Babelhaft

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Die Freundin ist zu Besuch. Ich will ihr berichten was alles los war und erzähle von dem U-Bootbauer. Meine innere Düsternis kennt jeden Gang im Labyrinth. Die Freundin muss glauben ich sei ein Schwermut oder gar ein Schwerblut. Jeder, der mich liest oder mitunter reden hört, könnte das denken, dabei ist das genaue Gegenteil der Fall. Annähernd kein Tag an dem ich mich nicht vor Lachen biege. Im Ernst.

Während ich dies schreibe löscht die Autokorrektur jedes falsch getippte Kapitälchen und ersetzt es durch seine kleine Schwester. Ich mag dieses Eigenleben meiner Vertipper, diese geheime Letternwelt, das sonderbare Ordnungssystem – unsichtbar und effizient und stur und oft so dumm und ahnungslos.

Babelhaft ist die Stadt der Buchstaben in der jede Sprache der Welt Zuhause ist und performt wird. No border, no nation- sowieso. Sprache fließt und überschreitet Grenzen, so wie Flüsse, so wie alles was lebt.

Zu tieferen Gedanken bin ich derzeit nicht in der Lage und Willens. Da ist dieses Gutachten im Nacken, das mir zwar die Leistungsbewilligung beschert, mich dabei aber derart pathologisiert und stigmatisiert hat und mir außerdem die Reisefreiheit, bzw. die Inanspruchnahme der medizinischen Leistungen außerhalb der Grenzen Berlins versagen will, dass ich mich in der absurden Situation befinde gegen eine mich begünstigende Bewilligung vorgehen zu müssen, weil die Grundlage falsch und die Ausführungsvorschriften grundgesetzwidrig und schikanös sind und weil ich verflucht nochmal nicht depressiv oder gar suizidal bin und mich von einer Fachkraft der Fleischbeschau auch nicht in diese (wieder mal) von der Ausrottung bedrohte Menschenkategorie hineinschreiben lasse.

Keine Sorge, ich habe nicht vor diesen klebrigen und mehrfach wieder gekäuten Teig erneut in aller Öffentlichkeit auszurollen und mit Kröten, Schnecken und Würmern zu belegen.
Dieses Spektakel bleibt dem engsten Kreis vorbehalten.

Meinen Sommer werde ich genießen, außerhalb Berlins versteht sich, dort wo man psychisch erkrankte Menschen demnächst mit Fug und Recht und wo man ebenso mit Fug und Recht Handgranaten an die Polizei und vieles mehr. Sätze die auszuformulieren mich zu wütend macht. T4 -Leute. Wir sind schon wieder mittendrin.

Vergleichsweise lustig liest sich der Mist, den Sibylle Schmidt von der AfD Berlin (ehemals Mitgliedin der KPdRZ und später der SPD) verzapft. Isse wohl ins Berghain nicht reingekommen, beschwertse sich über die hässlichen Türsteher, die Drogen, die Öffnungszeiten und will die Darkrooms des Etablissemnts mit Licht fluten lassen, um sexuelle Handlungen zu unterbinden. Ja wo leben wir denn!

Frau Schmidt, die ich in meinem geheimen Büchlein unter dem Decknamen Hedwig S. Mahler führe, möchte uns zurück geleiten in eine saubere, reine, deutsche  Welt, die es nie gab und nach der sie arges Heimweh hat.

Lass fließen, lass dem Ding den Lauf

Etwas Erfreuliches gibt es aber auch noch zu berichten: es geht mir gesundheitlich wieder viel besser, um nicht zu sagen gut. Nach einem unerquicklichen Tag mit hohem Fieber, der eine reinigende Wirkung auf mein gesamtes System gehabt zu haben schien und nach einer konsequenten Vermeidungsdiät (böse Arachidonsäure!), fühle ich mich young, foolish, happy und ziemlich unverwundbar. Schön sowieso.

Allen Leserinnen (Männer mitgemeint) wünsche ich einen fabelhaften Sonntag!

 

 

the end of anarchy

 

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Gerade und grau wie ein Gewehrlauf der Weg, Menschen und Hunde und milchig der Himmel über schwarzem Wald.

Das Norovirus sich ausbreitet breiter und breiter. Die Einrichtung in der die Mutter  ihren letzten Seufzer tat, ist betroffen. Kurz setzt mein Herz aus, das tut es in den letzten Wochen.

Die Zeit nagt wie Ameisen am Apfelgehäuse. Blanke Knochen. Flackernde Augen und Leben das Leben verschlingt. Wer weiss davon solang die Knospe nur Zukunft verspricht.

Metalldrucker, Organdrucker, Flüge nach Brüssel für fuffzehn Euro, Netzneutralität in the US à Dieu. Der Kuchen ist verteilt. The end of anarchy.

Noch Undenkbareres wird kommen, wird sortiert werden bis auch die letzte Sardine in der Dose und die Gräten geschichtet sind. Vom Fließenden zum Stehenden. So ist das und es ist kein Schmerz über die getane Arbeit und die große Ruhe, die alsbald neue Blasen werfen wird. Man sagt: c´est la vie und meint tant pis.

In einem Starenschwarm hat jeder Vogel eine Handvoll  Kontakte, die er fortwährend hält. Kontakte haben Kontakte, haben Kontakte, haben Kontakte. Ob nah oder fern, die Verbindung bleibt und der Richtungswechsel eines Einzelnen zieht den Richtungswechsel seiner Gruppe nach sich, Wellen gehen durch den Schwarm, Kreise greifen ineinander, aus vielen Bewegungen wird eine.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: bswise, Ruth Negga, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

lamettalos

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Eine Geisterbahn ist eine meist in einer völlig abgedunkelten Halle verkehrende, elektrisch angetriebene Bahn, bei der die Fahrgäste von mehr oder minder gruseligen, mechanisch, elektromechanisch oder pneumatisch betriebenen Effekten erschreckt werden sollen. Im Unterschied zur Achterbahn ist die Fahrt einer Geisterbahn meist sehr gemächlich. In manchen Geisterbahnen ergänzen gruselig verkleidete Angestellte die mechanischen Gruseleffekte. Geisterbahnen sind als Fahrgeschäfte auf fast jedem Volksfest vertreten.

(Wikipedia)

 

 

Alles ist leichter, sobald man zwischen Leben und Lebenssituation unterscheiden kann. Das Eine bin ich, das Andere eine Kulisse, eine Geisterbahn meinetwegen, doch sobald die Fahrt zuende ist und ich aus dem Tunnel heraus bin, öffnet sich das Panorama und ich liege wieder in meinem Bootchen auf dem Wasser, lasse mich schaukeln und blinzele in die milde Abendsonne.

 

Das Schönste an der Weihnachtszeit sind übrigens, wer hätte das vernutet, nicht Zimt und Zucker, Nelke und Kardamom, sondern die Weihnachtsmärkte, die ich nicht besuchen muss, der Glühwein, der nicht meine Kehle herunterrinnt, die Lichterketten, Kränze und Kerzen, die ich mir vom Halse halte, der tote Baum, den ich nicht aufstellen und behängen muss und die Abwesenheit von hohen Erwartungen und zehrendem Zoff.

Natürlich gefiele es mir gut, der Bekannte käme, statt im kalten Norden zu weilen, bepackt mit sieben riesigen Tüten voller Geschenke in meine lamettalose Bude. Hunderte kleiner Geschenke befänden sich in diesen Tüten, in denen wiederum Hunderte großer Scheine zusammengerollt darauf warteten in Waren umgetauscht zu werden. Ich meinerseits hielte kiloweise Plätzchen und Südfrüchte bereit. Gemeinsam stiegen der Bekannte und ich die Kellertreppe hinab, holten den Bollerwagen, den wir nicht besitzen, weil der Bekannte keine Bierkästen zum Herrentag transportieren, noch wir unsere Fruchtbarkeit in Form von Kindern, die wir hinter uns herziehen, zur Schau stellen müssen, aus dem Verschlag, lüden alle guten Gaben auf das hölzerne Vehikel und stapften damit, auf der Suche nach den bärtigen Männern und den frierenden Frauen, durch den Kiez. Jedem Einzelnen, den wir in der Kälte liegend, sitzend, sich die Hände reibend anträfen, überreichten wir ein Päckchen und eine Handvoll Gebäck und Mandarinen, um dann weiter zu ziehen, bis auch der Letzte im Kiez beschert worden wäre. Vielleicht, so überlege ich gerade, könnten wir auch ein paar Thermoskannen mit Grog oder Tee bei uns tragen oder aber eine dampfende Gulaschkanone. Das gilt es nochmal zu überdenken. Doch zuerst wird Lotto gespielt.

Wenn unser Wägelchen schließlich leer wäre, schlenderten wir Hand in Hand zurück nach Hause, wo wir uns die Kleider vom Leibe eine interessante Dokumentation anschauten. Irgendetwas über Pyramiden in Berliner Hinterhöfen oder über eine Heuschreckenbraterei in Thailand.

Das Leben ist nicht nur schlecht.

 

 

 

 

 

Bild: Julian Kücklich, Briefverteileramt SW 11- 66, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

schrei wenn du brennst

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Dieser Text endet viel heiterer als der Titel vermuten ließe

Schrei wenn du brennst, steht auf der Betoneinfriedung am Eingang des Parks und ich gedenke des unbekannten Menschen, der dort (selmals) kauernderweise seinen Schmerz in die Welt gesprayt haben muss. Schrei, wenn du brennst.

Hätte er doch bloß ein Bündel Geldscheine zur Hand gehabt, es angezündet und in stummer Zufriedenheit über das kurze Aufscheinen einer ungeahnten, neuen, alten Freiheit oder Autonomie den hellgrauen Ascheflocken hinterhergeblickt während diese mottengleich aufstiegen in die nächtliche Luft und sich in der Dunkelheit verloren, hätte dieses Erlebnis möglicherweise alle Pein von seiner Seele genommen.
Unten das Feuer und oben Ihr.

Schrei wenn du brennst begleitet mich seit Jahren und manchmal betrete ich den Platz vorsätzlich von der anderen Seite, um den Schriftzug nicht sehen und nicht darüber nachdenken zu müssen. Doch der Fleck an der Wand macht das abgehängte Bild noch präsenter.

Es ist genau diese kleine, besprayte Betoneinfriedung, dieses unwirtliche Mäuerchen, zu der es mich an manchen Abenden als dem letzten warmen Fleckchen zieht, ehe die Sonne, die es eben noch mit ihren Strahlen bedacht hat, hinter den Türmen des Künstlerhauses Bethanien verschwindet und bald schon die Fledermäuse über die Wipfel der Platanen streifen.
In diesen vergoldeten Minuten ist schrei-wenn-du-brennst der Ort, an dem ich mit geschlossenen Lidern verweile, das Geflecht der roten Adern die hinter meiner Stirn aufleuchten betrachte und mich so lebendig fühle wie selten.

Der Sommer macht uns alle unsterblich, auch wenn der Brunnen tief und schwarz, sein Gluckern unheimlich und der Geruch modrig ist.
Jede Wirklichkeit ist saisonal.

 

 

 

 

 

 

(Musik zum Text: Nick Cave, Mercy Seat, https://www.youtube.com/watch?v=t6p5nw6zZig – youtube-Direktlink)

 

 

bei Nacht (rewind / forward)

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Ein Texaner erlegt einen kindsgroßen Ochsenfrosch und hält das Opfer seines Rekordmordes zufrieden in die Kamera.

Der neue Trend heisst Pussy Slapping – Mädchen schlagen sich gegenseitig heiter zwischen die Beine. Paleo-Diät und ein leichtes Kleidchen aus ungebleichter Baumwolle könnten gut dazu passen. Im Sommer auch ein Gurken-Zitronen-Eis, low fat.

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Nachts um eins quert eine Wildschweinrotte die Potsdamer Chausee. Ein Scherenschnitt aus fünf großen beschnauzten Kästen und acht kleinen schwanzwedelnden Kästchen die hintereinander her laufen. Ohne nach links und rechts zu schauen, traben sie durch die Nacht und vertrauen in die Geborgenheit der Herde. Ich bremse und lasse sie mit angehaltenem Atem passieren.

Nach der Fahrt durch die nahezu ausgestorbenen Straßen und über die Stadtautobahn kehre ich von meinem Ausflug mit der kranken Katze zurück. Zu meiner Freude ist die Spülmaschine ausgeräumt, der wedelnde Hund gefüttert und alles in schönster Ordnung. Der Bekannte sitzt nach getaner Arbeit über seinen Büchern und laboriert im Lichtschein der gußeisernen Tischlampe an der Ausdifferenzierung seines Geistes und der Erweiterung seiner Gedankenwelt. Das bisher Gedachte verwahrt er, abgefüllt in Gläsern unterschiedlicher Größe, in seinen inneren Katakomben, wo die Behältnisse nach einer geheimen Ordnung und in einem für Uneingeweihte undurchschaubaren Regalsystem der wechselnden Gewichtungen, Strömungen und Bezüge aufgereiht sind. Ich blicke da weder hinein noch durch und er schweigt sich, wie stets, über seine Welt aus,

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In der Tierklinik sitzt ein attraktiver Mann in einem lindgrünen Hemd und hält eine Kiste mit zwei Vögelchen auf dem Schoß. Er wird diese, ausgerüstet mit einer Zuckerlösung und ein paar guten Tipps, wieder mit nach Hause nehmen. Alle zwei Stunden füttern, feed them all two hours, sagt die Ärztin und fügt hinzu, don´t worry, they are thick.
Die Fragezeichen über des Mannes Kopf schweben noch im Raum, als er längst schon verschwunden ist.

Gleich neben mir wartet ein junges Paar, Mittzwanziger. Er mit Vollbart und zeitgenössischen Tätowierungen, sie langhaarig in enger Stretchjeans und mit silbernen Riemensandälchen. Auch sie haben einen Karton dabei, darin ein halbnackertes Küken, welches die Tierärztin im Vorbeihasten als Taube identifiziert. Später wird sich herausstellen, dass es sich, wie bei meiner Selma, um eine Amsel handelt, denn ich lotse das Paar zu derselben Dame, bei der ich Vorgestern, nach einer erneuten nervenaufreibenden Aktion (dieses Mal: Rettung vor der hungrigen Elster) meinen kleinen Findling abgegeben hatte. Die Vogelexpertin erkennt es auf den ersten Blick: was hier den dünnen  Hals nach oben reckt, kann keine Taube, sondern nur eine Drossel sein.
Selma und Amselina (wie ich das Küken im Geiste taufe) werden nun bis zu ihrer Auswilderung in Staaken leben. Amselina, so schreibt mir die Vogeldame gleich am Morgen per WhatsApp, hätte die Nacht nicht überlebt, wäre sie nicht in ihrer Obhut und damit auf einer Wärmescheibe in einem Frotteenest voll puckernder Schützlinge gelandet. Ich freue mich.

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Das tagelange, unstillbare Erbrechen der Katze endet übrigens rätselhafterweise so plötzlich wie es gekommen ist. Das Neonlicht der Klinik reicht aus, ihre Magensäfte gerinnen zu lassen und nachdem die Ärztin mit den lagunenblauen Haaren den Bauch der Tigerin abgetastet und für weich befunden hat, trete ich nach Stunden des Wartens hinaus in die seidige Nacht und hoffe, dass der rabiate Besitzer des angefahrenen Welpen, der aussieht wie  der bärtige Geiselnehmer von Gladbeck und sich aufführt wie die Axt im Walde, mich nicht auf den im Dunkeln liegenden Parkplatz verfolgen und mir dort den Schädel spalten wird (weil ich als Nichtraucherin seine Frage nach einer Kippe abschlägig bescheiden musste). Meine Bitte wird erhört, nichts Böses widerfährt mir und im Schutze des leise rauschenden Blätterdachs verlasse ich das nächtliche Gelände ohne Zwischenfall.

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Jetzt sitze ich nach einer traumlosen Nacht müde am Küchentisch, schaue hinaus ins satte Grün, lausche dem Regen und schreibe diese Zeilen, derweil der Bekannte sich eine Banane schält und seinen Kopf mit Buchstaben und Wörtern a.k.a. Informationsträgern füllt.
Heute Morgen ist es ihm gelungen den metallenen Deckel des Espressokännchens, der seit Langem schon lose ist, scheppernd auf das Glas des Cerankochfeldes fallen zu lassen und zeitgleich und auf unerklärliche Weise eine Kettenreaktion im etwa 2 Meter entfernten Spülbecken auszulösen, das laute Gegenscheppern von aufrecht in einem Becher stehenden Besteckteilen nämlich, die sich just in diesem Augenblicke aus ihrer Verschränkung lösten und klirrend auf dem porzellanenen Boden des Bechers aufschlugen. Wir hatten unsere Freude an dem schrägen Akkord.
Schläft ein Lied in allen Dingen.

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Daniele Civelo, Naturkundemuseum 48, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

Chance

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Im Plänterwald suchen die Rothaarige und ich nach den kleinen Pappwichteln, die wir im Frühling vor zwei Jahren in der ein oder anderen Baumachsel versteckt hatten. Wir finden sie nicht. Was wohl aus ihnen geworden ist? Ob Vögel sie für ihren Nestbau verwendet haben, wie letzten Sommer das Meisenpärchen die Katzenhaare, die ich in den Garten geworfen hatte? Die Idee gefällt mir.
Aus unerklärlichen Gründen schweifen meine Gedanken zu meinem Philosophie-Dozent, der uns vor vielen Jahren Kant näher bringen wollte. An einem Tag, wir saßen in unserem Seminarraum und die Sonne schien mir warm in den Nacken, erzählte er uns von seinem Sohn und von dessen Sterben. Der Junge war als Kind an einem besonders aggressiven Krebs erkrankt und seine Eltern und die Ärzte hatten alles für seine Rettung getan. Doch er, als Vater, habe sich immer wieder auch die Frage gestellt, ob es richtig sei die Genesung seines geliebten Kindes um jeden Preis erzwingen zu wollen und auf diese Weise zu versuchen den unterstellten Naturwillen auszutricksen und damit einen Menschen mit einer genetischen Disposition überleben zu lassen, die dieser an die nächste Generation weiter geben und so das furchtbare Leid perpetuieren würde. Die Antwort auf diese Frage habe sich schließlich durch den Tod des Kindes erübrigt.
Ich weiss bis heute nicht, ob unser Dozent uns testen wollte oder ob er das, was er sagte, ernst meinte. Falls er sich eine angeregte Diskussion zu dem Thema erhofft hatte, dann war sein Plan nicht aufgegangen, denn wir schwiegen betreten.

Vergessen immerhin, habe ich seine Gedankengänge bis heute nicht. Und während das Tölchen sich vor mir durch den blühenden Bärlauchteppich im Plänterwald schnuppert, denke ich an dieses Kind, das so früh gehen musste, und das durch die Gedankengänge seines Vaters doch bis heute, selbst in der Welt einer Fremden, noch lebendig ist. Das stimmt mich zuversichtlich und traurig zugleich.

Wäre der Junge nicht gestorben, so stelle ich mir vor, säße ich jetzt vielleicht mit ihm in einem schönen Restaurant, wir schauten uns über die Kerze hinweg an und unterhielten uns. Nachdem ich seiner Geschichte gefolgt wäre und wir eine Weile darüber geschwiegen hätten, hätte ich von mir erzählt. Von meiner Erkrankung und von meinem Überleben. Im Laufe des Gespräches hätten wir noch weitere Gemeinsamkeiten unserer beider Leben gefunden.  Eine davon wäre unsere Kinderlosigkeit.

Immer sind es Zufälle. Etwas anderes gibt es nicht.

 

 

 

Bild: Tom Waterhouse, under the millennium bridge, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

pastel de nata

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Die Kindergärtnerin muss Dienst haben, denn nebenan singen sie Bruder Jakob. Ist ihr Mann dran sind´s die Drei Chinesen. Ein Lied, das die Koreanerin nicht mag, weil die anderen Kinder sie anstarrten, wenn es gesungen wurde.

Ich beobachte einen Jungen dabei, wie er dem Gruppenaußenseiter die Mütze vom Kopf reisst, ihm in die Augen schaut und die Mütze in den nassen Dreck wirft. Erschreckend sein harter, verächtlicher Blick. Die Erzieher bekommen nichts mit davon.
Paradoxe Interventionsfantasie: den Übeltäter bei den Armen packen, zwei-, drei Mal im Kreis herum wirbeln, dabei fröhlich Huuuiiii! rufen und nach dem Absetzen des Tunichtguts ungerührt ins Haus zurück spazieren.
Manchmal fällt es schwer die Füße still zu halten.

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Ein sturzbetrunkener Mittdreißiger fliegt aus einem Club, geht wutentbrannt zum nächstgelegenen Taxistand und trommelt mit den Fäusten auf einen der dort wartenden Wagen ein. Es gelingt dem Fahrer nicht, den Tobenden zu stoppen und so tippt er mit der Stoßstange leicht gegen dessen Beine. Der Randalierer fällt um, knallt auf den Kopf, steht wieder auf und hämmert weiter. Das Ganze wiederholt sich einige Male – trommeln, umfahren, aufstehen, weitermachen – bis der Fahrer endgültig die Beherrschung verliert und den Betrunkenen kurzerhand überrollt. Mit schweren Kopfverletzungen und gebrochener Hüfte kommt der Randalierer in die Klinik.

F: Wo geschehen?
A: In Kreuzberg süd-ost.

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Die neue Katze bevorzugt Futtersorten mit schlimmen Namen.
My star is a foodie, Schmusy und miamor. Zum Beispiel.
Ich kaufe das Futter inzwischen nur noch online – ohne Zeugen, ohne Schmach – und räume es klammheimlich und scheuklappenbewehrt in die entlegensten Schränke in den hintersten Winkeln der Wohnung. Den Müll trage ich des Nächtens nach draußen, nachdem ich die Umverpackungen bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt habe.

Der Paketbote jammert jedes Mal, wenn er die schweren Futterkartons in meine Wohnung schleppt. Ich entschädige ihn mit 5 Euro, der Hälfte der Ersparnis des Online-Einkaufes. Win/win.

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Der Hund ist schlagartig wieder so krank, dass er vor die Tür getragen werden muss. Sie kann kaum stehen, ist verwirrt und zittert am ganzen Körper. In der Tierlinik tippt man auf eine zusätzliche neuromuskuläre Erkrankung. Myasthenia gravis vielleicht.
Ruhe, Ruhe, Ruhe.
Erst der Hirntumor, jetzt das. Ich mache mir große Sorgen.
Hoffentlich ist das nicht der Anfang vom Ende.

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Nach 5 Tagen Krankheit ist immerhin der Bekannte von seinem Lager aufergestanden. Nicht mal die Zigaretten schmeckten ihm noch und besorgniserregend grau war er im Gesicht. Der Dauerhusten hat uns beiden schlaflose Nächte, ihm Muskelkater und beinahe einen Sixpack-Bauch beschert.
Die intensive räumliche Nähe war sehr schön. Entgegen der gewohnten Askese gab´s täglich Kuchen. Der Bekannte ist Katholik und damit von Haus aus viel sinnesfreudiger als wir selbstgeißelnden, entsagungsversessenen Protestanten. Leider vergisst er das oft und ich muss ihn erst wieder daran erinnern. Heute werde ich seinem Gedächtnis mit pastel de nata, gekauft beim fabelhaften  Double Eye in Schöneberg, auf die Sprünge helfen.

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Die totgesagte Sonne scheint in den Garten. Zeternd sitzen die Spatzen im Bambus und lassen sich vom Wind hin und her schaukeln. Die Kohlmeise wetzt den Schnabel am Ginkgo, pickt rasch ein Körnchen und fliegt davon.
Tölchen liegt unter meinen Stuhl und fiept kaum hörbar.
Wir leben.

 

 

 

 

 

 

 

Bild: di.fe88, flickr, Spiegelung
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/

Vom Schreiben, vom Leben und vom Glück (ein Award)

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Sabine, formerly known as Rock´n´Roulette, hat mich für den Liebster Award nominiert.
Das freut mich ganz besonders, weil wir beiden uns schon seit unseren Bloganfängen kennen, sich unsere Wege immer mal wieder verlieren und dann doch wieder kreuzen, so, wie jetzt. Herzlichen Dank für die Nominierung und die interessanten Fragen, liebe Sabine!

Und hier meine Antworten:

Wie fühlt sich Glück an?  Warm (happines is a warm puppy).

Warum? Es gibt kaum etwas Schöneres, als eine warme Hand im Nacken oder auf der Stirn zu fühlen, den warmen Bauch eines Welpen zu streicheln, am flaumigweich duftenden Kopf eines Kindes zu riechen, ein vibrierendes Meisenkind in der Hand zu halten, das warme Blut durch die Adern fließen zu spüren, zu leben. Wärme ist Leben ist Glück.

Wo warst du zuletzt am liebsten? Die schönsten Tage des Jahres verbringe ich alljährlich in den Alpen. Dieses Mal in Murnau. Es gibt nichts, was mir soviel inneren Frieden und Ruhe gibt, wie die blaue Silhouette der Berge, ihre stille Erhabenheit und die unvergleichliche Luft. Am Abend oben auf dem Feldweg zu stehen und auf den vergoldeten See zu blicken, ist für mich ein unbeschreibliches Glück.

Was war 2016 für dich? Es ist das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist und die Welt ins Strudeln geriet.

Was wirst du mitnehmen, was hast du gelernt? Ich habe gelernt Abschied zu nehmen und zu verzeihen. Meine Erwartungen dem Leben anzupassen und nicht umgekehrt. Und ich habe gelernt, dass das, was man am wenigsten erwartet jederzeit geschehen kann. Die wichtigste Lektion des Jahres ist: nicht warten, nicht aufschieben: the future is now.

Was hältst du vom NaNoWriMo? Das hat irgendwie mit ganz viel schreiben in ganz kurzer Zeit zu tun, oder? Dazu müsste ich mir erst mal eine fundierte Meinung bilden. Grundsätzlich ist es wahrscheinlich ganz gut ein Konzept zu haben, mit dem man sich zum Schreiben motivieren kann. Ich brauche das aber eigentlich nicht, denn ich muss sowieso jeden Tag schreiben, weil mir sonst was fehlt. Da ich keine Botschaft habe, nicht berühmt werden will, kein Buch veröffentlichen möchte, im Grunde meines Herzens faul und ohne jeden Ehrgeiz bin, es außerdem lieber überschaubar und familiär mag, reicht mir sowohl mein Output, als auch die Reichweite meines Blogs. Alles andere wäre mir viel zu anstrengend und trübte nur meine Freude. Um die allein geht es mir aber beim Schreiben. Sie ist mir Motor und zugleich Belohnung (neben den vielen klugen und freundlichen Kommentaren natürlich).

Wie funktioniert Schreiben für dich? Wenn es gut läuft schreibt es mich  (écriture automatique) und ich bin nur das Medium, das den Stift hält,  bzw.das Diktat über die Tastatur auf den Bildschirm bringt. Manchmal ist Schreiben auch Arbeit, bzw. eine Übung. Dann feile ich, denke nach und korrigiere, suche Synonyme oder Antonyme, denke über Alliterationen nach, verknappe meine Sätze systematisch, streiche wertende Adjektive usw. Heraus kommen dann meist die Texte, die technisch einwandfrei, aber für mein Empfinden vergleichsweise blutleer und kalt sind, also keine Seele haben. Gute Texte schreiben sich wie im Vollrausch und hinterher bin ich erschöpft und überrascht , was ich da zustande gebracht habe. Wenn ich dem Kopf zuviel Raum lasse und plane, wird das nix.

Happy End oder realistische Sachlichkeit? Meine Texte sind selten fiktiv, deswegen gibt’s nur ein Happy End, wenn es ein Happy End im `richtigen´ Leben gab (insofern  also eher realistische Sachlichkeit). Als Katastrophenchronistin geht fast jedem glücklichen Ende ein spektakulär anstrengendes Vorspiel voraus, das Happy End ist daher eher so etwas wie erleichtertes Aufatmen, die Ruhe nach dem Sturm, die Freiheit des nothing-left-to-do, oder das Trümmerfeld mit seinem Versprechen bzw. der Hoffnung des Neuanfangs.

Worüber würdest du am liebsten alles wissen wollen? Am allerliebsten möchte ich über gar nichts alles wissen. Ich liebe Geheimnisse, ich liebe es immer weiter lernen zu können, in allen Bereichen. Ich möchte nicht an einem Ende ankommen. Mich interessieren Fragen und weniger die Antworten darauf. Antworten müssen neue Fragen aufwerfen, sonst wären sie eine Sackgasse, in der alle Entwicklung endet. Ich bezweifle aber ohnehin, dass man über irgendetwas alles wissen kann. Ich würde trotzdem gerne mein Wissen in dem einen oder anderen Gebiet vertiefen, z.B. über Geschichte, Architektur, Biologie u.a.m.

Wenn du eine Sache ändern könntest – was wäre es? Könnte ich nur eine Sache ändern, dann würde die G. nicht an Krebs sterben. Und wenn ich noch etwas ändern dürfte, dann wäre ich nicht krank.
Global gesehen wären natürlich ganz andere Dinge wichtig, ich verstehe die Frage aber jetzt einfach mal nur auf mich und meinen Kreis bezogen.

Wenn du eine Sache bewahren könntest – was wäre es? Mein Vertrauen, meine Liebe.
(Liebe ist Wärme ist Leben ist Glück).

 

 

 

Müsik zum Glück: Eric Satie, Gnossienne no. 5 (überirdisch schön!)

(youtube-Direktlink)

Dieses Mal reiche ich den Liebster-Award nicht weiter. Sollte aber jemand Lust haben, die Fragen zu beantworten, kann er/ sie dies sehr gerne in der Kommentarspalte tun, oder im eigenen Blog.
Ganz herzlichen Dank nochmal an the fabulous Rock´n`Roulette!

Bild: Johann Ebend, Fliegender Teppich, flickr
Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/