Mich wundert

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Fünf lange Wochen habe ich meine Ängste und meine Müdigkeit weggeschlafen und die Spur neu eingestellt.  NB hielt derweil Zuhause die Stellung, versorgte Tigerin und Pflanzen, leerte den Briefkasten und füllte die Wohnung mit seinen klugen Gedanken.

Fünf heilsame und glückliche Wochen.

Kaum zurück hat das Katastrophenleben mich wieder.
Ein Rechtsstreit steht ins Haus.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin.

Titel hier eingeben

Wenn es heute läutet, ist es meist nicht in meinem Kopf. Wenn es kracht, ist es manchmal nur mein Knie. Wenn es weint bin´s immer seltener ich (eher schon das quengelnde Nachbarkind, das mir früh am Morgen ins Walkie Talkie funkt und kräht. -Wozu braucht die Frau überhaupt ein Walkie Talkie? -Too long, you would not read it).
Wenn keine Antwort kommt, ist es weiterhin das große Schweigen mit seinen wechselnden Protagonistinnen. Heute: die Alpen.

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Vor einem Jahr, denke ich, als mein Blick auf den Laternenfuß mit dem verwaisten Fahrradschloss fällt, vor einem Jahr genau, es war ein heißer Augustnachmittag, so wie heute, hat mir die Malerin hier, an dieser Stelle, die grausame Geschichte des armen Berliner Dackels erzählt, von der ich lieber niemals erfahren hätte. (Ob man den Täter je gefasst hat?)

Dass ich mir Dinge derart situationsabhängig merke, wundert mich schon lange nicht mehr. Erstaunlich finde ich hingegen, dass der Nachbar am Mittag aus einem Polizeiauto mit Rosenheimer Kennzeichen steigt.
Und zwar als Fahrer. Im Adidas-Jogginganzug. Dabei ist er Landwirt.
Sein kleiner Hund patrouilliert unterdessen routinemäßig die Straße auf und ab. Die Fellzeichnung mit den steilen Augenbrauen lässt ihn grimmig aussehen. Der tippelnde Gang und das aufgeregte wie grundlose Dauerschwanzwedeln indes wirken töricht und unbedarft, was man von seinem Besitzer, der in geducktem Gang und sich verstohlen umblickend ins Haus schlüpft, nicht behaupten kann.

Mit offener Fahrertür steht der Streifenwagen in der Hofeinfahrt.

 

Den ganzen Tag erlebe ich solche Mikrogeschichtchen. Manche drehen sich nur um einen dicken Apfel, der an einem winzigen Ästchen hängt. oder um grün schillernde, wunderschöne Käfer, die ich aus einem Ameisenhinterhalt, der sie das Leben gekostet hätte, rette. Andere handeln vom einzigen Blatt eines ansonsten kahlen Baumes und sind genau genommen gar keine Geschichten sondern eher Gleichnisse. Dem Grunde nach wahrscheinlich sterbenslangweilig (außer für mich).
Doch aus jedem dieser Bilder, ließe sich mit etwas Engagement und Geschick eine interessante Story spinnen, wenn nicht der Aufwand des Schreibens wertvolle Zeit binden würde, in der ein weiteres Dutzend solcher Erlebnisse verloren gingen.

(Experience, sagt der Engländer. Vivencia, weiss der Spanier)

So könnte ich, wenn ich anstatt zu prokrastinieren fleißig schriebe, schwerlich von meinem topfitten Hund berichten, wie er mit fliegenden Ohren im trommelnden Galopp den Feldweg entlangprescht, und den auch die unvermeidlichen Funktionsradfahrer, die mit ihren schotterspritzenden Mountainbikes (mit E-Motor) im Vorbeibrettern zeternd auf die Hundeanleinpflicht hinweisen und, um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen und nebenbei mich und den verfluchten Drecksköter zu erziehen, voll auf das liebe Tölchen draufhalten. (Wo doch Hunde bis Kniehöhe gemeinhin als Fußhupen gelten, aber jetzt auf einmal eine Gefahr für Wald und Flur darstellen).

Denn statt unangeleint spazieren zu gehen und eben diese Dinge zu erleben, säße ich jetzt am Küchentisch unserer Unterkunft, vor mir ein Gemälde Gabriele Münters, neben mir ein Fenster mit Blick auf einen Malvenstrauch, und schriebe über in der Vergangenheit liegende Eindrücke, wie etwa die Landung der ersten Störche, die trächtigen Kühe auf der Weide, die im Schatten eines Baumes lagern und wiederkäuen, über die beiden Fohlen, eines davon mit Karpfengesicht, und ihre blondbeschweiften Mütter. Darüber, wie die Gastgeberin mich am Abend vor dem Haus mit ausgebreiteten Armen, glückseligem Lächeln und den Worten „Ich bin jetzt Königsmutter“ begrüßt und mir einen Zeitungsartikel zeigt, in dem ihr Sohn abgebildet ist. Von den nächtlichen Wieseln, die mit ihren kleinen Pfötchen über das Dach unserer Hütte trippeln schriebe ich. Vom Blätterwerk des alten Gartens und vom klaren Wasser des Sees, von den Hühnern vor der Kirche und von der Sandkuhle in der sie baden, von der Baustelle am Bahndamm, der Eichenallee und dem Moos und vom rätselhaften Verschwinden des alten Ziegenbocks.
Das brave Tölchen läge währenddessen zu meinen Füßen, zuckte mit den Beinen und erträumte sich all die Dinge die sie  hätte sehen und all die kleinen Tieren die sie hätte aufspüren können, wenn ich statt auf den Monitor zu schauen und die Finger über die Tastatur tanzen zu lassen, meinen großen  Hut aufgesetzt, das Walkie Talkie geschnappt hätte und durch den Garten in Richtung Feld davon marschiert wäre.

 

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Die Nacht über hat es stark geregnet. Am Morgen, es ist noch dunkel, erwache ich vom hektischen Gebimmel der nahegelegenen Kapelle. Für einen kurzen Augenblick habe ich Angst etwas Schlimmes könne passiert sein. Doch dann fällt mir wieder ein wo ich bin.

 

Während die  Katatstrophenchronistin urlaubt, setzt die Apokalypse aus.

 

 

 

 

 

 

Zwetschgen

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Vielleicht sind mir nicht die Worte abhanden gekommen sondern bloß das Bedürfnis, die Außenwelt weiterhin an meinem Innenleben teilhaben zu lassen. Mich darzustellen, gehört und verstanden werden zu wollen.

Heute sind es Bilder, die ich wie Kiesel aus dem Wasser fische, sie herumzeige und ein paar Meter weiter wieder ins Nass zurückwerfe. Von Belang nur während der kurzen Zeitspanne, die sie in meiner Hand liegen. Danach nicht mehr als Erinnerung und weiter nicht der Rede wert.

Was in mir vorgeht, was mein Leben bestimmt, hat nicht die Dringlichkeit der vergangenen Jahre. Die großen Beben liegen hinter mir. Kraft sammeln für die nächste Welle.

Ich weiß, dass hier (auch) Menschen mitlesen, die mir nicht nur nicht geheuer sind, sondern vor denen ich mich auch hüte. Manche haben mich im Laufe meines Lebens verletzt, andere bloß gekränkt, zwei haben mich verraten, ein weiterer wird es noch tun. Um das zu wissen, braucht es keinen Propheten oder besondere Antennen. Die Kenntnis der universellen Schmierwurstigkeit des Neiders und des Enttäuschten, dessen dornengekrönte Ikone zu Fall gekommen ist, reicht vollkommen aus. Mitleid ist nicht Mitgefühl. Es ist, ganz im Gegenteil, oft nichts anderes als Verachtung oder eine bizarre Mischung aus sublimiertem Selbstekel und übersteigerter Selbstherrlichkeit. In other words:      .

 

Der Hahn kräht auf dem Mist. In der gekiesten Auffahrt stehen Kälbchen in Plastikiglus. Die Ohren gespitzt, die neue, fremde Welt in sich aufzunehmen: der Ruf der Mutter aus dem Stall, das helle Zwitschern der Rauchschwalben, wenn sie im schnellen Flug durch die Lüfte jagen. Das blecherne Scheppern der Äpfel, die in eine Schubkarre fallen. Das Tuckern eines Dieselmotors. Regenprasseln, Wind. Abendliche Stille und nächtliche Ruh.

Nur neunzig Tage werden die Kälber haben, sich ein Bild von dieser Welt zu machen. Einige dürfen sechs oder sieben Jahre bleiben. Doch keines von ihnen wird an Altersschwäche sterben.

 

Die Apfelbäume im Garten tragen weniger Früchte, als im letzten Sommer. Die Wiese, auf der beinahe nur noch Löwenzahn wächst (scheußlich, würde der Kanzler sagen, dem ebenso, wenn auch aus anderen Gründen, die Worte ausgegangen sind) ist noch grüner als gewohnt und die Pflaumen sind angesichts mangelnder Alternativen allesamt verwurmt.
Oma Gustl, die Mutter meines verstorbenen Zahnarztes, hätte bestimmt noch einen Kuchen daraus gebacken, nachdem sie die halbierten und entkernten Früchte auf ein gezuckertes Blech gelegt hätte, um die Würmer aus dem gelben Fleisch zu locken. Am nächsten Morgen hätte sie das Obst in ein Sieb gegeben, abgewaschen und die Hälften auf dem sehr dünnen Teig verteilt.

Der Gedanke an das zuckrige Blech mit den sich windenden Würmern ekelte mich und machte mich gleichzeitig traurig. Mir taten die Tiere Leid und insgeheim hoffte ich, Oma Gustl würde sie, statt sie im Abfluss hinunter zu spülen, im Müll entsorgen, wo sich gewiss neue Nahrung für sie fände. Vielleicht, so hoffte ich, entwickelten sie sich auf der örtlichen Müllkippe zu Schwärmen bunter Schmetterlinge, die im nächsten Frühjahr zu den Obstbäumen ihrer Geburt zurückkehren und dort, wie schon ihre Vorfahren (Väterväter), für verwurmte Früchte sorgen würden.

Einem Teil der Würmer, davon war ich überzeugt, war die Süße der Heimatfrucht genug gewesen. Sie hatten das Obst nicht verlassen und fanden nun den Tod im Ofen von Oma Gustl, die uns später mit ihren krummen Fingern und den dunkel geränderten Nägeln ein Stück des lauwarmen Kuchens auf den Teller legen und dazu einen Kakao oder ein Glas trüben Apfelsaft servieren würde.
Die gebackenen Würmer, so stellte ich mir vor, traten in Oma Gustls Küche ihre letzte Reise, durch meinen Körper, der ihnen zu einer Art Krematorium wurde, an, ehe ihre Überreste dann doch noch den Weg in die Kanalisation fanden und sich später im Fluß und schließlich im Meer verloren.

Am Ende unserer Besuche klaubte Oma Gustl für ihren Enkel und dessen besten Freund, meinen Bruder, jeweils eine Silbermünze aus ihrem gut gefüllten Kellnerportemonnaie und fragte „Is des´n Rischtische?“ Meist waren es Richtige, doch manches Mal beförderte sie auch einen unbekannten Silberling hervor, beäugte ihn von beiden Seiten, kam zu keinem Ergebnis und wurde dafür von den beiden Jungen lachend geneckt. Schließlich  hielt jeder von ihnen ein Zwei-Mark-Stück in der Hand. Wir Mädchen gingen leer aus.

Oma Gustl betrieb ein in linken Kreisen beliebtes Café im Frankfurter Nordend.
Nach ihrem Tod erbte ihr Enkel das große Mietshaus aus der Gründerzeit und erhöhte, so hörte man, zuerst einmal allen Parteien kräftig die Miete, was ihn selbst in die komfortable Lage versetzte mit hochgelegten Beinen an seinem Punk-Fanzine herumtippseln, und sich auch sonst ganz seinen Hobbies widmen zu können.

Geschichten, alles nur Geschichten. Weit weg, wie die Scholle auf der ich geboren wurde, und das Eis, so lese ich, ist inzwischen vollständig geschmolzen.
(Was verschwunden ist, lässt sich weder suchen noch finden. Ein beruhigender wie auch beunruhigender Gedanke. Vergeblichkeit (die kleine Schwester der Endlichkeit) als Trost und Abgrund).

Und sonst?
Ich schlafe gut und tief. Die pulsierende Ader an der Schläfe scheint harmlos zu sein. Das Moos ist weit, die Berge hoch, die Luft ist frisch, der Himmel tiefblau und selbst die Brezn aus dem Aldi-Backautomaten schmecken besser als jedes Gebäck in Berlin, ausgenommen die Kunstwerke des Belgiers, den ich mir lieber als Franzosen vorstelle und der backen kann wie kein Zweiter in der Hauptstadt, dem allerdings sein aufbrausendes Gemüt und seine unzuverlässigen Öffnungszeiten im Wege stehen, eine wirklich große Karriere zu machen (die ihm offenkundig sowieso nichts bedeutet).
Das hiesige Rockerpärchen wohnt noch immer neben der Autowerkstatt. Er trägt weiterhin einen langen weißen Bart und schraubt an seinem Motorrad herum. Als Satteltasche dient ihm ein alter Scout-Schulranzen und seine schwarze Lederjacke hat Fransen. Seine Frau sitzt auf einer Bank, streichelt den Hund und blinzelt zufrieden in die Sonne.

Wir rufen nicht die Polizei, wir rufen die Familie, steht am Eingang ihres Häusls.

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Mensch, prima, sagt die Filmemacherin, als wir antiquierte Redewendungen austauschen. Ich kontere mit: Echt klasse!

Alto, Alta

Immer wenn ich versuche, faul zu sein, kommt irgendetwas dazwischen. Zum Beispiel Planung und Vorbereitung einer Reise.

Auf meinem Rechner befinden sich Dutzende angefangener Texte.
Sie tragen Titel wie Chronische Tachinose oder El idiota eres tu.
Natürlich wird keiner von ihnen dem Ernst der Lage und der Leichtigkeit i.S.v. Gewichtslosigkeit des Lebens gerecht.

In meinem Küchenschrank liegt eine ausgetrocknete Zitrone.
Wieso sie, anders als alle ihre Vorgängerinnen, keinen Schimmel angesetzt hat, weiss ich nicht. Gerne hätte ich etwas zu Herrn Ackerbaus einzigartiger Mould-Sammlung beigetragen.

 

Und sonst?
Der Grat auf dem ich mich bewege, lässt mich ob der Aufstiegshöhe bzw. der Falltiefe jubeln und erschaudern. Alles eine Frage der Perspektive.

 

Der Unterfranke schickt ein Foto vom Zugspitzengipfel.
Noch drei Tage bis zu den Alpen.

Ereignisse mit mehreren Lichtquellen

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Als noch Himmel war

 

Stalinbauten und rauschender Verkehr. Die Iller fehlt, die Berge fehlen, das Waldstück zwischen Rubi und Oberstdorf. Der Bachlauf mit den schwarzen Salamandern, der holzverkleidete kleine Bahnhof, tieffliegende Spatzen in der hohen Halle und vielversprechende Auslagen beim Bäcker, die sich am Ende als fades Zuckerwerk entpuppen, mit dem ich später, auf dem Rückweg, eine Spur in den Wald legen werde.
Auf dem Bahnsteig eine siebenköpfige Familie, alle mit dem gleichen Shirt. Die Goldschmiedin kommt à la minute. Vom Allgäu geht es nach Oberbayern und ehe sich jetzt Irgendwer anschickt, mir zu gratulieren: ich schwelge nur.

 

 

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Safttropfen versickern in meiner Kleidung. Dr. Beckmann wird es richten.

Wie auf den Bildschirmen an Geschäftseingängen, läuft der innere Monitor mit: ich sehe mich zwischen den Riegelbauten, der Hund neben mir, meine Tasche als Schurz. (bei Schurz denke ich – dank früher MAD-Lektüre – an Roger Moore und dann erst an die Carl Schurz und noch später an den Pfarrer Britz und Lass die Micky Maus raus als beinahe prähistorisches Grafitto an der Kirche gegenüber und dann denke ich an dich– weiterhin zusammenhangslos (Notiz für mich selbst).

 

 

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Hinter dem Freiluftkino wälzt das Tölchen sich beherzt auf dem Rasen. Als ich zu ihr hin stürze, ist es bereits zu spät. Der fettige Odeur des toten Meerschweinchens klebt in ihrem staubigen Fell.

Die grillende Familie gleich nebenan schaut zu, wie ich, nah an der Brechgrenze, meinen Hund beschnuppere und am liebsten an einen Baum binden würde und dann doch unter den Arm klemme und unter zischenden Flüchen nach Hause stapfe. Die Kinder lachen.

 

 

 

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Bei Höhlenausgrabungen stieß man auf Knochen von Menschen neben Knochen von Großkatzen. Die menschlichen Gebeine waren abgenagt, die der Katzen unversehrt.
Ein paar Schichten darüber fand man abgenagte Katzenknochen neben unversehrten Menschengebeinen.
Carbonspuren belegten: irgendwann zwischen diesen Zeitschichten war das Feuermachen erfunden worden.
Rollentausch durch Fortschritt.

 

 

 

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Der Kanzler ist auf dem Weg nach Spanien. Der Verkehrsfunk meldet schwerste Unfälle auf der avisierten Route. Der Unterfranke, der im Falle eines Unfalles des Kanzlers (qua notgedrungenem Sanitäter-Einverständnis) schon vor langer Zeit zum Hiob bestimmt wurde, ruft zu ungewohnter Stunde an, druckst am Telefon herum und zögert und will nicht mit der Sprache heraus und ich halte die Luft an und überlege, ob ich sofort bewusstlos werden oder Herzrhythmusstörungen bekommen und in haltloses Weinen ausbrechen soll, oder ob ich besser erst nachfrage, was denn um Himmels Willen passiert sei. Mit angstvollem Herzen entscheide ich mich für Letzteres. Joke, was ist los?

Doch der Unterfranke sagt nicht was los ist und schweigt einfach weiter und mein Herz setzt kurz aus und mir wird bang und immer banger. Und während es in meinem Kopf dröhnt und die Angst mir die Kehle zuschnürt, höre ich auf der anderen Seite ein beklommenes Räuspern, lautes Ein- und wieder Ausatmen und mit schweissnassen Händen und kurz vor der Ohnmacht wiederhole ich meine Frage, dieses Mal beinahe flehend: Joke, was ist denn los?

Und der Unterfranke atmet noch einmal tief ein und ich spüre, wie schwer es ihm fällt, und dann sagt er: Ich habe eine Abmahnung bekommen.

Und ich sage: Gott sei Dank!

Arcachon

Lili hatten ihre linksliberalen Eltern sie genannt und als das berühmte Foto vor dem Bahnhof entstand, war sie schon nicht mehr mit meinem Bruder liiert. Trotzdem muss ich immer an sie denken, wenn ich eine dunkelgelockte Frau im Trenchcoat sehe, was zugegebenermaßen nicht besonders oft vorkommt, und dann denke ich auch an M. der dieses Bild geschossen hat und an die große Düne in Frankreich und den Geruch von Pinienharz und die Lichtspiele im Sand und an die verliebte B., die glaubte, dass der Beischlaf den M. sie eines Tages lieben lassen würde.

Wenn ich von Süden kommend durch die Adalbertstraße gehe, führt mein Weg an der Tagesklinik vorbei und jedes Mal denke ich an das Kind, die Nichte oder den Neffen oder auch das Neffix, das nicht geboren wurde und ich denke an die Ex-Frau meines Bruders, die inzwischen nur wenige Häuser entfernt lebt, wie mir der Argentinier verraten hat, mit dem sie irgendwann einmal ein Techtel hatte.

An meinen Bruder und seine Frau denke ich ebenso, wenn ich Karlshorst höre und dann sehe ich sie vor mir, wie sie sich im Wohnzimmer des kleinen Häuschens halbnackt auf dem Sofa räkelt und wie des Bruders Mitbewohner sie ermahnt, sich bitte etwas überzuziehen. Der Mitbewohner mit einem Faible für lateinamerikanische Frauen, war jener Mann, der ein überbuchtes Flugzeug nicht nehmen konnte, das dann ohne Überlebende abstürzte und damit im Falle seiner Mitreise dem Namen seiner Frau zu trauriger Gültigkeit verholfen hätte: Soledad.

Inzwischen ist mein Bruder ein gutes Dutzend Mal umgezogen und hat wahrscheinlich halb so oft die Partnerin gewechselt, oder die Partnerinnen ihn. Jetzt wohnt er in einer alten Schule, oder einem Bahnhof irgendwo in Ostdeutschland und seine Hobbies sind Katzen, E-Gitarren und ein alter Sportwagen. Eine nette Freundin hat er auch, so erzählt man. Ich hoffe, es geht ihm gut.

Zuletzt und zum ersten Mal nach langer Zeit gesehen habe ich ihn bei der Beerdigung der Lieblingstante im Winter 2017. Da war sein Haar wieder länger und gewellt und an den Fingern trug er Silberschmuck und um den Hals einen Lederriemen mit silberner Sonnenscheibe oder Maya-Kalender und er war immer noch mein Bruder, auch wenn er mich nur knapp grüßte und nicht mit mir sprach.

Möglicherweise, ich erinnere mich nicht genau, hatte die Schwester an diesem Tag etwas mehr Kontakt zu ihm und hat ihn noch. Doch jeder von uns bleibt eine Boje und mit der Distanz zueinander stecken wir unser Gebiet ab und trotz der vielen Unwetter ist keiner von uns bisher untergegangen und das ist beinahe mehr als man hätte erwarten können als alles begann.

 

 

 

 

 

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In meinen unfertigen Texten angelt die Katzen nach Spinnweben und nagt sie kopfschüttelnd von ihren Krallen. Ich gehe spazieren, treffe alte Nachbarn und neue Nachbarn und mag die alten meist lieber als die, die drei mal so viel Miete zahlen wie ich und dabei mindestens zwei Mal so unverbraucht und posh sind.
Die halben Texte handeln von mutwilligem und von echtem Rost und von dem Nachbarschaftsgarten mit dem traurigen Peter, der im letzten Herbst seinen Hund Idefix begraben hat und nun ganz allein ist und noch mehr trinkt als zuvor (vor Jahren, man mag es kaum glauben, sieht man ihn heute rotgesichtig und zahnlos, kam er mir in der Pücklerstraße entgegen und im Vorbeigehen nahm ich ihn als einen ungewöhnlich attraktiven, melancholisch dreinblickenden Mann wahr).
Aber die halben Texte erzählen auch von den Krähenkindern (Jakob!), die ich zu retten beauftragt bin. Das eine füttere ich, das nächste bewahre ich vor Harm durch LKW-Reifen vor der Bundesdruckerei (im Hintergrund Nachtigallengesang und in den Baumwipfeln die verzweifelt krächzenden Eltern, die immer wieder zum Sturzflug ansetzen, ihr Kind zu verteidigen).
Geholfen dabei hat mir ein junger Schlaks mit Bierflasche, Käppi und sehr roten Augen. Eine halbe Stunde geteilter Fürsorge, bis wir mit einem kurzen Gruß auseinander gingen.
Unterwegs fällt mir auf, dass irgendwer die Zeit auf 45 rpm gestellt haben muss, denn die Stimmen drehen viel höher, als ich es gewohnt war, ehe der inzwischen auch längst verblichene und bunt übermalte Winter Einzug gehalten hatte.
Im Zeitraffer müssen all die neuen Häuser gebaut worden sein und nun sind sogar die jungen Bäume um Meter höher, als noch vor zwei oder drei Jahren und Cafés aus Containern und Holz mit Liegestühlen davor und 20 Sorten craft beer vom Fass gibt es auch.

Die kleinen Kinder, die ihre Münder über den dünnen Wasserstrahl aus der blauen Säule halten und deren nasse Füßchen hübsche Stempel auf den Asphalt drücken,  werden in einer fernen Zukunft meine Rente bezahlen und das Leben, das wir ihnen vererbt haben, in ihre inzwischen großen und hoffentlich auch starken Hände nehmen müssen. Ein wenig tun sie mir Leid für das Gewicht, das auf ihnen lasten wird, und ein bisschen beneide ich sie für die viele Zeit und all die Verwandlungen, die noch vor ihnen liegen.

Vor dem ehemaligen Postamt suche ich nach Käfern und Bienen für die jährliche Insektenbilanz. Nur zwei oder drei finden sich an der gepflegten Außenanlage des neuen Hotels. Eine stark geschminkte, nikotindünne Dame im fließenden Kleid mit silbernen Sandalen schaut mir rauchend zu.

Kein Vogel singt in der Mittagshitze, die Eichen neben dem Sportplatz sehen aus wie Pappeln, ein paar junge Männer sitzen im Schneidersitz beieinander und trinken Wasser aus großen Flaschen.
Cuisine de Berlin steht auf dem Imbisswagen vor dem Tempodrom. Ein Mann bestellt Currywurst und Pommes. Der Hund legt sich in den Schatten der breiten Treppe. Zusammen betrachten wir die Portalruine des Anhalter Bahnhofes auf der anderen Seite des Platzes. Mehr ist nicht übrig geblieben von den großen Reisen.