Andernorts

Beweisen, dass man kein Robot ist.

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Ich hab´s nicht geschafft und musste um ein neues Bild bitten.
Kennzeichnet nicht allein die Einsicht in mein Versagen mich schon als Nichtrobot?

 

 

(Wer hier auf richtige Texte wartet- das tue ich auch. Das Leben spielt derzeit anderswo seine schrägen Melodien. Die Vögel immerhin, sie zwitschern wieder)

Horizont

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Ehe sie sich vollends im Nebel des gnädigen Vergessens verlor (ich stelle mir ihren geistigen Verfall ein wenig vor, wie das stückweise Versinken in Treibsand) hat die Mutter offenbar noch alles daran gesetzt, einen Anwalt zu finden, der sie nach ihrem Ableben in einer Weise vertreten würde, wie es ihren Wünschen entsprach: giftig, ungehobelt und obendrein unaufrichtig. War meine Mutter Europameisterin der alternativen Fakten, lange ehe diese euphemistische Bezeichnung für dreiste Lügen in die Welt kam, so ist dieser Mann der Worldchampion. Beinahe.

Einen Pflichtteil zu errechnen ist eigentlich nicht schwierig, was ein Nachlassregister ist, ist ebenso klar definiert. Doch der Anwalt wiederholt immer nur: sie hatte sonst nix, ganz gleich ob es um die Eigentumswohnung, ihr Auto, das Konto und den restlichen Nachlass geht, bringt aber keinerlei Nachweise für seine Behauptungen. Alles hat sich in Luft aufgelöst. Seine Briefe an uns formuliert er unter Zuhilfenahme ironischer Anführungszeichen und schreibt Sachen wie:  Ihre „geliebte“ Mutter.
Der Spaß sei ihm gegönnt, es ändert freilich nichts an der Rechtslage und, um ehrlich zu sein, es tut halt doch weh, aber das soll es ja auch. Applaus, Applaus!

Wie lange ist sie nun schon tot? 8 Monate?
In der Muttertagsnacht ist sie entschlafen. Bald darauf fand ihre Beisetzung statt. Ohne uns, so hatte sie es verfügt. Und jetzt tragen ihre Geschwister, die Haupterben, das Staffelholz der Hartherzigkeit und Unversöhnlichkeit unbeirrt weiter. Alte Familientradition. Wie froh ich manchmal bin, keine Kinder zu haben.


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Wäre der Hund nicht so krank und ihre lebenserhaltende Behandlung so schweineteuer, verzichtete ich auf mein Erbe. Ich setzte mich einfach in ein Ruderboot, ganz alleine, und schaufelte mich nach Leibeskräften und mit großen, ausholenden Bewegungen gen Horizont, um ganz hinten, dort wo Himmel und Wasser miteinander verschmelzen, ein klitzekleines Loch ins riesige Blau zu schneiden und hindurch zu schlüpfen, auf die andere Seite.
So aber bleibe ich vorerst hier, hoffe, dass der Mist irgendwann ein gutes Ende nimmt und ich eine Sorge weniger habe.

Tölchen geht es derzeit übrigens sehr gut. Sie genießt ihre bevorzugte Behandlung und das Privileg eines  dauerhaft verdreckten Pelzes. Ich schone sie, wo ich kann und überschütte sie mit tüddeliger Zuneigung.
Habe ich schon mal erwähnt, dass ich diesen Hund überaus gerne habe?

 

 

 

Bild3: Rebecca Lai, flickr, P1100234, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/
Bild1: Petershagen, Skorpion Reichstag, flickr Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/

Publikumsbetörung & Samstagslinks

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Der Frühling naht!  (Foto: Annika)

(Wer keine Lust hat, sich durch meine Betrachtungen zu kämpfen, möge bitte gleich ans Ende dieses Textes scrollen und den Links folgen. Wir alle wollen gelesen werden. Dazu braucht es Lesende. Klicken Sie, es lohnt sich!)

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Manchmal stoße ich auf neue Blogs, die ich eine Weile voller Begeisterung lese, bis ich feststelle (oder den Eindruck habe), dass der Blogbetreiber sich, möglicherweise beeinflusst durch Klickzahlen oder Schmeicheleien des Kommentariats, nach und nach auf eine bestimmte Rolle kapriziert hat, in der er mehr und mehr versüßlicht und immer häufiger und immer verzückter von seiner eigenen Putzigkeit, Naivität und Herzensgutheit (meinetwegen auch Tougheit, Stärke und Souveränität) erzählt. Das ist schade und führt über kurz oder lang dazu, dass ich das Blog nicht mehr gerne lese. Ein bisschen erinnert mich das an Kinder, denen man zu häufig sagt, dass sie niedlich sind und die fortan ständig und penetrant das Niedlichsein spielen, mit Flunsch und Augenaufschlag und allem, was gut ankommt. Ihrer Umwelt bleibt dann  (natürlich übertrieben formuliert), nichts weiter als die Rolle des entzückten Claqueurs. Dafür bin ich nicht geeignet (wie auch echtes Fantum mir vollkommen fremd ist).
Als Tochter einer Borderlinerin bin ich leider (über)empfindlich gegen alles, wovon ich mich manipuliert fühle und was mir, um dieses Wort auch mal zu benutzen „unauthentisch“ erscheint. Zieht jemand vorsätzlich eine Schnute und trägt, bildlich gesprochen, obendrein einen zu großen Pyjama, finden viele das voll süß, ich hingegen finde das voll unangenehm, weil ich mich ungefragt in ein Theaterstück, und zu allem Unglück oftmals auch noch eine polternde Komödie, eingebunden fühle. Das (sichtbare) Schielen auf Applaus verdirbt nach meinem Empfinden so ziemlich jede Performance. Ich muss dann ganz schnell die Bühne abbauen von der jemand spricht, nicht mehr hinschauen, nicht mehr lesen, ned amoi ignorieren, wie der Bekannte sagen würde. Einfach weiterziehen. Jedes Ding hat seine Zeit und manche Orte sind nicht zum Verweilen bestimmt, oder man selbst verändert sich auf eine Weise, dass die Orte (oder Blogs) nicht mehr zu einem sprechen.
Meine intrinsische Unduldsamkeit und Intoleranz gegenüber bestimmten Dingen, erstaunt nicht nur den Bekannten von Zeit zu Zeit, sie schmeckt leider auch nicht besonders gut und hinterlässt hässliche Flecken auf dem Selbstbild. Auch das ein Grund, warum ich mich von Dingen die mich stören möglichst schnell abwende und mich auf die Suche nach neuen Freuden mache. Ein wenig mehr Geduld stünde mir gut zu Gesichte, hab ich aber leider nicht und ich wüsste auch  nicht wo ich sie her kriegen könnte. Oohhhhmmm.

Natürlich sind wir alle nur Darsteller, selbstausgedachte Figuren, die, sobald sie sich in der Öffentlichkeit wähnen, ihre „Problemzonen“ durch Wortkaftane verhüllen und das betonen, was sie als besonders schön und liebenswert für Andere antizipieren. Für mich sind die interessanten Menschen aber die, die nicht nur schillern und immer nur schön und redlich oder originell sind, bzw. so tun. Die nicht humorige Launigkeit darstellen, sondern tatsächlich einen feinen Sinn für Humor haben. Ich mag die Brüche, das Schräge und das Unperfekte, ich mag es, wenn jemand draufloslebt und entsprechend draufloserzählt, sich die Freiheit nimmt er selbst und damit auch mal ein Arschloch zu sein, mit Worten zu experimentieren, Bilder zu zeichnen, gerne auch holzschnittartig oder dilettantisch, ohne dabei gleich ein Verkaufsgespräch zu führen, eine lärmende Kontaktanzeige zu schalten und es allen Recht machen zu wollen. Ich liebe Selbstvergessenheit, Exzentrik und Klugheit, die auf einem soliden ethischen Fundament (oder nennen wir es besser auf Haltungen) steht. Am liebsten in dieser Kombination.

[…]the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes “Awww!”

Jack Kerouac

(* ganz unten noch ein Link zum Thema bloggen)

 

Manche Blogger, um nach diesen (auch für mich) erstaunlichen und halbgaren Überlegungen noch irgendwie die Kurve zu kriegen, möchte ich aber unbedingt und allezeit rühmen und ihnen eine Bühne errichten, auf dass ich sie besser beklatschen kann für ihre klare Schnörkellosigkeit.

Diese hier zum Beispiel:

Gleich zwei Mal der liebe Herr Schneck (schneckinternational), dessen Blick auf die Dinge ich unnachahmlich finde. Seine Art zu schreiben sowieso:

Konfirmand. Weiß soweit das Auge reicht, dazu Klavierklimper und Gedanken.

Außerdem: Chor der Engel erwacht

„Sorge des Lebens verhallt, weisser Wein, weisser geht kaum. Der Wein, der Teewagen, Berge von Geschirr, die Kissen voller Küsse und Milben und Nachtsabber. Die alten Schaffelle, die plastenen Untersetzer für längst vergangene Pflanzentöpfe, mürbe und verbleicht, die alten Koffer für eine Übersee, die es nicht mehr gibt, aus einer Zeit, als diese noch lohnenswert schien, Koffer, die ihren Sex vor sechzig Jahren hatten…“

Dann ist da Urel Elif, deren Blog ich kürzlich entdeckt habe und deren besondere und bildhafte Art die Dinge zu betrachten und zu beschreiben mir außerordentlich gut gefallen.
out of the box heisst das Blog und Mario Vargas Llosa der Text. Ich habe lauthals gelacht beim Lesen und war gleichzeitig ergriffen. Das schaffen nur wenige Texte bei mir. Unbedingte Leseempfehlung. Am besten gleich das ganze Blog!

Der Wortmischer indes fragt sich wieso Menschen mit zunehmendem Alter „verbeigen“, also nur noch Bekleidung in der Farbe Beige tragen und findet eine überraschende Erklärung dafür.
Ich habe übrigens eine ganz andere. Ich glaube man strebt im Zuge der stückweisen Selbstauflösung danach beige zu werden, naturfarben wie die eigene Haut. Das passt gut zum Braun der Mutter Erde. (Entschuldigen Sie, das sind die Nachwehen der letzten Wochen).
Hie spricht der Wortmischer über Beigisierung

Und zum Abschluss  ein Text der geschätzten Wildgans, die die meisten kennen werden, die ich aber in dieser Riege gerne mitverlinken möchte. Ihre feine Ironie und ihr kluger Blick locken mich tagtäglich auf ihr Blog. Hier stellt sie eine Jagdmethode vor.

Viel Spaß beim Lesen und einen schönen Samstag allerseits!

 

 

* Der werte Herr Ackerbau hat auch just was zum Thema Bloggen geschrieben, dem ich mich gerne anschließen möchte: Über das Bloggen

 

 

 

 

Bild: Annika

Glamouröse Ohrläppchen

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Vor dem Einschlafen schaue ich mir zur Beruhigung Filmaufnahmen von Gebäudesprengungen an. Am besten gefällt mir, wenn erst die Fassade eines Hauses einstürzt, der Kern aber noch einen Moment stehen bleibt, wie ein Geist, und dann mit Verzögerung zu Boden geht. Gut finde ich auch, wenn langgezogene, mehrstöckige Gebäuderiegel von links nach rechts, wie eine auslaufene Welle zusammenbrechen. Überhaupt ist es beeindruckend, dass man riesige Gebäude durch gezielte Sprengungen einfach so in sich zusammensacken lassen kann. Wie eine Wasserfontäne, der man den Hahn zudreht.

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In meinem Reader lese ich etwas über die Fruchtfliege, merke aber schnell, dass ich mich verlesen habe und von Flüchtlingen die Rede ist. Wenig später stoße ich auf einen Text über glamouröse Ohrläppchen und stelle mir sogleich barocke Klunker an schillernder Persönlichkeit mit Brokat und Spitze und so weiter vor. Zu meiner Enttäuschung  entdecke ich, dass in dem Beitrag von glamourösen Oberflächen die Rede ist und verliere augenblicklich das Interesse.

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Da Ordnung schaffen mir Struktur gibt und Struktur ein guter Seelenhalt ist, nehme ich mir heute endlich die übervolle Kiste mit Medikamenten vor, kippe beherzt den ganzen Plunder auf den Tisch, sortiere abgelaufene oder nicht benötigte Medikamente aus, trenne bei dem  Ausschuss Blister und Pappe voneinander, um das Zeug später abgeben zu können, und staune nicht schlecht, was ich alles an Drogen zutage fördere. Mittel gegen nie gehabte Malaisen,  wie z.B. Niereninsuffizienz, tauchen dabei genau so auf wie Valium, Valoron und Viagra. O làlà.
Auf einer Ampullenschachtel, die bereits seit 2008 abgelaufen ist, finde ich einen Aufkleber mit dem unglaublichen Preis von 758 € für 15 Einheiten. Gut die Hälfte der Fläschchen ist noch übrig,  nützt aber nix, das Mittel ist überfällig und ich habe gerade keinen Bedarf dafür, also weg damit.

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Die Nahrungsergänzungspillen und den homöopathischen Kram entsorge ich im Hausmüll, der unbrauchbare Rest geht später zurück in die Apotheke (die übrigens, wie man mir am Telefon mitteilt, nicht mehr verpflichtet ist das Zeug zurück zu nehmen, sich aber freundlicherweise trotzdem dazu bereit erklärt. Geht doch).

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Auf dem Weg zur Apotheke begegne ich den drei Jakobs, die von den Autodächern herab souverän den Gehweg überwachen. Abwartend beäugen sie den Hund und mich und fangen erst an sich zu beschweren, als wir schon ein paar Meter entfernt sind.
Nur Geduld, rufe ich ihnen über die Schulter hinweg zu, später!

Hat alles nicht gewirkt, sage ich, als ich kurz darauf der Apothekerin den prallvollen Beutel über den Tresen reiche. Wir lächeln beide müde.
Nach einem kurzen Abstecher zu Aldi will ich auf dem Heimweg mein Versprechen einlösen, doch die drei Freunde sind längst davon geflogen in Richtung Potsdamer Platz, wo sie am ehemaligen Mauerstreifen ihre Schlafbäume haben. Auf den Pflastersteinen vor mir finde ich statt ihrer einen Elfenring.
Die Nüsse für die Jakobs nehme ich mit nach Hause. Der Bekannte wird sich darüber freuen, wenn er morgen mit seinem Rollköfferchen anreist.

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1.Bild: CrazyBoyLP, AfE-Turm-Sprengung, youtube, screenshot, Ausschnitt

Adieu les belles choses

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Der Bierpinsel wird Denkmal

Familie ist Sorge

Das Leben geht weiter

Erst wenn der Meteorit ins eigene Haus einschlägt, nennen wir ihn Katastrophe. Davor Naturschauspiel.

Die Sonne scheint. Kein Trost für nichts.

Der Kanzler ist beim Kardiologen. Weil ihm das Herz weh tut. Wie sollte es nicht. Nichts mehr essen kann er und die Kanzlerfrau rennt im Hamsterrad der Beerdigungsvorbereitungen.
21 Monate nach Diagnose ist die Tochter gestorben und der kleine Junge steht am Totenbett seiner Mutter und fragt wann der Leichenwagen kommt.

Überall wo ich bin, ist sie nicht, sagt der Kanzler und weint.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Bierpinsel, wikimedia
Lizenz: CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40185

Ein Tag mit dem Bekannten

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Im Vordergrund: verräterische Tüte; im Hintergrund: Mitsouko

Heute fuhren der Bekannte und ich mit Tölchen zum Potsdamer Platz, wo ich in den Arkaden auf die Schnelle einen BH kaufte. Gleiches Modell, gleiche Größe wie (fast) immer. Danach rutschten und schlitterten wir gemeinsam durch den nahegelegenen Tiergarten, der in weißer Ruhe beinahe menschenleer dalag. Nicht einmal Radfahrer waren unterwegs und so konnte Töle hakenschlagend und schnaubend ihre Runden drehen, während wir über die Kälte jammerten und über den eiskalten Wind und dabei die Nasen hochzogen und froh miteinander waren. Ein fahles Grün, wie ein allerletzter Rest des Sommers,  glomm auf den kahlen Zweigen der Sträucher, hier und da schimmerte ein wenig rostrote Rinde hervor. In der Abwesenheit aller Farben und allen Lärms strahlte friedlich und weiß der Park. Ein kleines Glück, und wir mittendrin.

Auf dem Rückweg holte ich mir einen Cappuccino, besorgte bei Lindner unser Abendessen und anschließend setzten wir uns zum Aufwärmen in das Einkaufszentrum. Seit die Mall of Berlin schräg gegenüber ihre Pforten geöffnet hat, ist es ruhig geworden hier. Das jugendliche Publikum lungert inzwischen lieber drüben rum, wo es die richtigen Marken gibt, und die Arkaden gehören nun den Rentnern, die mit ihren Enkeln unterwegs sind. Eigens für diese Klientel wurde ein Lehrpfad in Form von gleißend erleuchteten Terrarien eingerichtet, in denen Bartagamen, Skorpione, Spinnen, Schlangen, Salamander usw. ausgestellt werden. Neben jeder Glaskiste steht eine Tafel, auf der die wesentlichen Merkmale und Besonderheiten der Tiere zusammen gefasst sind. Ich kann mir kaum etwas tristeres, verloreneres vorstellen, als Tiere hinter Glas in Einkaufszentren.

Um die schöne Stimmung des Nachmittags zu retten, und weil die Riesenvogelspinne beunruhigenderweise nicht in ihrem Terrarium sitzt, obwohl sie das sollte, dränge ich zum Aufbruch.
Der Bekannte macht noch einen Abstecher in die Bibliothek. Ich fahre unterdessen nach Hause. Vor der Haustür begegnet mir der Nachbar mit den großen blauen Augen. Hey, spricht er mich an, hast du neulich dein Paket noch bekommen? Der Bote wollte es einfach vor deiner Türe abstellen.
Ja, ist angekommen
, sage ich und sehe, wie der Blauäugige auf meine Tüte starrt, die ich mit beiden Händen vor dem Oberkörper trage. Kurz überlege ich, ob ich ihm auch gleich noch den BH zeigen soll, der in der Tüte steckt, verwerfe den Gedanken aber sogleich und verabschiede mich. Er lächelt überfreundlich.

Zuhause sauge und wische ich und als der Bekannte zurück kommt essen wir zusammen. Zum Nachtisch gibt es Schokokuchen, gebacken aus Mandelmehl.

 

(So schlicht und schön geht´s mitunter zu im Hause tikerscherk)

Schmuddellaube

Nach vorne leben und nach hinten verstehen.
Manchmal kommen mir kleine Teile unter, winzige Bruchstücke, Sequenzen, die eine Erinnerung um ein paar Grad drehen, eine neue Perspektive eröffnen, eine Erfahrung von einer anderen Seite beleuchten und ihr damit eine Wendung geben, ein anderes Antlitz. Plötzlich fügt sich etwas in das Gesamte ein, was zuvor solitär und scheinbar ohne Sinn dastand. Oder etwas löst sich aus seiner Ordnung heraus.

Einmal fand ich einen Zettel. Er lag in der Laube, in der wir manchmal herumstöberten, wenn wir von der Schule nach Hause trödelten. Die meisten Lauben in den Schrebergartenkolonien waren verschlossen. Diese aber stand stets offen. Sobald wir das verwilderte Grundstück erreicht hatten, auf dem sie sich befand, schauten wir uns um, um sicher zu gehen, dass niemand uns sah. Dann erst öffneten wir das rostige Tor, das windschief in den Angeln hing, und wateten durch das kniehohe Unkraut, das überall wuchs und das uns an den nackten Beinen kitzelte. Vor dem Häuschen lag schon seit Ewigkeiten ein umgekippter Gartenstuhl. Kleine Schlingpflanzen hatten ihre feinen Tentakel um die Stuhlbeine gelegt und sich durch das eingerissene Plastikgeflecht gefädelt. Es roch nach Sommer.
Die Laube selbst bestand aus einem Raum, der etwa 3 mal 3 Meter groß war. Der Türe gegenüber stand ein Tisch, auf dem sich zahllose Binding-Bierflaschen sammelten. In dem übervollen Aschenbecher gleich daneben, lagen zerdrückte Kippenstummeln, HB stand darauf, und die gepunkteten Filter sahen viel gelber, aus als die der Zigaretten, die meine Mutter rauchte. Der ganze Raum war dreckig, der Tisch klebrig und auf der Eckbank lag ein Stapel mit Zeitschriften, deren Seiten zum Teil wellig waren, als wären sie feucht geworden. Einige Seiten klebten zusammen. Die Hefte waren mit Fotos von nackten Menschen gefüllt, die mal lagen, mal standen, sich hier und da anfassten und sich dabei ernst in die Augen sahen. Ich fand das merkwürdig und irgendwie auch peinlich. Trotzdem oder gerade deshalb schaute ich mir die Hefte immer wieder an. Ich wollte ergründen wozu sie gut waren. Eine Handlung jedenfalls schienen sie nicht zu haben und lustig waren sie auch nicht.

Einnmal, als wir der kleinen Hütte einen Besuch abstatteten, lag plötzlich ein Zettel auf dem Tisch. Nur vier Worte standen darauf. Ich las sie,  zeigte sie meiner Freundin und wir kicherten. Dann steckte ich den Zettel in meine Tasche, wo ich ihn vergaß.
Erst Monate später entdeckte ich ihn beim Aufräumen wieder und weil Sonntag war und ich eine Etage tiefer die Klarinette meines Vaters klagen hörte, stieg ich die Treppe hinunter, öffnete die Türe zu seinem Arbeitszimmer und trat ein. Mein Vater, dessen Haar und Kleidung so schwarz waren, wie das Holz seines Instrumentes, zog seine dunklen Augenbrauen hoch, als er mich sah und spielte weiter. Es hatte etwas Trauriges, etwas zutiefst und unrettbar Einsames, wenn er so ganz allein in dem zweckmäßig eingerichteten, kalten Raum stand und seiner Klarinette heisere Töne entlockte, während meine Mutter und meine Geschwister nebenan gemeinsam fernsahen. Er tat mir Leid. Um ihn aufzuheitern trat ich vor ihn hin und legte grinsend den Zettel auf den Schreibtisch. Mein Vater, halb in sein Spiel vertieft, schielte mit einem Auge auf das Stück Papier. Doch statt zu lachen, nahm er plötzlich das Instrument von den Lippen und sah mich an. Wo hast du das her? Seine Stimme klang verärgert. Ich spürte, dass ich etwas Dummes getan hatte, doch ich wusste nicht genau was es war. Also zuckte ich mit den Schultern und lachte verlegen.
Das ist nicht lustig, sagte mein Vater streng, griff nach dem  Zettel, riss ihn in viele kleine Teile und warf sie in den Papierkorb. Einen Moment noch blickte er mich an und es schien, als wolle er mich etwas fragen. Doch dann setzte er seine Klarinette an die Lippen und spielte weiter. Für ihn war das Thema erledigt.

Erschrocken über seine Schroffheit und die ungewohnte Strenge ging ich zurück auf mein Zimmer, hockte mich unter meinen Tisch und dachte nach. Ohne Ergebnis.

Viel später erst wurde mir klar, dass  der Zettel im Zusammenhang mit den Heftchen zu sehen und wahrscheinlich ein Code zwischen den Schmuddellaubenbewohnern war. Bestimmt nannten sie sich gegenseitig Mama und Papa, wie manche Paare das nach Jahren zu tun pflegten. Der Rest erklärte sich dann von selbst. Die Schrift auf dem Papier, daran gab es keinen Zweifel, war die eines erwachsenen Menschen gewesen.

Das keimende Verständnis allerdings warf eine neue Frage in mir auf: wie kam es, dass mein Vater nicht versuchte der Sache auf den Grund zu gehen? War man damals, in einer Zeit, als man im Auto selbst dann noch ungeniert paffte, wenn ein Kleinkind mifuhr, so arg- und sorglos? Hielt er mich für unverwundbar und gegen jede Unbill gefeit? Was dachte er sich, als ich ihm dieses Stück Papier auf den Tisch legte?

Man weiß es nicht. Doch um die Leserschaft nicht länger auf die Folter zu spannen und diese für Außenstehende sicher nur mittelmäßig interessante Anekdote endlich zu ihrem Ende zu bringen –

so in etwa sah der Zettel aus:

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Abschied

Zum Abschied legt der Onkel den Arm um mich und küsst mich auf die Stirn. Falls wir uns nicht mehr sehen, wünsche ich dir ein gesegnetes Leben, sagt er.
Es dauert einen Moment, bis ich verstehe. Wir sehen uns aber bestimmt noch mal!  Meine Augen brennen und ich küsse ihn auf die Wange. Ganz weich ist seine Haut. Darunter stachelt der rote Bart und riecht würzig wie zu Kindertagen. Er lächelt milde.

Ich denke an die Tante, die wir heute beerdigt haben.
Daran, dass sie den kurzen Moment, als ihr Sohn das Zimmer verließ, damit man ihr Bett richten konnte, nutzte um zu gehen. Mit einem letzten Ruck hat sich die Seele von ihrem Körper gelöst und ist, noch ehe sie sich wundern konnte, wie ihr geschah, verpufft.
So stelle ich es mir vor.

Sie werden sterben. Einer nach dem anderen. Und es gibt nichts dagegen zu tun. Wir können es nur aushalten und nachrücken, auf diesem endlosen Laufband, das uns Stück für Stück nach vorne trägt.

Es ist Freitag, die A2 ist voll, ein LKW nach dem anderen rollt schwer beladen in Richtung Westen.
Schneeregen fällt und immer wieder stockt der Verkehr. Ich versuche den Verkehrsfunk einzustellen, doch es läuft nur Dudelmusik. Ich mache das Radio aus.
Die Wischer jagen mit ihren langen Armen unermüdlich den zerplatzenden Flocken hinterher und fegen sie mit einer entschlossenen Bewegung von der Scheibe.
Auf den Seitenfenstern hat der Fahrtwind das Wasser zu einer zuckenden Tropfenkolonne zusammengedrückt. Langsam  ruckelt der schmale Streifen Richtung Heck, bis der erste Tropfen in der Reihe abreisst, auseinanderstiebt und davongetragen wird. Unablässig folgen neue nach.

Von rechts zieht ein weißer Golf an mir vorbei. Dental Scherz steht auf der Fahrertüre. Namen gibt´s. Ich nehme mir vor, später nachzuschauen, was die Firma genau herstellt oder vertreibt.
Alles hat man in kürzester Zeit herausgefunden, denke ich. Früher war mehr Geheimnis. Man bewahrte die Eindrücke in seinem Inneren, ging nur manchen nach und auch das oft nicht gründlich und mit der Zeit verwoben sie sich miteinander zu einer Welt aus Gespinst, Ahnung, Mutmaßung und Wissen. Zu einem verschneiten Wald, durch dessen stilles Unterholz ein Eichhörnchen huscht.

Die Trauerfeier findet in einem Landgasthof statt. Erbaut aus rotem Backstein, sind die Räume bis auf Brusthöhe dunkel vertäfelt, ein paar schlicht gerahmte Faksimiles hängen auf den weißen Wänden darüber. Hinter uns züngelt ein Kaminfeuer. Mir wird angenehm warm.

Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen, fragen wir uns. War es bei der Hochzeit von J. oder der von C. Gibst du mir deine Telefonnummer. Wir müssen uns wirklich mal treffen. Nicht erst zur nächsten Beerdigung.

Der Restaurator- Cousin, ein baumlanger Mann, ist mit seinem Königspudel, einem großen schwarzen Tier, angereist. Stell dir vor, sagt die Schwester, er nimmt ihn jeden Sonntag mit in die Kirche und wenn das `Vater Unser´ beginnt, steht der Hund als erster auf. Wir lachen.
Ich bitte sie, mir ein aktuelles Bild von ihren Söhnen zu schcken. Sie zeigt mir eines in ihrem smartphone und sendet es dann. Als ich später nachschaue, finde ich anstelle der beiden Neffen diese traurigen Gesellen:

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Der Patenonkel tritt an unseren Tisch heran, stützt sich mit einer Hand auf meine Stuhllehne und ich spüre, dass er zittert. Ich habe Parkinson, sagt er, wie zur Erklärung, doch der Internisten-Cousin fragt ihn nach seinem winzigen Abzeichen am Revers. Das ist vom Rotarier-Club, antwortet der Onkel und kommt sofort ins Erzählen. Eines der Club-Mitglieder, ein Katholik, so berichtet er, sei derart großzügig, dass er jedes Jahr ein enormes Vermögen für schwachsinnige Kinder spende. Vorbildlich!
Meine Schwester wirft mir einen Blick zu. Ich lächle. Die Zeiten sind vorbei, ich werde ihn nicht zurechtweisen.
Ich fühle mich Zuhause bei diesen Menschen, geborgen. Der Schoß der Familie.

Als der Onkel dem Kanzler einen Mann vorstellen möchte, winkt der Kanzler ab. Ich weiß doch wer Sie sind. Erstes Semester Medizin in Göttingen, sagt er. Dann nennt er Vor- und Nachname des Mannes und fragt diesen, ob sie sich duzen wollen. Selbstverständlich!
Angeregt unterhalten die beiden sich über früher und heute und bald schon tauschen sie Handynummern und e-mail-Adressen aus.
Er hat von uns allen das beste Gedächtnis, raunt mir der Onkel bewundernd zu und ich spüre, wie kindlicher Stolz in mir aufsteigt. Mein Papa.

Zum Abschied hebt der Bruder die Hand, schaut mich kurz an und verlässt das Lokal. Den ganzen Tag über haben wir nicht ein Wort miteinander gewechselt und uns zur Begrüßung nur flüchtig zugenickt. Ich weiß nicht wieviele Jahre das schon so geht. Irgendwann haben wir die Schnur des Luftballons einfach losgelassen und er ist davongeflogen.
Ich frage mich, ob ich traurig bin. Doch ich finde kein Echo und keine Antwort darauf in mir.

Es hat längst aufgehört zu schneien, als ich ich auf den Heimweg mache. Schwarz liegt der Wald neben der Autobahn, lange LKW-Konvois mit polnischen Kennzeichen schieben sich durch die Nacht in Richtung Osten und ich fühle mich in meinem warmen Auto wie in einem Wohnzimmer voll wuchtiger Schränke, deren dunkle Schatten im Flackern des Fernseherlichtes wie Urgestalten an mir vorbeiziehen.

Als ich in unsere Straße einbiege, stehst du schon auf dem Gehweg und wartest auf mich. Zusammen gehen wir ins Haus.
Ich erzähle dir von meinem Tag und merke wie erschöpft und wie traurig ich bin. Schweigend greifst du nach meiner Hand.

Später liegen wir im Bett, dein warmer Körper dicht neben meinem.