familiär

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Seducer, mit tiefem Blick über hochgezogener Schulter und Augenaufschlag so schmetterlingsgleich.
Schatten du Wolkenbegleiter,
Glück mit spitzen Beinen unter glattem, rundem Bauch

 

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Der Kanzler ruft an. Zurück aus Spanien, wo die Cousine ohnmächtig inmitten toter Katzen und meterhohem Unrat aufgefunden wurde. Tagelang muss sie dort gelegen haben. Sie lebt, es geht ihr Tag für Tag besser und kaum erholt behauptet sie, der 2000 km entfernt wohnende Kanzler persönlich habe die Müllberge in ihr Häuschen gebracht.

Schon als Jugendliche hat sie heimlich für mich geschwärmt, erklärt mir der Kanzler.

Nächste Woche feiert der Kanzler seinen Geburtstag und er wird ins Brandenburgische reisen, um seinen Sohn zu sehen, der zugleich mein Bruder ist. Gerne hätte auch ich ihn getroffen, mit jeder Kerze auf seinem Lebenskuchen wird mir dieser Wunsch dringlicher, doch er fürchtet Ärger und Gram weil der Brudersohn ihn für sich alleine beansprucht und voraussichtlich einen seiner gefürchteten Tobsuchtsanfälle bekäme, wenn ich an einem der Nachmittage den Kanzler zu einem Waldspaziergang träfe.

Vergangene Nacht hörte ich mir eine Doku über das Leben einer Crystal- Meth-Familie an. Anderswo geht es viel schlimmer zu, dachte ich entsetzt und erleichtert zugleich und schlief erst am frühen Morgen unter dem Japsen und Schnaufen des ziemlich arg erkrankten Bekannten ein.

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Zwischen meinen Mails finde ich auch eine des hannoveraner Cousins, die ich um ein Haar in den Spam verschoben hätte, weil ich kurzzeitig vergessen hatte, dass ein Prof. Dr. im Postfach nicht zwingend ein Scharlatan sein muss, der mir überteuerte Allheilmittel für eben noch in hypochondrischer Furcht ergooglete Malaisen andrehen will. Auf Berlin-Besuch möchte er kommen, der Cousin, zusammen mit seiner Dr. -Frau. Ob ich ihm auch die Adresse und Telefonnummer meines Bruders geben könne. Doch ich besitze weder das eine noch das andere und versuche diesen weiteren Beleg familiärer Zerrüttung so beiläufig und unpathologisch wie möglich in Worte zu kleiden, was mir leidlich gelingt.

Später, beim nachmittäglichen Spaziergang, bleibe ich vor der auf eine Brandmauer gemalten Werbung für den Frackverleih seit 1914 stehen. Echter Wohlstand, denke ich, zeigt sich darin, dass man überhaupt eine Gelegenheit hat, einen Frack zu tragen, noch viel mehr aber dadurch, dass man ihn sich kauft oder maßschneidern lässt, statt auf eingemottete Leihware zurückzugreifen.
Ob 1914 wohl ein gutes Jahr für die Geschäftseröffnung war?

Wie ich so da stehe und nach oben schaue, fällt mir auf, dass hier, an der Ecke Brückenstraße, einer der letzten innerstädtischen Gebrauchtwagenhändler seinem aussterbenden Gewerbe nachgeht. Polierte schwarze oder silberfarbene Angeberkutschen mit viel PS und Doppelauspuffen parken, Schnauze zur Straße, auf der Brachfläche, die mit dem standesgemäßen silbernen Flatterband abgesteckt ist.
Früher gab es sowas an jeder Ecke, überlege ich beim Weitergehen, nun sind auch sie beinahe Geschichte, genauso wie die Bären im Köllnischen Park, deren Zwinger nur zwei Fußminuten entfernt ist.
Dort angekommen, ermuntert ein „offen“ Schild den interessierten Besucher in den ausgestorbenen Backsteinbau einzutreten. Mir fehlt heute der Selbstgeißelungswille, die beengte Tristesse, in der die Berliner Wappentiere jahrzehntelang gehalten wurden, in Augenschein zu nehmen. Für einen kurzen Moment nur bleibe ich vor dem Glaskasten mit der Handvoll angepinnter, verblichener Amateurfotos stehen, die an die letzten beiden Bären, Maxi und Schnute, erinnern sollen.
Sie waren Mutter und Tochter. Ein Leben lang.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: klam maik, berlin, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

danke, danke, danke!

 

Heute ist ein guter Tag. So scheint es zumindest.

Ein Jahr habe ich gekämpft und plötzlich, ganz unerwartet, öffnet sich eine Tür.
Ich weiß nicht wo die Fallstricke sind, es gibt welche, das zeichnet sich ab.
Der Anwalt wird es mir sagen. Doch dem Grunde nach habe ich Recht bekommen und mir wurde annähernd bewilligt, was ich brauche.

Ich kann eigentlich gar nicht glauben, dass jetzt alles gut sein soll. Ist das denn möglich? Ist das Katastrophenjahr vobei, darf ich durchatmen? Oder lauert das Biest um die Ecke und wird umso härter zuschlagen, sobald ich mich zurückgelehnt habe?

Ich nehme jetzt einfach mal das Beste an und freue mich. Wie eine Frühlingskönigin im Narzissengewand.

Und zur Feier des Tages widme ich der lieben dergl, die mich, wie viele andere auch (danke, danke, danke!) , moralisch sehr unterstützt hat in der schweren Zeit, als Joy-Division-Affine diesen Song von

Lea Porcelain:

 

 

 

 

 

Ein klitzekleines Kind übergab man mir. Eingewickelt in eine wattierte Decke, hatte es nur knapp die Größe eines Zeigefingers. Das zerknautschte rote Gesichtchen und die geschlossenen Augen zeugten von der nur wenige Stunden zurück liegenden Geburt.

Ich solle es zu seiner Mutter bringen, sagte man und obwohl mir unwohl dabei war, tat ich wie mir geheißen.

An den Weg zu der mir unbekannten Frau erinnere ich mich kaum, nur daran, dass das Kind, ein Mädchen, in meiner heissen Hand und dick eingepackt wie es war, zu schmelzen drohte, und sein winziger Körper eine solche Hitze abstrahlte, dass ich es kaum mehr zu halten vermochte.

Am Ziel, einem fünfstöckigen Gründerzeitwohnhaus, angekommen, trug ich es eine endlos lange  Wendeltreppe empor. Die Stufen waren so hoch und so tief, dass ich sie trotz meiner langen Beine nur unter Zuhilfenahme der freien Hand erklimmen konnte. Unterdessen ging es dem Kind in meiner Linken  immer schlechter. Doch oben angekommen, befand sich neben der letzten Stufe, eingelassen in einen Holzpfosten, eine Steckdose in die ich sogleich, als lebensrettende Maßnahme, ein Ladekabel steckte. Während ich, in der einen Hand das glühende Kind, in der anderen den Stecker, dort kniete, versammelte sich eine Gruppe Frauen in cremefarbenen Leggings, mit kurzem Flatterröcckchen und engem Spaghettitop an der Balustrade und begann einen stummen Tanz. Es war das Stasiballett und sofort fiel mir auf, dass eine der Frauen sich nicht synchron  zu den anderen bewegte. Auch ihr Körper verriet, dass sie nie und nimmer eine Tänzerin war.
Nun wusste ich auch, wer die Mutter des Kindes war: es war Frau Dr. Angela Merkel.
Das kleine Mädchen in der Hand stieg ich vorsichtig die Treppe wieder herunter und verließ das Haus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Traum nach einer Dokumentation über sexuellen Missbrauch in der Familie

 

Fatigue

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Meiden macht mehr Arbeit, als man meinen sollte.
Und es ist teuer.
Und es macht schlank.

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Zucker nicht, Käse nicht, Fleisch sowieso nicht, Fritten und Erdnüsse nicht, Chips nicht, Sonnenblumenkerne nicht, Milch nicht, Butter nicht, Sahne nicht, Bananen nicht, Joghurt nicht, Quark aber schon, Weizen nicht, Sonnenblumenkerne nicht. Gerne Walnüsse, Hasel sind auch gut. Kein Sesam. Kein Palmfett, kein Kokosöl. Kein Kaffee, kein Schwarztee.
Mir fehlt Fett. Und Zucker. Ich behelfe mir mit Himbeeren mit Agavendicksaft in Sojajoghurt an Kürbbiskernöl und trinke heimlich das verbotene Schwarz. Becherweise. Die weitestgehende Enthaltsamkeit hilft. Bloß die Müdigkeit, die bleierne, bleibt mir treu.

 

 

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Das Gutachten missfällt dem Kostenträger. Ein neues muss her.
Ich richte mich darauf ein, dass die Sache sich mindestens ein weiteres Jahr hinziehen wird. Verplemperte Lebenszeit. Der Versuch sie zu genießen, während das Zelt neben der Kloake aufgeschlagen ist. Gestank als Frühlingsduft interpretieren, den Abgrund als Möglichkeit.

Schicksal als Schongse

Unterdessen hallen Paragraphen durch die Korridore meines Seins.
Existenzsicherung ist ein zeitraubendes, ein ernstes Geschäft.
Der Hauptverantwortlichen, die ich gerade in einem Interview sah, geht es blendend. Pumperlgesund lächelt sie in die Kamera. Ein warmer, ein herzlicher Blick. Tja

Nachts im Bett höre ich Dokus über die RAF. Über den Deutschen Herbst. Über Hungerstreiks. Ich hab nicht das Zeug, mich zu radikalisieren. Den verweifelten Zorn aber kann ich verstehen.

Lieber wütend als traurig. Lieber Sonne als Regen. Lieber lebendig als tot.

Einmal filettiert und stückchenweise an die Bürokratie verfüttert ist es irgendwann vorbei mit der Vaterlandsliebe. Muttersprachliche Ankündigungsschreiben vergällen das letzte Dazugehörigkeitsgefühl. Die Mitte mischt mit. Ich gehöre nicht dazu.

Meine Mutter hat, ein blöder Zufall?, ein entscheidendes Scherflein zu meiner aktuellen Lage beigetragen. Morgen übrigens verpasst sie schon zum zweiten Mal Ihren Geburtstag. Zeit für einen Ausflug nach Lübeck. Ein Pikkolöchen in die Fluten kippen. Besser noch einen Mariacron.

Übrigens: am point of no return gibt es kein Zurück. Falls Sie es nicht wussten.

Das lässt sich 1:1 auf zerstörtes Vertrauen übertragen. Was futsch ist futsch, da ziept nur  ein leises, ein wehes Bedauern, ab und an, wie eine verblasste Narbe wenn das Wetter wechselt. Flügelschläge im Nest, ich könnte davonfliegen, doch ich muss es nicht mehr.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, FA , R
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Richtfest oder The Unknown Audience

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Der Weg nach Marzahn führt mich am Biss-Tro und der offenbar dazu gehörenden Kost-Bar vorbei. Die fünfspurige Straße ist dicht befahren. Der Hintermann drängelt. Im Rückspiegel ragt silbern der Fernsehturm ins dräuende Dunkelgrau. Ein Geschäft zur Linken nennt sich Silver Plast. Im Laden daneben wird Berufsbekleidung und Imagekleidung feilgeboten. Mir fällt der Alkoholiker ein, der jeden Vormittag zu seiner Trinkergruppe auf dem großen Platz stößt und stets eine Arbeiterhose mit Zollstock in der Seitentasche trägt. Ob er den Männern jedes Mal die Geschichte von der verlängerten Mittagspause und dem bevorstehenden Richtfest auftischt und ob seine Beerbuddies ihm diese nach der siebten Flasche endlich abkaufen und ob sie ihn, während sie rauhbeinig herumlamentieren und johlen und krakeelen insgeheim bewundern, weil er der Einzige in der Runde ist, der sich scheinbar eine gesicherte bürgerliche Existenz bewahren konnte.

Image, denke ich, ist ja irgendwie alles. Sich selbst erfinden. Eine Rolle in der man sich für präsentabel und liebens- oder wenigstens bewunderns- zur Not auch nur für fürchtenswert hält. Twitter ist Imagepflege in Reinform. Eine Bühne auf der Jeder Alles sein kann und wo alle Welt so tut, als möge und bewunderte und wertschätzte man einander, als schenkte man dem anderen Glauben (was für eine schöne Formulierung!) oder zumindest Beachtung. Des Kaisers neue Kleider. Barock! Total Barock! riefe jetzt die Schauspielerin mit weißgepuderter Perücke und rotem Herzmündchen im zeitlosen Gesicht.

 

Niemand möchte Gejammere und immer nur bad news hören. Leuchten möge es. Scheinen. Weshalb sollte man sich das Elend  reinziehen, zumal wenn´s noch nicht mal richtig zur Sache, also zu Ende geht. (Spring, spring!), wenn´s doch nur Mittelmaß oder halbherzig ist.
Der Mann, der immer wieder ins Hospiz gebracht wird, immer wieder Abschied nehmen muss und sich dann doch berappelt und noch einmal aufschwingt, bis schließlich niemand mehr die Kraft und die Tränen hat ihn zu begleiten. Anteilnahme versiegt auf dem trockenen Boden der Vergeblichkeit. Auch so ein Kalenderblättchenspruch. Ich sollte umsatteln.

Überall in der Welt sterben die Menschen. Das Nordseemädchen ändert nachts um 1.36 Uhr ihr Profilbild. Eine Kerze, ein gerahmtes Foto. Es tut mir so Leid.

Aber das ist nur die eine Seite, die sonnenabgewandte des Mondes. Andere Dinge sind schön und machen mir Freude. Zum Beispiel durchschlafen und mit Kaffeeduft begrüßt werden am Morgen. Oder die Schwester am Telefon deren Sohn gerade zu Besuch ist. Gulasch gibt es, sagt sie, und ich kann hören wie glücklich sie die  Erwartung des gemeinsamen Abendessens macht.

Auch das Tölchen im Sommerkleid hat einen neuen Schub Lebensenergie. Fröhlich schüttelt sie ihren Biber und knurrt den alten Stoffesel an.
Die Tigerin indes hat sich aufs Markieren bzw Protestpinkeln verlegt. Ich ermögliche ihr den freien Zugang zum Duschabfluss. Sehr ungern zwar, aber besser, als wenn sie verstohlen die Strümpfe des Bekannten besudelt.

Der Kanzler, der wunderbar Wahnsinnige, erzählt von einem fremden Mann, der ihn aus dem Auto heraus angesprochen habe und den er schließlich mit nach Hause nahm, weil dieser ihm ein Geschenk machen wollte. Das Präsent entpuppte sich als ein zugegebenermaßen recht schöner und sportlicher Mantel. Irgendwann im Laufe der Anprobe schnappte der Unbekannte sich das Portemonnaie des Kanzlers, nahm es ihm aus der Hand, fischte alle Scheine heraus und zog schließlich zufrieden von dannen. Wie froh ich bin, dass weiter nichts passiert ist. Keine Platzwunde oder schlimmeres. Der Kanzler aber lacht und nennt die Geschichte Der betrogene Betrüger. Warum, weiß er allein.

Nadelöhr

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Vor dem Verzehr des Kuchens müssen die Körper eine Runde durch den Kiez drehen. So will es der Brauch und wir beugen uns seinen Regeln. Bei schönstem Sonnenschein schlendern wir also zum Oranienplatz, wo ein Dutzend Polizeiwannen Stellung bezogen hat und Polizisten rauchend daneben stehen und auf Kundschaft warten.
Vorbei am Tauthaus, den Segitz- und den Erkelenzdamm entlang, spazieren wir in Richtung Süden zum Ufer. Ein neuer Weg wurde dort angelegt, nicht barrierefrei, wie ein gleich zu Beginn angebrachtes Schild ausweist. Weiter vorne sehe ich ein Pärchen einen sperrigen Zwillingskinderwagen die Stufen nach oben tragen. Hätte man auch mal, denke ich und formuliere den Satz aus Faulheit nicht zuende.

Auf der anderen Uferseite, vor dem Urbankrankenhaus, watscheln ein paar kräftige Schwäne auf den letzten milchigen Eisschollen umher, Menschen versammeln sich an den Uferwiesen und werfen ihnen trockene Brotreste zu. Zartgrün glimmen die ersten Weidenzweige, Möwen kreuzen kreischend die Luft, eine Gruppe Enten paddelt gemächlich in Richtung Osten. Hier und da taucht ein Blässhuhn zwischen den Eisplatten auf. Rostig und vertraut sein Ruf.

Den Rückweg nehmen wir über die Prinzenstraße, doch statt geradeaus in Richtung Moritzplatz durchzustoßen, biegen wir an den 70er-Jahre-Bauten vor der Gitschiner ab. Die etwas zurück gesetzten und von der Straße durch immergrüne Büsche getrennten Häuser sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Alles ist  dreckig und herunter gekommen. Auf einer unmotiviert irgendwo in die Wand eingelassenen violett gestrichenen Türe steht Müllraum. Davor und daneben türmen sich Berge stinkenden Unrates.
Ein Stück weiter sind die Abfalltonnen eingegittert. Eine alte Frau tritt aus dem abschließbaren Käfig heraus und schaut uns müde an. Zu ihren Füßen liegt ein Puppenbein.

Bei der Hausnummer 38 surrt ein Türsummer im Dauerbetrieb. Weit und breit ist niemand zu sehen. Begegnungsstätte steht auf einem Schild mit Berliner Bär. Daneben hat jemand einen Zettel an das Panzerglas geklebt. In case of emergency, steht da, Police department 53, 24 h a day und darunter eine Telefonnummer. Wir schauen, dass wir Land gewinnen.

Wenig später sind wir zurück am Oranienplatz. In der Zwischenzeit scheint hier eine Demo stattgefunden und sich schon wieder aufgelöst zu haben. Menschen stehen in Grüppchen beieinander. Manche tragen zusammengerollte Fahnen. Afrin, denke ich und gehe weiter. Ich schäme mich für meinen tatenlosen Gleichmut, doch ich bin so entsetzlich müde und stumpf.

Am Engelbecken kommt mir ein menschgewordenes Plattencover aus den 70ern entgegen. Zwei Lockenköpfe mit wehendem Haar und einem zuversichtlichen Lächeln im friedfertigen Gesicht. Wir freuen uns, uns zu sehen, lang ist´s her. Die Griechin erzählt, dass sie nun in einem Hausprojekt im Kiez untergekommen sind. Sehr angenehm ist es dort, die Miete günstig. Ach, wie schön!
Jeder, der bleiben kann, ist ein kleiner Triumph gegen das Unaufhaltsame.

Zuhause angekommen schmeckt uns der Kuchen, den der inzwischen schon wieder abgereiste Kanzler mitgebracht hat, ganz ausgezeichnet. Seine ältere Schwester, die treue Seele, hatte ihn extra für mich aus Mandelmehl, Marzipan und Schokolade gebacken. Dem Gemüt bekommt das köstliche Süß, dem Körper hingegen nicht. Doch gerade kann ich es ihm eh nicht recht machen, nicht mal mit einem guten Espresso. Ich muss schauen, dass ich wenigstens die Stimmung ein wenig hochhalte und dazu eignet sich nichts besser als Zucker und Koffein.

Inzwischen bin ich so erschöpft und kurzatmig, dass ich beschließe, die Telefone für zwei Tage abzustellen und weder nach Mails noch nach Post zu schauen. Bin ja sowieso  noch immer und schon wieder krankgeschrieben. Einfach mal die protestantischen Skrupel überwinden, und sich auch ohne gearbeitet zu haben zur Ruhe legen.

Nachdem das Spezialfutter für den Hund für die nächsten 48 Stunden vorbereitet und portioniert ist, die Merkzettel geschrieben sind und die Tigerin mit ihren abendlichen Medikamenten versorgt ist, lege ich mich schlagkaputt ins Bett und erwache erst 15 Stunden später wieder. Heute, am Tag zwei des Schonprogrammes, bringe ich es am Morgen bereits auf insgesamt 30 Stunden Schlaf. Zum ersten Mal nehme ich nun auch Tabletten gegen die Entzündungen und spüre ein wenig Erleichterung. Es wird vorbei gehen, das weiß ich, es geht immer vorbei, irgendwann. Ruhe ist der Schlüssel zur Genesung und die hole ich mir jetzt, fast ohne schlechtes Gewissen.

Ab Morgen werde ich mich dann wieder in den Alltag stürzen müssen. Ich hoffe im Briefkasten lauert keine Vogelspinne oder ähnlich Toxisches.
Der Bekannte ist da, das ist gut.
Alles andere wird auch wieder werden.
Hinter dem Müllraum liegt ein weitläufiger Garten.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Elena Mazzanti, flickr, Berlin_Kreuzberg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Das erste Gutachten ist übrigens in meinem Sinne ausgefallen, was eigentlich bedeuten müsste, dass jede weitere Behandlung überflüssig geworden ist. Leider ist das nicht der Fall. Augenblicklich scheint so ziemlich jede Zelle in meinem Körper entzündet zu sein. Ich bin schwach, fiebrig und immer müde. Insofern hat die Behörde, die die Kosten für meine Behandlung nicht übernehmen möchte, sich selbst ein Bein gestellt, indem sie mich mit ihrem andauernden Zirkus in einen neuen heftigen Schub hineingeschubst und meinen Gesamtzustand erheblich verschlechtert hat. In meinem Sinne bedeutet also, dass es mir mies geht und die Gutachterin dies auf voller Linie bestätigt hat.
Ob ich mich darüber freuen soll, weiß ich auch nicht so genau.

Die Verweigerung der Behörde, den Vereinbarungen des gerichtlichen Vergleichs nachzukommen, konnten wir mit einer Vollstreckungsdrohung beikommen.
Sie werden es wieder und wieder versuchen, da mache ich mir keine Illusionen. Sadismus und Machtmissbrauch sind fest implementierte Teile der Verwaltungsstrukturen. Jenseits  von Legislative und Judikative hat sich da eine ganz eigene Gewalt etabliert, die letztlich nichts anderes durchsetzt, als das was mehr und mehr gesellschaftlicher Konsens zu werden/ sein scheint.

Zufällig verfolge ich die Tweets einer der Hauptverantwortlichen für meine Misere. Und manchmal juckt es mich schon in den Fingern, ihr darauf zu antworten. Denn das was sie schreibt und wie sie sich nach außen darstellt, hat mit ihrem konkreten Handeln so gar nichts gemein.

Ich versuche, nicht ständig daran zu denken was mir noch alles blüht. Lieber von Tag zu Tag sich hangeln und an dem freuen was ist. Zum Beispiel an den Blumen zum Weltfrauentag, die ich mir unemanzipierterweise gewünscht und von dem müden Bekannten geschenkt bekommen habe.

 

 

Der Kanzler ist zu Besuch. Wir machen uns ein schönes Wochenende. Trotz allem und erst recht.
Meiner Leserschaft wünsche ich ein ebensolches!

 

 

let it flow

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Ich lese von einer Flaschenpost, die nach über 130 Jahren auf der anderen Seite der Erde gestrandet ist und ich stelle mir vor, wie in dieser Zeit, noch vor Errichtung des Eiffelturms und dem Aufsteigen der ersten Zeppeline, ein kleiner Junge in kurzen Hosen an einem sonnigen Sonntag nach dem Kirchgang am weißen Isarstrand stand und seine in Glas verpackte Botschaft in den Fluss warf über den der bayerische Himmel sein ewiges Blau spannte. Vorbei an treidelnden Lastkähnen und an schaufelradbetriebenen Ausflugsschiffen trieb die Flasche sodann in Richtung Meer, um schließlich nach einer langen Reise, vier Generationen später in Australien anzukommen.
Womit der Beweis erbracht wäre, dass die Meere tatsächlich miteinander verbunden sind, schließe ich die Geschichte und warte darauf, daß du als Küstenbewohner diese Bemerkung fachgerecht kommentieren wirst. Was ja vorher noch völlig offen war? sagst du dann auch erwartungsgemäß und da ich auf dem Ironieohr aus Prinzip und aus Verständnismangel taub bin, frage ich dich was du denkst, welche Route die Flasche von München aus wohl genommen haben wird. Ich mag deinen Blick, wenn du nicht sicher bist ob ich dich auf den Arm nehmen möchte oder ob ich gerade echtes Interesse bzw. Wissenshunger zeige und ich begegne dieser Prüfung mit aufmerksamen und arglosen Gesichtsausdruck. Naja, sagt du, die Isar mündet in die Donau und die Donau bekanntermaßen ins Meer und da war die Flasche dann wohl ein bißchen unterwegs.
Dann ist die Isar ja gar kein richtiger Fluss, sage nun ich und du, der du dich gerade wieder in deine Lektüre vertiefen wolltest, lässt das Tablet sinken und schaust mich an. Wieso das denn nicht, sagst du nach einer Weile und deine Stimme klingt ein klein wenig gereizt. Da erkläre ich dir, dass ein Fluss, der in einen anderen Fluss hineinfließt für mich kein eigener Fluss ist, so wie etwa ein kleiner Finger auch nichts eigenständiges ist und deshalb z.B. auch keine separate Geburtsurkunde bekommt, selbst dann nicht, wenn ich ihm einen Namen gegeben habe, was ja manche Leute durchaus mit ihren Körperteilen oder mit Flussbruchstücken zu tun pflegen. Du machst also ganz im Ernst die Einordnung ob ein Fluss ein Fluss ist oder nicht, davon abhängig, ob er in einen anderen hineinfließt?, fragst du mich jetzt und übergehst zu meiner Überraschung die Körperteilanalogie. Genau das mache ich! sage ich keck und als vernunftbegabter und ordnungsliebender Kopf erklärst du mir sogleich, dass diese Kategorisierung falsch ist und dass ein entscheidendes Kriterium für einen Fluss doch sei, dass er eine Quelle habe. Diesem Gedankengang kann ich mich nach kurzem Überlegen anschließen, gebe aber zu bedenken, dass dann aber die Flüsse, die aus lauter Flüssen bestehen, die irgendwo mal ineinandergeflossen sind auch keine richtigen Flüsse mehr wären, obwohl sie vom Ufer betrachtet doch genau so aussähen wie jene mit einer Quelle. Ob es solche Flüsse, die nur aus Flüssen bestehen und die möglicherweise nicht einmal eine Mündung haben überhaupt gibt, fragen wir uns jetzt beide, haben aber auf die Schnelle keine Antwort darauf parat, denn Geographie und Geologie interessieren uns nur mäßig und so wenden wir uns wieder unseren Rechnern zu.

Eines der Geheimnisse unserer Beziehung ist, dass du den Ball immer im Spiel hälst und ihn mir niemals ganz überlässt.

 

Keep the embers burning!

 

 

 

 

 

 

Bid: Matt Zimmerman, flickr, Morning on the Ganges at Varanasi, India
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

zermatt II oder Dem Elend etwas entgegen setzen

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Theobromin (von griech. „theos“, „Gott“ und „broma“, „Speise“) ist eine organische Verbindung, ein Alkaloid aus der Gruppe der Methylxanthine, und gehört zu den psychotropen Substanzen aus der Gruppe der Stimulantien. Es ist strukturverwandt mit dem Coffein und hat wie dieses eine anregende Wirkung auf das Nervensystem. Theobromin kommt in einigen Pflanzen wie dem Kakaobaum […] vor.