Nadelöhr

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Vor dem Verzehr des Kuchens müssen die Körper eine Runde durch den Kiez drehen. So will es der Brauch und wir beugen uns seinen Regeln. Bei schönstem Sonnenschein schlendern wir also zum Oranienplatz, wo ein Dutzend Polizeiwannen Stellung bezogen hat und Polizisten rauchend daneben stehen und auf Kundschaft warten.
Vorbei am Tauthaus, den Segitz- und den Erkelenzdamm entlang, spazieren wir in Richtung Süden zum Ufer. Ein neuer Weg wurde dort angelegt, nicht barrierefrei, wie ein gleich zu Beginn angebrachtes Schild ausweist. Weiter vorne sehe ich ein Pärchen einen sperrigen Zwillingskinderwagen die Stufen nach oben tragen. Hätte man auch mal, denke ich und formuliere den Satz aus Faulheit nicht zuende.

Auf der anderen Uferseite, vor dem Urbankrankenhaus, watscheln ein paar kräftige Schwäne auf den letzten milchigen Eisschollen umher, Menschen versammeln sich an den Uferwiesen und werfen ihnen trockene Brotreste zu. Zartgrün glimmen die ersten Weidenzweige, Möwen kreuzen kreischend die Luft, eine Gruppe Enten paddelt gemächlich in Richtung Osten. Hier und da taucht ein Blässhuhn zwischen den Eisplatten auf. Rostig und vertraut sein Ruf.

Den Rückweg nehmen wir über die Prinzenstraße, doch statt geradeaus in Richtung Moritzplatz durchzustoßen, biegen wir an den 70er-Jahre-Bauten vor der Gitschiner ab. Die etwas zurück gesetzten und von der Straße durch immergrüne Büsche getrennten Häuser sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Alles ist  dreckig und herunter gekommen. Auf einer unmotiviert irgendwo in die Wand eingelassenen violett gestrichenen Türe steht Müllraum. Davor und daneben türmen sich Berge stinkenden Unrates.
Ein Stück weiter sind die Abfalltonnen eingegittert. Eine alte Frau tritt aus dem abschließbaren Käfig heraus und schaut uns müde an. Zu ihren Füßen liegt ein Puppenbein.

Bei der Hausnummer 38 surrt ein Türsummer im Dauerbetrieb. Weit und breit ist niemand zu sehen. Begegnungsstätte steht auf einem Schild mit Berliner Bär. Daneben hat jemand einen Zettel an das Panzerglas geklebt. In case of emergency, steht da, Police department 53, 24 h a day und darunter eine Telefonnummer. Wir schauen, dass wir Land gewinnen.

Wenig später sind wir zurück am Oranienplatz. In der Zwischenzeit scheint hier eine Demo stattgefunden und sich schon wieder aufgelöst zu haben. Menschen stehen in Grüppchen beieinander. Manche tragen zusammengerollte Fahnen. Afrin, denke ich und gehe weiter. Ich schäme mich für meinen tatenlosen Gleichmut, doch ich bin so entsetzlich müde und stumpf.

Am Engelbecken kommt mir ein menschgewordenes Plattencover aus den 70ern entgegen. Zwei Lockenköpfe mit wehendem Haar und einem zuversichtlichen Lächeln im friedfertigen Gesicht. Wir freuen uns, uns zu sehen, lang ist´s her. Die Griechin erzählt, dass sie nun in einem Hausprojekt im Kiez untergekommen sind. Sehr angenehm ist es dort, die Miete günstig. Ach, wie schön!
Jeder, der bleiben kann, ist ein kleiner Triumph gegen das Unaufhaltsame.

Zuhause angekommen schmeckt uns der Kuchen, den der inzwischen schon wieder abgereiste Kanzler mitgebracht hat, ganz ausgezeichnet. Seine ältere Schwester, die treue Seele, hatte ihn extra für mich aus Mandelmehl, Marzipan und Schokolade gebacken. Dem Gemüt bekommt das köstliche Süß, dem Körper hingegen nicht. Doch gerade kann ich es ihm eh nicht recht machen, nicht mal mit einem guten Espresso. Ich muss schauen, dass ich wenigstens die Stimmung ein wenig hochhalte und dazu eignet sich nichts besser als Zucker und Koffein.

Inzwischen bin ich so erschöpft und kurzatmig, dass ich beschließe, die Telefone für zwei Tage abzustellen und weder nach Mails noch nach Post zu schauen. Bin ja sowieso  noch immer und schon wieder krankgeschrieben. Einfach mal die protestantischen Skrupel überwinden, und sich auch ohne gearbeitet zu haben zur Ruhe legen.

Nachdem das Spezialfutter für den Hund für die nächsten 48 Stunden vorbereitet und portioniert ist, die Merkzettel geschrieben sind und die Tigerin mit ihren abendlichen Medikamenten versorgt ist, lege ich mich schlagkaputt ins Bett und erwache erst 15 Stunden später wieder. Heute, am Tag zwei des Schonprogrammes, bringe ich es am Morgen bereits auf insgesamt 30 Stunden Schlaf. Zum ersten Mal nehme ich nun auch Tabletten gegen die Entzündungen und spüre ein wenig Erleichterung. Es wird vorbei gehen, das weiß ich, es geht immer vorbei, irgendwann. Ruhe ist der Schlüssel zur Genesung und die hole ich mir jetzt, fast ohne schlechtes Gewissen.

Ab Morgen werde ich mich dann wieder in den Alltag stürzen müssen. Ich hoffe im Briefkasten lauert keine Vogelspinne oder ähnlich Toxisches.
Der Bekannte ist da, das ist gut.
Alles andere wird auch wieder werden.
Hinter dem Müllraum liegt ein weitläufiger Garten.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Elena Mazzanti, flickr, Berlin_Kreuzberg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Blaues Band usw.

Die Tigerin steckt nach Monaten der Ruhe wieder in einer Krise mit Appetitlosigkeit und Erbrechen. Ich gebe ihr einen Krümel Mirtazapin, bald darauf geht sie an den Napf.

Der Bekannte weilt im Norden. Nachts liege ich mit ausgebreiteten Armen im Bett, ziehe mir auf dem Tablet Abenteuer Diagnose rein und freue mich, nicht auch noch an all diesen anderen seltenen Krankheiten zu leiden. Immerhin sind die vorgestellten Malaisen alle behandelbar und den vorgestellten Patienten geht es inzwischen wieder gut. Die Folgen in denen Parasiten vorkommen, überspringe ich.

Nach dem langen Winter trägt das liebe Tölchen eine nicht zu entfilzende Matte am Leib. Es wird Zeit für einen Haarschnitt. Bald.
Die spanische Miezekatze umarmt die Heizungsrippen, um sich zu wärmen. Erst im Hochsommer hört sie damit auf.

Die frisch geputzten Fensterscheiben halten die Sonnenstrahlen nicht mehr ab. Ich drehe die Lamellen ein wenig zu und blinzle in einen Streifen weissen Lichtes.

Am Nachmittag gehe ich eine Runde über den Platz. Der traurige Fünzigjährige mit den halblangen grauen Haaren und der speckigen Jeansjacke steht unberaten vor dem Eingang des Bethanien, sein frustrierter Retriever zieht feste an der Leine und will zu Tölchen. Entschuldigend lächelt der traurige Mann und ich lächle zurück und spüre einen kleinen Schmerz, ein wehes Bedauern, doch ehe das Gefühl Besitz von mir ergreift, schnappe ich meinen Hund, deren Hinterbeine schon wieder steif werden vor Schwäche und mache mich mit Tölchen auf dem Arm auf zum Baumarkt.

Bei der ehemaligen Galeria Kaufhof am Ostbahnhof klaffen riesige Löcher in der Mosaikfassade. Ein modernes Bürogbäude soll aus dem alten Kasten werden. Im Moment aber sieht er genau so aus, wie man sich drinnen immer gefühlt hat.
In Erinnerung an die guten alten selbstinduzierten Verstimmungen, setze ich mich in der Küchenabteilung von Hellweg probehalber auf einen viel zu hohen Barhocker, dem ein viel zu niedriger Tisch gegenüber steht und schaue mir das Plastikfurnier ringsum an. So ein Leben könnte man auch haben.
Die Klodeckelabteilung mit den originellen Motiven überspringe ich dieses Mal.

Draußen auf dem Freigelände stehen die ersten Primeln, Stiefmütterchen, Hyazinthen und Narzissen zum Verkauf und ich weiß nicht genau, ob mich die Pflanzenklone bedrücken, oder ob sie mich als Boten des Frühlings beglücken sollen.

Mit leeren Händen gehe ich später durch die Kasse, wo die gleiche Verkäuferin von immer die Stellung hält. Wir nicken uns zu und registrieren im Vorbeigehen, wie jede sich über den Winter verändert hat. Bei mir sind es ein paar graue Haare mehr, länger sind sie auch und die Wellen kommen zurück. Ihre Haare sind inzwischen wieder schwarz und zu einem dicken Seitenzopf geflochten. Ich trage dieselbe schwarze Jacke, sie ihren roten Kittel. Ich kein Makeup, sie ziemlich viel davon.

Im Eingangsbereich des Marktes wird umgebaut. Der Bäcker ist verschwunden und mit ihm die Frau mit dem schütteren magentaroten Haar und der verlässlich schlechten Laune. Die Ware war eher mau, doch die Laugenecken mochte ich, wie ich überhaupt Fettiges liebe, obwohl es mir nicht bekommt.

Auf dem sonnenbeschienenen, gleißend hellen Parkplatz tippelt ein Obdachloser im Rollstuhl mit zerrupftem Bart und zerschlissener Kleidung die Autoreihen entlang und schaut ob dem Ein oder Anderen beim Aussteigen vielleicht ein wenig Kleingeld aus der Hosentasche gefallen ist.  Ich würde ihm gerne etwas geben.

An der Ampel vor der Schillingbrücke stehen frische Blumen und ein verwittertes Kreuz für den hier verunglückten Radfahrer Jakob.
Das Pimmelhaus gegenüber ist verschwunden. Dort, wo es war, klafft jetzt eine Baugrube. Im Yaam gleich nebenan ist nichts los, die Stadt schläft noch und die Spree fließt gemächlich zwischen den Ufernmauern entlang.
Bald  werden die Menschen zurück kehren auf die Plätze.