Mein Tölchen wird sterben.

(Wie wir alle, sagst du). Wie wir alle. Nur früher.
Die Symptome der vergangenen Wochen sind wohl dem Wachstum des Tumors geschuldet.
Scheiß-Krankheiten, Scheiß-Vergänglichkeit.
Wegen der Spiegelneuronen weine ich sowenig wie möglich. Draußen vor der Tür und unter der Maske lasse ich es laufen. Ich spüre, dass sie spürt, dass es dem Ende zugeht. Wie sehr ich dieses kleine Wesen liebe.

Über Schwellen

Der Stein liegt auf dem Tsch, der Prophet ist gegangen. Ob für immer oder nur eine Weile ist offen. Er selbst glaubt nicht, dass wir uns wiedersehen: einer von uns wird sterben; nur so ein Gefühl


Ich liege auf dem Boden und spiele mit dem Feuerwehrauto, im Hintergrund die Leichen meiner erschossenen Eltern. Der Fernseher läuft. Alles Leben und alles Klagen ist im Teppichflor versickert. Unten im Keller wachsen Pilze aus den Wänden, neben der Treppe die tickenden Zähler

Es ist, als krempelte die Zeit die Ärmel auf und ich, ein Korn, darin gefangen. Ausgeschüttelt oder fortgespült. Ich weiss es nicht, ich warte

Kerleven

Auf dem Tisch liegt ein Briefchen Pagemarker neben dem (eigens für den Propheten eingesammelten) Stein in Bergform. Dahinter das Elefantenkännchen mit der schwarz angelaufenen Hutnadel im Rüssel.

Die Tischler haben eine zusätzliche, mit Alugaze vernetzte Terrassentür eingebaut und der Tigerin jede Fluchtmöglichkeit über dem freundlichen Nachbarn seinen Balkong genommen. Jetzt steht sie maunzend hinter der milchigen Tür und tatzt nach den nächtlichen Faltern, die ihre flachen Leiber an das feine Gitter schmiegen.


Das Tölchen ist schwach und fiebrig und verwirrt und wir wissen nicht warum. Manchmal bin ich beinahe entspannt und bereit für das Schlimmste. Dann wieder möchte ich weinen, so groß st die Angst, sie zu verlieren.
Die Fähigkeit drohenden oder empfundenen Schmerz mit Gleichgültigkeit oder freidrehender Euphorie und oblatendünner Zuversicht zu verschleiern (lavieren) scheint fester Bestandteil meines Psychorepertoires und meines anspruchsvoll verwinkelten Seins (zu sein).
Auf dem Platz treffe ich die Nachbarin mit ihrem alten, wackligen Hund. Sie redet von Lebensqualität und einschläfern. Ob er noch isst, frage ich. Ja, sehr gut sogar, aber das hat nichts zu bedeuten.

Die Herbstsonne hat den diffusen Sommerblur aufgelöst und alles nah und überklar heran gerückt.
Vor uns liegt die schwerere Halbzeit. Ich setze reihenweise Heidekraut ins Beet und auf die Terrasse und päppele den schwarzen Nachtschatten und die letzten Tomaten.

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Das Flügelpfeifen der auffliegenden Taube warnt die Artgenossen. Die achte Schwingfeder ist für die Erzeugung des hellen Tones zuständig (die neunte für den Bass). Oben im Gebälk gurrende Heimeligkeit und Infektiosität. Ungenaue Erinnerungen an einen frühen Abend in der Melsunger Straße. Gaslaternen und ein Hundehaufen mit schillernden Fliegen in der Kurve. Ich aus vollem Halse singend, der alte Herr Loch mit Gehstock und Zigarrenstumpen im zahnlos nach innen gestülpten, schwarzen Mund.

Der Kanzler schickt eine Karte (Bretagnemotiv, wie meist) mit der Bitte um Zusendung bestimmter Unterlagen. Es geht um Geld. Ich tue, wie verlangt, doch für einen kurzen Moment fällt es mir schwer, nicht wieder die Wut durch Schmerz-Nummer aufs blind gewordene Parkett zu legen. Um mich zu beruhigen denke ich an den See und die Berge und den Tiroler im gestreckten Galopp.

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Das Foto des vierblättrigen Kleeblattes wird von meinem Handy unter Nahrung eingeordnet und ich fühle mich instantly gram.
Kühe und Hund erkennt das Gerät zuverlässig als Tiere. Auch den Bekannten macht es als solchen aus und weiss sogar den Namen unter dem dieser durch die Welt der Haltungen, der Meinungen, des Wissens und der Bildung segelt. Bald schon wird sein erklärtes Ziel, mehr Followies zu haben als ich erreicht sein. Danach wird’s wahrscheinlich langweilig.

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Die Wohnung in die ich mich vergangene Nacht geträumt habe, lag direkt am Strand von Kerleven und in der verglasten Veranda hing ein ausgeblichenes Schwarzweißfoto von mir.
Freundin S. war zu Besuch und wir wunderten uns beide, nie zuvor bemerkt zu haben, dass ich am Atlantik lebe. Ihr Weg vom Grunewald zu mir musste all die Jahre geradewegs durch eine verborgene Zeitfistel geführt haben.

Diomedes (Pläne für´s Leben)

Vorlaut und schüchtern zu sein ist kein Widerspruch, überlege ich und bin das achtjährige Mädchen, vorlaut und schüchtern. Angst habe ich vor so zemlich allem. Nur die Fliegen mag ich und gebe ihnen Name. Mein Bruder bevorzugt es, sie zu fangen, mit Wucht auf den Boden zu schmettern und die benommenen Tiere anschließend mithilfe eines zur Schlaufe zusammen gezogenen Bindfadens zu enthaupten. Manchmal spielt er vorher Motorboot mit ihnen, wirft sie in eine Wasserschüssel und drückt sie, was vorne für verzweifelten Antrieb sorgt, mit dem Hinterleib nach unten.
Auch an die mit Dartpfeilen aufgespießten Kartoffelkäfer erinnere ich mich noch gut.
Tierschützer wollte er werden, bevorzugt für Drachen. Gerne wollte er auch Vulkane wiederbeleben. Pläne für´s Leben.

(nicht ernst zu nehmende Texte ohne Semikolon)

Dein Bruder ist nicht gerade das, was man einen sympathischen Menschen nennt.
Ich weiss das und er gewiss auch. Das macht ihn so bitter.

Vergangenheit und Gegenwart an der Beringstraße. Ein hungriger Eisbär.

Das zeichnende Szene girl ist inzwischen 60 und heisst wie meine Schwester, die gestern Geburtstag hatte.

Der Notar hat sein Handy auf meinem Schreibtisch vergessen. In den Kontakten suche ich nach einer alternativen Nummer. Eine short message nach der anderen ploppt unterdessen auf dem screen auf.
Als er Stunden später sein Handy abholt, trägt er keinen Ehering mehr.

Großes Rasenstück

Aus dem Nebenzimmer, vielleicht auch von vor dem Haus höre ich leises Murmeln. Ich erkenne die Stimmen meiner Eltern.
Sie wollen mich nicht wecken.


Später springe ich in riesigen Sätzen mit dem Hüpfball, an dessen beiden Griffen ich mich wie an einem weichen Euter festhalte, über den grob geschotterten Feldweg in Richtung See. An der Wegbiegung, gegenüber dem Flurkreuz (Marterl), die beiden Pferde, die mir mit langen Hälsen zunicken.

(Statt Hundeleine verwende ich ein Stück des rot-weißen Flatterbandes von der Parkplatzbegrenzung).


Der Zugang zur Kirche ist während des Infektionsgeschehens nur über die Leichenhalle möglich. Vor den Eingangsstufen ein Meer lilafarbener Glockenblumen. Im Biergarten nebenan sitzen die Gäste mit Blick auf den See. Unter ihren Füßen Kies.

In der kleinen Wildnis steht mit aufgekrempelten Hosenbeinen ein Mann im eiskalten Wasser, das aus einem Steinspalt hervorsprudelt, sich in einem Naturbecken sammelt und von dort weiter in den mit Holzplatten abgedeckten Feuerwehrbrunnen fließt, in dessen Tiefen es brodelt, gurgelt und gluckert. Im hohen Gras das Rad des Mannes, über mir die gefiederten Blätter einer Eberesche mit leuchtenden Beerenständen.
(Anstelle des selten gewordenen Speierlings kann dem Apfelwein auch Quitte oder Schlehe oder die Frucht der Eberesche hinzugefügt werden).

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Am Vorabend Großeinsatz der Feuerwehr. Ein Spaziergänger hat Kinderkleidung am Ufer des Sees gefunden. Mit Rettungswagen, Booten und Hubschrauber rücken die Freiweilligen aus und finden Vater und Kind unversehrt vor dem abendlichen Fernseher. Den Vater, erzählt die Vermieterin, als ich sie im Garten treffe, erwartet eine Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Ich nicke und möchte sie fragen wohin meine Eltern am Nachmittag abgereist sind. Stattdessen rühme ich die schlichte Schönheit des argentinischen Eisenkrauts und seinen Nutzen für die Bienen.
Der Buchsbaum trotzt dem Zünsler. Der Kärcher hilft dabei.

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Der anhaltinische Hahn, bislang namenlos, heisst von nun an Coquebert. Die namensgebende Montbretien * mit den roten Blütenkämmen ist inzwischen verblüht und die Sonnenblume zu einem Baum herangereift. Auch das Topinambur, lose zur Garbe zusammengebunden, steht meterhoch.
Auf den Ästen der alten Bäume flauschiges Moos.

Den winzigen Apfel, dessen Ernte ich mir bis zum letzten Tag aufheben wollte, hat der Starkregen vom Zweig gefegt.
Nun liegt er zwischen Desinfektionsmittelflasche, Stiften und den drei Haselnüssen auf dem Küchentisch.

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Zum ersten Mal in fünf Jahren, sehe ich die Bewohner des Hauses mit den weinroten Kunststoffrolläden.
Schweigend sitzen sie neben dem Grundstückseingang bei Tisch und kauen sorgfältig Bissen für Bissen. Ein Mähroboter surrt über den gepflegten Rasen. Dahinter die Alpen.


Die Störche sind heuer ausgeblieben.

  • (Ernest Coquebert de Montbret, französischer Botaniker, * 31. Januar 1780 in Hamburg; † 7. April 1801 in Kairo)

Mitgift

In nur zwei Wochen wurde die Dorfstraße neu geteert. Das letzte kleine Teilstück soll erst im kommenden Jahr beendet werden, sagt der Nachbar, der mich inzwischen wie eine Einheimische behandelt und über die Geschehnisse im Ort auf dem Laufenden hält. Auch die Bauern der Umgebung lupfen den Hut wenn sie mich sehen, eine Geste, die ich nur von meinem Großvater kenne, der sich auch daran erfreute, wenn ich einen Knicks machte. Einen Knicks!
Von meiner Urgroßmutter geht die Mär, sie sei so vornehm gewesen, sie habe sich sogar vor dem Fernsehansager geniert, als ihre Tochter, meine liebe Großmutter, ihr einmal bei laufendem Gerät die nackten Füße waschen wollte. Nicht vor dem Herrn, Inge, soll sie gesagt haben.
Sie war hochgewachsen und knochig und bewohnte ein Häuschen an der Dorfstraße in Arolsen. Davor ein kleines von links und rechts begehbares Treppenplateau mit schwarz gestrichenem, gusseisernem Geländer. Nicht weit entfernt die Koppeln des ehemaligen Viehmarktes.

Ich erinnere mich gut an sie. Wir haben uns nie umarmt.

Die Tage vergehen. Nachts schlafe ich wie in Vollnarkose. Am Morgen wecken mich die Stubenfliegen im Gesicht und in den Haaren. Auf die Fensterscheiben habe ich bunte Schmetterlinge geklebt. Sie sollen die Fliegen anlocken und mittels Kontaktgift töten. Insgeheim bin ich froh, dass es nicht wirkt. Immerhin fange ich jede zweite mit der Hand und setze sie unversehrt vor die Tür, wo sie kichernd darauf wartet, erneut Einlass zu finden.

Gegen Stechmücken hilft nur Autan, ein ungiftiges Repellent. Die Mischung ätherischer Öle aus der Kur-Apotheke lockt die hungrigen Tiere erst recht an. (Die veganen Gummibärchen aus der Apotheke sind really knorke).

Von der letzten Hütte oben am Hang schauen wir in das Tal, auf die Heuballen, die Rinder und auf das Moos. Jahr für Jahr reise ich in die Alpen, doch nach dem letzten Romflug habe ich zuviel Höhenangst, um mich den Gipfeln zu nähern.

Kurz vor der Abreise erinnerte ich mich plötzlich an einen lange vergessenen Aufenthalt auf dem Predigtstuhl. Der Cousinenvater hatte damals die Seilbahn und das Hotel übernommen und uns auf ein Wochenende dorthin eingeladen. Es war Spätsommer, ich war gerade erst aus der Klinik entlassen worden, mein Bruder war noch Teil meines Lebens und nicht bloße Erinnerung.
Am Abend tanzten die Burschen aus dem Tal in Tracht mit schweren Schuhen über die knarzenden Dielen, einer sprach mich mit kurzem Atem und roten Wangen in einem schwer verständlichen Dialekt an. Möglicherweise war ich angeschickert. Geglüht habe auch ich. In der Ferne die Lichter Bad Reichenhalls.

Am nächsten Tag, wir waren unterwegs zum Jagertee auf einer nahegelegenen Almhütte, landete ein Schmetterling auf meiner Nase. Ich schloss die Augen, unter mir das Tal und die schwebende Gondel der hauseigenen Seilbahn.

Hier im Garten gibt es einen Birnbaum, auf dem ein dunkler Falter lebt.
Ich besuche ihn fast täglich und jedes Mal kommt er angeflogen und setzt sich auf meine Schulter oder meine Hand.

Auch mit den Pferden habe ich Freundschaft geschlossen. Das eine 14, das andere 18 Jahre alt, stehen sie an der steilen Kurve des Feldweges und erwarten mich leise wiehernd, um mich und den Hund ein Stück den Zaun entlang zu begleiten. Manchmal galoppiert das Hellere der beiden im gestreckten Galopp über die Koppel und ich jubele ihm zu.

In meinem Innersten hatte ich geglaubt in diesen Sommer Vollwaise zu sein.
Ich wäre jetzt soweit, denke ich. Der Mutter habe ich verziehen, dem Kanzler werde ich sicher auch irgendwann alles nachsehen. Wut bzw. die hochgiftige und bittere Variante davon (Verachtung) empfinde ich nur noch gegen einen einzigen Menschen, der nicht einmal Teil meiner Familie oder meiner Geschichte ist. Wut ist – ein beliebiger Kalenderspruch.

Traurig bin ich aber dann doch.