Im Herzen ein Jogger

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Sie möchten´s nicht sehen. Auch der Tischler ist sprachlos. Langhaarschimmel auf dem Holzschrank von Gestern auf Heute und Null auf Hundert. Ohne Ansage. Auf der Frontseite, wohlgemerkt.

(Entspannte Lebenslust bringt man am Besten zum Ausdruck, indem man im Schneidersitz sitzend, lachend alle Zähne präsentiert, dabei lässig die Arme auf den Oberschenkeln ablegt und die offenen Handflächen gen Himmel zeigen lässt.

Wenn zu ostentativ tikerscherk böse.)

Das Hörbuch Kindeswohl von Ian McEwan bricht kurz vor Schluss ab, ich schrecke aus dem Halbschlaf auf. Wer kann mir jetzt bitteschön sagen wie der Roman ausgeht? Läuft da noch was zwischen den beiden? Wenn ja, wäre das doch einerseits ganz schön, aber andererseits auch total daneben und wirklich ein dickes Ding, oder?

In einer Online-Rezension des Buches suche ich vergeblich nach einem Spoiler, der mir das Ende verraten könnte, lese stattdessen etwas von Fettgeilchen und muss mich doch sehr wundern. Tatsächlich steht dort aber Fertigteilchen i.S.v. Textbausteinen, wie sich schnell heraustellt, was vermutlich als Schmähung gemeint ist, der ich mich jedoch nicht anschließen mag.
In meinem Universum sind Teilchen etwas was in Röhren beschleunigt wird, sage ich.
Bei uns sind Teilchen die Dinger, die man beim Bäcker kauft, antwortet die Agrarwissenschaftlerin.
Die heißen bei uns Stückchen, entgegne ich und sie sagt Stückchen klinge in ihren Ohren merkwürdig. Schnell sind wir bei anderen regionalen Spracheigenheiten wie Griebsch und Krotzen und während wir so plaudern, beißen wir ab und an in unsere herzhaften Vesperstangen, die wir bei der Bio Company gekauft haben. Normalerweise kaufe ich da nicht ein, aber was soll ich tun, wenn Kraut & Rüben weder die gute Gepa-Espresso-Schokolade hat, noch meinen Almkräutertee. Ne, Bio Company oder Alnatura ist immer der Anfang vom Ende, bestätigt die Agrarwissenschaftlerin, ist bei mir in Moabit nicht anders. Und Fritz Cola, ergänze ich, das ist auch immer schlecht. Oder ChariTea. Kauend nicken wir und wenn bei einer von uns der Mund wieder leer genug ist, ergänzt sie die Liste der Verdrängungsindizien um einen weiteren Punkt. So hangeln wir uns von Thema zu Thema, wie die Affen die Bäume entlang, und natürlich sind das keine Themen, sondern nur ein wenig Fellpflege, sich gegenseitig lausen, sich rückversichern: wir sind Teil der gleichen Blase, der selben Sorgen- und Spaßgemeinschaft, ich fühle wie du.
Und weil am 2. August Erderschöpfungstag war, prüfen wir auf unseren Smartphones noch schnell unseren ökologischen Fußabdruck.
Man muss es sich leisten können ein guter Mensch zu sein, denke ich, denn ohne Bio kann man gleich einpacken, da braucht man mindestens zwei Schuhgrößen größer oder zwei Erden mehr. Wären doch nur alle Menschen auf der Welt reich genug für Bio.
Der Fußabdruck der Agrarwissenschaftlerin ist miserabel, trotzdem ist sie alles in allem recht zufrieden mit sich: viel Bio, regional und auch mal Second-Hand-Klamotten. Wenn nur die vielen Lang- und Kurzstreckenflüge nicht wären, wäre sie gar nicht mal so schlecht aufgestellt. Neuseeland in diesem jahr hat ziemlich reingehauen. Dann der Flug nach Köln zur Stunksitzung und jetzt im Sommer Andalusien. Aber Andere sind noch viel schlimmer als wir, soviel steht fest. Beträgt mein Abdruck beispielsweise jährlich 2,53 Hektar, so braucht der Durchschnittsdeutsche doppelt soviel. Allerdings habe ich unehrlicherweise das Tierfutter nicht mit eingerechnet, wurde aber auch nicht abgefragt, oder hätte ich es bei Fleischkonsum angeben müssen auch wenn es nur Fleischreste sind. Außerdem bin ich ja nicht die Tiere. Oder doch? Den kompostierbaren Bambusbecher, den ich stets mit mir führe, um an ToGo-Bechern zu sparen, schafft hoffentlich wieder einen kleinen Ausgleich zu anderen Sünden.
Wir könnten dem Obdachlosen unter der Leipziger Straße ein paar Euro geben und fragen, ob wir ihn mit einrechnen dürfen in unserer beider Bilanz und dann durch drei teilen. Der isst zwar nicht Bio, hat aber wenigstens kein Auto, benutzt nur Second Hand und verbraucht wenig Wasser und Strom.

Gequält lachen wir und trinken den letzten Schluck unseres fair gehandelten Kaffees. Danach füttern wir die Hunde und drehen anschließend eine Runde am Kanal entlang. Der Obdachlose liegt nicht an seinem angestammten Platz.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, there´s a bug in my bedroom, der bobbel
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Die Antilope

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Als wir am Lokdepot vorbei, hinunter in den Flaschenhalspark gehen läuft neben uns eine hochgewachsene Frau. Sie mag Mitte vierzig sein, vielleicht auch etwas jünger, schwer zu sagen. Sie ist hager und ihre Wangenknochen treten aus dem blassen Gesicht hervor. Die dünnen Beine stecken in einer zu kurzen Jeans, die ihre kantigen Knöchel freigibt und ihre Hüften erinnern an das kastige Gestell indischer Kühe.
In der rechten Hand hält sie eine abgewetzte Alditüte und ich sehe, dass die Haut an ihren Fingern rissig und spröde ist.

Während ich versuche mich auf die Ausführungen des Unterfranken zu konzentrieren, betrachte ich die Frau aus den Augenwinkeln und fühle mich dabei unwillkürlich an die Äpfel erinnert, die wir früher den Winter über im Keller lagerten und deren Haut davon so weich und schrumpelig wurde, dass ich sie mit dem Daumen verschieben konnte.

Ich sehe also diese Frau an, sehe ihre eingefallenen Wangen, die müde Haut, die die Schädelknochen umspannt, sehe den Schmutzfilm auf ihrer Hose, den ausgefransten Saum, die nicht ganz frisch gewaschenen Haare, mattglänzend und fein wie Seide, ihr ausgesprochen schönes Profil mit den ebenmäßigen Zügen, die braunen und warmen Augen.

Sehe ihre Armut und ihre Einsamkeit.

Die Frau spürt meinen Blick, zieht die Schultern zurück und läuft noch ein wenig aufrechter als zuvor den langen schmalen Weg neben den Gleisen entlang.
Ich weiss nicht was mich reitet und weshalb ich sie weiter mit Blicken bedrängen muss, doch ich kann nicht anders. Sie nimmt mich derart gefangen mit dieser Mischung aus Schönheit und Unglück, dass ich sie immer wieder anschauen, sie mit meinen Augen betasten muss, wie etwas Seltenes, Kostbares, etwas, das man nur wenige Male im Leben zu sehen bekommt und sich deshalb genau einprägen möchte, ehe es verschwindet.
Ist es die Suche nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und mir, die mich dazu treibt? Die Suche nach den Überbleibseln einer goldenen Zeit, einer Epoche des Überflusses und Begehrens, der sprudelnden Fülle?
Wen hat diese Frau in ihrem Schoß empfangen? Wieviele Männer und Frauen? Wer hat sie geliebt und wen davon liebte sie zurück? Welche Hoffnungen verknüpften ihre Eltern mit ihrer Geburt, welche sie selbst mit ihrem Leben, als Kind und auch später, als die Welt noch ihr gehörte? Wie wurde aus dem reissenden Strom der leise plätschernde Bach? Wohin ist all das Wasser geflossen, wohin spülte es ihre Träume, die unerfüllten, wie die erfüllten?

Wann fing das an, dass sie Stück für Stück den Boden unter den Füßen verlor? Was hat sie aus der Kurve getragen?
War es der Tod eines geliebten Menschen, eine Krankheit? Eine Trennung, der verlorene Job? Oder brauchte es gar nicht die großen Unglücke des Lebens und es reichten schon die kleinen Erschütterungen, die tägliche Erosion, der fortwährende Bruch, das Nagen der Zeit?

Krank sieht sie nicht aus, auch nicht besonders geschwächt. Eher gebeutelt, beansprucht von den Zumutungen des Seins. Von den Unwegsamkeiten, für deren Überwindung ihr inzwischen die Kraft fehlt.
Ihr Gesicht wirkt noch jung und lässt den Schwung erahnen, mit dem sie sich einmal durch das Leben bewegt hat, ihr Körper indes scheint bereits den Punkt ohne Wiederkehr überschritten zu haben.

Ich sehe sie, wie sie vor zehn Jahren, auf einer Tanzfläche bei einem Ball oder einer Hochzeitsfeier lachend umher gewirbelt wird, ihre Taille umfassen lässt und sich in den Arm des Anderen hineinlegt. Ich sehe sie lächelnd an einem Glas Champagner nippen und vieldeutig über dessen Rand hinweg blicken, herausfordernd, einladend und zugleich Distanz schaffend, wie jemand, der weiß, dass man ihn nicht einholen kann. Niemals. Eine Antilope unter Schafen.

Und heute sehe ich sie an den Gleisen entlang gehen und ich frage mich, was in der Zwischenzeit geschehen sein mag.
Hat sie die Zuversicht, es noch ein Mal zu schaffen? Zurück zu kehren in ihr altes Leben? Möchte sie das überhaupt und würde sie die Kraft dafür aufbringen? Gibt es einen Glauben, eine Hoffnung, die sie immer weiter tragen?
Was führt sie dort in dieser schlaff herunter hängenden Tüte spazieren? Ist es alles, was sie besitzt, was ihr geblieben ist, was es wert war aufzubewahren?
Hat sie überhaupt noch ein Zuhause? Lebt sie allein? Wie lebt sie?

Ich kann meinen Blick nicht von ihr wenden, obwohl ich spüre wie aufdringlich ich bin, wie meine ungehörige Distanzlosigkeit sie bedrängt, wie mein rücksichtsloses Interesse ihren Raum beschneidet, ja regelrecht durchstößt.  Am liebsten würde ich ihr sagen: Es ist ganz anders. ich finde dich schön, ich bewundere dich, nur deshalb muss ich dich immer weiter anschauen, doch mit eben diesen Worten würde ich erst recht eine Grenze überschreiten, die zu übertreten mir nicht zusteht und vermutlich würde ich sie damit eher verletzen als ihr zu schmeicheln oder gar sie zu trösten, denn diese Worte verrieten doch zugleich die Wahrnehmung ihres Verfalls, ihres langsamen Verblühens und das wohlwollende Lächeln des gnädig gestimmten Zuschauers würde sie sich nur noch einsamer fühlen lassen.
So bin ich erleichtert, als der Unterfranke, der die ganze Zeit munter weiter geplappert hat, mich aus meinen Gedanken reisst und vorschlägt eine kurze Pause zu machen, um noch einmal  in die tiefstehende Sonne zu blinzeln, die warm in unserem Rücken steht.
Ich stimme zu und wir setzen uns auf die nächste Bank, die neben den Gleisen steht. Die Frau aber läuft weiter Richtung Norden, geht ohne sich umzudrehen, und ich schaue ihr hinterher, wie sie mit aufrechtem Gang dem Weg folgt und die Tüte in ihrer Hand bei jedem ihrer Schritte sachte mitwippt.
Die Luft ist kühl, ich nehme einen tiefen Atemzug und wende meinen Blick den gelb und rot lodernden Baumwipfeln zu, die in goldenes Sonnenlicht getaucht sind.
Schon bald werden sie ihr letztes Laub abgeworfen haben und die kahlen Äste in den nebligen Himmel strecken.

 

 

 

Bild: „Springbok Antelope Sossusvlei Namib Desert Namibia Luca Galuzzi 2004“ von I, Luca Galuzzi. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG#/media/File:Springbok_Antelope_Sossusvlei_Namib_Desert_Namibia_Luca_Galuzzi_2004.JPG

 

 

 

 

 

Solidarität

Beggars-sleep-near-the-LUKOIL
Vorwärts, und nicht vergessen,

worin uns’re Stärke besteht!
Beim Hungern und beim Essen,
vorwärts und nicht vergessen
die Solidarität!

Bertold Brecht

 

Es ist nicht so, dass ich nichts zu sagen hätte. Ich bin einfach nur unglaublich erschöpft.
Output is gerade nicht viel. Außer bei den und dem Lieblingsmenschen.
Ansonsten hilft nur lesen und ruhen. Nicht soviel quasseln. Zuhören, mir die Weltgeschichte erklären lassen.
Blood, toil, tears, sweat.
Musik: Cello.
Die letzten Monate waren anstrengend genug. Nichts mehr an mich heran lassen was unnötig zehrt oder nervt.
Zum Beispiel dieses Internet. Der alljährliche Verdruss überkommt mich auch heuer.
Kann an der Witterung liegen, an den kurzen Tagen, dem Lichtmangel. Kann aber auch andere Gründe haben.
Jedenfalls habe ich aus meinem Reader mal wieder einige Blogs gelöscht.
Zu banal, zu gehässig, zu kleingeistig, zu antisemitisch, antizionistisch oder israelkritisch, wie sie selbst sich wahrscheinlich nennen würden.
Zuviel warme Luft von zu vielen kaltschnäuzigen oder ignoranten Langweilern.
Kalter Wind von rechts (nein, ich meine nicht Osten, wenn ich rechts sage, oder Süden, wenn ich von unten spreche).
Überhaupt ist es erschreckend, wie sehr die deutsche Bevölkerung, nennen wir sie der Einfachheit halber „das Volk“, das verstehen sie am besten, nach rechts rutscht.
Zack.
HogeSa und Pegida, Seehofer und manche Montagsdemonstranten.
Undsoweiter, undsoweiter.

Schwarzseherisch? Icke? Woher denn!

Aber ich wollte ja eigentlich gar nix schreiben. Nur mal andeuten. Eine Hausnummer nennen, wie ein früherer Vermieter zu sagen pflegte, wenn er über bevorstehende Mieterhöhungen sprach. Die Zahlen waren immer nur eine Hausnummer, nichts Konkretes, zeigten aber schon mal die Richtung an. (Nach oben natürlich, wohin sonst. Hat mal jemand eine Mietsenkung erlebt? Ist irgend jemandem solch  Wunder und Glück widerfahren?)
Was mich direkt zu dem Vermieter führt, dem das Haus gegenüber samt Seitenflügeln und Hinterhaus gehört. Der Mann wurde vor vielen Jahrzehnten in dieses riesige und mächtige Imperium hinein geboren. Als deutscher Fürst lässt er nur Deutsche und auch nur Pärchen in sein Reich einziehen. In jeder Wohnung hat er eine Gegensprechanlage installiert, bei der das Drücken eines bestimmten, mit seinem Namen versehenen, Knopfes direkt in seine Schaltzentrale führt. Auf diese Weise überwacht der greise Souverän seine Untertanen, wenn er nicht gerade dafür Sorge trägt, dass die Pozilei den vor seinem Haus Parkenden ein Knöllchen an den Scheibenwischer klemmt, weil die AU schon 1 Tag überfällig ist. So isser. Und er kann es sich leisten, denn er dealt mit einer der wertvollsten Waren im Kiez: Wohnraum.
In diesem Zusammenhang könnte ich mal wieder über Gentrifizierung schwadronieren. Mal erzählen, wie mich das ankotzt, was hier in Berlin und in meinem schönen Kreuzberg passiert. Aber das spare ich mir heute. Weiß ja eh schon jeder und in absehbarer Zeit wird es auch den Bewohnern der weiter außen gelegenen Bezirken an den Kragen gehen. Denen, die jetzt noch glauben, dass das allein ein Problem von Kreuzberg oder Mitte sei.

Dann wäre da noch Weihnachten. Auch darüber mag ich nix lesen oder hören und schon gar nicht schreiben. Reicht schon, wenn es überall blinkt.
Statt darüber nachzudenken, wie man sich zum Fest der Liebe am besten mit weiterem Luxus belastet, könnte man sich ja mal daran erinnern, dass es da draußen viele Menschen gibt, die den lieben langen Tag Hunger haben und frieren, die auf der Straße leben und verzweifelt sind, weil sie wissen, dass sie nie wieder aus der Misere rauskommen werden. Menschen ohne Perspektive und ohne Ansehen.
Gebt denen doch bitte Eure Kohle, die Ihr ansonsten sinnlos für Weihnachtskitsch oder nutzloses Zeug verpulvern würdet, sie brauchen es, sie freuen sich darüber und es ist allemal besser, als das Geld für überflüssigen Krempel aus dem Fenster zu schmeißen! Es fühlt sich auch besser an, glaubt mir.
Oder wenn Ihr schon nichts abgeben wollt, dann tut wenigstens nicht so, als würdet ihr den Geburtstag von Jesus Christus begehen. Dem stünden nämlich sämtliche Haare zu Berge, wenn er mitansehen müsste wie ausgerechnet in seinem Namen und vorgeblich zu seinem Gedenken die Armen in der Welt alleine gelassen werden, während die Wohlhabenden sich gegenseitig noch mehr Pralinen in den Rachen schieben und Milliarden verjubeln, ohne sich auch nur eine Sekunde daran zu erinnern, auf wessen Kosten sie eigentlich leben, geschweige denn diese Menschen, das Fundament ihres unverdienten Reichtums, an ebendiesem teilhaben lassen.

Und hier noch eine kleine Erinnerung für die, die es vergessen haben: Jesus´ Eltern, die heilige Maria und ihr angetrauter Gatte Josef, waren auch obdachlos. Und ihnen wurde Unterschlupf gewährt. Das lernt man bereits als Kind, denn diese ergreifende Szene wird alljährlich vor der großen Beschenkung im Familiengottesdienst beim Krippenspiel zum Besten gegeben. Danach wischt sich die ganze Familie die Tränen der Rührung aus den Augenwinkeln und freut sich bei der Rückkehr in die festlich geschmückte Wohnung gleich doppelt an der Wärme, den bunten Päckchen unterm Weihnachtsbaum und dem Duft der Zimtsterne.

Freue dich, freue dich, oh Christenheit

Wenn ich mir etwas wünschen durfte, dann wäre das Folgendes: drücken Sie bitte  ihrem Kind einen Geldschein in die Hand und gehen Sie zusammen an einen Ort von dem Sie wissen, dass dort Obdachlose übernachten oder tagsüber Zuflucht suchen. Wenn es keine Obdachlosen in Ihrem Ort gibt, dann beschenken Sie das Tierheim oder gehen Sie zur Sparkasse und zahlen Sie Geld für die Welthungerhilfe ein.
Zeigen Sie Ihrem Kind, wie man es richtig macht.
Lehren Sie Ihr Kind Nächstenliebe und Solidarität.

Herzlichen Dank!

 

(Photo credit: Obdachloser in Russland, Wikipedia)

Bärtige Männer

SAMSUNGIch hab´s ja nicht so mit Weihnachten. Darum an dieser Stelle kein Weihnachtsbeitrag.
Statt vor dem Baum zu sitzen und zu singen bin ich lieber draußen unterwegs und genieße die menschenleeren Straßen.
Es ist mild, fast schon warm. Dann und wann zündet irgendein Bengel einen Knaller und andere Bengel johlen dazu. Ein Auto knattert über den nassen Asphalt und der Hund steckt seine feuchte Nase in den Schmutz.
Dorthin, wo die bärtigen Männer hausen. Die, die bei der großen Verlosung eine Niete gezogen haben, die die nicht über Los gehen durften, sondern für ein paar Runden aussetzen müssen.
Mensch ärgere dich nicht
Die Balkone sind festlich erleuchtet. Immer weniger muslimische Familien leben hier, rund um den Mariannenplatz.
Am Kotti  hängen die üblichen Gestalten rum. Der Turkey fragt nicht nach Jesu Geburt.
Unter dem Viadukt der U-Bahn kauert einer neben seinen zerfetzten Tüten. Das Gesicht vom Leben auf der Straße gezeichnet.
Ich gebe ihm einen Fünfer. Er ist so schwach, dass er sich nicht einmal freuen kann.
Vor der Sparkasse steht der Nächste. Mit einem Pappbecher in der Hand öffnet er jedem die Tür. Drin liegt sein Hund auf einer Decke und schläft.
Er nimmt den Fünfer und schaut sich um, als hätte ich ihm Drogen zugesteckt.
Bei der Post auf der Skalitzer stoße ich gleich auf vier ältere Männer, die hinten im Gang bei dem Behinderteneingang sitzen und die Automatiktür mit einer Unterarmstütze blockieren.
Fünf Euro für jeden von ihnen. Hundert Jahre Leben für mich als Dank.
Draußen ein junger Typ mit Schäferhund.
Als ich ihm 5 Euro gebe kommt die Frau, die auf den Stufen zum Eingang sitzt, und streckt mir ihre Hand entgegen. 5 Tacken auch für sie.
-Siehste, jeder bekommt was, sagt der Typ zu ihr und ich ahne, dass etwas zwischen ihnen schwelt. Die Frau läuft mir hinterher und hält mir eine Packung Ibuprofen unter die Nase. Ich schüttele den Kopf und gehe weiter.
Am Ostbahnhof stehen größere Gruppen betrunkener Männer und streiten sich lautstark.
Ich getraue mich nicht, zu ihnen zu gehen und sie zu beschenken. Lärmende, alkoholisierte Männer ängstigen mich. Außerdem habe ich nicht mehr genug Geld für jeden und befürchte sie könnten sich auch noch um die Scheine streiten.
Drinnen sitzt eine einzelne Reisende mit ihrem Koffer in einem der kleinen Glaskästen, die dort für Wartende aufgestellt wurden. Ansonsten ist der Bahnhof wie ausgestorben. Mitten in der Halle ein Rollstuhlfahrer mit riesigem falbem Schäferhundmischling. Die spindeldürren Beine des Mannes liegen ausgestreckt in einer sperrigen Konstruktion. Er ist in Decken gehüllt und schläft mit zur Seite geneigtem Kopf.
Es dauert nicht lange, bis die patrouillierenden Polizisten auf ihn zutreten, sich breit aufstellen und den Schlafenden auffordern den Bahnhof zu verlassen. Der mächtige Hund fängt an zu bellen und lässt sie nicht näher herankommen. Der Rollstuhlfahrer reagiert nicht, öffnet nicht einmal die Augen. Es bellt ohne Unterlass, die beiden Polizisten schauen ratlos.
Ich freue mich, auch wenn ich weiß, dass sie ihn früher oder später wieder vor die Türe setzen werden. Und wenn sie dafür den Tiernotruf herbei funken müssen, der ihnen den Hund vom Leibe hält.
Inzwischen hat sich, die Gunst der Stunde nutzend, der erste Streithahn durch den Seiteneingang in den Bahnhof geschlichen und wühlt in den Müllbehältern herum.
Statt Pfandflaschen 5 Euro für ihn.
Wie erschrocken er mich anschaut, als ich das Geld aus der Hose hole. Dachte er ich zöge ein Messer? Ich wünsche ihm einen schönen Abend und gehe runter zu Lidl und Rossmann. Dort sitzen sie auch oft.
Heute sehe ich nur einen Mittfünfziger mit gepflegtem Schnauzbart und hellen Wildledermokassins, der mit spitzen Fingern Plastikflaschen aus dem Container klaubt und sie in den mitgebrachten Rollkoffer steckt. Als ich ihn anschaue blickt er weg und geht mit aufrechtem Gang zum Aufzug.
Nein, ihm werde ich nichts anbieten. Es würde ihn kränken.
Das Bellen in der Halle oben hat aufgehört. Der Rollstuhlfahrer ist verschwunden.
Wie immer, wenn ein Obdachloser abgeführt wird, habe ich die Vision, dass er irgendwo in den Katakomben der Bundespolizei verprügelt wird und sie ihn dann an den Stadtrand fahren und auskippen wie Müll. Aus den USA hört man solche Dinge, warum sollte es hierzulande anders sein?
An seiner Stelle steht nun ein gedrungener älterer Mann mit Vollbart. Er trägt ein Ringelshirt und ausgebeulte Hosen mit Hochwasser und Hosenträgern. Darunter Sandalen. Vor ihm ein voll bepackter und mit Tüten behangener Rollator. Ich bin schon im Begriff einen Schein zu ziehen, als ich sehe, dass die Tüten und Kisten voll sind mit Lebensmitteln.
Fehlalarm.
Ich beschließe mit der S-Bahn zu fahren, eine Runde mit dem Hund durch den dunklen Tiergarten zu drehen, und auf dem Rückweg über den Potsdamer Platz vielleicht noch ein paar Obdachlose abzufangen.
Es ist noch Geld übrig.
Neben Balzac sitzt einer, das Gesicht so zugerichtet, dass ich erschrecke.
Ein junger Kerl, keine 25. Platzwunden überall, die Nase dick und blau, die Augen blutunterlaufen und fast vollständig zugeschwollen, hockt er dort beim Ausgang der U-Bahn.
-Kaffee?, rufe ich ihm zu, ehe ich den Laden betrete, und er nickt.
Ich bestelle eine Brezel und einen Cappuccino für mich, einen großen Kaffee und ein belegtes Ciabatta für ihn. In einen kleinen Becher schütte ich etwas Milch und bringe ihm alles drei nach draußen. Er greift nach der Milch und trinkt sie in einem Zug aus. Er hat Hunger.
Dann begreift er, dass ich ihm auch etwas zu essen gebracht habe, und schenkt mir ein schiefes Lächeln. Erst jetzt sehe ich das kleine Pappschild zu seinen Füßen.
I AM HOMELESS
und dieser Satz trifft mich ganz unerwartet tief und heftig. So sehr, dass mir das Kinn zittert, und die Augen brennen.
Wie lasch dagegen das Wort obdachlos klingt.
Der Heimatlose mit polnischem Akzent bedankt sich sehr herzlich bei mir.
You are a good person!
Aufs Äußerste beschämt verlasse ich den Potsdamer Platz und gehe niedergeschlagen nach Hause.
Dort wartet kein Baum, kein Braten, keine Geschenke, kein Kind auf mich.
Dafür aber eine warme Altbauwohnung in begehrter Investorenlage.
Später dann kommt der Unterfranke, und gemeinsam mit einer Freundin kochen und essen wir.
Es gibt kein Recht auf Heimat. Das hat das Bundesverfassungsgericht gerade in einem Urteil zum Braunkohleabbau festgestellt.

Für niemanden.

Musik zum Text: massive Attack, Unfinished Sympathy
http://www.myvideo.de/watch/7030466/Massive_Attack_Unfinished_Sympathy

Armut, Jesus und ein Sexshop

Bald ist Weihnachten. Ein Tag wie jeder andere also. Jedenfalls für Obdachlose.
Vielleicht nicht ganz wie jeder andere: deprimierender.

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlos...

Bundesarchiv Bild 102-10836, Berlin, Obdachlose vor dem städtischen Asyl (Photo credit: Wikipedia)

Wer nicht das Glück hat, wie hier in Berlin, am Weihnachtsschmaus von Frank Zander teilnehmen zu können, oder in einer Wärmestube unterzukommen, um eventuell ein Stück Stollen zwischen die Kiemen zu kriegen, für den ist der Tag noch etwas beschissener und trostloser als der Rest des Jahres.
Beim Fest der Liebe auf der Straße zu sitzen und zu frieren, niemanden zu haben, der einen beschenkt, und für einen da ist, muss sich besonders schlimm anfühlen.
Nicht, dass mich jemand beschenken würde, aber das nur deshalb nicht, weil ich es nicht möchte.
Weil mir Weihnachten nichts bedeutet. Genauer: weil mir das ganze Gedöns, Geblinke und Geheuchel zuwider ist, und weil es den Leuten um mich herum genau so geht.
Weihnachten, das war doch immer der Tag, an dem alle enttäuscht waren, und an dem die Mutter derartig überfordert war vom Einpacken, Putzen, Backen, Schmücken und Kochen, dass spätestens am Heiligen Abend die Fetzen flogen. Aber wie.

Weihnachten

Trotzdem würde ich diesen Tag nicht auf der kalten Straße verbringen wollen, wenn die meisten Kneipen geschlossen haben, und von unten in die hellerleuchteten Räume schauen, wo im Schein der Lichterketten Elektrogeräte und Kaschmirschals von Tchibo hin- und hergereicht werden, und die Weihnachtsgans verdrückt wird, während mir selbst der Magen knurrt, und die Bundespolizei mich  aus der heimeligen Wärme des Ostbahnhofes jagt.

Obdachlose gehören inzwischen so sehr zu unserem Alltag, dass man sie wenigstens an Jesus Geburtstag in die gute Stube holen sollte.
Das kann jetzt jeder, denn die Firma Preiser hat ihrem Modellbausortiment nun auch die Minifiguren Obdachloser, Obdachlose und Bettler hinzugefügt.

Der Obdachlose sitzt in schäbigem Mantel auf einer Bank, seine Habseligkeiten in drei Beuteln neben ihm.
Für 3,25 € ist dieses Idyll zu haben, über das eine Kundin und Mutter begeistert schreibt:

Mich beeindruckt der starke innere Ausdruck, der in diese kleinen Körperlein gelegt ist!-„pädagogisch wertvoll: Ja!Empathie im Spiel“
Aber, ich finde die Darstellung dann doch „schöner“, weil das Original wirklich soo klitzeklein und filigran ist!“Haltbarkeit:erfordert Geschick“
Mein 11jähriger bekommt einen Adventkalender (jeden Tag eine Figur) und ich freu mich schon so beim Vorbereiten, (obwohl ich meine Märklin-Begeisterung sonst gut zügeln kann!)“Spaßfaktor“-JA!in dem Fall der der Mutter.

Hach, so macht Empathie Spaß, und riechen tut man auch nichts!

Die Obdachlose ist mit 6,38 € etwas teurer, aber sie ist schließlich eine Frau, und da kostet allein der Haarschnitt das Doppelte. Zudem ist der Einkaufswagen mit ihren Besitztümern, den sie vor sich herschiebt, besonders liebevoll gestaltet, und sie trägt, als lebensnahes Detail, zwei unterschiedliche Paar Schuhe.
Auch zu dieser Darstellung von Armut äußert sich die Kundschaft zufrieden.

Die Obdachlose ist ein nettes Detail für die Modelleisenbahn–Ein Muß in den heutigen Zeiten.
Hartz IV jetzt auch in H0.

Herrlich!

Der Dritte im Bunde ist ein Bettler, vor dessen Füßen ein Hut liegt.
Damit wird das wichtige, christliche Thema Almosen angesprochen und wunderbar in Szene gesetzt. Welcher Christ würde nicht gerne diesen Bettler, neben Maria und Josef, den berühmtesten Obdachlosen aller Zeiten, in die heimische Krippe stellen, und auf diese Art den lieben Kleinen (pädagogisch wertvoll) zeigen, dass Bettler Menschen aus unserer Mitte sind, denen wir helfen müssen.

Kunden, die dieses Trio kauften, kauften übrigens auch die Gruppe fröhliche Zecher, die Frau mit Staubsauger, den Mann auf Krücken und den Busch (!) 1004 Sex-Shop.
Mir letzteren im regen Verkehr einer Modellbaueisenbahn vorzustellen, erwärmt mein Herz.
Sex und Uniform.

Das ist fast noch geiler als Bettler, Obdachlose und Mann auf Krücken zusammen.

Deutsch: zerlegte Übungshandgranate

Deutsch: zerlegte Übungshandgranate

Ich kann nicht auf zu heulen hör´n oder Warum Charity wehtut

Ich habe 4 verschiedene Dauerspenden am Laufen: Amnesty, Tierschutzverein Berlin, Welthungerhilfe und Pro Asyl.
An Weihnachten und Ostern kaufe ich für jeweils zwei Arche-Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, Geschenke, die sie auf einem Wunschzettel vermerkt haben.
Natürlich gibt es zahllose andere Organisationen, die es mindestens genau so verdient hätten unterstützt zu werden, aber manchmal hilft nur ein blinder Griff in die Menge.
Sich etwas aussuchen, sich entscheiden und dann dranbleiben.
Und ruhig drüber reden. Vielleicht regt es auch andere an sich zu engagieren.

Bettler in der Breiten Strasse

Die Not vor der eigenen Haustüre ist groß. Ich sehe sie überall.
In der S-Bahn, wo ich von Obdachlosen um Geld angeschnorrt werde.
Als Autofahrerin, wenn mir, mit gespielt guter Laune die Scheibe gereinigt, oder ein Kunststückchen vorgeführt wird. (Sie haben verstanden, dass Miesepetrigkeit nicht gut ankommt, egal wie sehr ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Und sie haben eine weitere Lektion begriffen: man muss etwas für sein Geld tun. Arbeiten).
Alte Menschen, die in jedem Papierkorb nach Leergut suchen.
Ein gehörloser Mann, der Gimmicks verteilt und auf ein kleines Geschäft hofft.
Auf dem Gehweg kauernde osteuropäische Frauen, mit Kleinkindern auf dem Schoß, die mir mit elendem Blick und quengeligem Singsang die Hand entgegenstrecken.
Immer häufiger sehe ich auch bedürftige Menschen, die ihre Behinderung zur Schau stellen, so wie früher in einem Kuriositätenkabinett. Der lebende Pschyrembel.
Der eine sitzt im Rollstuhl und legt seine entzündeten Oberschenkelstümpfe frei, der andere zeigt sein verbogenes, geschientes Bein mit klobigen Spezialschuhen. Auf dem Kottbusser Damm hockt ein kleinwüchsiger Mann vor der Bank und bittet in heiserem Falsett um eine Spende.

Man muss heutzutage schon was bieten, um einen Gönner zu finden, und auch hier gibt es Reviere, in denen man sich nicht in die Quere kommt. Jeder kämpft für sich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Eine andere Geschichte ist natürlich auch die, dass man es grundsätzlich kritisch sehen kann und muss, dass in unserem reichen Land Menschen überhaupt auf Spenden oder Flaschenpfand. angewiesen sind, um durch zu kommen, und dass letztlich diese Spenden, wie auch die Tafel e.V. und jedes ehrenamtliche Engagement den Staat ein Stück weit aus seiner Verantwortung entlassen.

Zynisch fände ich es allerdings, daraus die Konsequenz zu ziehen, die Hände in den Schoß zu legen, in der Erwartung, dass bei Erreichen eines ausreichenden Elendspegels der Staat schon helfend eingreifen wird.
Da könnten wir bis zum Sankt Nimmerleinstag warten, oder bis zur Revolution, die nicht stattfinden wird.

A beggar

Leider kann ich nicht jedem helfen. Deswegen habe ich auch im Alltag eine Art Dauerspendenauftrag eingerichtet. Ich gebe gezielt einem Obdachlosen, der vor einem Kaufhaus den Straßenfeger verkauft, und mit seinem eingefallenen, grauen Gesicht aussieht wie Gevatter Tod persönlich,   2-5 Euro, wenn wir uns begegnen.
Wir begrüßen uns, quatschen ein paar Takte, und fühlen uns beide wohler mit der Situation, als wenn ich ihm anonym ein paar Cent vor die Füße werfen würde.
Der alten, blinden, sehr hilflos wirkenden Frau auf dem Ku´damm drücke ich einen Schein in die Hand, wenn ich sie sehe.
Ich will ihr das Gefühl geben wahrgenommen und wert geschätzt zu werden, und nicht nur meine `Reste´, in diesem Fall Kupfergeld, zu bekommen, mit denen ich mein Portemonnaie nicht belasten möchte.
Es hat zu tun mit Würde und Respekt, und mit dem kategorischen Imperativ.

Und ich betrachte es nicht als Almosen, sondern als meine Pflicht, wenigstens einen minimalen Ausgleich zu schaffen, da wo der Staat bewusst und willentlich seine Bürger im Stich lässt.
Solidarität zu zeigen. Zu teilen.
Natürlich weiß ich, dass es viel zu wenig ist, und ich viel mehr tun müsste. So wie alle, denen es noch halbwegs gut geht.

Ich finde es bestürzend, dass es in diesem Land solche Not und materielle Armut gibt, und in Zukunft noch viel mehr geben wird, obwohl soviel Geld auf den Privatkonten liegt wie nie zuvor.

Doch der Vorstoß der Politik geht nicht etwa in Richtung Umverteilung. Iwo.
Vielmehr wird ungeniert und lautstark über eine geplante Flaschenpfanderhöhung  beraten, die helfen soll, das Einkommen von Rentner, Hartzern und anderen von Armut Betroffenen `aufzubessern´, ohne den Staatshaushalt zu belasten, oder Reiche höher zu besteuern.
Dass auf diese Weise weniger Müll (Flaschen) auf der Straße liegen wird, ist ein willkommener Nebeneffekt.
Vielleicht lassen sich gleich noch ein paar Stellen bei der Stadtreinigung streichen.
Die entlassenen Mitarbeiter sind Profis, und  sollten mit Flaschensammeln spielend über die Runden kommen.

Ganz ehrlich? Das alles treibt mir die Tränen der Wut und des Schams in die Augen.

Call Me Spießig

0.33l and 0.5l bottle of Mate

Hab ich schon mal erwähnt, wie ich es finde, dass mit zunehmendem touristischen Andrang hier auch immer mehr zertrümmerte Flaschen (Bier/ Wodka/ Club Mate) auf den Wegen, und vorzugsweise den Radwegen, rumliegen, weil jeder dahergelaufene Röhrenhosenträger mit Fusselbärtchen glaubt, dass es irgendwie Berlin-Style wäre alles zu Boden zu fallen lassen, was man nicht mehr gebrauchen kann?
Isses aber nicht! Das ist einfach nur bad style und führt zu den kiez-weiten Aufklebern auf denen
Berlin doesn´t love you!
steht.
Interessiert keinen. Fühlen sich trotzdem alle sauwohl hier. Ich weiß.
Berghain, Party, Stumpfsinn.
Schön auch, dass die umsichtige Berliner Stadtreinigung (BSR) ihre Glascontainer vorzugsweise an Radwegen aufstellt. Zumindest hier in Kreuzberg. Macht ja nix, wenn die eine oder andere Flasche beim Einwerfen auf dem Boden landet und dort zerbirst.
Barfuß will man ja gar nicht durch die Stadt spazieren. Schon wegen der Hundescheiße nicht. Sind ja nicht auf dem Dorf. Aber ohne einen Platten nach Hause zu kommen, muss schon drin sein.
Kleinkinder sollte man besser immer an die Hand nehmen um zu verhindern, dass sie hinfallen und Scherben sich in die kleinen Hände und Kniee bohren.
Dass Töle sich nichts eintritt ist meine persönliche Hauptsorge.
Wenn ihr, werte Besucher der Stadt, vielleicht ein klitzekleines Bisschen auf euer Leergut acht geben würdet, und es eventuell netterweise irgendwo sicher abstellen könntet, wo die vielen Menschen, die mit Flaschenpfand ihr Hartz oder die kleine Rente aufstocken, es einsammeln können; wenn ihr darüber hinaus in eurer obligatorischen Feierstimmung noch ein wenig die Lautstärke runterpegeln würdet, damit die Einwohner, die noch Arbeit haben morgens aufstehen und den Tag bewältigen können, und wenn ihr zudem nicht ständig in großen Gruppen die Gehwege blockieren und saufenderweise die U-Bahn verstopfen würdet, dann würde Berlin euch wahrscheinlich mögen. Sofern Berlin in der Lage ist irgendwen zu mögen.
Eure Rollkoffer mit all den iGadgets möchte ich hier auch bitte nicht mehr rattern hören, wenn ich versuche in den Morgenstunden etwas Ruhe zu finden, ehe die BSR zu Sonderschichten ausfährt, um noch vor  6 h eure Scherben zu beseitigen.

Nichts für ungut, call me spießig.

Thriller

Beim letzten Besuch in Frankfurt übernachteten wir in einem bekannten 4-Sterne-Etablissement im Bahnhofsviertel, das sich über 5 Etagen eines Gründerzeitaltbaus erstreckt.
Beim Betreten des Zimmers schlug uns der Gestank von kaltem Rauch entgegen. Dunkelbraune, abgescheuerte Möbel auf dunkelbraunem Teppichboden. Das Doppelbett 140 cm breit. Ein verklebter Wasserkocher, Instantkaffee, Dosenmilch. Bügeleisen. Minibar.
Verschimmelte Silikonfugen und 2 lagiges, raues Toilettenpapier im Bad.
Der Ausblick: Eurotower und andere Geldtürme. Das Euro-Denkmal, vor dem die letzten Occupy-Veteranen harren, um im Schatten der Glaspaläste die Banken in die Schranken zu weisen, beinahe in Wurfweite.
Das Frühstück wurde im benachbarten libanesischen Lokal aufgetischt, worauf wir allerdings verzichteten, nachdem wir am ersten Abend unseres Aufenthaltes dort so dürftig, wie auch überteuert gespeist hatten, und dabei von einer sehr jungen barfüßigen Blondine mit etwas unterhalten worden waren, was ihr irgendein Stümper als orientalischen Bauchtanz gelehrt haben mochte.
Sie bewegte sich ungelenk, unmotiviert und scheinbar ohne jeden Bezug zum Takt der orientalischen Musik, die aus billigen Boxen in voller Lautstärke auf uns herunter schepperte, während wir schweigend das Abendessen zu uns nahmen.
Dem Chef des Lokales schien ihr lärmender, arhythmischer Auftritt ebenso wenig zu gefallen wie uns, denn plötzlich stoppte die Musik und die Blondine zog ab, um allerdings kurze Zeit später in Bollywoodverkleidung, und mit einem hüfttiefen Münz-und Glöckchengürtel zurück zu kehren, und die Anwesenden mit klimperndem Torsowackeln zum Mitmachen aufzufordern. Zunächst leisteten nur ein paar männliche Gäste dieser Einladung Folge und ließen mit weingeröteten Wangen die steifen Hüften kreisen. Es dauerte nicht lange, da gesellten sich auch die Gattinnen hinzu und versuchten mit ihren Armen verführerisch anmutende Schlangenbewegungen zu vollführen, während die geschwollenen Füße, die in viel zu engen Schuhen steckten, von links nach rechts trippelten und die tunika-verhüllten Hüften alles gaben, was sie ihnen abverlangen konnten.
Wer jetzt noch saß, fing an in die Hände zu klatschen. Karnevalsstimmung Anfang September.
Zeit für uns zu gehen.

Kaiserstraße

Im Zimmer warteten bereits die Hunde.
Wir versprühten das nach unserer Ankunft gekaufte Raumspray großzügig auf dem Teppich sowie den bodenlangen Vorhängen, öffneten wir das Fenster, und machten uns auf in Richtung Fluss.
Nach einem heißen Tag hatte sich eine milde Spätsommernacht über die Stadt gesenkt, und auf den Mainwiesen lagerten kleine Grüppchen junger Menschen. Es wurde gelacht, geraucht, getrunken. Pärchen lagen sich in den Armen und schauten auf den Main und das gegenüberliegende Ufer.
Die Hunde hefteten ihre Nasen an den Boden und trabten konzentriert neben uns her.
In der Nähe der Ufermauern kampierten Obdachlose, deren schmutzige Matratzen wir tagsüber schon in den Bäumen hatten hängen sehen. Sie lagen dicht beieinander, wie in einer dieser Notunterkünfte, die man aus dem Fernsehen kennt; ihre Habseligkeiten in abgeriebenen, löchrigen Discountertüten neben ihnen, wie altvertraute Komplizen.

Bird's eye view of the Bahnhofsviertel

Die Nacht war sternenlos, und so hatten wir sie erst bemerkt, als wir mit den Hunden direkt an ihren alkoholschweren, ruhenden Körpern vorbei liefen. Um niemanden zu wecken, stahlen wir uns mit angehaltenem Atem davon, sorgsam darauf achtend über keine der herumliegenden Schnapsflaschen zu stolpern. Wir verließen das Mainufer und traten zurück in das Licht des Untermainkai.
Auf dem Rückweg zum Hotel passierten wir die Gutleutstraße, im Mittelalter ein Rückzugsort für Leprakranke. Zwei Männer kauerten auf dem Gehweg. Beide ausgemergelt, beide hatten kleine nässende Wunden auf den Wangen. Schleppscheiße.
Mit fahlen Gesichtern und hohlem Blick kochten sie im Schein der Straßenlaternen ihren Stoff auf, banden die Arme ab und injizierten sich die Dosis, die sie über die nächsten Stunden bringen würde.Ich fühlte mich wie ein Voyeur.

Die Straße gehört denen, die auf ihr leben

Nur wenige Hauseingänge weiter, fanden wir das Lager aus Kartons und Planen, das wir tagsüber bereits gesehen hatten, besetzt. Jemand schlief in dieser spätsommerlichen Nische. Unweit davon lag ein Mann mit dem Gesicht auf den Gehwegplatten. Die nächtlichen Pilgerer liefen roboterhaft und mit fiebrigem Blick an ihm vorbei.
Es war lange nach Mitternacht, als wir die Münchener Straße kreuzten. Dort herrschte immer noch Hochbetrieb. Bars, Spielhallen, Bordelle, Imbissbuden, Trinker, Nutten, Junkies, Obdachlose und ein paar Touristen, so wie wir. Das Kottbusser Tor in Berlin ist eine Sonntagsschule dagegen.
Als wir in die Weserstraße abbiegen wollten, schnitt ein frisch gewachster weißer Hummer, mit rotierenden Hochglanzfelgen, uns den Weg ab. Hinter seinen getönten Scheiben wummerte sexistischer Westküstensound. Wir blieben stehen und schauten ihm hinterher, wie er im Schritttempo durch den Kiez rollte.
Schließlich erreichten wir das Hotel und fuhren mit dem Lift in den vierten Stock. Als wir die Zimmertüre öffneten, schlug uns eine Mischung aus Frischespray, Tabakgeruch und altem Mief entgegen.
Müde gingen wir zu Bett.
Ich lauschte den Stimmen der Nacht, die von der Straße zu unserem Fenster aufstiegen und fiel in einen tiefen Schlaf.