schrei wenn du brennst

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Dieser Text endet viel heiterer als der Titel vermuten ließe

Schrei wenn du brennst, steht auf der Betoneinfriedung am Eingang des Parks und ich gedenke des unbekannten Menschen, der dort (selmals) kauernderweise seinen Schmerz in die Welt gesprayt haben muss. Schrei, wenn du brennst.

Hätte er doch bloß ein Bündel Geldscheine zur Hand gehabt, es angezündet und in stummer Zufriedenheit über das kurze Aufscheinen einer ungeahnten, neuen, alten Freiheit oder Autonomie den hellgrauen Ascheflocken hinterhergeblickt während diese mottengleich aufstiegen in die nächtliche Luft und sich in der Dunkelheit verloren, hätte dieses Erlebnis möglicherweise alle Pein von seiner Seele genommen.
Unten das Feuer und oben Ihr.

Schrei wenn du brennst begleitet mich seit Jahren und manchmal betrete ich den Platz vorsätzlich von der anderen Seite, um den Schriftzug nicht sehen und nicht darüber nachdenken zu müssen. Doch der Fleck an der Wand macht das abgehängte Bild noch präsenter.

Es ist genau diese kleine, besprayte Betoneinfriedung, dieses unwirtliche Mäuerchen, zu der es mich an manchen Abenden als dem letzten warmen Fleckchen zieht, ehe die Sonne, die es eben noch mit ihren Strahlen bedacht hat, hinter den Türmen des Künstlerhauses Bethanien verschwindet und bald schon die Fledermäuse über die Wipfel der Platanen streifen.
In diesen vergoldeten Minuten ist schrei-wenn-du-brennst der Ort, an dem ich mit geschlossenen Lidern verweile, das Geflecht der roten Adern die hinter meiner Stirn aufleuchten betrachte und mich so lebendig fühle wie selten.

Der Sommer macht uns alle unsterblich, auch wenn der Brunnen tief und schwarz, sein Gluckern unheimlich und der Geruch modrig ist.
Jede Wirklichkeit ist saisonal.

 

 

 

 

 

 

(Musik zum Text: Nick Cave, Mercy Seat, https://www.youtube.com/watch?v=t6p5nw6zZig – youtube-Direktlink)

 

 

20 Kommentare zu “schrei wenn du brennst

  1. Liebe Tikerscherk,
    wie schon oft gehe ich in meinen Gedanken mit dir durch Kreuzberg. Viele milde und wunderschöne Sommerabende habe ich dort schon erlebt, staunend über die Vielfalt der Arten von Menschen und Anderem…
    Danke für die geweckten Erinnerungen!

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  2. Ich lese das mal so:
    „Schrei wenn du brennst“:
    Wenn Du innerlich brennst, etwas künstlerisch raus muß/will, dann tue es mit Verve.

    Aber der Satz hat auch was höchst Gewalttätiges. Man kann ihn zufürderst so auslegen.

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  3. Stark zu lesen.
    Der Spruch do golden wie die letzten Sonnenstrahlen über Bethaniens Platanen. Gewalt kann ich keine drin finden außer der Befehlsform, die eher wie eine Aufforderung dient in zwei Möglichkeiten: andere zu Hilfe (möglichst als Eimerkette bildend) herbeizurufen oder aber Energie freizusetzen, die herauswill, einen Ausdruck sucht. Doch die Botschaft ist dieselbe: Achtung. Ich brenne. Bitte mal um Aufmerksamkeit.
    Liebe Grüße von der Fee

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    • Das würde gut passen.Vielleicht eine Anlehnung? Ich glaube allerdings, dass es sich doch eher um den Ausdruck einer persönlichen Befindlichkeit handeln soll. (Nach all den Jahren, die ich das nun schon glaube, mag ich nicht mehr umglauben, es zerstörte die ganze Geschichte).
      Vielen Dank jedenfalls für den Hinweis!

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  4. der Satz, egal wie man ihn auslegt, hat schon die Kraft, einem den Schlaf zu rauben. (Ich sehe das vietnamesische Mädchen, das schreiend aus der Phosphorbombenhölle flieht.) Der gelbe Pfeil zeigt nach rückwärts.

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