Galeria Kaufhof/ Ostbahnhof

Wenn der kalte Wind über die Plätze pfeift, und das welke Laub kreiselnd über den Boden tanzt, schnappe ich meinen Hund und stapfe los.
Auf der Schillingbrücke ein Blick nach Westen. In der glasklaren Herbstkühle sieht man das Rote Rathaus. Im Osten das Allianzhochhaus und die mickrigen TwinTowers. Möwen segeln kreischend die Spree entlang. In der Ferne die Oberbaumbrücke mit ihren schönen Türmen, über die gerade eine U-Bahn gen Friedrichshain juckelt. Ich widerstehe, mit verkrampft geballten Fäusten, dem Zwang meinen Schlüsselbund über die Brüstung in den kalten Fluss zu werfen.
Ein Punk radelt mit seinen zwei riesigen Hunden im Gefolge an uns vorbei, und wir ziehen weiter.
Die Luft riecht nach Kohleöfen. Herbst.
An solchen Tagen fühle ich mich rastlos. Unruhig. Suchend und irgendwie verloren. Der bevorstehende Winter steckt mir schon jetzt in den Knochen. Trauer über einen vergangenen Sommer. Melancholie.
Ein starkes Bedürfnis nach Selbstgeißelung überkommt mich. Und so beschließe ich, mir bei Galeria Kaufhof am Ostbahnhof den letzten Hieb zu verpassen. Ich überquere den Platz, auf dem rechterhand ein paar Buden ihren Kram feilbieten und linkerhand ein paar Penner auf dem Rasen siechen.
Hereinspaziert
Ich steuere die Schreibwarenabteilung an, als mein Blick auf das Kosmetikspiegelsortiment fällt.
Bis eben noch erschien mir meine Haut glatt und weich wie eine dieser „Plastiktüten“ aus Mais, die es früher bei der Bio Company gab. Aus masochistisch-naivem Interesse greife ich nach dem Spiegel mit 7facher Vergrößerung. Was ich da sehe ist geeignet das Selbstbewusstsein eines Menschen für immer zu zerstören: riesige Poren, talgiger Teint und bislang unentdeckte Falten, Furchen, Narbenmonster. Eine Mondlandschaft. Wofür braucht man solche Spiegel? Um sich einen besseren Überblick über den eigenen körperlichen Verfall zu verschaffen, den man mit bloßem Auge noch nicht wahrnehmen kann?
Ich schaue auf das großporige Konterfei von Jogi Löw, der mit ungetrübtem Selbstwertgefühl für Nivea-Produkte wirbt, und den viele Frauen gerne heiraten würden; zumindest wenn sie aus Baden-Württemberg kommen. Die Parfümecke vis à vis verspricht Abhilfe bei solchen Problemen.
Jede Menge Reparatursets und Spachtelkits verschiedenster Hersteller zum Minimieren, Aufpolstern, Kaschieren, Mattieren, Neutralisieren, Lackieren, Abdecken, Streichen, Pinseln und Tuschen.
Baumarkt für Frauen. Schnell weg. Vorbei an der Abteilung mit spießigen oder witzigen Taschen, Rucksäcken und Portemonnaies zum gut sortierten und nicht minder bedrückenden Regenschirmsortiment.

Da hat der Einkäufer seinem Fetisch freien Lauf gelassen: viele verschiedene Hersteller, Qualitäten, Aufspann- oder Falttechniken, Größen, Farben und Muster. Alles was nach Kittelschürze oder Raubtier aussieht erweckt mein Interesse, denn heute will ich leiden. Passend dazu spricht eine schmeichelnde Männerstimme die spärliche, aber werte Kundschaft (ich sehe hier nie junge Menschen) via Lautsprecher an und preist in monotonem Singsang die Köstlichkeiten des hauseigenen Dinea-Restaurants. Das Tagesgericht kostet 5 Euro. Wenn man aber beim „6-Tage-Rennen“ von Galeria Kaufhof mitmacht und aktuelle Angebote kauft, gibt es noch mal 10 Prozent Nachlass auf die Speisen.
Ich hab einmal dort gegessen, weil ich vorhatte einen Berliner Kantinen-Führer zu schreiben. Mach ich jetzt doch nicht.
Nach den Schirmen kommen die Koffer. Rollkoffer. Praktisch und rückenschonend. Bunt, kosmopolitisch und weltoffen. Am 1. April letzten Jahres, stand in einer Berliner Zeitung, dass die Benutzung der ratternden und schleifenden Dinger nun rund um den Hermannplatz und in Kreuzberg, zum Schutze der Anwohner, verboten wird. Es rattert und schleift unentwegt weiter.
Die Strumpfabteilung erkennt man, wie schon in den Kaufhäusern meiner Kindheit, an den kokett in die Luft gereckten Puppenbeinen mit Strick oder mit Nylons. Gute Auswahl, aber kein Bedarf heute.
Ich schlendere mit Töle zur Lebensmittelabteilung und hole Wasabi-Paste. (Kaufen Rentner grünen Meerrettich aus der Tube?) Als ich das Geld passend, zur Ware auf das Laufband lege blubbert mich der Gemeine Berliner voll.
„Der Hund darf hier nich rein!“
„Äch, dann zahle ich jetzt schnell und bin weg.“
Dit darf er nich zulassn. Leida. Nee, ooch nich wenn dit Jeld jezze schon abjezählt is. Tut ihm echt leid.
Mir ooch, du Depp.
Also ohne Wasabi den Gourmettempel verlassen. Für die Bücher-Welt fehlt mir die Kraft. Die Auswahl an Fotokalendern, Prosa, Kinderbüchern und Kochbüchern, wie auch Lebens- und Frauen-Ratgebern ist niederschmetternd. Genug für heute. Die Damen-Welt, Herren-Welt, Haushalts- oder Dessous-Welt spare ich mir.

Ich gehe zurück zum Haupteingang, vor dem der immer gleiche Obdachlose mit ausgemergeltem, grauen Gesicht steht und sich über das Wasabigeld freut.

Hässliches, du hast so was Verlässliches

Ich kehre der deprimierendsten aller Kaufhof-Filialen den Rücken zu und trotte Richtung Kreuzberg.
Der Schlüsselbund liegt fest in meiner Hand.
Für die sehr gut sortierte Haushalts-Welt, die solide Strumpf- und Schirmabteilung, für das alte Ost-Gebäude mit Mosaiksteinen auf der kompletten Außenfassade, sowie die sehr anständigen Toiletten, kann es sich lohnen, der Galeria einen Besuch abzustatten.
An einem dieser grauen Tage in Berlin.

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