Das richtige Leben

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Bilder nicht werten, sie aufblitzen lassen wie die Fotos in den handtellergroßen Souvenir-Plastikfernsehern. Drückte man einen Knopf erschien das nächste Bild. Eine Kirche, ein Rathaus, die Berge, der See. Alles war Vorbereitung, Instruktion für ein Leben, das beginnen würde sobald die Canyons im Schweiße des Angesichts gegraben und der Fluss endlich in seinem Bett angekommen wäre. Was davor war, war Interim, so wenig richtiges Leben wie Chappi.

Eine Geschichte schreiben die nicht die eigene ist während die eigene unbeachtet weiter plätschert wie Wasser im Rinnstein und das Laub sich sammelt auf dem Abflussgitter und modert. Dieses Bild taugt für nichts und steht doch so da. Entstanden als ich mein Leben kurz aus den Augen ließ und Laub sich sammelte, das ich sonst vielleicht beiseite gefegt oder gespült hätte um der Verstopfung des Abflusses vorzubeugen.

Das Alleinsein tut mir gut. Ich atme tief und in die Nacht hinein. Wenn ich nicht schlafen kann, höre ich Julia Franck über deren Stimme ich noch unschlüssig bin, ob scheiße oder gut, so meine vereinfachte Formel, welche auch für Katja Riemann galt, als Frage, eine kurze Zeit lang allerdings nur, dann stand die Antwort fest. Kristallklar. Dass ich überhaupt darüber nachdenken musste.
Schwarz und weiß gefällt mir, solange ich die Farben im Hinterkopf und zur Auswahl habe.
Kontrastreich auch die tägliche Nonne in der Planckstraße mit ihrer schwarz-weißen Kluft. Am rechten Handgelenk der passende Nylonbeutel, schwarz mit großen weißen Punkten, welche Reihe für Reihe, von oben nach unten hin, größer werden. Der umgekehrte Paranusseffekt. Was mag die Nonne wohl einkaufen und in den heimischen Stock tragen?

Ich mag das Leben an diesen Unorten, an denen niemand wohnt aber viele arbeiten und wirken und dabei ihre eigenen kleinen Netzwerke spinnen. Verbindungen, die erst sichtbar werden, wenn man länger hinschaut. Ein Bühnenstück.
Da ist zum Beispiel der Wäschemann mit dem langen krausen, zum Zopf gebundenen Haar, dessen schmaler Körper in einer Arbeiterlatzhose steckt, die ihm einen runden Kinderpo formt und der Tag für Tag mit dem LKW vorfährt, die Hebebühne herunterlässt und große Wagen voll mit Laken, Handtüchern und Bettbezügen auslädt, die er vor der Einfahrt zur Tiefgarage abstellt und dann, einen nach dem anderen, in das Hotel schiebt, wo fleißige Arme sie entgegennehmen und ihm die leeren Wagen des Vortages übergeben. Immer scheint er guter Dinge und niemals seiner Arbeit überdrüssig zu sein. Im Gegenteil: federnden Schrittes und mit zufriedener Miene bewegt er sich durch Hitze und Regen und Wind und selbst das Hupen der verärgerten Tiefgaragenbesucher kann ihm nichts anhaben. Er winkt dann jedes Mal freundlich, fährt den LKW ein Stück nach vorne und schiebt, so rasch er kann, die Wäschewagen aus der Zufahrt, bis die erste Mutter mit Kinderwagen oder ein Rollstuhlfahrer sich über den zugestellten Gehweg beschwert. Auch diesen versucht er es recht zu machen, was nur wieder auf Kosten der Freizügigkeit der Tiefgaragenbenutzer gehen kann, deren Unmut nicht lange auf sich warten lässt. Ein Jongleur ist er, denke ich. Einer, der seinen Beruf beherrscht, was sich weniger in seinen routinierten Bewegungen, als in seinem warmen Lächeln zeigt, das er den Menschen um sich herum schenkt und mit dem er jeder Situation ihre Spitze nimmt.
Gerne wäre ich ein bisschen mehr wie er.

Es ist Sommer, der längste Tag bereits vorbei, der Löwenzahn verblüht, die Kastanien tragen kleine Igel und im Plänterwald streicht ein Mann umher. Strack wie Bolle schiebt er einen Buggy voller Spirituosen die Wege entlang und lässt diesen prompt stehen, als er meiner ansichtig wird. Schon hetzt er mir hinterher. Jeder von uns atmet schwer, der Eine aus seiner Geilheit heraus, die Andere getrieben von Angst, und in der Nacht, wenn ich nicht einschlafen kann und Julia Franck mit ihrer angenehmen aber doch überlieblich angelispelten, zauberhaftigen Stimme zu mir spricht, sehe ich wieder sein Gesicht, eingerahmt von fettigen Haarsträhnen. Ich rieche ihn, den ranzigen Talg, seinen Schweiß und den sauren Atem, die hemmungslos entfesselte Gier und ich sehe mich zwischen den Büschen auf der Flucht, die rettende Haltestelle ist nicht weit, dazwischen nur ein Zaun mit einer fehlenden Strebe als Durchschlupf und auf einmal bin ich dreizehm und der Onkel wohnt keine 100 Meter entfernt und ich erreiche weder den Bus noch den Onkel, der wahrscheinlich gerade bei offenem Fenster Klavierunterricht gibt, in die Tasten haut und die Wut über den verlorenen Groschen spielt, oder den Türkenmarsch oder war es der Götterfunke.
Zuhause angekommen steht die Mutter schon im Flur. Um 6 Minuten habe ich mich verspätet und ich weine und sie verhängt Hausarrest, eine Woche für jede Minute, und ich verlasse das Haus auch dann nicht, als ich lange schon wieder darf.

 

 

 

 

 

 

Bild: Aaron Noble, untitled, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

19 Kommentare zu “Das richtige Leben

  1. Alles plätschert schillernd schön, Schwarz und Weiß vor sich hin – und auf einmal ein Abgrund. Dabei nicht abzustürzen – ich glaube, das ist es was deine Kunst ausmacht, beim Schreiben und im Leben.
    Ich würde dir zu deiner Lesung einen rosa Duracell-Hasen mitbringen, den ich neulich in meiner Garage gefunden habe.

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    • Diese Abgründe als kennzeichnender Bestandteil meiner Lebenslandschaft ermöglichen eben nicht nur Abstürze, sondern auch Vulkantänze. Meist gelingt es mir auf dem Grat zu spazieren.
      Ich danke Dir sehr für diesen Kommentar, über den ich mich ganz besonders freue.
      Den Duracell-Hasen heb bitte auf. Falls ich mal öffentlich lesen sollte (was eher nicht geschehen wird. Bin schüchtern), dann nehm ich den Hasen gern entgegen und stell ihn Rosa Blut vor, meiner Duracell-Häsin.

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    • Da unterscheiden wir uns. Ich finde sie fürchterlich, seit ich sie auf einer Filmeröffnung erlebt habe. Derart herablassend dem „Personal“ gegenüber und auf eine Weise selbstverliebt, die ihresgleichen sucht. Wirklich unangenehme Person.

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          • Zu dem was Du über ihr Verhalten zu sagen hattest, kommt bei ‚mir‘ – soweit ich das verstehe, geht es bei uns beiden, wenigstens tendenziell, um anekdotische Evidenz – noch etwas hinzu, das eher an Schulhof-bullying einer 14jährigen Möchtegernprinzessin erinnert. Konkret: Das Personal (der ‚Pöbel‘ – der sich nicht mal anbiederte) wurde von R. nicht nur als ‚persönliche Lakaien‘ behandelt, sondern zudem noch mit dümmlichen Spitzen zu Aussehen, Figur, Klamotten und Auftreten bedacht.
            Wofür es freilich diverse entschuldigende Gründe geben mag (’nen scheiß Tag kann jeder mal haben…) – nur war ich an einem solchen Tag anwesend und bekam die Reaktionen der Betroffenen – die ich zumeist recht gut kannte und wußte was die abkönnen – unmittelbar mit.
            Was nun kein Beleg für irgendwas sein muß.

            Damals hatte ich schon einige Narzissten und Kokser erlebt und an denen gemessen schaffte R. noch den Salto unter jeder Meßlatte. Wie gesagt: Muß nix heißen, allein solch Eindruck prägt.

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        • Ich glaub als Schauspielerin kann man sie ganz ok finden. Als Typin finde ich sie echt sehr sehr fies. Eine Freundin von mir arbeitete in einem Premierenkino. R. schlug dort regelmäßig auf, aß und trank nach sich satt und voll (auch so ein Thema für sich- Prominente und Häppchen) und wenn der Pöbel sie ansprach verwies sie mit einer fliegenverscheuchenden Handbewegung entweder auf ihren Agenten oder fragte ironisch auflachend nach dem Alter ihres Gegenübers. Schlimmschlimmschlimm.

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