Lidschäftig

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Sobald es spektakulär wird, langweilt es mich. Das Werden ist spannender als das Sein, die Anbahnung interessanter als der Vollzug. Der unmöblierte Raum verheißungsvoller als der gestaltete.

Ich habe gelesen, dass love bombing ebenso toxisch ist wie future faking oder gaslighting und nun frage ich mich, wie diese Gifte früher hießen und auf welche Weise sie damals verabreicht wurden.

Außerdem hat man mir zugetragen, dass ich einmal eine Verlobung per sms aufgelöst haben soll. Das halte ich angesichts meiner Prägung auf Anstand für äußerst unwahrscheinlich und hoffe inständig, dass es so nicht war. Andererseits liegt mir das Abschiednehmen nicht, was die Geschichte leider doch in den Bereich des Möglichen rückt und mich vor mir selbst gleich in doppeler Hinsicht schlecht beleumundet und mich mich schamvoll winden lässt, denn: 1. mies und feige handeln und 2. diese Untat anschließend ins Nevercomeback zu verklappen, wo auch die anderen ungeliebten Anteile und Erinnerungen verschlossen sind, ist nicht schön und nicht in Ordnung und hoffentlich nicht auch noch übermäßig pathologisch und vielleicht sogar, mit dem zeitlichen Abstand und viel Wohlwollen, als menschlich und vergebungswürdig auslegbar.
Falls es also wirklich so war, war das kein feiner Zug. Und von den Zügen und den Gleisen sei weiterhin geschwiegen. Es führt nirgendwo mehr hin.

 

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Sehnsucht indes habe ich nach dem Odenwälder Weiler mit Spessartblick, und nach der Apfelallee, die hinauf zum alten Kinderheim führt und nach dem Augenblick, als der breitschultrige Mann auf seinem Fahrrad mit Karacho den Hang heruntergeschossen kommt, sein blutrotes Hemd aufgeplustert, die blonden Locken in der Sonne wippend, und wie der Wind die Worte fortträgt, die er uns zuruft und die zornig klingen und wie vor meinen Füßen, auf dem heissen Boden, eine Raupe sich krümmt, fleischig und behaart, und wie wir sie ins Gras setzen und dann gemeinsam die Straße herunter schlendern und uns durch den Tag treiben lassen, derweil die Schweine sich grunzend in der Ortsmitte suhlen und das  parkplatzgroße Maisfeld zwischen zwei Häusern halb abgeerntet schläft und alles an diesem lidschäftigen Ort Zufriedenheit ist und auch wir trägen Freunde bei einem Stück Jostakuchen und einer Schorle uns zurücklehnen und mit halbgeschlossenen Augen schweigend ins Licht blinzeln.
Dieses Leben vermisse ich, und den Menschen, der in mir wohnte und der das genießen konnte und der sich heute daran erinnert.

Im Wald

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Mit geschlossenen Augen sehe ich eine Lichtung im Wald. Nebel steigt auf, oder ist es Rauch? Im Abstand von jeweils einigen Metern stehen Braunbären auf ihren Hinterbeinen, die Pranken erhoben wie Wappentiere. Einer davon bin ich. Wer die anderen sind, weiß ich nicht.

Die Hütte in der ich einmal lebte ist verschwunden. Sie begegnete mir zuerst im Traum und später auf einer Reise durch Apulien, gleich hinter einer Kurve, die den Blick auf das Wäldchen freigab. Ich hatte sie dort erwartet und war nun doch erschrocken, sie zu wieder zu sehen.

Auf dem Waldboden vor der Hütte bin ich damals erfroren. Mein Haar war schwarz, meine Haut fahl wie Milch.

Ich weiß nicht, ob es die Bären waren, die meinen Leib im leichten Kleidchen als erste entdeckten und verschonten. Woran ich mich noch erinnere, ist das Trommeln der sich nähernden Hufe auf vermoostem Grund, und dann das Schnauben der Nüstern über mir im kalten Morgengrauen.
Als der Mann meinen Hals berührte, war ich lange schon fort. Da zog er seinen zweiten Handschuh aus und legte ihn neben mich.

 

 

 

 

 

Bild: Michael Müller, the logger´s place, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Firnis, römisch

 

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Regen prasselt wie Applaus auf meine Bettdecke. Neben mir dein Atem. Ich lege die Hand auf deinen Rücken, du schüttelst sie ab. Ein Traum.

Der Kanzler ist zu Besuch. Er redet über die Evolution als eine Geschichte deren Ende jetzt gekommen sei, denn wir sind ja da. Das Großhirn übernimmt das Steuer und lenkt die Geschicke der Menschen zum Guten. Es braucht nur noch die Apostel für die Verkündung der alleinzigen Wahrheit: Gerechtigkeit. Der ungläubige Thomas.

Der Bekannte hört ihm zu. Wir sprechen über Endlichkeit, über den Tod, der unser gemeinsames Schicksal ist, der uns voneinander trennt und zugleich auf ewig miteinander verbindet. Immer wieder fängt der Kanzler damit an. Er bereitet sich vor und sucht nach abschließenden Antworten, nach Trost. Alles soll schön und rund und heil werden. Es macht mich traurig, ihn so zu hören. Der Tod wohnt im Nebenzimmer, immer schon, doch nun hat er sein Ohr an die Wand gelegt.

Derweil ist es Sommer geworden in der Stadt, auf den Frühling hat sich Staub gelegt und allem Glanz einen matten Firnis verliehen. Am Morgen scheint eine römische Sonne in die Häuserschlucht.

Ich liebe diese Stadt.

Auch der Cousin, der Prof. Dr. und seine Frau, die Frau Dr. sind zu Besuch. Gemeinsam mit dem Kanzler sitzen wir in der Abendsonne, der Kanzler erzählt von früher und in der familiären Vertrautheit alter Tage packt ihn die Kalaueritis. Hundermal gehörte Scherze gibt er zum Besten, Erbwitze in dritter Generation. Ich fühle mich geborgen.  Weh und schwer wird mein Herz als am Sonntag alle wieder abreisen.

 

 

 

 

 

Bild: october bay, flickr, Berlin (Kreuzberg), Oranienstrasse x Mariannenstrasse
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

Hab ich schon mal erzählt von der Frau, die Absagen schrieb?

Diese Frau setzte sich an den Küchentisch, durchstöberte die Zeitungen und Magazine nach Stellenangeboten und verfasste schließlich ein jeweils passendes Anschreiben, das folgendermaßen aufgebaut war: zunächst legte sie ihr großes Interesse und ihre Qualifikation resp. Eignung für den Job dar, dann berichtete sie von ihrem inneren Ringen, dem Kampf, den sie seit Tagen mit sich selbst austrug, um schließlich und endlich von dem Ergebnis zugunsten ihres derzeitigen Kräftehaushaltes zu berichten:

„… bin ich nach langem Ringen und zu meinem eigenen großen Bedauern zu dem Schluss gekommen, dass ich den Job in meiner derzeitigen Lebenssituation nur übernehmen könnte, wenn ich konsequent über jede meiner Grenze hinwegginge.

… wünsche Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche nach der passenden Mitarbeiterin.“

Ich mag solche schrägen Vögel, auch wenn sie mich immer ein wenig traurig stimmen.

Cäsar sagt:

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Bei Humana am Alex(anderplatz) wird Vergangenheit verkauft, gewaschen gebügelt.
3 % des Erlöses für einen guten Zweck.
Humana klingt nach pflichtbewusster christlicher Lebensfreude, ein Pünktchen ins Heftchen für jedes Jugschartreffen; klingt nach dem Pfarrer mit der dicken Hose und der Zeit in der man noch Dritte Welt sagte und das N-Wort mit weisser Selbstzufriedenheit im satten Munde führte.
Was zwischenzeitlich undenkbar schien, rollt sich unerwartet wieder auf wie ein alter von Mäuseharn durchtränkter Teppich aus dem Keller. Ein Gestank wie eine Armee Ungewaschener.

Mich erreicht eine E-mail. Darin steht: ich habe den Deutschen Fluch und noch einmal auf Englisch: I have the german curse.
Wer nicht
, möchte ich antworten.

Aus Scheiße Pralinen machen, aus Heu Stroh spinnen, oder besser Gold.
Aus Öl Plastik raffinieren und Schildkröten mit Tüten strangulieren.

Oben spannt sich der Himmel, dahinter die schwarze Schatulle eines kalten Universums. Es regnet in Kreuzberg und in Uhlenbusch.

Der fröhliche Teil kommt jetzt: ich habe eine neue, temporäre Leidenschaft, die so banal ist, dass ich sie aus Prestige- resp. Imagegründen nicht näher benennen kann.
Hat zu tun mit Campingplatznostalgie und Wildwest-Romantik und funktioniert nur in der hellen Jahreszeit und auch da nur am Abend weil tagsüber lieber Gefrorenes.

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Heute habe ich (entgegen meiner Gewohnheit/ meiner Grundsätze/ meines inneren Gelübdes etc.) etwas ausgeplaudert was ich vielleicht nicht hätte ausplaudern sollen, weil: falsche Verbündete, doppeltes Mandat usw. Nun ist es zu spät und der Bekannte, der mit seinen tropfnassen heiligen Blumenberg-Büchern regenbegossen nach Hause kam, sagte: Jeder liebt den Verrat, aber niemand den Verräter. Ich fürchte er hat Recht.

Rewind

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Anonymous Photographer – Gypsy dancer, Spanish, Flamenco, 1956, Quelle: old pics archive

Babelhaft

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Die Freundin ist zu Besuch. Ich will ihr berichten was alles los war und erzähle von dem U-Bootbauer. Meine innere Düsternis kennt jeden Gang im Labyrinth. Die Freundin muss glauben ich sei ein Schwermut oder gar ein Schwerblut. Jeder, der mich liest oder mitunter reden hört, könnte das denken, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Annähernd kein Tag an dem ich mich nicht vor Lachen biege. Im Ernst.

Während ich dies schreibe löscht die Autokorrektur jedes falsch getippte Kapitälchen und ersetzt es durch seine kleine Schwester. Ich mag dieses Eigenleben meiner Vertipper, diese geheime Letternwelt, das sonderbare Ordnungssystem – unsichtbar und effizient und stur und oft so dumm und ahnungslos.

Babelhaft ist die Stadt der Buchstaben in der jede Sprache der Welt Zuhause ist und performt wird. No border, no nation- sowieso. Sprache fließt und überschreitet Grenzen, so wie Flüsse, so wie alles was lebt.

Zu tieferen Gedanken bin ich derzeit nicht in der Lage und Willens. Da ist dieses Gutachten im Nacken, das mir zwar die Leistungsbewilligung beschert, mich dabei aber derart pathologisiert und stigmatisiert hat und mir außerdem die Reisefreiheit, bzw. die Inanspruchnahme der medizinischen Leistungen außerhalb der Grenzen Berlins versagen will, dass ich mich in der absurden Situation befinde gegen eine mich begünstigende Bewilligung vorgehen zu müssen, weil die Grundlage falsch und die Ausführungsvorschriften grundgesetzwidrig und schikanös sind und weil ich verflucht nochmal nicht depressiv oder gar suizidal bin und mich von einer Fachkraft der Fleischbeschau auch nicht in diese (wieder mal) von der Ausrottung bedrohte Menschenkategorie hineinschreiben lasse.

Keine Sorge, ich habe nicht vor diesen klebrigen und mehrfach wieder gekäuten Teig erneut in aller Öffentlichkeit auszurollen und mit Kröten, Schnecken und Würmern zu belegen.
Dieses Spektakel bleibt dem engsten Kreis vorbehalten.

Meinen Sommer werde ich genießen, außerhalb Berlins versteht sich, dort wo man psychisch erkrankte Menschen demnächst mit Fug und Recht und wo man ebenso mit Fug und Recht Handgranaten an die Polizei und vieles mehr. Sätze die auszuformulieren mich zu wütend macht. T4 -Leute. Wir sind schon wieder mittendrin.

Vergleichsweise lustig liest sich der Mist, den Sibylle Schmidt von der AfD Berlin (ehemals Mitgliedin der KPdRZ und später der SPD) verzapft. Isse wohl ins Berghain nicht reingekommen, beschwertse sich über die hässlichen Türsteher, die Drogen, die Öffnungszeiten und will die Darkrooms des Etablissemnts mit Licht fluten lassen, um sexuelle Handlungen zu unterbinden. Ja wo leben wir denn!

Frau Schmidt, die ich in meinem geheimen Büchlein unter dem Decknamen Hedwig S. Mahler führe, möchte uns zurück geleiten in eine saubere, reine, deutsche  Welt, die es nie gab und nach der sie arges Heimweh hat.

Lass fließen, lass dem Ding den Lauf

Etwas Erfreuliches gibt es aber auch noch zu berichten: es geht mir gesundheitlich wieder viel besser, um nicht zu sagen gut. Nach einem unerquicklichen Tag mit hohem Fieber, der eine reinigende Wirkung auf mein gesamtes System gehabt zu haben schien und nach einer konsequenten Vermeidungsdiät (böse Arachidonsäure!), fühle ich mich young, foolish, happy und ziemlich unverwundbar. Schön sowieso.

Allen Leserinnen (Männer mitgemeint) wünsche ich einen fabelhaften Sonntag!

 

 

q – t

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Die Luft ist nicht gerade raus, aber viel ist nicht mehr drin. Ein Niemandsbalg, halb schlaff, halb gebläht. Der unspielbare Ball auf wintergrauem Rasen. Darunter stirbt oder erwacht etwas, was mehr oder weniger dasselbe zu sein scheint. Leben.

Verhalten bin ich, müde, maulfaul, mit nur gelegenlich auffrischendem Wind, ein altes, kaum nachempfindbares Mitteilungsbedürfnis an die Welt. Warten auf die Flut.

Meine Tage bestehen aus Sortieren und Schlafen, ersteres weil äußere Zwänge und letzteres weil ersteres letzteres unweigerlich nach sich zieht. Mit der Sonne, so hoffe ich, wird auch die alte Energie zurückkehren und die Zuversicht, mein sprudelndes Gemüt und meine ins Hyterische überdrehende Exzentrik.

römmpömmpömmpömm.

Bin ich irgendwann genesen von Schwermut und Introversion, so denke ich, werde ich ein Diadem aus Nudeln mit Hackfleisch flechten und es auf meine inzwischen wieder viel zu langen Lockenhaare setzen, dazu werde ich eine Bauchtasche mit Fotoaufdruck behaarte Wampe tragen. Bis dahin aber muss ich ernst und für mich bleiben.

(gute Typen bleiben für sich.
Nur Fliegen fliegen auf mich)

Das weiß inzwischen auch der gesellige und lebensfrohe Unterfranke, der aber aus Gründen der Freundschaft und langjähriger Verbundenheit trotzdem anruft und um Einlass bittet. Ich jedoch habe in reichsbürgerhafter Verschrobenheit und wegen eines starken Abschottungsbedürfnisses meine Türklingel schon lange mit einem Schalter versehen, der inzwischen dauerhaft auf Aus gestellt ist. Wer in meine privaten Räume vordringen möchte, braucht entweder einen Schlüssel oder meine Handynummer. Doch man freue sich nicht zu früh: auch dieses Gerät ist fast ganzjährig stumm geschaltet und sicherheitshalber mit dem Display nach unten abgelegt.

Ob er Rüpel dabei hat, frage ich mit ungeölter Stimme den Zutritt begehrenden Unterfranken und falls ja, ob Rüpel nass sei. Beides, antwortet der Unterfranke und sofort winke ich ab. Der Gedanke, meine Wohnung nach dem Hundebesuch und der unentrinnbaren Fellschüttelarie putzen, oder wahlweise den Schmutz an Türen und Wänden ertragen zu müssen, macht mich schon im Vorwege sterbensmüde. Frustriert legt der Unterfranke auf und ich mich ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen schicke ich ihm eine Entschuldigungs-sms, die er nicht beantwortet.

Auch die anderen Freundschaften ruhen. Weil – man errät es leicht – ich zu müde bin. Zu erschlagen. Zum Reden, zum Lachen, sogar zum Singen und Streiten, zum Spazieren, zum Freundinsein.

Stattdessen sortiere und schlafe ich weiter, in der Hoffnung, Ordnung in meine Existenz zu bringen. Ein sittsames Nebeneinander soll es werden, diess Leben, etwas wo alles seinen festen Platz hat, statt dieser Wundertüte voll zappelnder Gichtkröten.

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: flickr, unauffälliger Vogel, Nadja Varga
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Himbeere

Während ich mich zur Diätspezialistin mausere, schleppt der Bekannte tagein, tagaus Bücher und Knäckebrot in den Bau. Beides verschlingt er schweigend. Ich bleibe bei Salat und anderem Frauenfutter.

Wie ich bereits ahnte und unkte, hat der Handwerker eine saftige Rechnung für den Verleih des Trockengerätes gestellt und der Vermieterin gegenüber behauptet, er habe das Ding aufgrund meiner mangelnden Kooperationsbereitschaft wochenlang nicht abholen können. Ich glaube der Mann weiß nicht, dass es sowas wie sms- Chatprotokolle gibt. Wird er schön staunen, wie die kurzen Lügenbeinchen ihn nicht ins Ziel tragen werden. Trotzdem blöd: hab ich gleich die nächste Baustelle an der Backe und muss mich wieder mit der angriffslustigen weil dauerverkaterten Vermieterin herumschlagen.

 

Das Internet behauptet übrigens allen Ernstes ich hätte Lungenkrebs im Endstadium oder einen Hirntumor. Ich gebe das Recherchieren auf und mich zufrieden mit der bereits vorhandenen Diagnose, die mir plötzlich ganz passabel erscheint.

 

In diesen Stunden wurde ein Kind geboren. Das Pferdemädchen ist Tante geworden. Wir freuen uns alle über die kleine Himbeere. Die Sonne scheint. Frühling!

 

 

 

 

 

Bild: Ken Walton, untitled, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/

Nadelöhr

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Vor dem Verzehr des Kuchens müssen die Körper eine Runde durch den Kiez drehen. So will es der Brauch und wir beugen uns seinen Regeln. Bei schönstem Sonnenschein schlendern wir also zum Oranienplatz, wo ein Dutzend Polizeiwannen Stellung bezogen hat und Polizisten rauchend daneben stehen und auf Kundschaft warten.
Vorbei am Tauthaus, den Segitz- und den Erkelenzdamm entlang, spazieren wir in Richtung Süden zum Ufer. Ein neuer Weg wurde dort angelegt, nicht barrierefrei, wie ein gleich zu Beginn angebrachtes Schild ausweist. Weiter vorne sehe ich ein Pärchen einen sperrigen Zwillingskinderwagen die Stufen nach oben tragen. Hätte man auch mal, denke ich und formuliere den Satz aus Faulheit nicht zuende.

Auf der anderen Uferseite, vor dem Urbankrankenhaus, watscheln ein paar kräftige Schwäne auf den letzten milchigen Eisschollen umher, Menschen versammeln sich an den Uferwiesen und werfen ihnen trockene Brotreste zu. Zartgrün glimmen die ersten Weidenzweige, Möwen kreuzen kreischend die Luft, eine Gruppe Enten paddelt gemächlich in Richtung Osten. Hier und da taucht ein Blässhuhn zwischen den Eisplatten auf. Rostig und vertraut sein Ruf.

Den Rückweg nehmen wir über die Prinzenstraße, doch statt geradeaus in Richtung Moritzplatz durchzustoßen, biegen wir an den 70er-Jahre-Bauten vor der Gitschiner ab. Die etwas zurück gesetzten und von der Straße durch immergrüne Büsche getrennten Häuser sind in einem erbarmungswürdigen Zustand. Alles ist  dreckig und herunter gekommen. Auf einer unmotiviert irgendwo in die Wand eingelassenen violett gestrichenen Türe steht Müllraum. Davor und daneben türmen sich Berge stinkenden Unrates.
Ein Stück weiter sind die Abfalltonnen eingegittert. Eine alte Frau tritt aus dem abschließbaren Käfig heraus und schaut uns müde an. Zu ihren Füßen liegt ein Puppenbein.

Bei der Hausnummer 38 surrt ein Türsummer im Dauerbetrieb. Weit und breit ist niemand zu sehen. Begegnungsstätte steht auf einem Schild mit Berliner Bär. Daneben hat jemand einen Zettel an das Panzerglas geklebt. In case of emergency, steht da, Police department 53, 24 h a day und darunter eine Telefonnummer. Wir schauen, dass wir Land gewinnen.

Wenig später sind wir zurück am Oranienplatz. In der Zwischenzeit scheint hier eine Demo stattgefunden und sich schon wieder aufgelöst zu haben. Menschen stehen in Grüppchen beieinander. Manche tragen zusammengerollte Fahnen. Afrin, denke ich und gehe weiter. Ich schäme mich für meinen tatenlosen Gleichmut, doch ich bin so entsetzlich müde und stumpf.

Am Engelbecken kommt mir ein menschgewordenes Plattencover aus den 70ern entgegen. Zwei Lockenköpfe mit wehendem Haar und einem zuversichtlichen Lächeln im friedfertigen Gesicht. Wir freuen uns, uns zu sehen, lang ist´s her. Die Griechin erzählt, dass sie nun in einem Hausprojekt im Kiez untergekommen sind. Sehr angenehm ist es dort, die Miete günstig. Ach, wie schön!
Jeder, der bleiben kann, ist ein kleiner Triumph gegen das Unaufhaltsame.

Zuhause angekommen schmeckt uns der Kuchen, den der inzwischen schon wieder abgereiste Kanzler mitgebracht hat, ganz ausgezeichnet. Seine ältere Schwester, die treue Seele, hatte ihn extra für mich aus Mandelmehl, Marzipan und Schokolade gebacken. Dem Gemüt bekommt das köstliche Süß, dem Körper hingegen nicht. Doch gerade kann ich es ihm eh nicht recht machen, nicht mal mit einem guten Espresso. Ich muss schauen, dass ich wenigstens die Stimmung ein wenig hochhalte und dazu eignet sich nichts besser als Zucker und Koffein.

Inzwischen bin ich so erschöpft und kurzatmig, dass ich beschließe, die Telefone für zwei Tage abzustellen und weder nach Mails noch nach Post zu schauen. Bin ja sowieso  noch immer und schon wieder krankgeschrieben. Einfach mal die protestantischen Skrupel überwinden, und sich auch ohne gearbeitet zu haben zur Ruhe legen.

Nachdem das Spezialfutter für den Hund für die nächsten 48 Stunden vorbereitet und portioniert ist, die Merkzettel geschrieben sind und die Tigerin mit ihren abendlichen Medikamenten versorgt ist, lege ich mich schlagkaputt ins Bett und erwache erst 15 Stunden später wieder. Heute, am Tag zwei des Schonprogrammes, bringe ich es am Morgen bereits auf insgesamt 30 Stunden Schlaf. Zum ersten Mal nehme ich nun auch Tabletten gegen die Entzündungen und spüre ein wenig Erleichterung. Es wird vorbei gehen, das weiß ich, es geht immer vorbei, irgendwann. Ruhe ist der Schlüssel zur Genesung und die hole ich mir jetzt, fast ohne schlechtes Gewissen.

Ab Morgen werde ich mich dann wieder in den Alltag stürzen müssen. Ich hoffe im Briefkasten lauert keine Vogelspinne oder ähnlich Toxisches.
Der Bekannte ist da, das ist gut.
Alles andere wird auch wieder werden.
Hinter dem Müllraum liegt ein weitläufiger Garten.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Elena Mazzanti, flickr, Berlin_Kreuzberg
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/