Firnis, römisch

 

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Regen prasselt wie Applaus auf meine Bettdecke. Neben mir dein Atem. Ich lege die Hand auf deinen Rücken, du schüttelst sie ab. Ein Traum.

Der Kanzler ist zu Besuch. Er redet über die Evolution als eine Geschichte deren Ende jetzt gekommen sei, denn wir sind ja da. Das Großhirn übernimmt das Steuer und lenkt die Geschicke der Menschen zum Guten. Es braucht nur noch die Apostel für die Verkündung der alleinzigen Wahrheit: Gerechtigkeit. Der ungläubige Thomas.

Der Bekannte hört ihm zu. Wir sprechen über Endlichkeit, über den Tod, der unser gemeinsames Schicksal ist, der uns voneinander trennt und zugleich auf ewig miteinander verbindet. Immer wieder fängt der Kanzler damit an. Er bereitet sich vor und sucht nach abschließenden Antworten, nach Trost. Alles soll schön und rund und heil werden. Es macht mich traurig, ihn so zu hören. Der Tod wohnt im Nebenzimmer, immer schon, doch nun hat er sein Ohr an die Wand gelegt.

Derweil ist es Sommer geworden in der Stadt, auf den Frühling hat sich Staub gelegt und allem Glanz einen matten Firnis verliehen. Am Morgen scheint eine römische Sonne in die Häuserschlucht.

Ich liebe diese Stadt.

Auch der Cousin, der Prof. Dr. und seine Frau, die Frau Dr. sind zu Besuch. Gemeinsam mit dem Kanzler sitzen wir in der Abendsonne, der Kanzler erzählt von früher und in der familiären Vertrautheit alter Tage packt ihn die Kalaueritis. Hundermal gehörte Scherze gibt er zum Besten, Erbwitze in dritter Generation. Ich fühle mich geborgen.  Weh und schwer wird mein Herz als am Sonntag alle wieder abreisen.

 

 

 

 

 

Bild: october bay, flickr, Berlin (Kreuzberg), Oranienstrasse x Mariannenstrasse
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hab ich schon mal erzählt von der Frau, die Absagen schrieb?

Diese Frau setzte sich an den Küchentisch, durchstöberte die Zeitungen und Magazine nach Stellenangeboten und verfasste schließlich ein jeweils passendes Anschreiben, das folgendermaßen aufgebaut war: zunächst legte sie ihr großes Interesse und ihre Qualifikation resp. Eignung für den Job dar, dann berichtete sie von ihrem inneren Ringen, dem Kampf, den sie seit Tagen mit sich selbst austrug, um schließlich und endlich von dem Ergebnis zugunsten ihres derzeitigen Kräftehaushaltes zu berichten:

„… bin ich nach langem Ringen und zu meinem eigenen großen Bedauern zu dem Schluss gekommen, dass ich den Job in meiner derzeitigen Lebenssituation nur übernehmen könnte, wenn ich konsequent über jede meiner Grenze hinwegginge.

… wünsche Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der passenden Mitarbeiterin.“

Ich mag solche schrägen Vögel, auch wenn sie mich immer ein wenig traurig stimmen.

Cäsar sagt:

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Bei Humana am Alex(anderplatz) wird Vergangenheit verkauft, gewaschen gebügelt.
3 % des Erlöses für einen guten Zweck.
Humana klingt nach pflichtbewusster christlicher Lebensfreude, ein Pünktchen ins Heftchen für jedes Jugschartreffen; klingt nach dem Pfarrer mit der dicken Hose und der Zeit in der man noch Dritte Welt sagte und das N-Wort mit weisser Selbstzufriedenheit im satten Munde führte.
Was zwischenzeitlich undenkbar schien, rollt sich unerwartet wieder auf wie ein alter von Mäuseharn durchtränkter Teppich aus dem Keller. Ein Gestank wie eine Armee Ungewaschener.

Mich erreicht eine E-mail. Darin steht: ich habe den Deutschen Fluch und noch einmal auf Englisch: I have the german curse.
Wer nicht
, möchte ich antworten.

Aus Scheiße Pralinen machen, aus Heu Stroh spinnen, oder besser Gold.
Aus Öl Plastik raffinieren und Schildkröten mit Tüten strangulieren.

Oben spannt sich der Himmel, dahinter die schwarze Schatulle eines kalten Universums. Es regnet in Kreuzberg und in Uhlenbusch.

Der fröhliche Teil kommt jetzt: ich habe eine neue, temporäre Leidenschaft, die so banal ist, dass ich sie aus Prestige- resp. Imagegründen nicht näher benennen kann.
Hat zu tun mit Campingplatznostalgie und Wildwest-Romantik und funktioniert nur in der hellen Jahreszeit und auch da nur am Abend weil tagsüber lieber Gefrorenes.

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Heute habe ich (entgegen meiner Gewohnheit/ meiner Grundsätze/ meines inneren Gelübdes etc.) etwas ausgeplaudert was ich vielleicht nicht hätte ausplaudern sollen, weil: falsche Verbündete, doppeltes Mandat usw. Nun ist es zu spät und der Bekannte, der mit seinen tropfnassen heiligen Blumenberg-Büchern regenbegossen nach Hause kam, sagte: Jeder liebt den Verrat, aber niemand den Verräter. Ich fürchte er hat Recht.

Rewind

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Anonymous Photographer – Gypsy dancer, Spanish, Flamenco, 1956, Quelle: old pics archive

Babelhaft

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Die Freundin ist zu Besuch. Ich will ihr berichten was alles los war und erzähle von dem U-Bootbauer. Meine innere Düsternis kennt jeden Gang im Labyrinth. Die Freundin muss glauben ich sei ein Schwermut oder gar ein Schwerblut. Jeder, der mich liest oder mitunter reden hört, könnte das denken, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Annähernd kein Tag an dem ich mich nicht vor Lachen biege. Im Ernst.

Während ich dies schreibe löscht die Autokorrektur jedes falsch getippte Kapitälchen und ersetzt es durch seine kleine Schwester. Ich mag dieses Eigenleben meiner Vertipper, diese geheime Letternwelt, das sonderbare Ordnungssystem – unsichtbar und effizient und stur und oft so dumm und ahnungslos.

Babelhaft ist die Stadt der Buchstaben in der jede Sprache der Welt Zuhause ist und performt wird. No border, no nation- sowieso. Sprache fließt und überschreitet Grenzen, so wie Flüsse, so wie alles was lebt.

Zu tieferen Gedanken bin ich derzeit nicht in der Lage und Willens. Da ist dieses Gutachten im Nacken, das mir zwar die Leistungsbewilligung beschert, mich dabei aber derart pathologisiert und stigmatisiert hat und mir außerdem die Reisefreiheit, bzw. die Inanspruchnahme der medizinischen Leistungen außerhalb der Grenzen Berlins versagen will, dass ich mich in der absurden Situation befinde gegen eine mich begünstigende Bewilligung vorgehen zu müssen, weil die Grundlage falsch und die Ausführungsvorschriften grundgesetzwidrig und schikanös sind und weil ich verflucht nochmal nicht depressiv oder gar suizidal bin und mich von einer Fachkraft der Fleischbeschau auch nicht in diese (wieder mal) von der Ausrottung bedrohte Menschenkategorie hineinschreiben lasse.

Keine Sorge, ich habe nicht vor diesen klebrigen und mehrfach wieder gekäuten Teig erneut in aller Öffentlichkeit auszurollen und mit Kröten, Schnecken und Würmern zu belegen.
Dieses Spektakel bleibt dem engsten Kreis vorbehalten.

Meinen Sommer werde ich genießen, außerhalb Berlins versteht sich, dort wo man psychisch erkrankte Menschen demnächst mit Fug und Recht und wo man ebenso mit Fug und Recht Handgranaten an die Polizei und vieles mehr. Sätze die auszuformulieren mich zu wütend macht. T4 -Leute. Wir sind schon wieder mittendrin.

Vergleichsweise lustig liest sich der Mist, den Sibylle Schmidt von der AfD Berlin (ehemals Mitgliedin der KPdRZ und später der SPD) verzapft. Isse wohl ins Berghain nicht reingekommen, beschwertse sich über die hässlichen Türsteher, die Drogen, die Öffnungszeiten und will die Darkrooms des Etablissemnts mit Licht fluten lassen, um sexuelle Handlungen zu unterbinden. Ja wo leben wir denn!

Frau Schmidt, die ich in meinem geheimen Büchlein unter dem Decknamen Hedwig S. Mahler führe, möchte uns zurück geleiten in eine saubere, reine, deutsche  Welt, die es nie gab und nach der sie arges Heimweh hat.

Lass fließen, lass dem Ding den Lauf

Etwas Erfreuliches gibt es aber auch noch zu berichten: es geht mir gesundheitlich wieder viel besser, um nicht zu sagen gut. Nach einem unerquicklichen Tag mit hohem Fieber, der eine reinigende Wirkung auf mein gesamtes System gehabt zu haben schien und nach einer konsequenten Vermeidungsdiät (böse Arachidonsäure!), fühle ich mich young, foolish, happy und ziemlich unverwundbar. Schön sowieso.

Allen Leserinnen (Männer mitgemeint) wünsche ich einen fabelhaften Sonntag!

 

 

q – t

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Die Luft ist nicht gerade raus, aber viel ist nicht mehr drin. Ein Niemandsbalg, halb schlaff, halb gebläht. Der unspielbare Ball auf wintergrauem Rasen. Darunter stirbt oder erwacht etwas, was mehr oder weniger dasselbe zu sein scheint. Leben.

Verhalten bin ich, müde, maulfaul, mit nur gelegenlich auffrischendem Wind, ein altes, kaum nachempfindbares Mitteilungsbedürfnis an die Welt. Warten auf die Flut.

Meine Tage bestehen aus Sortieren und Schlafen, ersteres weil äußere Zwänge und letzteres weil ersteres letzteres unweigerlich nach sich zieht. Mit der Sonne, so hoffe ich, wird auch die alte Energie zurückkehren und die Zuversicht, mein sprudelndes Gemüt und meine ins Hyterische überdrehende Exzentrik.

römmpömmpömmpömm.

Bin ich irgendwann genesen von Schwermut und Introversion, so denke ich, werde ich ein Diadem aus Nudeln mit Hackfleisch flechten und es auf meine inzwischen wieder viel zu langen Lockenhaare setzen, dazu werde ich eine Bauchtasche mit Fotoaufdruck behaarte Wampe tragen. Bis dahin aber muss ich ernst und für mich bleiben.

(gute Typen bleiben für sich.
Nur Fliegen fliegen auf mich)

Das weiß inzwischen auch der gesellige und lebensfrohe Unterfranke, der aber aus Gründen der Freundschaft und langjähriger Verbundenheit trotzdem anruft und um Einlass bittet. Ich jedoch habe in reichsbürgerhafter Verschrobenheit und wegen eines starken Abschottungsbedürfnisses meine Türklingel schon lange mit einem Schalter versehen, der inzwischen dauerhaft auf Aus gestellt ist. Wer in meine privaten Räume vordringen möchte, braucht entweder einen Schlüssel oder meine Handynummer. Doch man freue sich nicht zu früh: auch dieses Gerät ist fast ganzjährig stumm geschaltet und sicherheitshalber mit dem Display nach unten abgelegt.

Ob er Rüpel dabei hat, frage ich mit ungeölter Stimme den Zutritt begehrenden Unterfranken und falls ja, ob Rüpel nass sei. Beides, antwortet der Unterfranke und sofort winke ich ab. Der Gedanke, meine Wohnung nach dem Hundebesuch und der unentrinnbaren Fellschüttelarie putzen, oder wahlweise den Schmutz an Türen und Wänden ertragen zu müssen, macht mich schon im Vorwege sterbensmüde. Frustriert legt der Unterfranke auf und ich mich ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen schicke ich ihm eine Entschuldigungs-sms, die er nicht beantwortet.

Auch die anderen Freundschaften ruhen. Weil – man errät es leicht – ich zu müde bin. Zu erschlagen. Zum Reden, zum Lachen, sogar zum Singen und Streiten, zum Spazieren, zum Freundinsein.

Stattdessen sortiere und schlafe ich weiter, in der Hoffnung, Ordnung in meine Existenz zu bringen. Ein sittsames Nebeneinander soll es werden, diess Leben, etwas wo alles seinen festen Platz hat, statt dieser Wundertüte voll zappelnder Gichtkröten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, unauffälliger Vogel, Nadja Varga
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Himbeere

Während ich mich zur Diätspezialistin mausere, schleppt der Bekannte tagein, tagaus Bücher und Knäckebrot in den Bau. Beides verschlingt er schweigend. Ich bleibe bei Salat und anderem Frauenfutter.

Wie ich bereits ahnte und unkte, hat der Handwerker eine saftige Rechnung für den Verleih des Trockengerätes gestellt und der Vermieterin gegenüber behauptet, er habe das Ding aufgrund meiner mangelnden Kooperationsbereitschaft wochenlang nicht abholen können. Ich glaube der Mann weiß nicht, dass es sowas wie sms- Chatprotokolle gibt. Wird er schön staunen, wie die kurzen Lügenbeinchen ihn nicht ins Ziel tragen werden. Trotzdem blöd: hab ich gleich die nächste Baustelle an der Backe und muss mich wieder mit der angriffslustigen weil dauerverkaterten Vermieterin herumschlagen.

 

Das Internet behauptet übrigens allen Ernstes ich hätte Lungenkrebs im Endstadium oder einen Hirntumor. Ich gebe das Recherchieren auf und mich zufrieden mit der bereits vorhandenen Diagnose, die mir plötzlich ganz passabel erscheint.

 

In diesen Stunden wurde ein Kind geboren. Das Pferdemädchen ist Tante geworden. Wir freuen uns alle über die kleine Himbeere. Die Sonne scheint. Frühling!

 

 

 

 

 

Bild: Ken Walton, untitled, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Nadelöhr

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Vor dem Verzehr des Kuchens müssen die Körper eine Runde durch den Kiez drehen. So will es der Brauch und wir beugen uns seinen Regeln. Bei schönstem Sonnenschein schlendern wir also zum Oranienplatz, wo ein Dutzend Polizeiwannen Stellung bezogen hat und Polizisten rauchend daneben stehen und auf Kundschaft warten.
Vorbei am Tauthaus, den Segitz- und den Erkelenzdamm entlang, spazieren wir in Richtung Süden zum Ufer. Ein neuer Weg wurde dort angelegt, nicht barrierefrei, wie ein gleich zu Beginn angebrachtes Schild ausweist. Weiter vorne sehe ich ein Pärchen einen sperrigen Zwillingskinderwagen die Stufen nach oben tragen. Hätte man auch mal, denke ich und formuliere den Satz aus Faulheit nicht zuende.

Auf der anderen Uferseite, vor dem Urbankrankenhaus, watscheln ein paar kräftige Schwäne auf den letzten milchigen Eisschollen umher, Menschen versammeln sich an den Uferwiesen und werfen ihnen trockene Brotreste zu. Zartgrün glimmen die ersten Weidenzweige, Möwen kreuzen kreischend die Luft, eine Gruppe Enten paddelt gemächlich in Richtung Osten. Hier und da taucht ein Blässhuhn zwischen den Eisplatten auf. Rostig und vertraut sein Ruf.

Den Rückweg nehmen wir über die Prinzenstraße, doch statt geradeaus in Richtung Moritzplatz durchzustoßen, biegen wir an den 70er-Jahre-Bauten vor der Gitschiner ab. Die etwas zurück gesetzten und von der Straße durch immergrüne Büsche getrennten Häuser sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Alles ist  dreckig und herunter gekommen. Auf einer unmotiviert irgendwo in die Wand eingelassenen violett gestrichenen Türe steht Müllraum. Davor und daneben türmen sich Berge stinkenden Unrates.
Ein Stück weiter sind die Abfalltonnen eingegittert. Eine alte Frau tritt aus dem abschließbaren Käfig heraus und schaut uns müde an. Zu ihren Füßen liegt ein Puppenbein.

Bei der Hausnummer 38 surrt ein Türsummer im Dauerbetrieb. Weit und breit ist niemand zu sehen. Begegnungsstätte steht auf einem Schild mit Berliner Bär. Daneben hat jemand einen Zettel an das Panzerglas geklebt. In case of emergency, steht da, Police department 53, 24 h a day und darunter eine Telefonnummer. Wir schauen, dass wir Land gewinnen.

Wenig später sind wir zurück am Oranienplatz. In der Zwischenzeit scheint hier eine Demo stattgefunden und sich schon wieder aufgelöst zu haben. Menschen stehen in Grüppchen beieinander. Manche tragen zusammengerollte Fahnen. Afrin, denke ich und gehe weiter. Ich schäme mich für meinen tatenlosen Gleichmut, doch ich bin so entsetzlich müde und stumpf.

Am Engelbecken kommt mir ein menschgewordenes Plattencover aus den 70ern entgegen. Zwei Lockenköpfe mit wehendem Haar und einem zuversichtlichen Lächeln im friedfertigen Gesicht. Wir freuen uns, uns zu sehen, lang ist´s her. Die Griechin erzählt, dass sie nun in einem Hausprojekt im Kiez untergekommen sind. Sehr angenehm ist es dort, die Miete günstig. Ach, wie schön!
Jeder, der bleiben kann, ist ein kleiner Triumph gegen das Unaufhaltsame.

Zuhause angekommen schmeckt uns der Kuchen, den der inzwischen schon wieder abgereiste Kanzler mitgebracht hat, ganz ausgezeichnet. Seine ältere Schwester, die treue Seele, hatte ihn extra für mich aus Mandelmehl, Marzipan und Schokolade gebacken. Dem Gemüt bekommt das köstliche Süß, dem Körper hingegen nicht. Doch gerade kann ich es ihm eh nicht recht machen, nicht mal mit einem guten Espresso. Ich muss schauen, dass ich wenigstens die Stimmung ein wenig hochhalte und dazu eignet sich nichts besser als Zucker und Koffein.

Inzwischen bin ich so erschöpft und kurzatmig, dass ich beschließe, die Telefone für zwei Tage abzustellen und weder nach Mails noch nach Post zu schauen. Bin ja sowieso  noch immer und schon wieder krankgeschrieben. Einfach mal die protestantischen Skrupel überwinden, und sich auch ohne gearbeitet zu haben zur Ruhe legen.

Nachdem das Spezialfutter für den Hund für die nächsten 48 Stunden vorbereitet und portioniert ist, die Merkzettel geschrieben sind und die Tigerin mit ihren abendlichen Medikamenten versorgt ist, lege ich mich schlagkaputt ins Bett und erwache erst 15 Stunden später wieder. Heute, am Tag zwei des Schonprogrammes, bringe ich es am Morgen bereits auf insgesamt 30 Stunden Schlaf. Zum ersten Mal nehme ich nun auch Tabletten gegen die Entzündungen und spüre ein wenig Erleichterung. Es wird vorbei gehen, das weiß ich, es geht immer vorbei, irgendwann. Ruhe ist der Schlüssel zur Genesung und die hole ich mir jetzt, fast ohne schlechtes Gewissen.

Ab Morgen werde ich mich dann wieder in den Alltag stürzen müssen. Ich hoffe im Briefkasten lauert keine Vogelspinne oder ähnlich Toxisches.
Der Bekannte ist da, das ist gut.
Alles andere wird auch wieder werden.
Hinter dem Müllraum liegt ein weitläufiger Garten.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Elena Mazzanti, flickr, Berlin_Kreuzberg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

 

Blaues Band usw.

Die Tigerin steckt nach Monaten der Ruhe wieder in einer Krise mit Appetitlosigkeit und Erbrechen. Ich gebe ihr einen Krümel Mirtazapin, bald darauf geht sie an den Napf.

Der Bekannte weilt im Norden. Nachts liege ich mit ausgebreiteten Armen im Bett, ziehe mir auf dem Tablet Abenteuer Diagnose rein und freue mich, nicht auch noch an all diesen anderen seltenen Krankheiten zu leiden. Immerhin sind die vorgestellten Malaisen alle behandelbar und den vorgestellten Patienten geht es inzwischen wieder gut. Die Folgen in denen Parasiten vorkommen, überspringe ich.

Nach dem langen Winter trägt das liebe Tölchen eine nicht zu entfilzende Matte am Leib. Es wird Zeit für einen Haarschnitt. Bald.
Die spanische Miezekatze umarmt die Heizungsrippen, um sich zu wärmen. Erst im Hochsommer hört sie damit auf.

Die frisch geputzten Fensterscheiben halten die Sonnenstrahlen nicht mehr ab. Ich drehe die Lamellen ein wenig zu und blinzle in einen Streifen weissen Lichtes.

Am Nachmittag gehe ich eine Runde über den Platz. Der traurige Fünzigjährige mit den halblangen grauen Haaren und der speckigen Jeansjacke steht unberaten vor dem Eingang des Bethanien, sein frustrierter Retriever zieht feste an der Leine und will zu Tölchen. Entschuldigend lächelt der traurige Mann und ich lächle zurück und spüre einen kleinen Schmerz, ein wehes Bedauern, doch ehe das Gefühl Besitz von mir ergreift, schnappe ich meinen Hund, deren Hinterbeine schon wieder steif werden vor Schwäche und mache mich mit Tölchen auf dem Arm auf zum Baumarkt.

Bei der ehemaligen Galeria Kaufhof am Ostbahnhof klaffen riesige Löcher in der Mosaikfassade. Ein modernes Bürogbäude soll aus dem alten Kasten werden. Im Moment aber sieht er genau so aus, wie man sich drinnen immer gefühlt hat.
In Erinnerung an die guten alten selbstinduzierten Verstimmungen, setze ich mich in der Küchenabteilung von Hellweg probehalber auf einen viel zu hohen Barhocker, dem ein viel zu niedriger Tisch gegenüber steht und schaue mir das Plastikfurnier ringsum an. So ein Leben könnte man auch haben.
Die Klodeckelabteilung mit den originellen Motiven überspringe ich dieses Mal.

Draußen auf dem Freigelände stehen die ersten Primeln, Stiefmütterchen, Hyazinthen und Narzissen zum Verkauf und ich weiß nicht genau, ob mich die Pflanzenklone bedrücken, oder ob sie mich als Boten des Frühlings beglücken sollen.

Mit leeren Händen gehe ich später durch die Kasse, wo die gleiche Verkäuferin von immer die Stellung hält. Wir nicken uns zu und registrieren im Vorbeigehen, wie jede sich über den Winter verändert hat. Bei mir sind es ein paar graue Haare mehr, länger sind sie auch und die Wellen kommen zurück. Ihre Haare sind inzwischen wieder schwarz und zu einem dicken Seitenzopf geflochten. Ich trage dieselbe schwarze Jacke, sie ihren roten Kittel. Ich kein Makeup, sie ziemlich viel davon.

Im Eingangsbereich des Marktes wird umgebaut. Der Bäcker ist verschwunden und mit ihm die Frau mit dem schütteren magentaroten Haar und der verlässlich schlechten Laune. Die Ware war eher mau, doch die Laugenecken mochte ich, wie ich überhaupt Fettiges liebe, obwohl es mir nicht bekommt.

Auf dem sonnenbeschienenen, gleißend hellen Parkplatz tippelt ein Obdachloser im Rollstuhl mit zerrupftem Bart und zerschlissener Kleidung die Autoreihen entlang und schaut ob dem Ein oder Anderen beim Aussteigen vielleicht ein wenig Kleingeld aus der Hosentasche gefallen ist.  Ich würde ihm gerne etwas geben.

An der Ampel vor der Schillingbrücke stehen frische Blumen und ein verwittertes Kreuz für den hier verunglückten Radfahrer Jakob.
Das Pimmelhaus gegenüber ist verschwunden. Dort, wo es war, klafft jetzt eine Baugrube. Im Yaam gleich nebenan ist nichts los, die Stadt schläft noch und die Spree fließt gemächlich zwischen den Ufernmauern entlang.
Bald  werden die Menschen zurück kehren auf die Plätze.

teilnehmen

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Ein Haus bauen, um niemals dort einzuziehen. Die Kirschen am Baum belassen. Der geschenkte und (um ein Haar) nicht eingelöste Kuss. Geopferte Unsterblichkeit.

In meiner Kindheit gab es Bilderwitze ohne Worte. Oft handelten sie von Lawinenhunden mit kleinen Schnapsfässern um den Hals oder von Fakiren die spärlich bekleidet und im Schneidersitz auf Nagelbrettern oder fliegenden Teppichen saßen und mit einer Flöte Schlangen in Körben beschworen. Es war eine merkwürdige Welt, die sich mir zeigte und ich betrachtete sie aufmerksam.

Auch Nudelhölzer spielten in dieser Zeit eine Rolle und Worte wie frivol und vergewohltätigen wurden mit kokett gespitzten Lippen und connaisseurhaftem Zwinkern im Munde geführt. Gerne berief man sich auf Freud und dessen Versprecher.

Meine Spielbegabung war nur schwach ausgeprägt, Phantasie und Abstraktionsvermögen fehlten mir weitestgehend. Was man mir sagte nahm ich wörtlich (deine Rede sei ja, ja und nein, nein) was mir begegnete für bare Münze. So zu tun als ob gelang mir nicht. Ich konnte nicht Prinzessin spielen. Ich wusste, dass ich keine war. Gerne ging ich an der Hand der Erwachsenen. Ihnen johlend voraus zu rennen, um Tauben aufzuschrecken, oder mit langen Stöcken im Gebüsch herum zu stochern, kam mir nicht in den Sinn. Ich wollte den Dingen nicht auf den Grund gehen, ich ließ sie auf mich wirken. Das allein war tagfüllend und ist es bis heute.

Fast alles, was ich erlebte, spielte sich in meinem Inneren ab. Wenn ich nicht unter meinem Tisch saß und rechnete, hockte ich auf dem Bett und beobachtete meine Puppen, wie sie sich tot stellten.

Faul war und bin ich. Lieber verhob ich mich, statt einen Weg doppelt zu gehen.
Während eines Praktikums erzählte mir meine Vorgesetzte, ihr Vater habe nur deshalb der Demenz soviel entgegen zu setzen gehabt, weil sein akademisches Gehirn im Laufe des Lebens multiple Vernetzungen angelegt hatte. Ich fühlte mich bestätigt.
Jeden Tag einen anderen Weg nehmen, niemals umkehren, keine Strecke doppelt gehen und nichts zu Ende bringen. Losmarschieren, ins Schlendern kommen, stehen bleiben, Abkürzungen finden, das Ziel aus den Augen verlieren, sich verzetteln, neue Pfade anlegen, Dinge andenken, der Ablenkung nachgeben, halbfertige Gedanken am Wegesrand liegen lassen, den ein oder anderen mitnehmen, an einem dunklen Ort verwahren und dort für Jahre vergessen. Kosten, probieren, erkunden.

Alles ist und war gleichermaßen interessant wie unverständlich.  Doch erst mit dem Erwachsenwerden fing ich an zu staunen, dann und wann.

Ich will nichts erreichen, ich suche nicht nach Erkenntnis, nicht nach Ruhm oder Ansehen. Titel und Auszeichnungen beeindrucken mich nicht. Besitz ist mir gleich.
Wissen hingegen macht mich schwach, Witz ist Licht, Großzügigkeit ist Größe, Wärme Leben und Eleganz Luxus.
Das Maultier grast und weiß nicht was es vom Pferd unterscheidet.

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr,  Юля Евдокимова
Lizenz:
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/