In die Suppe spucken

Der Bekannte mag nicht mit mir auf den Friedhof gehen, jetzt, wo sie (trotz nächtlicher „Corona-Parties“ (Unwort des Jahres 2020)  wieder geöffnet wurden. Vielleicht ist der Abstand zu den Toten derzeit nicht groß genug.
Am Abend parodiert er Hitler und zitiert Stalin, derweil ich mich vor lauter Angst schwindelig lache. So vergehen die Tage und ich bin froh, dass er umgekehrt ist, nachdem er schon mit seinem Köfferchen das Haus verlassen hatte.

In den kleinen Töpfen keimen die ersten Samen. Kräuter für die grüne Soße.

Heute ist der Geburtstermin eines zukünftigen und mit Liebe erwarteten Enkelkindes. Die Kinderonkologin feiert ebenso ihr Wiegenfest und über dem Haus dröhnen die Rotorblätter eines Helikopters.

Alles was sich anfühlt oder anhört wie Normalität tut gut.
Die Katze jagt ihren Schwanz und tobt einem Streukrümelchen hinterher über den leuchtend gelben Boden. Die Sonne scheint in die Wohnung und malt Bilder an die Wände, der türkische Nachbar musiziert endlich wieder und singt dazu, der Kindergarten hat geschlossen, doch im Garten spielen die vier Kinder der alleinerziehenden Intensivpflegerin, die nun wegen der Krise „eingezogen“ werden soll.
Die Spatzen tschilpen um die Wette und lassen sich auf den inzwischen meterhohen Bambushalmen hin- und herschaukeln. In den Bäumen turteln die hühnergroßen Ringeltauben.

Nachts hört man Lachen aus den Hinterhöfen. Auf den Gaslaternen sitzen tags die Jakobs und krächzen. Ich folge ihrem Ruf.

Lübeck steht nun nicht mehr für die Bucht und die Mutter und ihre Urne, auch nicht für Thomas Mann oder Marzipan, geschweige denn für Hundescheiße oder Fackenburger Allee. Jetzt ist es berühmt für die weltweit größte Fabrik für Beatmungsgeräte und jedes Land bettelt um lebensrettende Lieferungen.

In Berlin verbietet die Polizei den Menschen, auf Parkbänken zu verweilen. Das passe nicht ins Bild und andere könnten sich animiert fühlen, sich dazu zu setzen, argumentieren sie mit der selbstgefällign Höflichkeit derer, die auch ganz anders können.

Willst du über´n Rasen laufen, musst du dir ein Grundstück kaufen.
Spielst du mal im Treppenhaus, schreit sogleich der Blockwart „Raus!“

Exit

Meine Augen brennen, ich bin müde. Mir fehlt die Lust, die neuesten Entwicklungen zu skizzieren. Mit jedem Tag wird eine Infektion wahrscheinlicher. Ich tue so, als wären es die letzten Tage meines Lebens.

Die Schwester hat den Cousin getestet. Positiv.

Es wäre mir lieber, der Bekannte rauchte nicht. Und der Unterfranke wäre etwas vorsichtiger und die Schwester ginge ab sofort in Frührente.

Vor glutrotem Himmel inmitten einer lagernden Menschengruppe steht ein Pferd an einem australischen Strand. Das war erst  im Januar.

Die gealterte Schönheitskönigin steht hinter einer großen Scheibe und blickt in den sommerlichen Garten. Ihre Tochter ist gestorben. Schneewittchen.

Auf dem ersten Treppenabsatz unseres Hauses stand ein weiss lackierter Leiterwagen. Darin die Augensterne der Mutter: drei Porzellanpuppen in hübschen, hochgeschlossenen Kleidchen.
Eines Tages schickte mein Bruder die kleinen Schätze aus Unachtsamkeit auf ihre letzte Reise an deren Ende sie mit geschlossenen Lidern am Fuße der Treppe lagen, die feinen Gesichter mit den herzigen Mündlein zerschlagen.
Die Mutter tobte und weinte bitterlich, zwei Gemütszustände die bei ihr dicht beieinander lagen, wenn nicht identisch waren
Ich ging auf mein Zimmer und lachte verstohlen in mein gekränktes Fäustchen.

Corona. Nun warten wir Risikopatienten darauf, dass den Gesunden die Geduld mit uns ausgeht und den ersten Rufen nach Isolierung und „Herausnahme“ aus dem Alltag die Taten folgen.
Der Bekannte und ich verabreden, im Falle eines Falles an den Kleinen Wannsee zu fahren.

Auf der Lichtung

Corona ist  in meinem Umfeld angekommen.
Die Katastrophe nähert sich in Zeitlupe und plötzlich steht sie vor der Tür.
Ich bin Hochrisikopatientin. Wenn es mich treffen sollte, stehen meine Chancen schlecht. Der „Chef-Virologe“ der Charité sagt, es werden sich vermutlich 70 % der Bevölkerung infizieren.
Als wir noch nachts die Landstraßen entlang torkelten, lief ich stets in Fartrichtung. Ich hatte keine Lust, dem Tod in seine runden, leuchtenden Augen zu blicken.
Sollte es mich halt kalt von hinten erwischen. Bis zur letzten Sekunde wollte ich mich sicher fühlen wie das grasende Reh auf der Lichtung.
Heute lese ich News und schaue zu, wie der tonnenschwere Zug sich nähert.
In meinen Gedanken spaziere ich durch Murnau. Jeden Schuppen besuche ich und jedes Kreuz am Wegesrand. Ich habe solche Sehnsucht nach den Alpen und nach dem See.

 

Die Gekrönten

Über Corona und die Angst davor wird schon viel zuviel geschrieben. Angesichts meiner desolaten Lungensituation teile ich sie und bin so gut wie möglich vorbereitet.

Es sind andere Dinge, die mir akut den Boden unter den Füßen wegzuziehen drohen.
Unterstützung kommt von der Schwester, dem Bekannten und dem Unterfranken. Auch die Freundinnen und die Cousinen stehen an meiner Seite. Es wird mir nicht viel nützen, aber emotional stärkt es mich und das lässt mich alles etwas leichter aushalten.
Wenn endlich einmal Ruhe wäre in meinem Leben.

 

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Die Tante schickt mir die Abschrift eines ursprünglich in Sütterlin verfassten Briefes eines Verwandten aus dem 19. Jahrhundert.
Er ist so traurig und so rührend und passt zu meiner Stimmung, dass ich ihn gerne mit meinen Leserinnen teilen möchte:

 

Meine inniggeliebten Eltern,

so muss ich denn endlich nach viel vergeblichem Harren und Hoffen von einer Morgenwache zur andern Euch die Todesbotschaft schreiben, die uns allen fast das Herz abbricht. Unser suesses herziges Heinechen, der Sonnenschein unseres Hauses ,ist heimgegangen, und wir koennen ja nach den letzten schrecklich schweren Tagen, in denen das suesse Kind so hilflos dalag, nur danken, dass es endlich hindurchgedrungen und daheim sein darf, wo es kein Leiden und kein Geschrei gibt, und der Tod nicht mehr sein wird ewiglich!
Noch gestern abend flackerte die Hoffnung auf. Der schwere Krampfanfall des vorhergehenden Tages hatte sich nicht wiederholt, und es nahm noch etwas zu sich. Aber mit der Mitternacht kamen wieder die brennenden Fieber, die Stirn und Wangen so gluehend heiss machten, dass nach wenig Minuten ein kalter Umschlag wieder warm wurde. So ging es bis 5 Minuten vor fuenf Uhr heute frueh. Die Angst nahm immer zu und wir konnten doch gar nicht mehr helfen.
Ach, was haette ich drum gegeben, haette ich das fliehende Leben aufhalten koennen. Aber der Herr wollte es anders. Er hatte das liebe Kind doch noch lieber als wir. Er schenke uns nur, dass wir voellig glauben koennen und stille werden, dass wir Weihnachten im heiligen Geist feiern koennen mit unseren zwei Himmelskindern droben im Licht, aber es ist so schwer, solch ein dunkles Weinachtsfest hier unten! Meine liebe herrliche Anna ist- und das ist ja in aller Truebsal eine Gnade – still und gefasst! sie konnte ja nicht mit uns am Sterbebettchen stehen, aber sie hoerte ja doch im Bett in der Nebenstube mit, was vorging und hat das letzte Seufzen ihres Kindes doch noch mit angehoert.
– Heute frueh sind wir stiller. Die vielen Beweise theilnehmender Liebe thun ja auch so wohl und namentlich ist uns Mama ein so grosser Segen. Auch die andern sind so lieb. Allette ist so tief mitbewegt und Frau Clemens, die treue Pflegerin, war bis zum letzten Atemzug da. Heinechen liegt so still und friedlich, wie einst Gottliebchen. Trotz aller Schmerzen doch kein Schmerzenzug, nur bleich und kalt.
– Heute frueh habe ich mit Mellner und Martin Geburt und Sterben zugleich angemeldet.
Wir haben dem Toechterchen die Namen Anna Wilhelmine Caroline Marie ausgesucht und werden ihr von diesen wohl den letzten geben. Waren’s doch bittere Tage, in denen der Herr sie uns geschenkt, aber durch eine Truebsal muessen wir ins Reich Gottes eingehen und Maria heisst ja auch “ die Erhoehte”. Dazu die Namen der Mama und der lieben beiden Grossmamas, die ihr im Leben am naechsten stehen. Den lieben Weidenhaeusern bitte ich natuerlich gleich die Trauerbotschaft mitzutheilen.

Mama will morgen schreiben und laesst mit uns herzlichst gruessen. Ob Joseph morgen oder erst nach der Beerdigung, die wir auf Montag Nachmittag oder Dienstag frueh bestimmt haben ,kommt,weiss ich noch nicht.

Ich rede ihm sehr zu,morgen zu reisen,damit er Euch erzaehlen kann und doch rechtzeitig vor dem Fest noch da ist und nicht mit seinen betruebten Erzaehlungen so gerade in Eure Festfreude kommt.

Aber der treue Junge will wohl lieber hierbleiben und mit trauern.
– An Schwester Sophie habe ich zum Geburtstag geschrieben, nun werdet Ihr es ja sagen, wenn sie zum Fest kommt. Dagegen werde ich heute noch nach Arolsen und Rotenburg schreiben.

– Die Tauben und die Rebhuehnchen kamen gestern noch an, doch hat Heinerchen nichts mehr davon bekommen. Herzlichen Dank dafuer, liebstes Mutterchen!

Gedenket unser Alle vor unserem Gott. Wir beduerfen so der Fuerbitte. Anna gruesst Euch und die lieben in Weidenhausen sehr innig.

Euer tief betruebter Reinhard,

Duesseldorf, 21.Dec. 1867 mittags, 3/4 3 Uhr

 

PS. Mama wollte noch einen Gruss zufuegen. Eben ist aber Frau Conrad gekommen. Sie will unserem Reinerchen sein Sterbekleidchen anziehen, der wollte sie helfen.

Unseren Freunden, und Verwandten teilt mit, was uns betroffen.

( der Name des Kindes ist ganz schwer zu entziffern).

 

 

 

 

 

Bild: cc/ gemeinfrei

 

 

paarweise

 

Vieles kommt bei mir doppelt vor und damit meine ich nicht einfach nur Augen, Ohren, Lungen, Brüste und Nieren.
Zwei Zimmer und zwei Betten habe ich, zwei Katzen, zwei Telefone- sowohl mobil als auch Festnetz – zwei Freunde, zwei Krankheiten, zwei Geschwister, zwei Balken am K.
Bei den angeborenen und mitgegebenen Gaben mag ein höherer Plan zugrundeliegen, mein Privatleitfaden heisst: hamstern versus Mangel und Verlust.
Dem Hamstern entgegen steht indes mein Wunsch nach Askese und Schlichtheit und glaubte ich an die Wirkkraft planetarer Konstellationen (wie an dem Tag der mich der Welt verliehen die Sonne stand zum Gruße der Planeten) so vermeldete ich jetzt: Steinbock Aszendent Löwe, das erklärt ja wohl alles.

Mit zwei Wärmflaschen gehe ich am Abend zu Bett und die Zeiten als ich mit zwei Männern oder zwei Frauen das Lager teilte, waren nicht die schlechtesten in meinem Leben.

Zwei Hände tippen sich über die Tastatur, zwei Füße tragen durchs Leben. Zwei Pobacken polstern den Steiß. Zwei Ärztinnen begleiten mich durch die Täler meiner Gesundheit und salben meine Brust mit Vaporub. Zwei Eltern schenkten mir das Leben. Zwei Siebträgermaschinen veredeln meinen Alltag.
Zwei Fahrräder dienen sich gegenseitig als Ersatzteillager.

Ein Tuch trocknet zwei Hände, behauptete das Schild im Waschraum einer der beiden Unis an denen ich studiert habe. Doch es irrte: allein zwei Tücher vermochten das zu schaffen, was dem einen zugetraut bzw. aufgebürdet worden war.

 

Wenn ich mich frage wo meine Zeit geblieben ist, stelle ich fest, dass ich annähernd die Hälfte meiner Tage mit dem Management und dem Bewältigen von Krankheit verbringe. Den eigenen oder denen der Tiere. Zwei malade Katzen und ein tumoröser Hund sind es inzwischen. Zwei Mal täglich müssen Tabletten und Spritzen gegeben werden. Fruh und spat. Kein Ausschlafen niemals.
Am Wochenende mit mozzarellaartigem Teigkopfschmerz und backsteinschwerer Atemnot jedoch eilen gleich zwei Freundinnen mir freundlich zur Hilfe. Zwei ganze Stunden darf ich länger im Bett verweilen während sie plaudernd und lachend den Haushalt schmeißen und die Tiere versorgen. Nach zwei stärkenden Cappuccini und mit nachlassendem Schädeldruck verbringe ich den frühlingshaften Samstagnachmittag mit den beiden Engeln im sonnendurchfluteten  Kiez.

Vor dem kleinen Laden am Erkelenzdamm (Erpel/Ferkel/Erkel) steht der achtjährige Mojo mit einem Hüpfseil und lässt mich, während eines schnellen (doppelten) Espressos, mitzählen. Hundert Sprünge sind sein erklärtes Ziel, doch kurz vor der 50 rutscht seine Hose und wir fangen von vorne an. Nach der vierten oder fünften Runde geht mir der Atem aus, das Stummfilmflackern im Augenwinkel kündigt den Kreislaufabsturz an, mir ist übel und schwindlig und fahl zumute. Fünf Minuten Pause und die Wirkung der stets griffbereiten Notfalltropfen bringen das Leben in meinen Körper und die Farbe in die Lippen zurück, wir tun als ob nichts geschehen wäre und ziehen weiter Richtung Süden.

Am Beginenhaus steht eine zahnlose, zerlumpte Frau lamentierend auf dem Gehweg und beschwert sich über wild urinierende Typen. Wir nicken und eilen davon, ehe ein Gespräch über die Schlechtigkeit und das Elend der Welt sich entwickeln und kein gutes Ende mehr finden kann. Tschüss, ruft sie uns hinterher und ich winke.

Am Urbanhafen drängeln Dutzende Schwäne sich an die Ufermauer und betteln um Futter. Radfahrer, Hunde und Paare tummeln sich auf der Promenade. In den Platanen gurren  Ringeltäubchen, Spatzen zetern, hier und da hüpft eine Krähe über den Weg.

Auf der anderen Uferseite sitzen die Frühstückerinnen in Decken eingewickelt vor dem Café Ahorn. Ein ausrangierter Spielteppich mit Straßenkreuzungsmotiv liegt neben einem Schuttcontainer. Das glänzende Messingtableau am Hauseingang lässt die neuen Eigentumsverhältnisse erahnen.

Ein Stück weiter, am Urbanklinikum, entdecke ich ein mir noch unbekanntes K zwischen den Pflastersteinen und mache ein Foto davon. Mit müdem Blick schauen die Raucher vor dem Haupteingang mir zu. Links und rechts weisen zwei große Schilder auf das strenge Rauchverbot in diesem Bereich hin.
Dit is Balin, würde der Bekannte jetzt vermutlich sagen, doch der ist Zuhause geblieben bei seinen Büchern und seiner Stille und seinem Nachmittagsschlaf.

Sozialneid

Wort halten, ohne Wort gegeben zu haben. Eine Selbstverständlichkeit sollte man glauben.
Eine Kollegin erzählt mir von Freunden, die ihren Untervermieter, einen ALG-II-Bezieher, wegen nicht angemeldeter Untervermietung und entsprechenden Mieteinnahmen beim Amt angezeigt haben. Selbstredend erst nachdem sie bei ihm ausgezogen waren.
Die Kollegin findet das gut und richtig. Der Mann hätte ja arbeiten können. Schließlich müsse auch sie bei Eiseskälte am Gemüsestand stehen und schmutzige Erdäpfel verkaufen, um sich etwas dazu zu verdienen.

Eine Umfrage soll ergeben haben, dass ein hoher Prozentsatz der Deutschen, vor die Wahl gestellt ob man lieber 100 Euro erhalten will, und der Nachbar bekommt 300 Euro, oder ob man bevorzugt, nur 50 Euro zu erhalten während der Nachbar leer ausgeht, sich für die letztgenannte Option entschieden habe.
Ich weiss nicht, ob es diese Umfrage wirklich gab, aber ich halte ein solches Ergebnis durchaus für denkbar.

Eine frühere Kollegin, die wenn sie über andere redete, gerne von silbernen Löffeln und vergoldeten Wasserhähnen sprach und von dem was die anderen alles vorne und hinten hinein gestopft bzw. geblasen bekämen, gab in einem ehrlichen Moment unumwunden zu: Ich bin vom Sozialneid zerfressen.
Das war vor über 10 Jahren. Aus irgendwelchen nicht näher benannten Gründen war Hubertus Heil ihr Lieblingshassobjekt.
Sie trug gerne Lonsdale Klamotten und Springerstiefel, hatte einen feather cut und bestand darauf ein Redskin zu sein. Die Vereinnahmung der uralten Marke durch Rechte regte sie auf. Noch mehr allerdings empörte sie sich über Idioten, die rechte nicht von linken Skins unterscheiden konnten und sich vorsichtshalber zurückzogen, sobald sie mit vor Missgunst und Hass funkelnden Augen den Raum betrat. Ich habe keine Ahnung was aus der Frau geworden ist. Ich hoffe sie hat keinen Mord begangen. Hubertus Heil jedenfalls lebt noch und setzt alles daran, ALG- II-Empfängerinnen das Leben nach Kräften schwer zu machen.

1000 Fragen an mich selbst (691-750)

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Es sind immer noch Fragen offen.
Weiter geht es:

691. Wen fragst du, wenn du einen weisen Rat brauchst? Da frage ich NB oder einen Anwalt.
692. Was ist das Schönste am Nach-Hause-Kommen? Der schwanzwedelnde Hund und die gurrende Katze. Außerdem die Beleuchtung und der Blick in den Garten.
693. In welchem Unterrichtsfach warst du in der Schule gut? In fast allen. Am Besten in Deutsch, Französich und Englisch.
694. Wann hast du zuletzt ein Baby in den Armen gehalten? Vor wenigen Tagen. Es war ein sehr schönes, berührendes und beglückendes Gefühl.
695. Würdest du jemanden wie dich gern zur Freundin haben? Ja, glaub schon. Ich würde mich wahrscheinlich an der Exzentrik der Freundin und an ihren vielen Eigenarten und ihrer Sturheit stören. Aber ich würde gerne mit ihr spazieren gehen und mir alles zeigen lassen, was ich jetzt alleine erkunden und herausfinden muss.
696. Kannst du gut warten? Ja. Ich mag es nicht, wer wartet schon gern, aber ich kann mich fügen.
697. Welches Problem würde dich veranlassen, zum Psychologen zu gehen? Sucht.

698. Was möchtest du irgendwann noch lernen? Eine weitere Sprache, zum Beispiel hebräisch.
699. Worauf kannst du keinen einzigen Tag verzichten? Ich glaub ich kann auf alles verzichten, außer auf Wasser und auf Schlaf.
700. Wie oft beginnst du einen Satz mit: „Als ich so alt war wie du …“? Zu oft.
701. Wie zufrieden bist du mit deinem Körper? Ich finde ihn ziemlich in Ordnung. Etwas gesünder könnte er sein, aber ich mag ihn.
702. Wenn du für eine Wand in deiner Wohnung eine Farbe aussuchen solltest, für welche Farbe würdest du dich entscheiden? Ich nähme sturmgrau oder bleu mourant.
703. Was hast du gestern Schönes getan? Cappuccino getrunken und Krähen gefüttert, wie jeden Tag.
704. Was machst du, wenn dir etwas nicht gelingt? Dann versuch ich es noch einmal und vielleicht noch ein drittes Mal und dann gebe ich auf und suche mir ein neues Wirkungsfeld. Sollte es mal etwas sein, was ich unbedingt schaffen muss, mache ich eben so lang weiter, bis es klappt.
705. Was ist das Unheimlichste, das du jemals getan hast? Ich habe mich im Ginnheimer Spargel (Frankfurter Fernsehturm) verbotenerweise auf die Glasscheiben der Aussichtsplattform gelegt. Ich bin sehr froh, dass sie nicht herausgebrochen sind. Ist das gruselig oder einfach nur dumm?
706. Sind andere gern in deiner Nähe? Manche ja, andere wahrscheinlich nicht.
707. Was schwänzt du manchmal? Alles was ich kann. Schwänzen liegt mir im Blut. Ich schwänze Unterricht, Arzttermine, Hochzeiten, Beerdigungen und Geburtstage. Meist sucht mein Körper sich den Ausweg und Vorwand einer körperlichen Unbill. Immerhin habe ich es totzdem geschafft Trauzeugin zu werden. War knapp. Im Innersten bin ich eine gesellige Soziophobikerin. Jede intimere Begegnung mit Menschen kostet mich Überwindung. Hab ich mich aber erstmal durchgerungen fühle ich mich meistens sehr wohl. Schwierig.
708. Wann ist die Welt am schönsten? Darüber müsste ich nachdenken.
709. Was hast du erst vor Kurzem herausgefunden? Dass zwei Menschen mit denen ich befreundet bin eine Affäre haben und beide glauben ich wüsste es nicht. Hihi.
710. Magst du Kostümpartys? Glaub nicht. Früher fand ich so Motti wie „Neukölln, Hermannplatz“ ganz gut. Heute elendigt mich jede Form der Verkleidung.
711. Wie schnell weichst du vom vorgegebenen Pfad ab? Ich verstehe die Frage nicht. Welcher vorgegebene Pfad und wie schnell in Bezug auf was?
712. Was ist das beste Gefühl der Welt? Zufriedenheit.
713. Was machst du meistens um drei Uhr nachmittags? Cappuccino trinken
714. Mit welcher berühmten Persönlichkeit würdest du dich sehr gut verstehen? Ich hab keine Ahnung. Vielleicht würde ich mich mit Margarete Stokowski ganz gut verstehen. Oder (hoffentlich) mit Samira El Ouassil.
715. Was würdest du servieren, käme die Königin von England zum Tee? Grünen Tee und dazu Zitronen-Rosmarinküchlein.
716. Was kannst du einfach auf morgen verschieben? Was ich heute nicht besorgen konnte.
717. Was macht ein Spaziergang durch die Natur mit dir? Ein Spaziergang durch die Natur macht mich ruhig und zufrieden und er inspiriert mich.
718. Welches Lied passt am besten zu deiner Beziehung? Vielleicht Strong Enough von Sheryl Crow.
719. Wie sieht deine ideale Welt aus? Niemand frisst niemanden.
720. Was bedeutet für dich Geselligkeit? Was Geselligkeit für mich bedeutet i.S.v. wie wichtig sie mir ist? Ich bin kein Gruppenmensch und ich bin sehr gerne allein, aber ich mag auch Menschen und mit sehr vertrauten Freunden, verbringe ich auch gerne lange Tage unter Obstbäumen oder am See.
721. In welchem Beruf wärst du wahrscheinlich ebenfalls gut? Das weiss ich nicht. Mir fehlt jeder Ehrgeiz und so fällt es mir schwer, mir auszumalen in was ich gut sein könnte. Der Sohn einer Freundin möchte gerne Stadionsprecher bei der Eintracht Frankfurt werden. Sowas in der Art gefiele mir auch. Vielleicht sollte ich mal eine Saison lang ein Fahrgeschäft begleiten und die Ansagen machen. „Das macht Spaß! Das macht Freude! Das bringt immer wieder neues Vergnügen!“

722. Was waren die liebsten Worte, die du jemals zu einer Person gesagt hast? Das verrate ich nicht.
723. Was von der Einrichtung deiner Wohnung hast du selbst gemacht? Ich habe ein paar meiner Möbel entworfen aber nicht selbst gebaut. Gilt das als selbst gemacht?
724. Wie würden dich Leute beschreiben, die dich zum ersten Mal sehen? Groß, sehr schlank, lange, dunkle, gewellte Haare.
725. Was würdest du mit einer zusätzlichen Stunde pro Tag anfangen? Schlafen.

726. Welchen Film würdest du für einen Filmabend mit Freundinnen aussuchen? Ich schaue keine Filme und mit Freundinnen würde ich erst recht keine Filme angucken.
727. Fühlst du dich anders, wenn du ein Kleid trägst? Klaro. Kleider sind viel bequemer als Hosen und nach dem Essen drückt nichts am Bauch. Im Sommer trage ich fast ausschließlich Kleider und fühle mich natürlich unbeschreiblich weiblich.
728. Welcher Geruch erinnert dich sofort an früher? Patchouli. Da muss ich an den Frankfurter Flohmarkt, den Eisernen Steg, die Hare Krishnas und die Räucherstäbchen denken. Ich hab mir gerade erst ein Duschgel mit dezentem Patchouli-Geruch gekauft.
729. Was würdest du anders machen, wenn du auf niemanden Rücksicht nehmen müsstest? Nichts. Ich nehme nur soviel Rücksicht, wie es sich mit meinen Lebensvorstellungen verträgt. Es scheint, als wären alle recht zufrieden oder zumindest d´accord damit. Allerdings pflege ich auch keine Hobbies oder dergleichen, an denen man sich stören müsste. Ich bin nicht laut, ich schmutze nicht.
730. In welcher alten Kultur hättest du leben wollen? In keiner. Ich will in einer Kultur leben in der es Strom und Antibiotika gibt.
731. Denkst du lange über Entscheidungen nach? Nein, Entscheidungen treffen mich, nicht ich sie.
732. Hast du schon einmal vor dem Ende eines Films das Kino verlassen? Ja, bei Trainspotting musste ich den Saal verlassen. Erst beim zweiten Anlauf konnte ich den Film zuende sehen.
733. Über welche unangemessenen Witze lachst du insgeheim doch? Ist mit unangemessen rassistisch, sexistisch usw. gemeint? Mir machen solche Witze keinen Spaß und wenn ich doch einmal darüber lache, dann gequält und verzweifelt, so wie ich bei der Beerdigung geliebter Menschen lachen muss, weil die Tränen nicht fließen können.
734. Findest du, dass die schlechten Tage auch zum Leben gehören? Sicher. Licht, Schatten usw.
735. Was müsste in der Gebrauchsanweisung zu deiner Person stehen? Bitte folgen Sie den Anweisungen auf dem Display
736. Wie gross ist unsere Willensfreiheit? Zu großes Thema für ein plaudriges Fragestündchen.
737. An welchem Kurs würdest du gern teilnehmen? Vielleicht Alphornblasen oder ein Erste-Hilfe-Kurs für Haustiere. Ein Goldschmiedekurs wäre vielleicht auch ganz interessant.
738. Machst du manchmal Scherze auf deine eigenen Kosten? Klar. Allerdings mache ich mich nicht (mehr) selbst nieder und klein dabei.

739. Welche Blumen kauft du am liebsten für dich selbst? Ranunkeln, Tausendschönchen Dahlien oder Glockenblumen im Topf. Chrysantemen mag ich auch. Im Frühjahr Tulpen.
740. Welche Eigenschaft eines Tieres hättest du gern? Ich wäre gerne verspielt wie eine Krähe im Wind.
741. Darf man einer Freundin von einem Gespräch mit einer anderen Freundin erzählen? Ja, das darf man. Solange man dabei keine Geheimnisse verrät oder Indiskretionen begeht.
742. Wem erzählst du, was du geträumt hast? Aller Welt.
743. Ist Neues immer besser? Nein, natürlich nicht. Manche Fragen hier sind wirklich zu -ähm- beknackt.
744. Was machst du, wenn eine Party nicht so richtig in Schwung kommt? Ich ziehe mich bis auf BH und Slip aus, singe „Muss I denn zum Städele hinaus“ und tanze auf dem Tisch.
745. Was hast du in der Schule gelernt, wovon du immer noch profitierst? Sprache/ Fremdsprachen.
746. Sagst du immer die Wahrheit, auch wenn du eine Person damit verletzen könntest? Nein. Niemand tut das.
747. Was hast du in letzter Zeit jemandem gegeben, der die betreffende Sache dringender gebraucht hat als du? Ich verschenke ständig Dinge, die andere besser gebrauchen können als ich. Von dringend kann allerdings nicht die Rede sein. Was brauchen wir schon dringend außer Lebensmitteln und einen Platz zum Schlafen (und Strom und Medikamente)?
748. Bist du in der virtuellen Kommunikation anders als von Angesicht zu Angesicht? Ja, ich glaub schon.
749. Was machst du, wenn du dich irgendwo verlaufen hast? Dann frage ich mich durch oder versuche es mit Google Maps. Oder ich rufe den Unterfranken an und lasse mich lotsen.
750. Wann bist du zuletzt im Theater gewesen? Das ist so lang her, dass ich es nicht mehr weiss. Für den Theaterbesuch fehlt mir ein Erwachsenengen, welches mich ruhig und konzentriert auf meinem Stuhl sitzen ließe.

 

 

 

 

Bild siehe: https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2019/02/19/1000-fragen-an-dich-selbst-1-20/

Der Fremde liest sich weiterhin durch alle Seiten. Wahrscheinlich quer. Manch kluger Kopf erfasst Gedanken schon ehe man sie aufgeschrieben hat. Einer würfelt mit Buchstaben, ein anderer verflüssigt sie und gießt Glocken daraus. Großes Schädelgeläut as usual
Was Ihr schon lange könnt, kann ich jetzt auch.

Fragen zum Text werden nicht beantwortet.

Die Dinge entwickeln sich langsam und nach meinem Geschmack.
Geschäftigkeit leitet mich durch die dunklen Tage und färbt den Winter heller und freundlicher als in den Jahren zuvor. Ich weiss nicht, ob jemals ein Januar mir so erträglich erschien und die kurzen Tage so wenig an meinem Gemüt genagt haben wie dieses Mal.

Bei Annika lese ich von anzüglichen Kühlschrankverkäufern und bewundere sie ob ihrer Ruhe und Gelassenheit. Was hat diese Stadt bloß aus mir gemacht, frage ich mich und erinnere mich an einen Moment vor vielen Jahren, ich war gerade erst in Berlin gelandet, als ich einen üblen Rüpel auf der Straße im Beisein des Kanzlers Wichser nannte und alle Welt damit erstaunte, am meisten mich selbst. Tolle Erziehung! rief der Rowdy dem Kanzler zu, der hilflos und ergeben mit den Achseln zuckte.
Am Abend betrachtete ich mein Gesicht im Spiegel, steckte mir eine Veilchenpastille in den Mund und zerlutschte sie mit eingesaugten Wangen.

Meine Jakobs haben inzwischen heraus gefunden wo ich wohne.
Auf dem Mäuerchen im Garten warten sie auf ihre tägliche Ration. Lege ich die Nüsse nicht rechtzeitig aus, krächzt es laut von den kahlen Ästen herunter.
Auch der Eichelhäher und die Elstern wissen wann Bescherung ist.