Heimliche Riesen

Eigentlich, so denke ich, während ich durch die Stadt gehe und den kranken Hund, wie ein zu groß geratenes Accessoire unter dem Arm trage, eigentlich könnte ich, wenn ich sowieso jeden Tag unterwegs bin, auch gleich ein bisschen Geld mit meiner inneren Unruhe verdienen und Location Scout werden, wie zum Beispiel Kai von Kotze (oder war das der Filmemacher?)  dessen Namen ich immer schon mal in meinem Blog platzieren wollte, was hiermit gelungen wäre. Herrn von Kotzes Name klingt mir nämlich schon seit Jahrzehnten im Ohr, und manchmal, wenn wir uns, was eine dumme Marotte von mir ist, über merkwürdige Nachnamen und ihren möglichen Ursprung unterhalten, beraten wir uns auch über Kai von Kotzes Namen, bei dem wir noch immer unentschieden sind, ob das ihm vorangestellte von den Namen noch krasser macht, oder ob genau das Gegenteil der Fall ist, und die drastische Wirkung durch den Zusatz abgemildert wird. Ich habe darauf keine Antwort, weiß aber, dass ich das von in Verbindung mit dem oder der Kotze ziemlich gut und herrlich hemmungslos finde.

 

IMG-20170801-WA0006

 

Als ich gestern mal wieder durch die Kleine Kurstraße und an der wunderbar unproportionierten und plumpen Wendeltreppe vorbei gehe, die mein innerer Scout sofort in das Location-Verzeichnis unter dem Stichwort ulkige Orte aufnimmt, erinnere ich mich daran, wie ich mich, nicht weit von hier, einmal am menschenleeren Spreekanal entlang durch die schattenlose Mittagsglut quälte und dabei an einem Baucontainer vorbeikam, in dem zwei muskulöse Männer, beide nackt, hintereinander am Fenster standen und sich schweißgebadet ihrer Lust hingaben, ein Anblick, der mich derart faszinierte, insbesondere weil der eine der beiden einen Bauhelm trug, dass ich, um nicht als Voyeurin Wurzeln zu schlagen, einen Zahn zulegte und erst wieder in meinen kommoden Trott zurück fiel, als ich, einen Steinwurf entfernt, die üblichen Angler an der kleinen Wasserstufe stehen sah und dieser vertraute Anblick mein aufgewühltes Gemüt angenehm glättete. In den Scheiben des Auswärtigen Amtes, gegenüber der Wasserstufe, spiegelte sich das ehemalige Staatsratsgebäude der DDR (heute Sitz einer Business School) dessen Hauptportal früher einmal das Portal IV des ehemaligen Berliner Stadtschlosses war, welches nun vis à vis, wo der inzwischen abgerissene Palast der Republik stand, neu gebaut wird.
Geschichte kann ganz schön ironisch, denke ich beim Überqueren der Straße und freue mich en passant an der langen, schlangenförmigen Verkehrsinsel, die ich ebenso für meine Location-Agentur vormerke.

 
IMG-20170801-WA0014

 

 

Bei dem großen Baum, an dessen Ästen wir in milden Sommernächten auf einer alten Holzschaukel über das Wasser zu schwingen pflegten, wartet jetzt ein ungeeignetes Fluchtfahrzeug auf ein neues Abenteuer. Ein Stückchen weiter schlürfen die Heimlichen Riesen mit ihren langen, blauen Trinkhalmen ihren täglichen Kanalcocktail,

 

 

img-20170801-wa0012.jpg

 

 

in einer Ufernische wächst unterdessen ganz unbemerkt ein kleines Biotop. Blässhühner ziehen rostig rufend durch das Wasser, die Humboldtbox steht immer noch und überall ist Samsung.

 

 

IMG-20170801-WA0009

 

Unbox it

Gegenüber der Bauakademie halte ich den völlig überhitzten Hund in die weich perlende Wasserblüte des Brunnens und bündele unter den strengen Blicken Schinkels allen Mut und alle Kraft, um die letzten Meter durch die sengende Hitze über die Schlossbrücke noch irgendwie zu bewältigen, ehe der Schatten des Zeughauses mich gnädig kühlt und ich mich, mit meinem nassen Hund auf den Armen, an den Hütchen-Spielern, dem Historischen Museum, dem Maxim Gorki, dem Collegium Hungaricum und schließlich den S-Bahnbögen vorbeischlängele, um, beim Grimm-Zentrum angekommen, endlich guiltfree goodness in Form des besten frozen yoghurt der Stadt zu genießen, dabei das Treiben vor dem Hotel zu beobachten, dem entfernten Soundcheck im Admiralspalast zu lauschen und auf die tägliche Nonne mit ihrem vollendeten Schwarz-Weiss-Look zu warten. Erst nachden sie von ihren Einkäufen auf der Friedrichstraße mit prall gefülltem Stoffbeutel zurück gekehrt und zum katholischen Militätbischofsamt gegangen ist, mache ich mich sehr zufrieden und gestärkt auf den langen, staubigen Heimweg.

 

 

 

 

 

 

Chiffon, nonchalant

32037648414_65c9970091_z

Unbeschwerte Zügellosigkeit

Zur Vermeidung der weiteren Offenbarung privater Details, könnte ich mich in diesem Blog darauf verlegen, nur noch über´s Bloggen zu bloggen. Ganz und gar selbstreferenziell auf die tantenmäßig langweiligste Art (ich darf das sagen, ich bin selber eine).
Ich könnte mich beipielsweise darüber auslassen, wie gut der Rückhalt durch ein wohlwollendes (Blog-)Publikum tut, wenn man das anfasst, was man früher als heißes Eisen bezeichnete und heute irgendwie anders nennt (wie eigentlich? Brisant?).
Hier in meinem angestammten Blog kann ich z.B. getrost erzählen, dass die Schauspiellehrerin mir von der Weigerung ihrer (Privat-)Schüler berichtete, ein Stück einzuüben in dem das N-Wort vorkommt, gleichwohl das Stück in kolonialen Zeiten spielt und die Kolonialherren und Sklaventreiber bekanntermaßen nicht poc oder woc sagten, sondern Neger.
Das Wort zu benutzen findet heute niemand kaum jemand, nur noch 8 % der Bevölkerung gut und mir fällt es überaus schwer, es überhaupt so nonchalant hinzuschreiben. Drüben im Versuchsblog würde ich das überhaupt nicht wagen. Doch hier wähne ich mich einigermaßen in Sicherheit und hoffe auf Verständnis dafür, dass die zu erzählende Geschichte diese Ausdrücklichkeit ausnahmsweise erforderlich machte.
Möglicherweise, so denke ich, habe ich mir über die Jahre vielleicht einen klitzekleinen Bonus zusammengeschrieben und die hier Mitlesenden ahnen, dass ich nicht rassistischer bin, als die Zeit in der ich lebe, und dass ich, wenn ich diskriminiere dies meist durch positive Zuschreibungen tue. Durch zweischneidige Bewunderung für sogenannte Randgruppen (die ich förmlich vor mir sehe, wie sie so am Tellerand stehen, kurz vor dem Sturz ins Bodenlose).

Die Schauspielschüler wollen also nicht das N-Wort aussprechen und können deshalb kein Stück aus der Kolonialzeit einstudieren und somit auch nicht auführen.
Aus ihrer eigenen Blase heraus zu treten und in die Welt zu blicken, die ihnen den Weg bis hierhin bereitet hat, verursacht ihnen schlimmes Unbehagen und die Schauspiellehrerin muss sich, um weiterhin ihr Brot verdienen zu können, dem Wunsch und Willen der Schülerschaft beugen und nur noch moderne Stücke, ohne Reizworte, mit ihnen einstudieren, denn der Kunde ist König und die Vergangenheit lässt man besser ruhen. Oder man benennt sie um.

So, wie ich mein Blog, könnte ich jetzt noch hinzufügen, um irgendwie den Bogen zu spannen zum Anfang des Textes.

 

Liebe Lesers, es ist schön, dass Ihr hier seid!

 

 

 

 

Bild: diada, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

(Tod und Trotz, oder Trotzdem tot)

collectie_tropenmuseum_varanus_komodoensis_a_8_jaar_en_5_weken_tmnr_10006430

Von einem gefährlichen Druiden lese ich in der Zeitung und denke: Hallo, wo leben wir denn (wobei ich natürlich niemals Hallo! denke, geschweige denn es je in dieser Weise sage). Einen Absatz weiter geht es dann um die Reichsbürger. Auch das etwas, was ich einen längst ausgestandenen Wahn zugehörig wähnte. Das Reich mit seinen Bürgern. Sind das eigentlich Leute, die auch auf Mittelaltermärkte gehen oder Schlachten nachspielen, weil die Kostümierung sie größer oder besonders macht und weil früher sowieso alles besser war?
Atavistische Scheiße, sagst du (deine wüste Wortwahl der frühen Stunde geschuldet) und wir schauen uns ratlos an ob des Schleudergangs in den die Welt geraten ist oder scheint. Schein, Sein, empfinden und wissen, Fakten und Lüge, alles löst sich auf. Man weiss es nicht, man behauptet es nur. Mir schwindelt.

Auf der Kinderonkologie sterben mehr Kinder als üblicherweise, sagt die Psychologin, (streben schrieb ich zuerst, statt sterben und sah die kleinen Engelein schon gen Himmel aufsteigen ins güldene Licht, aber dann starben sie doch und wurden begraben unter nasser, schwerer Erde, wie morgen die arme G). Bereits am Jahresende, erzählt die Psychologin weiter, waren es so viele tote Kinder, dass selbst die Sterbehelfer es kaum mehr ertrugen.
Hoffentlich finden sie alle einen schönen Platz dort oben und erfrieren nicht vor geschlossenen Toren
, denke ich und der Himmel verdunkelt sich und ich mache das Licht an.

German Angst, so las ich kürzlich in einem  Interview mit einem Soziologen, is over, Geschichte sozusagen. Und Geschichte ist ja irgendwie alles, sogar ich. L´histoire c´est moi, könnte man sagen. Ich reite auf der Welle, die ich bin. Eine tödliche Schlammlawine ist Geschichte, sind wir, und ich sowieso. Over ist hier gar nix, es geht doch gerade erst richtig los.

Locker machen für die Hölle.

Der Kanzler ist voller Trauer. Erst starb die Schwester, jetzt die G.
Der kleine Junge möchte seiner toten Mutter die Wohnungsschlüssel in den Sarg legen, damit sie zurück kommen kann, nach Hause.

Jeden Tag geht die Welt unter, für so viele, und darüber stehen Mond und Sonne und Milliarden Sterne.

Die O2-Arena heisst jetzt Mercedes-Benz-Arena, aus Raider wurde Twix, aus Haider schließlich Wix und geändert hat das nix. Der Verkehr tost vorbei an dem architektonischen Halbrund, eine heulende Sirene nähert sich, ihre Klage hin und her geworfen zwischen den Mauerresten am Ufer und der gläsernen Arena, dolby surround und ich mittendrin und oben am bleigrauen Himmel ein Schwarm Krähen auf der Jagd nach einem jungen Täublein. Flieg um dein Leben, schnellschnell!, denke ich und schaue rasch weg, weil ich sie nicht sterben sehen kann, wie damals den Spatz auf dem Mauerstreifen, mitten im Flug von zwei Krähen zerrissen, gellend der Schrei, mit dem er diese Welt verließ. Den Ringfinger der linken Hand hätte ich für sein Leben gegeben, oder zwei Zehen oder ein Ohr, am liebsten etwas, was doppelt vorkommt in meiner Arche, oder was sonst geholfen hätte. Aber er hilft ja nichts, da kann man sich ausdenken und anbieten, was man will. Leben gegen Leben gegen Leben. Der Tod bleibt mein Feind und die Natur sein schamloser Handlanger.

Musik zum Text:

(youtube-Direktlink,  The Smashing Pumpkins, Bullet With Butterfly Wings)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: wikimedia, Repronegatief. Varanus komodoensis, ± 8 jaar en 5 weken,
Lizenz: CC BY-SA, 3.0

1000 Jahre

6812389980_3b1d8c12f3_z

Am Nachmittag. Oben der Löwe und unten das Licht und die langen Schatten und wir.

Vor der Bank der Mann, mit dem Rücken zum See. Die Arme ausgebreitet, bespricht und beschwört er die Gruppe der Sitzenden mit den Gesichtern zum Wasser. Hin und her, in die Knie, ein Torwart, sie zu fangen mit seinen Worten in einer unbekannten Sprache redet er und lacht beklommen mit dunklem Auge.

Am Kiosk im Schatten beginnt die Saison. Ein Bier und noch ein Bierchen. Unter Schirmen stehen sie, einen Fuß auf dem Ring des Stehtisches, rauchen und reden und lachen und berühren sich an der Schulter, von Zeit zu Zeit. Vorbei ist der Winter.
Die Mittsechzigerin, überschminkt in marineblauer Daunenweste und hohen Absätzen, eine Zigarette zwischen den lackierten Fingern. Ihre fahle Verlorenheit am Abend im Haus.

Hell ist die Sonne und lang sind die Schatten der Kiefern mit rotem Stamm und den Füßen im Sand. Ein lichter Wald, ein Uferweg, Enten, Schilf. Der See.

Eine Hummel, ein plüschiges Kätzchen, landet und vibriert und kriecht in die Wärme des Muffs. Kantig ihre Bewegungen und steif, wie die eines parkenden Flugzeuges.

Das Grundstück am Wasser. Nur ein Klingeltableau erinnert an jene, die hier lebten, in der Straße der Misteln und des Lorbeers. Ein Baugrund. Maschendraht, vertrocknetes Gras und sandiger Boden, bespiegelt von den Augen der Villen ringsum mit Blick auf den See und der Stille des Schilfs.

Der Schmerz einer ausbleibenden Berührung.

Wir sitzen und länger noch werden die Schatten. Das Gleißen des Lichtes in den Augen. Rauch steigt auf, an einem Faden brummt die Hummel davon. Oben der große Löwenkopf und unten der Torwart und 1000 Jahre Geschichte, und die Pommes tragen noch ihre Winterhaut, fettig und blass.

 

Am Abend die Villen im Rückspiegel.

 

 

 

 

 

Foto: Jacqueline Poggi, Wannsee Villa
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

in vitro

640px-Die_Bienenzüchter_(Bruegel)

„Fegt mich weg!“

(Kierkegaard)

 

Gründe parat haben, triftige am besten, für alles. Einem Schuldgefühl folgend oder ihm unterworfen. Es geht nicht anders, das leuchtet ein.

Entladungen, alles nur Entladungen, was soviel heißt wie: die Zeit ist reif, sie hängt schwer und voller Ereignisse, die es herunterprasselt in der Folge von etwas oder einfach so. Fallobst. Geschichte als ein einziger Matschhaufen, ein Klumpen überreifen notgedrungenen Handels, wurmzerfressen. Schwerkraft. Was soll schon dabei heraus kommen.

Und heraus kommt ja sowieso nichts, eher zusammen, aufeinander, massenweise, ganze Berge gilt es wegzuschaufeln. Doch wohin damit und wer tut es? Soldaten. Gedungene. Ein Napoleon in hundert Jahren, der Oberschüttler. Ein Beweger.

Geschenkt ist der freie Wille, soviel wert wie alles, was es nicht gibt und was nix kost´, außer der Entscheidung zu schaufeln oder zu schütteln. (Totengräber).
Ihn sich lassen, gegenseitig und gut verschnürt (mach was du willst, meinen Segen hast du) und dann rin damit in den Schub und rein mit der Lade in den Bauch, den dunklen, auch Universum oder der Einfachheit halber Kommode genannt, nur um ein Bild zu haben, irgendeines, das ich stemmen kann. Ein Trostwort bloß, denn bequem ist es nicht und auch nicht unheimlich, wie man glaubt, wenn es dunkel und weit wird und hallt. Eher schon heimlich, doch nicht für die, die draußen sind und Löcher fressen oder stopfen, nach Gusto und Perspektive.

Eine Mitochondrie, eine Blattlaus, etwas, was man unter dem Nagel zerquetscht, nachdem man es vom Baum geschüttelt hat, und schon wird wieder geschaufelt und gefegt, wir kennen das, es hört nicht auf, wie könnte es. Wohin damit in dieser verplombten Welt aus Einstreu und Gras. Kein Entrinnen. Wir sind allein.

Where is everybody?

Pest, Typhus, Ebola im Zeitraffer. Katastrophen, schnell und effizient wie Heuschrecken oder Dickmaulrüssler auf der Akelei, die ich am Abend noch goß und am Morgen vergeblich suchte. Dahin, dahin.

Das Haus ist voller Tränen, der Kater sucht seine Gefährtin.
Leer ist es geworden. Aus fünfen wurden zwei. Trauernde Tiere, was kann man  tun, außer zu warten auf den Tod aller. Er beendet das Experiment.

 

 

 

 

 

 

 

Dealer im Park

Bild

Der Görlitzer Park ist ein Ort, dem ich mich auf eine besondere, fast familiäre Art zugehörig fühle.
Ungezählte Sommer war er für mich das Herz der Luisenstadt, und noch immer zieht es mich hierher.
Viel seltener allerdings, denn es ist voll und anstrengend geworden.
Laue Nächte sind lauten Massen-Besäufnissen gewichen. Tempo statt Romantik.
Und doch ist der Görli ein besonderer Ort, weil es gelungen ist, Reste eines alten Bahnhofes zu erhalten, und das unwirtliche, schlauchartige Gelände in einen, wenn nicht schönen, so doch ungewöhnlichen Park zu integrieren.

Seine Geschichte:
Vor 150 Jahren schütteten Arbeiter tonnenweise Sand auf den Ackerboden des Köpenicker Feldes und verlegten anschließend Schienen.
Es entstand der Görlitzer Bahnhof, über den bis zum Mauerbau am 13. August 1961 der Personen- wie auch Güterverkehr mit den süd-östlichen Gebieten Brandenburgs und Sachsens abgewickelt wurde.
Danach war der Görlitzer Bahnhof nur noch vom nahegelegenen Güterbahnhof Treptow (im Ostteil der Stadt) zu erreichen.
Bis 1985 pendelten hier noch Güterzüge (über einen kleinen Grenzübergang an der Landwehrkanalbrücke) zu einer ansässigen Spedition, einem Schrottplatz und Kieslager.
Der Rest des Geländes wurde zum Niemandsland zwischen Ost und West.
Ungepflegt und unbeaufsichtigt verkam das 14 Hektar große Areal nach und nach zu einer Brache mit Autowracks, Chemieabfällen und anderem Großstadtmüll.
Nachdem die im Krieg beschädigten Gebäude abgerissen waren, wurde 1980 mit der Freiräumung begonnen, bis man im Grundwasser große Mengen Öl fand.
Eine Anwohner-Initiative hatte die sowohl die gewerbliche Bebauung des Geländes, als auch eine geplante Schnellstraße verhindert, und 1984 begann man, nach bodenverbessernden Maßnahmen, die Brache mit anspruchslosen, heimischen Gewächsen zu bepflanzen, Hügel aufzuschütten, einen kleinen See anzulegen, Spielgeräte aufzustellen, ein Fußballfeld zu schaffen und eine Wassertreppe zu bauen.
So entstand der Görlitzer Park, der zusammen mit Schlesischem Busch, Treptower Park, Königsheide und Plänterwald einen grünen Keil bildet, und ausgedehnte Spaziergänge von Kreuzberg nach Treptow erlaubt.
Vom ehemaligen Bahnhof sind heute nur zwei Güterschuppen übrig, in denen sich das Café Edelweiss und eine bunt beleuchtete Minigolfbahn befinden.
Außerdem existiert noch ein kurzes Gleisstück östlich der Kanalbrücke, sowie Reste des, inzwischen verschlossenen, 180m langen Fußgängertunnels (der „Harnröhre“). Die Mauer an der Längsseite des Parks, ist ebenso ein Relikt. Dort wo der Tunnel war, befindet sich heute die große Mulde, das Kernstück der Anlage.
Der Blick von hier Richtung Norden ist umwerfend: im Vordergrund die Skulptur „Schreitender Mensch“ von Rüdiger Preisler, dahinter die Emmaus-Kirche auf dem Lausitzer Platz, und in der Ferne der Ostberliner Fernsehturm.

Seit einigen Jahren gesellen sich zu den grillenden türkischen Großfamilien, den Kiezgrößen vom Trinkergewerbe, den Alteingesessenen, Hundebesitzern und den Dealern auch noch Unmengen an Karawanenfolgern, die den Park von März bis Ende September zu einem oktoberfestartigen Moloch werden lassen.
Im Herbst wird es dann wieder ruhig und vertraut hier. Mit Ende der Grillsaison reduziert sich auch der Müll erheblich.
Die Dealer bleiben. An Spitzentagen sind ein Dutzend Verkaufs-Offerten Teil des routinierten Vergnügens. Man kennt sich, ein kurzes Lächeln und Nicken genügen.Töle rangepfiffen, weiterspaziert.

Wenn der Görli erst einmal so aufgeräumt sein wird, dass süddeutsche Besserverdiener, selbstgestrickte und -gefilzte Prenzlmütter, erfolgreiche Kosmopoliten, aerodynamische Künstler und anders Arrivierte sich hier heimelig, sicher und sauber fühlen:
wenn die Händler weg bleiben, weil das Neue Berlin einschreitet, dann werden viele, die sich eben noch die Mieten hier leisten können, zusammen mit den Unerwünschten an den Stadtrand ziehen müssen, um das Feld ganz und gar dem Kleinen Adel zu überlassen.
Die Karawane wird weiter ziehen, und die zerstörerische Spur einer Nacktschnecke hinterlassen.

Mariannenplatz

Der Mariannenplatz liegt eingebettet zwischen der Mariannenstraße im Osten, der Waldemarstraße im Süden, dem Bethaniendamm, der ihn im Norden begrenzt und der Adalbertstraße im Westen.

Berlin-kreuzberg bethanien 20050420 p1020601
Er führt den Namen Platz zu Recht, anders als zum Beispiel der nahe gelegene Heinrichplatz, der einfach ein Plätzchen ist.
Marianne von Oranienburg-Nassau, Tochter Wilhelm des I., ist die Namenspatin meines Lieblingsplatzes in Berlin.
Ich liebe es von der Mariannenstraße aus die Stufen zum Bethanien zu nehmen und zu dem alten schönen Gemäuer mit seinen beiden Türmen und der dazwischen angebrachten Glocke, die an Missionskirchen in Lateinamerika erinnert, empor zu schauen.
Ein Blick nach links: in der Ferne, der Feuerwehrbrunnen von Kurt Mühlenhaupt, der 1981 an derselben Stelle errichtet wurde, an dem schon sein Vorgänger dem Krieg zum Opfer fiel. Ich weiß, dass dieser Brunnen die Arbeit und die Opferbereitschaft der Feuerwehrleute würdigen soll. Ein Blick in die Gesichter der Bronzefiguren, lässt einen dann aber doch an der hehren Absicht zweifeln: die sehen mit ihren dicken, geschwollenen und überdimensionierten Nasen und ihrem dümmlichen Gesichtsausdruck allesamt aus wie schwere Säufer.
Man könnte glauben, dass der Brunnen aus Hass auf Feuerwehrleute dort steht, und einzig ihrer Verunglimpfung dienen soll.
Um den Brunnen herum, gruppieren sich im Halbkreis rosafarben getünchte Alt- und Neubauten.
Auf Luftaufnahmen nach 1945 ist deutlich zu erkennen, welche Häuser im Block durch Bomben ausradiert wurden.
Eines davon stand direkt auf der Ecke Waldemar-/ Mariannenstraße.
Dort befindet sich jetzt ein großer Neubau, der sich gut ins Bild einfügt, und dessen Erdgeschoss eine Eckkneipe beherbergt, in der schon Rio Reiser gerne und häufig zu Gast war.
Vielleicht haben durchzechte Nächte zu der ersten Zeile des Rauchhaussongs geführt.

Heute steht das Bethanien nicht mehr ganz leer.
Es beherbergt zahlreiche Ateliers für Künstler, eine Kita, das Restaurant
“3 Schwestern” und im Südflügel die ehemaligen Besetzer der Yorckstraße, die inzwischen ordentliche Mieter sind, den Betreibern des Künstlerhauses Bethanien aber aus Gründen des Renommées ein solcher Dorn im Auge waren, dass man sich entschloss in ein todschickes Haus auf dem Kottbusser Damm umzuziehen. Gut so.
Wo Kunst nicht nur apolitisch ist, sondern zum Erfüllungsgehilfen von Gentrifizierern und Gleichmachern wird und sich ausdrücklich von alternativen Lebensformen distanziert, ist sie eben auch nichts anderes mehr als ein Business. Dies allerdings gerne mit viel Chichi und Wichtigmeierei.
Kurz: ich bin froh, dass sie weg sind.
Der Südflügel beherbergt neben den” Yorckies” auch die Heilpraktiker Schule (selbstverwaltet), die mit einem lässig aus dem Fenster gehängten Transparent, verziert mit dem Yin-und-Yang-Symbol, ihren Standort kenntlich macht.
Sobald es warm genug ist, sitzen die SchülerInnen draußen und halten mit ihren gezähmten LehrerInnen im Freien Unterricht ab. Man erkennt sie sofort. Haare, Klamotten alles ein bißchen filzig und grob.
Am eindeutigsten sind sie aber an ihren Blicken auszumachen.
Da ist so etwas Wissendes drin. Da merkt man gleich, dass sie sich durch ihre spirituelle Offenheit Welten erschlossen haben, zu denen ich als verkopfter und ignoranter Mensch niemals Zugang haben werde.
Mit toleranzgeschürzten Gesichtern sitzen sie da, mit friedvoll hängenden Schultern und wachsamem Blick.
Eine kurze Irisdiagnose en passant. Ein Braunauge.
Mein verschlossen bis ablehnender Gesichtsausdruck lässt eine Spontandiagnose zu: “Sepia!, total Sepia! Verzweifelt oder verbittert!”
Das hat mir mal ein Homöopath mit auf den Weg gegeben. So würde ich enden.
Ob er am Ende recht behält?
Schnell die Schule und die glotzenden Gutmenschen hinter mir gelassen (ich spüre noch ihre kosmische, feinstoffliche Liebe im Nacken), und rechts abgebogen, vorbei am Freiluftkino und zum Nachbarschaftgarten.
Dort treffe ich fast immer auf den gleichen Trinker, der mit seinem Foxterrier Idefix Ball spielt.
Idefix ist der klassische Apportierhund. Er lebt einsam in der Welt seines Balles, Artgenossen interessieren ihn nicht, Menschen interessieren ihn nicht: der Ball muss fliegen, zurück gebracht werden um wieder zu fliegen.
Das alleine zählt, und das stimmt mich irgendwie traurig.
Auf dem Rasen stehen zwei übermuskulöse Typen mit ihrem übermuskulösen Staffordshire-Rüden.
Dieser hat sich derartig in einen Knüppel verbissen, dass sie damit das 50- Kilo-Tier immer im Kreise herumschleudern können.
Da freuen sich Mensch und Kreatur gleichermaßen.
Ich nehme den Weg durch den Nachbarschaftsgarten und bewege mich auf das Georg-von-Rauch-Haus zu.
Ich mag das alte Gebäude.
Von der Nordseite des Bethanien hört man Musikfetzen. Klavier.
Die Jugend-Musikschule.
Es riecht mal wieder nach geröstetem Brot und nach einem Feuerchen.
Aus den Schloten der Bauwägen vom Kreuzdorf raucht es behaglich.
Eine Gruppe Touristen kommt mir entgegen. Ein Reiseleiter erklärt ihnen alles, was man über das revolutionäre Kreuzberg wissen muss. Und natürlich muss der Rauch-Haus-Song herhalten.
Ich finde es respektlos, wie sie da vor der Wagenburg stehen bleiben um geiles Ghetto zu gucken.
Kein Blick zu diesen Deppen, und wenn sie noch so gerne mal Blickkontakt mit einem Ureinwohner hätten.

Zurück zur Vorderseite des Platzes.
Am nördlichen Ende steht die Engelskirche. Ein monumentaler, schöner Backsteinbau, den man architektonisch eher in der Toskana verorten würde.
Ich verweile einen Moment auf den Stufen vor dem Eingang und schaue einem großen Hunderudel beim Spielen in der Sonne zu.
Als das Ordnungsamt versucht sich anzuschleichen, flüchtet man in alle Richtungen.
Auch ich schnappe meine Töle und gehe nach Hause.
Nachher müssen wir eh nochmal raus. Zur Abendrunde auf dem Platz.

Antikmarkt Ostbahnhof

English: Train hall of the station Ostbahnhof ...

English: Train hall of the station Ostbahnhof („East Station“) in Berlin (Photo credit: Wikipedia)

Der Ostbahnhof durfte lange Zeit den Titel Hauptbahnhof führen.
Ursprünglich 1842 als Frankfurter Bahnhof eröffnet, wechselte sein Name im Verlauf der Geschichte zu Niederschlesisch- Märkischer Bahnhof und dann zu Schlesischer Bahnhof. Ab 1950 schließlich zu Hauptbahnhof.
Jetzt heißt der Lehrter Bahnhof so und der Ostbahnhof wurde der Gare de L`Est von Berlin.
Das Wort Osten hat in Berlin eine vielschichtigere Bedeutung als in jeder anderen Stadt der Welt.
Osten ist ein Begriff, ja sogar eine Zeit.
“Als noch Osten war…” bezieht sich in den persönlichen Biografien auf die Zeit vor 1989.
Der Osten wurde über Nacht politisch abgeschafft und existierte zugleich immer weiter, nämlich als der Osten der Ossis, denn DDR-Bürger gab es nicht mehr.
Das was westdeutscher Osten gewesen war rückte in die Mitte Deutschlands.
Von West-Berlin aus betrachtet war zu Mauerzeiten alles ringsum DDR.
Heute meint man mit der Angabe: der kommt aus dem Osten durchaus auch eine Person, die beispielsweise aus dem westlich von Berlin gelegenen Potsdam stammt.
In einem wiedervereinten Korea wäre das Bedeutungspendant zum Ostbahnhof ein Nordbahnhof, und es würde vermutlich heißen: Als noch Norden war. Vielleicht auch: als noch Kim Jong-Un , war.
Wer weiß.
Der Ostbahnhof liegt sehr zentral fast genau in der Mitte Berlins.
Vis à vis der East-Side-Gallery,
Kreuzberg, selbst bei Nebel in Sichtweite.
Die gesamtdeutsche Geschichte ist so präsent, dass unlängst die großräumige Umgebung um meinen Berliner Lieblingsbahnhof gesperrt war, und zwar nicht, wie vermutet, weil hoher Staatsbesuch sich angekündigt hatte, sondern weil mal wieder eine Fliegerbombe gefunden wurde (wahrscheinlich beim Bau weiterer Gentrifizierungs-Objekte in dieser Ecke).
Auf der Rückseite des Ostbahnhofes, also der Nordseite, findet allwöchentlich ein Antikmarkt (kein Flohmarkt) statt.
Dieser Markt ist eine Art Freiluftmuseum.
Da es mir nicht primär ums Kaufen, sondern vor Allem ums Sehen geht, lohnt sich der Weg jeden Sonntag auf´s Neue.
Es gibt Händler mit schönen Radierungen, altem Porzellan und besonderem Glas.
Man findet Ausgestopftes, Bedrucktes, Geschriebenes,
Gerahmtes, Poliertes, Gehyptes,
Unnützes, Ostalgisches, Literarisches,

Flohmarkt - old radios

(Photo credit: Norte_it [Dario J Laganà])

Graphisches, Politisches, Geschichtliches, Militaria.
Plastikikonen und -monster, Kasperle-Handpuppen aus Vor-Weimarer Zeit,
Manschettenknöpfe, Projektoren inklusive Bildmaterial, Kitsch und Kunst.
Seltenes, Emailleschilder, Botanisiertrommeln,
Geschnitztes, Grammophone, Gewebtes, Besticktes,

Privates, Geliebtes und Zerbrochenes.

Inzwischen gibt es hier auch Händler, die frisch gepressten Orangensaft zum Preis von 1 Euro feilbieten.
Im Ostbahnhof selbst regieren Gerry Weber, Lidl, Rossmann, KiK, die Back Factory, Mc Donalds und Deichmann.

Things Have Changed. A worried man with a worried mind. No one in front of me and nothing behind … I used to care, but things have changed …
(Robert (Dylan) Zimmerman)