Ich sehe mich in einer weitläufigen Altbauwohnung am Frühstückstisch sitzen, Cappucino trinken und in einen romantisch verwilderten Garten blicken. Eine Art Kaftan, türkisblau mit üppig purpurnen Pfingstrosen, umschmeichelt meinen ausgeschlafenen Körper, das Haar trage ich hochgesteckt und wippe, die Beine übereinandergeschlagen, mit dem Fuß zu Rúben González, dessen Klaviermusik den Raum füllt, wie nur Klaviermusik es vermag. Eine Kuppel aus Licht und Klang.

Später liege ich in der Badewanne. Über mir das Gaubenfenster. Tiefblauer Frühlingshimmel. Wolken ziehen vorbei und lösen sich auf. Vor dem Haus fährt mein Vater mit seinem Dreirädchen durch die Aprilpfützen. Die zwei Schwestern singen.
Bald werden sie nach Berlin gehen. Die Gundel als Kammersängerin, Inge als Apothekerin.

Jahrzehnte später führt mich die Verbindung zwischen der Apothekerin und dem Pfarrer ins Mutterhaus, wo ich mit den grau gewandeten Frauen bei Tische sitze und den Löffel in der Hand auf meinem Kinderstuhl einnicke.
Die bitteren Tabletten zerteilen und verstecken die Schwestern im Kartoffelbrei. Mit einem Geschicklichkeitsspiel, bei dem ich kleine Plastikäffchen am Schwanz ineinanderhakeln muss, bis keiner mehr in dem Eimerchen liegt, versuchen sie, mich zu heilen. Ich falle in einen tiefen Schlaf. Als ich wieder gesund bin, ziehen sie mir einen hellblauen Pullover an und bringen mich nach Hause.

Auf allem steht gestern. Speckige Post-its, flatternde Tüten im kahlen Geäst.
Die von mir ins Leben gerufene Halogengruppe hat sich aufgelöst. Mehr Licht: die ersten Schneeglöckchen und ein einzelner Krokus blühen im privaten Lusamgärtchen.
Schreiben ödet mich, weil meine Schreibe mich ödet. Der immergleiche Sound mit der streberhaften Selbstgefälligkeit, dem Kennichweißichwarichschon-Gehabe.

Die Beisetzung ist morgen und aus verschiedenen Gründen werde ich nicht dabei sein können.
Einer davon ist meine Lunge.

Der Kanzler klingt besser.
Ende des Monats veranstaltet die Schwester seines guten Freundes eine Abschiedsfeier für den inzwischen tief in der Welt des Vergessens Beheimateten. Wie traurig das für den Kanzler sein muss.


Am Telefon erzählt er, er suche nach einer Alternative zum Christentum und habe sich daher der Wahrhaftigkeit zugewandt, die sich bereits in der Eindeutigkeit von Formulierungen zeige. Unmissverständlichkeit als oberstes Prinzip. Zum wiederholten Mal legt er mir eine Schrfit von Lafontaine ans Herz. ich lehne ab: keine Zeit.

Wenn er noch einen Wunsch frei hätte im Leben, sagt der Kanzler auf einmal , möchte er, dass mein Bruder und ich wieder zueinander finden.

Leider sei mein Bruder total verbittert. Denn trotz oder gerade wegen seiner politischen Scharfsicht fühle er sich zunehmend isoliert und verzweifele an der Welt. (Auf Nachfragen stellt sich heraus, dass mein Bruder im politischen Spektrum der Querdenker, Coronaleugner und der AfD zuhause ist. Nun.)






Hiobs Tulpen

Die Frau an der Kasse trägt einen weiten, mit schimmernden Lurexfäden durchwirkten Pullover. Über der Brust steht in Großbuchstaben Happy.

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Die nach 1990 Geborenen kennen den Nutzen von Probiotika. Dass Wokilein jetzt damit versorgt werden muss wundert nur die älteren Jahrgänge.

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Im kleinen Waldgärtchen der Nachbarn schiebt sich das erste Krokusgrün aus dem nassen Boden. Andächtig schweigend stehen wir beisammen und betrachten es.
Auf der Bank schläft eine Katze zusammengerollt in einem Karton.

Auch am Park wurden erste Tulpenblätter gesichtet.

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Das gleißende Januslicht, Vorbote des apokalyptischen Schmiedes.

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Die Tischlerin ruft an. Ihre Stimme klingt aufgeräumt.
Wie geht es dir, frage ich.
Gut.
Und deiner Mutter?
Auch gut. Sie ist Mittwoch gestorben.

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In der Nacht schlafe ich unruhig und erwache am Morgen mit hämmernden Kopfschmerzen und würgender Übelkeit, die mich den ganzen Tag nicht verlässt.

Der Kanzler ist am Telefon. Seit Tagen ist er in Sorge um seinen jüngeren Bruder, der sich bei einem Sturz das Genick gebrochen hatte.
Wie geht es dir, Papa?
Jetzt wieder gut. Heute Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich hatte rasende Kopfschmerzen und war völlig verzweifelt.
Heute Morgen ist D. gestorben.


(…)


Nun sind wir nur noch zwei Geschwister. Nein drei.

Unter Zuhilfenahme von Scheuklappen den Zuversichtsslalom fahren -um Klimakatastrophe, Krieg, Krankheit und Krebs herum. Hinter dem Zieltransparent leuchtet morgenhell die Zukunft.

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Die Wetter-App zeigt aktuell und wahrheitsgemäß Regen an und behauptet nur wenige Zeilen weiter, die Sichtweite betrüge derzeit 28 km.
(Es ist absolut klar)

7


Das Katzerl wird im Frühjahr 20. Nachts schreit sie und ich beruhige sie mit Blutdrucksenkern.
Mein Tölchen hat am 1.1. die 14-Jahres-Marke gerissen. Die Hälfte ihres Lebens ist sie nun krank. Niemand hätte gedacht, dass sie noch so lange bei mir bleiben würde.
Die Herzklappen des Besuchshundes schrumpfen ohne Halt. Inzwischen muss ich auch sie streckenweise tragen. Beim letzten Waldspaziergang war schon nach einer halben Stunde Schluss.
Wokilein pubertiert vor sich hin. Kommenden Sonntag jährt sich ihre Ankunft zum zweiten Mal. Wir werden diesen Tag mit Kuchen und ausnahmsweise ohne Elvis begehen. Mein bevorzugtes Genre derzeit ist französischer Indiepop.

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Auf dem Grundstück gegenüber begegne ich noch einmal dem Mittzwanziger, der sich mit beiden Händen in das Tor hängt und mir durch die Gitterstäbe seinen Namen nennt. Mutter tot, Hund tot, sagt er wie zur Erklärung, und ich antworte: Ich weiß jetzt wer du bist.
Getrieben von seiner unheilbaren Trauer dreht der Trostlose sich um. Im Davongehen ruft er Ich liebe dich, über seine Schulter.


Texte klammheimlich und schrittchenweise verändern. Hier und da ein Wort austauschen, Sätze löschen, Namen und Adjektive wechseln. Unbemerkt, Backstage. Schauplätze verändern, Denkmäler verrücken, Immobiles in Bewegung bringen und an neu ersonnenen Orten aufploppen lassen. Modulieren bis Sinn und Inhalt sich ins Gegenteil verkehren und mit ihnen die Kommentare der Leserinnenschaft.

Marilies

Du bist so possierlich, sage ich zu meinem wackligen und inzwischen vollkommen dementen Tölchen und denke ob der angestaubten Formulierung an Tante Marilies, die „alte Jungfer“, die mich immer ein wenig an Professor Bienlein erinnerte, und die in ihren späten Jahren Indien bereist und mit ihrem Interesse und ihrer Offenheit für andere Religionen, ihren Bruder, den Pfarrer, brüskiert und sich seine kiefermahlende Verachtung zugezogen hatte, nicht zuletzt deshalb, weil sie zeitlebens unverheiratet geblieben war.

Auch sie gehörte zur niedrigsten Kaste innerhalb unseres Familiensystems. Doch dieser nachgeburtliche Downgrade verschaffte ihr nicht allein den Gang durch das Tal der Verlassenheit, sondern auch die Freiheit derer, die tun und lassen können, was sie wollen, weil der Aufstieg in eine höhere Kaste per se ausgeschlossen und ein weiterer Abstieg nicht möglich ist.

Heute, viele Jahre nach ihrem Tod, würde ich ihr gerne all die Fragen stellen, die ich früher noch nicht hatte.

 

 

Wintersonnenwende und ich erinnere mich an den langen hellen Gang in Marburg.
Überhaupt so viele Bilder aus früheren Leben.
Ansonsten der ewig gleiche Katastrophentrott, allerdings (zumindest phasenweise) mit mehr Gelassenheit. So isses eben.