amputation by knight

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Wilhelmine erzählt von wissenschaftlichen Versuchen bei denen weiblichen Mäusen Dessous angezogen und diese dann Mäuserichen vorgestellt wurden, welche anschließend ihr Initiationserlebnis mit den verkleideten Damen hatten und fortan stark auf Reizwäsche ansprachen, während ihre herkömmlich geprägten Kollegen keinen derartigen Stimulus benötigten.
Wie im richtigen Leben, bemerken wir beide und jede von uns trägt ein, zwei anonymisierte Beispiele aus ihrem Erfahrungsschatz zu der Unterhaltung bei.
Über die Floskel Jedem Tierchen sein Pläsierchen landen wir schnell bei Fetisch im Allgemeinen wie im Besonderen und ich erzähle ihr, dass manche Menschen davon erregt werden, wenn der potenzielle Geschlechtspartner amputiert ist.
Es gibt sogar solche, die sich danach sehnen selbst eine Behinderung zu haben, deren Körperideal zwingend nach einer fehlenden Extremität verlangt und die arg darunter leiden, dass kein Arzt sich findet ihnen die gesunden Glieder abzunehmen. Man nennt diese Menschen Wannabes oder Pretender. Ich selbst kannte mal eine Frau, die sich, obwohl nichtbeeinträchtigt, einen Rollstuhl zulegte, ihren PKW umrüsten ließ , eine barrierefreie Wohnung suchte und fortan ein Leben als Behinderte lebte. Sogar an sportlichen Wettbewerben für Behinderte nahm sie teil. Nur wenn der Aufzug mal nicht funktionierte, nahm sie die Treppe, ihren Rollstuhl unter dem Arm.

Vielleicht, so überlege ich, war auch Monty Python´s schwarzer Ritter ein Wannabe der die Auseinandersetzung mit seinem Gegner nutzte, um sich auf diese Weise seinen größten Wunsch, den Verlust sämtlicher Extremitäten, zu erfüllen und der den Streit mit dem Ritter überhaupt nur angezettelt hatte, um diesen damit zum Vollstrecker zu machen. Amputation by knight, sozusagen. Das wäre gut möglich, stimmt Wilhelmine mir zu, und es würde auch erklären, weshalb der schwarze Ritter seinen Kontrahenten ständig weiter provozierte und herausforderte, anstatt zu kämpfen und dessen Angriffe abzuwehren oder irgendwann, spätestens nach dem Verlust beider Arme, aufzugeben.

Nachdem wir das Thema von allen Seiten beleuchtet und erschöpfend besprochen haben, mäandert unsere Phantasie noch in die eine oder andere abwegige Richtung, bis wir endlich unsere Arbeit wieder aufnehmen und in Gedanken versunken weiter roboten.
Ich weiß jetzt schon, dass dieses Gespräch mich bis in meine Träume verfolgen wird.

 

 

 

Bild: B Hi fives flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

klimper klimper- oink oink

Fahl lächelt der Tag und aus den Schloten steigen dünne Rauchfähnchen; die dunkle Stimme der Welt am offenen Fenster. Ein Sonntag grau wie ein Donnerstag.
Ich könnte hinaustreten und

… endlich hör doch uff mit die Scheiße oder Fresse! brüllen und nen fulminaten Text schreiben, hinne rotzen, druffschmiern wie Kochkäse uffn großporijes Brot, wiema sich dit vorstellt in Balin.

Klischees woma hinschaut: am Lausi hängen massenweise Schuhpaare im Baum vorm Späti namens Quickie wo der Mann mit dem Sham 69 Shirt ein und aus geht, der aussieht wie der taxifahrende Junkie aus Würzburg, dem ich mal ne Wohnung besorgt hab womit ich mich später sehr unbeliebt gemacht habe beim Vermieter. Zum Glück war ich nicht Bürgin.
Hinterm Späti hat ne Butze eröffnet, auf der Markise steht fett ist geil (jeil. Alta, dit heeßt jeil) und auf der Tafel vor dem Laden mit Kreide dit supa orjinelle Klopsgefresse mit dem Geklopfe und dem kiekenden Icke vor der Türe. Ich kotze.

En realidad kotzt solamente la Tigressa, im hohen Bogen, der Tierarztcomputer sagt wir waren schon Monate nicht mehr da, Glückwunsch. Liegt vor allem daran, dass Sie sich so gut kümmern um´s Tier, Frau tiker. Da kenn ich andere, die gehen lieber essen, statt die Katz usw.

Auf dem Heimweg ein Tusch vor der Feuerwache  – tätä – mein Retter!

Im kalten Luftzug unter der Hochbahn kann ich spüren wie wachsgelb und blass meine Haut ist heute an Mariä Lichtmess, doch wenigstens glimmt schwach die Hoffnung auf hellere Tage.

Fast 40 Euro kosteten die zwei Spritzen. Davon könnte ich nen halben Monat essen, denke ich, inspiriert vom Tierarzttalk. Jetzt isst immerhin sie wieder, die Tigerkatz, 3 magere Mäuse mengenmäßig, und alles bleibt drin. Wie mich das freut.

Am Abend kommt der Unterfranke mit Rüpel vorbei. Wir wollen kochen. Das erste Mal in 14 Jahren, doch weil wir uns auf kein Gericht einigen können, erhitzen wir Frosta-Fraß und zanken uns, während unsere Zungen verbrennen und ertauben, weil er sein nasses Fahrrad in die Wohnung gebracht und dabei den frisch geputzten Boden besudelt und besandet hat (das macht doch Kratzer auf´m Parkett!) und weil wir immer streiten, um uns unserer gegenseitigen Wertschätzung und der Bedeutung füreinander zu versichern.

Am Ende vertragen wir uns aber wieder, keine Selbstverständlichkeit, letzte Woche ging´s ganz anders aus, weil ich dem Pferdemädchen meine Plattensammlung geschenkt habe und nicht ihm, das muss heute besser laufen und drum schicke ich ihn unter einem Vorwand nach Hause (ich will jetzt duschen, dabei war ich grad geduscht mit nassen Haaren, als er kam) ehe sein Hund mich noch provoziert und ich meckern muss oder bevor er sich ärgert weil ich für Tempolimit bin während sein letzter Wahlomat herausgefunden hat, in dem Punkt sei er ganz und gar FDP.

Aufhören wenn´s am Schönsten ist.

Für diese und für jede weitere Binse und jeden Kalauer, die und der mir auf den unterschiedlichen Kanälen entfährt, werfe ich jeweils ein paar Münzen ins Phrasenschwein, um es irgendwann im Sommer zu schlachten und neues Tierfutter und Medizin davon zu kaufen.
Ein ewiger und nicht besonders interessanter Kreislauf. Weder für mich, noch für die Mitlesenden, die bis hierher vielleicht noch gehofft hatten, dass es noch irgendwie fulminant und kochkäsig oder geil (jeil!) fett wird, aber nein, nüschte, nur ehrlose Ankündigungen ohne Konsequenzen und Pointe. Öde ist sie diese Zeit, langweilig auf eine ekelhaft schmierige und vertraute Weise, wie die Pisslachen in den Telefonzellen, als es noch welche gab, man kannte sie, man hasste sie und jetzt sind sie verschwunden und das Handy wird unter´s Kinn gehalten beim lauthals auf der Straße und im Supermarkt Labern, mit niedlicher Stimme und engen Hosen und Gelnägeln und anderem Frauenzubehör und das ist dann auch wieder nicht recht, denn das Leben im Winter in der Großstadt wäre nich mal dann toll wenn man alles hätte und besäße, und anders sowieso nicht. Versuchen das Beste draus zu machen ist das Beste was man draus machen kann (klimper, klimper- oink oink) und sobald der letzte Becher Tee leergetrunken ist, gehe ich über Los ins kuschlige Bettchen mit la Tigressa in my yellow arms and my thoughts full of fulminance (klimper klimper-oink oink).

Schlaft wohl, liebe Lesileins!

Die Wanja

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Was man alles hätte erreichen können, denke ich, und mein Blick schweift von den Ordnern auf dem Tisch zu den Krähen auf dem Baum.
Wäre ich nur ein bißchen weniger faul, hätte ich nur etwas mehr Durchhaltevermögen, Ehrgeiz und Geltungsbedürfnis oder wäre wenigstens meine Grundeinstellung materialistischer und ich auf Anhäufung irdischer Güter und das damit verbundene Ansehen bedacht, dann, ja dann hätte wahrscheinlich vieles oder zumindest manches aus mir werden können.
So aber, ist so ziemlich gar nichts aus mir geworden und es tut mir nicht einmal Leid darum, denn mir fehlt tatsächlich jede den Augenblick überdauernde Vision eines anderen Selbst, und jeder Versuch eines alternativen Entwurfes endet in samtvorhangschwerem Glam und Glimmer oder in an Schlichtheit nicht zu überbietender hölzerner Askese, was in etwa einen Eindruck meiner heillosen Ziel- und Perspektivlosigkeit vermittelt.

Manche Leute werden Eisschnellläufer und eilen und gleiten im Kreis herum. Andere schürfen oder schieben virtuelles Geld hin und her, einer reißt Karten ab oder tüftelt und grübelt sich unsichtbare Sachen zusammen, die er in Formeln fasst mit deren Hilfe irgendwann sichtbare Sachen hergestellt werden können.
Der Vater einer Bekannten, ein Mathematiker, hat solange gerechnet und formuliert bis ganz am Ende ein Atomkraftwerk dabei heraus kam, worauf er nicht stolz und worüber er irgendwann sogar sehr traurig war. Im vergangenen Jahr ist er schließlich gestorben und das Atomkraftwerk steht immer noch und niemand kann sagen wie lange das gut geht bis irgendwer durch austretende Strahlung zu Tode kommt. Solche Dinge passieren durchs Denken, es gibt zahllose Beispiele dafür.

Um überhaupt erstmal die Ruhe zu haben, konsequent zu denken, bräuchte es ein gutes Zeitmanagement, überlege ich, während ich eine Handvoll Kaffeebohnen in die Mühle werfe und den Startknopf drücke, dann wüsste man genau wie lange ein Vorgang oder eine Verrichtung im Schnitt dauert, würde die errechneten Zeitspannen aneinanderhängen, ein paar Sicherheitspuffer draufschlagen und sich, sofern man im Zeitplan wäre, alle 4 Stunden eine halbe Stunde Pause gönnen, statt wie bisher jede Stunde 10 Minuten. Falls man schneller war als erwartet, könnte man diesen Zeitgewinn als Guthaben auf ein Zeitkonto packen und würde damit schön viel Freizeit rausschinden, die ich auch so habe, allerdings ohne das Gefühl sie rechtschaffen verdient zu haben.
In jedem Fall wäre alles was man täte 1000 Mal effektiver als jetzt. Die stündlichen Unterbrechungen tun dem Flow nicht gut und fördern nur immer weiter den Müßiggang.
Alle 4 Stunden zu pausieren bedeutete aber auch auf ein Pensum von maximal 3 Cappucini vor 16 Uhr zu kommen, was meinem schwindelerregend niedrigem Blutdruck (85/65) gewiss nicht gut bekäme und meine ohnehin eher flache Leistungskurve nur noch mehr in den Keller drückte.

Mit der annähernden Koffeinkarenz gäbe ich zudem den letzten Pfand, den ich im Falle eines jemals abzulegenden Gelübdes in die Waagschale werfen könnte, um damit Schonung für mich oder einen geliebten Menschen zu erbitten, aus der Hand.
Was hätte ich der Göttin des Universums dann noch zu bieten? Schokoladenverzicht oder Schlafentzug?

Vieles hätte aus mir werden können, denke ich, als der fünfte oder sechste Kaffee des Tages mir heiss die Kehle hinunter rinnt und mein Blick wieder auf den riesigen Papierhaufen fällt, den abzuarbeiten ich mir als Tagewerk vorgenommen hatte. Doch da es draußen schon dunkelt und selbst die zänkischen Spatzen langsam Ruhe geben und Frieden einkehrt im winterlichen Garten, wische ich die Papiere beherzt vom Tisch in den Metallkäfig hinein und fange an, mir Gedanken über mein unverdientes Abendessen zu machen.

 

 

 

 

Bild: Yulya Evdokimova flickr Юля Евдокимоваj105_025s Республика Марий Эл, лето, 2013
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Lidschäftig

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Sobald es spektakulär wird, langweilt es mich. Das Werden ist spannender als das Sein, die Anbahnung interessanter als der Vollzug. Der unmöblierte Raum verheißungsvoller als der gestaltete.

Ich habe gelesen, dass love bombing ebenso toxisch ist wie future faking oder gaslighting und nun frage ich mich, wie diese Gifte früher hießen und auf welche Weise sie damals verabreicht wurden.

Außerdem hat man mir zugetragen, dass ich einmal eine Verlobung per sms aufgelöst haben soll. Das halte ich angesichts meiner Prägung auf Anstand für äußerst unwahrscheinlich und hoffe inständig, dass es so nicht war. Andererseits liegt mir das Abschiednehmen nicht, was die Geschichte leider doch in den Bereich des Möglichen rückt und mich vor mir selbst gleich in doppeler Hinsicht schlecht beleumundet und mich mich schamvoll winden lässt, denn: 1. mies und feige handeln und 2. diese Untat anschließend ins Nevercomeback zu verklappen, wo auch die anderen ungeliebten Anteile und Erinnerungen verschlossen sind, ist nicht schön und nicht in Ordnung und hoffentlich nicht auch noch übermäßig pathologisch und vielleicht sogar, mit dem zeitlichen Abstand und viel Wohlwollen, als menschlich und vergebungswürdig auslegbar.
Falls es also wirklich so war, war das kein feiner Zug. Und von den Zügen und den Gleisen sei weiterhin geschwiegen. Es führt nirgendwo mehr hin.

 

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Sehnsucht indes habe ich nach dem Odenwälder Weiler mit Spessartblick, und nach der Apfelallee, die hinauf zum alten Kinderheim führt und nach dem Augenblick, als der breitschultrige Mann auf seinem Fahrrad mit Karacho den Hang heruntergeschossen kommt, sein blutrotes Hemd aufgeplustert, die blonden Locken in der Sonne wippend, und wie der Wind die Worte fortträgt, die er uns zuruft und die zornig klingen und wie vor meinen Füßen, auf dem heissen Boden, eine Raupe sich krümmt, fleischig und behaart, und wie wir sie ins Gras setzen und dann gemeinsam die Straße herunter schlendern und uns durch den Tag treiben lassen, derweil die Schweine sich grunzend in der Ortsmitte suhlen und das  parkplatzgroße Maisfeld zwischen zwei Häusern halb abgeerntet schläft und alles an diesem lidschäftigen Ort Zufriedenheit ist und auch wir trägen Freunde bei einem Stück Jostakuchen und einer Schorle uns zurücklehnen und mit halbgeschlossenen Augen schweigend ins Licht blinzeln.
Dieses Leben vermisse ich, und den Menschen, der in mir wohnte und der das genießen konnte und der sich heute daran erinnert.

Im Wald

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Mit geschlossenen Augen sehe ich eine Lichtung im Wald. Nebel steigt auf, oder ist es Rauch? Im Abstand von jeweils einigen Metern stehen Braunbären auf ihren Hinterbeinen, die Pranken erhoben wie Wappentiere. Einer davon bin ich. Wer die anderen sind, weiß ich nicht.

Die Hütte in der ich einmal lebte ist verschwunden. Sie begegnete mir zuerst im Traum und später auf einer Reise durch Apulien, gleich hinter einer Kurve, die den Blick auf das Wäldchen freigab. Ich hatte sie dort erwartet und war nun doch erschrocken, sie zu wieder zu sehen.

Auf dem Waldboden vor der Hütte bin ich damals erfroren. Mein Haar war schwarz, meine Haut fahl wie Milch.

Ich weiß nicht, ob es die Bären waren, die meinen Leib im leichten Kleidchen als erste entdeckten und verschonten. Woran ich mich noch erinnere, ist das Trommeln der sich nähernden Hufe auf vermoostem Grund, und dann das Schnauben der Nüstern über mir im kalten Morgengrauen.
Als der Mann meinen Hals berührte, war ich lange schon fort. Da zog er seinen zweiten Handschuh aus und legte ihn neben mich.

 

 

 

 

 

Bild: Michael Müller, the logger´s place, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Firnis, römisch

 

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Regen prasselt wie Applaus auf meine Bettdecke. Neben mir dein Atem. Ich lege die Hand auf deinen Rücken, du schüttelst sie ab. Ein Traum.

Der Kanzler ist zu Besuch. Er redet über die Evolution als eine Geschichte deren Ende jetzt gekommen sei, denn wir sind ja da. Das Großhirn übernimmt das Steuer und lenkt die Geschicke der Menschen zum Guten. Es braucht nur noch die Apostel für die Verkündung der alleinzigen Wahrheit: Gerechtigkeit. Der ungläubige Thomas.

Der Bekannte hört ihm zu. Wir sprechen über Endlichkeit, über den Tod, der unser gemeinsames Schicksal ist, der uns voneinander trennt und zugleich auf ewig miteinander verbindet. Immer wieder fängt der Kanzler damit an. Er bereitet sich vor und sucht nach abschließenden Antworten, nach Trost. Alles soll schön und rund und heil werden. Es macht mich traurig, ihn so zu hören. Der Tod wohnt im Nebenzimmer, immer schon, doch nun hat er sein Ohr an die Wand gelegt.

Derweil ist es Sommer geworden in der Stadt, auf den Frühling hat sich Staub gelegt und allem Glanz einen matten Firnis verliehen. Am Morgen scheint eine römische Sonne in die Häuserschlucht.

Ich liebe diese Stadt.

Auch der Cousin, der Prof. Dr. und seine Frau, die Frau Dr. sind zu Besuch. Gemeinsam mit dem Kanzler sitzen wir in der Abendsonne, der Kanzler erzählt von früher und in der familiären Vertrautheit alter Tage packt ihn die Kalaueritis. Hundermal gehörte Scherze gibt er zum Besten, Erbwitze in dritter Generation. Ich fühle mich geborgen.  Weh und schwer wird mein Herz als am Sonntag alle wieder abreisen.

 

 

 

 

 

Bild: october bay, flickr, Berlin (Kreuzberg), Oranienstrasse x Mariannenstrasse
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hab ich schon mal erzählt von der Frau, die Absagen schrieb?

Diese Frau setzte sich an den Küchentisch, durchstöberte die Zeitungen und Magazine nach Stellenangeboten und verfasste schließlich ein jeweils passendes Anschreiben, das folgendermaßen aufgebaut war: zunächst legte sie ihr großes Interesse und ihre Qualifikation resp. Eignung für den Job dar, dann berichtete sie von ihrem inneren Ringen, dem Kampf, den sie seit Tagen mit sich selbst austrug, um schließlich und endlich von dem Ergebnis zugunsten ihres derzeitigen Kräftehaushaltes zu berichten:

„… bin ich nach langem Ringen und zu meinem eigenen großen Bedauern zu dem Schluss gekommen, dass ich den Job in meiner derzeitigen Lebenssituation nur übernehmen könnte, wenn ich konsequent über jede meiner Grenze hinwegginge.

… wünsche Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der passenden Mitarbeiterin.“

Ich mag solche schrägen Vögel, auch wenn sie mich immer ein wenig traurig stimmen.

Cäsar sagt:

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Bei Humana am Alex(anderplatz) wird Vergangenheit verkauft, gewaschen gebügelt.
3 % des Erlöses für einen guten Zweck.
Humana klingt nach pflichtbewusster christlicher Lebensfreude, ein Pünktchen ins Heftchen für jedes Jugschartreffen; klingt nach dem Pfarrer mit der dicken Hose und der Zeit in der man noch Dritte Welt sagte und das N-Wort mit weisser Selbstzufriedenheit im satten Munde führte.
Was zwischenzeitlich undenkbar schien, rollt sich unerwartet wieder auf wie ein alter von Mäuseharn durchtränkter Teppich aus dem Keller. Ein Gestank wie eine Armee Ungewaschener.

Mich erreicht eine E-mail. Darin steht: ich habe den Deutschen Fluch und noch einmal auf Englisch: I have the german curse.
Wer nicht
, möchte ich antworten.

Aus Scheiße Pralinen machen, aus Heu Stroh spinnen, oder besser Gold.
Aus Öl Plastik raffinieren und Schildkröten mit Tüten strangulieren.

Oben spannt sich der Himmel, dahinter die schwarze Schatulle eines kalten Universums. Es regnet in Kreuzberg und in Uhlenbusch.

Der fröhliche Teil kommt jetzt: ich habe eine neue, temporäre Leidenschaft, die so banal ist, dass ich sie aus Prestige- resp. Imagegründen nicht näher benennen kann.
Hat zu tun mit Campingplatznostalgie und Wildwest-Romantik und funktioniert nur in der hellen Jahreszeit und auch da nur am Abend weil tagsüber lieber Gefrorenes.

//

Heute habe ich (entgegen meiner Gewohnheit/ meiner Grundsätze/ meines inneren Gelübdes etc.) etwas ausgeplaudert was ich vielleicht nicht hätte ausplaudern sollen, weil: falsche Verbündete, doppeltes Mandat usw. Nun ist es zu spät und der Bekannte, der mit seinen tropfnassen heiligen Blumenberg-Büchern regenbegossen nach Hause kam, sagte: Jeder liebt den Verrat, aber niemand den Verräter. Ich fürchte er hat Recht.

Rewind

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Anonymous Photographer – Gypsy dancer, Spanish, Flamenco, 1956, Quelle: old pics archive

Babelhaft

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Die Freundin ist zu Besuch. Ich will ihr berichten was alles los war und erzähle von dem U-Bootbauer. Meine innere Düsternis kennt jeden Gang im Labyrinth. Die Freundin muss glauben ich sei ein Schwermut oder gar ein Schwerblut. Jeder, der mich liest oder mitunter reden hört, könnte das denken, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Annähernd kein Tag an dem ich mich nicht vor Lachen biege. Im Ernst.

Während ich dies schreibe löscht die Autokorrektur jedes falsch getippte Kapitälchen und ersetzt es durch seine kleine Schwester. Ich mag dieses Eigenleben meiner Vertipper, diese geheime Letternwelt, das sonderbare Ordnungssystem – unsichtbar und effizient und stur und oft so dumm und ahnungslos.

Babelhaft ist die Stadt der Buchstaben in der jede Sprache der Welt Zuhause ist und performt wird. No border, no nation- sowieso. Sprache fließt und überschreitet Grenzen, so wie Flüsse, so wie alles was lebt.

Zu tieferen Gedanken bin ich derzeit nicht in der Lage und Willens. Da ist dieses Gutachten im Nacken, das mir zwar die Leistungsbewilligung beschert, mich dabei aber derart pathologisiert und stigmatisiert hat und mir außerdem die Reisefreiheit, bzw. die Inanspruchnahme der medizinischen Leistungen außerhalb der Grenzen Berlins versagen will, dass ich mich in der absurden Situation befinde gegen eine mich begünstigende Bewilligung vorgehen zu müssen, weil die Grundlage falsch und die Ausführungsvorschriften grundgesetzwidrig und schikanös sind und weil ich verflucht nochmal nicht depressiv oder gar suizidal bin und mich von einer Fachkraft der Fleischbeschau auch nicht in diese (wieder mal) von der Ausrottung bedrohte Menschenkategorie hineinschreiben lasse.

Keine Sorge, ich habe nicht vor diesen klebrigen und mehrfach wieder gekäuten Teig erneut in aller Öffentlichkeit auszurollen und mit Kröten, Schnecken und Würmern zu belegen.
Dieses Spektakel bleibt dem engsten Kreis vorbehalten.

Meinen Sommer werde ich genießen, außerhalb Berlins versteht sich, dort wo man psychisch erkrankte Menschen demnächst mit Fug und Recht und wo man ebenso mit Fug und Recht Handgranaten an die Polizei und vieles mehr. Sätze die auszuformulieren mich zu wütend macht. T4 -Leute. Wir sind schon wieder mittendrin.

Vergleichsweise lustig liest sich der Mist, den Sibylle Schmidt von der AfD Berlin (ehemals Mitgliedin der KPdRZ und später der SPD) verzapft. Isse wohl ins Berghain nicht reingekommen, beschwertse sich über die hässlichen Türsteher, die Drogen, die Öffnungszeiten und will die Darkrooms des Etablissemnts mit Licht fluten lassen, um sexuelle Handlungen zu unterbinden. Ja wo leben wir denn!

Frau Schmidt, die ich in meinem geheimen Büchlein unter dem Decknamen Hedwig S. Mahler führe, möchte uns zurück geleiten in eine saubere, reine, deutsche  Welt, die es nie gab und nach der sie arges Heimweh hat.

Lass fließen, lass dem Ding den Lauf

Etwas Erfreuliches gibt es aber auch noch zu berichten: es geht mir gesundheitlich wieder viel besser, um nicht zu sagen gut. Nach einem unerquicklichen Tag mit hohem Fieber, der eine reinigende Wirkung auf mein gesamtes System gehabt zu haben schien und nach einer konsequenten Vermeidungsdiät (böse Arachidonsäure!), fühle ich mich young, foolish, happy und ziemlich unverwundbar. Schön sowieso.

Allen Leserinnen (Männer mitgemeint) wünsche ich einen fabelhaften Sonntag!