Willy Brandts Sohn

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Am Morgen erwache ich unter Tränen. Die Lunge brennt und mein Herz stolpert. Ich habe von Onkel R., dem Halbbruder meiner Mutter geträumt.

Onkel R. wohnte in einer großen Altbauwohnung im Zentrum Frankfurts. Er war Magna-Cum-Laude-Soziologe und Antifaschist und er bezeichnete sich selbst als geistigen Sohn Willy Brandts.
Onkel R. fuhr einen roten Toyota, trug die Haare lang und hatte einen ausgefransten Oberlippenbart. Seine Haut war olivgrün, ölig und voller Aknenarben, wie die seines Vaters.

Ich bin vielleicht fünf Jahre alt, als mein Onkel an einem Sonntagnachmittag die Treppe hinaufsteigt und mein Zimmer betritt. Wie so oft sitze ich unter dem Tisch, meinen Teddy im Arm, und rechne.

Ohne ein Wort zu sagen, rückt Onkel R. meinen gelben Sprossenstuhl beiseite, greift nach meinem Arm und zerrt mich über den glatten Boden aus meiner Höhle hervor. Seine Augen glühen und seine hohe Stimme überschlägt sich als er plötzlich losbrüllt:

Das machst du nie wieder! So behandelst du meine Schwester nie wieder!

Dann zieht er mich quer durch das Zimmer, wirft mich auf mein Bett, dass die Federn der Matratze quietschen, klemmt meine Arme links und rechts unter meinen Rumpf und setzt sich rittlings auf mich. Ich blicke in sein wutentstelltes Gesicht. Da drückt er mir mein Kopfkissen im Gesicht.

Merkwürdigerweise habe ich zu diesem Zeitpunkt noch keinerlei Angst, Ich bin nicht einmal sonderlich erschrocken. Ich empfinde eher so etwas wie stumme Verwunderung, ein beinahe neugieriges Erstaunen über dieses unerwartete und mir unerklärliche Vehalten, dem nur ein Irrtum zugrunde liegen kann, der sich gewiss gleich aufklären wird. Macht der Onkel gar nur Spaß und will mich erschrecken? Und wo ist meine Mutter?

(Dieses Gefühl des Abgetrenntsein, des ungläubigen Beobachtens und Staunens, wird mir später in meinem Leben noch einige Male begegnen)

Schwer drückt der Körper meins Onkels auf meinen Brustkorb, mein linker Arm ist schmerzhaft verdreht.  Ich wehre mich nicht, dann geht es schneller vorbei.
Doch statt aufzuhören drückt Onkel R. mit immer größer werdender Wut und Raserei das Kissen in mein Gesicht. Meine Wangenknochen biegen sich unter dem Druck, meine Nasenwurzel knirscht, ein spitzer Schmerz schießt mir durch den Schädel. Fest liegen die Lippen auf den Zähnen. Gleich werden sie zerplatzen. Mein Kiefergelenk schnappt unter der Gewalt zusammen. Meine Zähne durchstoßen die Zunge. Mein ganzes Gesicht ist verrutscht. Nichts ist mehr an seinem Platz. Die Augäpfel schmerzen. Ich schmecke Blut.

Noch einmal versuche ich, den Kopf zur Seite zu drehen. Atmen, endlich atmen, doch ich komme nicht an gegen die Wut des Onkels und gegen seine Kraft und meine Luft wird immer knapper, ein dünner Strom, ein Lüftchen nur noch, ein Hauch. Eng sind die Lungen, das Herz rast. Panik steigt in mir auf. Kalte Angst.

Ich ersticke!

(Mama, hilf mir!)

Unkontrolliert strampeln jetzt meine Beine und zappeln und treten ins Leere. Die Fersen schlagen auf dem Bettrahmen auf. Meine Arme winden und drehen sich unter dem Körper. Doch der Onkel steht nicht auf und er lässt mich nicht los und er kennt kein Erbarmen und er drückt und drückt zu und ich strampele und versuche zu schreien und höre wie ein kehliges Gurgeln, ein kläglicher Laut meinen Körper verlässt und jetzt flimmert es in den Augenwinkeln, wie beim Spulenwechsel im Kino und gleich wird es dunkel werden, doch noch läuten die Glocken und ich stehe mit dem Küster oben im Turm, das Gebälk voller Federflusen und die Luft voll tanzendem Staub. Und ein Lichtstrahl fällt schräg durch das kleine Fenster und der Mann hebt mich hoch und ich greife nach dem dicken Seil und ziehe und ziehe und die Glocke läutet lauter und immer lauter und es dröhnt und es wummert in meinem Kopf und in meinem Leib und in unserem Turm und auf der ganzen Welt.

Nachdem der Onkel das Zimmer verlassen hat, bleibe ich noch eine Weile liegen und lausche den Geräuschen im Haus. Mein Mund ist voller Blut, mein Arm liegt noch immer verdreht hinter dem Rücken. Vorsichtig ziehe ich ihn heraus und lecke meine Lippen sauber.
Dann stehe ich auf, schließe die Türe ab, setze mich unter den Tisch und weine.
Unten auf der Straße höre ich Autotüren schlagen und die fröhliche Stimme meiner Mutter. Ein kurzes Hupen. Er ist weg.

 

 

 

 

In des Lebens Dunkel

Gleich zwei Mal innerhalb einer Woche bringt der Paketbote Geschenke. Für die Besinnlichkeit einen Adventskranz und für die Sinnlichkeit ein batteriebetriebenes Orgasmotron mit Vibrationsfunktion. Der Kranz steht aus Tierschutzgründen auf der Terrasse. Das Orgasmotron benutze ich alle zwei Stunden und fühle mich anschließend so entspannt, wie nach einem Wochenende zu zweit.

Zum ersten Mal gesehen, habe ich so ein Gerät auf einem Touristenmarkt in Barcelona. Damals besuchte ich zusammen mit dem Argentinier die Stadt, in der Hoffnung auf diese Weise auch die letzte schmerzhafte Erinnerung an den Mann zu überschreiben, dem ich hier Jahre zuvor begegnet war und den ich nach 18 gemeinsamen Monaten gewillt war auf Nykobing Falster zu ehelichen. In einem besonnenen Moment hatte ich die Sache dann aber doch abgeblasen, trauerte, hungerte und psychosomatisierte ein Jahr lang, um anschließend meine Haare kurz zu schneiden und Herrenanzüge auf dem knochigen Leib zu tragen.

Nachdem ich meine Haare vor zwei Jahren wieder einmal rsapelkurz habe schneiden lassen, sind sie inzwischen bis zur Rückenmitte nachgewachsen und statt zu hungern, werde ich dieses Mal essen, bis der Nabel glänzt.

Watch out/ Birder´s Delight

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Draußen sägt oder laubbläst jemand. Genauer kann ich das unangenehme Geräusch nicht einordnen. Die besondere Akustik des fensterlosen Bades erschwert die Analyse.

Was, so frage ich mich in einem Anflug von Abenteuerlust und Paranoia, wenn die Lärmmacher da draußen einen ganz anderen Auftrag hätten (they are calling from the agency), plötzlich mit Kettensägen vor meiner Wohnung stünden und das Türblatt zerlegten?

Würde ich mich wundern, woher um Himmels Willen sie den Strom für ihr Berserkertum bezögen und würde ich sodann versuchen durch hektische Inbetriebnahme sämtlicher Elektrogeräte (6 Radiatoren, 4 davon technisch überholt) für einen Kurzschluss auf der Etage zu sorgen oder würde ich, um keine wertvolle Zeit zu verlieren, durch das Fenster zum Garten hin fliehen, auf die Gefahr hin, dass ein mit den örtlichen Gegebenheiten bestens vertrauter Komplize mir dort bereits auflauerte, um mich mit anderem Gerät zu traktieren bzw. zu zerschreddern, wie selmols der Müller den Max & den Moritz.

Bei einem vorsichtigen Blick auf das Straßengeschehen stelle ich fest, dass wohl tatsächlich zunächst ein lange abgestorbener Baum gefällt wurde und nun, mithilfe eines Häckslers, zur Vernichtung des Totholzes geschritten wird. Ein großer Mann mit  blondierten Haaren zwingt mit vollem Köprereinsatz die dicken Äste in das hungrig klaffende Maul des Gerätes. Der Boden ringsum ist übersät mit Spänen. Ein Komplize ist weiterhin nicht in Sicht.

Ich schaue ans andere Ende der Straße, wo der riesige Hölzfäller, die Axt lässig geschultert, auf seinem Sockel steht und gen Westen schreitet. Dicke Schneeflocken wehen ihm ins bärtige Gesicht. Ein amerikanischer Straßenkreuzer schiebt sich von links ins Bid und kommt vor meinem Haus zum Stehen. Die Tür des Wagens öffnet sich, eine Frau steigt aus. Sie trägt eine dicke Daunenjacke mit Fellkapuze.

Ihr Mann, der hier ebenso wenig sichtbar ist, wie ihre noch frische Schwangerschaft, hat irgendetwas zu tun mit einer Briefmarke mit Stockentenmotiv, was sie und ihn mächtig stolz macht und mich sofort an New York denken lässt, wo derzeit eine bunte Mandarin-Ente, wie sie auch im Tiergarten manchmal umherpaddeln, die Bewohner und Touristen in Verzückung versetzt, während im Restaurant um die Ecke Knusprige Entenbrust angeboten wird.

Die universelle Regel lautet wahrscheinlich: ein schönes Gefieder kann deine Haut ebenso retten wie gefährden, je nachdem. Oder einfacher: watch out!

 

 

 

 

 

 

Bild: pmi 2008, vigilant birders, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Brazil

ToKatzja

Erst zwei, dann drei Finger und schließlich die ganze Hand stecke ich durch das kleine Loch, dehne es behutsam auf, um endlich mit beiden Händen knöcheltief hinein greifen und heherzt die Leinwand zerreissen zu können, wie auch die Flammen die papierne Karte züngelnd zerfressen, immer ausgehend von Virginia City, dem Schoß der Welt. (Virgin Suicide)
Hinter den neu entstandenen Öffnungen, den Brand- und Kraft-, den Wut- und Willenskratern liegt das weite Land. Am Horizont die Berge, mein ewiger Trost.

In meinem Traum sind wir in Brasilien, vielleicht auch in Italien. Das Flachdach unseres verglasten Bungalows ist nierenförmig. Fast berühren sich seine Enden und in dem so entstandenen Patio sitzen zwei Menschen mit Rundfrisur auf einer Betonbank. Die Wangen nah beieinander sind sie vertieft in ein vertrautes Gespräch.

Ich schaue aus dem Fenster wie in ein Terrarium hinein oder wie aus einem Aquarium heraus. Das Licht ist hell, aber nicht gleißend, über allem liegt ein grüner Schimmer, Moos wächst aus den Fugen, ein paar Halme hier und da.
Die Luft zum Klingen zu bringen, genügte ein Gäbelchen.
Ich sehe mich nach dem Hund um, der schlafend hinter mir liegt.

Es ist möglich, denke ich, Unterhaltungen über große Entfernungen zu führen, selbst wenn kein Wort gesprochen wird. Die Töne sind immer da.

Auf dem Perron stehe ich. Der Zug ist eben abgefahren und ich lausche dem Sirren der Gleise. Schwarz die Silhouette der Bäume.

 

 

 

 

 

Bild: Oscar_from_Denmark, flickr, Happy Easter!
Lizenz: All rights reserved (with kind permission of the artist- thanks a lot!)

 

Drachelstaat

 

Die Tage ziehen vorbei und mit ihnen unzählige Bilder. Erlebte und erträumte Szenen. Viel Licht dabei und dazwischen immer wieder düstere Nischen.

Meine Wiege sehe ich. Sie steht unter einem Gaubenfenster. Milchiges Winterlicht fällt hinein, körnig und weiss wie das Mulltuch, das man mir vor den Mund gelegt hat. Eine Schnur ist quer über mir gespannt, kleine bunte Gegenstände sind wie Perlen daran aufgereiht. Ich betrachte sie und schlafe darüber ein.

Später stehe ich auf einer Wiese. Ich bin 5 oder 6 Jahre alt und habe zwei Zöpfe links und rechts. Mein Haar ist haselnussbraun, mein kurzes Kleid rosa gemustert. Ich trage Kniestrümpfe. Vor mir steht ein Schaf und schaut mich an. Ich möchte das Schaf streicheln, aber ich fürchte mich ein wenig. Stattdessen zupfe ich grauweisse Wollfetzen von dem Stacheldrahtzaun und verwahre sie Zuhause in einer alten Zigarrenkiste.

Ein paar Bilder weiter sitze ich in der Schule. Die Lehrerin trägt ein dunkles Kleid mit vielen erleuchteten Fenstern darauf. Wie ein Advendtskalender, denke ich, doch sie sagt: Das ist New York.
Als ich mit dem Hund am Bethanien vorbeischlendere, ist es plötzlich wieder kurz nach der Jahrtausendwende und vor der altehrwürdigen Fassade des Gebäudes steht eine Handvoll Kapuzenträger und grölt in die Schwärze der Nacht hinein:  Ihr seid keine Kreuzberger! und: Geht zurück nach 61! Gemeint sind die Bewohner des eben erst gegründeten Wohnprojektes New Yorck.

Ob es dieselbe Nacht war, in der ich auf der Westseite des Parks auch dem bärtigen Mann mit den kurzen dicken Beinen und der speckigen Lederhose begegnete, der seine drei Hunde spazierenführte, wobei der Kleinste die Leine des Größten zwischen den Zähnen hielt?
Scheißprägungsphase, nuschelte der Mann, als ich ob dieses merkwürdigen Anblicks laut auflachte, und: Kinder haben ihn an den Hinterbeinen gezogen, als er noch ein Welpe war.
Ich spürte einen Schmerz in der Leiste, nickte und ging weiter.

Die Hecken von damals sind verschwunden. Wegen der Ratten und wegen der Obdachlosen. Verschwunden ist der klingende Katamaran, verschwunden die Telefonzelle in meiner Straße und erst kürzlich verschwunden die Litfaßsäule.

Auch der Liebesnagel wäre verschwunden, hätte ich nicht beizeiten, ehe das Einebnungskommando kam, ihn aus dem Boden gezogen unter dem Vorwand, ihn in der Spree versenken zu wollen. In Wahrheit habe ich ihn natürlich in den bunten Seidenbeutel gelegt, wo er seither, zusammen mit dem Lottozahlengenerator, einem Abzeichen der KPD/ RZ und anderen Schätzen, darauf wartet, dem Pferdemädchen übergeben zu werden, welches fortan die Liebe und das Leben und die Erinnerung, weiter tragen wird, wie ein Staffelholz.

Die Hummel am See

Als Leke bezeichnet man in Norddeutschland kleine Entwässerungsgräben.
Schlot heissen sie, wenn sie zwischen zwei Häusern verlaufen.

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Mit gestriegeltem Haar und stramm geschnürtem Fußkorsett marschierst du allmorgendlich davon in deine Welt der sorgfältig hintereinander geschichteten Fokusse: Gedankengänge.

Alles an dir ist Disziplin, ist Ordnung, hat System. Selbst das sonntägliche Sichtreibenlassen und die damit verknüpften Bartstoppeln haben ihre Zeit und ihren Ort.

Dass ich nicht weiß wie du riechst, ist nicht allein meiner Dysosmie geschuldet. Du setzt deine Marken anders. Bewusst.

Wir müssen reden, bin ich geneigt zu sagen, obwohl nichts zu sagen mir einfällt, weil die kleinen Dinge nicht lohnen und die großen unaussprechlich sind wie die Familiengeheimnisse, die wir in uns tragen.
Dinge lösen sich auf, denke ich, das normalste der Welt und weiter nicht der Rede wert.
Nichts wird gut oder anders oder besser durchs Reden, würdest Du vielleicht antworten, wenn dieses Stadium wir nicht längst überschritten und uns dauerhaft eingenischt hätten in der Sprachlosigkeit. Wir können nicht reden über all das was wir beschweigen seit Anbeginn, damit nicht zusammenstürzt was brüchig, was Erbe ist.

 

Unvergessen die Hummel am Wannsee. Wie sie emporstieg in den blauen Frühlingshimmel, vor uns das Wasser und im Rücken die Villa, und wie ich ihr hinterher sah, und als mein Blick sich wieder senkte ich in deine Augen schaute, die auf mich gerichtet und so voller Bitterkeit und Argwohn ich  fand.

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Von Güterzügen wollte ich schreiben und tue es nicht, weil das auf´s falsche Gleis uns führen würde.

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/