Wimmelbild mit tsruwtarB

20170617_172110-1.jpg

Bei Frau Merkel um die Ecke geht es so zu: die Bratwurst ist spiegelverkehrt, die Krakauer lustig oder lustvoll und Senf & Ketchup gibt´s aus hängenden, euterartigen Melkflaschen. Leuchtmänner sitzen auf Bänken, Schilder warnen und Zäune verwehren. Obendrüber die Hochbahn mit geballter Faust und wolkigem Gekringel.
In unserem Rücken ist gerade Flohmarkt, dahinter steht das Bode-Museum wie ein dicker Knödel auf der Museumsinsel. Es handelt sich übrigens um jenes Museum, aus dem unlängst eine 100 kg-Goldmünze gestohlen und diese inzwischen wahrscheinlich zu Winke-Dildos umgeschmiedet wurde.
Vor dem Haus, in dem die Kanzlerin wohnt, vis à vis des Pergamon-Museums, fahren gerade wichtige Männer mit schwarzen Limousinen vor, derweil einer der wachhabenden Polizisten seinem Kollegen ganz selbstvergessen und ungeniert im Gesicht herum fummelt und die beiden kurz davor sind, sich zu küssen.
Ach, Berlin.

 

 

 

 

 

 

Bratwurst in Spiegelschrift liest sich auf den ersten Blick wie Brustwarze.

 

 

schrei wenn du brennst

IMG-20170616-WA0001.jpg

Dieser Text endet viel heiterer als der Titel vermuten ließe

Schrei wenn du brennst, steht auf der Betoneinfriedung am Eingang des Parks und ich gedenke des unbekannten Menschen, der dort (selmals) kauernderweise seinen Schmerz in die Welt gesprayt haben muss. Schrei, wenn du brennst.

Hätte er doch bloß ein Bündel Geldscheine zur Hand gehabt, es angezündet und in stummer Zufriedenheit über das kurze Aufscheinen einer ungeahnten, neuen, alten Freiheit oder Autonomie den hellgrauen Ascheflocken hinterhergeblickt während diese mottengleich aufstiegen in die nächtliche Luft und sich in der Dunkelheit verloren, hätte dieses Erlebnis möglicherweise alle Pein von seiner Seele genommen.
Unten das Feuer und oben Ihr.

Schrei wenn du brennst begleitet mich seit Jahren und manchmal betrete ich den Platz vorsätzlich von der anderen Seite, um den Schriftzug nicht sehen und nicht darüber nachdenken zu müssen. Doch der Fleck an der Wand macht das abgehängte Bild noch präsenter.

Es ist genau diese kleine, besprayte Betoneinfriedung, dieses unwirtliche Mäuerchen, zu der es mich an manchen Abenden als dem letzten warmen Fleckchen zieht, ehe die Sonne, die es eben noch mit ihren Strahlen bedacht hat, hinter den Türmen des Künstlerhauses Bethanien verschwindet und bald schon die Fledermäuse über die Wipfel der Platanen streifen.
In diesen vergoldeten Minuten ist schrei-wenn-du-brennst der Ort, an dem ich mit geschlossenen Lidern verweile, das Geflecht der roten Adern die hinter meiner Stirn aufleuchten betrachte und mich so lebendig fühle wie selten.

Der Sommer macht uns alle unsterblich, auch wenn der Brunnen tief und schwarz, sein Gluckern unheimlich und der Geruch modrig ist.
Jede Wirklichkeit ist saisonal.

 

 

 

 

 

 

(Musik zum Text: Nick Cave, Mercy Seat, https://www.youtube.com/watch?v=t6p5nw6zZig – youtube-Direktlink)

 

 

bei Nacht (rewind / forward)

5658893284_32c7676f7f_z.jpg

Ein Texaner erlegt einen kindsgroßen Ochsenfrosch und hält das Opfer seines Rekordmordes zufrieden in die Kamera.

Der neue Trend heisst Pussy Slapping – Mädchen schlagen sich gegenseitig heiter zwischen die Beine. Paleo-Diät und ein leichtes Kleidchen aus ungebleichter Baumwolle könnten gut dazu passen. Im Sommer auch ein Gurken-Zitronen-Eis, low fat.

<<

Nachts um eins quert eine Wildschweinrotte die Potsdamer Chausee. Ein Scherenschnitt aus fünf großen beschnauzten Kästen und acht kleinen schwanzwedelnden Kästchen die hintereinander her laufen. Ohne nach links und rechts zu schauen, traben sie durch die Nacht und vertrauen in die Geborgenheit der Herde. Ich bremse und lasse sie mit angehaltenem Atem passieren.

Nach der Fahrt durch die nahezu ausgestorbenen Straßen und über die Stadtautobahn kehre ich von meinem Ausflug mit der kranken Katze zurück. Zu meiner Freude ist die Spülmaschine ausgeräumt, der wedelnde Hund gefüttert und alles in schönster Ordnung. Der Bekannte sitzt nach getaner Arbeit über seinen Büchern und laboriert im Lichtschein der gußeisernen Tischlampe an der Ausdifferenzierung seines Geistes und der Erweiterung seiner Gedankenwelt. Das bisher Gedachte verwahrt er, abgefüllt in Gläsern unterschiedlicher Größe, in seinen inneren Katakomben, wo die Behältnisse nach einer geheimen Ordnung und in einem für Uneingeweihte undurchschaubaren Regalsystem der wechselnden Gewichtungen, Strömungen und Bezüge aufgereiht sind. Ich blicke da weder hinein noch durch und er schweigt sich, wie stets, über seine Welt aus,

<<

In der Tierklinik sitzt ein attraktiver Mann in einem lindgrünen Hemd und hält eine Kiste mit zwei Vögelchen auf dem Schoß. Er wird diese, ausgerüstet mit einer Zuckerlösung und ein paar guten Tipps, wieder mit nach Hause nehmen. Alle zwei Stunden füttern, feed them all two hours, sagt die Ärztin und fügt hinzu, don´t worry, they are thick.
Die Fragezeichen über des Mannes Kopf schweben noch im Raum, als er längst schon verschwunden ist.

Gleich neben mir wartet ein junges Paar, Mittzwanziger. Er mit Vollbart und zeitgenössischen Tätowierungen, sie langhaarig in enger Stretchjeans und mit silbernen Riemensandälchen. Auch sie haben einen Karton dabei, darin ein halbnackertes Küken, welches die Tierärztin im Vorbeihasten als Taube identifiziert. Später wird sich herausstellen, dass es sich, wie bei meiner Selma, um eine Amsel handelt, denn ich lotse das Paar zu derselben Dame, bei der ich Vorgestern, nach einer erneuten nervenaufreibenden Aktion (dieses Mal: Rettung vor der hungrigen Elster) meinen kleinen Findling abgegeben hatte. Die Vogelexpertin erkennt es auf den ersten Blick: was hier den dünnen  Hals nach oben reckt, kann keine Taube, sondern nur eine Drossel sein.
Selma und Amselina (wie ich das Küken im Geiste taufe) werden nun bis zu ihrer Auswilderung in Staaken leben. Amselina, so schreibt mir die Vogeldame gleich am Morgen per WhatsApp, hätte die Nacht nicht überlebt, wäre sie nicht in ihrer Obhut und damit auf einer Wärmescheibe in einem Frotteenest voll puckernder Schützlinge gelandet. Ich freue mich.

<<

Das tagelange, unstillbare Erbrechen der Katze endet übrigens rätselhafterweise so plötzlich wie es gekommen ist. Das Neonlicht der Klinik reicht aus, ihre Magensäfte gerinnen zu lassen und nachdem die Ärztin mit den lagunenblauen Haaren den Bauch der Tigerin abgetastet und für weich befunden hat, trete ich nach Stunden des Wartens hinaus in die seidige Nacht und hoffe, dass der rabiate Besitzer des angefahrenen Welpen, der aussieht wie  der bärtige Geiselnehmer von Gladbeck und sich aufführt wie die Axt im Walde, mich nicht auf den im Dunkeln liegenden Parkplatz verfolgen und mir dort den Schädel spalten wird (weil ich als Nichtraucherin seine Frage nach einer Kippe abschlägig bescheiden musste). Meine Bitte wird erhört, nichts Böses widerfährt mir und im Schutze des leise rauschenden Blätterdachs verlasse ich das nächtliche Gelände ohne Zwischenfall.

>>

Jetzt sitze ich nach einer traumlosen Nacht müde am Küchentisch, schaue hinaus ins satte Grün, lausche dem Regen und schreibe diese Zeilen, derweil der Bekannte sich eine Banane schält und seinen Kopf mit Buchstaben und Wörtern a.k.a. Informationsträgern füllt.
Heute Morgen ist es ihm gelungen den metallenen Deckel des Espressokännchens, der seit Langem schon lose ist, scheppernd auf das Glas des Cerankochfeldes fallen zu lassen und zeitgleich und auf unerklärliche Weise eine Kettenreaktion im etwa 2 Meter entfernten Spülbecken auszulösen, das laute Gegenscheppern von aufrecht in einem Becher stehenden Besteckteilen nämlich, die sich just in diesem Augenblicke aus ihrer Verschränkung lösten und klirrend auf dem porzellanenen Boden des Bechers aufschlugen. Wir hatten unsere Freude an dem schrägen Akkord.
Schläft ein Lied in allen Dingen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Daniele Civelo, Naturkundemuseum 48, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

in des Lebens Dunkel

20170417_144658

Die Tage sind voller Arbeit und ich sammle die Sonnenstrahlen und das Licht, die den Weg in meine Räume finden.
Wenn alles gut geht, wird mein Leben in den nächsten Monaten eine große Veränderung erfahren, die mir sehr viel mehr Verantwortung überträgt, die aber gleichzeitig auch mehr Schaffensfreiheit und zugleich größere Sicherheit bedeutet. Bis dahin allerdings wird es ein schwerer, arbeitsamer Weg. Zurzeit habe ich nur wenige freie Minuten und die Tage sind lang.

Fristgerecht wurde heute ein Antrag bei Gericht eingereicht, dessen Gestaltung das gesamte Wochenende in Anspruch nahm.

Meine sozialen Kontakte muss ich ruhen  lassen und auch ans Schreiben komme ich nicht so richtig. Deswegen hier derzeit mehr Bilder als Text.

Spätestens Anfang August kann ich erstmal verschnaufen. Was sind schon knappe 4 Monate Stress, wenn´s danach ins Blaue Land geht.

Anfang nächsten Jahres sollte der Wechsel vollzogen sein. Bis dahin kämpfe ich mich durch Rechtliches und Organisatorisches und trage meinen Hund 5 Mal am Tag vor die Tür.

 

Hämoglobin

5560715467_b2e4cd3f62_z.jpg

Die Geschichte beginnt mit einem Blutstropfen auf einem blütenweißen Laken. Die kurvige Krankenschwester rügt den jungen Assistenzarzt für sein Missgeschick. Ihre Strenge lässt ihn angenehm erschauern und fortan sucht er bei der Arbeit ihre Nähe.
Eines Tages betreten beide gleichzeitig den Aufzug. Er möchte nach oben, sie ins Erdgeschoss fahren. Und während die Kabine nach unten sirrt, sagt sie spöttisch: Wann laden Sie mich denn nun endlich zum Essen ein, X.
Der Arzt leiht sich Geld und bringt eine Aktentasche voll kleiner Scheine zur Verabredung. Die beiden werden ein Paar.
Nach 10 Monaten wird das erste Kind, ein Mädchen, geboren, das Zweite folgt ein Jahr darauf und das Dritte, der Junge, vergisst im blendenden Licht der Welt für einen Augenblick zu atmen. Ein Zwischenfall, der später Ausgangspunkt einer alleserklärenden Lebensverweigerungstheorie des Jüngstgeborenen werden wird.

//

Ich fahre mit der S-Bahn. Ein etwa vierzigjähriger Mann steigt ein. Er sieht verwahrlost aus, seine Kleidung ist schmutzig und die Körperhaltung schlaff.
Der Mann geht von Reisender zu Reisendem, streckt seine Hand aus und bittet um eine Spende. Das Leben habe es nicht gut mit ihm gemeint, sagt er. Arbeitslos, obdachlos, einsam und alkoholsüchtig sei er und Schuld daran habe allein seine Mutter.

//

Zwei Mal in meinem Leben hat mein Vater mich geohrfeigt. Das eine Mal nachdem ich mich mit der Hollywoodschaukel überschlagen und mir den Kopf auf den Steinplatten blutig gestoßen hatte. Das andere Mal ergriff mich beim Skatspielen grund- und haltlos ein hysterischer Lachanfall, der kein Ende nahm, bis mein Vater mir ins Gesicht schlug und ich übergangslos vom Lachen ins Heulen wechselte. Ich war sieben und mein Vater 37 Jahre alt.
Ein Jahr später, an seinem 38. Geburtstag, fuhren er und ich mit dem Zug. Er paffte eine Zigarre, blies den Rauch aus dem Fenster und sagte, dass er nun alt, sein Leben versaut und inzwischen zu kurz sei um auch nur eine Langspielplatte auflegen zu können. Er weinte.
Auf unerklärliche Weise war ihm ganz unbemerkt und ohne sein Dazutun ein riesiges Stück Zeit abhanden gekommen und niemals würde er es wiederfinden. Um weiter mit uns Kindern zu den sonntäglichen Jazz-Matinées oder ins Kommunale Kino gehen zu können, wo wir uns als einzige Gäste die Marx Brothers Filme ansahen, hörte er auf zu forschen und die blutigen Präparate veschwanden aus unserem Kühlschrank.

 

 

 

 

 

Bild: flickr, Peter C.
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Chance

1806585382_77a006e15e_z

Im Plänterwald suchen die Rothaarige und ich nach den kleinen Pappwichteln, die wir im Frühling vor zwei Jahren in der ein oder anderen Baumachsel versteckt hatten. Wir finden sie nicht. Was wohl aus ihnen geworden ist? Ob Vögel sie für ihren Nestbau verwendet haben, wie letzten Sommer das Meisenpärchen die Katzenhaare, die ich in den Garten geworfen hatte? Die Idee gefällt mir.
Aus unerklärlichen Gründen schweifen meine Gedanken zu meinem Philosophie-Dozent, der uns vor vielen Jahren Kant näher bringen wollte. An einem Tag, wir saßen in unserem Seminarraum und die Sonne schien mir warm in den Nacken, erzählte er uns von seinem Sohn und von dessen Sterben. Der Junge war als Kind an einem besonders aggressiven Krebs erkrankt und seine Eltern und die Ärzte hatten alles für seine Rettung getan. Doch er, als Vater, habe sich immer wieder auch die Frage gestellt, ob es richtig sei die Genesung seines geliebten Kindes um jeden Preis erzwingen zu wollen und auf diese Weise zu versuchen den unterstellten Naturwillen auszutricksen und damit einen Menschen mit einer genetischen Disposition überleben zu lassen, die dieser an die nächste Generation weiter geben und so das furchtbare Leid perpetuieren würde. Die Antwort auf diese Frage habe sich schließlich durch den Tod des Kindes erübrigt.
Ich weiss bis heute nicht, ob unser Dozent uns testen wollte oder ob er das, was er sagte, ernst meinte. Falls er sich eine angeregte Diskussion zu dem Thema erhofft hatte, dann war sein Plan nicht aufgegangen, denn wir schwiegen betreten.

Vergessen immerhin, habe ich seine Gedankengänge bis heute nicht. Und während das Tölchen sich vor mir durch den blühenden Bärlauchteppich im Plänterwald schnuppert, denke ich an dieses Kind, das so früh gehen musste, und das durch die Gedankengänge seines Vaters doch bis heute, selbst in der Welt einer Fremden, noch lebendig ist. Das stimmt mich zuversichtlich und traurig zugleich.

Wäre der Junge nicht gestorben, so stelle ich mir vor, säße ich jetzt vielleicht mit ihm in einem schönen Restaurant, wir schauten uns über die Kerze hinweg an und unterhielten uns. Nachdem ich seiner Geschichte gefolgt wäre und wir eine Weile darüber geschwiegen hätten, hätte ich von mir erzählt. Von meiner Erkrankung und von meinem Überleben. Im Laufe des Gespräches hätten wir noch weitere Gemeinsamkeiten unserer beider Leben gefunden.  Eine davon wäre unsere Kinderlosigkeit.

Immer sind es Zufälle. Etwas anderes gibt es nicht.

 

 

 

Bild: Tom Waterhouse, under the millennium bridge, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

sans souci/ sorgenfrei

14554118283_dfa6b437a7_z

An einem sehr heißen Tag waren wir zusammen in den Treptower Park gegangen. Stundenlang hatten wir auf der Wiese gelegen, auf das träge vorbeifließende Wasser und die Halbinsel Stralau geschaut. Wir hatten geplaudert, geraucht und an unseren Bierflaschen genippt. Hin und wieder kam ein Ausflugsschiff vorbeigeschippert, die MS Sanssouci oder die Monbijou. Oben auf dem Sonnendeck saßen Touristen und winkten den am Ufer Liegenden zu. Wir wedelten und winkten wie wild mit unseren Beinen zurück und die Touristen machten Fotos. Dit is Balin. Im Kielwasser der Schiffe schaukelten Tretbootchen neben Stockenten, ab und an brauste eine Motoryacht vorbei und schob einen Kranz weißer Gischt vor ihrem Bug her. Lastkähne kreuzten tutend und alle halbe Stunde tauchte das feuerrote Wasserflugzeug am Himmel auf, um weiter hinten in der Rummelsburger Bucht zur Landung anzusetzen. Bald würde es zu seinem nächsten Stadtrundflug starten.
Es war drückend heiß, die Luft feucht und im Osten bildeten sich schon die ersten Wolkengebirge. Das zweite Bier hatte mich rammdösig gemacht. Ich schloss die Augen und lauschte dem Murmeln der beiden anderen. Ab und an lachten sie leise, dann war es eine Weile ruhig.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen oder ob ich bloß gedöst hatte. Wahrscheinlich war es das Gickeln und Grunzen neben mir, das mich weckte. Bestimmt kitzelten sie sich gerade gegenseitig. Langsam öffnete ich das linke Auge und blickte in den Himmel, der dräuend über uns hing. In der Ferne grollte es ganz leise und es klang wie entferntes Möbelrücken. Ich dachte an den Nachbarn, damals in Frankfurt. Nacht für Nacht hatte er schwere Gegenstände, vielleicht Klaviere oder Schrankwände, durch seine Wohnung geschoben und ich war ihrem Weg durch die Räume mit den Ohren gefolgt. Am frühen Morgen, wenn die ersten zur Arbeit gingen, hörte er auf damit. Ich dachte viel über den Mann nach, der, begegnete man ihm im Treppenhaus, einen ganz normalen Eindruck machte. Vielleicht hatte er einfach Schlafstörungen, oder er war Inneneinrichter mit einem schlecht ausgeprägten Vorstellungsvermögen. Möglicherweise  war er auch einfach nur einsam und traurig. Der Gedanke hatte eine so ungünstige Wirkung auf meinen gerade erwachenden Geist, dass ich ihn schnell beiseite schob. Neben mir lachte es noch immer leise. Ich öffnete nun auch das zweite Auge und drehte den Kopf. Von rechts schob sich eine dunkle Wolkenfront heran. Es würde bald regnen.

Während die Kolumbianerin sich noch über meine zielsichere Wetterprognose wunderte und auf dem Rücken liegend weiter in den Himmel starrte, hatten B. und ich uns bereits aufgerappelt und klaubten rasch unsere Sachen zusammen. Nachlässig stopften wir alles in die Rücksäcke und schauten hin und wieder zu der Baumgruppe hinter der Wiese, deren Wipfel auf einmal vollkommen regungslos in der schweren Luft standen. Auch die Vögel waren verstummt.
Est war inzwischen so schwül, dass uns bei jeder Bewegung der Schweiß herunterann. Auf meiner Oberlippe sammelte sich Wasser. Kaum waren wir fertig und hatten auch die letzte Kippe eingesammelt, fingen die Kronen der Bäume schon an, sich hin und her zu wiegen. Ein leises Rascheln und Wispern war zu hören, das sich bald zu einem kräftigen Rauschen steigerte. Unterdessen verdunkelte der Himmel sich rasend schnell und die blauschwarze Walze hing bereits über der Insel der Jugend. Die silbrigen Blätter der Pappeln und Linden begannen kurbelnd und winkend im Wind zu flirren. Erste Böen kamen auf und fuhren in die Baumgruppen, die sich unter den jähen Stößen hin und her warfen wie ekstatische Tänzer. Das Grollen wurde lauter.
Staub wirbelte hoch und kreiselte über die fast ausgestorbenen Parkwege. Die letzten Radfahrer strebend geduckt in Richtung Puschkinallee davon. In der Ferne blitzte es vereinzelt. Wir legten einen Zahn zu.
Als wir beinahe schon am Hafen angelangt waren, brachen die ersten schweren Regentropfen aus der schwarzen Wand und platschten auf die staubigen Bäume, auf den Rasen, auf uns. Innerhalb von Sekunden hatte es sich eingeregnet, die Wiesen dampften und ein erdiger Duft hing in der Luft. Da blieb die Kolumbianerin ganz unvermittelt stehen, streckte beide Arme in den Himmel und stieß einen Jubelschrei aus.
Wir sahen sie an. Der Regen prasselte in Wellen auf uns herab und es hatte deutlich abgekühlt. Während wir uns noch bemühten extra flach zu atmen, damit der nasse Stoff nicht an unseren warmen Körpern festklebte, zog die Kolumbianerin erst ihr Shirt und dann ihren Rock aus und fing an zu einem inneren Takt zu tanzen.
Wir zögerten einen Moment. Dann legten auch wir die Rucksäcke auf die Erde, streiften unsere Kleider ab und taten es ihr gleich.

 

 

 

 

 

 

Bild: Mompl, flickr, Wasserflugzeug
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

 

 

(Tod und Trotz, oder Trotzdem tot)

collectie_tropenmuseum_varanus_komodoensis_a_8_jaar_en_5_weken_tmnr_10006430

Von einem gefährlichen Druiden lese ich in der Zeitung und denke: Hallo, wo leben wir denn (wobei ich natürlich niemals Hallo! denke, geschweige denn es je in dieser Weise sage). Einen Absatz weiter geht es dann um die Reichsbürger. Auch das etwas, was ich einen längst ausgestandenen Wahn zugehörig wähnte. Das Reich mit seinen Bürgern. Sind das eigentlich Leute, die auch auf Mittelaltermärkte gehen oder Schlachten nachspielen, weil die Kostümierung sie größer oder besonders macht und weil früher sowieso alles besser war?
Atavistische Scheiße, sagst du (deine wüste Wortwahl der frühen Stunde geschuldet) und wir schauen uns ratlos an ob des Schleudergangs in den die Welt geraten ist oder scheint. Schein, Sein, empfinden und wissen, Fakten und Lüge, alles löst sich auf. Man weiss es nicht, man behauptet es nur. Mir schwindelt.

Auf der Kinderonkologie sterben mehr Kinder als üblicherweise, sagt die Psychologin, (streben schrieb ich zuerst, statt sterben und sah die kleinen Engelein schon gen Himmel aufsteigen ins güldene Licht, aber dann starben sie doch und wurden begraben unter nasser, schwerer Erde, wie morgen die arme G). Bereits am Jahresende, erzählt die Psychologin weiter, waren es so viele tote Kinder, dass selbst die Sterbehelfer es kaum mehr ertrugen.
Hoffentlich finden sie alle einen schönen Platz dort oben und erfrieren nicht vor geschlossenen Toren
, denke ich und der Himmel verdunkelt sich und ich mache das Licht an.

German Angst, so las ich kürzlich in einem  Interview mit einem Soziologen, is over, Geschichte sozusagen. Und Geschichte ist ja irgendwie alles, sogar ich. L´histoire c´est moi, könnte man sagen. Ich reite auf der Welle, die ich bin. Eine tödliche Schlammlawine ist Geschichte, sind wir, und ich sowieso. Over ist hier gar nix, es geht doch gerade erst richtig los.

Locker machen für die Hölle.

Der Kanzler ist voller Trauer. Erst starb die Schwester, jetzt die G.
Der kleine Junge möchte seiner toten Mutter die Wohnungsschlüssel in den Sarg legen, damit sie zurück kommen kann, nach Hause.

Jeden Tag geht die Welt unter, für so viele, und darüber stehen Mond und Sonne und Milliarden Sterne.

Die O2-Arena heisst jetzt Mercedes-Benz-Arena, aus Raider wurde Twix, aus Haider schließlich Wix und geändert hat das nix. Der Verkehr tost vorbei an dem architektonischen Halbrund, eine heulende Sirene nähert sich, ihre Klage hin und her geworfen zwischen den Mauerresten am Ufer und der gläsernen Arena, dolby surround und ich mittendrin und oben am bleigrauen Himmel ein Schwarm Krähen auf der Jagd nach einem jungen Täublein. Flieg um dein Leben, schnellschnell!, denke ich und schaue rasch weg, weil ich sie nicht sterben sehen kann, wie damals den Spatz auf dem Mauerstreifen, mitten im Flug von zwei Krähen zerrissen, gellend der Schrei, mit dem er diese Welt verließ. Den Ringfinger der linken Hand hätte ich für sein Leben gegeben, oder zwei Zehen oder ein Ohr, am liebsten etwas, was doppelt vorkommt in meiner Arche, oder was sonst geholfen hätte. Aber er hilft ja nichts, da kann man sich ausdenken und anbieten, was man will. Leben gegen Leben gegen Leben. Der Tod bleibt mein Feind und die Natur sein schamloser Handlanger.

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink,  The Smashing Pumpkins, Bullet With Butterfly Wings)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: wikimedia, Repronegatief. Varanus komodoensis, ± 8 jaar en 5 weken,
Lizenz: CC BY-SA, 3.0

Leidenschaft

4717383769_92e083deaa_z

Eigentlich wollte ich ja was über den Buick schreiben, und wie wir damit die steilsten Straßen von San Francisco erst ganz langsam nach oben geschippert sind, um sie dann mit Vollgas runterzubrettern, dabei die Fußgängerüberwege, die wie Stufen das Gefälle unterbrachen, als Sprungschanzen zu nutzen, auf diese Weise einen riesigen Satz nach vorne zu machen und abzuheben, wodurch es den Magen anhob und das Becken gleichzeitig nach unten riss, was zu einer interessanten und vielversprechenden Dehnung und einem verheißungsvollen Ziehen im Inneren führte, bis der Wagen schließlich krachend aufschlug, es unsere Eingeweide angenehm zusammenstauchte und uns so ein weiterer süßer Schmerz beschert wurde. Insbesondere der Rückstoß ins Becken entpuppte sich als ein besonderer Hochgenuß, den wir wieder und wieder erleben wollten, weshalb wir den Berg ein um´s andere Mal mit unserem weißen Schiff erklommen und oben angekommen Encore une fois! schrien. Vor uns lag tiefblau der Pazifik. Der Felsen von Alcatraz leuchtete in der Sonne, Ice T besang seine 99 problems und wir rasten in unser kleines Glück.

Doch als ich gerade im Begriff war diesen nämlichen Text zu schreiben, kam ich beinahe zufällig an einer Metzgerei im Kiez vorbei und erlebte, vor dem Schaufenster stehend, eine Hausschlachtung mit. Der Fleischer, ein vierschrötiger Typ, ließ sich sehr viel Zeit bei seiner Arbeit, die man, angesichts der Begeisterung der Menschenmenge, die sich vor dem Laden zusammengefunden hatte, und der offenkundigen Genugtuung, ja Hingabe, mit der der Mann seine Tätigkeit verrichtete, ruhigen Gewissens als Hinrichtung bezeichnen kann.
Hin und wieder legte der Henker eine Pause ein, warf einen Blick in die Runde und nahm den Beifall und die Jubelrufe der Schaulustigen entgegen. So gestärkt machte er weiter.
Die Schreie des Publikums steigerten sich zu beinahe orgiastischem Ausmaß, wann immer der Vollstrecker eine Arterie traf und das Blut stoßweise an die hochgefliesten Wände spritzte. Während der Hinrichtung kraulte und beruhigte der Mann das todwunde Opfer, eine Handaufzucht, von Zeit zu Zeit und streichelte es sanft hinter den Ohren, Good boy, du schaffst das, du bist stark!, um mit der anderen Hand bereits zum nächsten Stoß anzusetzen und das Messer – zack – ein weiteres Mal fachgerecht zwischen den Rippen des Sterbenden zu versenken. Als das Werk endlich vollbracht war, trennte er den Kopf des Opfers von den Schultern, legte diesen auf ein Tablett und steckte ihm ein blankpoliertes Äpfelchen zwischen die Zähne. Neben das Arrangement stellte er ein Schild mit der Aufschrift:

Der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen

Blutwurst, Blutwurst! skandierte das hungrige Publikum.
Der Metzger wischte erschöpft seine Hände an der Schürze ab, trat vor seine Gefolgschaft und erhob die Hand zum Victory-Zeichen.

 

 

 

 

Bild1: Gunnar Stender, Great Shot, flickr
Lizenz: https://www.flickr.com/photos/nutch3/4717383769/in/faves-139247418@N03/