegen warum es mir folglich schlechter geht als anderen kranken Menschelein, und warum deswegen meine Behandlung halt mehr kostet als ein passagerer grippaler Infekt, zum Beispiel.
Pfft, sage ich und lege los, allerdings muss wer mir, als medizinischem Laien, solche Aufgaben überträgt, damit rechnen, dass ich hanebüchene Behauptungen über die Fremderkrankung und Seemannsgarn über die eigene in die Welt setzen werde.

Voller Tatendrang und einem inneren, schiefen Lächeln, das meine ironische Grundhaltung zum Ausdruck bringen sollte, habe ich mich gestern, an meinem freien Nachmittag, hingesetzt und ganz von vorne angefangen, mit jener Stunde, in der meine Mutter sich beim Nähen in den Finger stach und ein Blutstropfen in den Schnee fiel und wie im Frühjahr das Eis schmolz und darunter Scherben zum Vorschein kamen auf denen ich mir die Füße blutig lief, und wie ich vor lauter Liebe all die Jahre über mein unnennbares Leiden schwieg.

Herausgekommen ist eine Erzählung wie jene, die wir einmal für die Versicherung verfassten, als wir schildern sollten, wie es zu dem Treppensturz mit Gehirnerschütterung kommen konnte. Damals waren es die Hände, die viel zu schwachen Hände und Handgelenke, die angesichts des hohen Alkoholpegels und der Physik, a.k.a as Hebelwirkung, den Dienst versagten und für das harte rückwärtige Aufschlagen mit dem Schädel auf einer Marmorstufe sorgten. Ob die Versicherung des Gastgebers letztlich gezahlt hat, weiß ich nicht mehr. Aber wieso sollte sie? Geht es doch auch immer irgendwie um die Schuldfrage und die lag ganz klar bei Herrn Tuborg und Herrn Binding und unserer schlaflosen Jugend und ganz gewiss nicht bei der Allianz.

Was meinen aktuellen, noch zu überarbeitenden, Bericht anbelangt kann ich eines beschwören: ich bin völlig schuldlos krank. Wenn´s jemand war, dann die Gebrüder Grimm.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Horizont, dmytrok
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

us could not be

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No tengas miedo, sagt der Mann und drückt von hinten meine Schulter. Ich drehe mich um, doch er schaut an mir vorbei nach vorne. No tengas miedo, wiederholt er leise. Wir sind im Landeanflug auf Barcelona und ich habe keine Angst.

Unten wird D. mich erwarten, wir werden eine traurige Woche miteinander verbringen, er wird sich den Bart abrasieren und tiefe, ungeahnte Puppenfalten werden zu Tage treten. Wir werden in einem hell beleuchteten koreanischen Lokal essen und er wird mir erklären warum es kein Zufall ist, dass es keine weiblichen Philosophen gibt. Frauen können nicht denken wie Männer. Nachts wird er mich wecken und mir Vorwürfe machen und am Ende unserer gemeinsamen Zeit werde ich in der Duty-Free-Zone des Flughafens verschwinden und er wird seine Hände an die Glasscheibe legen und einen gellenden Schrei ausstoßen.

Danach werden wir uns nur noch ein Mal sprechen, um uns zu sagen was wir schon wissen: Us can not be.

Ein ganzes Jahr werde ich krank auf dem Ofen liegen, Sonnenblumenkerne spalten und die Kleider werden mir von den Knochen rutschen.

Ich denke oft an ihn in den letzten Tagen.
Katalonien versucht den Weg in die Unabhängigkeit zu gehen.

 

 

 

 

 

 

(Heute ist mein drittter Geburtstag. Darüber freue ich mich sehr!)

 

Bild: gent a la barceloneta, flickr, dani alvarez
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Licht

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Trockenes Herbstlaub kreiselt über den sonnengetupften Boden im zweiten Hinterhof. Ein Windstoß schiebt die Blätter über den rissigen Beton. Ihr leises Kratzen gesellt sich zu dem hellen Wispern und Rascheln der alten Hofbäume. Der Bekannte rollt sich eine Zigarette und blickt ernst. Ich atme tief ein.

Die Kasse wird täglich geleert.

Aus dem dritten Hinterhof nähern sich Schritte und im Durchgang taucht ein kräftiger Rumpf mit langen Beinen und Minirock auf, der Kopf bleibt im Schatten verborgen. Wollen Sie zu mir? ruft eine Stimme. Ich weiß nicht, antworte ich. Ich bin der Anwalt oder die Anwältin, wie sie möchten, sagt die Stimme jetzt. Der Bekannte tritt seine Zigarette aus und nickt, wir setzen uns in Bewegung.

Als wir bald darauf im Büro sitzen, schlägt der Anwalt die Beine übereinander, lehnt sich zurück und heftet, während ich meinen Fall darlege, den Blick interessiert auf den Bekannten. Beide sind etwa ein Alter und tragen die gleiche, graumelierte Frisur. Rasch ist der Sachverhalt geschildert, die Problematik dargelegt und wir besprechen das weitere Vorgehen. Der Bekannte nickt, hakt nach und macht Notizen, der Anwalt greift sich ins glänzende Haar und erzählt von einem ähnlich gelagerten Fall und den Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt.
Für einen Moment lässt meine Konzentration nach und ich blicke aus dem deckenhohen Fenster. Der Himmel ist tiefblau und vis-à-vis reckt sich ein silbrigglänzender Schacht, ein metallverkleideter Turm ins gleißende Sonnenlicht.
Was ist das für ein Turm? unterbreche ich die beiden. Der Anwalt dreht sich um und zuckt mit den Schultern. Das würde man im dritten Hinterhof nicht erwarten. Schön. So surreal, sage ich.
Das stimmt, anworte
t die Anwältin und fährt nach einem kurzen Räuspern mit ihren Ausführungen fort.

Später spazieren wir durch den nachhaltig gentrifizierten Dieffenbachkiez. Goldenes Laub trudelt von den Bäumen herab auf die breiten Gehwege.  Über die nur mäßig besuchte Admiralbrücke schlendern wir zurück nach Kreuzberg Süd-Ost. Gegenüber der früheren Parteizentrale der KPD/RZ bleibe ich stehen und mache ein Foto. Bei der Sanduhr-Skulptur ein Stück weiter denke ich wie immer an meine tote Freundin und an jenen Dezembertag, als die Untröstliche von der Decke baumelte. Doch ich erinnere mich auch an jenen Abend im Mai, als der Unterfranke mich hier zum ersten Mal küsste.

Nur hundert Meter weiter brandet uns der Lärm, der Schmutz, der Taubenkot und das ganze Elend des Kottbusser Tors entgegen. Unter der ratternden Hochbahn hindurch und vorbei an den Säufern, den Junkies, den Hunden und den anderen Desperados nehmen wir den Weg über das ruhige Ende der Dresdener Straße in Richtung Oranienplatz, wo nach langer Sanierung das Hotel Orania seine Pforten geöffnet hat und das Suiten zum Preis von einem Hartz 4 Regelsatz inklusive Kosten der Unterkunft die Nacht anbietet. Ein Weißhemd-Gorilla steht vor dem Seiteneingang und scannt die Passanten. Die skateboradfahrende Bulldogge weckt sein Interesse. Zusammen mit seinem zerlumpten Herrchen und einem hageren Mann in zerbeulter Uniform mit schiefem Zylinder, der sich unter dem Gewicht eines großen, klimpernden Lüsters beugt, überquert das Tier den Platz. Die geschliffenen Glastropfen des Leuchters flimmern im Sonnenlicht, ihr Klirren ist noch zu hören, als die drei schon um die Häuserecke gebogen sind.

Wie lange wird das hier noch so aussehen, frage ich mich. Man munkelt die Obdachlosen würden seit der Eröffnung des noblen Hotels nachts von ihren Schlafplätzen vertrieben.

Es ist Nachmittag, die Sonne steht tief im Westen und nach einem Abstecher zum von Kindern und Müttern belagerten Chocolatier sitzen wir auf einer Bank und schauen auf das Treiben am Platz.
Schweigend hängen wir unseren Gedanken nach, nippen am Cappuccino, essen Kalten Hund  und verdrehen vor süßfettiger Verzückung die Augen, bis nach einer langen Weile der Bekannte schließlich aufsteht, mir über den Kopf streicht und sich nach Hause verabschiedet.

Einige Minuten noch bleibe ich auf meiner Sonnenbank sitzen, blinzele ins Gegenlicht, atme die milde Herbstduft und lausche den friedlichen Klängen um mich herum.
Dann stehe ich auf und gehe unter der Waldemarbrücke hindurch in den Grünzug des luisenstädtischen Kanals.
Auf dem silbrigen Wasserspiegel des Engelbeckens schaukeln Enten und Schwäne, die Schildkröten sonnen sich vor ihrem Häuschen.
Dahinter erhebt sich rot die St. Michael Kirche im Licht.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Monoru Karamatsu, Zoo, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Ave

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Ave

Im Eingangsbereich eine Collage mit Babyfotos, über der Anmeldung ein großer Venusspiegel aus neonpinkem Plexiglas, im Wartezimmer ein von Kinderhand gemaltes, blaues Wasserfarbenpferd, das mit gespitzten Ohren aus seinem Rahmen und auf den Tisch mit den Zeitschriften blickt, in der Ecke die hölzerne Skulptur einer afrikanischen Liegendgebärenden und um mich herum schwangere Frauen in schwarzen Leggings, schwarzen Pullovern, schwarzen Ankleboots und einem unstillbaren Kollektivbrand, den sie unermüdlich am kostenfreien Wasserspender zu löschen versuchen. Früher war weniger Durst.

Die Ärztin ist soweit zufrieden und überweist mich zur Allgemeinmedizinerin. Vielleicht weiß die warum. Doch inzwischen will ich´s schon gar nicht mehr wissen. Was von selbst kommt, geht auch von alleine wieder und erfahrungsgemäß expediert mich jede Konsultation bloß weiter in Richtung Abgrund. Einfach mal  Vertrauen haben.

 

 

Der gute Unterfranke überlegt auszuwandern und ich halte den Kopf über Wasser beim Schwimmen, Rückengraulen war mir immer schon lieber, bis ans Ende der Erdscheibe und dann Überschlag. Der Unterfranke hingegen möchte das hansavirusverseuchte Wohnmobil für seinen Ausstieg nutzen. Fifty ways to leave your beloved ones.

 

Ob ich anfangen sollte, die Haare zu färben, frage ich mich in einem Anflug von Wandlungswunsch und Eitelkeit, oder doch besser mal wieder die Wohnung streichen, vielleicht sogar mit Kalkfarbe, wie die Bauern die Kuhställe, damit der Schimmel keine Chance mehr hat. Stattdessen entscheide mich für eine neue Hülle zum neuen Handy vom Regenwaldvernichter (das Alte hat der Hund zerstört) transparent, mit extra verstärkten Kanten, zur Sicherheit. Aus China kommt sie und die Rothaarige mahnt mich mit großen Augen, sie vor Gebrauch auf dem Fensterbrett auslüften zu lassen.

In Texas sieht das alles ganz anders aus. Da reichen die saftigen Rinderherden bis zum Horizont und ihr Dung stinkt Meilen gegen den Wind. Doch niemand käme auf die Idee, seine Handelswaren mit diesem Odeur zu behaften, um sie unverwechselbar und auslüftungspflichtig zu machen. Die Formel für die Huftiere ist einfach: Kühe werden entweder gegessen oder therapieunterstützend umarmt, den Wenigsten ist es vergönnt, geliebt zu werden. Leider ist eine der seltenen Begünstigten, die eselsgroße Minikuh Natascha (du sein ein naß-tasch, ein naß-tasch, darin ich stecken mit meinen handen) inzwischen verstorben. Von der Mutter als Zwillingskalb verstoßen und mit der Flasche aufgezogen, war sie ihr Leben lang den Menschen zugeneigt und sie starb innig geliebt im Kreise ihrer Freunde. Ach, gäbe es doch klitzekleine Mikrokühe, denke ich, ich ließe sie allesamt auf meinen Fensterbankmoosfeldern grasen und beim anschließenden Wiederkäuen aus dem Fenster, auf die sich bunt färbende Welt voller Regentropfen, in denen der weite Himmel sich spiegelt, blicken  Doch immerhin gehören statt einer Kuh und tausend Mikrokühen jetzt zwei Schwarzkopfschafe zur Familie, das Dritte  wurde leider geschlachtet, die beiden verbliebenen sollen nun die Urmütter einer großen Zukunftsherde werden und ein lustiges Leben in Flausch und Plausch führen dürfen. Mimi und Elfie, nenne ich sie und auch ihren Lämmchen werde ich Namen geben mit denen wir sie herbeirufen können, um sie zu füttern, oder ihre schwarzen Köpfe zu kraulen.

Bald, so las ich zu meiner großen Freude, wird es laborgezüchtetes Fleisch und Fisch ganz ohne Tierleid und erschwinglich für jedermann geben. Vielleicht finde dann sogar ich Gefallen am Zermalmen tierischer Zellverbände und dem anschließenden Herunterschlucken des faserigen Blut- Fett- Eiweiß- und Speichelkonglomerats.

Ave.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: https://www.flickr.com/photos/diadainconsupertrafra/33831656235/in/faves-139247418@N03/
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