Toben in Versalien, oder Im Halbschatten der Erde

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Dem Universum bin ich vollkommen gleichgültig. Das hat mit sich und den schwarzen Löchern, den Sternengeburten und Sternentoden und seiner eigenen Ausdehnung genug zu tun. Sein Interesse an der Laus, die ich mit meinen Schuhen zermalme, dem ertrinkenden Kind im Mittelmeer, den Erfrierenden vor den Grenzzäunen, den Verhungernden in der Welt, dem gestrandeten Wal, dem Zicklein auf der Schlachtbank, der aussterbenden Tierart, Gina-Lisa Lohfink vor Gericht und Donald Trump im Machtwahn ist immer genau gleich. Nämlich Null.

Das Universum schickt mir weder Zeichen noch Wunder noch Flammen oder Wasser. Keine Erdbeben oder Engel, keinen Hass und keine Liebe. Nur schwarze eisige Gleichgültigkeit.
Das Universum spielt nicht und es trauert nicht. Um niemanden und um nichts. Auch nicht um dich oder um mich. Sowenig, wie die Zeit dies tut. Sie schreitet voran und davon und über uns hinweg und ist noch da, wenn wir alle längst verschwunden sind.

Arme Laika.


Wie sieht´s aus?,
frage ich den Bekannten nach dem Aufstehen.
Geht so.
Untergang?
Noch nicht.
Was passiert?
Trump ist vor Gericht unterlegen und tobt in Versalien.

Wir lachen trocken.

Isn´t that a bit unfitting for a president?
It is. So sad.

Schweigen.

Auf Dauer ist diese Karikatur wirklich zu anspruchslos. Sad, terrible, it´s true, fake hair  ein Toupet obendrauf und außenrum orangefarbene Haut gespannt. Nicht schwieriger als ein Hitlerbärtchen (Hitlerbärchen schrieb ich zuerst) mit Seitenscheitel und sich überschlagender Stimme.

Universum, ich fühle mich unterfordert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild. Z S smoke, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Vom Schreiben, vom Leben und vom Glück (ein Award)

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Sabine, formerly known as Rock´n´Roulette, hat mich für den Liebster Award nominiert.
Das freut mich ganz besonders, weil wir beiden uns schon seit unseren Bloganfängen kennen, sich unsere Wege immer mal wieder verlieren und dann doch wieder kreuzen, so, wie jetzt. Herzlichen Dank für die Nominierung und die interessanten Fragen, liebe Sabine!

Und hier meine Antworten:

Wie fühlt sich Glück an?  Warm (happines is a warm puppy).

Warum? Es gibt kaum etwas Schöneres, als eine warme Hand im Nacken oder auf der Stirn zu fühlen, den warmen Bauch eines Welpen zu streicheln, am flaumigweich duftenden Kopf eines Kindes zu riechen, ein vibrierendes Meisenkind in der Hand zu halten, das warme Blut durch die Adern fließen zu spüren, zu leben. Wärme ist Leben ist Glück.

Wo warst du zuletzt am liebsten? Die schönsten Tage des Jahres verbringe ich alljährlich in den Alpen. Dieses Mal in Murnau. Es gibt nichts, was mir soviel inneren Frieden und Ruhe gibt, wie die blaue Silhouette der Berge, ihre stille Erhabenheit und die unvergleichliche Luft. Am Abend oben auf dem Feldweg zu stehen und auf den vergoldeten See zu blicken, ist für mich ein unbeschreibliches Glück.

Was war 2016 für dich? Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist und die Welt ins Strudeln geriet.

Was wirst du mitnehmen, was hast du gelernt? Ich habe gelernt Abschied zu nehmen und zu verzeihen. Meine Erwartungen dem Leben anzupassen und nicht umgekehrt. Und ich habe gelernt, dass das, was man am wenigsten erwartet jederzeit geschehen kann. Die wichtigste Lektion des Jahres ist: nicht warten, nicht aufschieben: the future is now.

Was hältst du vom NaNoWriMo? Das hat irgendwie mit ganz viel schreiben in ganz kurzer Zeit zu tun, oder? Dazu müsste ich mir erst mal eine fundierte Meinung bilden. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich ganz gut ein Konzept zu haben, mit dem man sich zum Schreiben motivieren kann. Ich brauche das aber eigentlich nicht, denn ich muss sowieso jeden Tag schreiben, weil mir sonst was fehlt. Da ich keine Botschaft habe, nicht berühmt werden will, kein Buch veröffentlichen möchte, im Grunde meines Herzens faul und ohne jeden Ehrgeiz bin, es außerdem lieber überschaubar und familiär mag, reicht mir sowohl mein Output, als auch die Reichweite meines Blogs. Alles andere wäre mir viel zu anstrengend und trübte nur meine Freude. Um die allein geht es mir aber beim Schreiben. Sie ist mir Motor und zugleich Belohnung (neben den vielen klugen und freundlichen Kommentaren natürlich).

Wie funktioniert Schreiben für dich? Wenn es gut läuft schreibt es mich  (écriture automatique) und ich bin nur das Medium, das den Stift hält,  bzw.das Diktat über die Tastatur auf den Bildschirm bringt. Manchmal ist Schreiben auch Arbeit, bzw. eine Übung. Dann feile ich, denke nach und korrigiere, suche Synonyme oder Antonyme, denke über Alliterationen nach, verknappe meine Sätze systematisch, streiche wertende Adjektive usw. Heraus kommen dann meist die Texte, die technisch einwandfrei, aber für mein Empfinden vergleichsweise blutleer und kalt sind, also keine Seele haben. Gute Texte schreiben sich wie im Vollrausch und hinterher bin ich erschöpft und überrascht , was ich da zustande gebracht habe. Wenn ich dem Kopf zuviel Raum lasse und plane, wird das nix.

Happy End oder realistische Sachlichkeit? Meine Texte sind selten fiktiv, deswegen gibt’s nur ein Happy End, wenn es ein Happy End im `richtigen´ Leben gab (insofern  also eher realistische Sachlichkeit). Als Katastrophenchronistin geht fast jedem glücklichen Ende ein spektakulär anstrengendes Vorspiel voraus, das Happy End ist daher eher so etwas wie erleichtertes Aufatmen, die Ruhe nach dem Sturm, die Freiheit des nothing-left-to-do, oder das Trümmerfeld mit seinem Versprechen bzw. der Hoffnung des Neuanfangs.

Worüber würdest du am liebsten alles wissen wollen? Am allerliebsten möchte ich über gar nichts alles wissen. Ich liebe Geheimnisse, ich liebe es immer weiter lernen zu können, in allen Bereichen. Ich möchte nicht an einem Ende ankommen. Mich interessieren Fragen und weniger die Antworten darauf. Antworten müssen neue Fragen aufwerfen, sonst wären sie eine Sackgasse, in der alle Entwicklung endet. Ich bezweifle aber ohnehin, dass man über irgendetwas alles wissen kann. Ich würde trotzdem gerne mein Wissen in dem einen oder anderen Gebiet vertiefen, z.B. über Geschichte, Architektur, Biologie u.a.m.

Wenn du eine Sache ändern könntest – was wäre es? Könnte ich nur eine Sache ändern, dann würde die G. nicht an Krebs sterben. Und wenn ich noch etwas ändern dürfte, dann wäre ich nicht krank.
Global gesehen wären natürlich ganz andere Dinge wichtig, ich verstehe die Frage aber jetzt einfach mal nur auf mich und meinen Kreis bezogen.

Wenn du eine Sache bewahren könntest – was wäre es? Mein Vertrauen, meine Liebe.
(Liebe ist Wärme ist Leben ist Glück).

 

 

 

Müsik zum Glück: Eric Satie, Gnossienne no. 5 (überirdisch schön!)

(youtube-Direktlink)

Dieses Mal reiche ich den Liebster-Award nicht weiter. Sollte aber jemand Lust haben, die Fragen zu beantworten, kann er/ sie dies sehr gerne in der Kommentarspalte tun, oder im eigenen Blog.
Ganz herzlichen Dank nochmal an the fabulous Rock´n`Roulette!

Bild: Johann Ebend, Fliegender Teppich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/
 

Das Gewand

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Auf einem hölzernen Bügel hängt ein schwarzes Gewand.
Aus schwerem Stoff gefertigt, wird es im Rücken mit einem durchgehenden Reißverschluss zusammengehalten.Vorne ist es hochgeschlossen und seine schmalen Ärmel reichen bis zum Saum. Die auf der Vorderseite eingelassene Falte lässt es nach unten hin ein wenig aufspringen.

Vor einigen Wochen, vielleicht sind es auch Monate, erwarb ich dieses ungewöhnliche Kleidungsstück, dessen talarähnliches Aussehen mich bereits beim Betreten des, von lauter Musik durchwummerten, Geschäftes auf eine unerklärliche Weise angezogen hatte und mich es ohne Anprobe kaufen und nach Hause tragen ließ.

Ein paar Tage hing es dort und immer wieder beäugte ich es ratlos. Dann nahm ich es vom Bügel, brachte es zur nahegelegenen Schneiderin und bat sie es zu kürzen. Nach dem Abholen hängte ich es erneut auf, wählte dieses Mal aber einem Platz dicht unter der Zimmerdecke, so, dass ich seither aufblicken muss um es zu betrachten.

Manchmal stelle ich mich direkt darunter, schaue in sein Inneres hinein, wie in ein Zelt und sehe mich plötzlich in einem hellen, gefliesten Raum stehen. Unbekannte Hände streifen mir das Gewand über meine ausgestreckten, willenlosen  Arme und verschließen es im Rücken. Unterdessen laufen tuscheschwarze Tränen über mein bleiches Gesicht.

Vor diesem Tag fürchte ich mich und bis heute habe ich es nicht gewagt auch nur das Preisschild zu entfernen, geschweige denn das Kleidungsstück in den Schrank zu hängen.
Ich habe Angst, dass die Regel, nach welcher allein der mitgenommene Schirm den Regenguss verhindern kann, auch hier Gültigkeit finden würde.

Solange ich das Gewand unberührt hängen lasse wird das Ereignis, für welches ich es mir gekauft habe, nicht eintreten.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, px4u by team cu29, Herbst
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

Nicht die Welt

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Die Welt ist alles, was der Fall ist.

Ludwig Wittgenstein

 

 

Der Stress der letzten Monate lässt jeden weiterführenden Gedanken versanden.
In allem sehe ich mein begrenztes Selbst.
Jedes Auge, jedes Lächeln, besonders das ausbleibende, sind Spiegel.
Oft  bin ich müde von den ständigen Anwerfungen.
Beim Erwachen am Morgen wünschte ich, ich träumte.

Loslassen, denke ich, einfach loslassen. Alles, auch das eigene Leben, sich selbst überlassen. Nicht kämpfen, nicht versuchen (oder suchen). Die klammernden Finger am Gesims entspannen. Dann stürze ich eben, was ist so schlimm daran.

Mit Glück lande ich in einem Hasenbau.

(…)

Ich bin dabei, einiges in meinem Leben (grundsätzlich) zu ändern, um wieder hinauszukommen über das bloße Trommeln und Sandkuchen backen, über mein Katastrophenmanagement und den dazugehörigen Report.
Winzige Fortschritte zeichnen sich ab, auch in puncto Gelassenheit.

Manches lässt sich nicht lenken. Es lässt sich nur erdulden und der Umgang damit sich üben, wie früher beim Katastrophenalarm in der Schule: den Ernstfall proben.

Sich bei den Händen nehmen und ruhig den Raum verlassen.

(…)

Die Melancholie ist meine Grenze zur Welt.

Schon als kleines Kind lag mir bisweilen das Gewicht meines Lebens wie ein Stein auf der Seele. Nicht einmal weinen konnte ich dann und nur in der Bewegung, im Bewegt-werden, fand ich Trost.
Wenn ich in diesem Zustand war, setzte mein Vater sich mit mir ins Auto, wir fuhren durch die abendliche Stadt und später über die Landstraße auf die schwarzen Berge zu. Mit jedem Kilometer fühlte ich mich leichter, ganz so als verschlangen wir nicht nur die weiße Fahrbahnmarkierung, sondern spulten zugleich auch ein schweres Seil von meinem Körper herunter und entließen es in den Schutz der Böschung, wie ein Python.

Nebeneinander sitzen wir und blicken nach vorne:
die Katzenaugen der schwarz-weißen Holzbaken am Wegesrand, wie sie dastehen, nur für uns, und allein durch uns glimmen, in der Dunkelheit, in der wir sie einsam zurück lassen, hier am finsteren Waldesrand, während wir weiter dem bebenden Lichtkegel folgen, der bei jeder Unebenheit nach oben ausschlägt.

Mit seiner tiefen Stimme erzählt mein Vater mir von der Welt, früher und heute, und ich schaue aus dem Fenster in die Nacht und sehe sie vor mir, wie sie einmal war, lange vor meiner Geburt: ein dicker  zigarrerauchender Globus mit Hosenträgern, dünnen Beinen und braunen Herrenschuhen.

Ich vermisse meine Unbeschwertheit, die die Kehrseite dieser Traurigkeit ist. Ab und an bricht sie hervor, doch sie verweilt nur kurz und spielt in ihrer Ausgelassenheit mitunter ins Hysterische. Der Tanz nimmt ein schnelleres Tempo an. Aus Leichtigkeit wird Raserei. Die Choreographie gerät zu einem Zucken.

(…)

Nicht länger versuchen sich dem Würgegriff zu widersetzen.
Die Beine auszappeln lassen.

Aufgeben.

 

 

Erleichterung.

 

 

 

 

Bild: diadà, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Jetzt

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Bis zum Urlaub sind es noch zwei Monate und ich freu mich schon jetzt auf die Berge.

Eigentlich wollte ich vorher noch einmal in die Lübecker Bucht fahren, nach Travemünde. Nachdem aber die Urne meiner Mutter vor zwei Wochen dort ins Wasser geworfen wurde, hat sich das Thema für die nächste Zeit erledigt. Ich werde nicht mehr unbeschwert auf die Ostsee blicken können.

Der Duisburger erzählt von seinem Freund, der nach fast zwei Jahren, gemeinsam mit Mutter und Schwester, die Asche des Vaters auf der Zugspitze verstreuen wollte, der sich aber plötzlich durch einen unerwarteten Windstoß über und über mit den sterblichen Überresten seines Vaters bestäubt sah.

Der war voll mit´m Vadder, wie beim Dude, sagt der Duisburger und lacht lauthals.

So weit bin ich noch lange nicht, und werde ich wahrscheinlich auch nicht kommen, obwohl auch die Schwester und ich uns in Galgenhumor versuchen. Kürzlich schickte sie mir eine sms, in der sie über eine auf Norderney angespülte Urne scherzte. Ich musste lächeln und gleichzeitig brannten meine Augen vor Schmerz.

Was mich das Ableben meiner Mutter vor allem anderen gelehrt hat, ist, dass ich keine Zeit zu vergeuden habe. Ich möchte leben ohne Aufschub, ohne zu warten auf ein Morgen, das besser sein könnte, als das Heute. Es gibt kein Morgen. Es gibt nur jetzt.

Ich will glücklich sein, das genießen, was schön ist und den Blick weniger auf das lenken, was traurig ist und was fehlt.

Auch die Krankheit des Hundes erscheint mir angesichts meiner eigenen Endlichkeit auf einmal viel erträglicher. Dann wird sie eben sterben, das tun wir alle. Ich kann es nicht ändern, ich bin nicht Gott und selbst der kriegt das nicht besser hin.

Es ist etwas passiert mit mir in den letzten beiden Jahren, in denen der Tod so oft und von allen Seiten gegen mein kleines Schüttelgals klopfte. Eine Art Abhärtung, Gewöhnung und Akzeptanz des Unabänderlichen. Alles vergeht und mit dem Tod der Mutter bin ich zur Poleposition aufgerückt. Wir Kinder sind die nächste Sterbegeneration und die neuen Menschen sind schon da.

Immerhin ist die Ordnung wieder hergestellt: das Kind wird nach der Mutter gehen und nicht vor ihr, wie im Oktober 2014 beinahe geschehen.

Sir Stony hat mich neulich auf ein Audio-Dokument aufmerksam gemacht, das ich noch nicht kannte. Dort beschreibt mein Lebensretter sehr eindrücklich die Sekunden, in denen ich starb. (Er spricht tatsächlich von „sterben“). Wie die Seele den Körper verließ und wie ich dann wieder zurückkam von meinem Ausflug zum See.

Auch das ein immer wieder aufgeschobenes Vorhaben: zum See fahren, ans Schilf, Kontakt aufnehmen zu dieser anderen Welt in die ich schon einen Fuß gesetzt hatte und die so leicht und hell und warm war.

Nie ist der richtige Zeitpunkt dafür. Immer ist irgendwas.
Ich kann nicht mehr warten.

 

 

 

 

 

Bild: Lübecker Bucht, Wikimedia

Doppelte Sonne

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Um mich glimmernde / Sternchen:
Glühwürmchen spielen / Weltall am Waldrand.

(Josef Guggenmos)

 

 

 

Bei E 23 sind wir vom Weg abgebogen.
Auf einem bemoosten Grabhügel ohne Stein haben wir die Lilien abgelegt.
Fünf Menschen, zwei Hunde. Töle musste Zuhause bleiben, zu wackelig und schwach.

Gut wird nichts dadurch, aber das Staffelholz ist weitergereicht an eine andere Linie.
Den Ring, den ich als Jugendliche bekam, trägt jetzt ein Mensch, der ihm eine neue Bedeutung geben wird.

Am Abend die doppelte Sonne über den beiden Türmen.

/

Von draußen vibriert die Musik in meine Wohnung, Hofgelächter. Klänge vom Platz. Gleich zwei Feste finden dort statt, eines für Bücher und eines von Flüchtlingen und Ströbele tritt in der Kirche auf.
Warme Sommerluft weht durch die geöffnete Terrassentür in die Küche.
Selbst in der Dunkelheit schimmert der Garten noch grün.

Nur Glühwürmchen fehlten noch zum Glück.

 

 

 

 

 

Bild: t.truckle flickr_K5P1822.jpg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

unconditional skies

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Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

(Theodor Storm, Abseits)

 

Pausen gibt es nicht. Irgendwas ist immer und aufhören tut das nie, solange es eben geht. Unterbrechungen allenfalls, die Raum schaffen für etwas anderes, vorübergehendes oder bleibendes, so lange wie es verweilen kann (s.o.). Wenns gut läuft was Gutes, if not not. So simpel und so wenig beliebig.
Eine intakte Besiedlung bloß nicht unnötig aufbrechen, sonst droht die emotionale Ambrosia, eine Trümmerblume. Wird man nie wieder los.

Wann werden wir versteh´n

Unbeschadet bleiben heisst unbepaust, wenn man mal vom Schlaf-Wachrhythmus absieht, der eigentlich gar keine Pause darstellt sondern auch ein Fluß ist, ein Fließen zwischen Alpha und Gamma.

/

Der Kanzler witzelt „Man steigt nicht zwei Mal in den gleichen Fluß!“ als Knigge-Gebot verstanden, ein Benimm-Imperativ und kein Lebensgleichnis. Manchmal ist er so perlend komisch und es juxt aus ihm heraus wie aus einem sprudelnden Sprudelspratz.
Und dann wieder.

/

Das Falscheste (falsch, falscher am falschesten) was man mit seinem Leben anfangen kann, ist es zu verwarten. Für Dinge die möglicherweise geschehen könnten oder eben nicht. Ausbleibende Ereignisse, die erst die Löcher ins Dasein (hier: die Seele) reissen, weil sie bildlich vorgestellt und mit allen Sinnen ersehnt wurden.
Und dann doch nicht.

You know, you come from nothing,
you’re going back to nothing.
What have you lost?
Nothing!

Nicht erwartende Hoffnung, ein leichter Schimmer des Vertrauens über allem.
Nicht anhaften, nichts wünschen. Einfach sein und hingeben.

Lass‘ blühen, lass‘ dem Ding den Lauf

 

 

 

 

 

wird fortgesetzt (sowieso)

 

 

 

 

 

 

Bild: passeriformes, untitled (flickr)
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Mirko

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Was dem Winter die Krähen sind dem Frühling die Amseln. Schwarz das Gefieder, gelb der Schnabel sehe ich sie auf einmal überall in der Stadt. Geduckt laufen sie von Strauch zu Strauch, halten inne, drehen den Kopf von links nach rechts, äugen und huschen weiter. Mirko nenne ich sie, jede Einzelne von ihnen. Das knirscht so schön, wie der Kies vor den Bungalows meiner Kindheit, in deren Vorgärten meine ersten Mirkos zuhause waren.

Mit dem Hund gehe ich durch den Tiergarten. Der Rhododendron blüht. Meterhohe Büsche mit ledrigen Blättern und zahllosen Blüten in purpur, weiß und rosa säumen die verschlungenen Wege, dazwischen Azaleen in kräftigem Gelb und Orange. An brackigschwarzen Tümpeln wachsen Mammutbäume, Modergeruch vermischt sich mit dem betörend süßen Blütenduft. Farnwedel stehen zart befiedert in der Sonne und leuchten in frischem Grün. Pappelpollen schweben durch die schwere Luft wie Maischnee und landen geräuschlos auf den vielen Wasserläufen. Eine stille Urwelt, mitten in Berlin.

Auf einer kleinen Brücke bleibe ich stehen. Das Gartenamt hat sämtliche Schlösser vom Geländer entfernen lassen. Janice & Flo und Aliah & Mike hatten sich hier einander für immer versprochen. Ob ihre Liebe den Winter überdauert hat?

Drüben im Wasser liegt der Schildkrötenbaum. Gleich vier große Panzer zähle ich heute, hübsch nebeneinander in der Sonne aufgereiht. Ein Stückchen weiter steht wie immer die wohlgenährte Kanadagans in Ufernähe, als wollte sie sich die Füße kühlen. Ungewohnt aktiv spreizt sie plötzlich einen Flügel, hebt ein Bein, entleert ihren Darm und fälllt anschließend in die gleiche abwartende Starre zurück.

An einer großen Weggabelung treffe ich wieder auf eine Amsel, oder ist es immer die gleiche, so, wie die Stubenfliege meiner Kindertage, die mich über Jahre begleitete und sogar mit uns im Auto in den Urlaub fuhr? Immer wieder riss mein Bruder ihr ein Beinchen aus, doch stets wuchs es über Nacht nach. Susi, so nannten wir sie, erstand jedes Frühjahr für uns wieder auf, ganz wie der erschossene Kukuck.

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Der Gesang der Nachtigall, das erzählte mir kürzlich die Journalistin, habe sich nicht verändert, in hundert Jahren nicht, alte Aufnahmen belegten dies, und wie zu allen Zeiten wählt auch heute noch das Weibchen den Kavalier nach der Qualität seiner Darbietung aus. Ein Sängerwettbewerb im Unterholz.

Anders die Amseln, sie gehen mit der Zeit, greifen Klingeltöne von Weckern oder Handys auf, imitieren diese und bauen sie in ihr Gesangsrepertoire ein, um damit das Weibchen zu bezirzen. Wer die neuesten Ringtones drauf hat steht in der Gunst der Damen ganz vorne. Seine Gene haben gute Chancen, es bis in die immer näher rückende goldene Zukunft schaffen.

/
Die Amsel an der Weggabelung duckt sich und rennt los. „Mirko!“ rufe ich ihr hinterher, da bleibt sie stehen.
Der Mann, der eben im noch Vorbeigehen den Papierkorb durchsucht hat, dreht sich um und schaut mich erstaunt an. Einen großen Rucksack auf dem Rücken, das Gesicht rot und aufgedunsen, die Haare weizenblond, steht er ein wenig unberaten da. Ob auch er Mirko heisst?
Rauchen Sie?, frage ich ihn, weil mir nichts anderes einfällt und ich mich plötzlich erinnere noch ein Päckchen in der Tasche zu haben. Eigentlich wollte ich es dem Flüchtling schenken, der mich kürzlich im Krankenhaus um Zigaretten bat, doch das Personal erlaubte es nicht, er habe genug zu rauchen, und so trage ich die Schachtel seit Tagen mit mir herum.
Mirko nickt auf meine Frage und lächelt verlegen. Darf ich Ihnen vielleicht die Luckys geben? Ich kann sie nicht mehr gebrauchen, hab leider aufgehört zu rauchen, plappere ich übertrieben heiter weiter und reiche sie ihm, ohne eine Antwort abzuwarten. Er nimmt sie vorsichtig entgegen. Seine Hände sind trocken und rot.
Leider habe ich kein Feuer, rede ich weiter, ich rauche ja nicht mehr. (Wieso quassele ich bloß so viel?)
Mirko schweigt immer noch und schaut mich freundlich an.
Einen Moment lang stehen wir uns jetzt ratlos gegenüber, dann nicken wir uns zu und gehen, jeder in eine andere Richtung, davon. Nach ein paar Schritten drehe ich mich noch einmal um und sehe ihn von hinten, wie er mit seinem schweren Rucksack gen Süden stapft.
Der schwarze Mirko ist längst irgendwo im Gebüsch verschwunden.

 

 

 

 

 

Bild: Last Hero, Amsel
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

medium rare

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Der Kanzler fährt mit den beiden Frauen und dem Jungen in den Süden. Sie will sich verabschieden. Vom Meer, vom Sand, vom Horizont. Dem Kind eine Erinnerung schaffen.

/

Oben auf der Markise baut die Amsel ihr Nest. Die Katzen schauen zu, schmal ihre Pupillen, wie Todesschlitze.
Darwin-Award, sagt der Eine schulterzuckend, wer so dumm ist wird eben keine Nachkommen haben. Natürliche Auslese.

/

Hinter dem Bethanien, neben einem Mülleimer, liegen die abgenagten Wirbelsäulen zweier großer Tiere inmitten der Habseligkeiten eines Sandlers, wie ihn die Doktorandin nennt. Wenige Schritte entfernt lebt eine Gruppe osteuropäischer Menschen, vorwiegend Männer, unter einem Treppenabsatz. Ihr Quartier haben sie mit Planen vor den Blicken und dem eiskalten Wind abgeschirmt. Ab und an hört man sie zetern, hinter Brettern und Plastikwänden. Nachts, wenn der Mariannenplatz leer ist, finden sie sich in dem kleinen Rondell zusammen und trinken auf ihre Freundschaft und auf die Zukunft, den fernen Planeten.

/

Frühling. Der erste zarte Schimmer zeigt sich an den kahlen Ästen, die Farben kehren zurück.
Der Hund trägt bereits seine Sommerfrisur. Leichtfüßig tänzelt er durch den Park, die Nase im Wind, ein freundliches Schwanzwedeln hier und da. Auch Hunde pflegen nachbarschaftliche Beziehungen.

/

In den Cafés halten die Flaneure blinzelnd ihre Winterblässe in die Sonne. Ein auffälliger Bartschwund hat stattgefunden in den Monaten der Häuslichkeit, ansonsten immer noch tiefsitzende Röhrenhosen und ausgemergelte Gesichter mit sparsamer Mimik.

/

In letzter Zeit, ein aufmerksamer Kommentator bemerkte es bereits, frage ich mich immer häufiger, ob ich noch schreiben soll. Alles scheint gesagt. Leben und Tod und Teufel und Universum. Und Liebe natürlich. Variationen hier und da. Befindlichkeiten, Geplapper. Sinnlos und laut. Alle reden viel zuviel und sagen viel zuwenig, ohne Pause, ohne Verstand und ich mittenmang.
Fellpflege nennt das der Kanzler. Gegenseitiges verbales Lausen. Plaudern, über das Wetter reden, zusammen sitzen in der vertrauten Geborgenheit der Herde.

Verzweiflung, nenne ich es. Labern gegen das Vergehen und gegen die Hoffnungslosigkeit.
Gefühlsverkatert bin ich. Es gab derer zuviele in den letzten Monaten. Nicht das kleine Einmaleins, sondern das Große. Tausend mal tausend. Die riesigen Themen, das, was die Welt zusammenhält oder auseinanderfallen lässt, zumindest die meine.
Mit Hochdruck arbeite ich an meiner Gesottenheit. Inzwischen liegt sie bei medium rare.
Es tut weh, wenn sich das Fleisch von den Knochen löst.

(Wer schreibt der atmet)

 

 

 

 

 

Bild: Kenneth Parker, Family
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/