Ay, candela!

 

8441431831_151df1fd58_z

Er ist mega das Arschloch, erzählte demletzt Jemand über einen Freund, denn Bekannte gibt es seit Facebook nicht mehr. Heute sind selbst mega die Arschlöcher Freunde und das macht uns alle irgendwie zu Gleichen unter Verschiedenen.
Ein bekannter deutscher Musiker hatte sogar soviele Freunde auf Facebook, dass er einen Zweitaccount eröffnen musste, weil sonst der Zähler geplatzt wäre. So zumindest stellt das Pferdemädchen sich die Welt vor :wenn, was auch immer, zuviel wird, platzt es; selbst der Wasserhahn, im Falle, dass er zu weit nach links oder rechts gedreht wird, um das Waschbecken besser reinigen zu können. Eine im Eisfach geplatzte Bierflasche lässt das Pferdemädchen wissend nicken.

 

Ich sitze im Garten auf der quietschenden Schaukel, die Meisen zirpen und hellgrün knospt die Birke. Gegenüber schaut der alte Herr W. im Feinripp aus dem Haus, ein Fenster weiter hält seine Frau ihr ledrig gebräuntes Gesicht in die Frühlingssonne. Ihre gewaltigen Brüste im damals schon längst unmodischen Spitz-BH erscheinen mir unziemlich und ich schließe die Augen.

 

Manchmal denke ich, das größte für meine Muter wäre es gewesen, meinen Tod mitzuerleben, mich coram publico betrauern und jede Menge Mitgefühl und Aufmerksamkeit dafür einheimsen zu können. Als bekannt wurde, dass ich krank bin, sehr krank, lebensverändernd und tödlich krank, hörte ich eines Tages, wie sie beim Gartenwässern dem Nachbarn im Plauderton von ihrem schlimmen Kummer berichtete, den sie mir gegenüber allerdings außerordentlich gut zu verbergen, ja zur Perfektion zu überspielen wusste, dass man beinahe hätte meinen können – aber lesen Sie selbst die inzwischen über 1000 Folgen umfassende Beichte eines ganz und gar katastrophalen Lebens. Vielleicht wird sie eines Tages zum Kassenschlager, wie man früher zu sagen pflegte.

Der Zahnarzt meiner Mutter fertigte übrigens im Laufe einer Behandlung in seiner schicken, verchromten Westendpraxis zahlreiche Fotos von ihr an.
Während sie annahm, er interessiere sich für ihre Zähne und (um ihm zu gefallen) den Mund noch weiter aufriss, ging es ihm allein um ihr sagenhaftes Augenmakeup, das er für die Nachwelt oder für sein Privatvergnügen bewahren wollte.
Die Zahnarztfrau, so erzählte mir der Kanzler eines Tages, habe sich ihrem Mann, dem ausgesprochenen Ästheten zuliebe mit Ende dreißig das Gesicht liften lassen.
Sie sah aber auch wirklich verlebt aus, schloss der Kanzler die Erzählung.

 

Schade übrigens, dass mir niemand was in den Spamordner legt. Ich bin zum Löschen bereit.

 

 

 

 

 

Bild:  MitchellShapiroPhotography Diva flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Cargo

7846663620_3630699f03_k

Auf feuchten Schwingen zieht von Westen der Frühling heran und in meinem Kopf tippen zwei Katzen einander ins Gesicht. Die eine knurrt zur Warnung, die andere legt die Ohren an. Gleich wird es zur Eskalation kommen.

Der Mann erzählt von seinem Leben, dem Beruf, der Frau, den Kindern und streckt mir seine Hand entgegen, derweil die jüngere Katze zum Angriff übergeht. Lichtbläschen perlen an den Innenwänden meines Glases entlang. Miteinander verbunden ergeben sie kleine Sternbilder oder asymmetrische Rauten.

Das Wort Scheinheiligkeit kommt mir in den Sinn und ich muss lächeln. Als wäre heilig sein nicht an sich schon Schein und der Schein der Heiligen sowieso. Erleichtert und schüchtern zugleich lächelt der Mann zurück. Ich wende mich ab.

Durch die Nachmittagssonne schweben winzige Flusen und landen auf dem Tisch. Ein überflüssiges Detail das mich an eine Geschichte erinnert bei der die Leserschaft bis zum Schluß im Unklaren über die Bedeutung einer zu Beginn der Erzählung erwähnten aschblonden Perücke blieb. Eine Nachlässigkeit der Autorin, möglicherweise auch eine sadistische Anwandlung, ähnlich jener, die mich als Jugendliche in das Zimmer meiner Schwester schleichen und mich dort aus Rach- oder Vergeltungssucht die letzten Seiten ihrer aktuellen Lektüre heraus reißen ließ.
Es wäre ein Leichtes die Perückengeschichte, deren Urheberin ich selbst bin, zu Ende zu erzählen, doch ich sage: Ein andermal, und der Mann nickt.
Unterdessen haben die Katzen ihren Streit vertagt und liegen zusammengerollt Rücken an Rücken. Nur die nach hinten gedrehten Ohren verraten ihre konzentrierte Wachsamkeit.

//

Vor vielen Jahren, es war in der Bretagne, flog ein Schwarm Marienkäfer aus dem Himmelsblau auf uns zu. Wir versuchten, uns die Tiere vom Leib zu halten, doch es waren viele und immer neue kamen hinzu. In unserer Verzweiflung, oder war es Ekel?, schaufelten wir so schnell wir konnten ein Loch, schnickten, schleuderten und traten die Käfer hinein und warfen Sand auf sie. Doch weitere Käfer landeten und krabbelten über unsere Körper und während wir versuchten, sie abzuwehren, krochen die vergrabenen Artgenossen bereits wieder aus ihrer Gruft hervor und so blieb uns nur die Flucht in den eiskalten Atlantik.

 

 

 

 

 

 

Bild: manuelsvay cargo flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Die Höfe der Wende (II)

Es ist Ende der Neunziger und wir sind jung, als wir am Abend im Hexenhaus eintreffen und im sommerlich überwucherten Hofgarten am Rotwein nippen, den nur mit Mühe ich hinunterbekomme, doch das Bier ist längst aus und unser Durst nicht gestillt.

In kleinen Grüppchen oder paarweise lagern wir, hören Musik und lachen leise, schauen uns in die Augen (deine Wimpern) und streichen flüsternd uns die Haare aus den lächelnden Gesichtern. Langsam wandern meine Finger deine goldbeflaumten Arme entlang, stehlen sich in die heimliche Öffnung deines Hemdes (dein Schaudern) über die gebräunten Schultern deine Nackenlinie hinauf; aus Wachs geformt deine makellosen Ohren.

Am Schlüsselbein vorbei gleitet meine Hand. Du atmest mir entgegen.
Ineinandergegossen liegen wir, das Gras kniehoch.

 

Schusters Rappen

2991326953_96867f2d8b

Ich muss Sie jetzt belehren sagt die Kontrollette und ich sage ne, lassen se mal und frage wieviel?
Weder bin ich „schwarz“ gefahren, sage ich, noch bin ich „blinder Passagier“. Den Fahrausweis hab ich trotzdem nicht mehr gefunden, auch später nicht. Dabei waren wir fast schon in Nikolassee wo die Oma der Bekannten lebt, die mit 94 ein neues Hüftgelenk und kurz darauf neue Herzklappen bekommen hat, den Blick immer nach vorn gerichtet, ganz gleich wie nah die Wand schon sein mochte. Find ich gut. Der Todespfleger Niels H. indes soll sich über eines seiner Opfer prämortal abfällig geäußert haben, weil diesem mit beinahe 80 ein neuer Hüftkopf implantiert worden war, angesichts des Alters unnötige Kosten, befand H. und am nächsten Tag war der kerngesunde Patient tot.

Ich zücke also das Portemonnaie und überreiche der Dame wortlos die Scheine, nicht ohne innerlich ein wenig in die Kniee zu sacken, nach außen hin selbstverständlich Haltung bewahrend, Ehrensache.

Wenn ich etwas nicht mag, ist es, mich nach Ansage belehren zu lassen, und schon gerade nicht von einer berufsmäßigen Denunziantin. Ich weiß ich weiß irgendwer muss den Job ja machen von irgendwas müssen sie ja leben und die Blockwartstellen sind noch nicht wieder neu ausgeschrieben. Solange müssen sie sich eben mit Kontrolleur- und Ordnungsamtjobs über Wasser halten, jeder entsprechend seiner Neigung und seinen Fähigkeiten. Privat ziehen sie sich gelbe Westen über, schreiben hasserfüllte Bewertungen auf amazon und sehen ihre Zeit kommen, denn alles was geschieht oder überhaupt nur existiert ist Öl auf die Flammen ihrer Verachtung und Wut.

Ausgestiegen sind wir und mit den Hunden am falschen, am ungeplanten Wasserlauf entlang spaziert. Schön war es trotzdem und auf dem Heimweg hatte ich kein Geld mehr für ein Ticket. Neben mir ein Mann mit Tuba und ich dachte Walkürenritt, tatatatataaa tatatatataaa und stieg sicherheitshalber schon Friedrichstraße aus. Nur noch 45 Minuten auf Schusters Rappen.

 

 

 

 

 

Bild: bmfoto P1100178-k flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Rezept

Rezept

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreisse deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Mascha Kaleko

Messy life in tidy boxes

Lügen, denke ich, als ich die Nachricht lese, sind ja an sich eine ganz okaye Sache solange sie im Rahmen bleiben, sich auf das Notwendigste beschränken oder den Unterhaltungswert einer Räuberpistole nicht unterschreiten. Lahme Lügen gefolgt von Beteuerungen indes sind, sofern nicht Angst, Schadensbegrenzung, Aufschneidertum oder Gefahrenabwehr der Motor waren, nichts anderes als Verrat und Vertrauensbruch.
Wer würde erwarten können, dass eine wie auch immer geartete Beziehung einen solchen Betrug (unbeschadet) übersteht. Niemand.

Niemand ist in den Brunnen gefallen, Keiner hat es gesehen.

Vorzeitig

Der Handwerker kommt, zunftüblich, früher als vereinbart, dafür aber mit leeren Händen. Wie auch nicht. Wenn´s nicht so wär, wär´s nicht mein Leben und ich nicht mal mehr meine leibeseigene Statistin, denn auch die ist immerhin und immer sie selbst in der jeweils ihr meinerseits zugedachten Rolle.

Also: achselzuckend und mit expressiv zerknirschtem Gesichtsausdruck betritt der vorzeitige Handwerker meine Wohnung (Nachtigall!), hat weder Werkzeug noch Kollege dabei, und will nur nochmal eben schnell die Nischen für die neuen Heizkörper in Augenschein nehmen (lassense sich durch mich nich störn) um gleich darauf festzustellen was er vor dem Betreten der Bude bereits wusste: der Großhändler hat die falschen Heizkörpa jeliefert und ne, dit passt nich und es nützt ja auch nichts wenn wir die jezze einbaun, passen ja nich, wär nur Murks, zurück geben könne man sie dann ooch nicht mehr. Wo er Recht hat.

Gut, dass wir nochmal gesprochen haben, sagt er schließlich, um dem ganzen Elend noch eine gute Wendung zu geben, denn die letzte Info sei ja gewesen, dass die alten Heizkörper dranne bleiben und zusätzlich neue einbaut werden. Aber nein, antworte ich, in einer Wohnung mit über 30 qm Fensterfläche, 10 qm Türen, Winkeln, Nischen und runden Ecken ist kein Platz für eine zweite Garnitur Heizkörper, insbesondere dann, wenn diese nicht funktionieren.

Ist klar, sagt der Mann und nickt verständnisvoll, dann gehen wir das Ganze einfach nochmal von vorne an. Nur wann, das weiß er leider nicht. Handwerkermangel, Auftragsschwemme, Winter, Sie verstehen.
Aber ja, antworte ich, so gleichmütig ich kann, dann melden Sie sich einfach bei mir, sobald die richtigen Heizkörper eingetroffen sind und sich ein passendes Zeitfenster bei Ihnen öffnet.

Als wir an der Tür stehen und Tölchen freundlich zum Abschied wedelt, erzählt der Installateur mir noch schnell von seinem Jack-Russell-Terrier. Etwa so groß wie meine Katze sei der oder die. Aber eine ganz Liebe dafür. Wir Hundemenschen verstehen uns, zwinker, zwinker.

So schnell kann´s gehen, denke ich, als der Mann gegangen ist und ich die freigeräumten Flächen wieder in ihren gewohnten Zustand bringe. Aus -versicht wird Sekundenschnelle Verzicht, aber was soll´s, ist ja eh bald Frühling und wer kräht dann noch einer intakten Heizung.

Everything is temporary, auch der Winter, und wer zwei Jahre warten kann, hat auch genug Sitzfleisch für das dritte Jahr.

 

//

Zur Kenntnisnahme:

Neben Wir sind Helden und ihrem quietschvergnügten Smashhit Amélie, den ich heute im fensterlosen Bad auf Antenne Brandenburg  Flux Fm hören musste, missfällt mir außerdem das Wort Fuckfinger, die Geste Fuckfinger und das Eis Flutschfinger.